Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jeremias Gotthelf >

Der Geltstag

Jeremias Gotthelf: Der Geltstag - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/gotthelf/geltstag/geltstag.xml
typefiction
authorJeremias Gotthelf
titleDer Geltstag
publisherDiogenes
year1978
isbn325720566X
firstpub1845/46
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20121029
projectidbff705e7
Schließen

Navigation:

Sechzehntes Kapitel

Wie ein Geltstag angeht, und was zuerst aus dem Hause geht

Am folgenden Morgen war es schön auf Erden, ach wenn es ebenso schön in den Gemütern gewesen wäre! Klar stieg die Sonne auf, übersilberte das Eine, übergüldete das Andere, und tausendstimmig zwitscherten die Vögel des Schöpfers Lied aus grünendem Busch, von schwellendem Baume, die Märzenglöcklein nickten in leisem Morgenwinde den Takt dazu, und vom dampfenden Miste weg krähte der Hahn sein Wohlgefallen an des Schöpfers Herrlichkeit, der Sonne lieblichem Scheine, der Vögel munterm Gesange, der gackerenden Hennen holdseliger Freundlichkeit.

Öde aber, dumpf und traurig sah es um das Wirtshaus auf der Gnepfi aus; fast einem großen Sarge gleich, der zugeschlagen und vernagelt eine Leiche birgt, stand es da. Drüben in der Speisewirtschaft rührte man sich früher, es rauchte der Kamin, es wurde ums Haus gewaschen und gekehrt, die sämtliche Mannschaft schoß zu allen Löchern aus und ein, wie es in einem Bienenstocke geht, wenn er zu stoßen droht. Still wars noch auf der Straße, bloß einige Hunde machten ihre Morgenpromenade, Kinder holten Milch, und Mägde liefen mit Zubern den Brunnen zu, als ob es brenne, stunden dann aber bei den Brunnen, als ob sie aufs Angefrieren warten wollten, und verwarfen dazu die Arme, als ob sie Gott einstweilen in Windmühlen verwandelt hätte. Bettler strichen durchs Dorf, Zugvögeln gleich, die durch Steppen streichen. Ein Mädchen und ein Knabe hoscheten lange am Wirtshaus und schrieen kehrum: «Möcht ds Almuse!», aber kein Leben regte sich drinnen, z'leerem mußten sie wieder fort. Dann kam ein Mannli daher an langem Stecken, die Pelzkappe wohl über die Ohren, gehorsamst wadelten ihm die langen und breiten Fecken seiner Speckseitenkutte nach. Doch bewegte sie sich in immer kleinern Schwingungen und stand endlich gehorsamst ganz stille, als das Mannli sich stellte, den Stecken vor sich, beide Hände darauf, und das Wirtshaus betrachtete. So stund das Mannli alleine lange, knüpfte auch mit keinem Vorübergehenden eine Unterredung an, rührte sich weiter nicht, als daß es zuweilen eine Prise nahm; aber wenn ein Kind vorüberging und ihm die Zeit wünschte, so dankte es. Dann endlich stellte sich nicht weit von ihm ein anderes Mannli auf, lehnte sich an eine Ladenwand, machte Tubak ein, versenkte in tiefe Betrachtungen sich, gab keinen Laut von sich. Endlich kam eine Frau dahergetrippelt, die Hände in den Kittelsäcken, die schwieg nicht, gab dem einen Mann die Hand, wünschte guten Tag, hing dem Wunsche noch einige Redensarten an, dann die Frage: «Ist da no niemere uf?» Als das erste Mannli antwortete, er hätte no niemere gmerket, so meinte die Frau, das hätte doch afe ke Gattig, scho bal achti un es zeig sih no niemere. Si hulf ga dopple, es syg ere neue so gspässig, schier wunderlich, si nähmt für e Halbbatze Brönz, u de schick es sih grad am beste öppe z'luege, was dasyg, un öppe z'frage, gäb son es Gstüchel syg, daß niemere zueche chönn. Es sei ihm gleich, sagte das Mannli, «we du dopple witt, su chumm dr nah. Gäbs afat e Schluck schadt nüt, es macht eim ume herzhaft zum Biete, zviel nützt nüt, mi chönnt ume z'kuraschiert werde, u selb ist nicht gut; mit zviel Biete het sih scho Mänge überlüpft.»

Sie gingen, fanden wider Vermuten das Haus offen, aber leer die Gaststube, und dort mußten sie lange lange doppeln, ehe endlich Eisi erschien, stattlich angezogen, doch nicht im eigentlichen Staat, und rauzig fragte: «Was hättet dr welle?» So ging für ihns der Tag an, und seine Marter begannen, die es sich nicht vorgestellt hatte. Der Mensch kann wohl sich vorstellen, was sich zutragen, wie es gehen werde, aber was für Eindrücke das machen werde auf sein Gemüt, was er bei diesem, bei jenem empfinden werde, das kann er sich nicht vorstellen, das liegt außer aller Berechnung. Der Mensch kann was vom Wetter wissen, kann sagen: «Auf den Abend wird es donnern, es wird regnen durch die Nacht», aber wann der Zorn donnert in seiner Seele, wann bitteres Leid in sein Herz sich ergießt, ob im nächsten Augenblick oder in der nächsten Stunde oder gar nicht, das weiß er nicht.

Da kamen nun Leute, welche gar keine Rücksichten hatten, welche ganz ungeniert fragten, nach diesem, nach jenem, ohne sich seiner viel zu achten, Gespräche führten, wie es eine strenge Sache sei, so vor e Hag use z'wurste und müesse gseh eys Stücki hie us träge, ds anger dert us, no viel ärger as bi re Brunst. Da chönn me doch denke, emel meh as ds Halbe werd nit gstohle u ds anger überchömm me ume, hie chömm nüt ume. Wie die Leute sich mehrten, wuchs auch ihre Courage. Zuerst trippelte das erste Fraueli aus der Gaststube in eine andere Stube, dann trappete ein anderer Trappi nach, dann ein anderer anderswo aus, trappeten allmählig im ganzen Hause herum, zu allen Türen ein, gschaueten alles, lobten, kritisierten wie auf einem Markte, wie in einem herrenlosen Hause, wo es niemand weiter was anging, was man sagte, was man machte, wohin man ging. Die Kinder, die gewohnt waren, liegen zu bleiben, solange es ihnen gefiel, waren aufgestöbert worden wie ein Nest voll junger Wachteln, wenn des Mähders Sense über sie fährt. Wie die jungen Wachteln zerstreut durch den Klee schlüpfen, hier aus, dort aus, bis in einer fernen Ecke die Alte leise schlägt, dann auf den ersten Schlag die junge Brut der rufenden Mutter zustrebt, ihrem Schutze sich anzuvertrauen, so liefen die aufgestöberten Kinder wohl auch zerstreut, verwundert, die Kleinsten ängstlich durchs ganze Haus; aber ihnen rief keine schützende Mutter, da waren keine Flügel, unter die sie sich bergen konnten, und wenn eins zufällig auf die Mutter stieß, an ihr Fürtuch sich klammern wollte, so hießt es: «Gang mr doch unger de Füeße weg, hang doch nit so a mer, gang lue, wo die angere sy, ih ha jetz angeri Sache z'tüe! Putz dNase, gang, si sölle dih wäsche, du gsehst ja dry, mi mueß sih fry schäme.»

Richtig stunden oft die Leute bei den Kindern still und sagten laut, unverhohlen zu einander: «Nei aber au, luegit au, was das für King sy, kes gstrählt u kes gwäsche, u laufe so desume, no am ene sellige Tag. Nei, jetz nimmts eym nüt meh wunger, daß es so gange isch; bi ere sellige Ornig, wie wetts chönne guet gah!»

Das nötige Personal war da aus Eisis Gemeinde, die Geltstagverordneten, der Weibel, Eisis Schwager, und endlich kam auch der Gerichtschreiber mit Säckli und Parisol, schob das unbekannte Personal ohne viele Rücksichten beiseite, bot dagegen mit ausgezeichneter Freundlichkeit und lieblichen Gebärden den Mannen die Hand und sagte: Er hätte gedacht, zu früh zu kommen trage nichts ab, man müsse doch mit dem Ausrufen warten, bis die Leute daseien, und vor den zehne gehe es selten gut. Es werde ohnehin öppe nicht gar gehen, und mangelte man doch, so viel zu lösen, nur um das Nötigste zu decken. «Ihr werdet es wissen, am vordern Tage ists herausgekommen, wo die Straße durchkömmt, das hat sich übel getroffen für uns, indessen es kommt einem Andern wohl. Es ist halt so in der Welt, was einem nützt, schadet dem Andern, dary mueß me sih halt schicke.» «Grad so ists», sagte der Weibel, «wie dr Herr Grichtschryber seyt, mi mueß sih dry schicke, u wes eim nit breicht, su machts no nit sövli.» Nun mußte er Bescheid geben über die erkannte Richtung und Mündung der neuen Straße; den Einen gefiels, Andere fanden es eine Hornvieherei, Einige wollten protestieren, Andere, wie der Herr Gerichtschreiber gesagt, sich darein schicken, wahrscheinlich alles je nachdem es die Leute breichte, z'guetem oder z'bösem.

Ob den Reden hin und her über hochgeachtete Weisheit, welche der Gerichtschreiber mit großem Behagen anhörte, da er nicht unter der erkennenden Behörde stand und es üblich ist unter uns, daß jede Behörde eine Galgenfreude hat, wenn einer anderen Behörde was Menschliches entfährt, verstrich Zeit und sie merkten es nicht, bis endlich Eisi kam und ohne den Gerichtschreiber zu grüßen sagte: Es düechs, es wäre bal Zeit anzufangen, die Leute wären da und pressierten. Der Gerichtschreiber fuhr zweg, als ob ihn jemand gespickt oder ein Cousin ihn gestochen hätte. «Frau Wirtin», sagte er, «das ist unsere Sache, wir fangen an, wenn wir es gut finden, und anständiger wärs, Ihr wäret gar nicht da, am allerwenigsten steht Euch das Befehlen an. Hie ists jetz usbifohle, da prediget morn oder übermorn scho en Andere.» Das werd sih de erzeige, meinte Eisi, und es düechs, ob es dasei oder nit, gang de niemere nüt a, un wenn es dMeinig gä well, su heygs ds Recht. Mi heyg ihn bschickt für z'steigere u nit für z'dampe un eim dSach vrnütige, ihm werd ds Mul emel einist niemere welle vrbinge u de emel er nit. Eisi machte es wie ein Schütz, der durch eine Schießscharte geschossen, der streckt seinen Kopf auch nicht durchs Loch, sondern macht sich hintere, läßt die erwidernden Schüsse durchs leere Loch puffen. Der Gerichtschreiber wetterte wohl, aber Eisi war verschwunden, und der Herr ging ans Werk, denn richtig der Sache nach war Eisis Bemerkung wirklich.

Man ging also an die Arbeit, und nachdem die üblichen Formalitäten beseitigt waren, sagte der Gerichtschreiber: So wolle man jetzt anfangen, und natürlich bei der Liegetschaft, vo wege, wenn eine wüß, daß er der Höchstbieted sei, so werds ihm de chumlig cho, no anger Sache meh drzue z'steigere, gläsigs Gschir un angers. Es werde Käufer dasein und sie sollten nur brav bieten. Jetzt zeigte sich begreiflich die Wirkung von des Gerichtschreibers Nachricht, die Käufer sahen sich an, meinten, sie hätten Lust gehabt, aber auf den Bericht hin wär einer ein Narr, wenn er ein Bott täte; was man mit einem Wirtshaus anfangen solle, wo niemere drzuechömm als im Winter und Schnee dHase und im Sommer öppe hie u da en Ägertsche? Nun wurde freilich der Lage des Hauses wieder z'best geredet. Es wurde gesagt, immerhin bleibe hier eine Verbindungsstraße; wenn öppe e rechte Wirt darauf komme, so höre dann die Speisewirtschaft auf, weil es nicht mehr zwei hier abtragen möge, also gewinne man eher als man verliere. Es seien reiche Leute zentum, darum sei die Schaal gut, und Kindbettene gebs ganz hageldick, es schätz es hie ume e Bur nit, wenn er nicht es dotzemal müeß Kindbetti ha, er meinte, dLüt meinte, er vermöchte es nicht. Ganz besonders wurde auf das Mätteli und das Bächli dabei mit einem verflucht schönen Wasserfall aufmerksam gemacht, wo man errichten könne, was man nur wolle: Knochenstampfe, Öle, Reibe, Säge, Mühle, Galandern, Wollen- oder eine andere Spinnerei, eine Brönnerei, eine Glasfabrike, wenn ds Sand nit e wenig zu weit zu führen wäre, vortrefflich wäre es Gelegenheit für eine Gasbrennerei, wenn einmal den Bauern der Verstand käme, Gasbeleuchtung einzuführen in ihren Häusern, um Öl zu ersparen und von wegen den Schmutzflecken, die ihre Bücher kriegen und auch das Papier, wenn sie es zu viel auf den Tischen herumwetzten. Ja, sagte der Weibel, man hätte bemerkt, daß allemal nach einem Erdbeben das Wasser mehre, emel ums Halbe. Wenns nun einmal recht stark erdbebnete oder es paarmal brav hintereinander, so gäb das e Bach, kene so im ganzen Kanton, de chönn me allessame errichte, we me ds Geld heyg, Wasser syg emel de gnue, sogar e Rot- oder e angeri Farb, e Fabrike vo kernigem Ammermehl und e Kaffeemühle drnebe, oder kehrum bal das, bal dieses, geng was am meiste ytrag. Das syg dHauptsach i dr Welt, ds Geld un was eim dSach abtrag, u we me drzue de no chönn geistlig sy, warum nit, su syg dSach dest besser, dLüt passe eim de öppe dest minger uf, si dayche, es mangle sih nüt, u glaubes eim, we me sih selber recht tapfer rüehmt. «Luegit», sagte der Weibel, «e selligi Glegeheit chunt nit ume; wenn eine das Wese da chauft, es git my türi öppis us ihm, es git e Zyt, all Zytige hey von ihm, bsungerbar wenn er es paar Chrüzer nit schücht fürs selber la dryztue. Drum bietit, seh wer het ds erst Bott, er überchunt e Maß u de guete, ih han e vrsuecht, ih chas eim säge, wie er isch, u was ds Fürnehmst an ihm isch, am Wy nämlig, er isch geistig un rüehmts nit selber, er het viel Lyb un isch nit hochmüetig, er isch vo ebe rechtem Alter u wird doch wie länger wie älter um so hübscher u milder u nit räßer, u das wär allweg dHauptsach, bsungerbar bi de Wybere, nit wahr, ihr Mannleni?» Doch der Weibel mochte reden, wie er wollte, und er konnte es sonst und war berühmt dafür, so wollte doch alles nicht anschlagen. Die Leute waren aus dem Konzept gebracht, und weil auf einmal zur Hauptsache wurde, was als Nebensache kaum geachtet worden war, so wollten sie die Sache erst besser gschauen. Aus dem Grunde erkannten die Lenker der Dinge, was anders zwegzschryße.

«Seh, was wey mr?» «Herr Grichtschriber, ih möcht ech ersuecht ha, das la uszrüefe, ih möchte de furt, ih ha wyt»; «tüet mr ds Gfalle u rüefit mr gschwing das, es wär grad da.» So rief man rundum, und hinter dem Gerichtschreiber stund noch einer, der rief nicht laut, der flüsterte ihm was ins Ohr. Der Gerichtschreiber war jetzt zum gnädigen Herrn gemacht, dessen Gunst und Gnade jedermann suchte. Es ward ein förmlich Spiel, und wer das Spiel verstund, trug Beute heim. In diesem Spiel waren es hauptsächlich zwei Künste, auf deren zweckmäßige Anwendung das Meiste ankam. Der erste Kniff war der, daß man von vornenherein erklärte: «Das will ich», dann sich dazu stellte, sagte: «Das laßt mir, daß mir niemand darauf biete, sonst luegit, treibe ich euch auch das, was ihr wollt, herauf vom Teufel. Aber öppe sövli uvrschant wird niemere sy u mr das welle uechetrybe oder gar vor em Mul ewegnäh». Solches Seinigen der Sache, noch ehe man sie ersteigert hat, beseitiget leicht andere Käufer, schlägt die Lust nieder, besonders wenn jemand es treibt, den die Leute scheuen müssen, den sie nicht gerne böse machen. Einem ganz gemeinen Grämpler, besonders wenn er dazu noch ein Fremder ist, würde diese Kunst wenig helfen.

Die andere Kunst wird verdeckt getrieben, und zu ihrer Ausübung ist eben Gunst und Gnade der Steigerungsregenten vonnöten. Wenn einer, der zu vergeltstagende Habe zu seinigen, die besten Stücke um ein Trinkgeld sich anzueignen gewohnt ist, und er kömmt mit der ersten Kunst, mit dem einfachen Handdarüberschlagen, nicht fort, sondern sieht Leute, die sich nicht abschrecken lassen wollen, sondern entschlossen sind, ihm die Sachen bis auf das Äußerste streitig zu machen, so wird eben die zweite Kunst geübt. Man nähert sich nämlich einem Steigerungsregenten und flüstert ihm zu: «Das laß mr jetzt bei Leib und Sterben nicht ausrufen, ich will dir dann ein Zeichen geben, wenns gut ist und dStube sih gsüferet het.» Ist man einverstanden, so kann nun die Gegenpartei lange auf den Ausruf warten; frägt sie nach, so heißt es: «Das kömmt noch lange nicht, wahrscheinlich erst morgen;» kehrt sie den Rücken, räumt sie das Feld, so wird geblicket, und hui ist die Sache abgetan, und nicht rasch genug kann der Weibel sagen: «Und – zum – dritten.» Das sind halt Künste; soviel wir wissen, sind sie in keinem Gsatz verboten, und vermutlich werden sie auch nicht allenthalben getrieben, sondern sehr selten wahrscheinlich. Daß sie an der Steigerung auf der Gnepfi getrieben worden seien, behauptete man steif und fest, aber sehr möglich ist es, daß die Behauptung durchaus ungegründet ist, denn behauptet nicht jetzt noch Eisi, der Gerichtschreiber sei schuld daran, daß der Geltstag nicht durch ein Akkommodement verhindert worden, weil es ihm um die Kosten gewesen, und wer unbefangen ist, hat doch einsehen müssen, daß auf solchem Boden ein Akkommodement unmöglich war.

«Seh», sagte der Gerichtschreiber, ohne auf alles, was man darstreckte und ausgerufen haben wollte, zu achten, «da ist der Stutzer geschrieben samt Weidtasche, Pulverhorn und was drzue gehört. Nein, nicht dort der kleinere ist es, dort der größere, wo so schön eingelegt ist, ein Staatsstück und nur sechzig Franken geschätzt, wer gibt mehr als sechzig Franken?» So mußte der Stutzer voran, mußte diesen Reigen eröffnen und war doch zu einem andern Reigen bestimmt. Der Stutzer, der schweizerische Enkel der Armbrust, mit welcher Tell den Tyrannen erschossen, der Stutzer, das Sinnbild des Schweizer Entschlusses, das Sinnbild des Loses eines Tyrannen in der Schweiz, der Stutzer, des schweizerischen Hauses Zierde, die Wehre, die voranblitzt, wenn der Feind einbricht, mit welcher der Schweizer Weib und Kinder schützt, seine Hütte zur Festung macht, diese Wehre eröffnete in des Weibels Hand den Reigen der Zerstreuung aller Habseligkeiten eines schweizerischen Hauses, er öffnete die Türe zum Austragen, zur friedlichen, gesetzlichen Plünderung, er war der Erste, der Weib und Kinder verließ, er ging zuerst zur Türe hinaus, zu welcher Weib und Kinder ihm folgen sollten, um auf der Gasse zu stehen, ohne zu wissen, wo sie ihr Haupt hinlegen könnten. Wie man die gleiche Sache doch doppelt auffassen kann! «Lue, mach gschwing», flüsterte unser Flüsterer dem Weibel. «Es ist mir öppe nicht ganz ums Geld, daß ich ihn teurer haben müßte, es ist mir wegen der Sach. Lue, es ist eine Ehrengabe, wo er an dem und dem Schießet gewonnen hat. Da würden die Leute doch ein Gresinier haben, wenn es z'fast unter sie käme. Da könne man sehen, würden sie sagen, was man mit selligem gwinn u wohi es zletzt füehr. Mach gschwing, selligi Ehregabe sötte eigetlich nie in e Geltstag, es sött es Gsetz drfür sy.» Der Weibel begriff das, rasch kam der schöne Stutzer in des Flüsterers Hände um ein Spottgeld; mehr als hundert Franken war er unter Brüdern wert, von wegen, er war nicht bloß schön, er war auch gut.

Da sagte Eisi: «Jetzt wohlet es mir fry, daß dä Donnstig aus dem Hause ist, dä ist meh as halb dschuld gsi a üsem Unglück; mi sött selligi Sache im Mist vrloche, si bringe eim Unglück is Hus, un drum ists vor Gott u Mönsche recht, daß si o zerst wieder drus müesse mit Schang u Spott.» Der gute Stutzer, die Ehrengabe an einem Schießet, trug an des Hauses Unglück keine Schuld; wenn eine treue Hand, ein biederer Sinn ihn empfangen und getragen hätten, er wäre des Hauses Schutz und Ehre geblieben für Kind und Kindeskind. Die treue Hand hätte ihn nur gebraucht, wenn des Hauses und der Kinder Wohl beschickt gewesen. Der biedere Sinn hätte ihn ohne Leidenschaft gebraucht, den Gebrauch nie zum Vorwand gemacht, hätte nie vergessen, daß der Stutzer nur dann den Schweizer ehrt, wenn er seines Hauses Schutz ist, und nicht, wenn er zum weiten Maule wird, das Ehre, Gut und Frieden verschlingt. Dem biedern Sinne wäre die Ehrengabe keine Verlockung gewesen, untreu zu werden an Haus und Kind, kein Anfang zur Ehrlosigkeit, sondern ein Sporn, ein Ehrenmann zu bleiben für und für, als ein schweizerischer Ehrenmann zu leuchten unter dem Volk. Aber eben darin besteht die schweizerische Ehrenhaftigkeit nicht, daß man an allen Lumpeten ist und womöglich der Erste und der Letzte, daß man des Hausvaters Pflichten den Festen nachsetzt, daß man den Farbenstrich sich über die Nase streichen läßt, der an solchen Festen eben Mode ist, und so recht wüst tun kann, sondern darin, daß man treu ist im Kleinen wie im Großen, daß man nicht bloß im Schießstande und hinter der Flasche ein Mann ist, sondern hinter jeglicher Arbeit und in jeder Not, treffe sie Waisen und Witwen, treffe sie den Bruder oder den Nachbar, das eigene Haus oder das Vaterland. Solche sind die Ehrenmänner, auf die man bauen kann, das Vaterland und das eigene Vertrauen, denen man im Sterben die Seinen empfiehlt, die man im Gebete Gott empfiehlt, daß er sie erhalten möge zu Nutz und Frommen allen und jedem. Schweizerische Feste sind so schön, schweizerische Ehrengaben, seien sie gewonnen auf kleinen oder großen Schieß- oder andern Stätten, sind die Trophäen dieser Zeit, jedes Hauses Zierde, Orden und Kronen des Republikaners; aber ob sie zum Fluch oder zum Segen des Mannes werden, der sie empfängt, zum Fluch oder Segen des Hauses, in welches er sie trägt, hängt nicht ab von den glattgetretenen Sprüchen, von dem Gebrüll, unter dem er sie empfängt, von der Zahl der Flaschen, die dabei getrunken werden, oder ob es Champagner oder Vierunddreißiger Lacôte oder Vierundfünfziger Markgräfler gewesen, sondern eben vom Sinn, der sie empfängt, vom Geiste, der sie verwaltet. Dieser Sinn, der das Haus den Kindern wahret, das Vaterland dem kommenden Geschlechte, die Seele Gott, dieser echt konservative Sinn ist es, der die Hände treu macht, sie weiht, daß alles, was sie empfangen, zum Segen wird, der ists, der an Festen, wenn sie echt schweizerisch sein sollen, geweckt und genährt werden muß, der der Geist sein muß, der die Feste heiligt. Dieser Sinn ist es, der gepflegt und gehegt werden soll im gesamten Vaterlande und allen dessen Einrichtungen, er ists, der den Frieden bringt in Haus und Land, er ist der echt christliche Geist, der zur Seligkeit den Menschen bereitet, der stark macht für die Not der Welt und rein für den Himmel, zur wahren Freiheit führt, die da nicht kömmt mit äußerlichen Gebärden, die da wachsen muß von innen heraus. Der Freiheitssinn, welcher nichts ist als eine angekleisterte politische Ansicht, eine Meinung über staatliche Einrichtungen, ist nichts als eine Wolke ohne Regen, ein Gespenst, das am Tage umgeht, sich für die Freiheit ausgibt, aber nichts als ein Schatten ist, ohne Gehalt und ohne Kraft, das nichts als täuschen kann, alles verspricht, nichts hält, nichts hat für seine Bekenner, weder Frieden hier noch Seligkeit dort, ja nicht einmal politischen Frieden, ja nicht einmal politische Seligkeit. Wie sollte da Friede sein, wo man von der Freiheit nichts hat als eben den Schatten, Worte, die man nachsprechen muß, pünktlich, exakt, hinterzi, fürezi wie die Kinder das ABC; wie sollte da Seligkeit sein, wo man eine Freiheit hat, die nichts als ein Irrlicht ist, welches in die Moräste der Sünde lockt, und wo anders ist eben die Hölle als in den Morästen der Sünde!

Aber leider nicht mit diesem Sinne hatte Steffen die Ehrengabe empfangen; ob sie ihm auch nicht mit dem rechten Sinn gegeben worden, wissen wir nicht. Aber was da für ein herrlicher Tag war, als er sie empfing, Eisi konnte es wissen, denn es war auch dabei, und daß es dem Jubilieren und Traktieren ein Ende gemacht hätte, können wir nicht sagen, wenn wir der Wahrheit treu bleiben wollen. Es hatte am Schuß und Preis vielleicht eine noch größere Freude als Steffen selbst. Es war zu einer Zeit geschehen, wo es sich groß meinte, mit Steffen sich zu zeigen als Wirtin auf der Gnepfi, wo es sich also noch ganz besonders meinte, als Steffen den Stutzer gewonnen hatte, als er gefeiert, ein Lebehoch nach dem andern ihm gebracht wurde. Nie in seinem Leben hatte es so flink die Wirtin gemacht, eingeschenkt, Wein kommen heißen, Gesundheit gemacht und lustig getan, daß es Manchem vorkam, nicht bloß Steffens Stutzer hätte einen Stecher, sondern auch seine Frau.

Was selber Abend, selbe Nacht kosteten, stand nicht im Hausbuch, Steffen hätte selbst nicht gewußt, was er aufschreiben sollte, es war noch zur Zeit, wo sie ungezählt aus dem Schublädli nehmen konnten, ausgaben, ohne zusammenzurechnen, den Rest weglegten, ohne nachzuzählen. Doch das wäre eine kleine Summe gewesen, was daran hing, war unendlich größer. Nun mußte Steffen, wo es nur möglich war, den Stutzer zeigen; die Flaschen alle, welche er noch zu dessen Ehren zahlen mußte, zählte er wiederum nicht. Das größte Unglück aber war, daß Steffen sich jetzt für einen Schützen von erster Sorte, für einen Wettkämpfer um die höchsten Preise hielt, meinte, jetzt fehlten ihm die besten Preise nie, und allweg sei es ein Ehrenpunkt für ihn, allenthalben darnach zu ringen. Er hatte es gerade wie ein junger Spieler, der anfänglich Glück hat und nun für eine Art von Pflicht es hält, das Glück auszubeuten, und wenn es ihn verläßt, wiederum für eine Pflicht, ihm nachzulaufen, um es wieder zu haschen. So war Steffen nicht bloß auf den Schießeten, sondern er mischte sich unter die Eliten, unter die Auserwählten, welche was setzen, mit viel Schießen das Beste erzwingen wollen, und dieses kostet viel Geld, darob ist niemand noch reich geworden, aber Mancher arm, besonders wenn er nicht mehr zu setzen hatte als Steffen.

Sehr lange gings und sehr viel Geld kostete es, bis Steffen endlich merkte, daß sich da nichts zwängen lasse. Jetzt, wo er wenig oder nichts mehr erschoß, gäb wie viel er schoß, jetzt sagte er, er möge nichts mehr damit zu tun haben, es käme alles nur aufs Gfell a, un er heyg es Donnstigs Ungfell, gäb wie guet er schieß. Doch den Glücksschuß schob er nicht dem Gfell zu, sondern seiner Kunst, denn er sagte, uf ke Schießstang chömm eine, der besser halten könne unds besser gsehy as er, da förcht er kene, aber es well ihm nimme grate, er glaub emel, er syg vrhexet, und wenn er wüßt, daß drgege öppis z'mache wäre, er miechs. So hat es der Mensch, sein Glück schreibt er seiner Weisheit und Kunst zu, sein Unglück dem Ungfell oder dem Neide. Steffen konnte schießen wie hundert Andere, wenn er nicht fehlte, so traf er die Scheibe; es ging emel geng öppehi, und wenn er so recht in der Übung war, so schoß er schön graduse, das heißt so ums Schwarze herum. Für einen Schützen hätte er sich nie gehalten, hätte er nicht den unglücklichen Schuß getan, und unglücklich wäre der Schuß nicht gewesen, hätte Steffen den rechten Sinn gehabt; dann hätte der Stutzer nicht als das erste Geräte wandern müssen aus dem vergeltstagten Hause, verflucht und verwünscht von des Hauses Frau als des Mannes Verführer und Unglücksmacher. Der arme Stutzer, das Ehrenwerte als Ehrenpreis hatte er verloren, indem er aus dem Hause, dessen Ehre er sein sollte, in zweite Hand überging, nun galt er bloß noch nach seiner Nützlichkeit. Und ob er dem neuen Hause, in welches er kam, nützlich sei, wer sagte das! Teuer kam er in Steffens Haus, sehr wohlfeil jetzt ins neue, aber waren es treue Hände, die ihn trugen, ein treuer Sinn, der ihn empfing?

Es ist wunderbar, aber es ist doch. Es gibt einzelne Geräte, wohlfeile und kostbare, vornehme und ganz geringe, ein ganz eigener Geist scheint in sie gebannt zu sein, böse Geister vornehmlich. Mit diesem, jenem Geräte scheint ein böser Geist ins Haus zu ziehen, es stellt sich in den Ehefrieden, es hetzt den Mann gegen die Frau, die Frau gegen den Mann, es ist der Funke ins Spinngewebe im Dache, der Funke ins Pulverfaß im Keller, der Wurm im Gebälke, der Schwamm an den Wänden, der Bissen, der die Herzen auseinandertreibt wie der Eisenwecken die verharzetesten Stöcke. Oft meint man den bösen Geist alsbald zu erkennen, sperrt sich gegen den Einzug bestmöglichst; oft trägt man es selbst hinein, merkt erst später dessen Spuk; oft fühlt man im Hause den bösen Geist, und weil man meint, alles auf der Welt müsse seine bleibende Stätte haben, und jedenfalls meint, alles, was uns plage, müsse außer uns diese Stätte haben, so sucht man sie hier, dort, in diesem, jenem Geräte.

Bei den Katholiken herrscht noch immerdar die Sitte, daß sie gerne etwas Geweihtes, Geheiligtes im Hause haben, sei es ein Palmbüschchen, sei es ein gemein Amulett, sei es eine heilige Reliquie, sie hoffen Schutz davon gegen böse Geister, gegen Bresten, gegen die Pest. Wenn was einbrechen will, wenn Unglück sie umflutet, wenn ihnen bange werden will um das Herz, so wendet sich ihr Auge dem Geweihten zu, anbetend neigen ihre Lippen zu ihm sich nieder, und Ruhe kommt ihnen wieder, und ein unnennbares Vertrauen überschattet sie, daß in Ergebung sie entgegengehen dem Unausweichbaren. Wir Reformierte haben diese sichtbaren Zeichen verbannt und mit Recht, wir haben uns damit um Jahrhunderte emporgehoben über unsere Schwachheit, über unsere ans Sichtbare klebende Natur, und recht ists so, es ist eine Staffel in des Berges Mitte, ein Absatz zwischen der Erde und dem Himmel, wohin wir doch alle wollen.

Indessen haben doch auch wir noch eine Art von geweihten Dingen, Andenken, Familienstücke nennen wir sie, doch auch diese verlieren mehr oder weniger ihre Bedeutung, je mehr alle Bande mit den vergangenen Geschlechtern, alle Bande der Liebe mit den Gliedern der lebenden Geschlechter sich lockern, je mehr unser Gemüt versandet in den trocknen, scharfen Winden unserer Zeit. Solche Andenken wandern in die Hände der Grämpler, Familienreliquien auf den Estrich, die Zeichen der Gevattertreue in die Sparkassen, zu Gelde wird alles, zu Golde sollte alles werden, an die beschmutzenden Vögel des Midas, an die innerlich wachsende Gier des Unseligen gedenkt man eben je länger, je weniger. So geschieht dann eben das Umgekehrte, das Haus wird denn doch besetzt, aber leider nicht mit geweihten Dingen, sondern mit Andenken und Reliquien anderer Art, an denen nicht die Andacht erglüht, das Vertrauen sich entzündet, der Mut emporflammt, sondern an denen alle Tage der Ärger neu wird, die innern Wunden immer wieder aufbrechen, die Herzen immer kränker werden an verzehrendem Hasse, in welchem jede Lebensfreude versengt wird, wie die Pflanzen vertrocknen ohne Tau, ohne Regen in tötender Tröckne. Das Haus wird angefüllt mit Dingen, welche der Mann herbeischleppt, mit Dingen, welche die Frau erzwingt, jedes frönend dem inwohnenden Triebe, keins beachtend das Andere oder abwägend, ob das, was es will und bringt, der gemeinsamen Wohlfahrt dient. Jedes stellt das Seine auf, wie es kann und mag, und jedes, wenn es das des Andern sehen muß, ergrimmt im Herzen wider das Andere und flucht dem armen Geräte, das sich dessen nichts vermag, daß nicht der Geist der Liebe es herbeigetragen. Im armen Geräte scheint ein eigener Geist lebendig, der den Bewohnern durch die Augen ins Herz fährt und daselbst immer brennend erhält nicht das ewige Licht der Liebe, sondern das andere Feuer, das auch ewig brennen soll, das wenigstens in den unglückseligen Herzen brennt so lange, bis sie ausgebrannt sind hier auf Erden.

Der arme Mensch, wie sehr er sich erhebt, hängt doch so sehr vom Äußerlichen und dessen Eindrücken ab, darum sollte er mit sinnigem Ernste und mit wahrhaft reformiertem Sinne dafür sorgen, daß was ihn umgibt, für ihn erhebend sei, daß mit jedem Geräte, mit dem er sein Haus ziert, ein guter Geist einziehe, der jedesmal, wenn er es sieht, ihn erhebt, ihn neu durchdringt mit heiligendem Gedenken einer schönen Stunde, mit dem Geiste, den er ins Haus gebracht. Das wäre die wahre, echte Weihe, und echte Reformierte, hätten wir das Haus doch voll Reliquien, heiliger Amulette, und was der Schweizer an vaterländischen Festen gewonnen, das würde ihm zum geweihten Palmbüschel, dessen Anblick ihm das Zeugnis geben würde, sein Haus sei ein geweihtes und sicher vor jedem bösen Geiste, solange die Weihe des Herrn es überschatte. Aber dafür müßte man eben wissen, was echt schweizerischer, reformierter Sinn sei, müßte begreifen, daß der Sinn ganz was anderes sei als zusammengestoppelte Phrasen, und dieses begreifen noch ganz andere Majestäten nicht als unser Eisi, das dem Stutzer fluchte und doch denselben Sinn barg in seiner Brust, der scheinbar den Stutzer zu des Hauses Fluch gemacht, und mit demselben Sinne andere Dinge ins Haus schleppte, auf denen dann des Mannes Fluch lag.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.