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Der Geltstag

Jeremias Gotthelf: Der Geltstag - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/gotthelf/geltstag/geltstag.xml
typefiction
authorJeremias Gotthelf
titleDer Geltstag
publisherDiogenes
year1978
isbn325720566X
firstpub1845/46
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20121029
projectidbff705e7
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Fünfzehntes Kapitel

Wie aus allem endlich ein Geltstag entsteht, und was ihm noch alles vorangeht

Es gibt je länger, je mehr Leute, welche nicht arbeiten mögen, doch gerne gut Sach hätten, reich werden möchten. So bloß mit dem gradane Zähntröcknen an der Sonne kömmt man weder zu dem einen noch zu dem andern, das begreifen die Leute noch. Wenn man zum Faulpelzen und Zähntröcknen an der Sonne wirte oder dFrau und Kinder wirten läßt, so fehlten dFischli zMorge und dKrebsli zNacht nicht, so meinen die Leute noch bis auf den heutigen Tag, obgleich das Amtsblatt von verhudelten Wirten wimmelt, wie in einer Kaserne die Flöhe wimmeln im August.

Wenn daher irgendwo eine Wirtschaft ausgeschrieben wird zu freier Hand oder Geltstags wegen, zum Ausleihen oder Kaufen, so fäckelt das daher wie Spatzen auf einen Kirschbaum, wie wilde Tauben auf eine Eiche, wenn die Eicheln reifen, wie Mäusi hinter eine Wanne mit Haußet. Da kömmts daher vom Oberland und Niederland, alles Rustig, die wohlfeil reich werden möchte, und firmt in allem herum und steckt in alles die Nase und rümpft sie über alles, rühmt, wie man es gehabt, und grännet über was man findet, tut verfluxt hochmütig, als ob man daheim alle Bschüttilöcher wegen Mangel an anderm Platz voll doppelte Berndublonen hätte und dr Gring voll Klugheit und Finesse vom Tüfel, frägelt viel und gibt doch kein manierlich Wort und tut mit den Leuten im Hause ungefähr wie mit Schallenwerchern, wenn man das Schallenwerch besichtigt. So ein Ehepaar auf der Gschaui macht überlaut sich gegenseitige Eröffnungen, wie es nicht alles sein müsse hier, die Leute wären sonst nicht über nichts gekommen, und wenn einmal ein Wirtshaus so verhudelt sei, so sei es fast nicht möglich, es wieder gutzumachen und Gastig zuechezzieh, es mein geng alles, es sei noch das alte Ghudel. Ein Haus sei bal zungerobis, aber ufstelle, selb gang lang. Kam bloß Mannevolch auf dGschaui, so gings noch. Eisi war gewohnt, mit dem zu fahren, und vertrug auch noch was. Kam aber so hoffärtiges Weibervolch gwägelet, rieb sich die Hände, rümpfte die Nase und brichtete, wie es ihm sein müßte, was es alles dolete und nicht dolete, was ihm wegmüßte u was uflätig sei, «schüli» sagen die Zürcher, dann kam Eisi ab der Kette und tat wie ein alter Metzgerhund, der Junge säugt, und trümpfte so junge Gäxnäseni ab, daß sie weißeten wie junge sich beißende Rosse. Doch das war noch das Mindere, was es auszustehen hatte, von wegen, die kamen und gingen; die Meisten sah es nicht wieder, und bei den Meisten hatte es das wohltuende Bewußtsein, daß es dene es gesagt, daß sie ein Wyltschi daran denken würden. Viel bitterer weh taten ihm Nachbarsleute, denen es nicht auf den Leib konnte, deren Plagen sich alle Tage wiederholten.

Wenn ein Haus in Geltstag verfällt, das heißt ein Haus, in welchem allerlei Effekten sind, so tauchen rundum allerlei Hoffnungen und Gelüste auf. Es ist keine Haushaltung, in welcher nicht was fehlt, wo man nicht dies oder das haben sollte, aber das Geld hatte einen gereut, neu machen lassen mag man nicht, aber so ungefähr und um den halben Preis käme man höllisch gerne dazu. Gibts nun an einem Orte einen Geltstag, so kömmt ihnen so ein Haus vor fast wie den Spatzen ein Kirschbaum, der zu plündern steht, was da alles zu haben wäre um den halben Preis, halb kaufs-, halb plünderungsweise. Die ganze Masse betrachtet man als herrenloses Gut, möchte sich auslesen, was jedem anständig wäre, und wenn man es umsonst haben könnte, so trüge man durchaus kein Bedenken, es umsonst zu nehmen. Wem die Sache gehört, wie man zu den frühern Besitzern gestand den, kömmt nicht in Betracht, Mitleid ist keines da. «Si heys gha, hätte si gluegt, daß sis chönnte bha, dr Reste geyht mih nüt a», das ist Wahlspruch. Nun nimmt es einen wunder, was dasei, ob wohl gerade das, was man wünscht, ob es sich der Mühe lohne, der Steigerung beizuwohnen, in welchem Zustande die Gegenstände seien, und wenn zwei von einer Sorte vorhanden sind, welches wohl der bessere sei. Das alles möchte man vor der Steigerung wissen, an der Steigerung selbst kann man dann nicht alles so punktum untersuchen, jedenfalls passen viele Augen auf und gucken ebenfalls. Und je näher man dem vergeltstagten Hause wohnt, ein um so näher Recht glaubt man an die Sachen zu haben und eigentlich pflichtgemäß auf jegliche mögliche Weise dafür sorgen zu müssen, daß man das Beste am wohlfeilsten vorabkriege, nit öppe son e frömde Schelm, wos eigetlich gar nüt agang u wo me gar nit sött zuechela, eim dSach vorabnehm.

Auf der andern Seite herrscht das natürliche Gefühl, das Seine ungern in fremde Hände übergehen zu sehen. Es dünkt einen, es sollte niemand davon mögen, kein Mensch daraufbieten; wenn niemand daraufböte, so würde es ihnen ja bleiben. Und allemal, wenn man merkt, daß jemand davon möchte, wird man rot im Gesicht, bei jedem Bott gibt es einem einen Stich, und wenn jemand etwas ersteigert und wegträgt, so denkt man: So, auch du! Hätte doch nicht geglaubt, daß auch du so schlecht wärist, aber wart nur, dir treibe ich es ein!

Die Begierde der ganzen Nachbarschaft nach seinen Sachen mußte Eisi auf das bitterste empfinden. Wenns dämmern wollte des Abends, so sah Eisi, wie Nachbaren ums Haus schlichen, sah sie hier einen Wagen, dort einen Kommet besichtigen, so gleichsam im Vorbeigehen, sah des Morgens, wenn es aufkam, sie aus dem Stalle kommen, und wenn es einmal ungsinnet vom Essen ging, so war es sicher, verdächtige Gestalten hier und dort stehen zu sehen.

Andere machten die Sache noch anders, die kamen zu ihm ins Haus, taten gar teilnehmend, sagten wohl: «Du armi Frau, wie de mih doch dure chast», ließen unterdessen die Augen herumspazieren, musterten, was sichtbar war, fragten verblümter und unverblümter, je nachdem sie ein gröber oder feiner innerlich Ygricht hatten, nach diesem und jenem; doch sehr selten war eine so grob, zu sagen: «Wes öppe nit z'höch ufetriebe würd, su hätt ih Muet drzue, hätt scho lang gern e selligs gha, aber ds Geld het mih neue greut. Nit daß mrs nit gha hätte, aber wenn me King het, su mueß me geng zerst a die sinne, gäb me neuis zUnutz usgit.» Die Andern sagten höchstens: «Aber nei, Eisi, daß du das erlebe mueßt, lue, du chast mih dure, ih cha nit säge wie (die Feinsten nahmen hier einen Zipfel von der Scheube und fuhren damit in den Augen herum). Wie dich doch alles grüsli reue mueß, hättist alles so schön im Stand gha, u jetz drvo z'müesse bi lebigem Lyb, nei, es isch schröcklig, es zrschryß mih, ih gstiengs lebig nit us. U vrmast dih desse nüt, u wärs a dir glege gsi, su wärist de im Stang, niemere eso, aber was cha en armi Frau zwänge, we dr Ma nüt nutz ist u ds Geld oberarm yche vrschlengget. De Totne söll me nüt bös nahrede, es heißt, si chönne ein no plage, un ih möchts sust nit tue, ih wurd mih schäme, aber gseit han ih zu myne Lüte mängist: Dä Steffe isch doch dr Nütnutzigist u Fülst, wos git, wie mih doch die Frau erbarme cha; we die e rechte Ma hätt, wo ere a dHang gieng un a dSyte stüng, das wär die fürnehmst Wirti ds Lang uf, ds Lang ab, i mängem Kanton fung me ke selligi. Aber alles wirst de doch nit la vrkaufe, du wirst o bha öppe ds Beste drvo, bi selligem Vrmöge wirst de dih öppe nit la blutti mache? Öppe die beste Bett wirst de bhalte, un öppe es schöns Bureau un die große Gumode i dr Stube mit dene arige Umhänge u länge Fransine, ume so öppe das Schlechter wirst furtla, öppe die plätzete Sache oder die, wo ume no halb ganz sy? Aber grad öppe dä groß schön ehrig Hafe wirst nit furtla, un dr Brönnhafe o nit; wenn de wieder öppis Neus afast oder ds Wirtshus wieder a dih nimmst, su manglist se. Die bessere Täßleni, da die schöne blaue, die wirst näh, un die schöni gelbi Kaffeekanne? Emel ih miechs, het mes, su het mes, lat mes furt, su gilts nüt, u we mes umeha sött, su chosts es Sündegeld u dSach macht me drzue no all Tag schlechter.» So fühlten die feinern Weiber auf den Zahn, mischten das Süße mit dem Sauern so künstlich, daß Eisi ihnen nicht nach Noten dienen konnte, sich fangen und ködern ließ und erst hintendrein dachte: Oder wott die Donnstigs Täsche öppe o cho steigere u het si deretwege so nötli gfragt, was ih bhäb u was nit?

Qualen stund indessen auch die Speisewirtin aus, neben der großen Wonne, in welcher sie sich wälzte, die jedoch nach und nach abzustehen anfing, denn jede Sache wird alt, absonderlich eine Sache, die man alle Tage im Munde hat und jedem Gaste, der die Nase zur Stube hineinhat, vorkaut. Begreiflich hatte sie seit Wochen die größte Wonne ausgestanden, hatte viel bündigere Kenntnis vom Stand der Dinge als Eisi und ermangelte nie, denselben ihrer Gastig mitzuteilen und aufzustellen an einer von ihr selbst gemachten Sauce, welche ungefähr aus folgenden drei Bestandteilen bestund: «He nu, es geht doch no i dr Welt allbeeinist nah dr Grechtigkeit, wes mängisch scho lang geyht, bis me se gseht. Es nimmt eim zu Gott wunger, daß es da äne so lang gange isch, so wie sis triebe hey, das het afe ke Gattig gha. Aber wunger nimmts mih notti, ih ma fast nit gwarte, was dä Narr afat. Ih traue geng, si häych sih, oder si chönn de öppe ugsinnet wieder manne; aber wer wett e selligi möge u vrmöge se nachezfuehre, vo wege, die vrbrucht de öppis, ih chas eim säge.» Hier pflegte sie gewöhnlich an die Sauce einen langen Stiel anzubringen. Auch sie hatte per se darauf spekuliert, an der Steigerung zu glänzen und Eisi zu zeigen, wer zletzt noch Trumpf habe; sie hatte schon lange Silber gespart, so viel sie konnte, um so recht mit demselben zu klimpern und zu glänzen; was nicht mit Batzen zu zahlen war, mußte warten bis nach der Steigerung; ob sie nach der Steigerung zahlte oder es hatte wie der alte Bursche im Lied: «Vor der Messe zahl ich nicht, nach der Messe wird auch nichts daraus», wissen wir nicht. Nun sah diese Speisewirtin andere Weiber hinübergehen, die man sonst nicht im Wirtshause sah, namentlich bei Eisi nicht, und klug genug war die Speisewirtin, obgleich sie Bäbi hieß, alsbald zu merken, daß jene Weiber nicht bloß wegen ihren guten Herzen und wegen Erbarmen hinübergingen, sondern wegen was anderm. Nun wollte es Bäbi fast versprengen, daß die drüben alles sollten ausgwundern und erlesen können, es aber nicht und so aufs Geratewohl dreinplampen müßte, nicht wisse, was alles dasei und was das Bessere sei. Bäbi setzte ein paar Male an, um hinüberzugehen, geistete sich auf, sagte sich: Töte wird die dich öppe nit u fresse nit, die wird doch wohl öppe zahmet ha un alti gnue sy, emel zeche Jahr ist die älter als ih, für z'wüsse, was es erlyde ma u was nit, u de han ih ds Recht so guet as öpper anger, u de chönnt ih ja öppe e Knecht zwegstelle, daß er mr gschwing zHülf chömm, wenn ih afieng brülle, u daß er se de so recht vom Tüfel abhabereti. Indessen war sie doch nicht Babi genug, die Sache ins Werk zu setzen. Was Tüfels hätt ih zletsch drvo, dLüt hätte z'grusami Freud dra, wenn mr enangere recht vrkreblete, u de dörft ih ja gar nit emal a dSteigerig, ds selbist will ih doch de gah, da nimmts mih doch de zu Gott wunger, ob ih de dert nit sövli Recht heyg wien e angere Mönsch.

Es half sich, so gut es konnte, mit Nachrichten durch Trini und stillete so seinen Gwunder bestmöglichst. Es hatte sichere Nachricht, teilte es daher seinen Gästen mit, daß a dSteigerig nüt Grechts cho werd, un es syg eine e Narr, wenn er deretwege ume e Tritt vrsetz; ds Best gsech me niene meh, es wüß ke Mönsch, wos hicho syg, u was syg, syg es Ghudel, daß es e Schang syg. Öppe Sorg gha heyg niemere zur Sach, es heyg so müesse gah, wies gange syg. Aber mi wüß wohl, woher das chömm, ungrecht Guet tüe nie guet. Es heiß, Eisis Großätti syg rych worde, es heyg ke Mönsch gwüßt wie, aber es syg geng dRed gange, just ds selbist syg e ryche Krämer, dä uf Zurzi welle heyg, vrlore gange, u kei Mönsch heyg chönne erfahre, won er hicho syg. Es werd wohl öppis a dr Sach sy, mi wüß ja, wie es Eisis Schwester gange syg.

So konnte Eisi der Steigerung nicht ausweichen und hatte doch nicht alle Hoffnung verloren, der Rechtsfreund wußte immer neuen Trost, und wenn Eisi in vollem Zorn auf ihn einfuhr, so hatte er immer die Antwort: «E aber, Fraueli, tue nit so, grad das isch guet, grad so han ihs welle, jetz wirds öppe nimme fehle», und wußte es mit den dümmsten Gründen zu bereden, daß es ganz buschauf wurde; was man halt gerne hört, das glaubt man auch gerne. Vernünftige Leute hätten an diesem Glauben gar nichts begreifen können; «het dä Narr 's nit glaubt bis am letzte Tag, es mach alles nüt, es chömm no guet», sagten die Nachbaren unter einander. Ein solcher Glaube wird viel häufiger, als man glaubt, gefunden in Israel. Glaubt ja doch so manches arme Mädchen an Treu und Liebe, bis es im Unglück sitzt, bis der Treulose mit einer Andern am Altare steht; glaubt doch die arme Mutter an die Rettung ihres Kindes, bis die blassen Lippen sich nicht mehr öffnen wollen, im starren Auge der Tod sichtbar wird; glaubt doch so Mancher an längeres Leben, nimmt das leise schwindende Leben für leise werdende Genesung, denkt ans Sterben noch kaum, wenn auch der letzte Atemzug entschwunden ist, denkt ans Sterben nicht, ans Leben nicht, bis der Seele der Tod erscheint, bis das Herz im Tode bricht; ach und glaubt ja so manches Babi nicht, daß es ein Babi, so mancher Lädi nicht, daß er ein Lädi, so mancher Taugenichts nicht, daß er ein Taugenichts sei, bis Gott es ihm muß selbst sagen, mit feurigen Buchstaben an die Stirne schreiben wird.

«Du wirst öppe nit welle drbysy», hatte jemand Eisi gefragt, als der Tag der Steigerung nahte, «du wirst mit de Kinge öppe e weni nebeus welle, bis dSach für isch». «Warum sollte ich nebenaus?» fuhr Eisi auf, «gell, daß man dest besser bschyße un stehle chönnt, wenn ne niemere uf dFinger luegti. O Jere nei, ih blybe drby bis zletzt, ih wüßt gar nit, warum ih nit sött, bin ih doch nit dschuld, vrma mih desse nüt, u wär ih nit gsi, su giengs no viel wüester. Nei, ih wott de Lüte unger dAuge stah, selb wott ih, si müesse nit meine, ih heyg mih z'schäme u dörf mih nit zeige. Ih wott luege, wer Freud dra het, vo üser Sach z'kaufe, un sih möcht wärme a üsem Für. DLüt chenne möcht ih, vo wege, es chunt de öppe e Zyt, wos mr chumlig cho chönnt, wenn ih wüßt, won ih dSach z'sueche ha u wem ihs ytrybe cha.»

«He ja, ja», sagte die Frau, «du chasts so mache, aber Mängi chönnt nit drbysy, nit die Zechnist gstiengs us. Aber frage mueß ih doch, zürns nit, aber es nimmt mih notti wunger, wo de de uswotsch, we dSach vrby isch, du wirst drum gluegt ha, wirst öppe welle ga Krüzerwirti sy?»

«Warum nit gar, Krüzerwirti», sagte Eisi, «ebesomähr Hüehnermeitli! Nei, da han ih nüt gluegt, un ih hätt nit gwüßt, warum ih luege sött. Wunger nähms mih notti doch, wer mih hie ustrybe wett; es ist de notti mys Geld gsi, mit dem dSach gchauft un zahlt worde isch. Da blyben ih, u we me vier Roß asetzti, mi brächt mih nit weg. Will doch de luege, ob no Grechtigkeit uf dr Welt isch.» «Mit dere ischs afe bös», antwortete die Frau, «si säge, es syge Schmutzflecke drufcho, u du heyges dMüs gschmöckt u syge drhingercho u heyge se z'völlmig gfresse. Weiß nit obs isch, un a alle Orte möcht ihs nit säge.» «Es wird viel dra mache», sagte Eisi. «Aber sygs wies well, su will ihs probiere.» «He ja», sagte die Frau, «wed glaubst, du zwängist öppis, su machs, ih möcht drs gönne. Un ih glaub, du chönnist no öppis zwänge, es cha neue schier en iedere mache, was er will, u wenn eine recht ufbigehrt, su isch me froh, ne la z'laufe, u git ihm no e Pfoste, bsungerbar wenn er öppe e Schnäuzler isch, oder doch emel e Paß. Aber wenn ih dih wär, a dr Steigerig wär ih doch nit da, es isch sust neue nit dr Bruch, u was dLüt säge, het me sih doch geng e weneli z'achte.» «Was frage ih de Lüte nah, rede die doch, was si wey, u wes ne nit recht isch, was ih mache, su stecke si doch e Steckli drzue u hocke druf». «Su adie», sagte die Frau, «ih mueß gah, ih ha sBrot im Ofe, es wird wohl guet sy, aber mr leus gern lang drin, es grauet de minger, u de Müse ischs o zwider drahi, wes ordli herts isch. Aber denk, was mr gscheh isch; won ih am vordere Tag es Brot näh wott, su rüehrt es sih drin, grad wie wes lebigs wär, ih ha bim Schieß e Gux usgla, si heys im ganze Hus ume ghört u sy cho luege. U wo me du recht luegt, was isch du gsi? Hey mr nit dMüs ds Brot usghöhlt u drin gnestet u Jung gha, siebe jung Müs sy drinne gsi! Un vom ganze Brot hey mr kes Schnefeli chönne bruche über e Tisch; dr Rauft han ih du no ygschnitte, daß es die angere nit gwüßt hey. Vo wege, es het mih graue, es isch bsungerbar guets Brot gsi, un emel nit meh as feuf Wuche isch es gsi, daß mr bache gha hey. Adie!» Und brummend ging sie fort, denn daß Eisi an der Steigerung anwesend sein wollte, war ihr begreiflich nicht recht, von wegen, sie hatte ein Pfänni im Auge un e bsungerbar styfs Garteschüfeli. Sie verbreitete überall, was Eisi im Sinne hatte, und überall nahm man das Eisi sehr übel, und war Eisi schon vorher nicht beliebt, so verlor es doch jetzt vollends das letzte Fünklein Gunst und Gnade bei sämtlichen Weibern rundum.

Eisi hatte das Ding sich doch leichter vorgestellt, als es war, es ging ihm fast wie manchem jungen Helden, dem es ein leicht Werk schien, eine ganze Armee zu überwältigen, so lange als er kein Soldatenbein sah, dem es aber zu duttern anfing, als er die erste Flinte zwitzern sah, der nach was Sicherm sich umsah, sobald der erste Schuß losging.

Es graute Eisi doch, als es am Abend vor der Steigerung an die folgenden Tage sinnete, wie da eins nach dem andern verschwinden werde, hier aus, dort aus, daß es nicht einmal wußte wo aus, und wie die Leute es ansehen würden, einander müpfen, fragen: «Ist das se, dWirti, wie ma die drbysy, das mueß doch e Usgschämti sy», und wie diese oder jene, die es sonst so gut kannten, es morgen vielleicht nicht mehr kennen, zimperig tun, die Hände reiben, höchstens sagen werde: «Goggrüeß ech u wie geyhts?», und wie drüben alles voll sein, Chaise und Schärbänk dort stehen werden und hier nichts, obgleich es auch wirten wollte und angewendet hatte mit Vorkehren. Aber was das für ein Vorkehren ist, wenn man gewohnt war, alles um sich zu haben die Hülle und Fülle an Geräten und Vorräten, mit vollen Händen zu spenden, das Geringe nichts achtend, beim Rasseln zerspringender Flaschen und Kacheln nicht einmal umzusehen, Anken ins Feuer zu werfen, wenn man nicht gleich hölzerne Scheiter bei Händen hatte, und jetzt bloß noch hie und da ein Pfänni und ein Kacheli und etwa noch ein Schüsseli und etwa noch ein Züberli, und an Vorräten hier ein Brösmeli und dort ein Restli, armselig alles, als hätte man die Mäusenester geplündert oder schmäderfräßigen Jungfern die Säcke geleert, und doch vielleicht trotz aller Armseligkeit noch viel zu viel. Denn wer ißt gerne in einem Wirtshause, wenn Geltstagsteigerung darin ist? Ists nicht, als habe jede Sache eine eigene Kust, laufe einem im Halse auf, daß man es fast nicht hinunterbringen könne, oder würge einen wie halbreife Kannenbirnen? Darum, wer es anders machen kann, mag da nichts nehmen, nicht essen, absonderlich allfällige Wirtsleute nicht, welche an die Steigerung kommen. Ists denen nicht, wenn sie was genießen sollen, als müßten sie vom eigenen Fleische essen und vom eigenen Blute trinken? Oder ists ein Grusen ab der eigenen Kust der Sachen und dabei denken zu müssen, auch ihre Sachen kriegten diese Kust, wenn Geltstag sei in ihrem Hause? Es sei die eigentümliche Geltstagskust in einem Wirtshause, wie es einen eigentümlichen Leichengeruch gibt, einen eigentümlichen Gaststubengeruch, der alle Morgen frisch zu riechen ist, ehe die Stubenmagd die Federn aus den Haaren gemacht, den Zieger aus den Augen und frische Luft eingelassen hat in die durenänderlige Unaussprechlichkeit, in die unaussprechliche Durenänderlichkeit. Ists zu machen, so läßt man das Fuhrwerk am nächsten Orte und schmuggelt sich herbei so unvermerkt als möglich, absonderlich die Männer. Den Weibern ist dies freilich oft nicht recht, sie sagen: «Emel ih schüche mih nit, hätte si o ta wie mir, su hätte si o chönne bi ihrer Sach blybe, so guet as mir»; und dabei denken sie wohl: Ja lueget mih ume a, ih ha am liebe Gott z'danke, daß ih nit e Selligi bi, sonder e ganz e Angeri, wo no Mängi, wo meint, was si isch, chönnt Exempel näh vom ene Byspiel.»

Das alles, Tun und Sinnen, hatte ihns halb taubs, halb weich gemacht; da ging es noch durch die Stube, wo seine Kinder alle schliefen, so wohl und fest, daß sie nichts wußten von der Welt, nichts von Geltstag und Steigerung, keinen Gedanken daran hatten, daß vielleicht bald die Stunde kommen könnte, wo sie kein Bett mehr hätten, ja wo sie nichts hätten, nicht wüßten, wo sie ihr Haupt hinlegen könnten. Anfangs ward Eisi taub bei diesem Anblick. «Da liegen sie», sagte es halblaut, «als ob sie alles nichts anginge, und ich alleine muß alles austrappen und ausessen, und es düecht mih doch, die Größere sötte afe dr Vrstang ha z'merke, was geyht, u z'sinne, daß si o dra dschuld syge un jetz o öppis tue oder emel o drglyche tue sötte, daß si dSach o öppis agieng u daß si o dschuld dra syge. Si sötte sinne, was si afe gchost hey u was me für seye het müesse usgä. Nienehi isch me, daß me nit für e Hampfele Geld Sache oder Kram heybrunge het für seye, u de sövli nüt Sorg gha drzue, u dSach vrdrecket u vrhudlet gsi isch, gäb me ume umeglueget het. Ja we die nit gsi wäre, es hätts no lang gha, bim Donnstig. A de Klynere düechts mih nüt angers, es King isch es King, aber die Größere, wohl, die sötte dr Vrstang ha! We si ne nit hey, wohl, su cha me ne ne mache», und Eisi war drauf und dran, dem ersten Antrieb zu gehorchen und den ältesten Jungen zu haaren vaterländisch, ihn partikular zu züchtigen, damit er sein eigen Selbst im Weh ertränke und Anteil nehme am allgemeinen Weh. Es ist das eine eigentümliche Kurmethode, die öfters angewendet wird. Indessen, wie gesagt, Eisi war halb taubs, halb weichs. Als es so im Zorn ans Lager trat, in welchem die beiden ältesten Buben schliefen, sicher, fest und kühn, man hätte eine Kanone ablassen können neben dem Bette, sie hätten sich nicht geregt, so stutzte es und das Weiche faßte ihns stärker: Si schlafe bim Dolder, wie wenns nie meh guet wär! Wer weiß, wenn si wieder drzuechömme, wer weiß, viellicht ists ne vorgsi, daß si ds letztmal i dene Bette sy, u weys jetz no recht profitiere! U si hey recht, un se jetz ufzjage, wär notti nit recht. Un es chönnt zletsch no öppis z'bidüte ha, wenn ih se ufjagti drus, si chönnte meine, ih wär dschuld u heyg ne se nit gönnt, u wer weiß, was es sust no öppe chönnt z'bidüte ha, öppe aparti mit selligem möcht ih mih nit no ga vrsünge zletsch, won ih mih sust nit vrfehlt ha. U nüt dschuld sy u zletzt doch alles usfresse müesse un alles abtue un alles sölle dureschleipfe u zletsch doch müesse bhange, dKing eim nüt helfe chönne u die Angere alli meine, si syge Krähye un ih ume e Keib, u niemere ha uf dr ganze Welt, wos guet meint! U bi es schöns Meitschi gsi u ha zechetusig Pfung Vrfallnigs gha, u jetz e alte Kratte, sövli King u morn dr Geltstag, u nüt dschuld u nüt wüsse wo us un a!

Da überwältigte einmal die weibliche Natur Eisi auch so recht, es weinte sich in ein Weinen hinein, das am Ende fast einem Erdbeben glich, ihm Leib und Seele schüttelte, ihm fast den Atem nahm. Gedanken hatte es lange keine, vom allgemeinen Elende wurden sie überflutet. Als endlich der Wolkenbruch sich schloß, die Elendsflut zu versiegen begann, erhob sich über die Wasser der Fels seiner Natur. Nein, dachte es, weder häyche no is Wasser, das Gfalle tue ih ne nit, die Freud müsse si nit ha, dene will ih unter e Bart stah, daß si wüsse, daß Eisi Eisi blybt, mache si mynethalb was si wey, si heys z'vrantworte.

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