Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jeremias Gotthelf >

Der Geltstag

Jeremias Gotthelf: Der Geltstag - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/gotthelf/geltstag/geltstag.xml
typefiction
authorJeremias Gotthelf
titleDer Geltstag
publisherDiogenes
year1978
isbn325720566X
firstpub1845/46
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20121029
projectidbff705e7
Schließen

Navigation:

Eilftes Kapitel

Wie Eisi zu einem Benefizinventar und ein Schreiber zu einem Lehrplätz kommt

Trotz dem Beistande seines Rechtsfreundes, der sich wieder bei ihm eingefunden hatte, doch nur tags, nachts erschien er nie mehr, wahrscheinlich ragte auch bei ihm ein Totenbein aus dem übertünchten Grabe herauf, mußte es das Benefizi ausschreiben lassen.

Es war selbst vor der Gemeinde erschienen in all seinem Staate, hatte den Manne imponieren, sie mit der Verachtung behandeln wollen, welche es so oft sellige Mannlene, wo ke Vrstang heyge u nit wüsse, was öppe o i dr Welt dr Bruch syg, gezeigt hatte. «Loset, ihr Manne,» hatte es gesagt, «ihr werdet mir doch nicht unnötige Kosten machen wollen, sondern Verstand haben. So ein Benefizi trägt nichts ein, aber Köste gibts und Schryber mueß me fuettere, es weiß ke Mönsch wie mängist vrgebe, und alles für hell nichts, als daß de dLüt chönne gwungere, wie rych me syg un was me aller Gattig heyg, un daß me i dr Lüte Müler chunt. Das werdet dr mr öppe nit welle zleid tue u muetwillig e Witfrau, wo sövli King het un mit Ehre wott dur dWelt cho, plage? Mr hey öppe üsi Sach nit bös zweg, un wenn mr nit Ungfell gha hätte un er on e chly angers gsi wär, su wäre mr no besser zweg. Aber allweg steihts nit bös, u we me sövli spitz nacheluege wett, su chönnt me de am e angere Ort afa un es wär de viellycht no mänge, dem me ds Benefizi usschrybe sött.» Das war den Manne doch zu stotzig vorgekommen, und einer hatte Eisi gesagt: «Los Frau, das verstehst du nit oder bist sust lätz brichtet, es Benefizi mueß sy, das ist gsetzlich, un dGmein wird nit welle dr Gring darha u bsungerbar, wo me nit weiß, wie dSach steyht u so mänger Gattig gmugglet wird. U viellycht wärs guet gsi, wenn me scho längst drübergluegt hätt, wo dr de Schyn heyt la fälle, ds selbist wärs aständig gsi, aber ds selbist ists nit guet gsi öppis z'säge, aber jetz prediget en angere.»

Eisi war jedoch nicht die Frau, welche so leicht sich abherden ließ und erschrecken, Eisi begehrte auf, wurde endlich anzüglich, wollte nicht schweigen trotz den Bitten des Schwagers, daß es doch absetzen und die Manne nicht ertäuben solle, das trage ihm nichts ab, als daß sie es ihm eintrieben. Er solle es nur brav mit ihnen haben, sagte Eisi, es stehe ihm wohl an; wenn sein Bruder unterm Herd es wüßte, er würde ihm auch dafür danken. Es sehe gar wohl, wie man unter einer Decke liege. Zuerst mache man Ausgeschossene, öppe die Hungerigste un Unverschantiste, wo si i dr Gmein heyge, dene könne es dBüch fülle, es wisse ke Hung wie mängist, und drzue mache sie Taglöhn uf, daß eim dHaar zBerg stange, u zletzt vrstoß me ihs u dKing, dSach könne si mit em Rügge aluege, un es nist sih da en angere y mit Schmeichle u Spicke. Es merks, es hätte eine feine Nase, sei nicht erst seit heute auf der Welt und hätte zu oft solche Sachen verhandeln hören, daß es wisse, wie es öppe gehe und woher so magere Bürlein ds Geld welle erschinde, für dZeyse chönne z'gä u de Schulde z'wehre, wo si uf ihre gschißne Höflene heyge.

Begreiflich hatte Eisi endlich Zeit zu schweigen, mußte unverrichteter Sache heim, strotzend von Gift und Galle. Wohl, wenn seine lieben Mitbürger hätten hören können, wie Eisi sie vor seinen Freunden titulierte, wie es den Gemeindrat hechelte, verspottete, ausschimpfte, sie hätten es geprügelt einer nach dem Andern und weiß kein Mensch was mit ihm angefangen. Eisi hätte gerne prozediert, hielt lange Beratungen mit seinen Freunden. Sie rieten ihm an, es solle durch die Verwandten die Gemeinde reversieren lassen, wolle sie das nicht annehmen, so könne man es mit ihr probieren. Aber Eisi fand keine Verwandten, welche dazu geneigt waren, seine Brüder putzten ihm ab, die entferntern Verwandten sagten, es gehe seye nüt a un i sellig Sache mischlete si sih nüt, si heyge für seye selber gnue z'luege. Als Eisi seinen Rechtsfreunden seine Not klagte, von seinen Verwandten sagte, es sei ein Schelm wie der andere, meinte es, wenn sie ihm einen Revers oder wie man einem sellige Papier sage unterschrieben, so würde es auch gut sein und dSach hätts. Da machten sie bedenkliche Gesichter, bis einer unter ihnen, der geschickter war als alle andern und mehr konnte als Brot essen, sagte: «Bhüetis ja, vo Herze gern, aber es ist nit gsetzlich, e sellige Revers mueß vo de siebe nächste Vrwandte ungerschriebe sy.» «Was ist das für e Schelm, wo selligi Gsetz geyht ga mache, für e Donnstigs Spitzbueb?» frag Eisi. «Es wird dr Schnell gsi sy, dr Alt», antwortete der Rechtsgelehrte. «Das wird o e Rechte sy», sagte Eisi, «dä wird o Schwestere gha ha, won er het welle bschyße, dä Hagel. Mit Sellige sött me Mutt füre im Hustage, wenn me Brönnherd macht für Kabisplätze; aber es wird doch bald e angere pfyfe, selligi Rustig abrume un Gsetzi mache, wo ey Fründ dm angere cha helfe?» «Per sche», antwortete der Fründ, «aber es Wyltschi wirds allweg no gah, bis die Rechte am Platz sy.»

Also ein Benefizium gab es. Ach, so ein Benefizium und noch dazu das eines Wirtes, was das für süße Gedanken zu erwecken imstande ist! Es gibt Leute, denen so ein Ding vorkömmt akkurat wie der Morgenstern, wenn er am hellsten der Sonne vorangeht. Wohlverstanden, nicht allen daran Beteiligten ists so, es gibt Solche, denen es sehr zuwider ist, es gibt Prinzipale, welche nie in eigener Person beim Inventarisieren erscheinen, es gibt aber auch andere. Aber man denke sich so ein Individuum oder vielmehr ein Subjekt an der mageren Kost, das zFaßnacht schon kein Fleisch mehr im Hause hat und von trocknen Erdäpfeln, dünnem Kaffee lebt, Herdöpfelbitzlene, wo gixe, wenn man eins vom andern schreißt, und Rösti, wo Staubwolken davon fahren, wenn man die Türe auf- und zutut. Man denke sich eins von denen magern Schreiberchen, welche von der Frau Prinzipalin, welche streng katholisch scheint, weil es bei ihr immer Fasten ist, sehr mager gehalten werden bei blinden Suppen und blauer Milch, welche noch keinen Kredit haben und spottwenig Lohn, die drei Sonntage hinter einander werweisen, ob es ihnen zum Schoppen ein Bratwurstzöpfli ziehen möge, und zwar das alles, weil sie erstens ihre Väter ausgesogen oder müde gemacht und zweitens für etwelche Jahre vorgefressen. Plötzlich geht ihm die Möglichkeit auf, zu einem Inventarisieren zu können, vielleicht zwei oder drei Tage lang, wo alles nichts kostet, wo vielleicht ganze Platten voll ganzer Brägelwürste sind und nicht bloß Zöpfleni, wo der Wein in ganzen Guttern aufgestellt wird und alles umsonst, wo man einen doch noch immer heißt nehmen: «Nimm doch, näht», bis man nicht mehr mag, bis man Angst hat, dHut heyg nimme, keine Frau Prinzipalin saure Augen macht, wenn man länger als sechseinhalb Minute am Tische sitzt, wo man absitzen und erwarmen, wo man ein halb dutzendmal behaglich sagen kann: «Mir sötte denk mache un wider dra hi» und ein halb dutzendmal behaglich antwortet: «Mi chönnt öppe, ih hulf nit pressiere, dr ganz Tag ist ja üse u fertig werde mr doch hüt nit», und wenns denn endlich heißt: «Wey mr?» und der Fragende die Hand auf den Tisch legt, um sich aufzuhelfen, weil er fühlt, daß er bedenklich gschweret, das Fraueli chunt und seyt: «E no eys, dr heyt ja nüt gno, isch es ech öppe nit guet gnue gsi, ih ha doch wäger agwängt, was ih chönne ha? Die mueß emel no us, seh, treychit!» Solche feiße Tage in Aussicht, sollte das nicht so ein ermagertes, verschriebenes Herz unaussprechlich erquicken, erquicken wie himmlischer Tau, wie sollten da nicht die steif und gstabelig gewordenen Beinchen neues Leben kriegen, hüpfen und springen wie junge Zicklein, wenn die alte Geiß mit einem vollen Uter gegen sie kömmt! Wenn dann endlich der Prinzipal gleich dem türkischen Sultan unter die erregten, hoffenden Subjekte das Schnupftuch wirft und unter den in Hoffnungen Geschwellten einen zum Glücklichen macht, dann hat dessen Wonne kein Ende, indessen bricht sie nicht aus, von wegen den Andern, aber wie er selig vor sich hinlächelt! Wie er unvermerkt in sein Kämmerlein schleicht, Nähzeug nimmt und die Hosenknöpfe frisch annäht, daß man meinen sollte, er wolle sich daran gen Himmel ziehen lassen, im Gilet die Einschläge ausläßt und währschafte Bändel einzieht, wo man welche hat, und das alles in still seligem Lächeln! Oh, es ist schön!

Aber ach, wie traurig, wie schrecklich, wie tränerlich, wenn so eine hoffende Seele betrogen wird, wie es sich auch schon zugetragen hat, er das Gilet schlotternd heimträgt und im ersten besten Wäldchen die Bändel fester schnüren muß, daß die Unterhosen ihm nicht vor den Schritt kommen, und er laufen muß wie ein gehetzter Hase bis zum ersten Brunnen, um seine lechzende Zunge zu netzen! Wie traurig, wenn er nach harter, langer Morgenarbeit endlich mit der einen Hälfte in eine Stube gewiesen wird, während das Weibervolk die andere Hälfte der Anwesenden, welche ihm näher am Herzen liegt, ins Stöckli oder in ein Hinterstübchen zieht am Kuttenfecken. Oh, wie er schmachtend den Günstlingen nachsieht und wie er immer schmachtender wird, während er die räße Suppe, in welcher gesalzenes Fleisch gekocht ward, verzehrt, und noch schmachtender, wenn er ans halbgekochte; räße Fleisch hin muß und an wohlgesalzene und braungekochte Rübli und sonst nichts da ist, kein Tropf Wein, kein Tropf Wasser, er hungrig ist, die räße Speise zusammenschlagen muß und vor Durst nach Gott schreien möchte und doch nicht recht darf, weil er noch zwenig lang beim Handwerk ist, um uvrschant geworden und uvrschant sein zu dürfen. So ein Höllenfraß und Mordiodurst verklären sich in zwanzig, dreißig Jahren, wenn der magere, hungrige Anfänger ein schöner, fetter, stattlicher Prinzipal geworden ist, zu einer anmutigen Erzählung, ungefähr wie die unsäglichen Strapazen auf dem Rückzug aus Rußland bei den mit dem Leben Davongekommenen sich verklärt haben.

Sobald der Prinzipal an einem gut besetzten Tische sitzt, guter Wein auf dem Tische steht und es heißt: «Seh, trinket doch, machet aus», so fängt er an, der Prinzipal nämlich: «Das ist hier nicht so, wie ich es einmal gehabt habe, es ist schon mehr als zwanzig Jahre, wo ich noch ein Anfänger gewesen bin, dLehrzeit war freilich aus, aber me ist doch geng no gar grüseli dumm. Da hat mich mein Prinzipal, er ist jetzt längst gstorbe, er ist e guete Herr gsi, aber sy Frau es vrfluechts Rybyse, o gschickt ga inventarisiere, und ih ha mih druf gfreut, mi glaubts nit, nit e Neutaler hätt ih gno drfür. Da han ih gmeint, ih überchömm de o einist recht guet un gnue z'esse, vo wege, mir sy mängist so hungrig vom Tisch gange, mir hätte de Hüehnere nachegfresse, wenn sie öppis im Trögli gha hätte, aber die heys gha wie mir u sy o geng z'früeh fertig worde mit ihrer Sach. Und doch het ihm sy Pfoste meh as zechetusig Pfund abtreyt es Jahrs. Jo wäger, ds selbist ist es Drbysy gsy, es ist anders gsi als jetzt, wo me chum mit em Lebe drvochunt.» «He, öppe gar e Mangel sieht man Euch nicht an, Herr Major», sagt dann etwa ein Gerichtssäß. «Bi gschlachter Art», antwortete der Major, brach dann den Inzident ab und fuhr fort: «Ja, wie gseit, ih ha mih gfreut, mi hätt mrs gar nit chönne abchaufe. Spät sy mr fertig worde, un ih ha e Hunger gha, wie me de hungrig wird in dem Alter und ordinäri nit fürig z'esse het; und e Durst han ih gha, daß es mih düecht het, es chleck alles a mr. Und du, was hey mr: e räßi Suppe, gsalzes Fleisch un ygchocheti Rüebli und hinger nüt u vorfer nüt, un drby ists bliebe, die Schelme i dr andere Stube hey es Herrefresse gha un Wy, meh as gnue, wie mr nache hey möge merke. Ja, ih werde myr Lebtig dra sinne, was ih ds selbist für e Täubi un für e Durst usgstange ha. U was du no ds Ärgste gsi ist, myner Kamerade hey vrno, wie es is gange ist, u hey mih du no brav usglachet. Sider denke ih allimal dra, wenn bi ere sellige Glegeheit Wy uf e Tisch chunt. Ih wüßt mr zwar jetzt besser z'helfe.» So redet der Prinzipal, so oft er bei solchen Gelegenheiten, welche ihm noch immer nicht unerquicklich sind, persönlich erscheint. Es ist freilich nicht Speise und Trank, was ihm alleine erquicklich vorkömmt, es hängt an solchen Dingen ein silberner Schwanz, der das Hauptgericht ist, welches ihm am besten mundet.

Es ist ein unglücklicher, aber in der Natur der Sache liegender Umstand, daß das Feld, welches vielen Leuten zum Unterhalt angewiesen ist, das Unglück ihrer Mitmenschen ist. Wir wollen nicht alle die Arten von Anweisungen auf das Unglück anführen, nur eben zwei: der Arzt und der Schreiber. Der Arzt müßte verhungern, wenn keine Menschen krank würden und fürchteten sterben zu müssen. Der Schreiber hätte auch nicht viel zu tun, wenn die Menschen nicht ökonomisch oder physisch auf die Gnepfi kämen oder ökonomisch und physisch von der Gnepfi herab zu Tode fielen. Beide leben vom Unglück der Leute, aber unendlich besser ist doch der Arzt daran. Der Arzt erscheint im Unglück als der Helfer, der den Schmerz mildern, den Menschen aus der Gnepfi wieder auf feste Beine stellen will, er ist eine wohltätige Erscheinung jedem Leidenden, und das fast immer sichtbare Leiden weckt in ihm das Mitgefühl, und dieses Mitgefühl wird dem Kranken sichtbar, der gar nicht daran denkt, daß der Arzt vom Leiden lebt und vielleicht den Ruf zu einem Kranken wie eine fröhliche Botschaft angehört hat, und zwar nicht wegen dem Helfen, sondern wegen dem Ziehen. Der Schreiber ist in ganz anderer Lage: er hilft von keinem Übel, er erscheint nur als ein notwendig Übel, er lindert keinen Schmerz, aber er kostet Geld, er wird dazu noch aufgedrungen und nimmt zuweilen fast alles, was da ist, gerade bei Benefizien zum Beispiel und bei Geltstagen. Er erscheint daher dem, der dessen Notwendigkeit bei den gegenwärtigen Verhältnissen nicht begreift, selten in einem liebenswürdigen Lichte, obgleich es unendlich viele sehr ehrenwerte Schreiber gibt und einige sich alle Mühe geben, sich liebenswürdig zu machen, besonders bei Leuten, welche leicht in Fall kommen, Kontrakte machen zu lassen, Obligationen, Käufe, ja wo vielleicht bald ein Schlagfluß zu hoffen ist und eine darauf folgende Teilung.

So bringt es halt das Leben mit sich, und hoch in Ehren ist der zu halten, der seine Person über seinen Beruf erhebt und während sein Beruf ihn unter die Blutsauger ordnet, sein Charakter ihn zum Tröster, zur Stütze Solcher stempelt, die Trost und Stütze bedürfen.

So ein Benefizium beginnt hier und da auch Leute in Versuchung zu führen, welche der Natur der Sache nach eigentlich dabei durchaus unbeteiligt wären. Das sind die, welche sich locken lassen, Eingaben zu machen in Benefizien, in der Hoffnung, sie bezahlt zu kriegen, weil niemand ordentlich Auskunft geben kann, weil kein ordentlich Hausbuch da ist, weil man lieber was zahlt als prozediert, namentlich wo Gemeinden Prozesse führen sollten. Solche Eingaben machen Männer, von denen man es nicht erwarten sollte, und daß solche Eingaben von Amts wegen gezüchtigt worden wären, wie sie es verdient, hat man nicht gehört. Es ist überhaupt mit dem «von Amts wegen» eine sehr heikle Sache, der Begriff verdunkelt sich ganz, wir denken auch, das Wort werde sich bald verlieren, wie ein ausgebrannter Stern am Himmel auch nicht mehr gesehen wird.

Am meisten erfreute sich jedoch über das ausgeschriebene Benefiz-Inventari die gegenüberwohnende Speisewirtin. Jetzt könne man sehen, wie es herauskomme, sie hätte Töne läuten hören, wie es unsauber aussehen solle. Sie hätte es immer gesagt, es komme so; wie sollte es auch anders! Niemere ha u doch geng groß tue, so müeß es zletzt zBode gah! Sie wolle sich nicht rühmen, aber ds Halb mehr Kunde hätten sie, ds Halb minder vertäten sie, und sie wisse, wie an einem kleinen Orte der Profit Platz habe. Das gebe da eine Änderung, darauf könne man zählen, da könne man sehen, daß doch noch Gerechtigkeit im Himmel sei. Was die Leute sie erplaget hätten, es könne es niemand glauben, sie seien nirgends sicher gewesen vor ihnen, dKinder nicht und sie nicht, sie hätten nirgends sein sollen, und doch hätten sie ihnen nichts in Weg gelegt, sondern ihnen dienet, wo sie können und mögen hätten. Sie könne nicht sagen, wie sie beten und Gott danken wolle, wenn der Hochmutsteufel und Hoffahrtsnarr ihr ab den Augen käme. Wenn es länger hätte dauern sollen, sie hätte es nicht ausgestanden, nein, sie hätte es nicht, dUszehrig wäre das mingst, wo sie aufgelesen hätte. Ja es heyg se mängist düecht, si heyg se scho am Hals. Indessen so arg, als die Speisewirtin es machte, mußte es doch nicht sein, denn sie war noch nie so viel unter dem Fenster oder vor dem Hause gewesen wie über diese Zeit, trotzdem daß es Winter war. Und wo die beiden Weiber sich zu Gesichte kriegten, da gränneten sie einander an, machten welche wüster, daß es einem oft dünkte, sie sollten entweder das Maul nicht wieder zubringen oder die Zunge nicht wieder ins Maul. So oft die Speisewirtin abkommen konnte, war sie am Südeltrögli, hantierte da nach Herzenslust und schabte Eisi Rübli und füllte das Trögli mit ihren Sachen. Hatte sie den Rücken gekehrt, so schickte Eisi die Jungfrau, ließ die Sachen herauswerfen und ihre dreintun. Darauf paßte die Speisewirtin, kam dann herausgefahren wie der Bysluft und sagte der Jungfrau wüst und warf ihre Sachen heraus und tat ihre wieder drein. Dann ließ Eisi zum Läufterli aus allerlei Titel fliegen und Weisungen für die Jungfrau, bis ihm das Läufterli zu enge ward, es sich zum Haus aus machte und mit eingestemmten Armen sein grobes Geschütz losbrannte. Die gegenüber, auch nicht faul, fuhr ebenfalls ihre gröbsten Batterien auf, und so brüllten sie über das Südeltrögli einander an trotz den homerischen Helden. Dieser Südeltröglikrieg verdiente ganz eigens beschrieben zu werden.

Da einmal ein Benefizium sein mußte, so mochte Eisi nicht warten, bis inventarisiert wurde, es meinte, und seine Freunde brichteten es nicht besser, wenn das einmal geschehen sei, so nehme man die Siegel ab und es könne wieder mit freien Händen schalten und walten. Der angesetzte Tag brach endlich an, an welchem das dazu bestellte Personal sich einfinden sollte, Schreiber, Schätzer und Ausgeschossene der Gemeinde. Schon frühe des Morgens hatte die Speisewirtin die Nase unter dem Fenster, um die Mannschaft anrücken zu sehen, und wer vorüberging, den rief sie an: «Weißt, heute schreiben sie ihnen däne ihre Sachen uf, es nimmt mih nüt wunger, wies usechunt, ih weißs, aber anger Lüt werde dGlare uftue, wenn si gseh, wies steyht, es nimmt mih nüt wunger, as wie die Donnstigs Täsche drzue es Gsicht mache wird.»

Es heißt, die Speisewirtin habe als Strafe für ihre Gwundernase einen Pfnüsel aufgelesen, daß sie gefürchtet, daran ersticken zu müssen. Es kömmt mancher Gwundernase kommod, daß sie nicht so delikat ist, sie müßte ja ihrer Lebtag im Pfnüsel sein.

Es war aber auch Grund, einen aufzulesen, denn die Speisewirtin mußte ihre Nase gar zu lange unter dem Fenster haben, um die gesamte Mannschaft einrücken zu sehen, sie ließ sich gar so verzattert herbei.

Zuerst fanden sich die Ausgeschossenen von Eisis Gemeinde ein. Eisi empfing sie puckt, stichelte, es werde ihnen angst gewesen sein, daß sie so früh da seien, oder ob es bloß der Gwunder sei, wie man es hier öppe hätte; es nähms wunger, daß sie nicht ihre Weiber mitgebracht, das wäre etwas für sie gewesen. Manne sollten nadisch nit so gwungerig sein, aber es werde ihnen in ihrem Krottenästli was Neus seltsam sein. Indessen hätte es sich doch nicht dafür gehalten, ihnen an Essen und Trinken was abgehen zu lassen. Es stellte ihnen gehörig das Frühstück auf, stellte Zucker dazu, pfefferte es ihnen aber mit seinen Reden nicht schlecht.

Nach und nach trappeten die Schätzer herbei. Einer hatte noch Futter rüsten müssen, weil der Knecht das Ungnannte an der Hand hätte, der zweite hatte nicht gewußt, was für Zeit es sei, die Uhr sei ihnen gestanden, und wo er habe gehen wollen, sei no neuer cho u heyg ne chönne vrsume.

«Wenn dr Schryber da wäre, wir könnten anfangen», meinte einer; «was ist o für Zyt?» «Es wird bald zehne sein», antwortete der Andere. «Der Amtschreiber wird selbst kommen», meinte einer, «und der ist nicht der Frühste.» Unterdessen tat Eisi vertraut mit den Schätzern, machte die gute, vertraute Frau gegen sie. Es wollte es den Gemeindsmanne einreiben, wie es hier ästimiert sei und für was man es hätte und wie sellig Knuble, wie sie seien, keinen Verstang hätten und nicht wüßten, mit wem sie es zu tun hätten. Es setzte sich neben sie, spaßte mit ihnen, nahm sie dann beiseits, einen nach dem andern, und sagte ihnen, wie sie Vrstang brauchen sollten beim Schätzen und nit so ungeryche fahre, wie es gehört, daß man es an manchem Orte mache; so könnte man es zwänge, eim z'vrdächtige un dr Name z'mache, mi heyg a Hag use gwurstet u bal fürnache. Öppe übertriebe bigehr es nicht, selb trag nüt ab, aber si sölle sih i acht näh, was si mache, bsungerbar mit dr Schatzig vom Hus u dr Ligetschaft. Es well ne säge, was Trumpf syg, si chönne sih de drnah richte. «Mih möcht me drvostoße, u ds Mas Brueder möchts a dHang näh öppe um e Spottprys, wie sis de mache, wenn si chönne zPlatzg cho, u die zwe Mulaffe, wo si da gschickt hey, seu drzue helfe. Ih has scho gmerkt, dr Dümmer vo ne het scho e Ton la falle, wies für e Gmein sih nit wohl schick, son es Witfraueli im e sellige Gschäft la z'hürsche, bsungerbar wes öppe no wyt abhange syg, wo me nit chönn drzue luege. Wohl, dem han ih du dNase gwüscht, er ist froh gsi, z'schwyge. Ih ha denkt, ih well dr säge, was Trumpf isch, su weißt, woran daß de bist u woruf hier gspitzt isch.»

Begreiflich trösteten und beruhigten diese Männer Eisi. «Häb nit Chummer», sagten sie, «öppe viel zwänge werde die nit, u mir schätze, wie öppe recht u billig un dr Bruch ist, vo wege, mir hey e Pflicht uf is.»

«Ih wett doch gern, er chäm bald», sagte einer der Schätzer und gschauete seine Uhr; «dr halb Tag isch jetzt de ume; halbi englefi u no nit agfange u er no nit da, un am vieri sött ih wieder hey ga fuehre; ha zwar gseit, si sölle afe einist ychegä, wenn ih nit da syg.» Auf diese Bemerkung hin hielten es alle für passend, zu muckeln und zu sagen, wie es ihnen zwider sei, so lange zu warten; ob es aber allen ernst war damit, das wissen wir begreiflich nicht.

Endlich kam so ein grau, mager Ding die Straße herauf und beinelte stark der Gnepfi zu. «Das ist nit dr Amtschryber», sagte ein Schätzer, «das ist eine von seinen Schryberdienere, es soll e Gschickte sy, hät aber e wunderlige Name, ih has am letzte Solothurner Märit ghört, syner Kamerade hey ihm all so gseit, ih chas ume nit säge, neuis fast wie Ankebock.» Als man meinte, das graue Ding werde zur Türe hereinschießen, sah man es draußen bei der Speisewirtin stehen; es hatte die Kappe in der Hand, wischte den Schweiß sich ab und plauderte holdselig mit dem appetitliche Fraueli drüben. Da ward Eisi täuber als ein welscher Hahn, wenn er was Rotes sieht. «Luegit doch, wie dä Donners Schyßbueb sih nüt schämt, mit ere sellige Luenz uf dr offene Straß ga z'karisiere; wohl, dem wey mr Bei mache! Fritz lauf u säg, er söll enangerenah cho, es wart alles scho mängi Stung uf ihn.» Fritz lief ab und verrichtete wahrscheinlich seine Botschaft treu, denn der junge Herr drehte sich so rasch um, daß er beinahe über eine hinter ihm liegende Kegelkugel gefallen wäre.

«Spät, spät!» sagte ihm einer der Schätzer, «mir hey afe glaubt, Ihr chömit nimme.» «'s ist nit my Schuld», sagte der junge Herr, schlenggete seine Kopfmähne aus dem linken Auge und blies in die roten Finger, an denen nur wollene Halbhäntsche stachen; «'s ist nit my Schuld, der Herr Amtschryber het mrs z'spät gseit; er het selber welle cho, du hets plötzlich e Fall gä, won er het müesse ga helfe e Untersuechung mache, un seit mr du erst hüt emorge, daß ih cho müeß. Ja, du ist nüt zweg gsi; bis ih du ds Papier grüstet gha ha, was nötig gsi ist, du ist es scho spät gsi. Un de ist es no e Plätz bis hiehin, gäb wie me lauft. La gseh, was ist es jetzt für Zyt hie? Ih ha im Hast my Uhr vrgesse (er hatte keine), es het grad halbi zehni gschlage, won ih furt bi.» «Da syt dr brav gloffe», sagte der Schätzer, «hätt ech nit möge myni Bei etlehne; es ist bal englefi.» «Es ist mr leid», sagte der junge Herr, «da müesse mr gschwind a dArbeit; aber so geyhts bin is; wo so viel Gschäft sy, gits geng öppis Ungsinnets, a das me gar nit denkt het.»

Der junge Herr spazierte bei dieser Entschuldigung etwas bei der Wahrheit vorbei. Ja freilich hatte er es zu rechter Zeit gewußt, schon gestern vormittags; aber du liebe Zeit, was das für Zeit braucht, bis ein junger Herr zu einer solchen Reise gerüstet ist, vielleicht gar zu seiner ersten! Wir wollen nicht einmal davon reden, wie ängstlich er sich instruieren läßt über alles, was er zu beobachten habe, was er schreiben müsse, was nicht, wie er das Papier zu linieren habe und wie manchen Bogen wohl, das ist nicht die Hauptsache. Aber man denke sich, er hat die Stiefel beim Schuhmacher und zufällig kein gewaschenes Hemd daheim. Jetzt sollte er fragen, linieren, Notizen machen, dem Schuhmacher nach, der Wäscherin, sollte mit den bessern Hosen zum Schneider wegen Stegreifen, sollte noch dies und das, er wußte nicht, wo ihm der Kopf stund. Das Hemd zu kehren ging nicht wohl, obgleich er daran dachte, es war ein gar zu grobes, bloß neunkreuzeriges Schwabentuch; den Hosen trauete er nicht recht, ob sie Stegreife erleiden möchten, er war in großer Verlegenheit. Seine Kollegen sahen seine Verlegenheit wohl und ergötzten sich gröblich daran; keiner gönnte ihm sein morndriges Glück, sie hofften halb und halb, er werde außerstande sein, abzumarschieren, oder wenigstens müßte er so gehen, daß sie und Andere nach Herzenslust über ihn spotten könnten. Aber sie täuschten sich, der junge Herr hatte einen besonders glücklichen Tag. Als er in seiner Angst zum Schuhmacher lief, ihn zu pressieren wegen den Stiefeln, begegnete ihm einer, der aus dem gleichen Orte war, aber in einer andern Schreibstube das Handwerk lernte, diesem klagte er seine Not. Der hatte viel Patriotismus im Leibe und sagte: «Denen wollen wir es reisen, wart nur, Hosen und Hemd mußt du haben; wenn du nur die Stiefel kriegst, von wegen meine brauche ich selbst, so ist dSache gut.» Diese Stiefel waren es aber, welche ihn eine Stunde aufgehalten hatten. Dem Schuhmacher war nicht halb so angst, sie zu liefern, als dem jungen Herrn, sie zu kriegen, von wegen der Kunden bester war er nicht. Sein Vater wollte ihm kein Geld mehr geben, weil er von den Söhnen einer war, welche die teuflische Freude zu haben scheinen, die Eltern auszubeuten, ärger als der ärgste Dieb es könnte, bis sie in den Spital müssen; sein Verdienst war unbedeutend, und hatte er einen Kreuzer, so vertat er zwei. Endlich hatte er sie, hatte dazu noch zehn ganze Batzen im Sack, denn als er Hosen und Hemde sich zu Gemüte geführt hatte, hatte er zum Freunde gesagt: «Könntest du mir nicht noch zehn Batzen geben, ich gebe sie dir wieder, sobald ich zum Vater komme; me isch doch neue nit recht wohl, wenn me ke Chrüzer Geld im Sack het am ene frömde Ort, es ma eim gä, was will.» Der Freund hatte A gesagt und sagte auch B.

Jetzt stelle man sich das schwellende Glück in der jungen Brust unseres jungen Herrn vor, als er aus der engen Stube ins Freie kam, ein frisches Hemd am Leibe, währschafte Hosen an den Beinen, zehn Batzen Geld im Sack, kein Prinzipal, der ihn abputzte, keine Kameraden, die ihn ausführten, jetzt einmal ganz selbständig draußen im Leben, und noch dazu nicht etwa als nichts, so ganz nur Gitzimist, sondern als einer, der was vorstellen sollte, der so viel sein sollte draußen im Lande als der Herr Amtschreiber selbst. Potz Blitz, was da für Stoff zu einer schwellenden Brust war! Da brauchten die Vögelein nicht zu pfeifen, die Blümelein nicht zu duften, die Sonne nicht zu glitzern, die Berge nicht majestätische Gesichter zu machen, so eine junge Schreiberbrust mit Wonne zu füllen; die kochte sich den Wonnestoff in der eigenen Pfanne, und die Vögelein konnten lange zwitschern und die Blümlein blinken, so eine innerlich glückliche Seele merkt das alles nicht. Er war noch keine Stunde weit gekommen, so streckte sich ein Wirtshausschild gegen die Straße hin; den merkte er, und er dachte, das schickte sich hier wohl, den Amtschreiber zu probieren und sich zu postieren, daß es eine Gattig hätte; zudem nahm es ihn wunder, ob das Stubenmeitli noch dort sei, welches er einmal gesehen und das ihm so bsunderbar wohl gefallen hatte, von wegen, es tat so manierlich, zäberlete schön und hätte sogar noch Vermögen, hatte man ihm gesagt. Öppe pressieren mit dem Heiraten tue es ihm nicht, sagte unser Held, aber man wisse nie, was es gebe, und da schade es allweg nüt, wenn me zur Zyt öppe lueg, wo me ane well, sih o öppe bikannt mach u agnehm. Wann konnte die Stunde günstiger sein? Ein weißes Hemde, schöne Hosen an, Geld für mehr als einen halben Schoppen u das Recht dazu, des Amtschreibers Postur anzunehmen, er mußte Eindruck machen, ds Meitschi mochte wollen oder nicht.

Er stellte sich also bolzgrad auf, postierte sich vom Tüfel, schritt gegen das Wirtshaus zu und öffnete weit der Gaststube Türe, daß er gleich mit der ganzen Postur darin erschien. Drinnen saß wirklich ds Änneli ganz alleine und knorzete an einem Strumpf. «Eh Servitör, Jungfer Süeßlächt», sagte der junge Herr und streckte sich schön gerade in seiner hart geschnürten schwarzen Krawatte. «Was lebet dr geng, es freut mih, wenn dr wohlsyt», sagte er mit starkem Anstand und sehr herablassend, ungefähr wie der Prinzipal mit ihnen redete, wenn er freundlich tun wollte. Der gute Junge wußte nicht, daß ihr Prinzipal ganz andere Mienen machen konnte, wenn er mit einem lustigen Mädeli oder einer Jungfer Süßlächt sprach, als wenn er einem gstabeligen Subjekt kapitelte. Dazu schlenggete er den Haarbüschel zurück und strich mit gespreizten Fingern nach. Änneli machte kein unmanierlich Gesicht; da kein Hübscherer da war, so gefiel ihm unser Herr nicht übel. «Was lebit dr geng?» sagte es, «Ihr syt lang nit dagsi, u womit chan ih ufwarte?» Damit legte es die frei gewordenen Hände über einander und rieb sie aufeinander. Der Herr rieb seine Hände auch, aber anders; der rieb sie ineinander und sagte: «Es macht frisch dä Morge, e halbe Schoppe Rote denk! Wenn man schon stark läuft, so mag man sich doch nicht erwärmen, man muß etwas haben, für nachzuholen, bsunderbar wenn man noch einen weiten Weg hat.»

Unglücklicherweise sagte er das, als Änneli bereits unter der Tür war, so daß die Frage: «Wo geyhts de no hi?» ausblieb. Während Änneli den Wein holte, rupfte der junge Herr sich noch besser zweg, übte sich im gravitätischen Schritt und dachte stark, wie er dem Gespräch die rechte Wendung wiedergeben könne. Es brannte ihn, zu erzählen, er stelle heute den Herrn Amtschreiber vor. Derselbe hätte sonst Keinen, dem er so was anvertrauen könne; derselbe wisse, daß wenn er ihn schicke, die Sache gemacht sei, gerade wie wenn er sie selbst gemacht, oder noch besser. Aber gar nichts wollte ihm einfallen, gäb wie er die Hände rieb und am Hemdekragen rupfte. Da stellte ihm Änneli den Wein auf den Tisch, frug: «Kann ich sonst noch mit etwas aufwarten?», und als er gesagt hatte: «Dankeiget, Jungfer Süeßlächt, emel einist nit», frug es, die Hände über einander reibend: «Um Vrgebung, wo geyht der Weg us?» Wie dem guten Jungen da ein Licht aufging! Es gehe doch nichts, dachte er, über ein Weibervölchli, das Verstand hätte, das mög selber no e Schryber mit em zSinncho un neuis Ersinne. Da erzählte er, für was ihn der Amtschreiber halte und wie er ihn dahin schicke, wo dSach e Nase heyg, wo nit en iedere drüber chömm, und bi ihre Gschäfte lay es sih luege, potz Wetter, mi syg vrantwortlig; es heyg scho Fäll gä, wo son e Amtschryber mängs tusig Pfung heyg müesse ersetze, wil sih son e Gali überluegt heyg un dSach nit exakt gmacht un nahm Gsetz. «Üse Amtschryber het scho mängist gseit: i keim Gschäft chöme so schwer Fäll vor wie i sym, und niemere müeß so vrtrauti, chennbari un durriebeni Lüt ha wie son e Amtschryber, sust heyg es gfehlt mit ihm.»

Es glaubs, sagte Änneli, un da uf dr Gnepfi werds o no nit am liechteste sy, drüber z'cho; es syg dert son es Gschäft, dLüt heyge scho lang drvo gredt. Er glaubs, sagte der junge Herr, es syg ihm scho vorcho, es heyg em Amtschryber selber gruset dra hi, u drum heyg er ihn gschickt, «er wird wohl gwüßt ha warum. Aber was säge de dLüt? Es chunt eim mängist chumlig, wenn me selligs weiß, mi cha sih de rangiere un öppe i acht näh. Es ist uf gar mängi Sach z'luege, es glaubts niemere, we me nüt vo dr Sach weiß.» Natürlich erzählte Änneli gerne, was die Leute sagten, wie dort ein Geschäft sei, viel gebraucht worden und wenig eingenommen, erzählte, wie allbets die Gumene fluchten über die dortige Unordnung und wie sie kein Geld erhalten könnten, wie sie fast keinen Wein mehr brauchten und der beste Wein, wenn sie ihn vierzehn Tage im Keller hätten, so schlecht würde, daß kein Mensch ihn mehr erkennen würde für das, was er gewesen. Mit ihm hätten die Leute noch Erbarmen gehabt, sövli e Wüeste wäre er nicht gewesen; aber seine Frau, das sei eine Wüste, so recht es hochmüetigs Beel, un wenn es die scho chehr, so möchten es ihr die Leute ume gönne, es sei auch fry gar niemere, der öppe Erbarme mit ihr hätte. Vor dere sölle er sich nur in acht nehmen, sust mach ihm die dr Marsch. «Oh, Jungfer Süeßlächt, heyt nit Chummer», sagte der junge Herr, «üsereim chunt mit gar viele Lüte i Vrkehr, u da wachse eim dHaar uf de Zähnge, mih weiß nit wie. Der gröbst Bur, wenn er i dSchrybstube chunt, wird so zahm, daß er nit weiß, darf er no uf zweu Beine stah oder ume no uf eim.»

Er begann Änneli zu erzählen, wie man so einen dummen Bauer zahm mache; es waren alte Geschichten, welche er vordatierte und in ihre Schreibstube versetzte, und wir zweifeln, ob er selben Morgen ab Fleck gekommen wäre, hätten ihn nicht einige Luzerner Säutreiber aus seinem holden Selbstvergessen geweckt und sein tête-à-tête gestört. Plötzlich fiel ihm ein, daß er eigentlich auf die Gnepfi solle, nahm holdselig Abschied, und Änneli ermangelte nicht zu sagen: «Chömit de zueche im Heygah!» Das tönte wie Harfenklang und Saitenspiel in die Ohren und machte einen Glücklichen noch glücklicher, von wegen, er deutete das persönlich, nahm das auf zu Ehren seiner schönen Augen und agnehmen Unterhaltig, wegem agnehmen Ydruck, daher drehte er sich um, so gut es die Krawatte erlaubte, und sagte höflichst: Er wisse nicht, wie es gehe, mi müeß sih geng nahm Gschäft richte, aber wenns möglich sei, mit allem Vergnügen. «Apropos, heyt dr öppe Zigarre, i dem kalte Wetter wäre eini nit übel.» «Bhüetis ja», sagte Änneli und brachte das Druckli; er chönn selber uslese, sagte es. So ein Zigarrenauslesen, besonders wenn einer nicht weiß, auf welcher Seite man sie ins Maul nimmt, und in großer Angst lebt, er könnte eine kriegen, welche nicht gut sei, mit Zündhölzchen nicht recht umzugehen weiß, bald die Finger, bald die Nasenspitze in Gefahr bringt, gibt die schönste Gelegenheit zur angenehmen Vertraulichkeit, zu heimeliger Annäherung. Erst mußte Änneli sagen, es glaub, das sei eine gute, dann, es glaub, das ander Ort schick sich besser ins Maul, dann, es wolle ihm Feuer machen, er söll ume zieh, fry brav, dann: «Jetzt heyt er mrs no glösche, chömet bas yche i Gang, wo dr Luft nit zieht, u tüet de fry süferli, so, jetz glaub brönnts, u we dr brav zieht, su wirds ech ha.» Jetzt muß man doch ein Möff sein, wenn man dabei nicht zu allerlei galanten Redensarten und Manieren Anlaß finden und sich dabei nicht wieder einige Minuten länger versäumen sollte.

So kam es, daß unser junge Hecht so spät eintraf, aber begreiflich sagte er was anders; man muß sich früh daran gewöhnen, wenn man im Alter was Rechts vorstellen will, allezeit mit guten Gründen bei der Hand zu sein. Eisi sah ihn verflucht sauer an, aber unser junge Herr nahm gar keine Notiz von ihm, er sah es für keine wichtige Person mehr an nach dem, was er von Änneli Süßlächt vernommen. Aber schön strüßte er sich vor den Grichtsäßen und längte ihnen die Hand, fragte, ob das nicht die Ausgeschossenen von der Gemeinde seien, längte dann auch diesen die Hand und sagte, er hulf anfangen. Da sagte einer der Gerichtsäßen: «E, ih wett doch no öppis näh; wenn me sövli wyt glaufe isch, su ma me wohl öppis. Seh, da isch no es sufers Kacheli, Wirti, du wirst wohl no neuis i dr Kanne ha.» «He», sagte Eisi, «wenn nit ist, su cha me mache, wes sy mueß.» Der junge Herr sagte zwar, er hätte nichts nötig, er sei gar nicht gewohnt, durch den Morgen etwas zu nehmen, und heute hätte er noch apart mit dem Herrn Amtschreiber deschiniert, wo dä ihm seine Instruktionen gegeben; da müsse man immer mehr nehmen, als man eigentlich möge, der Herr Amtschreiber täte es nicht anders. Indessen als Eisi ein Kacheli zusammengerüttelt hatte, so nahm er es doch und versorgte dazu so tapfer Käse und Brot, daß die Manne dachten, dä Kehr müeß das Dischiniere mit em Herr Amtschryber nit bsungerbar bschosse ha.

«Scho bal halbi zwölfi», sagte endlich einer, «jetz wärs doch de afe Zyt». Ja, sagte der junge Herr, man müsse daran hin, er sei zweg, ds Papier syg liniert, er müß nur noch einiges ausfüllen. So packe er sein Säckli aus, ein altes Ridikül der Frau Amtschreiberin, welches gewöhnlich zur Ehre kam, bei solchen Gelegenheiten aufzumarschieren, so wie ein vornehm Kutschenroß, wenn es alt und längst von der Staatskarosse entfernt worden, doch noch zuweilen zur Ehre kömmt, untergeordnete Subjekte zu ziehen, wenn die einmal Staat machen und sich zeigen möchten. «Nein aber, jetzt habe ich in der Eile das Tintenhüsli vrgesse, der Herr Amtschryber het mrs doch zwegta u gseit, ih sölls mitnäh, es chömm eim mängist chumlig. Weit dr doch so guet sy, Frau Wirti, und mr gschwind es Tintehüsli gä!» «Ja, ja», brummte Eisi, «bifehle cha en yedere Löhl», und nüsterte in allen Ecken herum und in zwei oder drei Stuben. Endlich sagte es, es wisse keins, es werds es King vrschleipft ha oder i dr Schuel vrgesse. Jä, sagte der schöne Herr, Tinte müsse er haben, das sei unerläßlich, man solle zum Krämer schicken, der werde sicher haben, und ein Gütterli solle er gleich dazu geben, man könne es dann waschen und zurückgeben, um nicht Kosten zu machen. Das sei ihm afe es Gstürm, schnauzte Eisi, es gsäch wohl, daß niemere begehr dSach furtztrybe; wenn die Donnere z'fresse u z'sufe heyge bis über e Hemlischrage uf, su früege si de am angere nüt nah, u das Benefizi chönnt sy wos wett. Die Magd rapportierte, dr Krämer heyg ke Tinte, dr Schumeister handli drum. «He, su lauf zum Schumeister, gschwing, süst nachtets, eh die Dräyhüng agfange hey.» Die Magd blötschte in Zentnertrab dahin, solange Eisi sie sehen konnte, dann machte sie sichs bequemer, stellte sich hier und dort und brichtete, was im Wirtshaus gehe und wofür sie springen müsse. Endlich, endlich kam sie in schwerem Trabe wieder angerückt, daß die Scheiben zitterten, und schnupsete: «Dr Schumeister isch nit daheim. Er syg i dRütti ga muse u werd dr Schlüssel zur Schuelstube i dr Täsche ha, si sig emel bschlosse, aber si well ihm es King schicke, u de well si de, wen er dr Schlüssel schick, es King mit eme Gütterli schicke, i re Stung oder zweie längst müesse si Tinte ha, es söll nit fehle, het dFrau gseyt.»

Da sahen sie einander mit Bedenken an. Eisi versprützte fast vor Zorn und fragte spöttisch, obs nit ds Gschydste wär, wenns ne grad zMittag brächt, si hätte jetzt, bis Tinte chäm, am baste Zyt drzue. Unserm jungen Herrn ward katzangst bei diesem boshaften Vorschlag, hatte er doch eben erst so tapfer eingepackt, daß er, obgleich sein Magen eine auffallende Dehnbarkeit besaß, wirklich in Verlegenheit gekommen wäre, noch mehr zum Frühern einzupacken; aber mit Einfällen eben nicht behaftet, wußte er nicht, wie dem Vorschlag, dessen Bosheit er eigentlich nicht einmal recht begriff, begegnen. Glücklicherweise waren die Schätzer gewandter und wußten solchen Zumutungen zu begegnen. Sie hulfen, meinten diese, ds Ghalt öffnen, wo die Barschaft sei, die könnte man zählen und afe angfähr übers Hausbuch luegen un was öppe für Gschrifte dasyge, einist müeß das doch gmacht sy, u gäb jetz oder gäb später, das chömm öppe i eys, u mit eme Rysbly chönn me ds Nötige da de ufmache, es werd nit so viel gä, u mit dr Federe chönn me de hingerdry drüberfahre.

In dem Vorschlag fand unser junge Herr große Weisheit, kriegte daher Respekt vor solchen Männern. Das seien Leute, dachte er.

Man fand die Siegel unversehrt, brach sie auf und öffnete das Bureau, welches das Herz des Hauses, das heißt die Schatzkammer war. Wenn so ein versiegelt Bureau aufgeht, offen vor den Anwesenden liegt, sie nur die Hände auszustrecken brauchen, um zu erfahren, was darin ist, es zu erforschen in den verborgensten Falten, es ist ein eigentümlicher Augenblick, und wie da schon so manches Herz geschlagen hat in großem Bangen und in bloßer Neugierde auch!

Vor dem Bureau seines Vaters, wie oft ist da der Knabe gestanden in großem Respekte, sah staunend, wie aus einer Schublade der Vater blankes Geld nahm, sah anderes, welches so wohl ihm gefiel, aber meist alles nur auf Augenblicke, seine Neugierde sättigte er nie, die Schätze alle übersah er nie, und was in all den Schriften und Briefen sei, durfte er nicht fragen. Wie manches Weib sah jahrelang auf des Mannes verschlossenes Gehalt, sein Bureau, grollend und eifersüchtig. Was darinnen war, das war ihm verborgen, selten öffnete es der Mann in seiner Gegenwart und nur auf Augenblicke, schloß die geheimnisreiche Kammer auf, nahm Bücher heraus, tat Geld hinein, wie der Kluge in einsamer Schenke, wenn gegenüber ein Unbekannter sitzt, sein Geld nicht vorzieht und ausbreitet, weil er die Macht gereizter Lust ermißt. Und der Schuldner, wenn er Zinse brachte, und der Gläubiger, wie oft dachte der: Oh, wenn ich doch sehen könnte, wieviel drinnen ist, wenn ich einmal so recht nach Herzenslust das Geld durch die Finger laufen, Zahl um Zahl überschauen, mit den schön geblümten Schriften tändeln, träumen könnte eine Stunde lang am offenen Bureau, alles, was darinnen, sei mein! Nun ist gestorben der Besitzer des geheimen Gehalts, den Schlüssel zu seinem Geheimnis konnte er nicht mitnehmen. Dieser blieb, ging in andere Hände über, diese schlossen jetzt auf, vor fremden Augen liegt nun offen, zum beliebigen Erlesen, was so viele Jahre lang so sorgfältig gehütet war; der Sohn, das Weib, der vielleicht zum Schätzer gewordene Schuldner stehen endlich am Ziele ihrer Wünsche, nach Belieben können sie enthüllen und schauen, was so lange ihnen verborgen war.

Ein anderer Schlüssel zu einem andern geheimnisvollen Behälter blieb nicht hienieden, den nahm der Gestorbene mit, den Schlüssel zu seinem innern Leben, zu seines Herzens Empfindungen, zu den Gedanken seiner Seele. Wenn der auch hienieden bliebe dem andern Schlüssel gleich, zu finden wäre in irgend einer Tasche, wenn man mit demselben aufschließen könnte des Toten geheimnisvolle Kammer, lesen könnte, was da innen sich bewegt hatte in der Jahre langem Laufe, aufgeschrieben fände in wunderbarer Schrift in der Sprache der Geister, was da innen alles sich bewegt und gereget hatte, vor dem Sohne aufgerollt wäre des Vaters Innerstes, die Witwe lesen könnte ihres Mannes Seufzer, seine Gebete, seine Träume, seine Hoffnungen! Was würde erst da innen zu finden und zu lesen sein, und wie würde beben in Erwartung jeder, der stünde vor dem aufgeschlossenen Geheimnis! Aber was das für ein Sterben wäre, wenn man wüßte, daß nach dem Tode die Lebenden aufschließen könnten der Seele geheime Kammern, lesen könnten, was da innen alles sich geregt und bewegt hätte in des Lebens langem Laufe, alles was später vergessen, überwunden worden, alles was flüchtig vorübergerauscht und was täglich wiedergekehrt. Was das für ein Sterben wäre im Bewußtsein: wenn du deine Augen geschlossen hast, so werden sie kommen und werden deine Seele öffnen und werden schauen alles, was darin gelebt, was du darin geborgen hast! Da fühlt es der Sterbende, wie gut es ist, in die Hände Gottes zu kommen statt in die Hände der Menschen, wie gut es Gott gemeint, daß er das Schauen der Seelen sich selbst vorbehalten hat, keinen Schlüssel dazu für die Menschen gemacht, einen Vorhang davorgewoben hat, den kein sterbliches Auge durchdringt. Doch wenn auch verschlossen und unsichtbar die Seele von hinnen geht, wenn endlich das Bureau offen steht, so werden doch in demselben ihre Spuren gefunden, Zeugen von ihrem Wesen und was sie wohl zuletzt gedacht und gewollt. Da innen sind vielleicht Briefe verwahrt, die vieles sagen, da innen ist vielleicht der letzte Wille verwahrt, in welchem enthalten ist, wen die geschiedene Seele am meisten geliebt, enthalten ist, was zuletzt besonders sie bewegte. Es finden sich da innen aber auch die Zeugnisse, ob sie Ordnung geliebt, den Ihrigen Vorsorge getan, dafür gesorget, daß ihr Tod nicht die Türe sei, durch welche ihre Hinterlassenen eingehen müssen ins Elend.

Ach, da war es schlecht bestellt mit Steffen; einer der Ausgeschossenen meinte, er hätte es fry no nie so atroffe. «Du wirst öppe no nit mängist drby gsi sy allem a, si werde öppe di Witzigere vorabgno ha», antwortete Eisi.

Wo eine Meinung so bestimmt und scharf sich äußert, da schweigt man einstweilen, man blickt sich bloß, wartet den Augenblick ab, wo die scharfe Person den Rücken gekehrt hat, dann läßt man los, was einen drückt.

Der Ausgeschossene hatte jedoch vollkommen recht, es war im Vorgefundenen ein Ghürsch sondergleichen. Es war wohl ein Hausbuch da, aber dasselbe in einem Zustande, um deswillen es verdient hätte, an einer Kunstausstellung ausgestellt zu werden. Längs Stück konnte man nichts lesen, besonders was Eisi aufgekräbelt hatte, sehr oft war die Sache so gestellt, daß das Gegenteil herauskam. So erschien zum Beispiel mehr als eine Kindbetti, welche als ausstehend verzeichnet war, wo aber zu lesen war, daß «wegen einer Kindbetti schuldig an Klaus Kräuchi acht Franken», oder aber «wegen geliefertem Wein an Herrn Gusch», oder «Herrn Kötz Wein geliefert zwölf Säum, tut fünfhundert Franken». Register hatte der Buchbinder eins gemacht, aber bald war eingetragen, bald nicht, bald durchaus unrecht: Kötz zum Beispiel im Buchstaben G, Gusch aber im Buchstaben F. Dann war wohl geschehen, wenn die Papiernot groß war, daß hier und dort ein Blatt herausgerissen worden war. Wenn zum Beispiel ein Reisender was schreiben wollte, der Krämer schon nieder war, der Schulmeister in der Rütti, und im ganzen Hause war nicht eine Handgroß weißes Papier, so hätte Eisi sich doch nicht dafür gehalten, so was zu bekennen, solange noch irgend weißes Papier zu kriegen war. Da nun Steffen nicht hätte ds Herrgetts sein sollen, ihm einen Schlüssel zu verweigern, wenn er ihn nämlich zufällig hatte, und eigentlich selbst zu faul war, an die Folgen zu denken, so mußte in solchen Nöten unbsinnt das Hausbuch herhalten. Aus dem gleichen Grunde mußte dasselbe herhalten, wenn etwas aufzuschreiben und kein ander Papier da war, was eigentlich durchaus nicht in das Hausbuch gehörte. Begreiflich hatte man nicht immer Zeit, zum Schulmeister zu schicken, besonders wenn er in der Rütti musete. So hatte zum Beispiel Steffen darin aufgeschrieben, wer an einer bei ihm abgehaltenen Steigerung auf ein ihn weiters nicht angehendes Stück Land geboten und wieviel – bloß wegen der Merkwürdigkeit der hohen Gebote –, aber was für einen Stich er mit dem Gerber hatte und wie sie in Rechnung stunden, das fand sich nirgends. Es fand sich ein bedenklich Gekribel vor, welches niemand lesen konnte. Endlich gab Eisi Auskunft, daß es eine Rechnung sei, wie oft die Speisewirtin das Südeltrögli trotz angelegtem Verbot benutzt habe zu jener Zeit, wo sie einen Prozeß deswegen begonnen hatten. Es fanden sich Quittungen, aber im Hausbuch stand die Schuld noch, Fuhrbriefe, aber kein Betrag im Hausbuch angezeigt, es fand sich da ein fürchterlich Gewirr, welches dem Stellvertreter des Amtschreibers den hellen Schweiß auf die Stirne trieb. Barschaft fand sich vor über hundert Fünffrankenstücke und allerlei Grümpel noch darneben, wo Eisi nicht ermangelte, zu bemerken, so Hudelleute, wie man meine, seien sie doch nadisch nicht, es syg mänge Gugag, der anger Leute Vogt sein möchte, u sövli Geld heyg er nit u sy Ätti nit u dr Großätti nit binenangere gseh. Es heyg zum Byspiel es Burgergmeindli, we me dert dBure all uf e Gring stellti, sövli Münz, als da sei, fiel ihnen nicht aus den Säcken, man könnte dFüdle so lang doppeln, als man wollte. «He ja», sagte einer der Ausgeschossenen, «öppe viel Geld desumezkräze hey mr nit im Bruch, mr luege öppe drfür, daß we mr gstorbe sy, dSchulde nit daherchöme wie dKrähye uf ene Keib.» He, sagte Eisi, die uvrschantisti Nation syge dKrähye nit, we me tot syg, so tües eym nüt meh weh; hundertmal uvrschanter syg das Gschmäus, wo eim bi lebigem Lyb plag, we me sih nit wehre chönn, we me schlaf, oder we me eß oder we me Witwe werd oder es arms Waisli. «Aber aprobo, vo wegem Gschmäus, gchochet wär, u aständig wärs, we drs nähmtet, wils warms isch, öppe dr ganz Tag ds Für z'ha für nüt u wider nüt, wurd sih öppe nit schicke so für es arms Witfraueli, dere me rübis u stübis alles ischrybt.»

Unterdessen hatte des Schulmeisters Kind Tinte gebracht, unser junge Herr konnte vervollständigen, was angefangen war. Als er zum Einschreiben der Barschaft kam, geriet er in Verlegenheit, wie er die Fünffrankenstücke berechnen solle, ob zu fünfunddreißig Batzen oder zu vierunddreißigeinhalb, gesetzlich oder ungesetzlich. Darüber hatte der Amtschreiber keine Instruktion gegeben. Er trug den Fall den Anwesenden vor. Die Schätzer meinten, er solle sie ungesetzlich nehmen, gehe doch alles, was einzuziehen sei, ebenfalls ungesetzlich ein, und Wein und derlei Schulden werde man auch nicht gesetzlich bezahlen. Die Ausgeschossenen dagegen sagten, sie hätten den Befelch, sich am Gesetz zu halten, und so wollten sie alles gsetzlich haben. Gehe es dann wie es wolle, so sei man nach dem Gesetz gefahren und man könne ihnen nichts vorhalten, und zletsch de no öppe ga z'vrgüete, wes zweni syg u me lätz grechnet hätte, selb möchten si doch neue nit. Das werde ihnen öppe niemere zuemuete, sagte Eisi. Aber es sehe wohl, worauf es gemünzt sei. Sie sollten aber nur machen, was sie könnten, es sei dann auch noch da. Daß man mit ihm machen könne, was man wolle, öppe wie man sich gewohnt hätte so bei einem Nebeusfraueli, wo nüt vo dr Welt wüß, selb sei nit. DFeufedryßger sölle si ufmache, wie me se ynähm un usgäb, u nit angers. Es sött kes Vrmöge fürecho, es merks wohl, aber si sölle sih i acht näh, was si mache. Jetzt sei ds Esse zweg, si sölle mache u cho. Der Schreiber hätte noch gerne die Sache ins Reine gebracht, ein Schätzer aber (der, welcher heim mußte, um zu füttern und zu melken) meinte, es sei schon lange über Mittag, bal drü, er hulf öppis ga näh, me chönn de geng nache no furtfahre, wes no Zyt syg. Begreiflich hatte diese Meinung das Mehr, und Eisis Aufwartung ließ man sich behagen, denn Eisi hätte sich nicht dafür gehalten, die Sache nicht recht zu machen, wie unanständig ihm auch die Männer waren.

Die Männer vertieften sich in gemütliche Gespräche über vorliegende Dinge, vom Rindfleisch kamen sie auf die Kühe und vom Kalbfleisch auf die Kälber usw. Lustig wäre es gewesen, den Gegensatz zwischen dem jungen Herrn und den andern Männern, namentlich den Ausgeschossenen, zu betrachten. Der junge Herr schnäbelte so hastig, als ob er in Furcht lebe, er möchte zu kurz kommen, und wenn er nicht rasch mache, so könnte nichts mehr da sein, oder ein strenger Blick der Frau Prinzipalin jage ihn vom Tische, ehe er satt sei. Die Andern hatten es nicht so, man sah es ihnen an, daß sie in voller Ruhe das Vertrauen hatten, es stehl nes niemere. Namentlich einer derselben aß mit einem Behagen, daß es eine Freude war, ihm zuzusehen; es lag in seinem Essen der feste Entschluß: Kumen ih nit hüt, so machen ih bis morn!, das heißt: Kriege ich heute nicht genug, so esse ich bis in den folgenden Tag hinein, und ehe ich genug habe, höre ich nicht auf. Er nahm langsam, führte langsam zum Munde, kaute langsam, schluckte langsam, legte und bygete alles zweg, als ob es jahrelang aufgebyget sein sollte. Er war daher beständig hintendrein, und als die Andern schon beim Rindfleisch waren, war er erst beim Voressen, und als sie mit dem Kalbfleisch fast fertig waren, da reckte er erst nach Schweinefleisch und Sauerkraut. Aber das irrte ihn nicht, brachte ihn nicht in Hast, auf seinem Gesichte stand geschrieben: Machet ume, das ist mir doch glych, ihr werdet wohl warte, bis ih o fertig bi! Wenn man ihn mit dem eilfertigen Herrn verglich, so hatte man zwei schöne Vergegenwärtigungen: der langsamen Stabilität, die es sich behaglich macht auf der Welt, und der flüchtigen Beweglichkeit, die heißhungrig alles verschlingt und doch nie recht satt zu werden scheint und alleweil mager bleibt.

Es war auch recht schön, wie Beide einander Blicke zuwarfen und innerlich sich gegenseitig auszäpfelten. Der Ausgeschossene lächelte, weil der Andere fraß wie ein junger Jagdhund. Friß du ume, dachte er, du wirst bald höre u mast nit halb e sövli wien ih. Der junge Herr lächelte nicht weniger. Herr Jeses, wie der ißt, wohl, den würde die Frau Amtschreiberin anders dressiere, u de wurds ne no selber lehre, wenn er ungesse vom Tisch müeßt! Wenn ers bi üs so miech, so hätt er nit dSuppe gesse, wenn scho keis Stäubeli meh uf de Platte wär. Nei aber, so han ih doch no niemer gseh. Das ist es rechts Burebabi un überchunt däweg niene gnue. Und während der Andere bloß für sich lächelte und zäpfelte, warf der junge Herr Blicke, bald nach diesem, bald nach jenem, und wollte winken und deuten, aber in keinem einzigen Auge lockte er Blicke des Verständnisses hervor, nicht einmal aus Eisis Augen. Eisi war diese Weise, zu essen, nicht ganz neu, zudem hatte es den Schreiber auf der Mugge, es hatte ihm die Speisewirtin noch nicht vergessen und auch die Frage wegen den Fünfunddreißigern nicht. Es ist nun nichts fataler, als jemandem blicken und nicht verstanden werden, darum ward unser junge Herr verlegen; um diese Verlegenheit zu verbergen, aß er um so hastiger, und als er dieses sah, lächelte der Andere desto seliger und aß um so behaglicher.

Den Herrn wurmte es, daß niemand ihn verstehen wollte, und es ist, wie gesagt, nichts fataler als das Gefühl, nicht verstanden zu werden oder nicht verstanden werden zu wollen, unter Larven die einzig fühlende Brust! Dem reise ich es noch, dachte er, denn sich rächen zu wollen, ist eine allgemeine, auch der fühlenden Brust zukommende Empfindung. Kaum hatte er den letzten Bissen hinunter, so daß er deutlich fühlte, noch einer habe nicht mehr Weite, so sagte er, er hulf wieder drahi, es sei ihm, daß die Sache gefördert werde. Da blieb es stille am Tisch, kein Mensch antwortete, aber auch keiner tat einen Wank. Das lästige Schweigen versüßte er sich mit einigen tapfern Schlücken, endlich sagte er doch wieder: «Ja, es wär mr doch recht, wenn mr wieder drahi gienge, mr hey fast nüt gmacht hüt no, un es isch viel Arbeit.» He ja, sagte endlich der behagliche Ausgeschossene, da alle Andern schwiegen, er hätte nichts darwider. Sie seien schon um achte dagewesen; wenn man ds selbist hätt chönne afa, su hätts öppis möge ergä, u de wo me gmeint heyg, es gäbs, heygs du a dr Tinte gfehlt. Wenn er das gwüßt hätt, su hätt er mitbrunge, er hätte notti o daheim. Das sei von einem guten Kalb (das Fleisch, welches er aß), aber doch notti nit vom ene so schwere, wie er letzte Zyste uf Langete gfüehrt heyg. Das gab eine lange Geschichte, während welcher er mit dem Essen noch weniger pressierte als vorher. «Wahrhaftig, es fängt schon an zu dunkeln», sagte endlich mit ungeduldigen Gebärden der junge Herr, welchen die Kälberverhandlung wenig interessierte, «wir werden doch einist drahi müesse.» Da zog der eine der Schätzer die Uhr hervor und sagte: «Jo wäger, scho meh as halbi feufi, da mueß ih hey, ychegä werde si wohl afe ha, aber träyche u melche mueß ih selber, u gäb ih hey bi, geyhts non es Wyltschi. U gäb ih syg da oder nit, ihr chönnt notti furtfahre.» «Selb nit, ih wott nit eleini dSach mache u drby sy», sagte der andere Schätzer. Nach langem Märten ward endlich erkannt, mi well für hüt da blybe u de morn zytli furtfahre. Mit sellige Sachen könne man ohnehin beim Licht nicht viel schaffen, bsunderbar wenn eim dAuge afaye böse u me ke Spiegel bin ihm heyg.

Unser junge Herr wurde dabei nicht gefragt, die Andern machten das mit halben Worten aus, sie verstunden sich innerlich, und wenn man im Herzen einig ist, so braucht es der Worte nicht viel, um sich zu verständigen. Jede Sache hat eine gute Seite, wohl dem, welcher sie rasch bemerkt, wenn sie ihm sich zuwendet, er ist zum Diplomaten geboren, er wird Großes vollbringen in der Welt, das heißt es weit bringen, das heißt gute Pöstlein werden ihm allweg nicht fehlen, während der Eigensinnige und Starrköpfige, der gar nicht begreift, daß man jede Sache wenden kann wie an einem Bratspieße und allemal, was oben ist, am besten ist, wie ja auch unsere Erde gleichsam an einem Bratspieße läuft und es mittags oben auf ihr am hellsten ist und am schönsten, wenn man nämlich was Gutes zu Mittag hat, sondern welcher was anders will, was eben nicht oben oder nicht Trumpf ist, sein Glück beim Schwanz zieht und mit Welt und Weltkindern beständig im Kriege liegen wird. Unser Jungherr hatte große Anlagen in diesem Fach, wenn man dieselben ihm schon nicht ansah, er faßte es rasch, wie kommod es ihm wäre, wenn er die Lücken in seiner Instruktion, welche die Erfahrung ihm bemerkbar gemacht hatte, ausfüllen und namentlich bestimmte Weisungen vom Herrn Amtschreiber erheben könnte, wie die Fünffrankenstücke zu berechnen seien, ob zu fünfunddreißig Batzen oder nur zu vierunddreißigeinhalb Batzen. In dem Fall, sagte er, wolle er geschwind heim, der Herr Amtschreiber habe es nicht gerne, wenn seine Subjekte außer Hause übernachteten, und jetzt gebe es es noch gar gut. Das Ding fand Widerspruch; wenn man morgen wieder erst bald um zwölfi anfangen könnte, so wärs doch neue bös, sagte einer, und Eisi meinte, dr Amtschreiber werd wissen, warum er sie lieber daheim habe; aber Vrstand werd er doch o ha u bigryfe, daß we me ume e Stung oder zwo a re Sach syg, e Sach länger gang, as we me drahi gang, wies öppe o dr Bruch syg u wofür me dr Lohn heyg. Drnebe chönn er mache, wie er well, es frag dem einstwyle nüt nah.

Unser Jungherr wäre vielleicht rückgängig geworden, wenn ihm nicht Änneli Süßlächt lieblich vor Augen gestanden und der holde Spruch: «Chömet de zueche im Zruckcho!» in den Ohren geklungen hätte. Er ging, aber wegen Änneli hatte er sich verrechnet, auch nicht zu einem traulichen Augenblicke fand dasselbe Zeit oder Lust, nicht einmal die Zigarre half es ihm anzünden; es waren jetzt andere Majestäten da, Sterne erster Größe, die ein so armselig Ding, das noch gar kein Stern war, höchstens ein kleiner Mond, der um einen Amtschreiber lief und von diesem alleine Glanz und Licht empfing, total verdunkelten. Er ward böse in seinem Gemüte und wälzte in selbigem schwere Gedanken, erstlich über das ganze weibliche Geschlecht. Alle und eine seien doch gleich, dachte er, und eine so nichtsnutzig als die Andere. Keine hätte Sinn so für einen rechten Menschen voll Verdienst und innern Geist und hoher Bildung, der einen Begriff hätte von beiden Sprachen und wüßte, was Weltsch sei, der eine so ferme Handschrift schrieb und schon hie und da was ins Amtsblatt gemacht hatte ohne Aufsatz, was doch gar Mancher nicht könne, der meine was er sei und dNase schon bald zoberist hätte. Die Gäxnäseni liefen jedem Hosenbein nach, in dem ein Leutnant stecke oder sonst einer mit einem Titel, und wenns am Ende nur Mauser wäre oder Lumper, und je mehr einer lumpe, dest besser gefalle er ihnen. Da innen seien Viele gewesen, ja fast alle, die nichts wert seien gegen ihn, bsunderbar innerlich, aber weil sie schöner daherkämen und tituliert wären, Drei oder Vier sogar mit Schnäuzen, so hätte er hintenabsehen können, und kein gut Wörtchen hätte das Gäxnäsi ihm gegeben. Dem wolle er es aber zeigen, dem wolle er nicht bloß gut genug sein, wenn es alleine sei und an Strümpfen knorzen solle, da kehre er nicht mehr ein, oder wenn es sein müsse, so gebe er dem Täschli kein gut Wort. Und warte das nur, bis er einmal sei, was er sein werde, dann wolle er dasselbe trabeln, daß es wisse, was trabeln sei! Dem wolle er dann seine Frau bringen, eine gebildete Tochter, so eine aus einer Sekundarschule, wo wisse, wo der Murtensee sei, oder gar eine Weltsche, dann wollten sie das Lumpenmönsch, wo gar keine Bildung habe, nicht einmal ansehen, das müsse dann wissen, daß ein Unterschied sei so zwischen einem Stubenmeitli und Standspersonen. U we das sih de nit dFinger abbyß bis hinger a Ellboge, su well er hingertsi ga Rom laufe.

So wälzte unser Subjekt donnernde Gedanken in seinem Gemüte, welche jedoch noch selben Abend in den frostigen Erörterungen des Amtschreibers abgekühlt wurden.

Wir wollen die ganze Geschichte des Inventarisierens nicht beschreiben, wollen beim Vorgeschmack es bewenden lassen, die Geduld könnte Manchem bei der Beschreibung so gut ausgehen, als sie bereits Manchem bei der Sache selbst ausgegangen ist. Nur weniges Bezeichnendes müssen wir noch berühren.

Am folgenden Tag war man ziemlich früh beisammen, die Gewissen schienen in etwas erwacht zu sein, indessen ganz besonders rückte man doch nicht mit der Sache. In einem Wirtshause gibt es der Sachen gar mancherlei aufzuschreiben, besonders wenn man im Kaufen, was einem in die Augen stach, eben nicht spröde gewesen war. Von vielem war der Wert den Schätzern nicht kunds, sie sagten oft: «Ih weiß my Treu der Sach ke Gattig z'gä», und wenn Eisi sagte, was es glaube, daß die Sache gekostet habe, so düechte es sie gewöhnlich viel zu viel; da gabs ein langes Werweisen, ehe endlich einer sagte: «He nu, su machit e sövel, es wird enangere nit übel bschyße, u wes de scho meh gilt, su wird niemere nüt drwider ha.» Wenn aber auch die Sache ihnen bekannt war, so lief es doch oft nicht kürzer ab. Ein Schätzer hatte den Brauch, Vergleichungen anzustellen, so oft er konnte, zwischen der Sache, wo er schätzen sollte, und den eigenen Habseligkeiten, welche er daheim hatte. «Grade so eins haben wir auch, ume daß de üses viel ds brävere ist, dr Großätti hets scho gchauft, er het mängisch gseit, es heyg ne ume sövli gchost, un jetz ist es no emel ds Halb meh wert weder das.» Solche Vergleichungen dienten natürlich nicht in Eisis Kram, es erkaltete daher sichtbar gegen die Schätzer, und den, welcher so stark in den Vergleichungen war, trumpfte es oft nicht schlecht ab. «Es isch doch schad», sagte es, «lebt dä Großätti nimme, wo sövli guet u sövli wohlfel het chönne chaufe, es mangleti ne niemere bas as grad dihr selber.»

Dagegen schien eine Annäherung mit den Ausgeschossenen stattgefunden zu haben. Eisi begegnete ihnen freundlicher, und sie achteten sich Eisis Reden mehr. Wie das zugegangen war, ward nicht erforscht, aber der Abend war lang, den sie alleine im Wirtshaus zugebracht hatten, und dann müßte doch alle Bildung und aller Fortschritt nichts helfen, wenn eine Weltfrau wie Eisi an zwei Baurenmännlenen nichts abbringen, ihnen nicht wenigstens imponieren sollte. Zudem sahen sie viel Sachen und glaubten vielleicht, wo so viel Sachen seien, müsse auch Vermögen sein, allweg die Sache nicht so bös, wie sie den Verdacht gehabt. Freilich Wein war nicht viel da, zum Verwundern leer waren die Fässer. Eisi entschuldigte dies, indem es sagte, sie hätten viel bestellt, er hätte längist kommen sollen, es wisse nicht, wo er bleibe. «Süst», meinte der abgetrümpfte Schätzer, «möge die Wyhändler nit warte, bis si schicke chönne, es isch ne o ums Geld, wenn si denke chönne, si überchämtes öppe inist.» «Du wirst afe viel Wy gchauft ha», sagte Eisi, «daß de so guet Bricht weißt. Wirst meine, dWyhändler heyges o wie du, we de drü Müttli Korn vrkaufst u dr Müller zahlt nit grad, su leyst ja o enangerenah anger Schueh a u laufst vo Hus zHus ga Bricht yzieh, obs ächt vrlüre müessist oder obs ächt e Müglichkeit syg, daß de de nadisch chönnist dHoffnig ha, daß de de öppe inist no zahlt werdist, gäb dr jüngst Tag vrrumplet heyg.»

Den gröbsten Hatz jedoch setzte es ab bei der Schatzung der Liegenschaft, welche man bis zuletzt aufgespart hatte. Eisi wollte für ds Guggers Gwalt, daß man den Wert nicht bloß nach den Kaufsummen bestimmen solle, sondern noch dazuschlagen, was man für Kosten damit gehabt. Zu diesen Kosten rechnete es aber nicht bloß das verbaute Geld, sondern es hatte auch an das verprozedierte gedacht, vo wege, we me nit grad das Gwerb gha hätt, su hätt me nit müesse prozediere, u wers chauf, müeß doch dem o viel rechne, daß dProzeß jetz abta syge. Die Schätzer wollten aber kaum mehr hinauf zu der Kaufsumme, geschweige denn da hinauf, woran Eisi dachte, auch gar nicht so hoch, wie die Liegenschaft angeschlagen worden, als Steffen den Schein hatte fällen lassen. Damals hatte man einen mutmaßlichen Wert im Auge, von dem keine Rede mehr war, und nicht den wahren Wert. Item, die Speisewirtschaft drüben lief jetzt ordentlich, item, die neue Straße war noch nicht gemacht, und da der Ingenieur geändert hatte, so war mit Grund zu vermuten, daß mit einem neuen Gelehrten auch eine ganz neue Gelehrsamkeit, neue Grundsätze und Ansichten aufs Tapet kommen würden, ja die Gnepfi ganz und gar abgefahren werden könnte, in welchem Fall sie dann wirklich dienlicher zu einer Waldbruderhütte als zu einem Wirtshaus wurde. Das alles begriff freilich Eisi nicht, darum tat es wüster als nie, weil es erst jetzt recht deutlich sehe, wie man es ihm machen wolle. Es zwängte aber nicht viel. Es komme ihm sövli nicht darauf an, u müglich sygs ja, daß die Schatzig doch nit viel z'bidüte heyg. Vierzg Krone chönn er no helfe zuechemache, ume daß Eisi sih nüt z'rchlage hätt, meinte der eine Schätzer. «Ih pfif dr uf dyni vierzg Krönleni», sagte es, «du wotsch mih für e Narr ha, aber ih sötts nit merke u dr no grüseli danke; aber dä Kehr bist a dr Lätze.» Es gebe aber einen, der werde ihnen schon den Marsch machen.

Endlich, als alles, was man finden und auftreiben konnte, auf dem Papier war, fand es sich, daß wenn man das halbe Weibergut, dessen Nachgang erklärt war, abrechne, noch Vermögen heraussah, «und ds Halb mehr würde es gegeben haben, wenn sie nicht geschätzt hätten wie Schelmen und Spitzbuben», sagte Eisi seinen Vertrauten.

Sie könnten jetzt sehen, wie die Sachen stünden, sagte Eisi zu den Beteiligten, und daß es keine Rede sei, daß es hier nicht fortfahre, darum hoffe es, man werde es jetzt nicht mehr so wollen eingänterle wie bis dahin; es werde jetzt doch ungeniert gehen können über Geld und Wein und alles, was es öppe nötig hätte. Das sei in einer Wirtschaft nicht wie öppe in einem Bauernhaus, wo man nichts mangle als all Tag Erdäpfel und alle sieben Jahr, wenns gut gang, einen frischen Anzug an die Betten. Da komme alle Tage etwas Ungsinntes vor, wo man nicht Zeit habe desume z'gumpe, u de no grusam aha sött für das, wo sy müeß; so a dGnad vom ene Schnürfli möge es nit cho.

«He, wie es herauskömmt, Frau, weißt du noch nicht, es frägt sich, ob alles da ist, was Ihr schuldig seid, ich zweifle, wart ume, das wird sich bald erzeige. Es ist mir, ich hätte einen Ton gehört, wo was anderes sagt», sagte der bösere Schätzer. «Du wirst manchen Ton hören, während der Tag lang ist», sagte Eisi, «dawider bin ich nicht, aber ob der Ton von einer Kuh kömmt oder von einem Menschen, selb merkst du nicht, dafür sind deine Ohren nicht gereiset. Einmal dir sind wir nichts schuldig, gottlob; wenn wir dir einen Kreuzer schuldig gewesen wären, du wärist Tag und Nacht vor der Türe ghocket wie dr best Hushung, bis de ne gha hättist.» «Nit, nit», sagte der andere Schätzer, «das chunt neue afe wohl grob, un es wär dir nützer, Wirti, du zugist dPfyfe e chliseli y, allweg weißt du no nit, wies chunt.» «Selb wär gspässig», sagte Eisi, «wenn ih das nit wüßt, wer sötts de wüsse, u de heyt dihr ja alles ufem Papier.»

Eisi wußte gar wohl, daß das nicht so war, es kannte einzelne Ausstände ganz genau, aber kurios ist es, wie der Mensch selbst Dinge, die er weiß, sich ausreden, oder besser gesagt, ganz vernütigen kann. Eisi machte sich selbst weis, was nicht auf dem Papier stehe, das mache nichts, das wüßte ja niemand und selb brauche auch niemand zu wissen. Halb dachte es, es werd vergessen, halb hoffte es, wenn es mit den Leuten vernünftig rede, so gäbten sie die Anforderung nicht ein, sondern kämen an ihns und sein Versprechen. Kurz kurios waren Eisis Gedanken, wunderlich durcheinander, das bloß stand fest und klar vor ihm: es wolle Wirtin auf der Gnepfi bleiben, die nächsten Verwandten möchten ihm das nicht gönnen, aber wenn es sich vrfluecht wehr u ds Wüestist alles mach, su heyg das ke Not, Vrmöge syg allweg gnue da, u was da syg, syg sys, u mit dem chönn es mache, was es wolle, da heyg ihm ke Hung nüt z'bifehle. Alles nun, was dieser Überzeugung widersprach, seien es Menschen oder eigene Gedanken, eigenes Wissen, trümpfte es verflümert ab und wies es kurzweg von der Hand. Dieser Gemütszustand scheint wunderlich, fast unnatürlich, und doch, wenn die guten Leute ihre Vergangenheit erlesen wollen, so werden die Meisten finden, daß derselbe ihren eigenen Erfahrungen nicht fremd geblieben ist.

Als der bessere Schätzer Eisi auf so hohem Rosse sah und mit scharf eingelegtem Speer, so sagte er: «He nu, sei das jetzt wie es wolle, so geht das mit dem Wein und überhaupt mit dem Ybschließe üs weneli oder nüt meh a, das ist ds Massaverwalters Sach. Wenn der dich über das alles lassen will, so kann er unseretwegen, das ist seine Sache, wir haben ihm da nichts zu befehlen und nichts zu verbieten.» «Das wäre gspässig, wenn das nicht an euch wäre. Ich habe mit ihm geredet, und er hat mir gesagt, wenn ihr und die Ausgeschossenen ihm ume es paar Buechstabe welle gä uf Stempel, su mach er was me well, es syg de nit öppe, daß er Freud dra hätt, mih z'plage. Un ih han ihm wohl agseh, daß es ihm so gsi isch, vo wege, er isch e brave Ma, es wär wohl guet, es wäre all eso.»

Dawider hätte er nichts, sagte der Schätzer, er sei ihm ganz der Rechte, und wenn die Ausgeschossenen den Massaverwalter autorisieren wollten, so sei es ihm ja recht, aber wie gesagt, seye gehe es nichts an, sie seien nichts als Schätzer.

Dawider würden öppe die Manne nichts haben, meinte Eisi, sie könnten ja jetzt sehen, daß da nichts Gefährliches sei, wo noch so viel Vermögen zum Vorschein käme.

Das düech seye wunderlich, daß sie da sollten autorisieren, das sei sonst neue nicht der Brauch. Allweg täten sie es nicht von sich aus machen, sie müßten es erst der Gemeinde vorbringen; wenn dann die eintrete, so könne es ihnen auch recht sein. Als nun Eisi gegen diesen Aufschub protestierte, weil auf diese Weise ihm die Sache eingeschlossen bliebe, es wisse kein Mensch wie lange, denn bis die Mannleni dMüeh nähmten, zsämezstopfe, gehe es manchmal lange, und es habe sich verflucht und verschworen, so eingänterle, wie wenn nichts sein wäre und es zu nichts was zu sagen hätte, lasse es sich nicht, da fand unser junge Herr passend, seine Stimme zu erheben und Eisi zur Ordnung zu weisen. Er hatte Eisi bedenklich auf die Mugge gekriegt, denn Eisi hatte ihn immerfort mit schnöder Verachtung behandelt und ihn in das schlechteste Bett gelegt, welches es im Hause hatte; er wollte das Ding ihm jetzt eintreiben.

Es werde sich dem Gesetze unterziehen müssen wie alle andern Weiber auch, wo ganz andere Vermögen aufzuweisen hätten. Die Gemeinde könne und werde nicht eintreten, sie hätte dem Massaverwalter nichts zu erlauben und nichts zu verbieten, das Gesetz spreche darüber deutlich, und wenn der Massaverwalter was wolle, so wisse er, an wen er sich zu wenden habe, sonst solle er nur das Gesetz lesen, in denen und denen Paragraphen stehe es deutlich, ein Kind könne es begreifen.

«U mih düecht de», sagte Eisi, «das gieng Euch nüt a u das söttet dr begryfe. Wenn die Manne wey, su heyt dihr nüt drnah z'frage, dihr syt nüt as e Schryberdiener u no vo de mingere eine, u de no lang nit dene Manne Vogt, u bruchet ihne nüt ga vorzcheue, was si z'tue oder nit z'tue heyge, die werde öppe, so Gott will, witziger sy, as daß si vom ene King manglete brichtet z'werde.» Unser Herr war wie gesagt noch wohl jung, hatte noch keine Nase wie das Rhinozeros ein Horn, das bekanntlich nie rot wird und vor nichts erschrickt. Er ward böse, die Lust zum Aufbegehren fehlte ihm nicht, bloß das Courage dazu, und vergessen hatte der Amtschreiber, ihn zu instruieren, wo er allfällig aufzubegehren hätte, wo aber nicht; er sagte daher bloß: «Ih wott dene Manne gar nit bifehle, ih ha bloß gseit, was im Gsetz ist, drnebe chönne si ja mache, was si guet finde, dry mischle ih mih nüt. «Selb wird ds Best sy», sagte Eisi, es düech ihns, er hätt zu ihm selber gnue z'luege, un ds Gsatz werd ihn öppe weni agah. Wenn er schryb, was me ihm bifehl, su werd er öppe nah weni angerem meh z'frage ha. Da stach unsern Mann denn doch das Puntenöri, die Amtsehre. «Verzeiht, Frau Wirtin, da seid Ihr falsch daran, wir müssen das Gesetz kennen, und alles, was wir machen, müssen wir nach dem Gesetz machen und eben auch dazu sehen, daß alles nach dem Gesetz geht.» «Öppis Dumms eso», sagte Eisi, «da wurd me de sellig schicke! U de düecht mih no, wenn selb wär, su söttet dihr de zerst bi Euch selber luege, daß es nahm Gsatz gang u daß de Lüte nit ds Halb meh gheusche wird, as recht isch, u ghudlet ganz Nächt, daß me zletzt nit weiß, weles die größti Sau ist.» «Frau Wirtin», sagte unser Männchen, «was, mir heusche ds Halb meh, as recht ist? Das kann ich nicht so annehmen, das ist gschulte, ih vrmahne, ihr Manne.» «Siebemal cheut Ihr vrmahne, we dr weyt», sagte Eisi, das den Rummel in solchen Sachen aus Erfahrung wohl kannte, «aber ih ha nit gseit, dihr heuschet ds Halb zviel. Was zum Tüfel wettet dihr o z'heusche ha, so eine wie dihr ist froh, wenn ihm niemere nüt heuscht, ihm nit us emen iedere Hus eine oder eini nahspringt u dHang darhet.»

Das stach, jetzt ward er wirklich zornig und sagte: «Was, es lauf mir aus jedem Haus jemand nach und heyg z'heusche? Das ist nicht wahr, ich vermahne noch einmal.»

«Putzit doch zerst dOhre u trochnet se, eh dr vrmahnit!» sagte Eisi, «sust säge die Manne, dihr syget ume e Stürmi, u lache ech us. Ja lueget ume, es lächeret allsame, daß dr da vom Gsatz brichte weyt, un es eifalts Wybervölchli het ech am Hag u weiß, was ds Gsatz erlaubt z'rede u was Vrmahne ist. Es düecht mih, mi sött am Amtschryber 's la z'wüsse tue, wenn er ke Witzigere z'schicke heyg, su sött er es angermal selber cho.» Das sagte Eisi laut; was es aber im Hinausgehen brummte, daraus wußte man nichts zu machen.

Unser Herr fragte zwar rundum: «Was seyt si, was het si gseit?», aber alle sagten, si heyg neuis brummlet, selb heyge si ghört, aber vrstange, daß si öppis drus mache chönnte, selb heyge si nit.

«Aber vorhin hat mich die uvrschante Frau gescholten, daraus wird doch wohl etwas zu machen sein, so kann ich das doch nicht annehmen», sagte er.

«Ih wett das la grate», sagte einer. «Es ist es Wybervolch, u dene isch sih nit viel z'achte, am beste chunt me mit ne furt, we me tuet, als hätt me nit ghört, was si gseit hey. U de wurd me us dene Worte öppe nit emal viel chönne mache, si het nit gseit, dihr syget alle Lüte schuldig, bloß, dihr syget froh, we si Euch nüt heusche, u nit, daß dihr zviel heuschet, bloß: dihr söttit zerst bi Euch luege, u das het gar es wyts Mul, daß nit zviel gheusche wurd. Das isch e schlimmi Frau, ih chas eym säge, die cha eim ungererecke, daß me möcht nah Gott schreie, u ds Best isch doch, mi tüey nit emal drglyche, daß mes gmerkt heyg.»

«U doch e Dummi!» sagte der erbitterte angehende Herr, «sie kennt von keinen Gesetzen nichts und will in keine Ordnung sich fügen.» «Was weyt dr», sagte der Schätzer, «es ist es Wybervolch, u si heys my armi türi alli so. Was hey die de Gsetze nahzfrage, die gange se nüt an. Si heys mit em Zwänge, Zwänge ist ihres Gsatz, u was si zwänge chönne, das ist recht. Da ist nüt angers z'mache, as dr Mähre zum Aug z'luege u se öppe im Gläus z'epha, nüt la zwänge, as was me gern will, drnebe la feufi grad sy.»

«Es mahnt mih dra», sagte ein Ausgeschossener, «üse Grichtsäß chenn dSach, het er öppe selber wohl e Handligi?»

«Ebe nit», antwortete dieser, «gar e keni han ih, drum chan ih am beste öppe e unparteyischi Meinig abgä. E Vrhüratete darf nimme säge, wies ihm ist. Er hets grad wie e Landjäger mit sym Regierungsstatthalter, gäb wies ihm ist, mueß er ne doch rüehme.»

Kurz unser gute junge Herr mußte seinen Zorn verwerchen, da war niemand, der ihm Hand bieten wollte, die Wirtin anzugreifen. Da erfuhr ers praktisch, daß er im Gsatz nicht vollständig beschlagen sei, aber noch viel weniger in der Welt Läuf und Gäng. Da ist nicht bloß der Stärcher, sondern der Meister, welcher der Stärkere scheint nicht im Recht und in der Gerechtigkeit, sondern in irgend einer irdischen Macht, im Geld, im Maul, in der Faust, in der Frechheit usw. Der wird wohl recht haben, denken die, wo schwache Gedanken haben, der dürfte sonst nicht so aufbegehren; der ist e Ruche, es ist besser, man komme dem nicht in Weg, denken die, wo die eigene Haut lieben; der hats dem Tüfels lustig gmacht, die mueß me no meh zsämereise, denken die, welche Bosheit im Leibe haben und ihre Freude daran, wenn Menschen oder Hunde sich beißen.

Und diese Läuf und Gäng findet man nicht etwa bloß unter den barfüßigen Gassenbuben und Mistauflesern, nicht bloß ein jung Schreiberlein ohne Namen und ohne Klang erfährt sie einer rauzigen Wirtin gegenüber, die sind gäng und gäb in höheren Regionen, denn wo steht geschrieben, daß die Feingekleideten oder Hochbetitelten nicht noch unterm Balg den Gassenjungen bergen? Es wollen Viele ganz bestimmte Erfahrungen in diesem Kapitel gemacht haben. Den Kürzern ziehen zu müssen, wo man das Recht ganz bestimmt auf seiner Seite weiß, tut allerdings weh, indessen muß so einer denken, er sei noch nicht auf der Höhe der Zeit. Ein sehr hoch geschnäuzter Mann hat jüngst an einem Ort, der sonst moralisch berühmt war, wo sich aber Spangrün angesetzt zu haben scheint, gesagt, das Wort «legal» sei ein relativer Begriff. Es war kein Jesuit, der das gesagt hat, sondern gerade das Gegenteil; aber bekanntlich berühren die Extreme sich. Indessen eben von dem geschnäuzten Hecht (fast hätten wir im Verschuß Held geschrieben) möchte das Wort gelten: «Vater, vergib ihm, von wegen, er wußte nicht, was er sagte»; denn möglicherweise möchte es ihm stark vorkommen, wenn er nicht bloß eine relative, sondern bestimmte Erklärung über die Worte «legal», «Begriff», «relativ» geben sollte, das heißt auf der Stelle, ohne daß er irgendwo nachschlagen oder irgendwen fragen könnte. Sei dem jedoch wie es wolle, recht hatte er allweg, denn für relativ wird der Begriff «legal» wirklich gehalten an sehr vielen Orten und bei vielen Menschen, und besonders da, wo Spangrün sich angesetzt hat an den Wänden und in den Herzen. Relativ legal handelt jeder Sauniggel, der Gunst hat, denn er wird nicht gestraft, sondern befördert, legal ist jede Ungerechtigkeit, jede Schlechtigkeit, jede Lüge, sobald sie entweder den Schutz der herrschenden Macht hat oder von der herrschenden Macht selbst ausgeht. Gottlob, vor solchem relativen Sauniggeltum schützt uns die Verfassung! «Ach großer Gott, wir arme Sünder haben schon als kleine Kinder deinem Willen widerstrebt, daß wir jetzt vor deinen Augen alle Tage minder taugen», so können aber die singen mit dem relativen Begriff, die keine Verfassung haben, höchstens eine Staatsmoral. Doch was sagen wir! Die Leute mit dem relativ legalen Begriff, die werden auch nicht mehr solche Gesänge haben, sondern freisinnige Gesänge, ungefähr wie sie in Baselland freisinnige Gebete erkannt haben. O Herrgott, vergib doch solch freisinnigen Unverstand, gib ihnen den Verstand, daß wer nicht demütig beten wolle, der gar nicht mehr beten solle; wehre, o Herrgott, dem landschäftlerischen Beten!

Aber eben auf dieser Höhe der Zeit war unsere liebe junge Seele nicht, begriff ihre Stellung nicht, die Klugheit der Andern nicht, sondern ward grimmig im Gemüte und wälzte schwere Gedanken. So manchen Tag, dachte er, hätte er den Leuten gedient und ihnen geraten, wenn sie am Hag gewesen, daß ihm selbst fast der Verstand darob ausgegangen, und jetzt am Ende diesen Dank davon! Aber warten die nur, denen wolle er es eintreiben, wenn er einmal zPlatzg komme, die dummen Kerls wüßten noch nicht, was so aus einem Schreiberlein es einmal geben könne. Einstweilen aber, bis er äußerlich was geworden, Gerichtspräsident oder gar Landammann, halte er es bei ihnen nicht aus, er wolle und müsse unter gebildete Leute, welche die Bildung und die Kenntnis zu würdigen wüßten, hätte man einen Rock an, was für einen man wolle, eigene oder geliehene Hosen, und sei man gewaschen oder nicht gewaschen. Unter solchen Leuten werde er seinen Weg machen, und solche Leute gebe es gottlob, und je näher er der Regierig sei, dest mehr Hoffnung sei für ihn, erkannt, hervorgezogen und gewürdigt zu werden. Er ward ordentlich beredt in seinem Zorn, doch wohlverstanden bloß innerlich, nicht äußerlich, und wenn ein Anstand kam, so salbete er sein Gedankenrad mit Wein, bis es wieder in Schwung kam. Begreiflich hat aber auch die schönste Rede ein Ende und hintendrein ein Punktum. Als unser junge Herr bis zu demselben gelangt war, stund er auf, griff nach dem abgestandenen Ridikül der Frau Amtschreiberin, das nun in Staatsdienst übergegangen war, weil es privatim nicht mehr taugte, und packte ein alles, was er laut Instruktion mitnehmen sollte. Auf die Mahnung, er solle nicht pressiere, er komme noch immer heim, gab er keine Antwort, sondern nahm kurz Abschied, wie es jungen empfindlichen, schönen Gemütern eigen ist, und Eisi übersah er ganz.

Aber Eisi war eine Weltfrau, wie bekannt, konnte sich fassen. Zudem gibt das Siegsgefühl zuweilen den Anstrich von Gutmütigkeit. «He, he», sagte es, als der junge Herr ohne Abschied von dannen wollte, «so wey mr doch nit von enangere, das wär sih doch dr wert, taub z'sy über eangere wege es paar Wörtlene! Seh kömit, mr wey no Gsundheit mache, ih ha da no e Maß Bessere brunge, we si mr scho alle vrmacht u vrsieglet hey. Seh chömit u tüet Bscheid, un es angers Mal redet am ene arme Witfraueli z'best u nit z'böst, sust geyhts nit guet i dr Welt, u dihr werdit doch nit Euer Lebtig ume so e Schryberdiener welle blybe.» Er mußte Bescheid tun, er mochte wollen oder nicht, aber den Groll vergaß er darob nicht, nichts verletzt solche Gemüter giftiger als eine Überlegenheit, die einem entgegentritt, wo man seiner Stellung nach sich überlegen glaubt, eine Überlegenheit, die man legal zu überwältigen keine Kraft in sich hat.

Sobald er aus dem Hause war, glimmte der Zorn auf, und jeder Schritt, den er tat, blies ihn stärker an. Nur war er zornig über sich selbst, daß er der dummen, hochmütigen Frau nicht erstlich die Kutteln gewaschen und zweitens ihren gelben, geschwefelten Wein, wo ihm ganz wunderlich mache, ins Gesicht geschüttet hätte. Es dünkte ihn je länger je mehr, es werde ihm ganz schlimm, und wenn er nicht was mache, so hätte er vielleicht morgen Kopfweh, und wie dann das wichtige Geschäft, die Erstlinge seiner Weisheit, ins Reine bringen? Wenn er vielleicht noch was nehmen würde, so würde ihm das wieder wohl machen, dachte er. Erst dachte er an kaltes Wasser, aber das mache gerne den Husten und bsunderbar im Winter und so ins Laufen hinein, dachte er. Öppis muß doch sein, dachte er, aber während dem Werweisen war er bei mehreren Wirtschaften vorbeigekommen, und er kannte keine mehr als die, wo Anneli Süßlächt Schenkkönigin war. Dem Säumeitschi tät ers nit zGfalle, dachte er, es könnte sonst gar meinen, er käme seinetwegen; aber wunder nähmte es ihn doch, was es für ein Gesicht machen würde, ob es ihm vielleicht nicht leid sei, daß es grob und mutz mit ihm gewesen, er brauche sich ja seiner auch nicht zu achten, und schnauze werde er zuletzt auch können, wenn es sein müsse; ja gerade wenn er gehe, zeige er, daß ihm so an einer Gäxnase nichts gelegen sei. Die Logik war nicht schlecht, wie überhaupt die meisten Menschen stark in der natürlichen Logik sind, das heißt mit bündigen Schlüssen beweisen können, daß sie gerade das um der Vernunft oder um der Religion willen tun müssen, wozu sie eben am besten aufgelegt sind oder durch fleischliche Lüste getrieben werden. Diese Logik ist nicht bloß gut, sondern sie trägt zumeist auch den Sieg davon; was sie bewiesen hat, das führt sie auch aus; so tat sie auch bei unserm jungen Herrn, wie sich auch der alte dreitägige Groll gegen sie auflehnen mochte. Ja er entschloß sich, z'grob machen wolle er es nicht, er bigehre nicht, daß es öppe z'teuf gryf, u so bim ene Meitschi chönn me nie wüsse; er heyg scho mängisch ghört, so Meitscheni syge gar zarti Wese, obschon me dr Amtschrybere u dr Donnstigs Wirti nit agseh sött, daß das o zarti Meitscheni gsi wäre.

So trat unser junge Herr in Gedanken wohlgerüstet ein. Er sah zu seinem Schrecken akkurat die gleichen Majestäten da wie das vorige Mal und bsunderbar alert und lustig Änneli Süßlächt unter ihnen herumschwirren und gugeln mit ihnen. Das verletzte ihn schon, indessen faßte er sich, trat näher, und ohne Gruß sagte er: Er möchte einen halben Schoppen und für einen halben Batzen Zuckerwasser. Änneli wandte sich schnippisch und spöttisch zu ihm und sagte: «Öppis Dumms eso! Ih ha myr Lebtig no niemere für e halbe Batze Zuckerwasser gä!» Aber er wolle drum grad für e sövel, meh mach ihm nit wohl, anwortete unser Herr. «He mira», sagte Änneli, «mi chas mache, aber öppe ds Tüfels süeß wirds nit sy.» Als es die Sachen brachte, sah es die Majestäten spotten und lachen, und wenn man Beifall weiß, so juckt es einen gerne zu einem Witz («Habs selbst erfahren», sagte einmal ein Gelehrter). «Da habt Ihr aber das schöne Säckli bei Euch, was tusigs heyt Ihr geng mit eme Säckli desume z'laufe, traget dr öppe dr Frau Amtschrybere dEyer zsäme?» frug das schnippische Änneli und rieb vor ihm stehend rüstig die Hände. «Nei, Jungfer Süeßlächt», sagte er zornig zum Zerspringen, «das schickte sich besser für Euch als für mich, dihr würdet ech o besser druf verstah als ich.» «Das wär no dFrag», sagte Änneli, «u de, we dihrs nit vrstundet, su wurd ech die öppe scho brichte, die söll ech neue brav i dr Kur ha, heißts.» Was nit i sys Fach ghöre, sagte er, da lay er sih nit brichte, und er heyg wichtigere Gschäft als so. «He nu so de, mira», sagte Änneli kaltblütig und wandte sich kaltblütig den Majestäten zu.

Es wollte unserm jungen Herrn fast den Kopf obenabsprengen vor Zorn, davon nahm Änneli keine Notiz, es schäkerte und lachte und, wie unser Herr Ursache hatte zu meinen, über ihn. Er trank sehr langsam, weil er hoffte, Änneli werde in seine Nähe kommen, dann wollte er ihm was verfluxt Uverschants sagen, das es sein Lebtag in der Nase hätte; er sann stark darüber nach, allein weil es nie kam, so hinderte ihn die Täubi am Denken. Endlich gings ihm doch zu lang, er frug, was er schuldig sei, aber zweimal mußte er fragen, ehe Änneli es einmal hörte, endlich antwortete es ihm, aber nur so über die Achsel aus der Mitte der Stube, dieweilen es eben mit einer Majestät sprach. So mußte die arme Seele gehen, ehe er was recht Uvrschants ersinnet und angebracht hatte, und bereute bitterlich die Logik, welche ihn hiehergebracht, und die zwei Batzen, welche er vertan hatte, u hell zUnutz, denn das heyg ihm du erst nit wohl gmacht.

Urne eys syg, das ne trösti: Dem Täschli heyg er eys glängt, es heyg lang dra gworget, er heygs wohl gmerkt, wenns scho nüt derglyche ta heyg. «Nei, Jungfer Süeßlächt», heyg er ihm gseyt, «das schickti sih besser für Euch as für mih.» Ume schad sygs, daß er ihm das nit heyg chönne säge, wo er heyg welle ersinne, das wär no viel vrflüechter gsi.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.