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Der Geldkomplex

Franziska zu Reventlow: Der Geldkomplex - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Selbstmordverein
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
year1991
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00471-3
titleDer Geldkomplex
pages7-92
created20011202
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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5

Ich fürchte, wir haben den armen Privatdozenten angesteckt. Anfangs pflegte er nur friedlich von wirtschaftlichen Fragen zu sprechen, während er sich jetzt auf das lebhafteste für Gründungen und Spekulationen, kurz für alle direkten und indirekten Geldfragen interessiert. An unserem Tisch ist von nichts anderem mehr die Rede, die Neurosen und Psychosen haben alle Anziehungskraft verloren. Selbst Gottfried denkt nicht mehr über seine Weltanschauung nach, sondern hört andächtig zu. Ich glaube, der Verkehr mit uns wird ihn noch völlig heilen. Heut saß ich längere Zeit mit Doktor Lukas allein. Wir gaben uns alle Mühe, zur Abwechslung einmal ein anderes Thema anzuschlagen... die Hitze... die Persönlichkeit des Professors... wie schön es sein müßte, jetzt für ein paar Wochen an die Nordsee zu fahren... und wurden dabei aber immer einsilbiger und langweiliger. Dann kam die Witwe einen Augenblick heran und stimmte ihr gewohntes Klagelied an. Tag und Nacht habe ihr verstorbener Mann gearbeitet, bis er ein kleines Vermögen auf der Bank liegen hatte, und all das sauer verdiente Geld sei nun in der Konkursmasse – mein Gott, mein Gott!

Die gute Dame ist etwas ermüdend, aber ihre Neurose besteht nun einmal in dem beständigen Repetieren ihrer Leidensgeschichte, und als Mitpatient muß man Geduld haben.

«Eigentlich hat sie ja auch recht», sagte Lukas, als sie wieder fort war.

«Nein, sie ist vollständig auf dem Holzweg, weil sie an dem Geld gerade das Sauerverdiente so schätzt und hervorhebt. Es ist ein widerwärtiger Ausdruck und ein widerwärtiger Begriff. Es kann auch auf sauerverdientem Geld kein Segen ruhen, es muß uns hassen, weil wir es an den Haaren herbeigezogen haben, wo es vielleicht gar nicht hinwollte, und wir müssen es hassen, weil wir uns dafür geschunden haben und im Gedanken an diese Schinderei noch voller Ressentiments sind. Es rächt sich auch immer, denn entweder warten schon andere Leute darauf, oder man gibt es in der ersten Reaktion für sinnlose Dinge aus.»

«Der Baulöwe hatte es aber anscheinend doch auf die Bank gelegt, um sich später einmal gute Tage zu machen...»

«Um so schlimmer, dann wird es gar noch zum sauer Ersparten, was die Leute bekanntlich immer auf tragische Weise einbüßen. Ich begreife auch, daß das Geld sich solche Bezeichnungen nicht gefallen läßt. Sauer erspart... sagen Sie es sich nur ein paarmal vor, womöglich mit knarrender Stimme.»

Er tat es und mußte mir recht geben: «Wie Krähen im Herbst», sagte er.

Inzwischen war Henry unbemerkt durch die Gartentür hereingekommen und stand mit einemmal hinter uns.

«Was macht ihr denn da?» sagte er aufrichtig erschrocken. «Mein Gott, Herr Doktor, jetzt hat es Sie auch schon... Kommen Sie lieber mit hinunter in mein Bureau, ich möchte Ihnen etwas zeigen.»

Im Bureau war ein Arbeiter damit beschäftigt, eine große Holzkiste aufzubrechen, und wir waren sehr neugierig auf den Inhalt. Henry erzählte uns derweil ausführlich die Geschichte der südafrikanischen Goldminen, um derenthalben er damals fortging. Man hatte ihm die Leitung des ganzen Unternehmens übertragen, aber wie gewöhnlich, wenn alles einmal glattgehen konnte, machte das Geld eine förmliche Verschwörung gegen ihn. Er hatte einfach keines, konnte das aber den Aktionären nicht gut unter die Nase reiben, und die Abreise verzögerte sich, verschob sich bis ins Aschgraue. Wiederum regten sich die bösen Zungen und behaupteten, er sei monatelang mit einem falschen Bart herumgegangen, um zu verbergen, daß er immer noch da war. Ich weiß auch nicht mehr, hat es ein halbes oder ein ganzes Jahr gedauert, bis er endlich an seiner Geschäftsstelle anlangte. Von dort aus hatte inzwischen ein Herr Alramseder aus Nürnberg, der an der Sache beteiligt war, gegen ihn intrigiert, und Henry erfuhr gleich bei seiner Ankunft, daß die Gesellschaft ihn schon lange seiner Stellung enthoben und eben jenen Herrn Alramseder zu seinem Nachfolger gemacht hatte. Dieser liebenswürdige Mann mit dem heimatlichen Namen hatte einen ausgesprochenen Tropenkoller und schickte ihm ohne weiteres einen Trupp von sechzehn Kaffern entgegen, die ihn verhaften sollten.

Die Witwe hörte in größter Spannung zu und fragte fast atemlos: «Ja... und was taten Sie da?»

«Zuerst fotografierte ich die Kaffern», sagte Henry schlicht und ohne Pose.

«Fotografierten die Kaffern?...»

«Ja, um Beweismaterial gegen den Alramseder in der Hand zu haben.» – Pause.

Tatsächlich ist es ihm dann auch gelungen, ich weiß nicht, ob die Fotografie der sechzehn Kaffern dabei ausschlaggebend wirkte – die leitende Stellung wieder an sich zu bringen und zu behaupten. Die Witwe war ganz begeistert und ist jetzt überzeugt, daß es Henry gelingt, mit ihren Gläubigern fertig zu werden und das Andenken des unverbesserlichen Baulöwen reinzuwaschen.

Inzwischen war die Kiste endlich aufgebrochen, und Henry hob eine sonderbare, unförmliche Gipsgeschichte heraus, die das Minenterrain darstellte. Quer durch geht ein blau angestrichener Fluß. Er erklärte uns die geographische Lage und daß die Goldlager sich unter dem Flußbett befänden.

«Und wie bekommt man das Gold da heraus?» fragten wir.

«Das ist ganz einfach», antwortete er und hob ohne weiteres den blau angestrichenen Fluß heraus, mit einer so überzeugenden Geste, daß wir einen Moment das Gefühl hatten, wenn es darauf ankäme, würde er es auch in Wirklichkeit so machen.

Nun, er hat es uns dann ausdrücklich erklärt, wie es gemacht wird, aber ich habe weder aufgepaßt noch möchte es von besonderem Interesse für Dich sein. Schließlich kann einen Gold doch nur lebhaft interessieren, wenn es schon wirklich Zwanzigmarkstücke sind und sie einem gehören.

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