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Der Geldkomplex

Franziska zu Reventlow: Der Geldkomplex - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Selbstmordverein
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
year1991
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00471-3
titleDer Geldkomplex
pages7-92
created20011202
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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24

Ja, Maria... wie soll ich Dir das erzählen, damit Du es nicht für einen dummen Witz hältst. Eigentlich ist es auch einer, aber das Schicksal hat ihn gemacht, nicht ich. Höre nur: Die Bank hat falliert – ausgerechnet unsere Bank.

Wir hatten uns ja alles mögliche ausgemalt, was geschehen sein könnte, aber auf diesen phantastischen Gedanken war keiner von uns gekommen.

Jetzt verstehen wir auch, weshalb der Direktor so melancholisch war und gerne reisen wollte, daß er keine weiteren Summen und keine Abrechnung schickte und das Geld sich während der Reise manchmal noch ironisch benahm. «Es» hat natürlich alles vorausgewußt. Wie ich diesem Ereignis gegenüberstehe, wirst Du fragen.

Aber das weiß ich selbst noch nicht recht. Es hat mich wohl überrascht, und ich wollte lieber, es wäre nicht geschehen. Ich habe vorläufig gar keine Lust, darüber nachzudenken. Es wirkte gerade in diesem Moment so absolut kinematographisch, und Du weißt ja, wenn das Leben filmt, ist man immer noch ganz lustig. Wir sind auch einstweilen noch so von der Finanzstimmung in Monte erfüllt, daß sich selbst über die ersten dunklen Stunden ein festlicher Schimmer legte.

Lukas empfing mich natürlich mit tragischer Miene und einigen vorwurfsvollen Bemerkungen über unseren kurzen Aufenthalt. Es stört ihn, daß wir dort jeuten und jubilierten, während hier die letzte Chance einer sicheren Zukunft in die Brüche ging. Und der alte Zank beginnt von neuem:

«Es hätte ja doch nicht gereicht.»

«Es hätte gereicht, wenn Sie eine Leibrente...»

«Nein, wenn du sofort Goldshares...», unterbricht Henry.

«Ja, natürlich, und Sie dem Herrn Alramseder...»

«Ist nicht mehr nötig, denn Alramseder hat ausgejobbert», bemerkte Henry feierlich, und endlich kann ich wieder zu Wort kommen, um einen vernichtenden Trumpf auszuspielen:

«Hätten Sie, Lukas, nur telegraphiert, anstatt einen Brief zu schreiben, aus dem niemand klug werden konnte... so wäre der ganze Schaden überhaupt wieder gutgemacht. Es ist einzig und allein Ihre Schuld, daß ich heute wieder ohne wirtschaftliche Basis dastehe...»

«Stimmt», sagt Henry, und Lukas ist einen Augenblick sprachlos.

«Meine Schuld...?»

«Allerdings, denn drei Tage vorher hatten wir schwindelhafte Summen gewonnen, und hätten wir damals aufgehört...»

«Oder wären dageblieben, um weiterzuspielen», ergänzt Henry, und Lukas erklärt auf das bestimmteste, er würde morgen abfahren, es sei ihm unmöglich, noch länger unter einem Dach mit uns zu bleiben und mit anzuhören, was wir alles getan «hätten». Baumann dagegen gedenkt geradezu analytische Orgien zu feiern.

Dann habe ich den Miterben aufgesucht. Er saß mit einer Flasche Rotwein vor dem Hotel, äußerte keinerlei Überraschung, mich hier zu sehen, und blickte ziemlich verstört drein. Nachdem wir eine volle halbe Stunde schweigend dagesessen hatten, erzählte er mir, daß sein Wolfshund vorgestern plötzlich gestorben sei. Er mutmaßt nun, man habe das Tier vergiftet, und hat eine bedeutende Summe als Preis für die Auffindung des Täters deponiert – sämtliche verfügbare Polizisten sind schon eifrig an der Arbeit.

Dann kam sein Auto, er ließ den toten Hund hineinlegen und fuhr ab, um in der nächsten Stadt das Tier sezieren und die Todesursache feststellen zu lassen. Der Hotelbesitzer kam heraus und schüttelte mir ergriffen die Hand. Er soll der einzige hier im Städtchen sein, der durch den Bankkrach nicht ruiniert ist, und erzählte mir, es habe sich herausgestellt, der verendete Hund sei überhaupt kein Hund, sondern ein zahmer Wolf gewesen, den irgendein Teufelskerl aus einer Menagerie gestohlen und meinem Herrn Gemahl verkauft habe.

Ob diese Geschichte wahr ist, oder ob sie zu den pittoresken Mythen gehört, mit denen man uns hier umgibt, möchte ich dahingestellt sein lassen. Ich muß sagen, daß mich nichts mehr in Erstaunen zu setzen vermag.

Gegen Abend des nächsten Tages kam der Gemahl zurück und war etwas enttäuscht, denn die tierärztlichen Autoritäten haben festgestellt, der «Hund» sei eines natürlichen Todes gestorben. Somit hat man die Verfolgung des Mörders wieder eingestellt, und der Hotelbesitzer mag erleichtert aufgeatmet haben.

Dann ist er zornerfüllt abgereist, wohin, weiß man nicht. Wir haben uns wortkarg, aber doch herzlich voneinander verabschiedet, und Gott allein weiß, ob unsere Wege sich in diesem Leben noch einmal kreuzen oder ob wir uns scheiden lassen.

Er weiß vielleicht auch, wie sich nun die Dinge weiter entwickeln werden. Ich selbst habe keine Ahnung.

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