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Der Geldkomplex

Franziska zu Reventlow: Der Geldkomplex - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Selbstmordverein
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
year1991
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00471-3
titleDer Geldkomplex
pages7-92
created20011202
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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23

Das war vorgestern. Unser Ausflug verlief sehr nett, aber der Mantelkauf wurde darüber wieder versäumt. Dieser Mantel geht mir allmählich auf die Nerven. Hätte man doch lieber den ganzen Gottfried zu Hause gelassen.

Heute früh nun saßen wir arglos beim Frühstück und waren gerade besonders aufgelegt, mit neuen Kräften weiterzuspielen. Für Henry war ein ganzer Haufen Briefe angekommen. Er wollte sie unbesehen in die Tasche schieben, aber ich beredete ihn törichterweise, sie aufzumachen. Gleich der erste enthielt eine lästige Nachricht, nämlich, daß die Terraingeschichte wackelt. Der Professor hat sein Kapital herausgezogen. Mir fiel dabei aufs Herz, daß ich ihm meine Rechnung immer noch nicht gezahlt habe und er sich vielleicht dafür rächen will. Ich fühlte mich damals einfach unfähig, gleich wieder Rechnungen zu zahlen und mich mit Gläubigern zu beschäftigen.

Henry sah sorgenvoll aus und wollte von den anderen Briefen nichts mehr wissen. Es war aber einer von Lukas dabei, und ich bat ihn, wenigstens den noch zu lesen. Er tat es, und seine Miene verfinsterte sich noch mehr: «Was soll das nun wieder heißen – Lukas bittet mich, zu veranlassen, daß du sofort zurückkommst.»

Wir ergingen uns in Vermutungen, was es bedeuten könne... Ist es am Ende wirklich ein Racheakt des Professors wegen der unbezahlten Rechnungen? Lukas erwähnt auch die Terraingeschichte und scheint ganz aus dem Häuschen. Hat er vielleicht in unserer Abwesenheit auf eigene Hand angefangen zu spekulieren und kann ohne uns nicht damit fertig werden? Will er uns nur aus liebevoller Fürsorge aus der Spielhölle fortlocken... Oder aber hat der Miterbe Unheil angerichtet, etwa die Stadt in Brand gesteckt?

In keinem von diesen Fällen leuchtet mir ein, weshalb meine persönliche Betätigung nötig sein sollte. Gerade jetzt hier abbrechen, wo die Beziehung zwischen dem Pflichtteil und mir anfängt, sich zu einer wahrhaft herzlichen zu gestalten. Es benahm sich schon manchmal, als ob es mich wirklich gern hätte und bei mir bleiben wollte, denn es kam immer wieder, wenn wir auch noch so leichtsinnig setzten. Nur gerade die allerletzten Tage...

Schmerzlich genug, daß Henry abfahren will – ich bleibe hier. Mögen die Terrains wackeln, der Miterbe alles auf den Kopf stellen, der Professor... mit Geld läßt sich ja alles wieder arrangieren, zum Beispiel, indem man seine Rechnungen zahlt, die Terrainsache stützt usw.

 

P. S. Henry ist abgefahren und depeschiert wie ein Wahnsinniger, ich möchte sofort nachkommen. Schreib also wieder an die alte Adresse: Nervenheilanstalt und so weiter. – Ich hätte wahrhaftig nicht gedacht, daß ich sie noch einmal wiedersehen würde.

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