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Der Geldkomplex

Franziska zu Reventlow: Der Geldkomplex - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Selbstmordverein
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
year1991
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00471-3
titleDer Geldkomplex
pages7-92
created20011202
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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2

Wie mir denn hier zumut ist, willst Du wissen? – Einstweilen ist es so ziemlich die dümmste Situation, die mir das Leben bisher serviert hat, und mit törichten Situationen war es freigebig genug.

Ich war noch nie in einem Sanatorium und habe noch nicht recht heraus, wie man sich hier zu benehmen hat. Der Professor nahm mich natürlich eingehend ins Verhör, und ich war in einiger Verlegenheit, was ich ihm sagen sollte. Da ich nun am ersten Abend meine Mitpatienten ziemlich unsympathisch fand, gab ich an, ich litte an krankhafter Menschenscheu – so konnte ich mich doch wenigstens ruppig benehmen, wenn mir die Leute ernstlich auf die Nerven fielen. Aber er meinte, dann wolle er mich lieber vorläufig isolieren. Ich sollte die Mahlzeiten alleine auf meinem Zimmer nehmen usw. – Nein, um Gottes willen, das wollte ich nicht, zuviel Alleinsein machte mich vollends verrückt. – Nun, er wolle mir gern möglichste Freiheit lassen, soweit ich nicht störend auf andere einwirke, etwa die Abneigung gegen meine Mitmenschen in auffallender Weise äußern sollte. – Nein, nein, das würde ich ganz gewiß nicht tun, sagte ich voller Überzeugung – er sah mich daraufhin ganz erstaunt an und schüttelte den Kopf – Pause – angestrengtes Nachdenken. Dann beklagte ich mich über Schlaflosigkeit, Depressionszustände und was mir gerade in den Sinn kam. – Wie sich die äußerten – nämlich die Depressionen –, ob ich etwa oft und ohne Grund Neigung zum Weinen fühle? Darüber fiel ich wieder aus der Rolle und mußte über dieses merkwürdige Ansinnen herzlich lachen. Aber er hielt das, Gott sei Dank, für nervös, legte mir väterlich die Hand auf die Schulter und meinte, ich hätte am Ende irgendwelche schwere seelische Erschütterungen durchgemacht – – ach, du lieber Gott, auch ohne den Geldkomplex zu erwähnen, konnte ich ihm doch nicht gut sagen: ja gewiß – aber sie lagen ausschließlich auf pekuniärem Gebiet – ich war mein Leben lang allen menschlichen und seelischen Konflikten gewachsen, nur den wirtschaftlichen nicht. Weder glückliche noch unglückliche Liebe, weder Ehe noch Ehebruch, sondern ausschließlich Gläubiger, Hausherren und Lieferanten haben es dahin gebracht, mich psychisch zu zerrütten. – – –

Schwerlich hätte der Professor das richtige Verständnis gehabt, und ihm wären höchstens Bedenken über meine Zahlungsfähigkeit aufgestiegen.

Dann fuhr es mir plötzlich durch den Kopf: Gott im Himmel, wenn nun am Ende ein Wunder geschähe, der alte Erbherr sich wieder erholte und ich auch hier meinen pekuniären Verpflichtungen nicht nachkommen könnte! Die Geldgedanken, die ich seit ein paar Tagen fast vergessen hatte, fielen wieder über mich her wie ein Schwarm von Raben. Ich war außerstande, etwas zu sagen, was der Professor wohl auf die seelischen Erschütterungen schob und mich voller Teilnahme gehen ließ.

Immerhin hatte ich den Eindruck, daß er mich für ziemlich übergeschnappt hielt.

Du mußt ja auch selbst sehen, Maria, wie es um mich steht. Ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst – habe ich mir früher je Gedanken gemacht, wie man sich am Ende irgendeines Aufenthaltes aus der Affäre ziehen würde? Vielleicht bin ich schon auf dem Wege zum Verfolgungswahn, denn ich habe längst angefangen, in jedem Menschen den eventuellen Gläubiger zu sehen. Das geht nun auch hier schon wieder los. – – Der gute Professor ist wirklich sehr nett mit mir – aber eines Tages wird er mir unweigerlich als Gläubiger gegenüber stehen... die anderen Patienten – wer weiß, ob ich nicht in die Lage kommen werde, sie anpumpen zu müssen und das Personal, das sicher fürstliche Trinkgelder erwartet. Nein, glaubt mir nur, die Bestie im Menschen, vor der so oft gewarnt wird, braucht man nicht halb so zu fürchten wie den Gläubiger im Menschen.

Apropos, um die in M... habe ich mich nicht weiter bekümmert, mögen sie sich untereinander um meinen Nachlaß zerfleischen. Die Flüche der «Ausgesogenen und Betrogenen» hallen nur manchmal noch auf Umwegen zu mir herüber. Einige haben ihre Forderungen dem Verein «Kreditreform» übergeben, und dieser schlug mir vor, mich gütlich mit ihnen zu einigen, sonst käme mein Name auf eine schwarze Liste, die an achtzigtausend Kaufleute versandt würde. Es war das einzige Schreiben dieser Art, das mich wirklich sympathisch berührte, und ich möchte jenen menschenfreundlichen Verein dafür segnen. Es ist wohltuend, zu denken, wie Schulden sich einfach dadurch erledigen, daß man auf eine Liste kommt und daß man mit jenen achtzigtausend Kaufleuten gar nichts zu tun hat, sie zum mindesten nicht auch noch Geld von mir beanspruchen. Kurz nach Empfang dieses Schreibens hatte ich einen Traum: Ich war in einer Wüste, und die achtzigtausend Kaufleute kamen als Karawane auf mich zu, umringten mich, boten mir mit mildem Lächeln alles mögliche an und wollten mir ein Kamel zum Reiten geben. Bis dahin war der Traum sehr schön, aber dann bemerkte ich plötzlich, daß das Kamel ein Menschengesicht hatte, und zwar sah es aus wie mein letzter Hausherr in M. Darüber erschrak ich so, daß ich ganz verstört aufwachte.

Du mußt wissen, daß die Freudianer sich im Interesse der Patienten auch mit Traumdeutung befassen. Dies war jedenfalls ein richtiger Komplextraum, und ich habe ihn mir deshalb notiert, um für Baumann Material zu sammeln. Womit soll ich ihn sonst beschäftigen? Vorläufig behandelt mich der Professor nach der hier üblichen Methode mit Tageseinteilung, Ruhestunden, Bädern, Wickeln und dergleichen mittelalterlichen Foltern. Es ist zum Gottserbarmen, und ich möchte wissen, ob die Leute ihre Seelenschocks oder Depressionen wirklich dadurch loswerden. Auf mich wirkt es gerade umgekehrt, ich fange jetzt erst an, nervös zu werden.

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