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Der Geldkomplex

Franziska zu Reventlow: Der Geldkomplex - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Selbstmordverein
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
year1991
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00471-3
titleDer Geldkomplex
pages7-92
created20011202
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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14

Nun, inzwischen ist die Bombe geplatzt, und diesmal scheint Henry recht zu behalten, daß die gute Sache durch sich selbst siegen muß.

Die Spannung wurde immer peinlicher und der Idiot immer anmaßender. So rang man sich schließlich zu dem Standpunkt durch: er oder wir. Wir beschlossen, den einzigen Trumpf auszuspielen, der uns zur Verfügung stand, und Balailoff auf die Eheschließung in England aufmerksam zu machen. Mochte er dann in Gottes Namen heiraten, wenn es uns nur gelang, den Schwarzen zu stürzen oder wenigstens zu diskreditieren. Henry bat also Balailoff um eine Unterredung, bei der Lukas und ich ebenfalls zugegen waren. Balailoff kam und war anfangs etwas reserviert. Als Henry ihm aber die Sache mit viel Beredsamkeit vortrug, dabei erwähnte, daß wir schon vor längerer Zeit in Gegenwart seines Sekretärs über einen ähnlichen Fall gesprochen hätten... da wurde er sehr nachdenklich. Dann fragte er, warum wir ihn nicht eher darauf aufmerksam gemacht hätten? Nun, man habe sich erst vergewissern wollen, ob es wirklich so einfach sei, und sich des näheren erkundigt – Henry nahm ein Bündel Briefe aus der Tasche, schwenkte sie bedeutungsvoll und steckte sie dann wieder ein –, inzwischen sei aber jener schwarze... Herr aufgetaucht, und seit Balailoff ihm in solchem Maße sein Vertrauen geschenkt, fühle keiner von uns mehr den Wunsch, sich in seine Angelegenheiten einzumischen.

Es sei das auch jetzt nicht unsere Absicht, wir wollten ihm nur die Frage vorlegen, ob die Beamtenbestechungen und anderen Manöver seines Sekretärs wohl Aussichten hätten, schneller zum Ziel zu führen.

Der arme Balailoff – ich glaube, er ist im Grunde horndumm, aber jetzt schienen ihm doch einige Schuppen von den Augen zu fallen. Außerdem ging ihm plötzlich das Herz über, und er gestand, daß er dem Sekretär verschiedene Geldangelegenheiten übertragen habe, ohne sich weiter darum zu kümmern. Wenn der Mann, den er bisher dafür gehalten, am Ende doch nicht ganz zuverlässig sei – hier folgten einige russische Flüche, worauf er Henry bewegt umarmte, Lukas und mir die Hand schüttelte, uns alle für seine wahren Freunde erklärte und lebhaftes Verlangen nach Alkohol äußerte. So wurde nach langer Entfremdung der erneuerte Freundschaftsbund, die Eheschließung in England und daneben auch wieder einmal die Petroleumaffäre «begossen».

Seit diesem bedeutungsschweren Abend ist er also wieder unser und eifrig dabei, seine Anordnungen für die Reise nach England zu treffen. Den Sekretär wollte er nicht Hals über Kopf entlassen, um alles Aufsehen zu vermeiden, läßt ihn aber durch einen Detektiv überwachen, und es scheinen da noch allerhand Schwindeleien in größerem Maßstab herauszukommen. Aber er hat ihn vorläufig in seinem Dienst behalten und verwendet ihn nur noch für unwesentliche Kommissionen. Der Idiot ist etwas konsterniert und weiß nicht recht, was er denken soll. Er schaut immer noch dumm genug drein, aber sein Gesicht hat doch etwas mehr Ausdruck bekommen, nämlich einen gespannten. Es ist beinah, als betrachte er uns mit einer Art schmerzlicher Ironie. Die Braut ist öfters wieder am Tisch, aber man wird nicht recht aus ihr klug, sie behandelt uns nach wie vor wie Luft. Wir gehen ihr möglichst aus dem Weg, sitzen wieder in tiefem Seelenfrieden auf der Terrasse und lassen die immer noch schwülen Tage an uns vorübergehen. Abends kommen unsere Freunde, sie haben jetzt auch Balailoff kennengelernt, der sich uns immer mehr anschließt und entzückt von ihnen ist. Schauspieler und Russen sind immer entzückt voneinander.

Am zehnten August soll die Fahrt nach England angetreten werden. Er plagt uns, daß wir mitfahren sollen als Trauzeugen. Aber wir mochten weder die geschäftlichen Dinge noch unsere Privatinteressen im Stiche lassen, noch auch das Sanatorium, an dem wir wirklich mit Heimatliebe hängen. Andererseits ist ja noch zu erwägen, ob es nicht unzweckmäßig ist, ihn so ganz aus den Augen zu lassen... Er schwört zwar, er käme wieder zurück. – – –

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