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Der Geldkomplex

Franziska zu Reventlow: Der Geldkomplex - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Selbstmordverein
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
year1991
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00471-3
titleDer Geldkomplex
pages7-92
created20011202
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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11

Ich fürchte, eine gute Weile wird man sich noch in Geduld fassen müssen. Wie man mir schreibt, kann der Nachlaß erst allmählich liquidiert werden, und es sind noch unendliche Formalitäten zu erfüllen. Was für Formalitäten und wer sie zu erfüllen hat, kümmert mich wenig, man muß es halt abwarten.

Auch hier geschehen allerhand Dinge, mit denen wir nicht ganz einverstanden sind, aber zum Teil sind wir wohl selbst schuld daran.

Balailoff kam neulich an einem ungewöhnlich heißen Vormittag auf die Terrasse und forderte uns auf, ihn nach N. zu begleiten. Das ist ein Bergnest hier in der Nähe, wo die Trauung stattfinden soll. In der Stadt wäre es viel einfacher gewesen, aber das war ihm nicht einzureden. Es mache dort zuviel Aufsehen, schon weil er im Sanatorium wohne – kurz, es ist ein Komplex von ihm. Nun war er wieder einmal seiner Papiere wegen zum dortigen Bürgermeister befohlen... wir kannten diese Expeditionen schon und fürchteten sie wie den Tod. Da nun auch unsere Sprachkenntnisse sehr schwach sind, mußten wir stets alle vier mit, um uns zu ergänzen. (NB. Der Professor hat es längst aufgegeben, unseren Freiheitsdrang zu hemmen, und läßt uns gehen, wohin wir wollen. So habe ich auch dem Rechtsanwalt meine Vollmacht unter nichtigen Vorwänden wieder entzogen.)

Um das Bergnest zu erreichen, muß man eine gute Stunde steigen, eine weitere pflegt zu vergehen, bis man den Bürgermeister in seinen Weinbergen aufgestöbert hat und er endlich mit der Sichel in der Hand erscheint, dann noch eine halbe, bis seine Frau den Schlüssel zur Amtsstube gefunden hat. Nun erst beginnt die Unterhandlung, die sehr viel Witz und Geistesgegenwart erfordert... Das schriftliche Material ist in allen möglichen Sprachen abgefaßt... Bis man sich nun einigt, was wohl ungefähr darin stehen mag, was es bedeutet und an welche Behörden oder Konsulate wieder zu schreiben ist, vergeht abermals beträchtliche Zeit. Die Braut weigert sich mitzugehen und würde auch gar nichts nützen, da sie in Lissabon aufgewachsen ist und nur Portugiesisch kann. Es ist also jedesmal ein Martyrium. Ein paarmal haben wir es murrend über uns ergehen lassen, aber bei dieser Temperatur streikten wir einfach. Henry, der sonst ein Mann der Tat ist, sah Balailoff nur vorwurfsvoll an, deutete mit einer großen Geste auf die Sonne und sagte: «Sie steht wirklich schon zu hoch.» Dann sank er matt in seinen Sessel zurück. Baumann sah von einem zum anderen und äußerte: er müsse als Mediziner auch sagen, es ginge einfach nicht.

Balailoff war außer sich: die Sache litte keinen Aufschub. Wir wurden schließlich gereizt, und so ging es eine Weile hin und her. Da erhob sich plötzlich der sogenannte schwarze Idiot, der an einem Nebentisch Zeitungen las, beständig zu uns herübersah und schon eine ganze Weile vorbereitend mit den Kinnladen geklappt hatte, kam heran, stellte sich vor und erbot sich aufs höflichste, Balailoff zu begleiten. Er habe sowieso dort zu tun – was sicher gelogen war –, spreche sowohl Russisch wie Italienisch und hoffe ihm dienen zu können. Sie wurden wahrhaftig einig, was wir Balailoff etwas übelnahmen und er uns ebenfalls, denn er verabschiedete sich ziemlich ungnädig und zog mit dem Schwarzen ab.

Erst spät am Nachmittag kamen sie zurück. Der schwarze Idiot, der schon lange nach unserer Bekanntschaft strebte, schien sehr beglückt, daß das Eis nun endlich gebrochen sei, während wir es unverschämt fanden, daß er es für gebrochen hielt. Er kam ohne weiteres an den Tisch und wollte ein Gespräch anfangen, aber Henry wies abermals auf die Sonne und sagte ablehnend: «Später, wenn sie untergegangen ist...» Darauf sah er uns der Reihe nach verständnislos an, und es hätte sicher eine peinliche Szene gegeben, wenn Balailoff ihn nicht mit sich fortgenommen hätte. Wir waren uns eigentlich keiner Schuld bewußt. Man hatte Übermenschliches von uns verlangt, und wir hatten uns geweigert. Deshalb begriffen wir nicht recht, warum Balailoff uns grollte, aber er tat es. Den ganzen Abend ließ er sich nicht mehr blicken, und das gemütliche Einvernehmen ist seitdem erheblich gestört. Denk Dir nur unseren Schrecken... ein paar Tage später stellt Balailoff uns diesen Typ als seinen Privatsekretär vor, und seitdem belästigt er uns in den kühleren Stunden – in den heißen hat er doch nicht den Mut dazu – mit seiner Gesellschaft. Statt an seinem früheren Platz, wo wir aus sicherer Entfernung unser Vergnügen an ihm hatten, sitzt er mit an unserem Tisch, schaut entgeistert von einem zum anderen, findet alles, was wir reden, äußerst interessant und klappt mit den Kinnladen, wenn er selbst etwas sagen will. Das wäre noch das wenigste, obwohl wir sehr darunter leiden – aber wir befürchten vor allem, daß er seinen neuen Chef auch in geschäftlichen Dingen beeinflussen wird, da er in allem und allem so ungeheuer sachverständig ist – neuerdings sogar in bezug auf Petroleum – und sich in alles – auch in Petroleumfragen – hineinzumischen sucht. Henry und er sind schon verschiedene Male heftig darüber aneinandergekommen. Überhaupt, er spielt einfach die Rolle des Intriganten im Theaterstück und Balailoff die des gutmütigen, aber schwachen Fürsten, der sich immer gerade von den verkehrten Leuten beeinflussen läßt.

Was der Mann eigentlich ist und was er sonst auf dieser Welt zu schaffen hat, ahnen wir nicht, ebensowenig, weshalb er sich hier sanieren läßt. Vielleicht will er sich nur seinen Schwachsinn und das Klappen mit den Kinnladen abgewöhnen lassen.

Baumann beobachtet ihn angestrengt, kann aber auch nichts herausbringen. Sein wissenschaftlicher Eifer hat sonst zu meiner Erleichterung ziemlich nachgelassen – ich habe ihn auch gebeten, mich eine Zeitlang zu schonen. Der Geldkomplex plagt mich nicht mehr so, seit wieder Geld in der Luft ist – leider immer noch in der Luft. Ich habe mich wenigstens zu einer wohltuenden Apathie durchgerungen, und das beständige Wiederaufwühlen könnte höchstens einen Rückfall verursachen. Und Henry – Henry rechnet neuerdings mit solcher Intensität, daß nichts mehr mit ihm anzufangen ist.

 

Ich habe ganz vergessen, Dir für Deinen Brief zu danken. Ja, gewiß, man muß die Feste feiern, wie sie fallen. Ein schlechter Trost, aber es soll ja eigentlich auch keiner sein. Nach Siam werde ich unter diesen Umständen wohl kaum fahren, geschweige denn Euch alle mitnehmen, aber vielleicht nach Monte Carlo. Man muß doch irgendeine Methode finden, um das Pflichtteil auf seine vorigen Dimensionen zurückzuführen. Ich habe auch Henry vorgeschlagen, daß er mitkommen soll. Er findet, es sei besser, damit zu warten, bis alle Stränge reißen. Ich dagegen meine, es ist besser, solange noch etwas da ist.

In bezug auf Balailoff sind wir sehr beunruhigt. Er war schon mehrere Tage nicht im Bureau, kam aber trotzdem abends stark angeheitert nach Hause. Es liegt auf der Hand, daß er mit dem Schwarzen gekneipt hat und sich dann von ihm um den Finger wickeln läßt.

Du mußt wissen, für Henry hängt viel, vielleicht alles davon ab, daß Balailoff hierbleibt, bis das Petroleumunternehmen endgültig organisiert ist. Leute wie Balailoff sind auf die Entfernung nicht sehr zuverlässig. Baumann und Lukas sind ebenfalls als Aktionäre vorgemerkt, und wer weiß, ob ich mich nicht auch noch beteilige. Es liegt also im allgemeinen Interesse, ihn so lange wie möglich hier festzuhalten. Die Braut aber strebt nur danach, bald fortzukommen, weil ihr der Aufenthalt hier odios ist – vor allem in unserer Gesellschaft. Wir haben deshalb immer möglichst darauf gesehen, daß die Heirat nicht überstürzt wird, haben ihn immer wieder veranlaßt, sich abwartend zu verhalten und die Behörden nicht nervös zu machen. Zum Teil geschah es übrigens aus rein freundschaftlichem Gefühl, denn diese Ehe fällt ja sicher todunglücklich aus.

Der angenehme Privatsekretär aber faßt es ganz anders auf – und an, er tut, was er kann, um die Heirat zu beschleunigen. Auch das spricht deutlich für sein Idiotentum, denn normalerweise ist doch anzunehmen, daß sein Posten damit abläuft. Nun ist er kürzlich auf die unselige Idee gekommen, das Paar solle sich hier naturalisieren lassen, denn damit sei die leidige Frage der Staatsangehörigkeit aufs einfachste erledigt. Lukas, welcher auf diesem Gebiet einige Erfahrung besitzt, meinte, man müsse doch auch in diesem Fall seine Nationalität nachweisen.

Der Idiot aber lächelte etwas pfiffiger als sonst und behauptete: Gott bewahre, man brauche nur eine schriftliche Erklärung abzugeben. Er wisse auch, wie die hiesigen Beamten zu behandeln seien, und würde sich schon mit ihnen einigen. Dann hat er sich ein Pferd gemietet, reitet kreuz und quer im Lande herum, verhandelt mit Behörden und besticht angeblich Beamte. Oder er sitzt mit Balailoff zusammen, setzt Briefe und Eingaben auf, in die wir nicht mehr eingeweiht werden. Auch die Braut kommt jetzt öfters mit auf die Terrasse, und man sucht sich an sie zu gewöhnen.

Balailoff strahlt im Gedanken an das näher gerückte Ziel, und der Idiot versucht manchmal Geschichten aus seiner entbehrungsreichen Jugend zu erzählen – findet bei uns aber wenig Anklang damit. Dann verstummt er wieder und starrt entgeistert seinen Teller oder seine neue Gebieterin an, die ihn ziemlich huldvoll behandelt. – – –

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