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Jean Baptiste Molière: Der Geizige - Kapitel 7
Quellenangabe
generatorcutbook.xsl XSLT Stylesheet
modified20060531
typecomedy
titleDer Geizige
authorJean Baptiste Molière
translatorWolf Heinrich Graf von Baudissin
year1887
publisherDruck und Verlag von Otto Hendel
addressHalle a.d.S.
senderFunda Cevik
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Fünfter Akt

Erste Scene

Harpagon. Ein Kommissär.

Der Kommissär. Laßt mich nur machen, ich verstehe, Gott sei Dank, mein Handwerk. Es ist nicht das erste Mal, daß ich mich damit befasse, Diebstählen auf die Spur zu kommen, und ich wollte nur, ich hätte so viel Säcke jeden von tausend Franken, als ich schon Deliquenten an den Galgen gebracht habe.

Harpagon. Alle Behörden müssen sich von Rechts wegen der Sache annehmen; und wenn man mir mein Geld nicht wieder schafft, so fordere ich die Gerichte vor Gericht.

Der Kommissär. Wir müssen alle erforderlichen Nachforschungen anstellen. Wie viel, sagtet Ihr, befand sich in der Schatulle? –

Harpagon. Zehntausend Thaler, richtig gezählt.

Der Kommissär. Zehntausend Thaler!

Harpagon. Zehntausend Thaler! –

Der Kommissär. Ein namhafter Diebstahl!

Harpagon. Keine Marter ist groß genug für die Entsetzlichkeit dieses Verbrechens; und wenn es unbestraft bleibt, wird das Heiligste nicht mehr sicher sein.

Der Kommissär. Aus welchen Sorten bestand die Summe? –

Harpagon. Aus lauter guten Luisd'oren und vollwichtigen Pistolen.

Der Kommissär. Wen habt Ihr in Verdacht?

Harpagon. Die ganze Welt, und ich verlange, daß Ihr mir die Stadt und alle Vorstädte arretiert.

Der Kommissär. Wir müssen, wenn ich Euch raten soll, die Leute nicht gleich kopfscheu machen, und in der Stille einige Beweise zu erlangen suchen, um dann hernach mit aller Strenge verfahren und Euch die gestohlenen Füchse wiederschaffen zu können.

Zweite Scene

Harpagon. Der Kommissär. Jacques.

Jacques. (Im Hintergrunde; er spricht nach der Seite, von wo er gekommen ist). Ich komme gleich wieder. Stecht ihn derweile ab, und röstet mir die Füße; hernach steckt ihn in siedendes Wasser und hängt ihn am Deckenbalken auf.

Harpagon. (Zu Jacques). Wen? Meinen Dieb? –

Jacques. Was Dieb! – Ich spreche von einem Frischling, den mir Euer Haushofmeister eben zugeschickt hat, und den ich Euch auf meine Manier zubereiten will.

Harpagon. Ach, davon ist keine Rede; der Herr hier wird dich nach ganz andern Dingen fragen.

Der Kommissär. Seid ganz ruhig, mein Freund; es soll Euch nichts zuleide geschehen, und wir wollen alles in der Güte abmachen.

Jacques. Der Herr ist wohl für den Abend eingeladen? –

Der Kommissär. Seht Ihr, guter Mann, Ihr müßt Eurem Herrn nichts geheim halten.

Jacques. Meiner Seel', ich werde zeigen, was ich vermag; verlaßt Euch darauf, Ihr sollt mit meiner Kunst zufrieden sein.

Harpagon. Ach, wer denkt denn daran! –

Jacques. Wenn ich Euch nicht so viel Gutes vorsetzen kann, als ich wünschte, so ist das die Schuld unseres Herrn Haushofmeisters, der mir mit der Schere seiner Sparsamkeit die Flügel gestutzt hat!

Harpagon. Halunke! Hier handelt sich's um ganz andere Dinge, als um unser Abendessen. Du sollst mir sagen, wo mein Geld geblieben ist, das man mir gestohlen hat!

Jacques. Euer Geld ist Euch gestohlen? –

Harpagon. Ja, Spitzbube; und ich will dich hängen lassen, wenn du mir's nicht wiedergiebst.

Der Kommissär. Mein Gott, fahrt ihn doch nicht so an. Ich sehe es ihm an den Augen an, daß er ein ehrlicher Mann ist, und daß er Euch alles entdecken wird, was Ihr wissen wollt, ohne daß Ihr ihn ins Gefängnis bringen laßt. Ja, mein Freund, wenn Ihr uns die Sache gesteht, soll Euch kein Haar gekrümmt werden, und Ihr erhaltet noch obendrein eine Belohnung von Eurem Herrn: Es ist ihm heute seine Schatulle gestohlen worden, und ich bin gewiß, Ihr könnt uns auf die Spur helfen.

Jacques. (Beiseite). Das wäre ja die schönste Gelegenheit, um mich an unserm Haushofmeister zu rächen. Seit er ins Haus kam, ist er Hahn im Korbe; unsereins wird gar nicht mehr angehört; und überdem habe ich auch noch die letzten Stockschläge auf dem Herzen.

Harpagon. Was brummst du da in deinen Bart?

Der Kommissär. Laßt ihn doch! Er macht schon Anstalt, Euch etwas zu sagen; ich wußte gleich, daß er ein ehrlicher Mensch ist.

Jacques. Gnädiger Herr, wenn ich's Euch denn bekennen soll, so glaube ich, daß es Euer lieber Herr Haushofmeister gewesen ist, der das Stückchen aufgeführt hat.

Harpagon. Valère?

Jacques. Ja.

Harpagon. Er, den ich für so treu halte?

Jacques. Er selbst. Ich glaube ganz gewiß, er ist's gewesen.

Harpagon. Und weshalb glaubst du das?

Jacques. Weshalb?

Harpagon. Ja.

Jacques. Ich glaube es – weil ich's glaube.

Der Kommissär. Ihr müßt uns aber sagen, was für Indizien Ihr dafür habt.

Harpagon. Hast du ihn um die Stelle herumschleichen sehen, wo ich mein Geld versteckt hatte?

Jacques. Ja freilich. Wo hattet Ihr denn Euer Geld?

Harpagon. Im Garten.

Jacques. Richtig. Im Garten habe ich ihn herumschleichen sehen. Und worin lag Euer Geld? –

Harpagon. In einer Schatulle.

Jacques. Da haben wir's! Mit einer Schatulle habe ich ihn gesehen.

Harpagon. Und die Schatulle, wie sah sie aus? Ich werde gleich hören, ob es die meinige war.

Jacques. Wie sie aussah?

Harpagon. Ja.

Jacques. Sie sah aus – nun, sie sah aus wie eine Schatulle.

Der Kommissär. Das versteht sich. Aber beschreibt doch ein wenig, damit wir uns überzeugen können.

Jacques. Es war eine ziemlich große Schatulle.

Harpagon. Die man mir gestohlen hat, ist klein.

Jacques. Ei nun ja, sie ist klein, wenn man's so nehmen will. Ich nenne sie nur groß, weil so viel darin ist.

Der Kommissär. Was für eine Farbe hat sie? –

Jacques. Was für eine Farbe?

Der Kommissär. Ja doch!

Jacques. Sie hat eine Farbe – so eine gewisse Farbe … könnt Ihr mich nicht drauf bringen?

Harpagon. Eh!

Jacques. Ist sie nicht rot?

Harpagon. Nein, grau.

Jacques. Ach ja! Rotgrau! das wollte ich auch sagen.

Harpagon. Es ist kein Zweifel, sie muß es sein. Schreibt, Herr Kommissär, schreibt seine Aussagen nieder. Himmel, wem soll man nun noch trauen? – Man kann auf nichts mehr schwören, und nach dieser Geschichte glaube ich, ich wäre im Stande, mich selbst zu bestehlen.

Jacques. Gnädiger Herr, da kommt er eben wieder. Aber sagt ihm ja nicht, daß ich's Euch verraten habe.

Dritte Scene

Harpagon. Der Kommissär. Valère. Jacques.

Harpagon. Komm her, und bekenne die schwärzeste Schandthat, das abscheuliche Attentat, das je begangen worden ist.

Valère. Was meint Ihr, gnädiger Herr?

Harpagon. Wie, Bösewicht, du errötest nicht über dein Verbrechen? –

Valère. Von welchem Verbrechen sprecht Ihr?

Harpagon. Von welchem Verbrechen ich spreche, Scheusal? – Versuche nur nicht, dich herauszureden; die Sache ist entdeckt, und ich weiß alles. So mißbrauchst du meine Güte! – Schleichst dich bei mir ein, um mich zu verraten und mir einen solchen Streich zu spielen! –

Valère. Da man Euch alles entdeckt hat, mein Herr, will ich keine Ausflüchte machen und die Sache nicht länger leugnen.

Jacques. (Beiseite). Oho! Sollte ich's wohl, ohne daran zu denken, richtig erraten haben? –

Valère. Ich hatte mir schon vorgenommen, mit Euch darüber zu reden, und wollte nur eine gelegene Zeit abwarten. Aber weil es nun einmal so weit gekommen ist, beschwöre ich Euch, gelassen zu bleiben und meine Gründe anhören zu wollen.

Harpagon. Was für saubere Gründe kannst du denn noch anführen, du ehrloser Spitzbube? –

Valère. O, mein Herr, den Namen habe ich nicht verdient. Ich gestehe, daß ich mich gegen Euch vergangen habe; aber mit alledem ist mein Fehler doch verzeihlich.

Harpagon. Wie, verzeihlich? Ein solcher Verrat? Ein so überlegter Raub?

Valère. Ich bitte Euch, ereifert Euch nicht. Wenn Ihr mich nur erst angehört habt, werdet Ihr sehen, daß die Sache nicht so schlimm ist, als Ihr glaubt.

Harpagon. Nicht so schlimm, als ich glaube! Was, du Galgenstrick, mein Herzblut, mein Liebstes auf der Welt?

Valère. Euer Blut, Herr Harpagon, ist nicht in schlechte Hände geraten. Ich werde ihm keine Schande bringen; und es ist überhaupt nichts geschehen, was ich nicht wieder gut machen könnte.

Harpagon. Das bitte ich mir auch! Du sollst mir wiedergeben, was du mir entwendet hast.

Valère. Eurer Ehre soll vollkommen Genüge geschehen.

Harpagon. Von Ehre ist ja hier nicht die Rede! Aber sage mir, was in der Welt hat dich zu der That bewogen? –

Valère. Ach, könnt Ihr noch fragen?

Harpagon. Ja freilich frage ich dich.

Valère. Eine Gottheit, die immer entschuldigt, wozu sie uns angestiftet hat – die Liebe.

Harpagon. Die Liebe?

Valère. Ja.

Harpagon. Schöne Liebe, schöne Liebe, meiner Treu! Die Liebe zu meinen Louisdoren! –

Valère. Nein, mein Herr, Euer Reichtum hat mich nicht verlockt; durch ihn ward ich nicht geblendet; und ich beteure Euch, daß ich mit Freuden auf alle Güter verzichten will, wenn Ihr mir nur laßt, was ich habe.

Harpagon. Den Teufel auch lasse ich's dir! Nichts lasse ich. Aber da sehe mir einer die Unverschämtheit. Er will das gestohlene Gut behalten! –

Valère. Nennt Ihr das einen Diebstahl?

Harpagon. Ob ich's einen Diebstahl nenne? Einen solchen Schatz?

Valère. Es ist ein Schatz, das ist wahr, und gewiß der kostbarste, den Ihr besitzt; aber Ihr verliert ihn ja nicht, wenn Ihr ihn mir laßt. Ich bitte Euch fußfällig um diesen reizenden Schatz; Ihr thätet gewiß am besten, ihn mir freiwillig zu gewähren.

Harpagon. Nun und nimmer! Wie kann dir das nur einfallen?

Valère. Wir haben uns gegenseitig Treue geschworen und versprochen, einander nie zu verlassen.

Harpagon. Das ist ja ein kostbarer Schwur und ein wundervolles Versprechen! –

Valère. Ja, wir haben uns gelobt, uns auf ewig anzugehören.

Harpagon. Das wollen wir doch erst sehen; ich werde Euch schon auseinander bringen!

Valère. Nur der Tod kann uns scheiden!

Harpagon. Der Mensch ist ja ganz verteufelt in mein Geld verliebt! –

Valère. Ich habe Euch schon gesagt, Herr Harpagon, daß kein Eigennutz mich verleitet hat. Es sind nicht die Beweggründe, die Ihr mir zutraut, die mich dazu getrieben haben; mein Entschluß ist aus einer edleren Eingebung hervorgegangen.

Harpagon. Er wird mir am Ende wahrhaftig noch beweisen, es sei aus christlicher Liebe geschehen. Aber ich werde schon Rat schaffen, und die Obrigkeit, du unverschämter Galgenstrick, wird mir zu meinem Recht verhelfen.

Valère. Ihr mögt thun, was Euch beliebt, und ich bin bereit, alles über mich ergehen zu lassen. Aber das eine bitte ich Euch zu glauben, daß, wenn ein Unrecht begangen ist, nur ich der Schuldige bin, und daß Eure Tochter keinen Teil daran hat.

Harpagon. Das fehlte auch wahrhaftig noch! Wie käme denn auch meine Tochter dazu, die Mitschuldige eines so greulichen Verbrechens zu sein? – Aber ich will mein Eigentum wieder haben und du sollst mir gestehen, wohin du sie entführt hast? –

Valère. Ich? Ich habe sie nicht entführt; sie ist noch in Eurem Hause.

Harpagon. (Beiseite). O meine liebe Schatulle! – Wie, sie ist gar nicht aus meinem Hause gekommen? –

Valère. Nein, Herr Harpagon.

Harpagon. Ach, sag mir doch gleich: Hast du sie noch nicht berührt?

Valère. Ich, sie berührt? – O, Ihr thut uns beiden das größte Unrecht! Es ist die reinste und ehrerbietigste Liebe, von der ich für sie glühe.

Harpagon. (Beiseite). Er glüht für meine Schatulle? –

Valère. Ich würde ja lieber sterben, als einen beleidigenden Gedanken gegen sie äußern. Dazu ist sie zu gut, zu rechtschaffen.

Harpagon. (Beiseite). Meine Schatulle zu rechtschaffen?

Valère. Alle meine Wünsche haben sich darauf beschränkt, mich an ihrem Anblick zu weiden, und nichts Strafbares hat die Leidenschaft entweiht, die ihre schönen Augen in mir entzündet haben.

Harpagon. (Beiseite). Die schönen Augen meiner Schatulle? – Er spricht weiß Gott von ihr, wie ein Liebhaber von seiner Geliebten!

Valère. Frau Claude, Herr Harpagon, weiß den ganzen Hergang und kann Euch bezeugen …

Harpagon. Was? Meine Haushälterin ist auch dabei beteiligt? –

Valère. Ja, Herr Harpagon: sie war Zeuge unserer Verlobung; und nachdem sie die Redlichkeit meiner Absichten erkannt, half sie mir, Eure Tochter zu überreden, daß sie mir ihre Treue gelobte, und mein Versprechen empfing.

Harpagon. (Beiseite). Was Teufel! Hat die Furcht vor der Justiz ihm den Kopf verrückt? – (Laut). Was faselst du dazwischen von meiner Tochter? –

Valère. Ich sage, Herr Harpagon, daß ich alle Mühe gehabt habe, Ihre Bedenklichkeit dahin zu bringen, daß sie meiner Liebe Gehör gab.

Harpagon. Wessen Bedenklichkeit? –

Valère. Eurer Tochter; und erst gestern hat sie sich entschließen wollen, ein gegenseitiges Heiratsversprechen mit mir zu unterzeichnen.

Harpagon. Meine Tochter hat dir ein Heiratsversprechen unterschrieben?

Valère. Ja, Herr Harpagon, wie ich ihr denn meinerseits gleichfalls eins ausgestellt habe.

Harpagon. O Himmel! Welch ein neues Unglück!

Jacques. Schreibt, Herr Kommissär, schreibt! –

Harpagon. Neues Elend! Schmach über Schmach! (Zum Kommissär). Geschwind, mein Herr. Thut was Eures Amts ist: schreibt ihn ins Protokoll als Dieb und als Mädchenräuber.

Jacques. Als Dieb und als Mädchenräuber.

Valère. Das sind Namen, die mir nicht zukommen; und wenn Ihr hören werdet, wer ich bin …

Vierte Scene

Harpagon. Elise. Marianne. Valère. Frosine. Jacques. Der Kommissär.

Harpagon. O du entartete Tochter, die einen Vater wie ich gar nicht verdient! – So also befolgst du die Lehren, die ich dir gegeben habe? Verliebst dich in einen ehrlosen Dieb und versprichst ihm die Hand ohne meine Zustimmung? Aber Ihr sollt Euch beide verrechnet haben. (Zu Elise). Vier feste Mauern sollen mir für deine Aufführung bürgen, (Zu Valère) und ein tüchtiger Galgen wird mich für deine Frechheit rächen!

Valère. Euer Zorn wird in dieser Sache nicht das Urteil sprechen; und wenigstens werde ich doch gehört werden, ehe man mich verurteilt.

Harpagon. Ich versprach mich, als ich den Galgen nannte: lebendig gerädert sollst du werden.

Elise. (Zu Harpagons Füßen). Ach, teurer Vater, seid doch menschlicher, ich beschwöre Euch, und treibt Eure väterliche Gewalt nicht aufs äußerste. Laßt Euch nicht von der ersten Aufregung Eures Zorns hinreißen und nehmt Euch etwas Zeit, ehe Ihr beschließt, was Ihr thun wollt. Gebt Euch die Mühe, den, von dem Ihr Euch beleidigt glaubt, besser kennen zu lernen; er ist ein ganz anderer, als für den Ihr ihn haltet; und es wird Euch weniger befremdlich dünken, daß ich ihm meine Hand zugesagt habe, wenn Ihr hören würdet. Ja, bester Vater, er war's, der mich einst aus der großen Gefahr rettete – der mich aus dem Wasser zog, und dem Ihr das Leben Eurer Tochter zu danken habt …

Harpagon. Das alles ist nichts. Es wäre viel besser für mich, er hätte dich ertrinken lassen, als daß er mir das gethan! –

Elise. Ach, mein Vater, bei Eurer väterlichen Liebe beschwöre ich Euch …

Harpagon. Nichts da! Ich will nichts hören, und die Gerechtigkeit soll ihren Fortgang haben.

Jacques. (Beiseite). Du sollst mir deine Stockschläge bezahlen!

Frosine. (Beiseite). Welche seltsame Verwirrung! –

Fünfte Scene

Anselmé. Harpagon. Elise. Marianne. Frosine. Valère. Der Kommissär. Jacques.

Anselmé. Was habt Ihr vor, Herr Harpagon? Ihr seid ja ganz außer Euch! –

Harpagon. Ach, Herr Anselmé, ich bin der unglücklichste Mensch auf Erden; und mit dem Kontrakt, den Ihr schließen wollt, sieht es noch sehr verwirrt und weitläufig aus. Man greift mein Geld, man greift meine Ehre an; hier steht der Verräter, der Bösewicht, der die allerheiligsten Pflichten mit Füßen tritt. Er hat sich unter dem Namen eines Dieners in mein Haus eingeschlichen, um mir mein Geld zu stehlen, und meine Tochter zu verführen.

Valère. Wer denkt denn an Euer Geld, von dem Ihr mir immer vorschwatzt? –

Harpagon. Ja, sie haben sich einander die Ehe versprochen: der Schimpf fällt zunächst auf Euch zurück, Herr Anselmé und an Euch ist es jetzt, gegen ihn klagbar zu werden und eine gerichtliche Untersuchung einzuleiten, um Euch an dem Unverschämten zu rächen.

Anselmé. Es ist nie meine Absicht gewesen, eine Heirat durch Zwang zustande zu bringen und Anspruch auf ein Herz zu machen, das sich schon verschenkt hat. Was aber Euer Interesse betrifft, so bin ich bereit, es zu wahren, als ob es mein eignes wäre.

Harpagon. Hier ist ein wackerer Kommissär, der mir versprochen hat, nichts zu vergessen, was seines Amtes ist. (Zum Kommissär). Setzt ihm recht scharf zu, mein Herr, und stellt sein Verbrechen ins grellste Licht.

Valère. Ich begreife nicht, wie man aus meiner Liebe zu Eurer Tochter ein Verbrechen machen will, noch wie ich wegen unserer Verlobung bestraft werden könne, wenn man erfahren wird, wer ich bin …

Harpagon. Über solche Märchen lache ich nur. Es wimmelt jetzt allenthalben von solchen sogenannten Adligen, solchen Schwindlern, die es benutzen, daß niemand ihre obskure Herkunft kennt, und sich frecherweise mit dem ersten besten berühmten Namen ein Ansehen geben.

Valère. So laßt Euch gesagt sein, daß ich zu stolz bin, mich mit erborgten Federn zu schmücken, und daß ganz Neapel Euch bezeugen kann, welcher Familie ich angehöre.

Anselmé. Sachte, sachte! Bedenkt, was Ihr sagen wollt. Ihr wagt hier mehr, als Ihr Euch vielleicht vorstellt; Ihr habt einen Mann vor Euch, der ganz Neapel kennt, und der Eure Erzählung sehr bald durchschauen wird.

Valère. (Setzt trotzig seinen Hut auf). Ich habe niemand zu scheuen; und wenn Ihr Neapel kennt, werdet Ihr wissen, wer Don Thomas d'Alburci war.

Anselmé. Das weiß ich allerdings, und es haben ihn wenig Menschen besser gekannt als ich.

Harpagon. Ich frage den Henker weder nach Don Thomas, noch nach Don Martin. (Er sieht, daß zwei Lichter brennen, und bläst eins aus).

Anselmé. Ich bitte Euch, laßt ihn ausreden; wir wollen doch sehen, was er über ihn vorbringen wird.

Valère. Nur das eine, daß er mein Vater ist.

Anselmé. Er? –

Valère. Ja.

Anselmé. Geht, Ihr wollt uns zum Besten halten. Denkt Euch eine andere Erfindung aus, mit der Ihr besser bestehen könnt und gebt es auf, Euch mit dieser Fabel zu retten.

Valère. Wählt Eure Worte vorsichtiger. Was ich sage, ist keine Fabel, und ich behaupte nichts, was ich nicht mit leichter Mühe beweisen kann.

Anselmé. Wie, Ihr wagt, Euch für den Sohn des Don Thomas d'Alburci auszugeben?

Valère. Ja, das wage ich, und bin bereit, diese Wahrheit gegen jeden, wer's auch sei, zu verteidigen.

Anselmé. Eure Kühnheit ist unerhört! Erfahrt denn zu Eurer Beschämung, daß der Mann, von dem Ihr sprecht, vor mehr als sechzehn Jahren, mit seiner Frau und seinen Kindern auf dem Meere umgekommen ist. Er wollte sich den grausamen Verfolgungen entziehen, die der neapolitanische Aufstand hervorrief, und die so viele edle Familien aus der Heimat vertrieben haben.

Valère. Ja wohl. Erfahrt denn aber zu Eurer Beschämung dagegen, daß sein damals siebenjähriger Sohn mit einem Diener bei diesem Schiffbruch von einem spanischen Fahrzeug gerettet ward, und daß ich selbst, der hier mit Euch redet, dieser gerettete Sohn bin. Erfahrt, daß der Kapitän dieses Schiffs aus Mitleid mit meinem Unglück sich freundlich meiner annahm, mich wie seinen eigenen Sohn erziehen und in Kriegsdienste treten ließ, sobald ich herangewachsen war; daß ich erst ganz vor kurzem erfuhr, mein Vater sei nicht tot, wie ich immer geglaubt hatte – daß ich durch eine Fügung des Himmels, nachdem ich hier angekommen war, um ihn aufzusuchen, die reizende Elise kennen lernte; daß ihr Anblick mich zum Sklaven ihrer Schönheit machte, und daß die Heftigkeit meiner Leidenschaft und die Strenge Ihres Vaters mich zu dem Entschluß brachten, in seinem Hause Dienste zu nehmen und einem andern aufzutragen, die Nachforschungen nach meinen Eltern fortzusetzen.

Anselmé. Aber was für andere Zeugen, als Eure alleinige Erzählung habt Ihr, um uns zu beweisen, daß dies alles nicht eine Fabel sei, der vielleicht etwas Wahres zum Grunde liegt? –

Valère. Meine Zeugen sind der spanische Kapitän; ein Petschaft von Rubin, das meinem Vater gehörte; ein Armband von Achaten, das meine Mutter mir um das Handgelenk gebunden; endlich der alte Pedro, der treue Diener, der sich mit mir zugleich aus dem Schiffbruch rettete.

Marianne. Ach! Nach dem allen kann ich verbürgen, daß dies kein Betrug ist; alles, was Ihr sagt, läßt mir keinen Zweifel, daß Ihr mein Bruder seid.

Valère. Ihr meine Schwester? –

Marianne. Ja. Vom ersten Augenblick an, wo Ihr zu sprechen begannt, ergriff mich eine Rührung; unsere Mutter, die außer sich vor Freude sein wird, hat mir hundertmal das Unglück unserer Familie erzählt. Auch uns hat der Himmel in diesem furchtbaren Schiffbruch nicht untergehen lassen; aber wir mußten das Leben mit dem Verlust unserer Freiheit erkaufen, denn es waren Korsaren, die meine Mutter und mich von den Trümmern unseres zerscheiterten Schiffs herabholten und aufnahmen. Nach zehnjähriger Sklaverei gab ein glücklicher Zufall uns unsere Freiheit wieder. Wir kehrten nach Neapel zurück, wo wir unsere sämtlichen Güter verkauft fanden, aber über den Aufenthalt unseres Vaters nichts erfahren konnten. Von da begaben wir uns nach Genua, wo meine Mutter noch einige geringe Überreste einer zersplitterten Erbschaft zusammenbrachte. Die Härte und Ungerechtigkeit ihrer Verwandten vertrieb sie auch von dort; und so ist sie endlich hierher nach Paris gekommen, wo sie in Kummer und Krankheit eine freudenlose Zeit verlebt hat.

Anselmé. O Himmel! Wie überraschend sind die Fügungen deiner Allmacht! – Und wie zeigst du mir aufs neue, daß nur du Wunder thun kannst! – Umarmt mich, meine Kinder, und teilt eure Freude mit der Eures Vaters! –

Valère. Ihr seid unser Vater? –

Marianne. Ihr seid's, den unsere Mutter so schmerzlich beweint hat?

Anselmé. Ja, meine Tochter; ja, mein Sohn; ich bin Don Tomaso d'Alburci, den der Himmel mit aller Habe, die er bei sich trug, aus den Fluten gerettet hat, und der euch alle seit sechzehn Jahren für tot hält. Nach langen Reisen wollte ich in der Verbindung mit einem sanften und verständigen Mädchen den Trost eines neuen Familienlebens suchen. Die Gefahr, in der mein Leben noch in Neapel schwebt, hat mich bewogen, jeden Gedanken an die Rückkehr dahin aufzugeben; und nachdem mir's gelungen ist, meine dortigen Güter verkaufen zu lassen, habe ich hier eine Heimat gefunden, in welcher ich unter dem Namen Anselmé die Verfolgungen von mir fern halten wollte, die mein wahrer Name mir zuziehen würde.

Harpagon. (Zu Anselmé). Das ist also Euer Sohn?

Anselmé. Ja.

Harpagon. So halte ich mich an Euch wegen der dreißigtausend Livres, die er mir gestohlen hat.

Anselmé. Er? – Euch bestohlen? –

Harpagon. Ja, er selbst.

Valère. Wer hat Euch denn das gesagt? –

Harpagon. Jacques.

Valère. (Zu Jacques). Das hast du gesagt?

Jacques. Ihr seht, ich sage gar nichts.

Harpagon. Ja wohl! – Hier der Herr Kommissär hat seine Aussage zu Protokoll genommen.

Valère. Könnt Ihr mich denn einer solchen Schändlichkeit fähig halten?

Harpagon. Fähig oder nicht fähig, ich will mein Geld wieder haben.

Sechste Scene

Harpagon. Anselmé. Elise. Marianne. Cléanthe. Valère. Frosine. Der Kommissär. Jacques. La Fléche.

Cléanthe. Macht Euch keine Sorge, Vater, und klagt niemand an. Ich bin Eurer Sache auf die Spur gekommen und kann Euch so viel sagen, daß, wenn Ihr Euch entschließen wollt, mich Mariannen heiraten zu lassen, Euer Geld Euch wieder eingehändigt werden soll.

Harpagon. Wo hast du's?

Cléanthe. Kümmert Euch darum nicht. Es ist sicher aufgehoben, dafür stehe ich; und alles hängt nur von mir ab. Ihr habt jetzt die Wahl und müßt mir sagen, wozu Ihr Euch entschließt; ob Ihr mir Mariannen lassen oder Euer Geld verlieren wollt.

Harpagon. Ist nichts davon weggekommen?

Cléanthe. Nicht das mindeste. Entscheidet nun, ob Ihr gekommen seid, unsere Heirat zuzugeben, nachdem auch Mariannens Mutter ihre Einwilligung ausgesprochen hat, sie zwischen uns beiden wählen zu lassen.

Marianne. (Zu Cléanthe). Ihr wißt aber nicht, daß diese Einwilligung allein nicht hinreicht und daß der Himmel mir außer einem Bruder, den Ihr hier vor Euch seht, auch meinen Vater wieder geschenkt hat, von dem Ihr mich erbitten müßt.

Anselmé. Der Himmel, meine Kinder, hat Euch nicht wieder zu mir zurückgeführt, damit ich euren Wünschen entgegen sein sollte. Mein Herr Harpagon, Ihr werdet wohl einsehen, daß die Wahl eines jungen Mädchens eher auf den Sohn, als auf den Vater fallen wird; macht also keine Umstände, laßt Euch nicht erst sagen, was nicht nötig ist, zu hören und willigt so wie ich in diese Doppelheirat.

Harpagon. Erst muß ich meine Schatulle sehn; die soll den Ausspruch thun.

Cléanthe. Ihr werdet sie ganz und unversehrt wieder finden.

Harpagon. Ich habe aber meinen Kindern kein Geld mitzugeben.

Anselmé. Nun gut; ich habe genug für sie; das braucht Euch keine Sorge zu machen.

Harpagon. Wollt Ihr Euch verpflichten, alle Kosten der beiden Heiraten zu tragen?

Anselmé. Die will ich übernehmen. Seid Ihr nun zufrieden?

Harpagon. Ja; aber Ihr müßt mir auch ein neues Kleid zur Hochzeit machen lassen.

Anselmé. Das soll geschehen. Und nun laßt uns nur an die Freude denken, die dieser glückliche Tag uns bereitet.

Der Kommissär. Halt, meine Herren, halt! – Noch einen Augenblick, wenn's gefällig ist. Wer wird mir denn meine Schreiberei bezahlen? –

Harpagon. Eure Schreibereien brauchen wir jetzt nicht mehr.

Der Kommissär. Ja, ich will aber doch nicht umsonst geschrieben haben.

Harpagon. (Zeigt auf Jacques). Macht Euch mit dem da bezahlt, und laßt ihn hängen.

Jacques. Ach, wie soll man's denn anfangen? Wenn ich die Wahrheit sage, bekomme ich Schläge und wenn ich lüge, soll ich hängen!

Anselmé. Mein Herr Harpagon, Ihr müßt ihm seinen Betrug diesmal noch verzeihen.

Harpagon. Ihr wollt also den Kommissär bezahlen?

Anselmé. Meinetwegen. Aber jetzt schnell zu eurer Mutter, damit sie teil an unserer Freude nehme.

Harpagon. Und ich zu meiner lieben Schatulle! –

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