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Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918)

Ernst Heilborn: Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918) - Kapitel 8
Quellenangabe
authorErnst Heilborn
titleDer Geist der Bismarckzeit (1848-1918)
publisherOtto Elsner Verlagsges. m.b.H.
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid9ac9da80
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Die von unten

Das Wort eines, der wohl oder übel darüber Bescheid wissen mußte: »In keiner früheren Zeit wurde es der großen Mehrzahl der Menschen schwerer, sich zu einem gewissen Wohlstand emporzuschwingen, als gegenwärtig.« Denkt man der Behauptung nach und wäre man geneigt, ihr beizupflichten, so drängt sich einem doch unmittelbar der Gegen-Satz auf: in dieser Zeit wird es zuerst möglich, sich von unten herauf emporzuarbeiten, was früher in dem Maße kaum erreichbar gewesen. »Die von unten« bestimmen wesentlich die Physiognomie der Zeit. Mitzeuge eben jener August Bebel, der den angeführten Satz niedergeschrieben. Und wenn Bebel ein andermal darüber reflektiert und meint, Goethe, als Sohn eines armen Schusters in Frankfurt zur Welt gekommen, wäre kaum großherzoglich weimarischer Minister geworden, sondern höchstwahrscheinlich Zeit seines Lebens Schuster geblieben, so mag das für das deutsche 18. Jahrhundert nicht ganz unzutreffend sein – für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist es bereits zu einer Unwahrheit geworden.

Freilich: noch im Jahre 1853 weigerte sich Graf Eberhard Stolberg, mit Borsig im Herrenhaus zusammenzusitzen, weil der Industrielle in einer Tischlerwerkstätte geboren war.

Andererseits: Bismarck liebte es in seinen Reden auf den Minister Rother (1836) zu exemplifizieren, der Schreiber in einem Reiterregiment gewesen war.

 

Welcher Art sind »die von unten« und welches ist ihre Sendung? – Die den Weg sehr weit zurückgelegt haben, beanspruchen das Recht, vor anderen gehört zu werden; daß sie nichts mit einander gemein zu haben scheinen, mag das dennoch Gemeinsame schärfer belichten. Sucht man nach den Prototypen, so ist es, als kämen sie aus den vier Richtungen der Windrose; jeder hat nur sein Ziel vor Augen, fragt nichts nach dem der andern, setzt sich in seiner Weise durch –:

August Bebel, Führer der deutschen Sozialdemokratie, Sohn eines Unteroffiziers (der Stiefvater, der die sehr früh verwitwete Mutter geheiratet hatte, bezog ein Gnadengehalt von monatlich zwei Talern); Adolf Stöcker, der »Hofprediger aller Deutschen«, Sohn eines Wachtmeisters bei den Halberstädter Kürassieren, späteren Schmiedes; Alfred Krupp, der »Kanonenkönig«, der die langen Jugendjahre hindurch als Gleicher mit Gleichen am Amboß gestanden; Heinrich Schliemann, der »Wiederentdecker Trojas«, der 5-½ Jahre Dienst in einem Krämerladen in Fürstenberg im Mecklenburgischen geleistet hat. Sie alle darf man um so eher befragen, als sie autobiographische Niederschriften (bei Krupp sind es nur Notizen) hinterlassen haben.

Aus eigener Kraft erreichen sie das selbstgesteckte Ziel, die Ausgangsstufe aber ist nicht ganz die gleiche. In gewisser Weise sind die Krupp und Schliemann von Anfang an besser gestellt als die Unteroffiziersöhne. Krupp entstammt einer angesehenen, wenn auch beim vorzeitigen Tod des Vaters völlig verarmten bürgerlichen Familie; er hat das Gymnasium bis zur Quarta besucht. Schliemann ist Sohn eines Pfarrers und erhält eine gute Erziehung. Die Familie wird aber nach dem Tode der Mutter (man weiß nicht, weshalb) von allen gemieden; vom Vater hört man fürder nichts mehr; der Knabe steht allein und mittellos in der Welt.

Sein eigenes Leben überschauend, sagt Bebel: Der Selfmademan existiere nur in sehr bedingtem Maße. Hundert andere, die weit ausgezeichnetere Begabungen besäßen, blieben im Verborgenen. Es komme darauf an, die »glücklichen Umstände« auszunützen. Dazu müsse die notwendige Anpassungsfähigkeit vorhanden sein.

Also nicht das Bild des Ellbogenmenschen, der im Gedränge die im Wege Stehenden beiseite stößt. Viel eher das des Schwimmers, der die Welle nützt und sich von ihr tragen läßt. So hat Bebel von den Möglichkeiten, die ihm die Arbeiter-Bildungsvereine boten, bis aufs letzte Gebrauch gemacht. So schießt ein Stöcker – wir sind jenseits von Gut und Böse – wie ein Habicht auf sein eigenes Zufallswort. Ohne irgendwelche weiterleitenden Absichten war er in einer Volksversammlung auf die Judenfrage zu sprechen gekommen, er findet ganz ungewohnten, ihn selbst überraschenden Beifall, er beißt sich fortan in das Thema fest und erntet.

Merkwürdig mutet es an, aber es tritt unwiderleglich zutage: die »glücklichen« Umstände nahen verzweifelt oft als ausgesprochenes Unglück. Man sieht die Berufenen auch das Mißgeschick reiten.

Franz Rehbein, der es innerhalb der Sozialdemokratie zu führender Stellung brachte, verliert seinen rechten Arm in einer Dreschmaschine, wird dadurch arbeitsunfähig, erhält eine Invalidenrente und nutzt die erzwungene Muße zur entscheidenden Weiterbildung aus. Heinrich Schliemann zieht sich durch Aufheben eines zu schweren Fasses eine Brustverletzung zu und wird dadurch aus seinem Fürstenberger Krämerladen in die unbegriffene Weite gescheucht. Wieder in anderer Weise Krupp, und hier ist Einblick: Die Kanonen, die Krupp für den deutsch-österreichischen Feldzug geliefert hat, haben sich nicht, oder doch nicht genügend, bewährt. Er nimmt sie ohne weiteres zurück und stellt dafür kostenlos neue. Damit ist seine führende Stellung wie mit entscheidender Wendung gesichert.

Derart das Wogen der Wellen um den Schwimmer. Das Nieder bietet die gleichen Möglichkeiten wie das Hoch. Ein nicht Abzulenkender aber hält er auf das Ziel zu.

Darin ist unter diesen allen kein Unterschied: sie wissen von Kindheitstagen an, was sie wollen, und kommt neben diesem Willen kaum ein anderer Wunsch auf; oder die andern Wünsche werden neben den Zielwillen in gleicher Zugrichtung angedeichselt. Dabei verschlägt es nichts, daß die verschiedenen Temperamente sich in ihrer Weise geltend machen: Bebel geht den festabgesteckten Weg als Enthusiast; Stöcker als Fanatiker. Bei Krupp ist eine nicht genug zu bewundernde Intelligenz Führerin, er weiß von früh auf, daß in seinem Bereich alles davon abhängt, Gußstahl von Qualität in größeren Mengen als bisher möglich gewesen herzustellen, die Gußstahlblöcke auf der Londoner und Pariser Ausstellung werden zu Meilensteinen an seiner Laufbahn, die »Liebhaberei« der Kanonenherstellung ist nur das andere Pferd an der Deichsel und kann nur vorwärts kommen, wenn der Leitgaul die Strecke zwingt. Bei Schliemann aber ist's wie Märchen. Schon als Bub gräbt er im heimatlichen Pfarrdorf aus. Weiß, daß er einst Troja ausgraben muß. Wird Kaufmann, erwirbt sich in Rußland (durch denkbar geschickte Ausnutzung der Konjunktur) ein ansehnliches Vermögen, sagt sich nach vorbestimmter Frist, nun reicht es aus, und greift zum Spaten. (Wie er schon als Bub weiß, wen er liebt und heiraten will; um diese eine auch wirbt, sobald er es zu etwas gebracht hat; dabei aber zu erfahren hat, daß sich die Erwählte inzwischen anderweitig gebunden hat.)

Voraussetzung ist die außergewöhnliche Begabung. Sie schließt, charakteristisch genug, bei allen insgesamt die organisatorische Fähigkeit in sich ein. Sie zeigt sich bei Bebel und Stöcker, den Antipoden, in ungemein leichter Auffassungsgabe, der sich die Promptheit der Entschlußkraft gesellt. Sie wächst bei Krupp ins Unnachdenkbare: ohne je Mathematikunterricht gehabt zu haben, ohne Besuch eines Technikums, setzt er sich durch Selbststudium in den Besitz der vielfachen wissenschaftlichen Vorkenntnisse eines modernen industriellen Betriebs, jederzeit befähigt, mit dem Bleistift eigene Entwürfe festzuhalten. Bei Schliemann mutet die besondere Veranlagung vollends wie Märchengabe und Geschenk gütiger Feen an. Kaum zum Kommis avanciert, macht er sich Französisch, Englisch, Holländisch, Russisch, später Griechisch, Arabisch, um nur die wichtigsten Sprachen zu nennen, fließend zu eigen – und wie verfährt er dabei? Er lernt den ganzen Roman »Paul et Virginie«, dann wieder ganze Klassiker in dem von ihm noch unbeherrschten Idiom von der ersten bis zur letzten Silbe auswendig – und ist sich dabei der Einzigartigkeit seiner Gedächtnisbegabung so wenig bewußt, daß er ernsthaft vorschlägt, dies »System« müßte allem Sprachunterricht in den Schulen zugrunde gelegt werden. Das alles zudem nach arbeitsreichem Tag in den Mußestunden. Ein Unbewußter, zugleich wiederum sehr Bewußter, der Schritt für Schritt seinen Weg abmessend ins Auge faßt. Denn noch vor allem Sprachstudium war es sein erstes, die ersparten Groschen einem Kalligraphen zuzutragen, um Schönschrift (damals für den Kaufmann sehr wichtig) zu lernen.

Sehr verschieden geartete Veranlagungen, und doch im wesentlichen eins: die Phantasiebegabung entscheidet. Sie zeigt sich bei allen schon in der Absonderlichkeit der Kinderspiele – Stöcker wird noch als Student eines Dummenjungenstreichs halber mit Karzerstrafe und Relegation bedacht. Sie ist in der frühen Setzung des Ziels. Sie zeigt sich in der Eigenart der Tätigkeit. Sie bestimmt den Charakter des Werks. Von Schliemann sagte Virchow, die Phantasie habe ihm den Spaten geführt. Liest man heute Schriften von Bebel, so staunt man über den Träumer. Krupp läßt sich von der Einbildungskraft, so als Erfinder wie als Kaufmann, die Ziele setzen und erreicht sie. Bei dem einzigen Stöcker scheint das nicht zuzutreffen. Seine Predigten lesen, heißt durch die Dürre wandern, ohne irgendwo auch nur die Oase eines Vergleichs anzutreffen. Sieht man ihn sich aber genauer an, so gewahrt man zu seinem Erstaunen, daß die vielfachen Verirrungen des vielfach angefeindeten Mannes seiner in die Trense verbissenen ungezügelten Einbildungskraft – vor der Tatsachen unkontrolliert auftauchen und versinken – zuzuschreiben sind.

 

Ungewöhnliche Lebensführungen derer »von unten«, und es ist schwer, bei innerlicher Vergegenwärtigung dabei nicht an Schicksalsfügung zu denken. Diese Männer erscheinen irgendwie – wir sind jenseits von Gut und Böse – als Notwendigkeiten. Als Werkzeuge in Händen eines Unbegreifbaren. Das Ausnützen der Möglichkeiten durfte als wesentlich bezeichnet werden, entscheidet aber nicht. Sehr wohl möglich, daß hier durch die Ungewöhnlichkeit nur sichtbarer wird, was in keinem Menschenleben ganz fehlen mag –, diese sich Durchsetzenden erscheinen durchaus als Geführte.

Bei dem einen von ihnen, bei Heinrich Schliemann, gewinnt der Eindruck besondere Kraft. Es ist, als stünde die dunkle Macht, von ihm selber ungesehen, ja ungeahnt, in jedem Augenblick seines Lebens hinter ihm. Sie nimmt sich seiner an – durch Schläge. Sie fördert ihn – durch Foppereien. Es ist, als riefe etwas in seinem Innern, ohne daß er darum wüßte, nach ihr. Oder als bestünde zwischen ihm und ihr eine magische Verbindung. Als sammelte er die Elektrizitäten um sich. Wie der Krämerlehrling durch einen Unfall aus seiner Enge gescheucht wird, so wirft bald darauf ein Schiffbruch den Ausgewanderten an das Gestade, wo für ihn gesorgt sein wird; ein Zufall sendet ihn nach Rußland, wo er den Grund zu seinen geschäftlichen Erfolgen legen kann; er hat sich ein Vermögen von 150 000 Talern erworben und es restlos in einer Warensendung angelegt; die geht in Memel in Stapel, und Memel brennt an demselben Tage bis auf die letzte Hütte nieder; verschont nur ein Holzschuppen, in dem sich Schliemanns Ware befindet. Das ist nun freilich nicht mehr »Ausnutzung der Möglichkeiten«, es ist wie magische Verbindung von Mensch und Schicksal. Ist das, was Goethe das Dämonische nannte.

Und eben deshalb, weil das Dämonische in diesem zielbewußten Phantasten steckte, der berufen war, dem verstiegenen Historizismus der Zeit urkundliche Geschichtsdokumente vorzulegen, möchte man ihn im Gegensatz zu jenen anderen, gewiß Begabten, den Genialen nennen.

 

In eben jener Zeit, da »die von unten« ihren Aufstieg nahmen, fühlte sich ein höherer Justizbeamter, der den Vorsitz bei der preußischen Assessorenprüfung führte, veranlaßt, den Familienverhältnissen der Prüflinge seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Nicht unbedenklich erschien es ihm, das Richteramt gar so vielen aus kleinen und engen Verhältnissen Aufgestiegenen anzuvertrauen. Es fehle, was keine Prüfung darzutun vermöge, die »gute Kinderstube«.

Zwecklos auch nur ein Wort darüber zu verlieren, ob auch die Großen unter denen »von unten« den Mangel der guten Kinderstube mit sich durchs Leben trugen – aus hinterlassenen Dokumenten ist das nicht darzutun. Es läßt sich schließlich alles lernen bis – auf das Selbstverständliche.

Dafür aber bringen »die von unten« eine Gabe mit, der unschätzbarsten eine: den Zusammenhang mit dem Volk.

Wodurch sind denn die Bebel und Stöcker groß? Sie haben das Ohr des Volks. Es ist etwas in ihrer Art, sich zu geben, etwas in ihrem Mienenspiel und in ihren Gesten, etwas in der Wahl ihrer Worte, das unmittelbar auf die vielen wirkt, die Nerven in Blutsgemeinschaft vibrieren läßt, eine erdgebundene Gemeinsamkeit schafft. Und das läßt sich noch schwerer lernen als die gute Kinderstube, ist etwas, das verstandesfern, in den Instinkten schlummert. Schliemann deklamiert den Eingeborenen von Ithaka Gesänge des Homer, und sie tragen ihn auf ihren Armen in die Dörfer, dulden nicht, daß er für irgend etwas zahle, laden ihn in ihre Hütten zu Gast. Eine Bildung gibt es, die Bildung überwindet, und hier ist sie. Krupp erläßt Ansprachen an seine Arbeiter, in denen er sie vor jedweder politischen Betätigung warnt, Ansprachen, die dem Arbeiterwollen und dem Zeitgeist – in dieser Periode der anflutenden Sozialdemokratie – so konträr wie irgend möglich sind, aus denen eine damals längst überwundene Partriarchalität redet. Macht nichts! Er hat mit seinen Leuten am Amboß gestanden, er hat ihr Ohr. Es ist kein Zweifel – und man könnte es aus den Wahlergebnissen statistisch dartun – er erzielt seine Wirkung, weil ihm Volksnahesein geblieben ist.

Mögen diese von unten groß sein oder nicht, in dieser Gabe des Mitdemvolkelebens besitzen sie ein Größtes.

Und sie sind treu, sie fühlen sich für ihren Aufstieg verpflichtet. Jeder von ihnen begreift es neben seiner Lebensaufgabe als vornehmste Pflicht, nach Kräften für die da unten Zurückgebliebenen zu sorgen.

Bei Schliemann tritt der Zug am wenigsten zutage, und doch läßt auch er sich die Fürsorge für die Arbeiterscharen, die er zu seinen Ausgrabungen um sich versammelt hat, in ganz individueller Weise angelegen sein. Bebels politische Tätigkeit ist Stamm aus solcher Wurzel. Bei aller einseitigen Parteinahme leistet Stöcker als Begründer der Berliner Stadtmission auf sozialem Gebiet Weitreichendes, das hier Geschaffene führt ihm Anhänger wie Friedrich Naumann zu und überlebt ihn. Was Krupp in Arbeiterfürsorge gewirkt hat, ist für die Arbeiterschutzgesetzgebung des Deutschen Reichs und darüber hinaus vorbildlich geworden.

Aufwärtsweisende, und sie stehen am Weg der Zeit.

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