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Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918)

Ernst Heilborn: Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918) - Kapitel 28
Quellenangabe
authorErnst Heilborn
titleDer Geist der Bismarckzeit (1848-1918)
publisherOtto Elsner Verlagsges. m.b.H.
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid9ac9da80
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Der neue Geist

Das Unglück der Zeilen hatte Rahel darin erblickt, daß immer in die andere greife, und nicht die neue in die alte, sondern die alte noch in die neue. Wie nun, wenn dies »Unglück« der Zeiten zugleich und in eben dem Maße deren Glück bedeuten könnte?

Als eine Periode niedergehender Geistigkeit hatte die Epoche gekennzeichnet werden müssen. Jenes letzte Aufflackern in den fünfziger und sechziger Jahren hatte dem Historizismus und Materialismus die Wege geöffnet, und beide, sowohl der Historizismus wie der Materialismus, hatten, ins Bewußtsein der Gebildeten und Halbgebildeten tretend, von breiten Volksschichten mißverstanden, sehr andres Gesicht gewonnen, als sie in der Wochenstube der Geistigkeit gezeigt hatten. Zweifellos aus Geist geboren, hatten sie den Geist niedergehalten, niedergedrückt. Nicht aber die fleißige Arbeitsleistung! Die war vielmehr aufs äußerste angespornt worden. Wo Faust das Pult verlassen hatte, da hatten sich alsbald die vielen Famuli die Studierlampe zurechtgerückt. Quellenuntersuchung und Philologie waren zum Pensum der Zeit geworden, eine Fülle von Tatsachenmaterial wurde in den Naturwissenschaften bereitgestellt, zäh erarbeitete sich die Technik Fortschritt auf Fortschritt. Damit hat diese Zeit vollbracht, was kaum eine frühere für die nachfolgende geleistet: sie schuf die denkbar sichere Grundlage für eine neue Geistigkeit. Sie zementierte den Flugplatz der Zukunft.

Nicht zu vergessen: diese Periode der behutsamen und exakten Philologie sah auch den Abenteurer des Geistes, der sich sein Troja mit dem Spaten ausgrub. Dieser Epoche des »Soll und Haben« erstanden spekulative Geister, die der Weltwirtschaft geboten.

Kraft der technischen Errungenschaften waren die Völker in einem Sinne einander nahegerückt worden, in dem Vergleichsmöglichkeiten zu Vergleichsnotwendigkeiten wurden. Die deutsche Bildung stand nicht mehr auf sich allein. Englische und französische Kultur, russische Schicksalsdämonie bestimmten auch ihrerseits die Atmosphäre der deutschen Großstadt. Das Bildungsziel wurde dadurch verschoben, Bildung selbst zu einer Frage, auf die die Zeit weder aus sich, noch aus ihrem Historizismus heraus die Antwort fand. Von einer Mechanisierung des Unterrichts ließ sich reden – aber die Periode pflügte und säete auch zu neuer Frucht: aus Anregungen Pestalozzis und Fröbels schuf Henriette Schrader ihre lebendige Einwirkung auf die frühe Kindheit; ein Hermann Lietz wandelte, soweit ihm Kraft gegeben war, die Lern- in eine Erziehungsschule; ein Lichtwark wurde Führer zu Lebensstil.

Diese Periode der Mechanisierung der Lebensführung, der Zersetzung der Autorität und der Verwischung der Standesunterschiede sieht noch einmal die Persönlichkeit in überzeitlichem Ausmaß. Bismarck. Der Eine, der, scheinbar nur seinem zeitlich und staatlich bedingten Beruf nachlebend, für alle Berufe Antwort gibt. So überragend an Geist, wie überwältigend als Persönlichkeit. Und diesem Großen ist es gegeben, sich auch im feindlichen Lager Größe zu wecken. Die ihn zeit ihres Lebens befehdeten und denen er Haß loderte, die Windthorst, Bamberger, Bebel werden, überzeitlich gesehen, zu seinen Paladinen.

Im liberalen Lager, im Lager der auf dem Kriegsschauplatz der Zeit in Reserve Gehaltenen, erwächst der Zeit recht eigentlich die kultivierte Persönlichkeit. Ein besonderer Zug: in eben dem Maße, in dem sie deutsch sind, haben sie teil an europäischer Bildung. Ein Otto Gildemeister, ein Heinrich Schrader, ein Theodor Barth. In ihrer Wirksamkeit durch die politische Entwicklung gehemmt, blühen sie als Persönlichkeiten auf. Das geschlossene Werk ist ihnen auch schriftstellerisch versagt, sie geben sich als Essayisten aus. Aber gerade, weil sie ihrer Zeit schuldig bleiben müssen, wird ihr persönlichkeitsdurchpulster »Versuch« der Nachwelt lebendig.

Eine Periode des Militarismus, den eine kluge, allzu kluge Politik auch in das bürgerliche Leben verpflanzt. Das Vereinswesen gedeiht und trägt viel dazu bei, dem Bürger der Zeit spießbürgerliches Ansehn zu verleihen. Es liegen aber auch in diesem Militarismus, selbst in solcher Vereinsmeierei, die Wurzeln zu etwas Großem, Neuem, die Wurzeln der Eiche, die Sinnbild der Zukunft wird. Dieser Zeit ersteht Gemeinschaftswille. Es bildet sich Verstand aus einer Vielheit der Köpfe, Pulsschlag aus vielen Herzen. Diese Zeit sieht das Aufkommen, das Erstarken, das Führertum der Gewerkschaften. Und was sich hier im Großen und bestimmend vollzieht, das spiegeln geringfügige Bindungen, wie etwa die der Volksbühnen, wider.

Persönlichkeit und Gemeinschaftswille, das ist nicht gar so wenig für eine Zeit der geistigen Ermattung und des daraus resultierenden Schauspielertums.

 

Es war beklagt worden, und es war wesentlicher Zug der Zeit gewesen, daß religiöse Ueberzeugungen, das Gegensätzliche verschärfend, das Gemeinsame zersetzend, auf allen Seiten in die politischen Parteiungen einbezogen worden waren. Wie aber, wenn aus religiösen Ueberzeugungen Religion entstünde, die eine, die alle vor dem Schöpfer demütigt und zu ihm erhebt, und damit aus zur Zeit noch widerstrebenden Kräften die neue, die einigende Macht erwüchse?

 

Die Bismarckzeit hat sich keinen Stil geschaffen. Stillosigkeit ist ihr Gepräge. Aus der Wahllosigkeit, mit der Gebrauchsformen, auch Normen der Lebensführung, übernommen werden, leuchtet das Cuivre poli.

Wohl aber finden sich Ansätze zu Stil. Er tritt zunächst in der Malerei zutage und sucht den arbeitenden Menschen, zumal den über das Feld Gebeugten, den Erntenden; – wie den Ausschreitenden, in die Ferne Blickenden, den Säenden. Es bildet sich »Linie«. Sie führt von einem Millet, über das bildhauerische Werk eines Meunier, zu Max Liebermann, zu der Graphik einer Käte Kollwitz, wenn man will, bis in die soziale Typengebung eines Zille. In dieser Linie ist Größe.

Man erkennt aber auch dieselbe Linienführung in dem dramatischen Jugendwerk eines Gerhart Hauptmann, und wenn Fuhrmann Henschel, etwa von Rittner verkörpert, die Bühne betritt, weist die Gestalt, seelisch wie leiblich, die gleiche Kontur. Es ist diese Linie, wieder in anderer Art, auch in dem architektonischen Werk eines Messel und Behrens erkennbar.

Vielleicht mühte sich diese Zeit so hartnäckig wie vergeblich um Lösung der sozialen Problematik, weil sie in der Arbeit nur den alttestamentarischen Fluch, nicht die neutestamentliche Erlösung erkannte? Wie dem auch sei: auf Arbeit blickend, fand sie selber Größe.

 

Es ist hier Erbschaft, und wieder greift die alte Zeit in die neue. Der Verstehende wird auch ein Dankbarer sein.

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