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Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918)

Ernst Heilborn: Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918) - Kapitel 26
Quellenangabe
authorErnst Heilborn
titleDer Geist der Bismarckzeit (1848-1918)
publisherOtto Elsner Verlagsges. m.b.H.
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid9ac9da80
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Die Bildung der Ungebildeten

Es geht wie ein Strom der Klage und der Anklage über das, was uns Bildung heißt, durch das steinige Bett der Zeit. Von dem jungen Bismarck, der sich selber seiner kargen Verstandesbildung beschuldigt, zu Nietzsche, der unsere Borgbildung schlechthin Diebstahl nennt, von Fontane, der mahnt, man müsse klug, aber nicht gebildet sein (Bildung sei immer wie Katarrh bei Ostwind, und man müsse beständig auf der Hut sein, daß aus der kleinen Affektion nicht die galoppierende Schwindsucht werde), zu Lagarde, der feststellt, daß es für jeden Menschen nur eine Bildung geben könne, – sie stehen alle da, und es sind gerade die Besten, strecken die Arme aus und spreizen die Finger und fühlen, die Hände sind leer.

Trotzdem: auch die, die unter den Gebresten der Bildungsnot und des Bildungsfiebers seufzen, kommen über diese Wahnvorstellung der Zweiteilung von Gebildeten und Ungebildeten schwer hinaus. Wissen, wie töricht und unzutreffend sie ist, und bleiben darin befangen. Wenn nicht theoretisch, so in der Begegnung von Mensch zu Mensch. Und immer heißt es in dieser Zeit: Wir und die Ungebildeten sprechen zweierlei Sprache.

 

In gewissem Sinne bleibt auch hier die Schule entscheidend. Es ist nicht zu übersehen, daß der Arbeiter Fischer, dessen Denkwürdigkeiten Göhre herausgegeben hat, bereits »fix lesen, rechnen und schreiben« kann, als er in die Schule kommt; sein Großvater hat ihn das gelehrt. Sehr viel auffälliger aber wird es bei dem Landarbeiter Rehbein, dessen Selbstbiographie Göhre gleichfalls herausgegeben hat. Rehbein kommt auf die Schule und hält sich wacker. Verdient sich auch die ersten Groschen mit Stiefelputzen bei Pastors, und Pastors haben viele Pensionäre, die Gymnasiasten sind, und denen machts Vergnügen, dem Jungen bei den Schularbeiten zu helfen, ihm Bücher zu leihen, ihm Aufgaben zu stellen. Wo immer er nachher als Hütjunge, als Knecht auf dem Land in Stellung ist, fahndet er auf Zeitungen und Zeitschriften. Dem Bauer fällt das auf, er borgt ihm seine Bücher. Einmal gelangt ein Brief, den er an seine Mutter geschrieben hat, in die Hände des Inspektors; der staunt über die Handschrift, erbricht und liest den Brief und ist nun gleichfalls über den Inhalt verwundert; will den Jungen fördern, stirbt aber darüber. Ein andermal in anderer Stellung ist wieder ein Ausborgen von Zeitschriften und Büchern mit den Söhnen des Bauers, und dann treiben sie gemeinsam ganz bewußt theoretische landwirtschaftliche Studien. Den helläugigen Kopf vorausgesetzt, – es ist immer das Kapital an Schulbildung, das in das jeweilig neue Lebensgeschäft eingelegt werden kann.

Das Zeitungsblatt, das Buch ist nur scheinbar ein und dasselbe. Es wandelt sich unter den Augen jedes Lesenden. Es kommt in Scharen, und ist schwach. Es läßt sich suchen, tritt vereinzelt auf, und ist von erstaunlicher Kraft. Das ist zu bedenken: für diese wenig Lesenden wird jedes Blatt zu lebendiger Unterredung. Noch ist jene Ehrfurcht vor dem gedruckten Wort wirksam, die so beglückend wie gefährlich ist.

Nun aber ist Bildung gewiß kein Quantitätsbegriff. Man kann für sich, seelisch und geistig, aus der einen Bibel, dem einen Homer, dem einen »Faust« so viel herausholen wie aus dem Studium der gesamten Literaturen. Man könnte weitergehn und sagen: Beschränkung der Aufnahme sei Bildungsmaßstab. Man dürfe sich an den Reichtum nicht verlieren. Das ist das Bewunderungswürdige, daß dieser Landarbeiter Rehbein, von sicherem Instinkt geführt, sich in seiner Lektüre auf das verlegt, was für ihn greifbar ist, ihn unmittelbar fördert: das theoretische landwirtschaftliche Buch. Dazu liest er Fritz Reuter und den Chronisten Neokorus. Lagarde hatte recht: es gibt für jeden Menschen nur eine Bildung.

Fischer ist von Haus aus Bäcker, wird aber dann Straßen-, Eisenbahn- und Industriearbeiter, und es wird in seiner Entwicklung nicht recht klar, warum er den Bäckerkittel abstreift, um sich als »Ungelernter« durchs Leben zu schlagen. Er, der bereits »fix lesen, rechnen und schreiben« konnte, als er in die Schule kam, lernt niemals das schreiben, was wir Schriftdeutsch nennen, und ist dennoch ein ungewöhnlich Gebildeter. Er fällt nicht auf, – die andern sind's, die ihm auffallen. Als ein Beobachtender geht er durchs Leben. Er hat den Blick für Charaktereigentümlichkeiten und jenes Benehmen der Menschen, das nicht durch die Wesensart, sondern durch den Zwang der Umstände diktiert wird. Er unterscheidet. Und wird dadurch neben einem Menschenkenner zu einem Beurteiler der sozialen Bindungen. Das geht bei ihm so weit, daß er im Grunde von Politik nichts wissen will oder doch zum wenigsten sozialdemokratische Zukunftsträume bei ihm nicht verfangen; er vielmehr unter Seufzen seine gegenwärtige Stunde und den sozialen Druck lebt, mit Randglossen, aber ohne eigentlichen Widerspruch; ein Weiser.

 

Paul Göhre, in dessen Buch »Drei Monate Fabrikarbeiter« doch manch Belangvolles steht, unterscheidet im Hinblick auf die Bildung der Arbeiterschaft drei wesentlich unterschiedene Schulunterrichtseinflüsse. Wer die Dorfschule durchmache, erfahre eine auf der biblischen Anschauung beruhende Erziehung, nur daß die Religion nicht zu einem Gefühlswert, sondern zu verstandesgemäßem Katechismusexerzitium werde. Die Bürgerschule der Kleinstadt sei moderner und profaner zugleich. Der Wissensstoff fuße auf den Ergebnissen der modernen Wissenschaft, der Religionsunterricht stehe als etwas Abgesondertes, in sich Abgeschlossenes beiseite. In der Gemeindeschulbildung der Großstadt lasse sich, wie bei der Dorfschule, die Abhängigkeit der Wissensgebiete von der biblischen Auffassung nicht verkennen, wiederum aber überwiege im Religionsunterricht das Verstandesgemäße; die unausbleibliche Krise im Schüler trete um so schneller ein, als die häusliche Umgebung selten oder nie religiöse Eindrücke zu vertiefen vermöge. – Das alles ist im Hinblick auf den protestantischen Norden gesagt. Wie sich die drei Schulgattungen aber auch unterscheiden, sie erziehen (nach Göhre) alle und ausnahmelos zu einer verstandesgemäßen Verbildung.

Der ins Leben eintretenden Arbeiterschaft wartet die sozialdemokratische Volksbildungsliteratur. Sie war in ihrer Gesamtheit auf den Kampf mit der christlichen Weltanschauung zugeschnitten. Sie vertrat den Materialismus als Dogma. Auch sie wandte sich an den Verstand und wurde um so bereitwilliger aufgenommen, als ihr eine verstandesgemäße Vorbildung vorangegangen war. Vom rein verstandesgemäßen Ja zum ebenso verstandesgemäßen Nein aber ist der Schritt sehr kurz. Seine eigenen Gespinste zu zerreißen ist dem Verstand eine Lust. Ist ihm die ihm naturgemäße Gymnastik. Widerstand ist immer nur in Gefühlswerten.

Die Wirkung des gedruckten Worts auf den weniges Lesenden kommt hinzu. Er ist bereit, seine Gläubigkeit zu verschwenden. Und so entsteht in breiten Schichten der Ungebildeten vielfach eine Halbbildung, die der der Gebildeten völlig gleichwertig ist.

Doch hatte die sozialdemokratische Massenerziehung in formaler Beziehung ihren entschiedenen Wert. Göhre stellt fest, und wer solchen Fragen je ein Interesse entgegengebracht hat, weiß, daß er recht hat, daß in den sozialdemokratischen Wahlvereinen eine ständige Erziehung zu Beredsamkeit, zu Sicherheit im Denken und Auftreten geübt wurde, die zu überraschenden Resultaten führte. Der Durchschnittsgebildete konnte da schlechterdings nicht mit. Und nicht zu vergessen, daß hinter dieser einseitig materialistischen Weltbetrachtung nun doch ein – sei es sehr irdischer – Glaube stand.

 

Eine hübsche Dame mit einigem Vermögen wünscht einen Lehrer, am liebsten in Köln, zu heiraten.« Auf diese Zeitungsannonce hin treten zwei Menschen in Briefwechsel, wobei denn freilich Verwechselung und Zufall die Vermittlerrolle übernehmen müssen. Aus dem Briefwechsel aber entsteht ein schönes, achtbares, fördersames Seelenverhältnis, »Liebe« genannt, das in sittsamer Verlobung sein Krönlein findet, und bei dem die Heldin es selber ein Wunder nennt, daß die Liebe so ohne Leidenschaft sei. Die Briefe, die das Mädchen geschrieben hat, sind ihr »Vermächtnis«. (»Vermächtnis eines armen Mädchens. Lebensroman einer Bergmannstochter.« Herausgegeben von Ernst Volkmann 1895.)

Sie ist ein hochaufgeschossenes, blondes, schwindsüchtiges Ding, eine von den Blumen, die aus einem Samenkorn aufgegangen sind, das der Wind in eine Mauerspalte getragen hat. Sie spillert. Sie welkt früh dahin, noch ehe die eine bescheidene Sehnsucht ihres Lebens, dem Freunde angehören zu dürfen, in Erfüllung gegangen ist. Ein bißchen Sonnenschein ist ihr zuteil geworden, ein Mehr hätte sie, die Wurzellose, kaum vertragen können. Erbarmungslos aber zausen sie die Winde. Sie muß Dienstmädchen werden und ihre schwachen Kräfte überschnell verbrauchen.

Ungesund war schon die elterliche Umgebung, in der sie aufgewachsen ist. Der Vater nicht ohne Bildungstrieb und Phrasenliebhaberei, dabei innerlich brutal. Die Mutter, längst über die Jahre der Leidenschaft hinaus, Ehebrecherin. Die ganze Familie sittlich empfindungslos, dabei mit dem Trieb behaftet, mit schönen Gefühlen zu prunken. Es sind Menschen, die darauf ausgehn, sich tief ergriffen zu fühlen. Die Moral ist ein Lieblingsspielzeug ihrer Phantasie.

Das Mädchen hat als Kind die Volksschule besucht, eine Lehrerin war ihr Freundin geworden. Auch sie ist der Schule dankbar geblieben. Die Volksschule hat ihr den Trieb, selbständig weiter zu lernen, gegeben, und nur eben den empfangenen Religionsunterricht zieht auch sie in Frage. In der Religionsstunde sei das Stöckchen am meisten gebraucht worden, weil niemand aufgepaßt habe. Und aus der späteren Erkenntnis heraus: »Möchte man doch in den maßgebenden Kreisen recht bald zu der Ueberzeugung gelangen, daß Religiosität nicht Gedächtnis-, sondern Gemütssache ist, daß das Gemütsleben, und somit das echt religiöse Fühlen, durch Mißhandlung des Gedächtnisses im Religionsunterricht mit Gewalt ertötet wird.«

Ihr ungemeiner Bildungstrieb drängt in die Gefilde der Phantasie.

Sie kennt die Dichter zumeist aus einer umfangreichen Gedichtsammlung; die aber hat sie in weitestem Ausmaß auswendig gelernt. Mit rührender Andacht flicht sie die gelernten Verse, wo es nur immer angängig ist, in ihre Briefe ein. Sie schwelgt in Zitaten.

Der Stil, den dieses Mädchen schreibt, ist gebleicht an der Nüchternheit des damaligen Volksschulunterrichts, aber von Zeit zu Zeit erzwingt sich die Phantasie ihr Recht. Dann drängen sich ihr originelle Bilder und Vergleiche auf. Sie erzählt von den Geographiestunden: »Wir haben da«, schreibt sie, »den Globus – sahst Du einmal ein Bild, wie ein Grönländer die Erdachse ölt? – und auch ein Stückchen Himmel genau durchgenommen.« Oder sie nennt den Willen der Eltern ein »Klettergerüst zur Selbständigkeit«. Die Phantasie befähigt sie, sich in ein Buch wie Humboldts »Briefe an eine Freundin« so einzuleben, daß es ihr zum Tröster wird. In der Phantasie lebt sie ein Bestes der Bildung der Gebildeten mit.

Was ist Bildung –?

Schon daß das Mädchen, nach dem Ehebruch der Mutter, gegen den Vater, der die Frau durch Mißachtung dazu getrieben, und für die Mutter Partei nimmt, zeugt bei der Moral-Spinösen für Vorurteilslosigkeit. Eine gewisse Modernität hat sie sich angelesen, aber auch angedacht. Sie fordert, denn sie schreibt ihrem Bräutigam neben Briefen auch »Aufsätze«, daß man die Ehe als eine vernünftige Zuchtwahl auffasse, in der sich die guten Eigenschaften der Eltern womöglich verstärken sollen; sie erklärt die Frage der unehelichen Kinder für eine wirtschaftliche Frage, die so zu lösen sei, daß man den Leuten frühzeitiger die Möglichkeit gebe, sich zu heiraten. Sie nimmt sich vor, die Ernährungsgesetze und die Prinzipien des Stoffwechsels kennen zu lernen, um – ihrem Mann später gut und billig die Wirtschaft führen zu können.

In gewisser Weise zieht sie auch die Politik in ihr Phantasiebereich. Sie ist Bismarck gram, weil er »für das eigentliche Volk stets zu wenig Herz gehabt«, und gram dem Windthorst, weil er und seine Partei »von Luft und Licht für die Menschen nichts wissen wollen«. Kaiser Wilhelm I. stirbt, und sie bekennt, ihn nicht um seiner Siege willen geliebt zu haben – »ich hasse und verwerfe den Krieg!« – sondern als Mehrer des Reiches auf dem Gebiet nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung. Kaiser Friedrich geht dahin, und sie schreibt: »Milderung der schroffen Klassengegensätze, Verständnis für die gemütlichen Ansprüche der Nebenmenschen, persönliches Nahetreten der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, liebevolles Benehmen von Mensch zu Mensch – dies waren ihm die Hauptmittel, um die Härten des Erwerbslebens auszugleichen.« Auf dieser Bildungsebene wird Politik zu einer Frage nach den Persönlichkeiten. Und ist sie das nicht zu Recht?

Das »arme Mädchen« gilt als Halbgebildete. Indem man aber tiefer ihrem Wesen nachdenkt, sich in die Gegebenheiten und Möglichkeiten dieses Lebens versenkt, fühlt man es mit erschütternder Gewalt, daß diese Halbbildung für sie bereichernd und ausreichend, beglückend und glückvermittelnd war. Daß sie für sie die naturgebotene Bildungsart gewesen.

Was ist also Halbbildung –?

 

Aber sie reden zweierlei Sprache. – Zwei junge Leute gingen in ebendieser Zeit in einem westlichen Vorort Berlins spazieren, suchten vergeblich nach dem Pfarrhaus, trafen auf einen etwa siebenjährigen Jungen, und der eine fragte: »Wo ist hier das Pfarrhaus?« Der Junge sah ihn verständnislos an. Da fragte der andere: »Jung', wo wohnt der Pfarrer?« und der Junge grinste und zeigte den Weg.

Die Sprache der »Ungebildeten« ist an Begriffsbildungen ärmer. Sie haftet tiefer im sinnlich Erfaßbaren.

Darin besteht die Schwäche des »armen Mädchens«, daß sie die Sprache der »Gebildeten« erstrebt. Darin ist die unverwüstliche Kraft eines Mannes, wie des Arbeiters Fischer, daß er schreibt wie einer, der hinguckt, hinschnüffelt, hingreift.

Bildung heißt auch: Geist. Noch aber war die Bildung der »Ungebildeten« ganz wesentlich auf die Sinne angewiesen.

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