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Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918)

Ernst Heilborn: Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918) - Kapitel 25
Quellenangabe
authorErnst Heilborn
titleDer Geist der Bismarckzeit (1848-1918)
publisherOtto Elsner Verlagsges. m.b.H.
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid9ac9da80
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Bildung –?

Im Jahre 1890 hat sich die Bevölkerung Deutschlands gegen das Jahr 1816 verdoppelt. Breite Volksschichten bis ins Kleinbürgertum sind zu Wohlstand gelangt. Ganz allgemein ist »Bildung« als Weg zur Macht begriffen worden. Die Kinder sollen es einst besser haben, als es den Eltern beschieden war, sie müssen deshalb die höhere Schule besuchen. Die ganze Epoche hindurch findet ein Ansturm auf die Bildungsschule statt, nach den Siegen ist sie recht eigentlich Eroberungsziel der aufstrebenden Masse.

Die Folge davon ist: die Klassen der höheren Schulen werden überfüllt, zum Teil mit einem Schülermaterial, für das nur der Ehrgeiz der Eltern bürgt. Es leidet darunter der Unterricht, – er muß um so mehr greifbare Resultate aufweisen! Er wird aus Erziehung ein Ueberliefern, aus Denkschulung ein Einprägen von Wissensstoff. Die Folge ist aber auch, daß nächst der Schule die Universitäten und die Berufe, die ein Universitätsstudium voraussetzen, überflutet werden, und zwar zum großen Teil von jungen Leuten, denen zwar nicht das Gymnasium; wohl aber die Kinderstube fehlt. Die Examensschraube muß demgemäß angezogen werden. Als Prüfungsnachweis kann aber, mehr oder minder, immer nur Kenntnis überlieferten Tatsachenmaterials dienen.

Das ist die große Bildungsnot der Zeit. Sie zu beheben, geschieht alles von Staats wegen Erdenkbare. Einsetzung von Sachverständigenkommissionen wechselt mit Ministerialkonferenzen ab. Es erwächst eine Fachliteratur, und die Erörterung ist gründlich. Nur eben der schöpferische Geist bleibt aus. Wär' er erstanden, er hätte in den Bildungsmechanismus kaum einzugreifen vermocht.

 

Es ist die Zeit, in der die Schule als Plage empfunden wird, in der etwas wie Feindschaft zwischen Lehrern und Schülern aufkommt. Ein gewisser Militarismus wird auf die Schule übertragen: der Oberlehrer ist auch Reserveoffizier, der Schüler ist Rekrut. Es kommt zu Drill, und all den heimtückischen Methoden, die davon unzertrennlich sind. Der Stand des Vaters bleibt dem strebsamen Erzieher nicht gleichgültig. Unabsehbar die Klagelieder derer, die in späteren Jahren aussagen und immer wieder betonen, die Schulzeit sei die lichtloseste Zeit ihres Lebens gewesen. Der blasse Junge mit der Brille vor den kurzsichtigen Augen wird zu einer typischen Figur. Auch weiß man in der Klasse sehr genau, denn der Lehrer verfehlt nicht, warnend darauf hinzuweisen, wer unter den Mitschülern eine Freistelle hat.

Ein Bismarck klagt darüber, daß alle Erziehung, die ihm zuteil geworden sei, immer und wieder nur dem Verstand gegolten hätte. Er nennt sein frühes Streben nach Erkenntnis in den Verstandeszirkel gebannt. Fontane spricht von Examensverdummung: »In Berlin sind die Menschen infolge des ewigen Lernens und Examiniertwerdens am talentlosesten – eine Beamtendrillmaschine.« Der Rembrandtdeutsche kennzeichnet das »Wissen ohne Denken«. Ernst Haeckel klagt, das Gedächtnis werde mit einer Unmasse von philologischen und historischen Tatsachen überladen, die weder für die Geistesbildung noch für das praktische Leben von Nutzen seien.

Das macht: wenn der Historizismus der gesamten Geistesrichtung der Zeit Wegweiser und Ziel ist, – des Schulunterrichts hat er sich derart bemächtigt, daß nichts davon übriggeblieben ist als eben Historizismus mit einer dünnen, Leben vortäuschenden Haut darüber.

 

Man glaubte erkannt zu haben und hat in dieser Zeit einen Lehrsatz daraus gemacht: der deutsche Schullehrer habe die Siege von Königgrätz und Sedan errungen. Die Erkenntnis war zutreffend, der Lehrsatz verfänglich. Denn nun begehrte man, den Weg abzukürzen und aus dem Lehrer von vornherein einen Siegorganisator zu machen.

Kein Geringerer als Fontane hat darauf hingewiesen, daß die gesamte Zeit der Ueberzeugung lebte, angesichts der wankenden Autorität von Religion und Staat in »Bildung« die wesentliche Autoritätsstütze gefunden zu haben oder doch finden zu können. Er schreibt im Jahre 1878: »Man dachte in ›Bildung‹ den Ersatz gefunden zu haben und glorifizierte den ›Schulzwang‹ und die ›Militärpflicht‹. Jetzt haben wir den Salat. In beiden hat sich der Staat eine Rute aufgebunden: der Schulzwang hat alle Welt lesen gelehrt und mit dem Halbbildungsdünkel den letzten Rest von Autorität begraben; die Militärpflicht hat jeden schießen gelehrt und die wüste Masse zu Arbeiterbataillonen organisiert.« Es scheint, Fontane hat recht und unrecht zugleich. Unrecht: denn Bildung ist wirklich Autoritätsstütze. Recht: was die Zeit für Bildung nahm, war eben nicht Bildung.

Wo aber war und ist die zu finden?

 

Keine schöpferische, wohl aber eine Zeit geschärfter Kritik. In diesen Jahrzehnten brandet Kritik um die Bildungsfrage hoch.

Das will besagen: man weiß um seine Not und vermag sie dennoch nicht zu lindern, greifende und leere Hände suchen vergeblich nach dem heilkräftigen Kraut.

Geibel hat es in einem Gedicht ausgesprochen: »Das ist der Bildung Fluch, darin wir leben, daß ihr das Beste untergeht im Vielen.« Nur Schwaches, Halbes, Einzelnes könne solcherart zutage treten, denn in sich ganz und einfach sei das Große. Recht eigentlich zu Wortführern der Anklage aber werden Lagarde und Nietzsche. Beiden ist die Erkenntnis gemeinsam, daß das Wissen, das überliefert werde, tot sei. Lagarde: weil es tot sei, darum sei es der Jugend ein Greuel. Unsere Erziehung spiegele die Barbarei unserer Museen. Alles, was Dutzendbildung befördere, sei aus dem Schultempel zu jagen. Das »Berechtigungswesen« sei eine Einrichtung, durch welche Preußen (und das sei nicht wenig gesagt) alles wettgemacht habe, was es auf anderen Gebieten Gutes geschaffen. Nietzsche: Die Bildung der Zeit sei gar keine Bildung, sondern nur eine Art Wissen um die Bildung, es bleibe bei dem Bildungsgedanken, es werde kein Bildungsentschluß daraus. »Wandelnde Enzyklopädien: auswendig hat der Buchbinder so etwas darauf gedruckt wie ›Handbuch innerlicher Bildung für äußerliche Barbaren‹.« Unsere Erziehung sei das rückständigste Gebilde in der Gegenwart. Die Jugenderziehung habe nicht den freien Gebildeten, sondern den Gelehrten im Auge, und zwar den möglichst früh nutzbaren wissenschaftlichen Menschen. Das Resultat sei der Bildungsphilister. »Es ist ganz dieselbe wahnwitzige Methode, die unsere jungen bildenden Künstler in die Kunstkammern und Galerien führt, statt in die Werkstätte eines Meisters und vor allem in die Werkstätte der einzigen Meisterin Natur.«

Der Rembrandtdeutsche faßt die Universität ins Auge und ergänzt das Bild. Schon der Name »Universität« sei zu einer Lüge geworden, es müsse »Spezialität« heißen; denn sie biete nur eben Fachwissenschaften; es bestätige sich aber dabei das Goethewort, demzufolge hundert graue Pferde noch keinen Schimmel ausmachen. Den Professor nennt er »die deutsche Nationalkrankheit«, die jetzige deutsche Jugenderziehung bezeichnet er als »bethlehemitischen Kindermord«. Was früher die Pfaffen gewesen, seien jetzt die Fachmänner: abgesagte Gegner freier menschlicher Bildung. Wir seien Barbaren der Bildung. Habe es früher dunkle Barbarei gegeben, so herrsche jetzt die »helle«.

Ist das mehr oder minder begriffliche Kritik, so geht Lichtwark auch hier von der Beobachtung aus. Die Schule habe es fertig gebracht, der Mehrheit des deutschen Volks die Beschäftigung mit geistigen Dingen verhaßt zu machen. Statt Hunger zu wecken, mache sie satt. Er weist auf den Zeichenunterricht hin, der jede künstlerische Anschauung vernichte. Freude dem Kinde! Man lasse es Blumen zeichnen! (Eine ähnliche Ahnung war schon Nietzsche aufgestiegen.)

Es kommt sogar zu etwas wie einer Philosophie der Bildungsnot. Sie findet sich bei Feuerbach und in dem »Wesen des Christentums«. Wo die Idee der Menschheit nur als die Idee der Gottheit Gegenstand sei, da sei das Bedürfnis nach Bildung verschwunden. Der Mensch habe alles in sich, alles in seinem Gotte, und folglich kein Verlangen nach Ergänzung durch den andern.

Das hieß denn freilich, diese Zeit der Siege in das bereits so weit dahinten liegende Humanitätszeitalter zurückrufen. Oder bereitmachen für ein neues?

Rousseauische Gedanken werden wieder wach. Sie sind bei Nietzsche, sie drängen beim Rembrandtdeutschen zutage. Er nennt Rousseau, er fordert unter Berufung auf ihn eine freie und naturgemäße Allgemeinbildung. Sie soll zu jener künstlerischen Bildung, die ihm im Gegensatz zur gang und gäben wissenschaftlichen am Herzen liegt, die Flur bereiten. Es sei Zeit, daß sich unser Volk allmählich der Wissenschaft ab- und der Kunst zuwende, höchste Bildungsstufe könne nur die künstlerische sein. Wollte man diesem Gedanken, der vorerst nur eben Einfall eines einzelnen ist, auch keineswegs folgerichtig durchdacht, nicht in Einzelheiten ausgeführt wird, etwas wie Basis geben, so fände man die abermals bei Feuerbach. In seiner Jugendschrift, »Die Unsterblichkeitsfrage«, sagt Feuerbach: »Wo ist überhaupt die Grenze zwischen Kunst und Handwerk? Ist nicht da die wahre Kunst zu Hause, wo der Handwerker, der Töpfer, der Glaser, der Maurer Künstler ist? Und knüpft sich die Kunst nicht an die gemeinsten Lebensbedürfnisse an? Was tut sie denn anderes, als daß sie das Gemeine, Notwendige, veredelt!« Ein Satz, 1830 ausgesprochen, den 1890 ein Lichtwark in heißem Mühen wiederfindet.

Zum Leben sucht Rudolf Hildebrand das Lernen zurückzurufen. Er geht von Hamanns Satz aus: »Denken Sie weniger und leben Sie mehr!« um es sich einzuhämmern: die Menschen werden nicht der Bücher wegen geboren; um schließlich bei L. Wienbargs Satz (1834) anzulangen: »Meine Herren, als das Leben tot war, hielt die Gelehrsamkeit Leichenschau.« »Leben«, ruft er selber, »ist nur durch Leben zu verstehen.« – Für Lagarde bedeutet Bildung die Fähigkeit, Wesentliches vom Unwesentlichen zu unterscheiden und das Wesentliche ernst zu nehmen. Er fordert demgemäß, daß Bildung individuell sei; es gebe für jeden Menschen nur eine Bildung. »Wie zum Wasser der Sauerstoff der Luft, so muß zum Wissen die Persönlichkeit hinzutreten, um es verdaulich zu machen.« Er zieht Bildung vor den Horizont der Ewigkeit.

Das alles sind denn freilich Weiser zu einem Gipfel, um den die Morgenwinde wehen. Fehlt zu dem Weiser nur der Weg, der dahin führt.

Und das eben war der große Irrtum der Zeit. Man glaubte sich mit Forderungen genug zu tun. Man stellte Programme auf und verwarf sie. Man errichtete Zweckschulen neben Bildungsschulen. Man kämpfte für und wider den Lateinunterricht. Man stritt um die Themenstellung des deutschen Aufsatzes. Und niemand war da, der die ersten Ziegel gestrichen und hinzugetragen hätte, die neue Schule zu bauen. Niemand war da, der, anstatt die Ewigkeit nach Bildung abzuleuchten, das Kind befragt hätte.

Es ereignet sich aber gegen Abschluß der Periode (1911), daß Lichtwark mit Walter Rathenau durch gemeinsame Arbeit zusammengeführt wird, und nun schreibt Lichtwark: »Rathenau, den ich lange gekannt, aber nie zu beobachten Gelegenheit gehabt, war der eigentliche Leiter der Diskussionen. Was er sagte, fiel sofort ins Gewicht, und alle waren einmütig in der Bewunderung. Man of business und an Geist, Auffassung, Bildung, Ausdrucksfähigkeit nicht nur der Gedanken, sondern der Empfindung, ich muß es sagen, allen überlegen. Wachsen solche Männer bei uns, mußte ich mich fragen? Ich wollte, einer der Feinde der Bildung hätte dabeigestanden und diesen Geschäftsmann beobachtet.«

Dieser Geschäftsmann steht nicht allein. In dem Maße, in dem der Studierte zum Fachgelehrten und Bildungsphilister hinabsinkt, steigen aus dem Kaufmannsstande, aber auch aus dem Volk, Persönlichkeiten auf.

 

Es dämmert dieser Periode in ihrer Spätzeit, daß Bildung zu Kultur führen müsse.

Bismarck reist im Jahre 1862 durch Frankreich und stellt zu seinem Entsetzen fest, daß, sobald man die Bannmeile von Paris hinter sich gelassen habe, man auf eine bäuerliche Ungeschliffenheit der Verkehrsformen stoße, »welche den guten Ton der Bourgeoisie von Rummelsburg oder Schlawe in glänzendem Lichte erscheinen läßt«. Aber Fontane hat etwa um die gleiche Zeit in England geweilt und bekennt noch aus spätem Rückblick: »Nur davon kann ich nicht abgehen, daß diese englische Inszenierung des Lebens mich mit einem unsagbaren Wohlbehagen erfüllt und mir die Brust weitet, wie wenn der Duft eines Resedabeetes zu mir ins Zimmer dringt. Ein Zustand, von dem ich bei Berliner Kanalluft weit ab bin.«

Und der Deutsche?

Fontane erkennt ihm in dieser Zeit eine fragwürdige Bildungstuerei zu, Nietzsche schilt in ihm den Bildungsphilister, der streng den »Ernst des Lebens«, und das will besagen: Beruf, Geschäft samt Weib und Kind, von dem Spaß abtrennt: und zu letzterem gehöre ungefähr alles, was die Kultur ausmacht.

Es ist um die Jahrhundertwende, als den zu sehen Befähigten vollends die Augen aufgehn. Lichtwark schreibt 1901: »Bei de Keyser's, wo ich wohne, überwiegt das deutsche Element. Im Speisesaal pflegen an der einen Seite die Engländer, an der anderen die Deutschen an kleinen Tischen zu sitzen. Der Gegensatz tut einem weh. Bei den Engländern Ruhe, große Höflichkeit, unauffälliger Geschmack. Bei den Deutschen sehr schlechte Eßgewohnheiten, laute Gespräche, heftige Diskussionen mit den Kellnern. Wer lehrt uns manners?« Die gleiche Beobachtung aber kehrt bei Lichtwark wieder; sie findet gesteigerten Ausdruck, als einmal (1905) eine Gesellschaft Geheimer Bauräte in sein Hotel eindringt.

Was Bildung zu Kultur macht? Fontane beantwortet die Frage: Liebe. »Was uns fehlt, ist Feinheit, Liebenswürdigkeit und die rechte Liebe überhaupt.«

 

Es war dahin gekommen, daß im Alltagsurteil die graue Herde der Studierten als gebildet, das eigentliche Volk als ungebildet angesehen wurde. Da diese Bildung nur vom Ueberkommenen zehrte, auch nur dem verhältnismäßig Wohlhabenden zugänglich war, nannte Nietzsche sie Diebstahl.

Einem Lichtwark entringt sich der Schrei: »Es ist so sonderbar, daß die Wohlhabenden heute immer das untere Volk erziehen wollen. Sehr viel nötiger haben sie es selber!«

In Wahrheit: während die höhere Schule in Historizismus verkümmert und unter der Examensschraube leer läuft, gelingt es der Volksschule – bei allem Mangel an Einfühlung in die Seele des Kindes – Kenntnisse zu übermitteln, die sich zum mindesten als gutes Rüstzeug im Leben des Alltags bewähren – gelingt es ihr, die Denkfähigkeit zu wecken. Und während der deutsche Assessor, bis hinauf zum deutschen Geheimrat und Professor, zu einer fragwürdigen Figur in der europäischen Gesellschaft wird, erringt sich der deutsche Arbeiter in aller Welt den Ruf, der werkkundigste, verwendungsfähigste zu sein.

Das aber führt zur Frage nach der Bildung der »Ungebildeten«.

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