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Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918)

Ernst Heilborn: Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918) - Kapitel 23
Quellenangabe
authorErnst Heilborn
titleDer Geist der Bismarckzeit (1848-1918)
publisherOtto Elsner Verlagsges. m.b.H.
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid9ac9da80
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Der Reserveoffizier

Im Jahre 1891 befand sich General von Versen in London, um den Kaiser bei einer Beerdigung zu vertreten. Eines Morgens zu ungewöhnlich früher Stunde wurde der Attaché der deutschen Botschaft aus dem Schlaf geweckt, der General sei in der Botschaft erschienen und wünsche, daß sofort ein Chiffretelegramm an Majestät abgefertigt werde. Was war geschehen? Der General hatte eine Einladung zur Hoftafel erhalten, auf der vermerkt war » Evening dress«. Er sagte, es sei ein Affront gegen seinen kaiserlichen Herrn, ihm zuzumuten, in Zivil zu erscheinen.

Militär und Zivil. Die Kluft zwischen beiden besteht, und vielleicht war es nur holde Täuschung einer flüchtigen und kurzen Frist während der Freiheitskriege gewesen, daß man wähnen konnte, sie habe sich geschlossen. Sie besteht fürderhin, und zumal in Preußen, sie erweitert sich in dieser Zeit nach den Siegen beständig.

Selbst eine so unabhängige Natur wie der Fürst Hohenlohe kommt als Botschafter in Paris, als Statthalter im Reichsland, um die Uniformfrage nicht herum, mag sie ihn verdrießen, sie beschäftigt ihn doch. Gelegentlich ist er gezwungen, ein längeres Schreiben an Herbert Bismarck zu richten, um sich den Doppelposten vor dem Statthalterpalais zu sichern: General von Albedyll sei verstimmt, daß man nicht ihn zum Statthalter ernannt habe, und lasse das in seiner Weise aus. Häkeleien, hinüber und herüber, vom Militär zur Zivilbehörde und umgekehrt, hört man in dieser ganzen Zeit. Während der Kriege 1866 und 1870 werden sie akut. Man entsinnt sich aus den »Gedanken und Erinnerungen«, wie sehr sich Bismarck in seiner Stabsoffizieruniform eines Kavallerieregiments, die er während der Feldzüge trug, als einziger »Zivilist in Uniform« an die Wand gedrückt fühlte. Und doch hatte dieser Zivilist seinen König in schwerer Schicksalsstunde »beim Portepee gefaßt«; doch hatte er in jungen Tagen, 1848, General von Prittwitz die Auskunft gegeben, das Richtige wäre gewesen, in den Märztagen den Schloßplatz mit den Truppen nicht zu räumen, vielmehr den Minister von Bodelschwingh »diesen Zivilisten«, der ihm den Befehl dazu überbracht hatte, durch einen Unteroffizier in Verwahrung nehmen zu lassen. Derselbe Bismarck, der derart aus dem Befehlsbewußtsein des preußischen Militärs heraus empfindet, der »Halberstädter«, der in dieser seiner Uniform im Volksbewußtsein lebte und lebt, der schon als Deichgraf seine Bauern mit dem Pallasch auf dem Tisch zur Raison gebracht hatte, klageführend über die »Halbgötter« vom Generalstab, klageführend über die Uebergriffe der Militärgewalt auf die Befugnisse der Zivilbehörde.

Nur ein Hofzeremoniell: den preußischen Ministern gehen die kommandierenden Generäle voran; – ein Hofzeremoniell aber, das bald genug ein Vorangehn auch in letzten Entscheidungen bedeutet und derart im Weltkrieg den entscheidenden Friedensschluß vereitelt.

Bismarck legt seine preußischen Aemter nieder, und die erste und einzige Frage des Herrn von Boetticher nach der Sitzung lautet, ob er, Boetticher, als preußischer Ministerpräsident den Rang vor dem alten Generalobersten von Pape bei Hofe haben werde?

Caprivi wird Reichskanzler und sagt zu Bismarck, die Uebernahme des höchsten Amtes der Zivilbehörde militärisch rechtfertigend: »Wenn ich in der Schlacht an der Spitze meines zehnten Korps einen Befehl erhalte, von dem ich befürchte, daß bei Ausführung desselben das Korps, die Schlacht und ich selbst verloren gehen, und wenn die Vorstellung meiner sachlichen Bedenken keinen Erfolg hat, so bleibt mir nichts übrig als den Befehl auszuführen und unterzugehn.«

Diese preußische Rivalität zwischen Militär und Zivil hat für den späten Betrachter ihre Komik; sie hat auch ihre Tragik. Die Tragik kam an die Reihe, als es mit der Komik vorüber war.

 

Mit dem Beginn der sechziger Jahre setzt in Deutschland die planmäßige Einrichtung von Turn- und Schützenvereinen ein. Wer nach 70 vom Militär entlassen wird, erhält die Aufforderung, dem Kriegerverein beizutreten. Der »Wohlgesinnte« befolgt den Rat. Der Sozialdemokrat ist mit sich selber uneins. Einerseits gebietet ihm seine Ueberzeugung, sich von den Kriegervereinen fernzuhalten, andererseits sagt er sich, daß es Pflicht sei, diese im Interesse der »nationalen« Politik geschaffenen Organisationen mit andersgerichteten Elementen zu durchdringen. (Rehbein.)

In »Rembrandt als Erzieher« heißt es allen Ernstes: »Das preußische Exerzierreglement hat den Deutschen körperlich wie sittlich gelehrt, wieder aufrecht zu gehen.«

Nur Preußen –? Als im Jahre 1902 das Germanische Museum in Nürnberg eingerichtet wird, ist die ganze Feier ein militärisches Fest. Bei der Tafel ist nach militärischem Rang gesetzt. »Geheimrat von Bezold, der Direktor des Germanischen Museums, saß ganz unten.« (Lichtwark.)

 

Ueber die Kluft zwischen Militär und Zivil führt eine Brücke. Auf ihr, als Brückenwart, der Reserveoffizier.

Den Reserveoffizier nennt Fontane gelegentlich das preußische Idol. »Es gibt in Preußen nur sechs Idole, und das Hauptidol, der Vitzliputzli des preußischen Kultus, ist der Leutnant, der Reserveoffizier.«

An anderer Stelle: »Das Beste, was der Mensch haben kann, ist die Natürlichkeit. Aber wir sind so grenzenlos verbildet, daß dem regelrechten Preußen, ›Abiturient und Reserveoffizier‹, der Sinn dafür verloren gegangen ist.«

Der Reserveoffizier lebt der Anschauung, daß sich ihm jede Tür zu öffnen habe. Bei der Beisetzungsfeierlichkeit Kaiser Wilhelms I. zieht sich irgendein Oberlehrer – Fontane erzählt davon – seine 35er Leutnantsuniform an, um seine Damen in den Dom zu führen. Es ist trotzdem unmöglich, einzudringen, ein Herr in Zivil fragt ihn: »Was wünschen Sie, Herr Leutnant?« Er will eben patzig antworten, der Zivilist schneidet ihm das Wort ab: »Ich bin der Polizeipräsident.« Und aus »Frau Jenny Treibel«: »›Reserveoffiziere‹, wiederholte Treibel ernsthaft: ›Ja, meine Damen, das gibt den Ausschlag. Ich glaube nicht, daß ein hierlandes lebender Familienvater, auch wenn ihm ein grausames Schicksal eigene Töchter versagte, den Mut haben wird, eine Landpartie mit zwei Reserveleutnants auszuschlagen.‹«

Selten, daß der Reserveoffizier sich klar darüber wird, daß er Epauletten und Portepee teuer zu bezahlen hat, mit politischen Verpflichtungen, beinahe mit politischer Abhängigkeit. Dabei ist es vielleicht nicht einmal so sehr die bevorzugte gesellschaftliche Stellung, die das »Leutnant d. Res.« auf der Visitenkarte mit sich bringt, als vielmehr die Lockungen des militärischen Glanzes und Drills als solchen, die das Ziel derart erstrebenswert erscheinen lassen. In dieser Zeit nach den Siegen mit dem Siegesbewußtsein. Der echte Reserveoffizier blickt denn auch auf seine militärischen Uebungen als Höhepunkte seines Lebens. Ja, das war es! Vor dem jungen Kaufmann machten die Gemeinen seiner Kompagnie Front. Der Assessor tanzte beim Regimentsfest mit der Frau Oberst. Der Oberlehrer hatte, ein kleiner Julius Cäsar, seine selbständige Feldwache im Manöver. Sie alle lassen es sich denn auch angelegen sein, ihre Militärsprache in ihr Zivildasein hinüberzuretten, jene Militärsprache, von der Nietzsche sagt, die kleinen Mädchen hielten sie für vornehm: »Denn der Offizier, und zwar der preußische, ist der Erfinder dieser Klänge: dieser selbe Offizier, der als Militär und Mann des Fachs jenen bewunderungswürdigen Takt der Bescheidenheit besitzt. Aber sobald er spricht und sich bewegt, ist er die unbescheidenste und geschmackwidrigste Figur im alten Europa – sich selber unbewußt, ohne allen Zweifel.« Nun aber ist der Nachahmer immer und zwangsläufig auch Uebertreiber. Der Sommerleutnant war denn auch im Jargon den Berufsoffizieren weit über.

Der Inspektor auf dem Lande markiert seinen Erntearbeitern gegenüber den Reserveleutnant, – wüßte man's nicht von Fritz Reuter, man erführe es von Rehbein. Reserveleutnant ist der Lehrer seinen Quartanern in der Turnstunde, Reserveleutnantswürde trägt der den Staatsanwalt vertretende Assessor zur Schau.

Bismarck bekennt, daß ihm in seiner Jugend und auf dem Lande ein einziger Ehrgeiz geblieben sei, der des Landwehrleutnants. Noch als junger Abgeordneter hat er auf seine militärischen Pflichten Rücksicht genommen, ja, noch 1866 während des Kriegs trug er sich im politischen Konflikt mit dem Gedanken, den König um die Erlaubnis zu bitten, als Offizier in sein Regiment eintreten zu dürfen.

1862, bereits zum Gesandten in Paris ernannt: »Gestern bin ich vier Stunden als Major umhergeritten«, und 1863 aus Bukow: »Ich habe gar kein Zivil mit, bin auf 48 Stunden ganz Major.«

 

Was war es, was einen Bismarck veranlaßte, vier Stunden als Major umherzureiten?

Es war die Zeit, in der das Vereinswesen (bürgerliches Gemeinschaftsgefühl) aufblühte, die Zeit der Vereinsmeierei. In einen »Verein« trat auch der Reserveleutnant ein, einen Verein, ausgezeichnet durch das erwünschte Farbentragen, einen Verein, pathetisiert durch Kriegsgefahr. Aber dies in Rechnung gestellt, dazugezählt, daß der Reserveleutnantstitel die höhere gesellschaftliche Stellung gewährleistet, den jungen Damen den Freier empfiehlt, das Vertrauen des künftigen Schwiegervaters sichert, in dem bürgerlichen Beruf vorwärtshilft, die Karriere des Beamten erleichtert, – ganz wesentlich ist nur dies eine: das »Leutnant d. Res.« kommt dem schauspielerischen Trieb im Menschen zugute.

Hier ist alles, was der Wirklichkeitsschauspieler braucht: die historisch gewertete Uniform, die außergewöhnliche Betätigung, das Beachtetwerden, das erhöhte gesellschaftliche Ansehn, die zudiktierte Rolle, die Kommandogewalt, die ins Militärische gehobene Sprache mit dem markanten Ton in der Kehle. Hier ist ein Leben, meist an fremder Stätte, neben dem Alltagsleben geführt, ein Doppelleben also. Hier wartet das Abenteuer.

Und nun erwägt man: in dieser Periode drängte alles zu Schauspielertum. Die Mode und der Schicklichkeitsbegriff zwang der Frauenwelt Pose auf; der Bürger sah sich durch den Umschwung der wirtschaftlichen Verhältnisse und durch das Großstadtwerden seiner Kleinstadt auf eine Bühne gestellt und eine Rolle zu spielen gezwungen; mit ihm der Beamte, zumal wenn ihn Karriere in die Hauptstadt rief; es schauspielerten die Künste und zum Teil die Wissenschaften –: wer konnte sein Schauspielertum ausleben wie der Reserveleutnant? Das Schauspielertum als solches wurde ihm zu einem zweiten Beruf. Was er darin leistete, stand gestochen auf seiner Visitenkarte. In dem Reserveleutnant war dem Schauspielertum der Zeit neben all den geheimen und uneingestandenen und unbewußten Schauspielereien die staatlich gewährleistete, die gesellschaftlich gefeierte, die in Oeffentlichkeit zur Schau getragene Erfüllung gegeben.

Jener § 11 des Gesetzes betr. die Verpflichtung zum Kriegsdienste vom 9. November 1867, der den Reserveoffizier ins Leben rief, war eine geradezu genial zu nennende Bestimmung. Er entsprach tiefstem Zeitbedürfnis. Er war in seinen Folgeerscheinungen unübersehbar. Nicht nur in dem, was er positiv für die Armee bedeutete und für die Verschweißung von Volk und Heer, nein, auch in Hinblick auf die Stellung des Bürgertums innerhalb des Volksganzen, auf die Entwicklung des Protestantismus (Thron und Altar!), auf die Politik. Frucht einer brüchig gewordenen Kultur ist das Schauspielertum: hier war die bewußte Erziehung dazu.

Andererseits: gerade weil sich der Reserveleutnant auf der Zeitbühne in den Vordergrund drängt, weil er als völlig anpassungsunfähiges Element der allgemeinen Entwicklung entgegensteht, muß jener Wandel der Hintergrundsdekoration vor sich gehen, den man voreilig als Niedergang gekennzeichnet hat.

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