Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Heilborn >

Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918)

Ernst Heilborn: Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918) - Kapitel 22
Quellenangabe
authorErnst Heilborn
titleDer Geist der Bismarckzeit (1848-1918)
publisherOtto Elsner Verlagsges. m.b.H.
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid9ac9da80
Schließen

Navigation:

Der Beamte

Schauspielert diese Zeit in ihren Wirklichkeitserscheinungen etwa nicht? – In der »Fröhlichen Wissenschaft« hat Nietzsche seine Betrachtungen darüber angestellt, daß die Sorge um den Lebensunterhalt fast allen Europäern eine Rolle aufzwinge: ihren Beruf. In die nun wüchsen sie so hinein, daß sie selbst Opfer ihres »guten Spiels« würden und die Rolle endlich zu Charakter, die Kunst zu Natur werde.

Der Beamte betritt die Bühne der Wirklichkeit.

Der junge Bismarck klagte (1847) darüber, daß die Beamten in Preußen zu wenig selbständig seien; wie der Mann im Orchester spiele jeder sein Notenblatt ab, ohne um das Ganze zu wissen; – Hauptvorwurf gegen den gealterten Bismarck war, daß er die Selbständigkeit der Beamtenschaft vollends unterdrückt habe. Bismarck stellt für sein Teil fest, daß nur die Berührung mit Menschen die Freude am Amt wachhalten könne, – er trifft einen Universitätskameraden aus den lustigen Göttinger Tagen wieder, und wird zu seinem Jammer gewahr, daß dem unter dem Druck kleinstädtischer Verhältnisse die Spannkraft gelähmt, der Gesichtskreis verengt worden sei.

Es bestehen, scheint es nach alledem, einige Schwierigkeiten, die Beamten-Rolle auf der Wirklichkeitsbühne lebenskünstlerisch durchzuführen.

Die aber bestanden, sei es auch in wechselndem Maße, in jedweder Epoche. Wo liegen die Ursachen dafür, daß sich in der Bismarckzeit hier ein auffälliges Histrionentum ausbildet, der Mensch nicht mehr die Rolle, sondern die Rolle den Menschen spielt?

Der Umschwung in der wirtschaftlichen Lage wirkte ein. Der Bürger war wohlhabend geworden, er streckte sich, er machte Haus. Mit dem Anwachsen der Ansprüche und dem Sinken der Kaufkraft des Geldes hatten die Gehaltsaufbesserungen der Beamten in keiner Weise Schritt gehalten. Man konnte leben; aber man konnte nicht das standesgemäße Leben führen. Mit der Wahl der Frau fing also die »Rolle« an; sie mußte das an Vermögen einbringen, was der Referendar etwa an Titeln und gesellschaftlichem Ansehn in Aussicht hatte. In den ersten Ehejahren balanzierten gemeinhin dank der Mitgift Einnahmen und Ausgaben einigermaßen; man hielt sich. Mit dem Größerwerden der Kinder aber ging man in ein neues Rollenfach über. Man war Rat, vielleicht sogar Geheimrat geworden. Nun hieß es darben, um das Winterdiner standesgemäß ausrichten zu können; darben, um die Toiletten für die Frau und die Kleidung für die Kinder zu beschaffen. (Die Kleidung des Geheimrats selbst kam erst in dritter und vierter Linie in Betracht; bei ihm bedeutete ein Weniger an Schneiderleistung ein Mehr an Würde); darben und – es nicht merken lassen.

Fontane hat dafür das Wort: »Die poplige Unteroffizierswirtschaft der preußischen Verwaltung ist einfach lächerlich.« Dennoch bleibt die Beamtenstellung – und das ist das spezifisch Deutsche – in breiten Bevölkerungsschichten das schlechthin Erstrebenswerte. Die gesicherte Stellung macht es, der Titel, vor allem aber die Pension. Aussicht auf Pension gilt beinahe schon wie Hausbesitz, und bereits die jungen Mädchen wissen darum, wenn sie ihre Augen auf die Freier richten.

Das hat bei den Subalternen andere Namen als bei den Studierten, aber der andere Name deckt den gleichen Begriff.

Daß sich in alldem ein Abstieg des Beamtentums vollziehen mußte, war unausbleiblich. Im Jahre 1894 schreibt Fontane: »Immer tiefer sinkt der Beamte, übrigens ganz unverschuldet. Vor hundert Jahren und fast noch vor fünfzig, war er durch Stellung und Bildung überlegen, und in seiner Vermögenslage, so bescheiden sie war, meist nicht zurückstehend; jetzt ist er im Geldpunkt zehnfach überholt und in natürlicher Konsequenz davon auch in allem andern. Denn – etliche glänzende Ausnahmen zugegeben – der Besitz ist auch in Bildungsfragen entscheidend.«

Fontane macht seinen Spaziergang am Hafenplatz und stößt da auf ein höchst fragwürdiges Paar. Er: grünlicher Ueberzieher, dritte Garnitur, und dito Hut, Sie: Morgenhaube unterm Hut, Sommermäntelchen und Bambuschen, die teils aus Filz, teils aus Tuchecken zu bestehen scheinen. Nun war Fontane gewiß selbst kein Elegant, hier aber stieg's doch in ihm hoch. Denn der Herr, der ihm da begegnete, war einer der ersten Beamten des Staats, mit Sitz im Herrenhause. »Die ganze Bettelhaftigkeit unserer Zustände stand auf einen Schlag vor mir« (1870).

Der Beamte als Mensch und Zeitgenosse ersetzt das, was ihm an standesgemäßem Einkommen abgeht durch – Würde. Damit steht er auf der Bühne der Zeit. Der Wichtigtuer. Beim Subalternen heißt das im Sprachgebrauch des Alltags: Grobheit; beim Hochgestellten: Unnahbarkeit.

Ueber das Wichtignehmen und Sich-Wichtignehmen des Beamtentums hat Fontane seine besonderen Betrachtungen angestellt. Versteht sich! durch sein Wichtignehmen aller Nichtigkeiten war der preußische Staat groß geworden. Es war sogar kraft dieses Wichtignehmens gelungen, durch Generationen hindurch brauchbare und tüchtige Beamtenfamilien heranzubilden. Es habe aber alles seine Zeit, und die Zeit habe man verpaßt, da es geboten gewesen wäre, dem Scheinwesen ein Ende zu setzen. Fontane schreibt das im Jahre 1880 und meint, nunmehr sei es Forderung, daß ein Leutnant nur eben ein Leutnant sei und nicht ein Halbgott oder was Exzeptionelles. »Aber wir arbeiten immer noch mit falschen Werten und stecken immer noch im ›Wichtignehmen‹ drin, wo längst schon nichts mehr wichtig zu nehmen ist.«

Also: man spielt in Deutschland noch historisches Schaustück, während in Frankreich und England bereits Gegenwartsmenschen auf der Bühne stehen.

Wesentlich aber für das Schauspielertum des Beamten in dieser Zeit wird noch ein Faktor. Er heißt: Karrieremachen.

Bismarck hat einmal darauf hingewiesen: früher sei man Landrat geworden, um Landrat zu bleiben und als Vater seines Kreises begraben zu werden; jetzt werde man Landrat im Hinblick auf den Regierungsrat, das Parlament, das Ministerium. War dem so, und daran ist kein Zweifel, so ist damit beides, Tätigkeitsfeld und Stellung der Persönlichkeit innerhalb dieses Feldes verschoben. Denn die Tätigkeit bedeutet nun nichts in sich; sie wird nur als Uebergangsleistung gewertet; Maßstab ist nicht mehr der gebrachte Dienst, sondern das Inslichtsetzen der Begabung. Die Persönlichkeit als solche aber verliert den gesicherten, den naturgegebenen Boden unter den Füßen und nimmt all die Eigenschaften an, die das Klettern erleichtern: Anschmiegungsfähigkeit, Fixigkeit, Duckvermögen, Rückgratlosigkeit.

Der Streber steht auf der Bühne der Zeit. Sein Name ist Legion.

Strebertum heißt aber auch, die eigene Ueberzeugung, wo es einträglich erscheint, verleugnen. Und das ist der Persönlichkeitstod. Der Streber ist gleichsam nur noch Schauspieler, ein Privatleben führt er kaum.

Blüte des Strebertums ist der Neid. Bismarck hat vom Grafen Harry Arnim das Wort zitiert: »In jedem Vordermann in der Karriere sehe ich einen persönlichen Feind und behandle ihn dementsprechend. Nur darf er es nicht merken, so lange er mein Vorgesetzter ist.« Damit taucht das zeitbeliebte Bild von der Beresinabrücke im Karrieremachen auf.

Was aber heißt Karrieremachen? Fontane beantwortet die Frage aus der zeitgemäßen Anschauung heraus dahin: nach Berlin kommen. Und eben damit schließt sich der Ring. Die nach Berlin Gekommenen finden sich in die Kreise des wohlhabenden Bürgertums hineingeschoben; »Mitmachen« lautet das unumgängliche Gebot; es zu befolgen, reichen die Mittel nicht aus. Führte die veränderte wirtschaftliche Lage den Beamten ins Schauspielertum hinein, so hält ihn das Karrieremachen auf eben dem Bühnenposten fester. Letztes Ziel des Karrieremachens war demgemäß – der Ausgangspunkt, von dem man aufbrach.

Von »Militär- und Zivilschustern« sprach man damals. Es erhellt: der Schuster, der Karriere macht, bleibt erst recht bei seinen Leisten.

Sterne am Karrierehimmel sind die Orden. Fontane leugnet ihren praktischen Wert durchaus nicht, wenn er sich auch bewußt ist, daß man bei gewissen Gelegenheiten (Verkehr in adligen Häusern) klüger tue, sie nicht anzulegen. Aber er erzählt auch von dem Baurat, Freund seines Freundes Lucae, der auf dem Sterbebett den Roten Adlerorden empfing und dessen letztes Wort, den Orden in der Hand, war: »Ich habe nicht umsonst gelebt.«

Ein Narr? Vielleicht im Schauspielertum des Beamtenberufs der Prominente. Einer, dem die Rolle (wovon Nietzsche sprach) völlig zur Natur geworden war.

Bismarck erzählt vom Herrn von Boetticher (den er haßte), daß er in getäuschter Erwartung auf einen Orden in Tränen auszubrechen pflegte (weibliches Rollenfach der naiv Sentimentalen).

Aber selbst ein Mann von der inneren Bedeutung eines Rudolf Hildebrand schreibt im Jahre 1868 (am Reformationsfest!) in sein Tagebuch, daß er zum außerordentlichen Professor ernannt sei: »Nun ist's wahr! mein höchster irdischer Wunsch erfüllt sich!« Das macht: die Zeitbühne war derart mit überkommenen Anschauungen verrammelt, daß jedweder, der sich auf eine Rolle vorbereitet und sie übernommen hatte, darin auszuharren und sie zu pathetisieren hatte, bis der Tod, abermals in der Rolle des Vorgesetzten, ihn in Pension gehen hieß.

Man denkt der drei Fontaneschen Gedichte: »Hoffest«, bei dem der »Offizielle« den besten Freund aus den freien Berufen nicht kennt; »Der Subalterne«, der alles zu können glaubt und das ganze Jahr über raunzt, bis ihm das Ordensfest das seelische Gleichgewicht wieder herstellt; der »Sommer- und Wintergeheimrat«, der mit dir im Bade freundschaftlich verkehrte, dich aber beim Botschaftsdiner nur ungern begrüßt, – allesamt Figuranten der einen Rolle.

Es kommt aber daneben in dieser Zeit ein ganz eigenes Schauspielertum, auf: der Beamte als Schwerarbeiter. Der gedeiht in Ministerial- und Generalstabskreisen. Man hat gestern wieder bis drei Uhr am Schreibtisch gesessen, ist heut zwischen acht und neun bereits auf dem Weg zum Amt. Dringende Sache; man darf nicht darüber sprechen; morgen Vortrag bei Exzellenz. Und dies Schauspielern mit Arbeit (die aber auch wirklich geleistet wird) ist ein denkbar Kennzeichnendes, Trübseliges der Zeit. Zeigt es doch, daß die Eingebung, die geistige Uebersicht nichts, die Bewältigung des Aktenmaterials alles gilt.

Das ist das Leid der Zeit: zu Subalternen macht sie auch die Hochgestellten. Und entschädigt sie dafür? Durch ein Rollenstichwort.

Fontanes Sohn hat das Referendarexamen bestanden, und der Vater schreibt: »Er läßt sich neue Karten stechen, steigert seine Schnurrbartspflege und sieht seiner Abkommandierung nach Bernau oder Alt-Landsberg entgegen.« Das weist auf das »schnurrbärtige Wesen« der Zeit. Als Letzter erscheint der Simplizissimus-Assessor auf der Bühne. Er hat die Tugenden einer Zeit der militärischen Großtaten in Zivil. Er ist auch Reserveoffizier.

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.