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Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918)

Ernst Heilborn: Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918) - Kapitel 2
Quellenangabe
authorErnst Heilborn
titleDer Geist der Bismarckzeit (1848-1918)
publisherOtto Elsner Verlagsges. m.b.H.
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid9ac9da80
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Erstes Buch
Der Schattenriß der Zeit

Die Frage der Zeit

Zeit spricht auch in die eigenwilligen Gedanken, in die verborgenen Empfindungen, in die unerwarteten Taten mit hinein. Sie ist in Schweigen und Rede, im Leiden wie im Wagnis.

Zeit macht sich auch in der Haltung, im Gesichtsausdruck, im Mienenspiel der Menschen geltend.

Zeit ist ein Letztes, das alle Volksgenossen miteinander verbindet, und wovon keiner weiß.

Zeit läßt den Menschen zu dem werden, den sie in ihm sucht und nutzt, und richtet den Gewordenen.

 

Eine Zeit der Siege und des Aufstiegs. Drei kurze und in entscheidenden Schlägen geführte Kriege, und aus einem ohnmächtigen Staatengebilde ist ein geeintes Reich geworden, dem in der Welt Stimme gegeben ist. Und diese Stimme wird gefürchtet.

Der äußeren Entfaltung entspricht der innere Wuchs. Zu einer Weltmacht wird auch die deutsche Industrie, der Handel blüht. Deutsche Städte verzehnfachen ihre Einwohnerzahl, die Hauptstadt wird aus einer entlegenen Residenz zu einer Weltstadt. Es vollzieht sich der Uebergang vom Ackerbau- zum Industriestaat. Es kommt zur Bildung großer Vermögen, der allgemeine Wohlstand hebt sich.

Technische Errungenschaften führen zu einer Umgestaltung des bürgerlichen Daseins. Das Eisenbahnnetz wird ausgebaut, das unterseeische Kabel gelegt, der Fernsprecher der Benutzung übergeben. Oel- und Kerzenbeleuchtung weichen der Petroleumlampe, die ihrerseits durch Gas- und elektrisches Licht ersetzt wird. Die Städte werden kanalisiert, die Wohnungen erhalten ihre Badestube. In das bürgerliche Dasein scheint ein neuer Rhythmus gedrungen zu sein, die Ferne ist nahe gerückt, der Horizont geweitet, die Anforderungen an die Arbeitskraft des einzelnen haben sich vervielfacht.

Die exakten Wissenschaften erfahren ungeahnten Aufschwung. Der Mensch fühlt sich der Lösung der Welträtsel nahe.

Das Nationalbewußtsein ist erstanden, gewachsen, übersteigert.

Eine Zeit der Siege und des Aufstiegs durchaus.

 

Der dieser Zeit nicht nur den Namen gibt, sondern sie auch mit seinen Willensregungen durchpulst, einer heranwachsenden Generation Neigungen und Denkweise diktiert, bleibt unverstanden. Von dem Bismarck, der 1849 gegen die Zivilehe den großen Fluch herbeigeschleppt und »das Narrenschiff der Zeit an dem Felsen der christlichen Kirche scheitern« gesehen hatte, zu jenem andern Bismarck, der 1873 die Zivilehe eingeführt und empfohlen, fanden auch die, welche mit ihm aus gleichem Standquartier und in gleicher Richtung ausgezogen waren – und gerade diese vielleicht am allerwenigsten – den Weg.

Ein jedes Genie bleibt seiner Zeit, darüber hinaus in seinen naturhaften Eingebungen allen Zeiten, unfaßbar. Es ist aber ein Unterschied zwischen dem Künstler, der sein Selbst in seinem Werk gibt, und dem Staatsmann, der seine eigenen Wünsche seiner Schöpfung aufopfert. Diese Zeit bestimmte der Staatsmann.

Hier trat einer, dem noch der Lehm der Ackerschollen an den Stiefelsohlen klebte, auf das Pflaster der Großstadt; ein Junker unter begeisterungsfreudige Bürger, eine Herrschernatur unter Diplomaten, ein Frommer unter Aufgeklärte – und es erwies sich, daß der Bauer weltgewandter, der Junker begeisterungskräftiger, die Herrschernatur schmiegsamer, der Fromme aufgeklärter war.

Es fehlte nicht an solchen, die ihm nacharten zu können wähnten, sofern sie sich nur von aller Ideologie freimachten. Denn das war der Zug seines Wesens, den die Zeit begriff (eben weil er nicht Zug seines Wesens war). Ihm aber erstand kein Nachwuchs. Denn niemand vermochte wie er, den Glockenschlag des Augenblicks zu hören.

 

Dank des Aufschwungs von Industrie und Handel, kraft ungemein gesteigerter Arbeitsleistung (der bald genug auch Spekulation zu Hilfe kommt) ist ein ansehnlicher Teil des Bürgertums zu Wohlstand gelangt. Des spät abends aus Büro oder Geschäft Heimgekehrten aber wartet die Pflicht der Repräsentation.

Repräsentation ist nunmehr auch eine bürgerliche Angelegenheit geworden.

Indem die Residenz des Königs von Preußen Weltstadt wird, sieht man sich gleichsam auf erhöhten, weiterher sichtbaren Lebensplan versetzt. Man tritt den Zug nach dem Westen an. Man findet in den neu aufgeschossenen Renaissance-Miethäusern die geeignete Wohnung. Man freut sich des schweren Stucks unter der Decke. Man verhängt die Fenster mit dunklen Stoffen und breitet Teppiche auf dem Boden aus. Renaissancemöbel sind aufgestellt worden. Nun die Gasflammen an der Messingkrone brennen, kommt Repräsentation zu ihrem Recht.

Es ist gewiß kein Zufall, daß eine Zeit, die zu der unverstandenen Kraftnatur aufblickt, in einer neuen bürgerlichen Renaissance ihren repräsentativen Ausdruck sucht, einer Renaissance, die sich denn freilich an der geraden Linie nicht genügen lassen konnte, sondern des Ornaments als Aufsatz bedurfte.

In der Pflicht der Repräsentation tritt die Frau mehr als gleichberechtigt neben den Mann. Die Perlkette, die um ihren Hals liegt, hat für seinen Wohlstand Bürgschaft zu leisten. Die Mode hat dafür Sorge zu tragen, sie vorerst imposant, dann hochgewachsen erscheinen zu lassen. Der Anzug des Mannes darf in dem Maße vernachlässigt sein, in dem das Kleid der Hausfrau kostbarer wird.

Die Geltung des Mannes bestimmen Titel und Orden. Sie dienen als gesellschaftliche Legitimation und sichern dem Bürgertum (in dessen eigenen Augen) den Platz neben dem Adel. Ihnen voran geht nur noch die Uniform. Es währt nicht lange, und Titel und Orden und Uniform sind auch Bürgschaften für die Gesinnung geworden.

Zur Repräsentation aufgerufen, muß das Bürgertum tief innerlich eine Wandlung erfahren.

 

Am Ende dieser Zeit der Siege und des Aufstiegs steht der Zusammenbruch. Zwanzig Jahre nach dieser strahlenden Reichsgründung ist das Wort von der »Reichsverdrossenheit« zur Vokabel des Alltags geworden.

Vollzieht sich in dieser Zeit eine Revolution der Technik ohnegleichen, braucht und verbraucht in noch ungehemmter Ausnutzung die aufblühende Industrie ungeheure Kräfte, sind in Büro, Kontor, Amtsstube eine bis dahin unbekannte Arbeitsenergie eingesetzt, warten des Tagesmüden Repräsentationspflichten am Abend, werden die Nächte heller, das Großstadttreiben anspannender, verliert der Bürger seinen Garten vor der Stadt, sind seine Füße auf das harte Pflaster angewiesen, so werden mit alledem Anforderungen an die Nerven gestellt, die zwar ertragen, aber mit Einbuße an seelischer Sammlung beglichen werden. Es beginnt innerlich am Notwendigsten zu fehlen, nämlich am Ueberschüssigen.

Diese Gemütslage des Bürgers zu kennzeichnen, tut man vielleicht gut, Redensarten zu wählen, die gerade in ihrer Abgegriffenheit hier bezeichnender sein dürften als das begriffssichere Wort; denn es handelt sich um unbestimmt fortrinnende, im Dunkeln sickernde Stimmungen. Die Aufrichtung eines freiheitlichen Deutschen Reichs war »Ideal« gewesen; die »Wirklichkeit« nahm sich daneben farblos aus. Man hatte dem jungen Tag den »Glauben« entgegengetragen; das mittägliche »Wissen« ernüchterte. Dies auf die Wirklichkeit-angewiesen-sein, das Ideale-eingebüßt-haben, Sich-im-Bereich-des-Wissens-wähnen, des Glaubens-überhoben-sein bezeichnet die allgemeine Stimmung; lastet auf ihr. Kein Raum für – das Ueberschüssige.

Die Starken stärkend, schwächt der wirtschaftliche Aufschwung die Schwachen. Das Wort vom Kampf ums Dasein geht in dieser Zeit von Mund zu Ohr, – in solchem Kampf sind die Unterliegenden naturgemäß sehr viel zahlreicher als die Sichdurchsetzenden. Die aber zurückbleiben, sehen in diesen Jahresläuften gerade deshalb auf die Voranstürmenden scheel, weil die Rücksichtslosigkeit des Wettstreits noch etwas Ungewohntes ist; ein langsamerer Lebensrhythmus mehr oder weniger noch allen im Blut steckt; es schwer fällt, sich der bequemen Autorität und des beschaulichen Daseins zu entwöhnen.

Der großen Masse des Volks, der Arbeiterschaft, bringt der wirtschaftliche Aufschwung nichts als Arbeit. Diese Arbeit dehnt sich über einen Dreizehnstundentag aus; sie entläßt erschöpft; sie fesselt auch Frauen und Kinder; sie verkümmert den Festtag. Sie hat nicht mehr den Reiz des Fertigbringens; sie stellt an Denken und Geschicklichkeit immer geringere Anforderungen; sich schaltet die menschliche Persönlichkeit aus und wird Dienst an der Maschine. Der Arbeiter sieht mit an, wie sich die großen Vermögen bilden, wie der Wohlstand wächst, und trägt aus seinem Arbeitstag nichts heim als die Sorge für sein nahendes Alter. So befestigt sich in ihm die Ueberzeugung, in einer Welt zu leben, in der zweierlei Maß besteht: für den Reichen das Recht, den Armen das Unrecht.

Wie die Reichsgründung die Grenzlinie zieht zwischen Deutschen (in Oesterreich) und Deutschen, so klafft auch im Volksinnern die Kluft.

 

Dieser Zeit entsteht Zeitkritik in einer Herbheit, wie sie sich bislang in deutschen Landen niemals hervorgewagt hatte.

Man begegnet dem skeptischen Beobachter in Theodor Fontane und vernimmt, daß wir Deutschen eines kleinen Kreises bedürfen, um groß zu sein; daß wir klein sind, wenn wir die Welt umfassen wollen. Der Mann, der im Vordersatz seine Freude darüber bekennt, in dieser Zeit gelebt zu haben, fügt den Nachsatz bei, daß einem eine grenzenlose Fadheit und Flachheit überall entgegengähne, daß der gebildete Durchschnittsmensch, der Examenheilige, einen unsagbar tristen Eindruck mache. Der in seinen Gedichten, keinem anderen vergleichbar, aus dem Pulsschlag der Zeit heraus die Gründer des Deutschen Reichs gefeiert hat, bekennt (1893), daß ein tiefes Mißtrauen durch das Land schleiche, ein Satz, den er alsbald selbst dahin abschwächend verstärkt, »daß wir kein rechtes Vertrauen zu uns hegen«.

Dem skeptischen Beobachter gesellt sich der grimmige in Friedrich Theodor Vischer. Seine Meinung geht dahin, die Idealität der Deutschen ruhe auf der Sehnsucht. Nunmehr sei die Stimmung: »Unsere Heere haben's besorgt, seien wir jetzt recht gemeine Genuß- und Geldhunde mit ausgestreckter Zunge«. Er sieht voraus und fordert den neuen Krieg, der notwendig sei, um uns erneut aufzustacheln, uns zwinge, die letzte Faser daranzusetzen (eine anständige Minorität werde bleiben).

Der eigentliche Zeitkritiker ersteht in Nietzsche. Noch berührt er sich mit andern, wenn er seine allgemeinen Urteile fällt. So seltsamerweise mit dem Hofprediger Stöcker, wenn er in einem großen Sieg, wie dem des Jahres 1870, die große Gefahr erblickt. Leiht er seinem Zarathustra das Sprichwort: »Was liegt daran!«, so ist die Stimmung mit dem Fontanewort: »Um neun ist alles aus« in Einklang. Bezeichnet er sein Zeitalter als eins derer, in denen die Schauspieler, alle Arten Schauspieler, die eigentlichen Herren sind, so kommt er darin mit dem Sozialdemokraten Bebel – es begegnen sich Wanderer aus den entgegengesetzten Winkeln der Welt – überein, der die Ansicht vertritt, nie habe es ein heuchlerischeres Zeitalter gegeben. Aber Nietzsche wird ganz er selber, wenn er die »tiefe Unfruchtbarkeit des 19. Jahrhunderts« als Stigma auf seinen Notizblock setzt; die Zeit, die kein Ziel mehr habe; die Zeit, in der sich jeder scheue, die Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen: »Sie wollen alle die Last nicht tragen des Unbefohlenen; aber das Schwerste leisten sie, wenn du ihnen befiehlst.« Er vermag nirgends mehr Material zum Aufbau einer Gesellschaft aufzuspüren, er nennt es das fleißigste aller Zeitalter, das denn freilich aus seinem vielen Fleiß und Geld nichts zu machen wisse, als immer wieder mehr Geld und immer wieder mehr Fleiß. Er kritisiert (1886) die deutsche Politik, die den deutschen Geist öde mache, indem sie ihn eitel macht.

Die Zeitkritik wird Zeitmode, und heißt nun Rembrandt als Erzieher (1890). Hier wird das Zeitalter in dem Axiom, das zu Häupten der gesamten Beweisführung steht, alsbald eins des rapiden geistigen Verfalls genannt. Echte Vornehmheit fehle dem Deutschen durchgängig; alles sei zu finden, nur nicht eine grandiose Ansicht von irgendeiner Sache; nach 1870 sei der gewünschte und erwartete geistige Aufschwung nicht eingetreten, vielmehr das Gegenteil. Berlin wird als Tummelplatz der Nicolaiten gebrandmarkt, die hier herrschende Bildung sei rein verstandesgemäß, die Stadt vertrete den Geist der Trivialität.

Zeit blickt in den Spiegel und speit auf das Glas.

 

Im Jahre 1896 besucht Alfred Lichtwark Jena, gelangt in die »Rose«, die Kneipe der Korpsstudenten, und findet da alle Wände mit Bildnissen bedeckt, die bis in die Zeit der Silhouetten zurückgehn. Der Stoßseufzer entwindet sich ihm: »Man sollte nicht denken, daß die magern Idealistengesichter der dreißiger Jahre und die verfetteten blöden Bierhühnertypen unserer Tage demselben Volke angehören.«

Der Menschenbetrachter, der von allem Künstlerischen absehend, die maßgebenden Porträts des 19. Jahrhunderts rein auf den seelischen Eindruck hin prüft, gelangt zu ähnlichem Eindruck.

Noch findet man den »lauschenden Menschen« in Böcklins bekanntem Selbstporträt mit dem fiedelnden Tod (1872), es ist, die innere Wesenheit bestimmend, die seelische Hellhörigkeit gewahrt, die in Böcklins Bildnis des Bildhauers Joseph von Kopf (1863) zutagegetreten war. Aber Künstlerköpfe als solche mögen den Anspruch auf erhöhte Durchgeistigung rechtfertigen. Malt Menzel zwischen 1840 und 1850 seinen »bärtigen Männerkopf«, so ist bereits ein reichliches Ausmaß an müder Skepsis in den Gesichtszügen. Gibt er etwa um die gleiche Zeit (1848) in seiner »Abendgesellschaft« Porträtbilder der ihm befreundeten Familie Maercker, so scheinen sich in diesem Familienkreis das Einst und das Jetzt zu begegnen: man unterliegt dem Eindruck, als redeten der spätere Justizminister Maercker und der ihm zugewendete Freiburger Professor hart von Geschäften. Geschäftstüchtigkeit scheint bereits Wesensmerkmal geworden zu sein. Nicht anders das abermals gleichzeitig entstandene Porträt von Carl Heinrich Arnold. Die Haartracht des unjungen Mannes weist auf die Gepflogenheiten der älteren Generation; der Zug um den Mund, die harten Augen auf den neuen Menschen.

Man vergleicht zwei Bürgermeistertypen. Wilhelm Trübners Bildnis des Heidelberger Bürgermeisters Hoffmeister (1872) zeigt den vertrauenden, frommen Menschen; den Heimatträumer. Wilhelm Leibls Bürgermeister Klein (1871) ist bereits der Aktenmensch. Ein geduldig wartender Beamter. Aber aus diesem dürftigen und schmalen Gesicht ist die goldene Brille des Allzufleißigen schon nicht mehr fortzudenken.

Dazu Leibls »Amtmann« (Appellrat Stenglein) (1871): in dem breiten, bärtigen, etwas schlagflüssigen Gesicht ist Autorität. Darüber hinaus? Abermals Autorität. In dem Beamten erschöpft sich bereits der Mensch.

Hans Thoma malt (1870) den Klempnermeister Zeiner aus Säckingen und gibt damit den neuen kleinbürgerlichen Typ, den Profitgänger des wirtschaftlichen Aufschwungs. In den Augen steht: Ich bin ich; um die breiten roten Lippen: Es schmeckt mir.

Man findet die neue Geistigkeit in dem Bildnis des Rechtsanwalts Johannes Maximus Mosse, das Karl Stauffer-Bern (1881) gemalt hat. Einer derer, die glatt durch die Menge gleiten, nicht ohne den Blick der Frauen auf sich zu ziehen. In den Augen ist geistiges Leben; aber diese Augen verraten's zugleich: dies geistige Leben geht auf bestimmten Zweck aus. Diese Augen sind auf den Zweck eingestellt.

Damit ist die Entwicklung keineswegs abgeschlossen. Man lese in den Augen und ziehe die Bildnisse des Kommerzienrats Philipp Freudenberg oder des Carl Stumpf von Max Slevogt und das des Geheimrats Emil Rathenau von Max Liebermann in Betracht: wie energisch, oder von Nervosität zerfetzt, diese Gesichter sein mögen: es ist etwas Totes in den Augen.

Eine ähnliche Wandlung vollzieht sich in den Frauenbildnissen der Zeit.

Anselm Feuerbachs bekanntes Bildnis seiner Stiefmutter (1878): Noch ruht die Geistigkeit der Schinkelzeit wie sanfter Mondglanz auf diesen Zügen; aber diese Leidträgerin ist glaubenlos geworden.

Böcklin malt (1879) Frau Mary Fiedler, und es ist Selbstzufriedenheit um den Mund, etwas Blasiertes in den Augen.

Schon in den 60er Jahren hat Ferdinand von Rayski die Freifrau von Schoenberg gemalt, und die Stupsnase kündet bewußt die gesellschaftliche Sendung, der Mund erzählt von ungeweckter Sinnlichkeit: die Augen gucken erstaunlich teilnahmelos in die Welt.

Wilhelm Trübners Damenbildnis – die Dame trägt weiße Seide, und die künstliche Rose im Halsausschnitt – steht widerspruchsvoll in der Zeit. Es ist, als wäre in dem rechten Auge noch etwas wie Heimweh, im linken die kühle Repräsentation.

Lovis Corinth hat hier letzten Aufschluß zu geben und auszusagen, wohin in dieser Zeit die Entwicklung zielt. Seine Frau Rosenhagen (1899) ist sublimierte Nervosität. Die Nerven haben die Seele aufgezehrt. Auf den Augenlidern Müdigkeit. Seine Frau Luther (1911) ist gefrorene Repräsentation. Zugleich die Ueberwache, zugleich die Verbrauchte. Und der schwarze Federhut lastet auf diesem Kopf wie Häuptlingsschmuck auf dem des Indianers –: Gebieterinnen und Opfer bürgerlicher Repräsentation.

 

Diese Zeit schafft sich keinen Mythos und keinen Stil. Aber sie stellt Fragen, die zu entscheidenden für unser eignes Dasein werden.

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