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Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918)

Ernst Heilborn: Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918) - Kapitel 18
Quellenangabe
authorErnst Heilborn
titleDer Geist der Bismarckzeit (1848-1918)
publisherOtto Elsner Verlagsges. m.b.H.
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid9ac9da80
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Das Ethos der Plüschgarnitur

In der guten Stube steht die Plüschgarnitur. An der Qualität des Ueberzugs kann man einigermaßen die Wohlhabenheit der Familie abschätzen. In jedem Fall aber verdeckt der Stoff nach Möglichkeit das Holz der Möbel, so daß es nur an den Füßen zum Vorschein tritt. Nicht der Tischler, sondern der Dekorateur hatte über die Form zu entscheiden. Folge davon, daß manche der unsichtbaren Holzpartien nicht sonderlich widerstandsfähig geraten sind.

Das Sofa steht über Eck. Dahinter prangt das Makartbukett. Die Decke auf dem achteckigen Tisch zwischen den Fauteuils ist eine Handarbeit der Tochter des Hauses.

Die Tapete des Zimmers ist dunkel gehalten, dunkel die schweren Uebergardinen, so daß man ihr Rot in Schwarz nur erkennen kann, wenn die Cuivre poli-Gaskrone in der Mitte des Zimmers brennt. Vor dem Fenster steht die Palme und kränkelt: viel Licht fällt tagsüber nicht ins Zimmer, und die offenen Gasflammen abends scheinen ihr wenig bekömmlich zu sein.

An den Wänden hängen in Stahl- oder Kupferstichen die Madonna von Defregger und »Die goldene Hochzeit« von Knaus. Der Regulator nächst der einen Tür beweist, daß man auf Pünktlichkeit Wert legt.

Im Bücherschrank, den der Muschelaufsatz ziert, stehen hinter der Glasscheibe wohlfeile Klassikerausgaben, der »Ekkehard« von Scheffel, der »Wilde Jäger« von Julius Wolff, das Kochbuch der Davidis, »Ingo und Ingraban« von Freytag, Geroks »Palmblätter« (Konfirmationsgeschenk) und Wildenbruchs »Lieder und Balladen«. Die große illustrierte Prachtausgabe von »Hermann und Dorothea« liegt auf der Etagere. Der zierliche Damenschreibtisch, unfern des Sofas, ist so gestellt, daß dem Schreibenden der Schatten aufs Blatt fällt; aber es schreibt niemand daran.

Die typische gute Stube aus den achtziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts. Sie ist Teil einer Sechszimmerwohnung im Berliner Westen. Typisch die Menschen, die sie bewohnen.

Die Familie besteht aus dem Ehepaar, Sohn und Tochter. Daß nur zwei Kinder zur Welt gekommen sind, beruht beileibe nicht auf dem Zweikindersystem. Es fügte sich so. Auch waren die Einkünfte damals, als derartiges überhaupt noch in Frage kam, sehr bescheiden, trotzdem die Frau nicht ganz ohne Vermögen gewesen war. Der Mann hat inzwischen Karriere gemacht. Er ist Vortragender Rat in einem Ministerium.

Nicht immer hat es der Herr Geheimrat mit der ehelichen Treue genau genommen, trotzdem er sehr streng auf Grundsätze hält. Man kann schließlich nicht selber all das leisten, was man von seinen Untergebenen zu fordern hat! Im übrigen sind seine gelegentlichen Verirrungen seiner Ehe nur zum Segen ausgeschlagen. Erst seit dieser Zeit ist er wahrhaft rücksichtsvoll gegen seine Frau geworden. Trägt ihre Launen und Migränen, fügt sich ihren Wünschen, wahrhafter Kavalier aus bösem Gewissen. Denn er selber kann sich das nicht verzeihen; er nicht. Ist sich auch nicht ganz sicher, ob ihr nie etwas darüber zu Ohren gekommen ist? Längst wurde so sein böses Gewissen zum Garanten des Eheglücks. Und das war um so notwendiger, als die Frau derartige Rücksichtnahmen nicht nötig hatte. Sie hielt sich sauber. War immer gute Hausfrau und Mutter. Wußte nicht nur auszukommen, sondern hatte auch das Geschick, daß alles nach etwas aussah. Nur etwas säuerlich war ihre Tugend darüber geworden.

Die Tochter »wartet«. Noch auf dem letzten Juristenball hat sie recht gefallen, aber »Sicheres« ist noch immer nicht in Sicht. Vielleicht ein Fehler des Geheimrats, der es nicht versteht, die rechten jungen Leute ins Haus zu ziehen. Aber auch die Kleiderfrage der Tochter macht der Mutter Sorge, denn dazu langt es nicht recht. Selbstverständlich hat das Mädchen gegen den Sohn zurückzustehen, und der – verbraucht etwas viel.

Nicht Schuld des Jungen, der immer brav und fleißig war! Aber er mußte doch in ein Korps eintreten, und darf und kann da nicht gegen die andern jungen Leute zurückstehen.

Daß das Korps Notwendigkeit war, hatte der Vater immer betont. Ohne Beziehungen kam man im Leben nicht vorwärts. Er hatte sogar gelegentlich seiner Frau die Geschichte von dem allgewaltigen Althoff erzählt, der einem jungen Privatdozenten, der ihn im Ministerium aufsuchte, zunächst recht brüsk begegnet war (die Auskünfte lauteten mäßig), dann aber plötzlich aufs liebenswürdigste verwandelt schien, nachdem er den Bierzipfel des Besuchers erblickt hatte. Und der Privatdozent hatte die Professur erhalten.

Eigentlich war es ein Scheindasein, das man führte: Die gesellschaftlichen Verpflichtungen verschlangen eben doch über Gebühr. Man mußte standesgemäß leben, und das Standesgemäße war das Uebergehaltsgemäße. Dabei durfte sich der Geheimrat rühmen, für seine Person niemals eine Droschke in Anspruch zu nehmen; auf der Sommerreise, wo einen niemand kannte, suchte man Ort und Pension in alleinigem Hinblick auf Wohlfeilheit aus, und immer fuhr man mit der Familie in der Eisenbahn III. Klasse (was den Sohn arg genierte).

Sonntags ging man in die Kirche. Man sah da Vorgesetzte und wurde gesehen, auch war es Frau und Tochter ein Bedürfnis, eine gute Predigt zu hören, und es wäre unritterlich gewesen, sie nicht zu begleiten. Sehr im Gegensatz aber zu dem zeitgenössischen England, in dem der Kirchenbesuch, nicht anders als das reine Hemd, zum bürgerlichen Anstand gehörte, hatte man in dem Berlin der achtziger und neunziger Jahre die ausgesprochene Empfindung, damit ein Uebriges zu tun. In gewisser Weise auch dem lieben Gott gegenüber. Man konnte ja nie wissen.

Gearbeitet wurde fleißig, auch von den Frauen im Hause. Selbst die Mußestunde hatte ihre Handarbeit. Traf man den Geheimrat morgens auf der Straße – er begab sich sehr früh ins Amt –, so hatte man nach kürzestem Gespräch beiläufig erfahren, daß er die vergangene Nacht wieder bis zwei Uhr über den Akten gesessen hatte. Heute Vortrag bei Exzellenz! Es gehörte zum Stil der Zeit, zumal in Geheimrats. und Generalstabskreisen, daß man sich auf die Fülle der zu bewältigenden Arbeit etwas zugute tat. Und das Schlimme dabei war, daß das viele Reden über Arbeit der Wahrheit entsprach.

Wesen solcher Arbeit war es, daß sie immer einem Zweck diente, dieser Zweck aber außerhalb des eigentlichen Arbeitsbereiches lag. Nun ja, man mußte vorwärtskommen! Auch stand das finanzielle Erträgnis meistens nur in allerbescheidenstem Verhältnis zu dem Aufwand an Mühewaltung.

Auch arbeitete man erst, nachdem man im Beruf Fuß gefaßt hatte. Der Junge hatte Besseres zu tun, als in die Kollegs zu laufen. Dafür war der Repetitor da. Ja, wenn der Vater, und er tat's oft in geheimem Stolz, auf den Jungen blickte, konnte er in ihm die gradlinige Fortsetzung seiner eignen Existenz erblicken. Und das war für das Familienglück wesentlich.

Der Vater verargte es dem Sohn denn auch keineswegs, daß der sein Verhältnis hatte, wobei es nur selbstverständliche Voraussetzung war, daß es sich um ein Mädel aus den unteren Volksschichten handelte, und daß man nicht kleben blieb. (In England machte sich zur selben Zeit ein Abgeordneter und Parteiführer auf Jahre hinaus dadurch unmöglich, daß er ein Verhältnis mit einer Dame seiner Gesellschaftskreise unterhielt.) Wesentlich war: man wußte von nichts. Dies Nichtwissen war bei der Mutter – sehr im Gegensatz zum Vater, der unterrichtet schien, und zu der Schwester, die ahnte – sogar Herzensüberzeugung. Für die Unschuld ihres Jungen hätte sie die Hand unter das Bügeleisen gelegt. Trotzdem sie mehrfach heimlich Schulden für ihn bezahlt hatte (der Vater übrigens auch).

Es gehörte mit zum Wesen dieser guten Stube, daß alle heimlich aufatmeten, wenn sie draußen waren. Bis auf die Hausfrau. Die atmete niemals auf. In gewisser Weise aber liebten und ehrten alle diese ihre gute Stube. Fanden auch ihrem Bedürfnis nach Schönheit darin voll entsprochen.

In diesem Bereich der Plüschgarnitur war die Patriarchalität gewahrt geblieben. Sie zeigte sich äußerlich darin, daß für den Familienvater dann und wann ein Sondergericht gekocht wurde. Etwa in der Spargelzeit. Dann erhielt er Stangenspargel mit Butter, während für die andern Gemüsespargel mit holländischer Sauce auf den Tisch kam. Sie zeigte sich aber innerlich und wesentlich darin, daß die elterliche Autorität bestand; in strengstem Sinne erhalten war; sich in Liebe verklärte. Das war das Gesunde in diesem Familiensein, das, was dem Zeitalter und der Gesellschaft innerlich Kraft verlieh.

Die Patriarchalität bestand, aber ihr religiöser und soziologischer Unterbau war erschüttert und ins Wanken geraten. Sie bestand gewohnheitsgemäß oder nach dem Gesetz der Trägheit. Man dachte nicht darüber nach, und das war das Gute. Man hütete sich, darüber nachzudenken, denn man hegte sie im Herzen. Beschäftigte sich der prüfende Verstand gelegentlich dennoch mit ihr, so erschien sie als Lüge. Eine Lüge aber, die tausendmal wertvoller war als die Wahrheit. Man schauspielerte sich also sein Glück vor sich selber.

Hier liegt die Ursache von Ibsens eigenartiger Wirkung auf diese Generationen: der Wahrheitsfanatiker und eine Gesellschaft, die auf seelisches und selbstbetrügerisches Schauspielertum innerlich angewiesen war. Die Plüschgarnitur war zugleich Familiensammelpunkt und Sitzgelegenheit, zugleich – Dekoration.

Durch die populäre atheistische Literatur der sechziger Jahre war die Religiosität ihrer Jahrhunderte hindurch bewahrten Selbstverständlichkeit – und sie ist es, worauf es ankommt – beraubt worden. Sie war zu etwas wie rettender oder lockender oder aesthetisch beliebäugelter Insel in einem Meer von Zweifeln geworden. Zumal der Unsterblichkeitsglaube war bis auf kümmerliche Ueberbleibsel geschwunden. Geblieben war die in der Schule festgestampfte Katechismusüberzeugung. Man war bewußter Protestant oder bewußter Katholik – aber war man darum auch Christ? Die Religion war zu einer Standesangelegenheit geworden oder zu einer Plattform, von der man auf die Andersgläubigen hinabsehn konnte. Es war mit der Religion nicht anders als mit dem Kirchenbesuch (vielfach war beides identisch): man tat sich etwas darauf zugute.

Mit der politischen Haltung war es ähnlich bestellt. Man stand auf dem Boden der Rechtsparteien. Aus Ueberzeugung? Vielleicht auch das. Sicher aber, weil es die gesellschaftliche Stellung hob, sich so schickte, zum guten Ton gehörte und vollgültigen Rechtsanspruch verlieh, auf die Andersdenkenden hinabzublicken. In dieser Zeit ist das Wort von den Reichsfeinden geprägt worden. Nicht bezeichnend für die, auf die es gemünzt war; sehr bezeichnend für die, welche es an Stelle oder neben der Ordensauszeichnung im Knopfloch führten.

Wo also lag das wirkliche Fundament dessen, was als Patriarchalität, als Autorität, als Ueberzeugungstreue, als bürgerlicher Sinn in dieser Zeit in erdenkbarer Festigkeit dazustehen schien? Einzig und allein in der Arbeit.

Zu bester sittlicher Kraft war die Arbeit geworden: sie schied die Aufsteigenden von den Niedergehenden. Sie war der Kitt im Familienleben. Sie war das einzige, was noch Volksgemeinschaft über den Bajonettgedanken hinaus hätte erhalten können, wäre – sie selbst innerlich rein geblieben.

In diese Zeit ist das Dichterwort hineingesprochen, und es ist wie flammendes Cherubschwert: »Was du immer kannst, zu werden, / Arbeit scheue nicht und Wachen; / Aber hüte deine Seele / Vor dem Karrieremachen.«

Ja freilich; der hatte gut reden: ein Dichter. Man selber lebte leider in einer Welt der Realitäten; da hieß es: vorwärtskommen. Man hütete sich nicht.

Und so geschah es, daß die Motten in die Plüschgarnitur kamen.

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