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Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918)

Ernst Heilborn: Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918) - Kapitel 17
Quellenangabe
authorErnst Heilborn
titleDer Geist der Bismarckzeit (1848-1918)
publisherOtto Elsner Verlagsges. m.b.H.
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Katholizismus und Kulturkampf

In seinen »Gedanken und Erinnerungen« sagt Bismarck: »Ich habe im Kissinger Lande deutsche und schulgebildete Bauern gefunden, die fest daran glaubten, daß der am Sterbebette im sündigen Fleische stehende Priester den Sterbenden durch Verweigerung oder Gewährung der Absolution direkt in die Hölle oder den Himmel schicken könne, man ihn also auch politisch zum Freunde haben müsse.«

In »Aus meinem Leben« erzählt August Bebel aus den fünfziger Jahren, wie groß die Toleranz gewesen sei, die er in katholischen Gesellenvereinen gefunden habe. Er rühmt insbesondere den aus dem Jesuitenorden hervorgegangenen Professor am Salzburger Priesterseminar Dr. Schöpf, dessen Verein eine ganze Anzahl Protestanten angehörten und der eines Tages erklärte, die Protestanten seien ihm die liebsten, weil sie die fleißigsten Besucher des Vereins seien. Die Protestanten nahmen denn auch an der Wallfahrt nach Maria-Plain teil – »wir Nichtkatholiken marschierten wohlgemut und vollzählig im Zug, hinter der Fahne, die der Altgeselle trug, auf der der heilige Josef mit dem Christkind auf dem Arme abgebildet war.«

In den »Denkwürdigkeiten und Erinnerungen« berichtet der Arbeiter Fischer, daß er, zum Fechten gezwungen, in katholischen Dorfschaften die Erfahrung gemacht habe, daß die Katholiken Sonntags und Feiertags nichts gäben, dafür aber am Sonnabend keinen abwiesen. Wieder anderer Orten wird ihm gesagt: »Ach, die geben hier auch Sonntags was, aber da müssen Sie vorher in die Kirche gehen und sich an einen Platz stellen, wo Sie jeder sehen kann, da können Sie nachher zu Mittag dreist losgehen, da bekommen Sie überall etwas zu essen.«

Wie verschieden geartet diese Beobachtungen sein mögen, in einem wesentlichen sagen sie das gleiche aus: in deutschen Landen gilt die katholische Bevölkerung in diesem Zeitabschnitt als ein Fremdkörper inmitten der Volksgemeinschaft.

Dem bleibt hinzuzufügen, und das ist wesentlicher noch: es ist die Zeit, in der sich die Katholiken selber als Fremdkörper im Lande fühlen. Es ist die Zeit des »Ghettos«.

Von Ghetto sprachen die Katholiken, die Protestanten empfanden es anders. In gewissem Sinne hat der Andersgeartete immer recht. Wiederum ist es Bismarck, der darauf hinweist, daß inmitten norddeutscher protestantischer Bevölkerung der Katholizismus eine gewisse Anziehungskraft ausgeübt habe, und ein Bischof entschieden vornehmer erschienen sei als ein Generalsuperintendent. Daß zumal zur Zeit Friedrich Wilhelms III. ein katholischer Mitschüler als etwas anderes, sehr Besonderes angesehen wurde, – immer unter der Devise: »Protestantisch ist ja jeder dumme Junge.«

 

Die Zeit des »Ghettos« und der »belagerten Stadt«. Entstanden war die feindliche Stimmung, richtiger: das Gefühl des Befeindetseins, im deutschen Katholizismus in dem Kölner Mischehenstreit der Jahre 1837 und 1838, in dem es um die Unterordnung der Geistlichen unter die Staatsgesetze ging, und der zur Gefangensetzung der Erzbischöfe von Köln und Gnesen-Posen führte. Zumal in den säkularisierten geistlichen Fürstentümern empfand die Bevölkerung den neuen Polizeistaat als ihrem angestammten Wesen fremd; von hier aus griff die Stimmung über; der gesamte deutsche Katholizismus fühlte sich im Obrigkeitsstaat nicht anders als in »babylonischer Gefangenschaft«.

In der Gefangenschaft meidet man, an der Kultur der Gewaltsherren teilzuhaben. Folge des »Ghettos« und der »babylonischen Gefangenschaft« war es in der Tat, daß der deutsche Katholizismus zur weltlichen Kultur seiner Zeit in Widerspruch trat; sie verneinte; sie als unvereinbar mit dem religiösen, und das sollte schlechthin besagen, dem »christlichen« Bekenntnis empfand. Diese Kultur aber war, zwar in geringem Ausmaß auch die der deutschen Romantik, im wesentlichen aber die des deutschen Humanitätszeitalters. Der deutsche Katholizismus kam in die Lage, nicht nur Lessing, sondern auch Goethe abzulehnen, und das in der Zeit vor der Reichsgründung, also in einer Zeit, da Deutschland außer dieser klassischen Kultur des 18. Jahrhunderts nicht sonderlich viel besaß.

Innerlich lag die Ursache solcher Abkehr tief. Die Bildung der Zeit war durchaus individualistisch und schritt auf diesem Wege fort. Der Katholizismus ist ganz wesenhaft kollektivistisch: die Kirche; die christliche Gesamtseele. Der einzelne besteht, soweit er teil an der Gemeinschaft hat. Wer sich loslöst, verliert sich. Früher oder später also hatte der Bruch eintreten müssen, die katholisierenden Neigungen der Romantik hatten ihn vielleicht hinausgezögert, das Erstarken der staatlichen Macht vollzog ihn.

Es sollte aber die Zeit kommen, und sie nahte früher als man gewähnt, da sich die demokratische Tendenz des Katholizismus mit den neuen politischen demokratischen Bestrebungen begegnen mußte.

Das Jahr 1848 bildet hier Portal. Der Katholizismus begriff, was die neu errungenen politischen Freiheiten ihm zu bedeuten vermochten. Noch in demselben Jahre 1848 wurde der erste deutsche Katholikentag abgehalten, schon 1860 konnte die Zentrumspartei ins Leben treten. Das Portal der »belagerten Stadt« tat sich auf, es erfolgte Ausmarsch.

Er vollzog sich auf das politische Ziel hin. Nur dies Ziel. Die Kulturfrage wurde auch fürderhin verneint. Man forderte Gleichberechtigung, ohne auf das eine Recht, das auf die deutsche Kultur, irgend welchen Anspruch zu erheben.

Aber ist dies Recht nicht auch eine Pflicht?

Es vollzog sich mit geschichtlicher Notwendigkeit ein Vorgang, der darum so verhängnisvoll werden mußte, weil er nicht vereinzelt bleiben konnte. Wie immer man es deuten mag: das Zentrum war religiöse, politische Partei. Es konnte nicht lange währen, bis auch die anderen politischen Parteien sich daraufhin irgendwie religiös einstellten. Das Aufkommen der Christlich-Sozialen tat ein Uebriges. Die Linksparteien, vornehmlich aber die Sozialdemokratie, wurden in den Widerstand, nun auch gegen die Religion, hineingedrängt. Das gesamte politische Leben wurde in fremde Strömungen abgelenkt, die politisch gegebene Richtung vielfach aus den Augen verloren, die Gegensätze verschärft. Denn es ist tieferes Lieben um die Religion als um die Politik; also auch tieferer Haß.

Eine wesentliche Zersetzungserscheinung dieser Zeit der Siege und der aufblühenden Wirtschaft liegt hier.

In seiner Rede vom 30. Januar 1872 sagte Bismarck: »Ich habe es von Hause aus als eine der ungeheuerlichsten Erscheinungen auf politischem Gebiet betrachtet, daß sich eine konfessionelle Fraktion in einer politischen Versammlung bildete.«

 

Eine Zeit der großen äußeren Siege auch für die katholische Kirche. Die innere Anbahnung freilich geht voran. Das Jahr 1854 bringt das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariä und damit eine Beseelung des Marienkults, in der Vergöttlichung der Jungfrau und der Jungfrau jungfräulichen Mutter eine Verstärkung der vox humana; denn in jedweder Religion vertritt die Frau das menschliche Prinzip. Es folgen aber 1864 Enzyklika und Syllabus Pius IX., der Bannstrahl gegen den Modernismus –: und unter den Irrtümern der Zeit werden auch Erhebung der Vernunft über die Offenbarung, auch der Gedanke der Volkssouveränität, auch der Anspruch des Individuums auf Gewissensfreiheit, auch Zivilehe und Pressefreiheit verfemt. Den Abschluß bildet 1870 das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes.

Sind dies Siege, so haben General und Soldat der Gesellschaft Jesu sie errungen, und es kann in der Tat kein Zweifel darüber bestehen, daß sich der Militarismus der Epoche (wie innerhalb der protestantischen Orthodoxie) auch hier ausgewirkt und bewährt hat. Nur sind die Taten der Jesuiten damit so wenig erschöpft, so wenig die Visitenkartenschale im Wohnungskorridor die Besuche des Hausfreundes überblicken läßt. Es ist Legende um ihr Wirken und Klatsch. Doch hat man die Pflicht aufzuhorchen, wenn ein gläubiger Katholik wie der nachmalige Reichskanzler Hohenlohe in seinen »Denkwürdigkeiten« vermerkt: »Ich sehe nun plötzlich den Abgrund, in den ich durch die Politik der Jesuiten zu stürzen Gefahr lief« (1846). 4. Juni 1866: »Wenn die Jesuiten, unter deren Einfluß selbst Bismarck steht, den Krieg für ihre Interessen nötig erachten, dann kann uns kein Gott den Krieg abwenden. Seit ich das weiß, zweifle ich nicht mehr, daß es in vierzehn Tagen losgeht.« Am 11. Juni 1871: »Was die Kaiserin betrifft, so erscheint der Einfluß der Jesuiten auf dieselbe sehr bedeutend zu sein« (auch auf dem Umwege über die protestantische Orthodoxie?). 1872: »Der Jesuitenorden kann gar nicht anders als ein Reich bekämpfen, dessen Grundlage die Parität der Konfessionen ist.«

Die Gesellschaft Jesu siegt, es siegt dank ihrer und kraft ihrer die katholische Kirche. Wer aber um das geheimnisvolle Wirken des religiösen Gedankens weiß, der ist sich auch bewußt, daß all solche und wie immer gearteten äußeren Erfolge nichts anderes sind als Anlaß zu innerer Verarmung. Je weiter die Soldaten Jesu vordringen, desto weiter bleibt Jesus selbst zurück.

Wenn das in dieser Zeit auf die katholische Bewegung nicht zutrifft, so deshalb, weil all diese äußeren Siege innere Notlage schufen. Man hat ein Recht zu sagen: das Dogma von der Unfehlbarkeit ist durch Döllinger und den Altkatholizismus, der Syllabus und die Enzyklika durch den Kulturkampf unschädlich gemacht worden. Und mehr als das: sie wandelten den Sieg in Segen. Trotz oder gerade wegen der äußeren Siege seiner Kirche war der Katholik in dieser Zeit gezwungen, sich sein Bekenntnis täglich zu erneuern und zu stärken.

Unzweifelhaft schuf die Gesellschaft Jesu in dieser Zeit Gutes, nur eben nicht durch die Woge, die sie bewußt und klüglich hochpeitschte, sondern durch deren Rückschlag. Es marschierte also offenbar selbst der General mit versiegelter, nie zu öffnender Order.

 

Die Deutsche Zentrumspartei wird 1860 gegründet, die Erfolge, die sie in den folgenden Jahrzehnten erzielt, sind beträchtlich. Sie verdankt das zum Teil ihrer Führung, die Bismarck als einzige unter allen Parteiführungen »keine unfähige« nennen darf. Sie verdankt sie auch ihrem oppositionellen Charakter, der sich einen eigenen Fraktionsgeist schafft. Bismarck wägt ab und glaubt feststellen zu können, »daß der Partei- und Fraktionsgeist, den die Vorsehung dem Zentrum an Stelle des Nationalismus anderer Völker verliehen hat, stärker ist als der Papst, nicht auf einem Konzil, ohne Laien, aber auf dem Schlachtfelde parlamentarischer und publizistischer Kämpfe innerhalb Deutschlands.«

Den großen Teil seiner Erfolge in dieser Zeit aber verdankt das Zentrum nicht sowohl sich selber als vielmehr – dem bösen Gewissen der preußischen Regierung. Und dies böse Gewissen heißt: Polen. Wenn Bismarck in seinen »Gedanken und Erinnerungen« auf die Aufhebung der katholischen Abteilung im Preußischen Kultusministerium zu sprechen kommt, wird offen eingestanden, man fürchtete in ihr die Auswirkung des polnischen Einflusses. Aber man witterte diese polnische Gefahr überall. In den Köpfen preußischer Minister und Geheimräte werden die Vorstellungen katholisch und polnisch zu einem Begriff. Die polnische Wunde am preußischen Staatsorganismus schwärte und eiterte beständig. Und es kam zu einer Szene, die man aus dem Widerklang eines Gespräches Bismarcks mit Hohenlohe vergegenwärtigt und die für die Gesamtauffassung entscheidend wird. Bei Hohenlohe heißt es: »Ueber den Kirchenkonflikt sagte er (Bismarck), dieser sei eigentlich aus kleinen Anfängen entstanden. Das Ueberhandnehmen des polnischen Elements in den östlichen Provinzen und die Bildung einer katholischen politischen Partei habe ihn dazu getrieben. Ketteler habe er dies offen gesagt. Dieser habe darauf geschwiegen.«

Warum schweigt Ketteler? Machte der deutsche, im Zentrum verkörperte Katholizismus wirklich die Sache Polens zu seiner eigenen, oder wußte Ketteler um das böse Gewissen der preußischen Regierung?

Die äußeren Erfolge der Zentrumspolitik in diesem Zeitabschnitt sind als solche noch nicht ohne weiteres Gradmesser für die innere Kraft. Die aber bestand. Sie beruhte darauf, daß in ihr der mystisch-demokratische Gedanke des Katholizismus und die modernen politisch-demokratischen Bestrebungen einander begegneten und eine unio mystica et rationalis eingingen. Die mußte sich, aus sich heraus, aber auch unter dem besonderen Gebot der Zeit, zumal auf sozialem Gebiet, auswirken.

Auf sozialem Gebiet fand die deutsche Zentrumspartei ihr ureigenes Betätigungsfeld und hat sich darin bewährt. Hier diente sie aus ihrer (mystischen) Vergangenheit heraus dem rationellen Fortschritt. Und vermied dabei den Fehler der Christlich-Sozialen, das Bibelwort in die politische Phrase umzusetzen. Auf die Tat aus dem Geist heraus kam es an.

In solcher und nicht nur in solcher Beziehung wird der Mainzer Bischof v. Ketteler zum Exponenten des deutschen Katholizismus in dieser Zeit.

 

Wilhelm Emanuel Freiherr von Ketteler. Sehr anderer Herkunft als ein Stöcker etwa, und das adlige Wesen steckt ihm im Blut. Als junger Mann auf Jagd schießt er seinen Hirsch und findet den Kampf des Totwunden mit zwei Hunden »unvergleichlich schön«. Er macht eine Reise durch Süddeutschland und schreibt: »Welch eine Zeit, als der mächtige Adel auf seinen Burgen hauste! Man könnte über dem Vergleich mit der jetzigen Zeit toll und verrückt werden.«

Er hat die Jesuitenschule zu Biey im Wallis besucht, aber es ist fraglich und wird nicht sehr wahrscheinlich, daß jesuitisches Denken seine Geistesrichtung entscheidend bestimmt habe. Viel eher möchte man bei einer Natur wie der seinen nach einem Tag von Damaskus suchen, ein Tag freilich, der viele Sonnenauf- und -untergänge gehabt haben könnte. Der dem Todeskampf des Hirsches unberührt, mit waidmännischem und ästhetischem Interesse zugesehen, schreibt nicht gar lange später: »Mir ist die Erde nur insofern etwas, als so viele mir teure Menschen auf ihr wandeln.«

Dogmengebunden ist er durchaus, auf die allgemeine Weltbetrachtung hin angesehen, scheint er vieles mit der protestantischen Orthodoxie gemein zu haben. Schreibt er einmal: »Wie sollten wir uns als Glieder des gekreuzigten Christus erkennen, wenn uns auf Erden Gerechtigkeit widerfahren würde?«, so könnte das auch Kögel – schreibt er ein andermal »Ja, dieser Leib ist selbst in dem Heiligsten ein Versucher wider den Geist, wider Gott und Christus«, so könnte das auch Stöcker gesagt haben. Nur daß hinter Kettelers Dogmengebundenheit nicht das wortwörtlich aufgefaßte Neue Testament, sondern ein Mystisches steht. Diese Mystik hebt Ketteler von der protestantischen Orthodoxie entscheidend und bestimmend ab. Diese Mystik ist bei ihm, so wenig wie bei den andern dieser Zeit, schöpferisch; sie ist Tradition; sie ist die »Kirche«; aber sie reicht aus, ihm als Persönlichkeit Ueberzeugungskraft zu geben.

Mehr als andere war er dogmengebunden! Als entschiedener Gegner der Unfehlbarkeitserklärung war er 1870 nach Rom gekommen: man hat es ihm zu schwerem Vorwurf gemacht – und unter den Anklägern ist diesmal kein Geringerer als Hohenlohe –, daß er sein Veto nicht eingelegt, seinen Widerspruch zurückgezogen habe. Es scheint, man hat ihn nicht verstanden. Der Augenblick, da er sich überzeugen mußte, daß die Unfehlbarkeitserklärung von dem Konzil angenommen werden würde, war für ihn abermals Tag von Damaskus. Die Frage hatte damit aufgehört, Frage zu sein; sie wurde Dogma; wie aber hätte ein Ketteler, dieser Mystiker des Kirchenbewußtseins, nicht seine eigene arme Ueberzeugung auf solchem mystischen Altar als Opfer darbringen müssen? Den Ketteler aus den Tagen der Unfehlbarkeitserklärung verurteilen, heißt, – den Katholiken vor ein protestantisches Forum stellen. Was jedem Protestanten hier Gewissenssünde gewesen wäre, mußte ihm christkatholische Pflicht sein.

Der Persönlichkeitswert ist für einen Mann wie Ketteler entscheidend. Gearbeitet hat er um seinen Jesus. Es war ihm höchstes Lebensgebot, das Kreuz zu tragen, es beruhigte sein Gewissen, wenn Leib und Seele darunter schmerzten. 1849 als Propst nach Berlin berufen, nahm er den Ruf zunächst nicht an. Begründung: er wolle seine Pflicht vermindert (und nicht vergrößert) sehen, um sie besser erfüllen zu können. Als Bischof von Mainz sehnt er sich immer wieder nach schlichtem Wirken auf dem Lande unter Bauern und Bauernkindern zurück. Ein Warner vor »Erfolg« ist er zeitlebens geblieben.

Dieser Ketteler in Berlin: »Keine Glocken, keine Uhr, kein Ton, der an Gott erinnert; alles rein weltliches Treiben, so kalt und trostlos, wie die Welt selbst. Dabei Sünden und Laster mehr als Pflastersteine.«

Schroff verkörpert sich in dieser dennoch francisceischen Natur die Bewußtheit von der Macht der Kirche dem Staate gegenüber. »Wie das einzig wahre, unerschütterliche Fundament der Staaten, so enthält die Kirche, wenn sie bekämpft wird, auch die Zerstörung der Staaten.« »Wir behaupten, daß der Glaube an eine göttliche Offenbarung die Anerkennung einer unbedingten Souveränität des Staates ausschließt.« (1877.)

Vorkämpfer im Kulturkampf: »Solange wir als Reichsfeinde behandelt werden und solange eine von der Kirche abgefallene und ausgeschloffene Sekte (der Protestantismus!) nicht als solche, sondern als ein gleichberechtigter Teil der katholischen Kirche angesehen wird, ist ein Friede unmöglich.« (1875.)

Vergegenwärtigt man aber Kettelers kirchenpolitische Forderungen in Einzelheiten, so läßt sich sehr wohl ein Verständnis hinüber, herüber anbahnen. »Ich fordere ebenso für den Katholiken und gläubigen Protestanten das Recht, seine Kinder im katholischen und protestantischen Glauben zu erziehen, wie ich dem Ungläubigen das furchtbare Recht vindiziere, seine armen Kinder im Unglauben auszubilden.« (1848.) »Ist die Gemeinde eine gläubige christliche, so wird sie die Schule in das Verhältnis zur Kirche setzen, wie ihre Konfession es fordert; ist sie eine unchristliche Gemeinde, so mag sie die Schule von der Kirche trennen; ist endlich die Minorität der Eltern mit der Majorität nicht einverstanden, so gründe sie ihre eigene Schule.« Freilich (schon 1865): »Alle Freiheit der Kirche, die wir für die Entfaltung ihres göttlichen Lebens errungen haben und mehr und mehr zu erringen hoffen können, wird uns nichts nützen, wenn die Kirche an der Spitze unfrei ist, wenn sie bezüglich der Besetzung ihrer bischöflichen Stellen eine Sklavin des Staates wird.«

Der streitbare Mann, zutiefst eine francisceische Natur.

Ihn trieb es, den Armen Helfer zu sein. Dieser von Haus aus Wohlhabende ist arm gestorben, sein Vermögen hatte er hingegeben.

Schon als junger Pfarrer war er, da die versprochenen Zuschüsse ausblieben, beim Bau eines Krankenhauses mit eigenem Vermögen für die fehlenden Summen eingetreten. Und was der Pfarrer geübt, hat der Propst, hat der Bischof nicht vergessen. Es ging auch eine sozial-werbende Kraft von ihm aus. Im Jahre 1851 gelang es ihm, durch Sammlungen für ein Krankenhaus die Summe von 50 000 Talern aufzubringen.

Dem seelischen Antrieb entsprach das systematisierende und organisierende Vermögen. Seine Schrift »Die Arbeiterfrage und das Christentum« (1864) wies der Zeit den Weg. Es heißt kaum zuviel sagen, erkennt man in ihr den Grundstein für die spätere Arbeiterschutzgesetzgebung des Deutschen Reiches. Der Zentrumspartei war damit der soziale Katechismus geschrieben.

Die wesentlichen sozialen Forderungen Kettelers: Normalarbeitstag von zehn, höchstens elf Stunden; Schutz der Arbeiterfrauen und Arbeiterkinder; Verbot aller Kinderarbeit außerhalb des elterlichen Hauses.

Zeichen der Zeit: Kettelers Schrift »Die Arbeiterfrage und das Christentum« findet den Beifall Lassalles. Das will nicht besagen, daß sich die Extreme berühren. Es beweist, daß, wo Zeit den Geist aufruft, den Berufenen die gleiche Botschaft zuteil wird.

 

Bismarck sollte recht behalten: das deutsche Zentrum erwies sich päpstlicher als der Papst. Als Leo XIII. (1878) auf Pius IX. gefolgt war, trat das zutage. Daß der Kulturkampf nunmehr nicht ausgetragen wurde, sondern einschlief, war unter den obwaltenden Umständen für das junge Kaiserreich die beste Lösung.

In den Jahren 1879 und 1885 hatte Hohenlohe vertrauliche Unterredungen mit dem päpstlichen Nunzius. Hohenlohe wies (1879) darauf hin, daß die Zentrumspartei gleich nach der Reichsgründung und vor Beginn des Kulturkampfes eine feindliche Haltung eingenommen habe, der Nunzius betonte, daß Leo XIII. entschlossen und stark genug sei, die Katholiken zu loyaler Haltung der Regierung gegenüber zu bewegen. »Natürlich nur immer gegen Konzessionen.« 1885 sagte Hohenlohe dem Nunzius: »Ich zweifelte nicht an den guten Absichten Seiner Heiligkeit und ebenso wenig an denen meiner Regierung; die Schwierigkeiten liegen aber an dem Zentrum, das keinen Frieden wolle.«

Ein Katholizismus des Parteilebens war aus dem Kulturkampf hervorgegangen. Es ging um die Macht. Den Anteil an deutscher Kultur begehrte man nicht.

Ungerecht zu behaupten, die Katholiken hätten damit eine Sonderstellung eingenommen. Um die Macht ging es in diesen Zeitläuften allen, nur um die Macht. Hatte man die, so kaufte man die Kultur beim Wohnungsdekorateur, und für den Schrank mit den Glastüren meterweise beim Buchhändler. Der deutsche Katholizismus war darin nicht bürgerlicher als die anderen Parteien. Er war es nur in eben dem Maße.

Man könnte zu seinen Gunsten sogar darauf hinweisen, daß in Johannes Janssens »Geschichte des deutschen Volkes« zum erstenmal das Volk als solches zur Geltung gebracht worden sei. Auch war seit 1876 die Görresgesellschaft auf dem Plan. Und barg Entwicklungsmöglichkeiten.

Wandlung trat erst in den neunziger Jahren und gegen Ende des Jahrhunderts ein. Es war auf der Konstanzer Tagung der Görresgesellschaft im Jahre 1896, daß Hertling seinen Alarmruf ins deutsche Land und an die deutschen Katholiken ergehen ließ, mit der Botschaft, Macht ohne Geist ist nichts. In positiver Fassung: »Die Förderung der Wissenschaft ist in der Gegenwart die wichtigste Aufgabe des katholischen Deutschland.« Man erkannte selber, daß, was als Ausflucht der Regierung gebrandmarkt worden war: unter den deutschen Katholiken fänden sich nicht genügend geeignete Anwärter auf die führenden Beamtenposten, nachgerade zur Wahrheit geworden war. Im Grunde also noch immer ein Kampf um die Macht, aber vergeistigter Kampf; Kampf auch nach innen.

Es erschienen in den Jahren 1898 und 1899 die Schriften des Veremundus »Steht die katholische Belletristik auf der Höhe der Zeit?« und »Die literarischen Aufgaben der deutschen Katholiken«, und was Karl Muth in diesen Schriften polemisch vertreten hatte, das versuchte er aufbauend in seiner Zeitschrift »Hochland« zu verwirklichen. Die Aufgabe hieß: die deutschen Katholiken mit der deutschen Kultur versöhnen, sie daran teilhaben lassen.

Damit war denn nun wenigstens eine Tür geöffnet. Den Gedanken an »Ghetto« und »belagerte Stadt« gab man preis. Es kann in Wahrheit keine Kulturgemeinschaft im schöpferischen Sinn bestehen, solange man als Fremdkörper im Volksganzen empfunden wird und selbst so angesehen werden will.

Die letzte Gefahr freilich, die seelische, liegt tiefer. Inmitten einer Volksgemeinschaft, die um ihr religiöses Bewußtsein ringt, darf man nicht wähnen, im Besitz der einen unwandelbaren Urkunde zu sein. Der Besitz straft die Arbeit lügen; aber auch die Arbeit den Besitz.

 

Der Ironiker hat das Wort. Im Jahre 1883 erklärte Windthorst im Reichstag, er würde volle Trennung von Staat und Kirche erstreben, wenn er nicht fürchten müsse, daß die protestantische Kirche einer solchen Evolution nicht gewachsen sei, die die Katholiken leicht und sicher überwinden würden.

Darauf hatte Bismarck schon zehn Jahre zuvor, am 14. Mai 1872, geantwortet: »Wenn er (Windthorst) glaubt, daß die Trennung der evangelischen Kirche vom Staate für die evangelische Kirche tödlich sei, so muß ich ihm, was ich seiner ganzen Haltung nach voraussehen konnte, entgegnen, daß ihm zu meinem Bedauern der wahre Begriff des Evangeliums noch nicht aufgegangen ist.«

Wem aber war der damals aufgegangen?

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