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Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918)

Ernst Heilborn: Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918) - Kapitel 16
Quellenangabe
authorErnst Heilborn
titleDer Geist der Bismarckzeit (1848-1918)
publisherOtto Elsner Verlagsges. m.b.H.
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Thron und Altar

Eine innerlich unproduktive Zeit, und eben darum eine Zeit der gesteigerten äußeren Gegensätze. Gischte draußen die Welle des Materialismus hoch auf, so hatte sich innerhalb der protestantischen Kirche – zum mindesten in Preußen – die Orthodoxie der Herrschaft bemächtigt, hatte gleichsam befestigtes Heerlager bezogen. Sie verfemte, die sich nicht zu ihr bekannten. Der streitbare Geist Hengstenbergs wirkte in ihr fort. Auf den einflußreichen Kanzeln standen die Schüler Tholuks.

In dieser Orthodoxie lebte Bekenntnistreue und Eifer um das Wort. Es war aber nicht das Wort im Sinne des Logos, das seelisches Leben gezeugt und innere Offenbarung gebracht hätte, – wie sehr man sich auch nach der Gemütsbeseligung durch den Pietismus sehnte –, es war das Wort des Luthertextes, an das man sich hielt; in dem man verbürgte Gewißheit suchte; aus dem man Wehr und Waffen gegen die Andersgerichteten, aber auch gegen die eigenen Zweifel schmiedete. Das Wort sie sollen lassen stahn! Das wortwörtliche Wort. Wohl empfanden manche dabei etwas wie seelischen Hunger. Ein Kögel schrieb einmal (1864): »Unserer Zeit fehlt es nicht an orthodoxen, nicht an pietistischen, es fehlt ihr entschieden an mystischen Elementen«; aber solchem Herzensruf wurde keine Antwort. Die Brunnen, aus denen man schöpfte, waren am Wort ausgemauert, aber sie waren nicht tief. Es fehlte am zeitgemäßen Sauerstoff. Man lebte inmitten Vorväterhausrats. So kam es, daß ein Stöcker in Predigten etwa argumentierte: »Jahrtausende, ehe Er erschien, ward Er geweissagt; von Anfang an sollten die Menschen es wissen, daß sie einen Heiland haben.« Konnte da die Geschichtswissenschaft der Zeit noch mit? Oder: »Schon damals kam Er (Gott) auf die Erde; warum sollte Er auch nicht? Ist er in Christo erschienen, warum nicht im Paradiese?« Die Logiker der Zeit dürften den Doppelsinn des Worts »erscheinen« herausgefühlt haben ... Gewiß, in der Mehrzahl dieser Männer lebte ein heiliger Ernst. Aber es war nicht der Ernst derer, die Häuser bauen, sondern der Ernst derer, die ihre Häuser fegen und putzen und nachts gegen die Einbrecher sichern. Das Bürgertum stand auf den Kanzeln ...

Dieser Orthodoxie erschien Schleiermacher als ein Ideologe mit durchaus nicht gefestigtem Glauben.

Starres Festhalten am Wort, bewußte Abkehr vom Geist (dem schöpferischen) der Zeit. Trotzdem setzt Zeit auch diese Orthodoxie auf ihren Wagen. So unmerklich ist die Wandlung, die sie erfährt, so unmerklich selbst den Stimmführern, daß nicht einmal die Beteiligten sie gewahr werden. Aber sie ist da. Bezeichnend dafür der Ausspruch des bekannten Berliner Theologen Bernhard Weiß: »Ich kann mir das nicht erklären. Ich habe mein ganzes Leben hindurch den gleichen Standpunkt vertreten: in meiner Jugend hieß es, ich sei allzu links eingestellt, heute gelte ich als ausgemacht Orthodoxer.« Der Stein war liegengeblieben, der Strom vorübergerauscht.

 

Rudolf Kögel. Ein Hochgewachsener, Schmalschultriger, Hagerer. Auf seiner Stirn die senkrechte, gemeißelte Falte. Ein Rufer mit dem Glockenmetall in der Stimme. Der Mann der sparsamen und gebieterischen Geste.

Otto Roquette hat ihm in jungen Jahren nahegestanden und in ihm einen der geistvollsten, gebildetsten und liebenswürdigsten jungen Männer verehrt. Formgewandtes, fast weltmännisches Wesen fielen ihm auf, dazu ausgeprägter Sinn für das Humoristische. Fontane entwirft eine ähnliche Charakteristik, nur nennt er die Haltung des Aufrechten nervös angespannt, zugleich degagiert. Gesamteindruck: der eines mit glänzenden Aussichten ins Ministerium berufenen Regierungsrates. Ton der Ueberlegenheit bei Wahrung der vorgeschriebenen Distanz.

Das alles aber scheint zu wenig gesagt. Wie selten einer, war er gebieterische Persönlichkeit. Kraft ihrer wurde er Papst des damaligen Protestantismus, und diese Macht war um so unanfechtbarer, als keinerlei Wahl der Kardinäle sie übertragen hatte. Sie schuf sich selbst; sie war da.

Er war sich seiner Macht bewußt und übte sie. Einen Geistlichen, der, an Fritz Reuters Krankenlager berufen, sich damit eingeführt hatte, keinen Bekehrungsversuch machen zu wollen, wies er bei Jahre darauf erfolgter persönlicher Bekanntschaft schroff zurück. Bekehrung war für ihn unter allen Umständen geboten. Bekehrung forderte er stündlich von sich selbst. Sehr wohl vermochte er hilfreicher Freund, hingebungsvoller Tröster zu sein, immer aber stand wie flammendes Cherubsschwert zwischen ihm und den andern: »Wer nicht für mich ist, der ist wider mich.«

Der Offizier der streitenden und streitbaren Kirche war er.

Er vermochte zugleich zu dienen, zugleich zu beherrschen. Beides hat er Kaiser Wilhelm I. gegenüber geübt.

Einer der wirksamsten Redner, die je auf protestantischen Kanzeln gestanden haben. Nicht in dem Sinne Schleiermachers, den man hörte, um sich tief in Geistigkeit und Menschentum bereichert zu fühlen und den Nachklang noch in späte Tage hinüberzunehmen. Vielmehr einer, der dem Augenblick gebot; packte; vergessen wurde.

Dieser große Redner, der schon als Schüler in heißem Bemühen über seinem Cicero für und für gesessen, war kein Redner. Was er zu sagen beabsichtigte, stand Wort für Wort auf dem Papier, wurde wortwörtlich auswendig gelernt und vorgetragen. Aber freilich, es wurde durch diesen Vortrag, der aus der Persönlichkeit, wie Strom aus Felsen, sprang, dem Augenblick neu geboren.

Die Formgebung war in ihrer Art vollendet. Sie ähnelte in mehr als einer Hinsicht der Geibels, dem Kögel befreundet war und dem er von der Kanzel des Doms die ergreifende Totenklage gehalten hat. Fast immer wurde in der Predigt unter Kennzeichnung der Disposition die Dreiteilung bevorzugt, derart, daß der »Ruf des Herrn« dargestellt wurde als »eine Betglocke bei der Alltäglichkeit unseres Essens und Trinkens; als eine Sonntagsglocke bei der Alltäglichkeit unserer Arbeit; als eine Siegesglocke bei der Alltäglichkeit unseres Kampfes.« Die Kögelsche Predigt war innerlich und äußerlich auf den Refrain gestellt. Sie war beides: gemeißelt und musikalisch abgestimmt. Sie hatte Glockenklang. Aber diese Formgebung teilte auch mit der Geibelschen die Eigentümlichkeit, daß sie etwas Starres war, in das jedweder Inhalt hineingepreßt wurde. Sie war nicht Kleid, sie war blitzblanker Panzer. Ihn brachte der Vortrag zum Tönen.

Diesem Redner war es innerliches Gebot der Geste, daß er in jenen Tagen, da er das apostolische Glaubensbekenntnis gefährdet wähnte, seine Domgemeinde es kniend sprechen ließ.

Diesem Hofprediger war es ein Selbstverständliches, den gestorbenen Kaiser (Gedächtnispredigt vom 22. März 1888) als Mitkämpfer für das Apostolikum zu feiern.

Von Byzantinismus war in Kögel nichts. Man liest noch heute seine Ansprachen am Sterbebett des Kaisers und die Predigt im Dom und findet darin kein falsches Wort. Nur eben entsprach es seiner Gesamteinstellung, war es ihm, man möchte sagen, an- und eingeborene Ueberzeugung, daß Jesus verpflichtet sei, seinen frommen deutschen Kaiser in ganz besondere Obhut zu nehmen.

Ein durchaus patriarchalisch Eingestellter, fühlte sich Kögel wie mit dem Fürstenhaus so auch mit dem Adel verbunden, und dies Gefühl innerer Zusammengehörigkeit mit Hof- und Adelskreisen bestimmte auch seine Haltung, machte ihn auch zum berufenen Vermittler zwischen diesem eben damals wieder gestärkten Adel und dem wohlhabenden, gebildeten Bürgertum. Die er zu engerer Mitarbeit an seinem inneren kirchlichen Werk um sich scharte, waren zumeist adlige Damen. Und schon aus seinen jungen Tagen im Haag (1860) erzählt der Pastor Friedrich von Bodelschwingh: »Während in meiner Hügelkirche nur arme Gassenkehrer und Steinbrecher sich sammelten, fuhr hier (bei Kögel) eine Menge eleganter Equipagen vor, und der Saal füllte sich bis zum letzten Platz mit zum größten Teil vornehmen Zuhörern aus den ersten Kreisen und Familien der holländischen Residenzstadt.«

Niemand wird Kögel nachsagen dürfen, daß er es darauf angelegt habe, die Vornehmen und den Adel sich zu gewinnen; Persönlichkeit, Umgangsformen, die Eigenart seiner Begabung prädestinierten ihn dazu; jedermann aber wird, von diesem Hofprediger auf den Menschensohn hinüberblickend, sich zugestehen müssen, daß da irgend etwas nicht stimmte.

 

Adolf Stöcker. Ungemein schwierig, sich von diesem Mann, der den einen als der »Hofprediger aller Deutschen«, den andern als der »Meineidspfaffe« galt, ein objektiv zutreffendes Bild zu machen. Fontane nannte ihn einen »ganz unsicheren Passagier«, und das ist gewiß nicht zuviel gesagt. Er wies auch gelegentlich darauf hin, daß »ganz andere Nummern als Stöcker« erforderlich wären, dem Volk seine Religiosität wiederzugeben.

Sohn eines Wachtmeisters bei den Halberstädter Kürassieren, der später als Schmied höchst kümmerlich sein Dasein fristete; Korpsstudent, gelegentlich von der Universität relegiert; Garnisonprediger in Metz; auf die Domkanzel berufen, – es fehlt diesem Lebensgang schon äußerlich an ausgeglichenem Boden. Wohl hat Stöcker aus seiner niedern Herkunft nie ein Hehl gemacht, geschweige denn, daß er sich ihrer geschämt hätte; mehr als das: in ihm blieb ein starker Zusammenhang mit dem Volk; aber die Kanzel, von der er sprach, war doch der Hofloge gegenübergestellt; die Hofkreise waren auch sein Wirkensbereich; an der Autorität eines Kögel hatte er teil. Ein durchaus Unbürgerlicher, den das Bürgertum ins Netz seiner Behaglichkeitsforderungen einspann und – der es immer wieder und unvorhergesehen und aus dem Impuls heraus zerriß. Einer, mit dem sein Temperament im guten wie im bösen durchging. Der Mann der gehobenen Faust und – des unzuverlässigen Gedächtnisses.

Kein Redlicher, der ihm die christliche Ueberzeugungstreue absprechen dürfte. Kein Redlicher, der sein Verhalten, zumal in der Judenfrage, noch als christlich bezeichnen könnte.

Eine Kämpfernatur, und der Haß lag seinem Temperament mehr als die Liebe.

Redner war Stöcker in ganz anderem Sinn als Kögel. Ihm trug der Augenblick das Beste zu. Er bedurfte des Widerspruchs, und entflammte daran. Mehr als die stille Domgemeinde gab die Volksversammlung seinem Nachen Flut. Er wuchs mit den hochschäumenden Wellen. Er hatte die Kraft der Banalität, den Witz der Ungeistigkeit, die Logik der Ueberraschung. – Liest man heut seine Predigten wieder, so hat man mit Enttäuschung festzustellen, daß da füglich nichts zu lesen ist.

Dieser Mann des Augenblicks war auch Organisator. Ein Organisator großen Stils. Wo es ihm darauf ankam, war sein sprunghaftes Temperament der Zähigkeit fähig. Dieser Hämmerer trug auch, und sehr geduldig, Stein zu Steinen. Er hatte auch die Arbeiterseele. Sein Werk, die Innere Mission, zeugt dafür.

Dieser Mann des Augenblicks war auch Intrigant. Der Sprunghafte konnte auch schleichen. Unvergeßbar der schlimme Satz aus dem sogenannten Scheiterhaufen-Brief vom 14. August 1888 mit der Zettelung gegen Bismarck: »Merkt der Kaiser, daß man zwischen ihm und Bismarck Zwietracht säen will, so stößt man ihn zurück. Nährt man in Dingen, wo er instinktiv auf unserer Seite steht, seine Unzufriedenheit, so stärkt man ihn prinzipiell, ohne persönlich zu reizen. Er hat kürzlich gesagt: ›Sechs Monate will ich den Alten verschnaufen lassen, dann regiere ich selbst‹.« Das gleiche Intrigantentum in seiner rednerischen Art der Beweisführung. Aus der Rede vom 9. Februar 1892: »Ich gehöre auch nicht zu denen, welche jemals im öffentlichen Leben von Ritualmord sprechen. Vielmehr kann ich mich darauf berufen, daß ich diesen Ausdruck jederzeit ablehne, daß ich meine Freunde warne, von einem Ritualmord zu sprechen ... Aber es handelt sich dabei mehr um einen falschen Ausdruck. Daß vielfach im Lauf der Geschichte aus Aberglauben und Fanatismus Christen, besonders Christenkinder, von den Juden umgebracht sind, daran zweifelt niemand, der die Jahrhunderte genau studiert.«

Er hatte das Flackern im Auge. Je mehr man aber sein Bild vergegenwärtigt, desto mehr wirren die Gegensätzlichkeiten durcheinander, und manchmal ist es einem, als wäre letzte Aussage über diesen Vielgeschmähten, Vielgepriesenen: er war ein Kind. In seinem Brief vom 24. Juni 1903 schreibt Adolf Stöcker: »Der gestrige Tag in Königsberg war wirklich ein Tag Gottes. Daß der Prozeß gegen Noske, der mich »Meineidspfaffe« geschimpft und soviel Böses dazu gesagt hatte, gut verlaufen würde, vermutete ich im voraus. Aber auf einen so durchschlagenden Erfolg hatte ich nicht gerechnet, nicht rechnen können. Gott hat die Herzen der Richter gelenkt, daß sie nicht bloß die Beschuldigung des Meineids, sondern auch den Vorwurf des fahrlässigen Falscheids, sogar der Annahme eines unvorsichtigen Eides entgegentraten und damit dem ganzen Treiben, das mich seit achtzehn Jahren verfolgt, die Spitze abbrachen.«

Die Worte eines Kindes. Auch die Religiosität, die dem 19. Jahrhundert entsprochen hätte und ihm nottat?

Im Hinblick auf Stöcker hat Bismarck von den »evangelischen Windthorsten« gesprochen.

 

Scharfgeschnittene Physiognomien aus dem engeren Kreis: Der alte Büchsel, der den Mut hatte, – in dieser Zeit bedurfte es des Muts dazu – in einer Predigt (1850) sehr gegen Krieg zu sprechen, der denn auch Bismarck ermahnte, vom Duell abzusehen, ohne jedoch einen andern Ausweg ausfindig machen zu können. Bismarck nannte seine Predigt schön und einfach, nur störe ihn der Wechsel von pianissimo und fortissimo am unrechten Platz. Nach Fontane verdankte Büchsel seinem Humor seine Volkstümlichkeit; ein gut Konservativer bei uckermärkischer Enge. – Pastor Schulze von Bethanien, auch einer der Wortführer der Orthodoxie, schien Bismarck mehr zum Verstande als zum Gefühl zu reden, Fontane rühmte seine Schlichtheit, die durchaus künstlerisch wirke. Ein tief Ernster, dem das Leben nicht zum Spaße da war; ein Tapferer. – Pastor Knaak ging selbst dem jugendlichen Bismarck in der Orthodoxie zu weit, einer derer, die nahezu alles (auch den Tanz, den Theaterbesuch, nichtkirchliche Musik) sündhaft finden; ein Zelot, den der junge Bismarck dennoch persönlich zu lieben bekannte. – Im schärfsten Gegensatz zu solchem Zelotentum: Richard Schrader, die johanneische Seele, die, soweit es in dieser Zeit anging, mystisch gerichtete Natur.

Die mit der damaligen Orthodoxie sehr wohl verträglichen ästhetischen Neigungen lebten (neben Kögel, der auch dichtete) recht eigentlich in Otto Frommel, Hofprediger und Volkserzähler, Sohn eines Galeriedirektors, auf. Er ließ bereits vor seiner Berufung nach Berlin im Wuppertal in der Kirche eine Beethovensche Sonate spielen, veranlaßte die Bildung eines Kirchenchors, ließ eine liturgische Feier mit Transparent und Chorgesang halten. Im Jahre 1897 wurde er »Im hohen Auftrage« ins Königliche Schauspielhaus gesandt, um an der Aufführung von Hauptmanns »Hannele« Aergernis zu nehmen. Frommel nahm aber nicht Aergernis, sondern ging tief ergriffen heim und besuchte die Vorstellung zu wiederholten Malen. Im Vortrag weich und zärtlich, in der Formgebung Kögel verwandt: »Wir bekennen im Blick auf die Vergangenheit: der Herr ist meine Macht; im Blick auf die Gegenwart: der Herr ist mein Psalm; im Blick auf die Zukunft: der Herr ist mein Heil.«

Die ästhetischen Neigungen innerhalb der Orthodoxie aber führten auch zu sehr andersgearteter Wesensprägung. Den Hofprediger Windel charakterisierte Fontane als Mischung von Strenggläubigkeit und Schopenhauertum. Ein Florettfechter der Beweisführung, dem es gerade auf die ankam, die nicht nachzuprüfen imstande waren. Typ: beinahe schon Kardinal.

Daß diese gesamte Orthodoxie zum Katholizismus hinneigte – und das nicht nur in ihren ästhetischen Sehnsüchteleien –, ist als Wesensmerkmal oft genug betont worden. Sie war in ihrem Wirkungsbereich aber fast ausschließlich auf Preußen und Norddeutschland beschränkt, in Süddeutschland herrschte – vielleicht gerade infolge der näheren und auch räumlichen Berührung mit dem Katholizismus – ein sehr viel freierer Geist. Bismarck besuchte im Jahre 1851 von Frankfurt aus eine Dorfkirche an der Bergstraße und hörte da zu seinem Erstaunen einen sehr süddeutsch redenden »aber« gläubigen Prediger.

 

In »Dreizehn Jahre Hofprediger und Politiker« sagt Adolf Stöcker wörtlich: »Der Katholizismus stand längst mitten in der sozialen Bewegung; Bischof Ketteler hatte ihm vorgearbeitet. Ich bekenne offen, daß ich der römischen Kirche dies Privilegium nicht zugestehen wollte.« Kein Zweifel, daß Stöcker, der Wachtmeistersohn, den starken Willen zur Volksnähe, zu praktischem Wirken, zum greifbaren Erfolg blutvoll in sich nährte: es bedurfte trotzdem der äußeren Anstachelung, um ihn zu seiner eigensten Tat zu treiben. War zufällig einmal nicht Kampf, so mußte es mindestens Wettkampf sein.

Doch wurde auch diese soziale Tätigkeit zu Kampf. Neben dem großen organisatorischen Werk lockte immer wieder das Lanzenbrechen in der Volksversammlung. Meist gingen die so aus, daß ein Teil der Zuhörerschaft die Arbeiter-Marseillaise, der andere Teil »Ein feste Burg« anstimmte.

Der Erfolg war denn auch der, daß sich die Arbeiterschaft mehr und mehr aus der Bewegung zurückzog. An ihre Stelle traten kleinbürgerliche Schichten, Handwerker, Kaufleute, Subalterne.

Der Erfolg war – daß der Kampf der Sozialdemokratie gegen das Christentum verschärft wurde. Und diesen Erfolg hat Deutschland teuer bezahlt.

Man muß solch einer Forderung, wie Stöcker sie damals grundsätzlich aufstellte, nachdenken, um klar zu sehen, wie guter Geist (der gewiß nicht in Abrede gestellt werden soll) zu Ungeist wurde. Eine solche Forderung lautete: »Beseitigung des Hypothekenwesens im Grundbesitz, der unverkäuflich und unverschuldbar gemacht werden muß.« – Sich aus politisches Gebiet begebend, wurde der Hofprediger auch zum Demagogen.

Keinerlei Wirkungsmittel wurden verschmäht, nicht einmal die damals verrufenen amerikanischen. In seinen Lebenserinnerungen erzählt der Stöckerbiograph Dietrich von Oertzen, daß Stöcker und die Freunde der Inneren Mission den amerikanischen »Evangelisten« Herrn von Schlümbach nach Berlin beriefen. Man mietete Säle am Wedding. Schlümbach trug die Soli vor, der Hörerkreis hatte den Refrain zu wiederholen.

Bismarck sagte: »Ich habe nichts gegen Stöcker; er hat für mich nur den einen Fehler als Politiker, daß er Priester ist, und als Priester, daß er Politik treibt.«

Kögel hatte sich von vornherein wohlweislich zurückgehalten. In »höherem Aufträge« schrieb seine Frau schon 1878: ... »so konnten wir uns doch nicht verbergen, daß es die Aufgabe des Geistlichen nicht sein darf, so weit sich auf wirtschaftlichem Terrain zu versteigen, wie es Stöcker tut, und zeigen sich jetzt schon die Folgen in allen möglichen Rückzügen.«

Jugend aber, gute, christliche Jugend, fand sich durch den Appell, den Armen das Evangelium zu bringen, den Notleidenden Hilfe zu schaffen, in ihrem Heiligsten aufgerufen. Das soziale Gewissen war geweckt. Der Blick für die vom Wirtschaftsleben Beiseitegeschobenen geschärft. Nachdem er sich längst von Stöcker getrennt hatte, schrieb Friedrich Naumann (1903): »Man muß von diesen suchenden Wellen etwas gefühlt haben, wenn man wissen will, welche Bedeutung für uns die Worte christlich-sozial und evangelisch-sozial gehabt haben. Im vieldeutigen Worte ›sozial‹ kamen wir zur Heimat, zur Klassenbewegung der abhängigen Leute. Der Anschluß der Empfindung an etwas Wirkliches war wieder da.«

Hier also wurde Werk aus dem Geist der Zeit heraus getan. Es war aber Fluch der Zeit, daß sie ihr eigenes Werk nicht rein und nicht ungetrübt durchführen konnte.

 

Durch einen Zufall war Stöcker in einer Rede auf die Judenfrage gekommen. Der unerwartete Beifall, den er gerade mit diesen Ausführungen fand, trieb ihn auf dem unheilvollen Wege weiter. Auch hier der Mann, den der äußere Anstoß in Aktion setzt; der Mann, der den Erfolg vor seine Kutsche spannt.

Kaiser Wilhelm I. hielt, unter Mißbilligung des Treibens des Hofpredigers Stöcker, »den Spektakel für nützlich, um die Juden etwas bescheidener zu machen« (Hohenlohe). Bismarck wurde der Spaß zu arg, als Stöcker erklärt hatte: Herr Bleichröder habe mehr Geld als alle Pastoren zusammen; mit Bleichröder war nun einmal nicht zu spaßen.

Das Eigenartige an Stöckers Ausbeutung der Judenfrage war, daß er sich gerade hier, wo er es am wenigsten hätte tun dürfen, auf den Hofprediger besann. Seinem unchristlichen Vorgehn hatte die Bibel zu dienen. In »Unsere Forderung an das moderne Judentum« (1873) argumentierte er folgendermaßen: »Aber es ist doch eine historische Tatsache, daß Gott nur durch die Sendung gewaltiger Persönlichkeiten den Abfall des jüdischen Volks auf kurze Zeit dämpfen konnte.« Ein Gott, der »nur« und nur »auf kurze Zeit« kann.

Wann hat je ein Minister der Macht seines Herrschers derart Abbruch getan, wie dieser Hofprediger der Allmacht unseres Gottes?

 

Es war Frommels allseitig willkommen geheißener Einfall gewesen, Kögel bei seinem 25. Amtsjubiläum dadurch zu ehren, daß man ihm durch die Kapelle seines alten Alexander-Regiments, bei dem er als Einjähriger gestanden hatte, den Choralgruß blasen ließ.

Kögel war mit Leib und Seele Soldat gewesen, hatte auch sein Examen bestanden und die Qualifikation zum Landwehroffizier erlangt. Etwas Soldatisches war ihm eingeboren; etwas vom preußischen Offizier. Das Militärische lag ihm. Schon als Student in Halle hatte er der deutschen Flotte ein Grußgedicht gewidmet und es anonym im Druck erscheinen lasten. Er selber sprach von seinem »Preußen- und Christenherz«. Die Gemeinde redete er gelegentlich in der Predigt mit »Geliebtes Preußenvolk« an. Wiederum war es Frommel, der auf Freund Kögel (dessen Kirchenpolitik er aber nicht mitmachte) das Wort anwendete: »Reißt mir das Herz in Stücke, an jeder Faser hängt doch ein preußischer Adler.«

Die Kriege fanden ihn innerlich gerüstet. Aus der Landtagspredigt vom 15. Januar 1866: »O Gebet und Tatkraft (!) schließen so wenig einander aus, daß vielmehr keine Hand den Griff des Schwertes so freudig umfaßt, als die zuvor zum Gebet sich gefaltet.« Am 27. Juni: »Soll wirklich der Krieg zu einer Feuertaufe für unser Volk werden, so muß Jesus der Priester, muß der Heilige Geist der große Taufzeuge sein.« Als einen Religionskrieg bezeichnete Kögel den Feldzug gegen Oesterreich, einen Religionskrieg, wenn nicht in der Absicht, so doch im Ausgang. Aus der Predigt beim Dankgottesdienst: »Der Krieg zerstört nicht nur, er baut auch ... Der Krieg tötet nicht nur, er macht auch lebendig.« Und wiederum als einen Krieg gegen die Mächte der Hölle begriff Kögel den Feldzug gegen den Erbfeind, gegen Frankreich.

Es entspricht solchem Gedankenkreis, wenn Kögel in den Tagen, da er das Apostolikum gefährdet meinte, in die Worte ausbrach: »Rühren sie nicht an diese Fahne des Königs aller Könige.«

Alles ehrlich und aus der Ueberzeugung heraus. Blut aus diesem »Christen- und Preußen-Herzen«. Aber doch auch eine sehr gefährliche Umdeutung des christlichen Gedankens, eine Umdeutung, die der Verneinung und Verleugnung verzweifelt nahe kommt. Und die sich rächen mußte.

Eine Umdeutung aus dem Wollen der Zeit heraus; das versteht sich. Im Jahre 1868 wohnte Hohenlohe auf königlich bayerischen Befehl der Vermählung der Herzogin Sophie in Starnberg bei. Während der Messe spielte die Militärmusik im Freien zur Begleitung des Gottesdienstes.

Es war die Zeit des militärischen Christentums, und es hieße falsch Zeugnis ablegen, wollte man diese Militarisierung der Orthodoxie allein zur Last legen. Die liberale Geistlichkeit Preußens tat freudig mit, stimmte darin mit den »Positiven« völlig überein.

Stöcker durfte die Erfahrung machen (und nutzte sie weidlich aus): »Jedesmal, wenn die Rede in unseren Versammlungen den Ton anschlägt: mit Gott für König und Vaterland, ist die Begeisterung am größten.« Bei ihm gewann der Militarismus geradezu grotesken, doch eben derb-volkstümlichen Ausdruck. Mit Anwendung eines Modeworts der Zeit sprach er gelegentlich von dem »schneidigen« Entweder-Oder des Herrn Jesu. Und argumentierte zugunsten des Christentums: »Unser Kaiser glaubt, Bismarck glaubt, Moltke glaubt.«

Worin die Gefahr einer solchen Militarisierung des Christentums lag? Daß all die vielen, die den Militarismus aus irgend welcher politischen Ueberzeugung ablehnten, nun auch die Religion als solche ablehnen zu müssen wähnten. Vor lauter »Fahnenträgern« und »Königen der Könige« fanden sie den Weg nicht mehr zu dem, der am Wegrand gesessen und die Mühseligen und Leidtragenden zu sich gerufen hatte. Die vielen aber, die den Weg nicht mehr fanden, waren – das arbeitende Volk. (Das doch gerade Stöcker sich gewinnen wollte.)

 

Als Lichtwark im Jahre 1908 die Marienkirche in Dessau besuchte, erschrak er: »Die herzogliche Loge erhebt sich machtvoll hinter und über den Altar.« Darin erblickte Lichtwark einen Zug von fürstlichem Größenwahn.

Das alte Fluchwort, das den Protestantismus von Anbeginn an gezeichnet hat, das: » cujus regio, ejus et religio« gewinnt in dieser Periode neue Kraft. Allerorten, zumal aber in Preußen, erhebt sich die fürstliche Loge über den Altar.

Die Gefahr, die Landeskirche dem höchsten Episkopat des Landesherrn zu unterstellen, wird naturgemäß dann am größten, wenn ein frommer, ein kirchlich gesinnter Herrscher den Thron inne hat. Auf Kaiser Wilhelm I. traf das in erhöhtem Maße zu.

Als Kögel, im Jahre 1863 nach Berlin und an den Dom berufen, dem König vorgestellt wurde, sagte ihm Wilhelm I. zum Schluß der Unterredung: »Sie zu ermahnen, habe ich wohl nicht nötig; bei Ihrer ernsten Richtung werden Sie das hoffentlich selbst tun.«

Einer fand sich, der für die Ungeheuerlichkeit der Worte, in denen der Landesherr sich zum moralischen Richter über den Geistlichen aufwarf, kein Empfinden hatte, und dieser eine war Kögel. Es hieß demgemäß auch in dem Rechtfertigungsschreiben der Domgeistlichkeit aus dem Jahre 1877: »Geistliche, von denen einer dreiundzwanzig Jahre, ein anderer vierzehn Jahre am Dom unter den Augen Euerer Majestät zu arbeiten die Ehre hatten.« Man empfand den Summus Episcopus der Landeskirche durchaus als den von Gott bestellten Vorgesetzten. Das Gottesgnadentum – auch der Kirche gegenüber – war Kernsatz in der Glaubensüberzeugung dieser preußischen Orthodoxie.

Deshalb: als das Attentat gegen Kaiser Wilhelm I. verübt war, predigte Kögel: »Eine Blutschuld ruht auf unserer Stadt, auf unserem Volk ... daß unserem Volk ein Kainszeichen eingebrannt ist, welches auch die Tränen der Jahrhunderte nicht werden tilgen können.« Nach der Uebergabe von Paris 1871 führte er in dem Dankgottesdienst aus: »Zwei Kronen sind dem deutschen Volk zuteil geworden: das kaiserliche Diadem ... die andere Krone das Evangelium von der freien Gnade in Christo Jesu.« Ein andermal: »Jesus Christus, der einige Hohepriester, er spricht zu unserem teuren, im Dank sich beugenden Könige: Gesegnet sei dein Eingang.« Eine Gleichsetzung der königlichen und der göttlichen Majestät, die doch bei einem Kögel keineswegs auf Byzantinismus beruhte. Vielmehr: er war so orthodox als Preuße, wie er es in seiner christlichen Glaubenslehre war. Er bekannte sich zu dem »Wort« des Gottesgnadentums.

Und Kaiser Wilhelm I., wie bescheiden er auch in seiner persönlichen Lebensführung war, – dies Gottesgnadentum, in dem das höchste Episkopat über die Landeskirche beschlossen und verbrieft war, galt auch ihm als ein Selbstverständliches. Aus solcher Ueberzeugung heraus durfte er im Jahre 1880 an Puttkamer schreiben: »Ich habe dem p. p. Hermes zur Pflicht, mündlich und schriftlich, gemacht, wie ich es hiermit an Sie tue, mir nur solche Männer zur Besetzung der vakanten Stellen vorzuschlagen, die mit mir auf demselben religiösen Standpunkt stehen, d. h. dem Apostolikum, und daß es Personen sein müssen, die durch ihr Lebensalter zu den gereiften und erprobten Individuen gehören, zu denen ich volles Vertrauen haben darf, daß dieselben ihrer wichtigen Stellung mit wahrem christlichen Glauben vorstehen werden.«

So also sah es um Gottesgnadentum und Episkopat in der Theorie aus. In der Praxis herrschte Kögel um so rückhaltloser, je anspruchsloser er diente (nur daß dies bei ihm nicht heimtückische Absichtlichkeit war, sondern sich aus dem Geist dieser Orthodoxie von selbst ergab). Der protestantische Papst herrschte kraft seines Dienens.

Tatsache ist: im Kampf um Hegel, den er hielt, und Falk, den er stürzte, trug Kögel den Sieg über Bismarck davon. Tatsache ist: im Kampf um Stöcker, den bereits Wilhelm I. (1885) preisgeben wollte, trug Kögel den Sieg über den König selbst davon. (Kögel persönlich hatte ernsteste Bedenken Stöcker gegenüber, aber –: »ich vergesse und verleugne den Bruder nicht.«)

Mann aus dem Volk, stand Stöcker dem Staatskirchentum innerlich ablehnend gegenüber, aber er nahm eben mit, was mitzunehmen war. Späteren scharfen und mißbilligenden Briefen des alten Kaisers beugte er sich. Prinz Wilhelm sagte zur Zeit der Waldersee-Versammlung zu Herbert Bismarck: »Der Stöcker hat doch etwas von Luther« – um dem Gestürzten (Telegramm an Hinzpeter vom 28. Februar 1896) nachzurufen: »Stöcker hat geendigt, wie ich es vor Jahren vorausgesagt habe. Politische Pastoren sind ein Unding. Wer Christ ist, der ist auch sozial; christlichsozial ist Unsinn und führt zu Selbstüberhebung (!) und Unduldsamkeit, beides dem Christentum schnurstracks zuwiderlaufend. Die Herren Pastoren sollen sich um die Seelen ihrer Gemeinde kümmern, die Nächstenliebe pflegen, aber die Politik aus dem Spiel lassen, dieweil sie das nichts angeht.« Womit denn Stöcker unschwer in Erfahrung bringen konnte, daß Gottesgnadentum, Staatskirchentum und Episkopat ihre Schattenseiten haben.

Sie haben es in sehr viel ernsterem Sinne. Eine Persönlichkeit wie Kögel verkörperte durchaus in sich den Geist der Zeit. Er lehrte, wie er gelehrt worden war; er handelte seinem inneren Sein gemäß. Er hatte das Christen- und Preußen-Herz. Indem aber sein persönliches Empfinden zum Maßstab für die vielen gesetzt wurde, brach das Gefäß. Es konnte nicht ausbleiben, daß alle, die mit dem Autoritätsstaat in Widerspruch standen, zum Widerspruch gegen das Christentum aufgerufen wurden.

Thron und Altar: dieser Zeit bedeutet es: gebt dem Cäsar, was Gottes ist.

Die denkbar unpolitische, die christliche Religion, wurde in die Politik hineingezogen, Parteien zugute, andern Parteien zur Last.

Ludwig Feuerbach: »Der politische Triumph des Christentums ist sein moralischer Untergang. Die setzt in ihrer und anderer Meinung die Freunde und Beschützer des Christentums sind, wird man einst als seine wahren Feinde, und die jetzt für die Feinde des Christentums gelten, einst als seine wahren Freunde erkennen.« Friedrich Naumann: »Man macht den Staat mit allen seinen Kanonen und Kerkern zu einem Bestandteil und Hilfsmittel des Reiches Gottes.« Das Stormsche Gedicht aber spottete: »Links nehm' von Christi Mantel ich ein Zipfelchen, daß es mir diene, und rechts – du glaubst nicht, wie das deckt – rechts von des Königs Hermeline.«

 

In den Kulturkampf fühlte sich diese Orthodoxie nicht anders als der Katholizismus hineingezogen. Beweis genug, wie sehr man sich vom Geist des Luthertums entfernt, dem Roms genähert hatte.

Es waren vor allem das Gesetz über die Ziviltrauung, die Einführung einer Staatsprüfung für die Theologen, die drohende Simultanisierung der Volksschule, worin man sich benachteiligt glaubte. So kam es im Jahre 1876 zur Gründung der Fraktion der »Freunde der positiven Union«, und das will besagen, zur Wehrhaftmachung des Widerstandes. Der 8. Punkt der Satzungen lautete: »Insbesondere hat die evangelische Kirche die ihr gebührende und verbürgte Stellung in der Volksschule und daher die Fortdauer des verfassungsmäßig bestehenden Charakters derselben als die Regel zu fordern, ebenso eine wirksame Teilnahme der kirchenregimentlichen Organe an der Besetzung der theologischen Professuren, ohne welche eine selbständige Entwicklung des kirchlichen Lebens undenkbar ist.« Man kämpfte um den Geist mit Mitteln der Macht und nicht des Geistes.

Nach der Unterredung mit Kaiser Wilhelm I. am 18. Oktober 1874 schrieb Stöcker: »In seiner treuherzigen und königlichen Art faßte er den Kampf der katholischen Kirche als eine Widersetzlichkeit auf.«

 

Thron und Altar: beide Autoritäten, die des Staates, wie die des Christentums, waren erschüttert worden. Beide gingen neuen Bund miteinander ein, sich gegenseitig zu stützen. Sie verloren darüber beide an Kraft.

An die politische wird die religiöse Ueberzeugung gebunden. Sie wird dadurch entgöttlicht. Das ist das Leid der Zeit.

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