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Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918)

Ernst Heilborn: Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918) - Kapitel 15
Quellenangabe
authorErnst Heilborn
titleDer Geist der Bismarckzeit (1848-1918)
publisherOtto Elsner Verlagsges. m.b.H.
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Drittes Buch
Der streitbare Geist

Die Welle des Materialismus

Im Jahre 1847 schreibt Bismarck an seine Braut: »Arnim ist voller Sorge, ich möchte ›fromm‹ werden; sein Blick ruhte ernst und nachdenklich, mit mitleidiger Besorgnis, während der ganzen Zeit auf mir, wie auf einem lieben Freunde, den man gern retten möchte, und doch fast für verloren hält; ich habe ihn selten so weich gesehen. Es gibt doch wunderliche Weltanschauungen bei sehr klugen Leuten.«

Dem Gedanken des letzten Satzes gibt Fürst Hohenlohe gelegentlich die Wendung: »Die Deutschen bleiben Schwärmer selbst im Unglauben.«

Was den Arnim so besorgt machte, wenn er in dieser Zeit, da sein Bismarck die Verbindung mit den orthodoxen Puttkamers eingegangen war, auf den Freund blickte? Aus der Zeitstimmung heraus fällt die Antwort nicht schwer. Religiosität, zumal Kirchenglaube, erschien nachgerade als ein Zeichen von Mangel an Bildung. Selbst bei Feuerbach, dem frommen Atheisten, findet sich in der Jugendschrift »Die Unsterblichkeitsfrage« (1830) der Gedanke, daß die Religion nur in der Gefühls- und Vorstellungsweise der unkultivierten Menschheit ihren Ursprung und ihr Wesen habe.

Was war geschehen? In dieser Zeit des Kampfes gegen die Autorität galt jede Autorität, also auch die der Kirche, auch die der Religion, als gefährlich. In dieser Zeit des rasch erschlossenen Verkehrs schätzte man Raum und Zeit – beinahe auch im metaphysischen Sinn! – als überwundene Begriffe ein. In dieser Zeit der großen naturwissenschaftlichen Entdeckungen, da sich viele Wege aufgetan hatten, wähnte man auch das letzte Ziel erreichbar. Schon hielt man den Schleier der Wahrheit, – warum nicht auch die Wahrheit selbst? Freilich, mit Händen zu greifen mußte die Wahrheit sein.

In den fünfziger Jahren ging die Welle hoch. Es erschienen 1855 Büchners »Kraft und Stoff« und Vogts »Köhlerglaube und Wissenschaft«; es folgte 1859 Darwins Selektionstheorie, die bald genug von Ernst Haeckel und den anderen in rein materialistischem Sinn gedeutet und weitergesponnen wurde – bis zur Enträtselung der »Welträtsel«.

Unschwer, den Einfluß dieser Literatur abzuschätzen. Sie wirkte sich in einer Weise aus, von der man bis dahin auf deutschem Boden kaum etwas geahnt hatte. All diesen Verfassern kam die Autorität der »Wissenschaftler« zugute. Sie schrieben für jedermann verständlich. Sie waren sich ihrer Sache gewiß. Sie hatten den fragwürdigen Mut, den Andersdenkenden als Dümmling anzuprangern. Sie wußten sich das Ansehn zu geben, den »Fortschritt« in jeder Weise zu verkörpern. Sie hatten den ausschlaggebenden Teil der Presse, die liberale, für sich.

Das Unheil, das in dieser Zeit über dem deutschen Geistesleben aufbraute, kam dieser halb philosophisch, halb naturwissenschaftlich materialistischen Literatur zu Hilfe: die Einbeziehung der religiösen Fragen in die politischen. Hier kündigte sich »Fortschritt« an; also hatte sich die Fortschrittspartei dazu zu bekennen. Sie tat es vorsichtig; unter Sicherung durch Reserven; sie tat es keineswegs kritiklos. Die junge sozialdemokratische Partei aber stand von Anbeginn unter dem Eindruck, hier bestes Arsenal für ihre Eroberungszüge zu finden. Diese Literatur überzeugte die Führer der Partei. Sie stand in engstem Zusammenhang mit der Bibel der jungen Bewegung, dem »Kapital« von Karl Marx. Sie vertrat die Geschichtsauffassung, die man für die eigenen Zwecke brauchte. Sie schlug die Götzen nieder, die im Wege standen. So wurde denn diese Literatur von Partei wegen zur Volksbildungsliteratur erhoben. Die bis dahin beispiellose Organisation der Partei schuf diesen Büchern in allen Arbeiterbildungsvereinen eine Verbreitung, die mehr als nur eine Verbreitung war: denn der Ungebildete liest anders als der Gebildete. Er glaubt dem gedruckten Wort.

Die Anfänge dieser Bewegung sind hier entscheidend: Atheismus und Materialismus wurden zu politischem Parteiprogramm erhoben. Und zwar jener Partei, die zahlengemäß bald genug die stärkste in Deutschland sein sollte.

Stimmungsgemäß aber waren dieser Literatur im anderen Heerlager, dem der »Gebildeten«, schon bei ihrem ersten Auftreten die Wege derart gebahnt, daß sie nur die Tür aufzustoßen brauchte, um ihre Herrschaftsfahrt anzutreten. In eben diesen fünfziger Jahren hatte die Schopenhauersche Philosophie begonnen, recht eigentlich volkstümlich zu werden. Sie schuf eine Atmosphäre des Pessimismus und der Lebensverneinung, die nur allzugut mit der politischen Resignation der fünfziger und sechziger Jahre in Einklang stand. Sie machte den lieben Gott überflüssig. Nicht eben lange zuvor hatte sich der Uebergang der Jung-Hegelianer zum Materialismus vollzogen. Im Jahre 1841 war Ludwig Feuerbachs überragendes Werk »Das Wesen des Christentums« erschienen.

 

Die Religion ist selbstverständlich, oder sie ist nicht. In dieser ganzen Periode hat die Religion an Selbstverständlichkeit eingebüßt.

Die Religion ist in dieser Zeit eine volkstümliche Verbindung mit dem ästhetischen Empfinden eingegangen. Das hatte sich bisher nicht, oder doch nicht in solchem Maße, geltend gemacht. Das junge Mädchen trug das Kreuz um den Hals, der Geistliche das goldene Kreuz an der Uhrkette. Das war Mode, und die Mode erniedrigte die Religion zum Schmuck. Ein paar Jahrzehnte später, als sich das Berliner Mietshaus als Renaissancepalast aufgetan hatte, schuf man sich stimmungsvolle Ecken und Nischen: mit der holzgeschnitzten Madonna (aus Gips), der Ampel (die aber nicht brannte), dem eichenen Betpult (aus Kiefernholz), der Bibel in Folio (eine Attrappe, die Nähzeug, wenn nicht schlimmeres barg). Solche Nische aber war mehr als nur Nische, von ihr ging süßlicher Weihrauch aus durch den gesamten Lebensraum und die Empfindung der Religion gegenüber: wie hold, wie rührend, wie altväterlich.

Einmal in solche Verbindung mit der Religion gebracht, wandte sich das ästhetische Empfinden aber auch gegen das Christentum. Storm schrieb sein Gedicht »Crucifixus«, Klage und Anklage: einst habe die jungfräulich reine Natur das Schreckensbild auf Golgatha unter neuem Leben begraben; die sich des Nazareners Jünger nannten, hättens in Erz und Stein wiedergeformt; es in die Kirchen und in die Landschaft gestellt, »jedem reinen Aug' ein Schauder«; »ein Bild der Unversöhnlichkeit«. David Friedrich Strauß sekundierte (1872) in seiner Prosa. Und in Nietzsches »Fröhlicher Wissenschaft« (1881) heißt es, der christliche Entschluß, die Welt häßlich und schlecht zu finden, habe die Welt häßlich und schlecht gemacht. Auf das »Häßlich« kommt es Nietzsche dabei an. Die Folgerung lautet: »Jetzt entscheidet unser Geschmack gegen das Christentum, nicht mehr unsere Gründe.«

Es ist die Zeit, in der das erwachte soziale Empfinden aufbegehrt und gleichfalls die Religion durchsetzt. Das ließe sich rechtfertigen; man könnte es als zeitgemäß bezeichnen. Aber diese Durchdringung der Religion mit sozialen Bestrebungen bedeutete – zum mindesten auf protestantischem Boden – eine Verquickung des Christentums mit der Politik. Und das ist zum Unheil gediehen. Auch zu einem Konkurrenzunternehmen gegen die Sozialdemokratie hat man das Christentum erniedrigt.

Es ist aber Religion das Du der Seele zu ihrem Gott.

Einmal in Verbindung mit der Religion gesetzt, mußte sich das soziale Empfinden auch gegen die Religion wenden! Wer war denn der Vater im Himmel, der auf diese Welt der Ungerechtigkeiten hinabblickte? Konnte der Allgütige es mit ansehn, wie sie gegeneinander wüteten, Tier gegen Tier, Menschen gegen Tiere, Menschen gegen Menschen? Mußte sein Vaterherz nicht darüber brechen? Das ist Friedrich Theodor Vischers Gedicht »Tragische Geschichte von einer Zigarrenschachtel«, und der Passus hebt an: »Wir haben keinen / Lieben Vater im Himmel.« Das ist derselbe Gedankengang, der in Vischers »Auch Einer« wiederkehrt, und hier angesichts der Grausamkeiten des Naturvorgangs zu dem Hohn aufflammt: »Und da soll man singen: Wie groß ist des Allmächt'gen Güte!?« Es ist, als hätte sich in dieser Zeit die unübersehbare Fülle vieler Fluten zusammengefunden, dem breiten Rinnsal des Materialismus und des Atheismus Strom zu geben. Diese bewußt, zum Teil fanatisch gegen das Christentum gerichtete Literatur als solche aber erwuchs in gleicher Weise aus den beiden Wurzeln aller Geisteswissenschaft, der Mystik sowohl wie dem Rationalismus.

Nur eben mit dem Unterschied: der Mystiker besteht, die Rationalisten vergehen.

 

Aus mystischem Geiste die große Tat: »Das Wesen des Christentums« von Ludwig Feuerbach.

Was ist Atheismus? Ludwig Feuerbach antwortet: »Ein wahrer Atheist, das ist ein Atheist im gewöhnlichen Sinne, ist nur der, welchem die Prädikate des göttlichen Wesens wie z. B. die Liebe, die Weisheit, die Gerechtigkeit nichts sind, aber nicht der, welchem nur das Subjekt dieser Prädikate nichts ist.« Aus solcher Ueberzeugung ist das Werk geschaffen. Ein inbrünstig Religiöser hat hier Bekenntnis abgelegt gegen die Religion. Nicht unmöglich, und Ludwig Feuerbach wäre in anders gerichteten Zeitläuften ein christlicher Reformator geworden.

Ein Mystiker durchaus. Gelegentlich spottet er rationalistischen Denkens, aber das ist gewiß nicht das Wesentliche. Wohl aber: aus dieser gegen das Christentum gerichteten Streitschrift geht das Urchristentum in neuem, bis dahin kaum geahntem Glanz hervor. Die Mystik des Katholizismus findet Rechtfertigung vor protestantischer Vernünftigkeit. Dieser Freigeist scheut nicht davor zurück, Intoleranz als notwendige Wesensäußerung der Gläubigkeit anzuerkennen. Dieser Atheist gesteht es zu, daß der Gläubige der Ueberzeugung leben müsse, Gott durch sein Gebet bestimmen zu können. Und das eben ist Ludwig Feuerbach in seinem Tiefsten: einer, der als den wahren Ausdruck der christlichen Mystik das Wort des Sebastian Frank erkennt: »Gott ist ein unaussprechlicher Seufzer, im Grund der Seelen gelegen«, und sich dazu bekennt.

»Gott ist der Spiegel des Menschen.« Nur eben in dem Sinne, daß der Mensch alles, was er sich wünscht und was ihm fehlt, in diesen Spiegel reflektiert. Ein Spiegel also, der nicht das Abbild, sondern das Wunschbild zeigt.

Aus dieser Grundanschauung erwächst das Werk. Es scheint Gott zu gelten, und gilt dem Menschen. Die Philosophie verläßt die metaphysischen Gefilde und wird wesenhaft psychologisch.

Feuerbach, der Mystiker, der Psychologe. Kraft dieser Eigenart tritt das Werk über den Rahmen des Themas hinaus und in den Brennpunkt nicht nur der Geisteswissenschaft, auch der Kunst der Epoche. Feuerbach bereitet auch Nietzsche, auch Ibsen den Weg. In Feinheit der Analyse, in Tiefe der Deutung ein Unübertroffener.

Das ist das Wesen der Religion nach Feuerbach: was Prädikat ist, setzt sie als Subjekt. Der Mensch leidet, darum bedarf er eines leidenden Gottes, und schafft ihn sich; denn der Mensch schafft sich Gott nach seinem Bilde. Die Prädikate Gottes sind deshalb Anthropomorphismen. Jeder Fortschritt der Religion bedeutet einen Fortschritt in Selbsterkenntnis. Und hier nun setzt diese Psychologie in ihrer lichten Helle ein. Das Gefühl ist die innigste Kraft des Menschen, – das Gefühl ist Gott. Er ist das Jawort des menschlichen Gemüts. Gott als Extrem des Menschen gedacht, spiegelt das vergegenständlichte Wesen des Verstandes. Das Selbstbewußtsein des Menschen wird zum Bewußtsein Gottes, Gott hat demzufolge sein Bewußtsein im Menschen und der Mensch sein Wesen in Gott. Nun aber war der Spiegel ja derart beschaffen, daß er in Gott zeigte, was dem Menschen fehlt. Um Gott zu bereichern, muß demgemäß der Mensch arm werden, denn nur der arme Mensch hat einen reichen Gott. Heißt es, die Welt sei aus Nichts geschaffen, so bedeutet das die Nichtigkeit der Welt. Religion wird zu einem Urteil, alles bewußt Verneinte wird unbewußt in Gott gesetzt. Was als Zwiespalt zwischen Gott und dem Menschen empfunden wird, ist in Wahrheit Zwiespalt in der eigenen Seele. Der Glaube an Vorsehung ist Glaube an den eigenen Wert. Die Macht der Wunder ist die Macht der Einbildungskraft.

Ein sehr Christlicher, der der eigenen Empfindung den Glauben versagte, um sie über die Sphäre des Nur-Geglaubten zu erheben. Wie später bei Nietzsche, nur aus andersgeartetem moralischen Bewußtsein heraus, ergeht bei Feuerbach der Ruf nach dem göttlichen Menschen.

Was ist hier Atheismus? Die (in der Ueberlieferung tote) Religion ist nichts, das Suchen nach Religion ist alles.

Man sollte bei Feuerbach auch nicht sowohl von Materialismus als vielmehr von Naturalismus reden. Bedient er sich (sehr mit Vorsicht) in seiner Jugendschrift über die »Unsterblichkeit« des Satzes: »Der Mensch ist, was er ißt«, so erfordert auch dies naturhafte Deutung. Es lebt bei ihm etwas von der Rousseauschen Sehnsucht auf: »Nur durch die Verbindung des Menschen mit der Natur können wir den supranaturalistischen Egoismus des Christentums überwinden.«

Feuerbach, der Intransigente, erkennt eine Gefährdung der Moral durch den Glauben. Der Glaube mache zu einer Tugend, was an sich noch nicht Tugend sei. Eine durch den Glauben beschränkte Liebe sei eine unwahre Liebe, das Christentum sanktioniere zugleich die Handlungen, die aus der Liebe, aber auch die Handlungen, die aus dem Glauben ohne Liebe kommen. »Die christliche Liebe hat nicht die Hölle überwunden, weil sie nicht den Glauben überwunden hat.«

Man sieht, ganz wesentlich ist Feuerbachs Schrift eine Rechtfertigung des Christentums unter Aufhebung aller Dogmatik. Statt des Glaubens an einen Gott im Himmel, die Gewißheit des Gottes in der eigenen Brust. Mittler: der leidende Mensch.

Das aber war es nicht, was die Zeitgenossen in Feuerbach fanden. Sondern nur eben: den Rechtfertiger der Ungläubigkeit, den Vorkämpfer des Atheismus.

In viel tieferem Sinne als ein Vollender Schopenhauers ist Nietzsche ein Vollender Feuerbachs geworden. Auch er die religiöse Natur. Auch er ein Verneiner aus ungestillter Herzenssehnsucht. Auch er einer, der die Metaphysik – sehr aus dem Gebot der Zeit – in Psychologie gewandelt hat. Und so, aus Feuerbachschem Geist heraus, zugleich Dichter und Denker, schuf er den Mythos des gottlosen Menschen, des Gott-Menschen.

 

In gewissem Sinn ist Marx der Gegenpol zu Feuerbach. Alle Psychologie scheidet er bewußt aus seinem Werk aus. Nicht nur Arbeitgeber und Arbeitnehmer, auch die Produktion, an der das Naturgeschehen nun kaum noch Anteil hat, auch das gesamte Wirtschaftsleben werden bei ihm zu starren Begriffen. Begriffe, mit denen sich rechnen und beweisen, an denen sich exemplifizieren läßt. Begriffe, die in Schlachtordnung antreten und für den Kampf des vierten Standes entscheidend werden –: »Das Kapital« von Karl Marx (Erster Band, 1867).

Rein materialistisch die Geschichtsauffassung. Ist man geneigt, heut wieder zu sagen, daß es die Idee und ihr Quell, der Geist, sei, der die großen Menschheitsevolutionen ruft und durchführt, so ist in dieser Welt des Karl Marx dem Geist wenig Kraft geblieben. Er ist als unabwägbarer Faktor ausgeschieden. Statt seines Einwirkens ein Mechanismus, der mit maschineller Exaktheit seine Arbeit verrichtet.

Und doch ist auch ein Mystisches in dem Werk des Karl Marx. Von der Mystik der Begriffe muß man bei ihm reden. Durch diese nie zugestandene, immer gegenwärtige mystische Kraft werden die Begriffe befähigt, Dogmen zu bilden. »Das Kapital« von Karl Marx ist durchaus dogmatisches Werk. Weil es das ist, und weil es tief innerlich mystischen Ursprungs, gewann es die Macht über die Gemüter. Den Psychologen Feuerbach verstanden die wenigen; zu dem Begriffsdogmatiker Marx bekannten sich die vielen.

Wie immer es um das Verständnis bestellt sein mag; wie viel Gemeinsames in beiden Denkern dem Gegensätzlichen sich gesellt; dahin wirkten Marx wie Feuerbach: sie trieben die Woge des Materialismus hoch.

Kein Jenseits mehr, nur noch ein Diesseits; und der Mechanismus, der die wenigen bereichert, beraubt die vielen.

 

Der praktischen Einstellung der Zeit gemäß berührte den Bürger mehr als alle metaphysischen Probleme die Unsterblichkeitsfrage. Sie wurde von der Gesamtheit dieser Literatur mit Entschiedenheit, man könnte beinahe sagen, mit Schadenfreude verneint.

Für Ernst Haeckel ist auf den Brief »Zeugung« »Sterblichkeit« das Siegel. Er versteigt sich zu dem nicht eben angemessenen Spaß, daß, wenn die Seele etwa ein gasförmiger Körper sein sollte, man sie unter hohem Druck und niederer Temperatur in flüssigen Zustand müßte überführen können, um die »unsterbliche Flüssigkeit« alsdann in einer Glasflasche aufzubewahren.

Preisgabe der Unsterblichkeitshoffnung wird Ludwig Feuerbach zu neuem Lebensimpuls, zu moralischem Stachel. Das neue Gebot lautet: die hier auf Erden gegebene Frist mit aller Geisteskraft ausnutzen! Hast du ein Recht, nach dir zu fragen? Unsterblich ist die Menschheit. Letzte Tröstung: dies sei dir Lebensaufgabe, in Frieden mit dem Tode sterben.

Die ewige Wiederkunft bei Nietzsche. Die Welt der Kräfte erleidet keinen Stillstand, der Augenblick muß wiederkehren, weil er da war. Im Kreislauf der Welt glänzt dir dein Leben immer wieder auf. Auch hier die Mystik des Atheismus: »Du fühlst, daß du Abschied nehmen mußt, bald vielleicht – und die Abendröte dieses Gefühls leuchtet in dein Glück hinein. Achte auf dieses Zeugnis: es bedeutet, daß du das Leben und dich selber liebst, und zwar das Leben, so wie es bisher dich getroffen und dich gestaltet hat, – und daß du nach Verewigung desselben trachtest. – Non alia sed haec vita sempiterna! (Kein anderes, sondern dies Leben ist ewig.)«

 

Bestand bei den Werken von Feuerbach und Nietzsche die Gefahr des Nichtverstandenwerdens, so hieß die Gefahr bei den Schriften der aus dem Rationalismus geborenen materialistisch-atheistischen Literatur geradezu: Verstandenwerden. Und, leider, sie war allzu leicht verständlich; diese Bücher waren es für den Halbgebildeten zumeist.

Aus diesem Chor sind die Stimmen der David Friedrich Strauß und Ernst Haeckel am weitesten gedrungen. David Friedrich Strauß mit seinem »Der alte und der neue Glaube« (1872/74), Ernst Haeckel mit »Die Welträtsel« (1899).

Noch findet sich bei Strauß ein letzter Nachklang der Schleiermacherschen Intuition. Er kennt und anerkennt die Pietät für das Universum. Das aber faßt er alsbald theologisch moralisierend auf. Es wird ihm zu einer »Werkstätte des Vernünftigen und Guten«.

Strauß leugnet den persönlichen Gott, er leugnet die Unsterblichkeit. Gegen das Christentum macht er den ästhetischen Standpunkt des »unschönen Kreuzes« geltend. Er ist durchaus Materialist. In seinem Buch findet sich der bejammernswerte Satz: »Wenn unter gewissen Bedingungen Bewegung sich in Wärme verwandelt, warum sollte es nicht auch Bedingungen geben, unter denen sie sich in Empfindung verwandelt?«

Rationalist durchaus. Religion als solche bedeutet ihm einen Kindheitszustand der Menschheit, die nachher ihre eigene Weiterbildung der Verstandestätigkeit anvertraue. Dem entspricht seine Geschichtsauffassung. Der Person Jesu gegenüber: »Wer einmal vergöttert worden ist, der hat seine Menschheit unwiederbringlich eingebüßt.« Dem Menschensohn sagt das der Gottgelehrte. Aber seinem Rationalismus verdankt Strauß auch seine Wirkung, seine Volkstümlichkeit. Sein Stil fließt klar. Er hat den Beweis ad hominem parat. Gelegentlich schreibt er: »Darwins Kampf um das Dasein ist nichts anderes, als dasjenige zum Naturprinzip erweitert, was wir als soziales, industrielles Prinzip schon lange kennen.« Dieser Popularisator des zeitgemäßen Rationalismus macht Gott somit zum Kapitalisten.

Darwin gegenüber hat Strauß jedwede Kritik eingebüßt, und das bedeutet doch auch zugleich, jedwedes Verständnis. Für diesen Rationalisten hat Darwin das Wunder aus der Welt geschafft. Die (von Darwin bekanntlich nie behauptete) Abstammung des Menschen vom Affen bedeutet ihm einen Ruhmestitel der Menschheit: beweise sie doch, wie sehr sich die Menschheit heraufgearbeitet habe. Er setzt sie in Widerspruch und Parallele zu der Menschwerdung Gottes. Der Entwicklungsgang der Natur? Die wilde, ungestüme soll in der Menschheit ihr placidum caput finden, zur Ruhe kommen.

Strauß ist durchaus Kind seiner Zeit, dieser Epoche der militärischen Erfolge. Als höchste Tugenden rühmt er Tapferkeit und Gerechtigkeit. Der Jesus, der am Kreuz »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?« gerufen, erscheint ihm, als menschlicher Held gewertet, »mehr als bedenklich«.

Der neue Glaube? Ueber der Natur waltet das große Gesetz des Fortschritts. Was man wahrnimmt und erfährt, ist kein wildes Chaos von Atomen und Zufällen, sondern geht nach ewigen Gesetzen aus dem einen Urquell alles Lebens, aller Vernunft und alles Guten hervor; solche Ueberzeugung sei Inbegriff der Religion.

Dieser Noah hat aus den Stürmen der Zeit in seine Arche nichts als sein Bürgertum gerettet.

Für Ernst Haeckel bedeutet das Christentum – welch eine geschichtliche Auffassung! – die kulturfeindliche Macht. Er gedenkt der Sage vom Ewigen Juden und erblickt in dem Gedanken an die Unsterblichkeit eine furchtbare Drohung. Die Forderung einer Verantwortlichkeit des Menschen lehnt er ab: »Hat doch dieser liebende Allvater selbst die Bedingungen der Vererbung und Anpassung ›geschaffen‹, unter denen sich einerseits die bevorzugten Glücklichen notwendig zu straflosen Seligen, andererseits die unglücklichen Armen und Elenden ebenso notwendig zu strafwürdigen Verdammten entwickeln mußten.« Das Seelenleben ist nichts als das Resultat der psychischen Funktionen der den Leib zusammensetzenden Zellen.

Und wenn dem so wäre, wie wäre das Rätsel damit enträtselt?

Für Haeckel, den Denker, ist es kennzeichnend: er setzt an Stelle der religiösen die naturwissenschaftlichen Formeln und ist überzeugt, mit solcher Umbenennung die Begriffe gewandelt zu haben. Er verfährt zugleich nicht viel anders als der frühchristliche Gnostiker, der über dem Gott, der die Welt mit all ihren Gebrechen erschaffen, einen höheren, an der Schöpfung unbeteiligten Gott statuierte und damit meinte, die Widersprüche beseitigt zu haben: Haeckel schiebt die Schöpfungswunder Sprosse für Sprosse zurück, um schließlich vor dem Wunder der Substanz ratloser zu stehen. »Ja, wir müssen sogar eingestehen, daß uns dies eigentliche Wesen der Substanz immer wunderbarer und rätselhafter wird, je tiefer wir in die Erkenntnis ihrer Attribute, der Materie und Energie, eindringen.« Warum dann nicht schon das Seelenwunder eingestehen?

Und was will es demgegenüber besagen, wenn Haeckel in dem Mechanismus die alleinige Erklärungsmöglichkeit der Naturvorgänge sieht, alle Bewegungserscheinungen lediglich aus den eigentümlichen chemisch-physikalischen Eigenschaften des Kohlenstoffs herleitet und die Urzeugung auf die erste Entstehung von lebendem Plasma aus anorganischen Kohlenstoffverbindungen beschränkt? Ist es nicht immer wieder das gleiche Sprossen- und Leiterverfahren?

Mit Strauß steht Haeckel in vollem Einklang, er rühmt ihn. Er statuiert, auch darin dem begrifflosen Wort verfallen, für die moderne Menschheit die Trinität des »Wahren, Guten und Schönen«. Dem Christentum gegenüber fordert er nicht Revolution sondern »vernünftige« Reformation. (Feuerbach war schon die lutherische Reformation viel zu »vernünftig« gewesen.) Er will der »Göttin der Wahrheit« das Heiligtum im »Tempel der Natur« errichten.

Man hat heut all dem gegenüber die Empfindung, als bedürfte es kaum des Rufs nach Jesus, als genügte bereits der nach Pilatus.

Aber die Einwirkung dieser Literatur war unabsehbar.

Feuerbach und Nietzsche: Arbeiterseelen. Diese Strauß und Haeckel und ihre Gefolgschaft: die Bourgeois der Philosophie.

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