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Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918)

Ernst Heilborn: Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918) - Kapitel 12
Quellenangabe
authorErnst Heilborn
titleDer Geist der Bismarckzeit (1848-1918)
publisherOtto Elsner Verlagsges. m.b.H.
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid9ac9da80
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Frauentypen

Zur Repräsentation aufgerufen, schafft sich das Bürgertum ein neues Frauenideal, – so sollte man meinen. Aber man irrt. Vergebens durchforscht man die Literatur der Epoche: keine Frauengestalt, lebendig genug, die Blicke sehr vieler auf sich, die Eine, zu lenken; keine in jenem Maße körperhafte Seele, daß eine ganze Generation in ihr das Wunschbild hätte erkennen können. Statt dessen Frauentypen, die denn freilich verräterisch werden, just wo sie schweigen möchten.

Frauentypen, die fast ausnahmelos zwei Züge gemeinsam haben: sie sind sehr wirtschaftlich, und sie kommen in ihrer Weise den Repräsentationspflichten nach. Dazu ein ausgesprochen neuer Zug, der aber schon bei vorangegangenen Betrachtungen als neu auffallen mußte. Es ist nunmehr die Frau, die die Initiative ergreift. Auf dem Schachbrett des bürgerlichen Lebens hat sie nicht allemal den ersten, gewiß aber immer den letzten Zug. Vollends im Spiel der Liebe: in ihrer Gretchentasche führt die Bürgerstochter die zierliche Schere, die den jeweiligen gordischen Knoten – er ist ohnedies aus Zwirn – zerschneidet.

Jedoch: daß man die Initiative in dieser Zeit bei den Frauen sucht, – sagt das im Grunde nicht mehr über den Mann als über die Frauen aus?

 

Gustav Freytags Sabine aus »Soll und Haben«. Sie steht vor ihrem Wäscheschrank, der ihr Stolz und in gewisser Weise ihre »Poesie« ist. Sehr traurig ist sie, auf die Servietten blickend, die der böse Herr von Fink mit mörderischer Gabel durchstochen hat. Es ist ihr ein Opfer, aber eins, das gerade die Oekonomie empfiehlt, ihm eine ganze Garnitur, die ohnedies ein paar Servietten eingebüßt hat, an die Gabel zu liefern. Sie wird wieder vor diesem Wäscheschrank stehen, um zärtlich bewillkommnende Gardinen, diesmal für ihren Schützling, den Anton Wohlfahrt, auszusuchen ...

Kein Geringes: in diesem Wäscheschrank hat Freytag der bürgerlichen Haustochter das Symbol geschaffen, ein einziges Symbol in dieser symbolarmen Zeit.

Auf die Pflichten der Repräsentation versteht sich Sabine. Der Kreis, den es gilt, ist eng, er umschließt nur und ausschließlich die Geschäftsangestellten. In diesem Kreis aber ist sie Mittelpunkt. In diesem Kreis gehn Radien sehr sauberer Zärtlichkeit an jeden Punkt der Peripherie. Und wenn Sabine sich mit ihren Herren in den Garten draußen vor der Stadt begibt, dann ist Gefolgschaft in einem neuen Sinn um sie; keine Gefolgschaft mit höfischer Schleppenträgerei; gutbürgerliche, fußfreie Gefolgschaft.

Sabine hat auch die ausgesprochen bürgerliche Bewußtheit. Sie empfindet die Kluft zwischen ihrer Sphäre und der des Adels, aber ihr Stolz hat alsbald das Wort parat: »Ich bin ein Bürgerkind.« Ein bißchen sich imponieren lassen, ja; aber die Blicke steif geradeaus gerichtet; an »Hinaufblicken« nicht zu denken.

Wer diese Sabine in ihrem Wesen zu tiefst ist? Eine Schwesterliche. Es ist kein Zufall, vielmehr Ausfluß ihrer seelischen Veranlagung, daß sie, die Vater und Mutter früh verlor, sich selber recht eigentlich in ihrem Bruder findet. Dieser Bruder bedeutet für sie die Welt. Mehr als das: die Firma. In dem Augenblick in dem Sabine ihre Liebe zu Anton ins Bewußtsein tritt, bittet sie den Bruder, ihn auf die gefährliche Reise mitzunehmen. Das ist gleichsam der Orden, den sie dem Erkorenen verleiht: er darf dem Bruder zum Schutz sein. Und um ihn, dem sie doch ganz anzugehören hofft, zittert sie nicht? Diese Schwesterseele, diese sehr Zärtliche ist ohne alle Leidenschaft.

Darin nun mindestens verkörpert Sabine das bürgerliche Ideal, daß sie ohne alle Leidenschaft ist. Nicht nur die Sinnlichkeit wird verpönt; beargwöhnt wird nicht minder ein Zuviel an seelischem Empfinden. Die Wohltemperierte wird geschätzt. Das Alt-Jüngferliche, in dieser Zeit oft genug der Lächerlichkeit preisgegeben, trägt zugleich seine eigene Gloriole. Es ist dieselbe Zeit, in der sich Wilbrandt (»Die Maler«) sein »sächliches Wesen« träumt, dieselbe, in der Fontane (vor 1850) sein seltsames Gedicht »Und alles ohne Liebe« schreibt. Hier feiert er das Mädchen, das dem ungeliebten Mann an den Altar folgt; ihm Kinder bringt; seine Mißhandlungen erträgt; ihn sorgsamlich bewirtschaftet; – in der sonderbaren Gefühlseinschätzung, daß das »Ohne Liebe« ein Mehr an aufopferungsfähiger Herzenskraft bedeute. Sabine darf zärtlich, darf schwesterlich sein; mehr nicht. Ihr wird es liebe Pflicht sein, ihrem Mann wirtschaftliche Gefährtin und Mutter seiner Kinder zu sein. In Wahrheit steht man hier vor der entscheidenden seelischen Begriffsbestimmung. Bleibt nur die Frage: war es das Bürgertum, das derart Leidenschaft aus seinen Bezirken verwies, oder war es die Zeit selbst, die – so bürgerlich empfand?

Es kommt der Augenblick, da Anton Wohlfahrt in das Geheimbuch der Firma T. O. Schröter Einblick nehmen darf. Sabine schlägt es vor ihm auf. Ihr bleibt die Initiative. Daß sie es tut, heißt: Verlobung. Von der ehrwürdigen Geschäftsfirma erhält die Liebe, die doch in stiller schwesterlicher Zärtlichkeit gewiß vorhanden ist, recht eigentlich die Weihe. Man könnte mit nur gelinder Uebertreibung diese sehr bürgerliche Periode dahin charakterisieren: Die Ziviltrauung heiligt die kirchliche.

 

Nur daß dies Bürgertum sich selbst nicht treu bleibt. Arbeit ist ihm auch fürderhin das Ausschlaggebende, nur wechselt Arbeit selber ihren Namen. Sie wird auf Geldverdienen, auf Vielgeldverdienen getauft. Wie am Eingang der Epoche Freytags Sabine steht, so an deren Ausgang Fontanes Frau Jenny Treibel. Auf das Versprechen, das Sabine in sich barg, ist Frau Jenny Treibel die Antwort. Die Antwort der Zeit auf die Entwicklung, die das Bürgertum genommen.

Zu wissen, wie Frau Jenny Treibel aussieht, muß man auf das Bologneserhündchen blicken, daß bei ihr in der Kutsche sitzt. Der Wert dieser Bologneserhündchen beruht nicht sowohl auf dem reizvollen Anblick, den sie bieten, nicht nur auf den guten und gefälligen Eigenschaften, die sie auszeichnen mögen, sondern vor allem darauf, daß man weiß, daß sie sehr kostbar sind. So steht's um die Repräsentation, die von Frau Jenny Treibel ausgeht: gleichviel, ob sie lächerlich wirkt oder imponiert; genug, sie ist kostspielig. Das Geld, das Frau Jenny Treibel für sich, ihre Kleider, ihre Diners, ihre Umgebung ausgibt, bestimmt ihren, Jenny Treibels, gesellschaftlichen Wert. Aus der bürgerlichen Frau ist die Bourgeoise geworden.

Frau Jenny Treibel ist eine geborene Bürstenbinder und entstammt einem Gemüsekeller in dem alten Zentrum Berlins. Es kann aber keine Montmorency über die Abstufungen und Ansprüche adliger Geschlechter besser Bescheid wissen, als sie um die Kreise ihrer engen (immerhin bis Hamburg reichenden) bürgerlichen Welt. Was diese Wertschätzung innerhalb des Bürgertums bestimmt? Einzig und allein das Geld.

Eine kluge Frau, diese Jenny Treibel. Mehr als nur die Initiative ruht bei ihr. War aber Sabine geheimer Mitinhaber, ja Seele der Firma, so nimmt Jenny Treibel an dem Geschäft ihres Mannes nicht den geringsten Anteil. Sie wertet es nur als Gelderwerbsmaschine. Und – wertet es damit richtig. Denn auch das lag in der Zeitentwicklung beschlossen: das Geschäft als solches hört mehr und mehr auf, lebendiger Organismus, seelischer Faktor zu sein. Es dient seinem Zweck und hat ihn zu erfüllen, und der heißt Gewinn.

Es ist Arbeitsteilung eingetreten, dem Mann obliegt das Geldverdienen, der Frau die Repräsentation. Darin ist Jenny Treibel Meisterin. Hier nutzt sie ihre Klugheit. Kraft genauer Kenntnis der Charaktere beherrscht sie (ohne daß sie es nötig hätte, zu widersprechen) ihren Mann, ihren Sohn. Und führt den Jungen der Heirat zu, die diesen bürgerlichen Anschauungen von Repräsentation – Geld gibt den Ausschlag! – entspricht.

Weil Geld in diesen bürgerlichen Sphären nunmehr der absolute Monarch ist, führt Frau Jenny Treibel das Wort von der Wertlosigkeit des Geldes ständig im Munde. Sie schwärmt für Genügsamkeit. Sie erglüht für Herzensrechte. Sie tritt an den Flügel und singt. Die Verse des jungen Studenten, der sie, als sie noch Backfisch war, andichtete, sind ihr Heiligtum. Aber sie hat diese Blätter inzwischen in grünes Maroquin binden lassen. Der Jugendliebhaber von einst sagt selbst von ihr: »Das Sentimentale liebte sie schon damals, aber doch immer unter Bevorzugung von Courmachen und Schlagsahne.«

Ist sie eine Schauspielerin? Das Wort ist zu hart und zu schwach. Zu hart, weil sie sich ihrer Lüge nicht bewußt ist. Sie glaubt sich selber, wenn sie schwärmt. Zu schwach, weil hier mehr ist als Verstellung-üben. Sentimentalität ist unauswechselbares Kleid dieser Seele. Man würde mit dem Kleid die Seele töten.

Dennoch ist unverkennbar: Sabine war eine tief Wahre, Jenny Treibel ist eine nicht minder tief Heuchlerische. Dies also wäre der Weg, und die bürgerliche Frau geht ihn.

 

Bei allem, gleichviel ob absichtlichem, ob unbewußtem Fernhalten jedweder Leidenschaft: es vollzieht sich in dieser Zeit eine Wandlung der sittlichen Anschauungen. Zeugin wird wieder eine Fontane-Gestalt, Melanie van der Straaten, L'Adultera.

Sie ist die Feinnervige, irgendeinem herabgekommenen Adelsgeschlecht entsprossen, die den derben, dabei gutgearteten Bürger in ihrem Mann nicht erträgt, die Ehe bricht, den neuen und genehmen Lebenspartner in einem jungen Großkaufmann und Leutnant der Reserve, nicht eben unjüdischer Herkunft, findet. Also, trotz adliger Abstammung, Verkörperin einer neuen bürgerlichen Kultur, in die auch das Judentum, wenn auch nur sorgfältig getauftes, als Faktor eintritt. Melanie führt ihren Haushalt und repräsentiert, in einer Art, die sich auch in London sehen lassen könnte. Sie ist aber auch fähig, wenn sie dazu gezwungen sein wird, sich sehr einzuschränken, ihr Geld durch Arbeit selbst zu verdienen.

Sie steht zwischen Sabine und Frau Jenny Treibel, Sabine näher. Sabine sehr nahe, denn sie ist – nicht trotzdem, sondern weil sie die Ehe bricht – wahrhaftig. So wahrhaftig, daß sie sich von ihrem nichtsahnenden, dann Verzeihen impulsiv anbietenden Mann trennen muß, nun sie das Kind des andern unter dem Herzen trägt. Trotzdem: auch in dieser sehr Wahrhaftigen ein Anflug von Schauspielertum, oder wenigstens die Nötigung dazu aus der bürgerlichen Atmosphäre heraus. Sie sagt es gelegentlich selbst: »Aber freilich, es gibt keine Lebenslagen, in denen man aus der Selbsttäuschung und dem Komödienspiele herauskäme.«

Die Wandlung in der Anschauung der sittlichen Norm? Sie bekennt, nur ein ganz äußerliches Schuldbewußtsein zu haben, sie geht ohne Abschied zu nehmen von ihren Kindern, weil es ihr widerstrebt, »Unheiliges und Heiliges durcheinander zu werfen«. Sie will keine »sentimentale Verwirrung«. Viel später erst, durch die neuen Lebensumstände in harte Schulung genommen, gelangt sie dazu, innerlich zu erfassen, worauf es ihr selber gebieterisch ankommt. Dann aber weiß sie: Liebe tut es nicht, und Treue auch nicht. Es sei nicht viel, treu zu sein, wo die Sonne scheine. Das, worauf es ankomme, sei: die bewährte Treue. Die findet die Ehebrecherin jenseits des Ehebruchs. –

In der Unvermählten das für diese Zeit ganz neue Bewußtsein: »Frei sind wir, daß wir uns verschenken dürfen.« Das Wort stammt aus Paul Heyses Versnovelle »Der Salamander«, der Sündenbegriff wird ausdrücklich abgewiesen. Die aber, von der und zu der das Wort gesprochen wird, ist eben der Salamander, eine jener Weibnaturen, die »mit eisgen Herzen frieren, Von Flammen übermannt«. Eine Passionnée frigide, denn hier scheint die französische Bezeichnung treffender als jedwedes erdenkbare deutsche Wort. Ein Köpfchen, dem nur die Laune Gesetz ist. Eine derer, die sich preisgeben, ohne sich an den Mann verlieren zu können. Die sich in diesem Schmachten nach letzter, doch eben versagter Selbstaufgabe sehr oft und immer wieder verschenken. Diese nun wird in Berührung mit der bürgerlichen Sphäre, der sie nicht angehört und aus der sie dennoch nicht heraus kann, unrettbar zur Schauspielerin. Heyse schildert sie, nachdem der leichte und doch schmerzende Abschied von dem Geliebten genommen ist, und siehe da! sie flüchtet ihr Salamanderfrätzchen vor den Spiegel, und vor dem Glase hält sie mit sich selber Zwiesprach': »So gefiel ich ihm – und so – so zürnt' ich ihm – so lacht' ich ihm entgegen – so hielt ich ihn zurück, wenn er entfloh – so scheucht' ich ihn, daß er zu keck nicht werde – so, wenn er traurig war, macht' ich ihn froh« – die Schauspielerin auf der Spiegel-Bühne.

Das Schauspielertum wird selbstherrlich, geht mit Skrupellosigkeit die Ehe ein: die Salonschlange tritt in Erscheinung. Die Bezeichnung entstammt Paul Lindaus Schauspiel »Gräfin Lea«, das Wesen der Frau, die getroffen werden soll, besteht darin, in lächelnder Liebenswürdigkeit Bosheiten zu versetzen. Die Schlange unter Rosenblättern, oder unter dem Sofakissen. Eine Amoralische. Sie traut jedweder jede Schlechtigkeit und Niedrigkeit zu und hängt sie ihr an – das letzte aber ist, daß sie für ihr Teil Schlechtigkeiten nicht als schlecht, Niedrigkeiten nicht als niedrig, sondern all das und manches drüber hinaus als selbstverständlich betrachtet.

Diese sehr Bürgerliche und als Bürgerliche für die werdende Zeit Charakteristische heißt in Paul Lindaus Schauspiel Julie Freifrau v. Lersen. Wie das? Selbstverständlich vom Autor ein bewußter Stich, nur daß auch hier das Unbewußte entscheidet. Das Bürgertum, im Begriff, den Adel aus seiner Stellung zu verdrängen und sich auf dessen Stuhl zu setzen, projiziert auf ihn die Eigenschaften, die es an sich selbst verabscheut und die ihm zugleich irgendwie imponieren. Es gibt auch ein unbewußtes Schauspielertum.

 

Es gibt ein unbewußtes Schauspielertum, und aus ihm heraus ersteht ein sehr interessanter neuer bürgerlicher Typ: die Naturschauspielerin. Sie schauspielert vornehmlich – und das entspricht der geheimen Wunschsphäre der Zeit – einen verlorengegangenen Zustand. Derart sind Otto Ludwigs Heitherethei und Paul Heyses L'Arrabiata. Denn was ist es anderes als Naturschauspielerei, wenn die Heitherethei, diese Schubkarrengewaltige, den Mann, den sie in ihrem Herzen längst liebt, mit ihrem schweren Karren – keiner außer ihr kann ihn heben! – beinahe zu Tode fährt, wenn eine L'Arrabiata, in Notwehr gegen ihr eigenes Gefühl, den heimlich längst Erkorenen gefährlich beißt. Bei diesen Frauen ist nicht nur die Initiative, ihr eigenes Wollen muß darüber hinaus vorerst hinter verriegelten Türen schlafen. Und wer hätte die Kraft, den Riegel zurückzuschieben, wenn nicht sie selber? In solchen Gestalten träumt sich die Zeit ihr bürgerliches Brünhildentum. Die Richard-Wagner-Saite klingt mit. Cuivre-poli-Figuren auf dem Renaissance-Wandbrett.

Man lese Theodor Storms Gedicht »Das Mädchen mit den hellen Augen«. Auch hier, sei es lyrisch abgedämpft, sei es von einem Geschmackssicheren gegeben, dies Naturschauspielern.

 

So entsteht nun doch etwas wie ein neues bürgerliches Frauenideal en miniature: Gottfried Kellers Arme Baronin. Daß diese wiederum sehr Bürgerliche, Ueberbürgerliche, als Baronin auf die Welt gekommen ist, um nachher, gezähmt, einem Bürgerlichen in die Ehe zu folgen, entspricht nur den bei der Salonschlange zutage getretenen Gefühls-Hinterhältigkeiten.

Auch die arme Baronin schauspielert Natur, und ihr erstes ist es, dem Mann, der sie schuldlos auf dunkler Treppe gestoßen hat – selbstverständlich ist Er es! – mit dem Messer nach der Ferse zu stechen. Dies Schauspielertum ist hier um so augenfälliger, als diese Frau nun doch eine sehr Zarte, von Leben und Schicksal Mißhandelte ist; um so augenfälliger, als die Novelle in etwas anrüchiger Theatermacherei ihren Abschluß findet: die Männer, die der armen Baronin das böse Schicksal bereiteten, werden bei der Vermählungsfeier der ins bürgerliche Lager Hinübergeretteten als gefesselte Trottel im Hochzeitszug geführt (um sich nachher in Amerika – o Bürgertum! – zu bessern).

Sehr bürgerlich diese arme Baronin. Sie repräsentiert in ihrer Art, und hungert. Sie wird sich als die sehr Wirtschaftliche erweisen, und was ihre Hand berührt, gedeiht.

Aufs Seelische hin aber angesehen? Die ein Brünhildentum schauspielerte, ist in Wirklichkeit schutzbedürftiges Kind.

Wie also steht es nunmehr um das bürgerliche Ideal, dies Ideal en miniature? Noch immer, und nicht gar so anders als damals nach den Freiheitskriegen, sucht der Mann in der Frau die Anlehnungsbedürftige, ganz auf ihn Angewiesene. Die bürgerliche »Eiche« verlangt nach ihrem »Efeu«. Doch muß die Initiative von der Frau ausgehen. Sie muß Widerstand, besser noch, Unberührbarkeit schauspielern. Sie muß die Dame in der Eßstube und die Köchin in der Küche sein. Sie muß das Geld, das sie ausstreut, insgeheim zu ersparen wissen. Die Hausfrau am Renaissance-Buffet. Die Jungfrau hinter der Papiermaché-Hellebarde.

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