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Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918)

Ernst Heilborn: Der Geist der Bismarckzeit (1848-1918) - Kapitel 10
Quellenangabe
authorErnst Heilborn
titleDer Geist der Bismarckzeit (1848-1918)
publisherOtto Elsner Verlagsges. m.b.H.
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Liebe, Ehe, Emanzipation

Liebe

In dieser Zeit wird die Frage: Was ist Liebe? zu einer Pilatusfrage.

Noch zehrt man von Väter- und Großväterideal, noch ist vielen das zage und aufblickende Mädchen der Freiheitskriege Herzensgespielin. Noch bestimmt jungfräuliches Befangensein ein Frauendasein. Aus dem Herzen sehr vieler ruft sich Geibel die Geliebte, und sie schaut nicht gar so anders drein als Chamissos deutsches Mädchen: »Mein Dasein ist ein Warten / Auf Liebe nur und Lenzeszeit.« – »Das höchste Glück, so nah, / Macht, daß ich bebe – / O Liebster, wüßtest du, / Was ich dir gebe.« – »Schlage nicht die feuchten Augen / Bang erglühend niederwärts: / Weine nur, wenn ich dich küsse, / Weine nur, geliebtes Herz!« – »O du mein süßes Leben, / Mein Lieb, mein Kind, mein Weib.« Zum mindesten eine Frauengestalt Richard Wagners, des sehr anders Gearteten, tritt neben diese kindhaft Zärtlichen, in Selbstaufgabe Hinschmelzenden, sehr Keuschen: die Elisabeth im »Tannhäuser«, die ihre Liebe schweigt.

Noch lebt dies Frauenideal in weiten Kreisen des Bürgertums, aber es ist doch bereits, als wäre ihm die Fruchtbarkeit genommen, als führte es gerade in bürgerlicher Sphäre etwas wie ein altjüngferliches Dasein. Zugleich tritt das Bezeichnende ein. Das Ideal flüchtet mehr und mehr aus der bürgerlichen Wohnstube, – um sich in der Dienstbotenkammer Geltung zu verschaffen. Wir besitzen in dem »Roman einer Bergmannstochter« authentische Briefe, die ein Dienstmädchen in dieser Zeit geschrieben hat. Die arme, halbgebildete Schwindsüchtige, die einem frühen Tod entgegenwelkt, erglüht innerlich an solchem magdlichen Vorbild vergangener Zeit.

Das Flußbett ist breit, der Strömungen sind viele, der Nachen treibt dem andern Ufer zu.

In schroffem Gegensatz zu dieser Geibelwelt, doch eben die gleiche Zeit deutend: die Seelenschau Nietzsches. Noch ist auch hier Verständnis dafür, daß die Sehnsucht des inmitten des Kampfes stehenden Mannes nach Friedenspendung durch die Frauen – »stille, zauberhafte Wesen« – verlangt. Schon aber wird die Liebe in Hinblick auf die Geschlechter differenziert gesehen: die Leidenschaft des Weibes in ihrem Verzichtleisten habe zur Voraussetzung, daß kein Verzichtleisten bei dem Manne sei. Die Liebe enthüllt sich zugleich als Drang nach Eigentum. Das Zarathustrawort schilt die Frau gefährliches Spielzeug, um hinzuzufügen, daß der echte Mann eben Gefahr und Spiel suche. Unmittelbare Nähe der Strindberg-Aengste: »In vielen Fällen der weiblichen Liebe, und vielleicht gerade in den berühmtesten, ist Liebe nur ein feinerer Parasitismus, ein Sicheinnisten in eine fremde Seele, mitunter selbst in fremdes Fleisch – ach! wie sehr immer auf ›des Wirtes‹ Unkosten!«

Und jenes berüchtigte Wort von der Peitsche – was birgt sich anderes dahinter als die Angst des Geängstigten? – und war doch noch eben, bei Geibel, die nun Vampyr scheint, die in Tränen und magdlicher Unschuld Erschauernde.

Ein anderes Nietzsche-Wort führt weiter. Der sehr Theaterkundige macht die Beobachtung, daß eine klangvolle Altstimme auf der Bühne die Vorstellung erwecke, daß es Frauen mit hohen, heldischen Seelen gebe, fähig und bereit zur Herrschaft über die Männer. War dem so? Nun wohl; dann war damit einem geheimen Wunsch der Zeit Ausdruck verschafft. Dann zielte die Mode in der Frauenkleidung auf die »Altstimme« hin.

Auf dem Diner, das van der Straaten in Fontanes »L'Adultera« gibt, kommt der Kommerzienrat in Hinblick auf die Sittlichkeitsfrage auf Wagner zu sprechen und nennt den Ritter von Bayreuth einen Behexer. »Oder wollt ihr mir das alles als himmlischen Zauber kredenzen? Ich sage euch, fauler Zauber.« Dabei denkt man daran, in welcher Art Wagner im Weibe die Erlöserin sucht. Daß es ihm selbst Siegfried allein nicht tut: erst mit Brünhilde kann er zum Erlöser werden. Man denkt an das »wunderbar, weltdämonische Weib« (nach Wagners eigener Aussage), die Gralsbotin im Parzival, deren sündige Liebe Heilsträgerin wird – und man ermißt: der Mann flüchtet in die Abhängigkeit von der Frau; aus der Gefährtin ist eine Führerin, aus der jungfräulich Keuschen eine Wissende und Sinnenstarke geworden; in die Beziehung der Geschlechter zueinander spielt eine gesuchte Mystik hinein. Und eben auf diese Mystik kommt es neben der Verschiebung der Stellung der Geschlechter zueinander an. Sie wirkt verführerisch auf die Zeit. Sie weckt seelisches Schauspielertum in der Frau, – gerade weil diese Mystik in sich so unecht ist.

Das war es, was Nietzsche, die Zeit warnend, die Nachzeit vorausahnend, Richard Wagner zum Vorwurf machte: er habe das hysterisch-heroische Weib erfunden und in Musik gesetzt. Von Wagner heraufbeschworen, aber steht dieser Typ nun bald genug auch auf der Wirklichkeitsbühne der Zeit. Und tauft die Gefühle, die er in schwächlicher Männerwelt weckt, auf den Namen: Liebe.

Diese Zeit weiß nicht mehr oder noch nicht, was Liebe ist.

Doch findet man ein bürgerliches Kompromiß. David Friedrich Strauß meint wohlwollend, die Sinnlichkeit sei die Natur im Menschen; er solle sie beherrschen, nicht abtöten. Gottfried Keller tauft das bürgerliche Frauenideal auf: »Ernsthaft, klug, mit dem Gemüt eines Kindes« (also: Führerin und Geführte zugleich).

»In der heutigen deutschen Gesellschaft sucht man vergeblich nach weiblichen Typen, welche in moderner Fassung etwa einer Frau von Stein gleichen«, fuhr der Rembrandtdeutsche dazwischen.

Ehe

War »Liebe« dieser Zeit zu einer Pilatusfrage geworden, so wird »Ehe« zu der Kaiphasantwort »Da siehe du zu!«

Noch sind der Zeit die gläubigen Worte Geibels gesprochen: »Das ist die rechte Ehe, / Wo zweie sind gemeint / Durch alles Glück und Wehe / Zu pilgern treu vereint: / Der eine Stab des andern / und liebe Last zugleich, / Gemeinsam Rast und Wandern / und Ziel das Himmelreich.« Solchen Worten wird nachgelebt, oder doch nachgestrebt. Bismarck schreibt der Braut (1847): »Benutze mich, brauche mich, wozu Du willst, mißhandele mich äußerlich und innerlich, wenn Du Lust hast, ich bin dazu da für Dich, aber »geniere« Dich nie und in keiner Art vor mir, vertraue mir rückhaltlos.« Zur nämlichen Zeit (1846) schreibt Fürst Hohenlohe, die Frau solle der schattige Saumpfad neben der Heerstraße des Lebens sein, was er dahin verstanden wissen will, daß man rüstig auf der Heerstraße vorschreiten müsse, um solchen Glücks nach Verdienst teilhaftig zu werden. Dem Grundsatz entsprechend, stellt er an die Erkorene zunächst die Charakterfrage.

Bismarck rühmt König Wilhelm I. ritterliche Empfindungen nach, die ihn gegenüber seiner Gemahlin, – mystische, die ihn der gekrönten Königin gegenüber bewegten: das hätte Zielsetzung bedeuten können für das Suchen einer Zeit, die nach beiden, nach Ritterlichkeit wie nach Mystik, Verlangen trug und sich um beides betrügen ließ oder selbst betrog.

Es ist die Zeit, in der die Ziviltrauung neben die kirchliche, vielfach an Stelle der kirchlichen, tritt. Derselbe Bismarck, der sie pathetisch verabscheut hatte – er hatte im Hinblick auf sie »das Narrenschiff der Zeit an dem Felsen der christlichen Kirche scheitern« sehn –, führte sie ein (1875). Noch 1871 hatte Lasker gemeint, es sei verfrüht, dies Odium auf sich zu nehmen. 1873 hatte Falk sie für unumgänglich nötig erklärt.

Im Jahre 1875 wurden von hundert in Berlin standesamtlich geschlossenen Ehen nur achtzehn bis neunzehn kirchlich eingesegnet. – Man ermißt, was diese gesetzgeberische Maßnahme im Reich der Seelen war und wirkte.

Die wirtschaftlichen Verhältnisse aber wurden darüber hinaus ausschlagebend. Nachdem er drei Monate lang Fabrikarbeiter gewesen, schrieb Paul Göhre: »Bei den Industriearbeitern ist durch die Wohnungsnot und das Schlafburschenwesen die überlieferte Form der Familie heute schon nicht mehr vorhanden.«

Von sozialdemokratischer Seite setzte denn auch recht eigentlich die Kritik an dem Ehebegriff ein. August Bebel brandmarkt die bürgerliche Ehe – Zwangsehe nennt er sie – als eine Versorgungsanstalt, er betont daneben freilich auch, daß jede Ehe Sicherung der materiellen Existenz zur Vorbedingung haben müsse.

Aus seiner sehr anders gearteten Betrachtungsweise heraus gelangt Richard Wagner zu der Feststellung: die Männer seien heutzutage geborene Philister, die Frauen würden es durch sie. Und damit steht man an der Schwelle von Nietzsches Ehekritik. Er weiß von der Frau, die die Ehe bricht, nachdem zuvor die Ehe sie gebrochen. Das Kind wird als bestimmender Faktor in die ethische Rechnung eingesetzt: »Ehe, so heiße ich den Willen zu Zweien, das Eine zu schaffen, das mehr ist, als die es schufen. Ehrfurcht voreinander nenne ich die Ehe als vor den Wollenden eines solchen Willens.« Das bedeutet? In einer Zeit, der die religiöse Ueberzeugungskraft, die bürgerliche Autorität verlorengehen, das Suchen (aber auch wirklich nur das Suchen) nach einer neuen Mystik, als einer Zuflucht zu neuer und ethischer Autorität.

Es fehlt auch der Ehe gegenüber nicht an einem bürgerlichen Juste-Milieu. Gelegentlich erblickt Lagarde in der Ehe etwas wie ein Bildungsinstitut für Frauen; jedes Weib lerne wirklich nur von dem Manne, den es liebe. Gottfried Keller beruft sich in einem Brief an Ludmilla Assing aus dem Jahre 1857 in Hinblick auf die leidenschaftliche Verirrung Immermanns auf die natürliche Grundlage der »Zweckmäßigkeit und Möglichkeit«, von der keine Leidenschaft abirren dürfe. Fontane, der Skeptiker, zuckt die Achseln: »Die Sitte gilt und muß gelten.« Fontane, der Gütige, fügt hinzu: »Aber daß sie's muß, ist mitunter hart.«

Nietzsche stellt Betrachtungen über die Frauenerziehung seiner Zeit in Hinblick auf die Erotik an und sieht in diesem bewußten und über die Bewußtheit hinaus zu philiströser Gepflogenheit gediehenen Unwissendhalten des jungen Mädchens die große Gefahr für die Ehe. Es komme für die Neuvermählte der Augenblick, in dem Liebe und Scham in unlösbaren Konflikt miteinander gerieten, es offenbare sich furchtbar »die unerwartete Nachbarschaft von Gott und Tier.«

Damit ist ein entscheidendes, die Zeit und ihre Gefühlsängste deutendes Wort gesprochen. Autorität und religiöse Zuversicht sind im Schwinden begriffen – der Schamhaftigkeit sucht man das neue Heiligtum zu bauen.

 

»Keuschheit verloren: Etwas verloren, In der Ehe etwas gewonnen. Scham verloren, alles verloren, Die Seele in Schmutz zerronnen.« Der Spruch steht bei Friedrich Theodor Bischer und wird zu etwas wie Inschrift über dem Zeitportal.

Noch spricht Prüderie in das Schamgefühl verfälschend hinein. Mit nur gelinder Uebertreibung ließe sich sagen, das Schamgefühl sehe in dieser seiner Zeitphysiognomie Prüderie verzweifelt ähnlich, und führe damit auch seinerseits zu Schauspielertum. Kein Zweifel; was Herzensbekenntnis hätte sein müssen, wird vielfach und zumal in bürgerlichen Kreisen als Etikett verwandt. Selbst eine Derbnatur wie Bismarck nimmt in San Sebastian (1862) Anstoß daran, daß nur fünfzig Schritt von den am Strand spazierenden Herren Damen baden. Er hat dafür ein »ländlich, sittlich«. Aber derselbe Bismarck stellt auch für sein Teil fest, daß nichts ekelhafter sei als dies Eingehn der Damen auf zweideutige Gespräche. Und statuiert: es mache einen viel weniger verderbten Eindruck, wenn eine Frau einmal gründlich falle, aber die Scham im Herzen bewahre, als wenn sie Freude an solchem Gerede finde.

Was sind die Zweideutigkeiten, die denn freilich dieser Zeit zu besonderer Gesprächswürze werden, anderes als ein Anerkennen und Nichtanerkennen des Schamgefühls zugleich?

Mit Freund Storm hat Fontane einmal (1854) eine sehr ernsthafte Auseinandersetzung über das Thema »Zweideutigkeiten«. Von Frau Klara Kugler ist ihm der Vorwurf gemacht worden, er dürfe nicht mehr über seine Frau und seine Ehe sprechen, wie er es bisher getan habe. Fontane setzt sich zur Wehr. Er unterscheidet diplomatisch zwischen notorischen und fraglichen Unanständigkeiten. Daß Storm selber von Frau Klara Kugler ein Zimmer verlangt habe, um seiner Frau »die Milch abzunehmen«, habe man im Kuglerschen Lager als sehr unanständig empfunden. Er, Fontane, erachte es als »ganz gemütlich«. Das Entscheidende: man sieht, diese Zeit – und das nahm mit den enteilenden Jahrzehnten zu –, die der Scham das neue, das rettende Heiligtum errichten wollte, war sich über das, was ihr Scham zu bedeuten hatte, nichts weniger als klar. »Zweideutigkeiten« werden solcher Art zu etwas wie einem Kommentar des neuen Gesetzes »Scham«.

Deshalb wird sehr bald hinter dem Altar der Scham ein neuer überragender Altar der Wahrhaftigkeit errichtet. Ibsen hat den Untergrund gelegt, auch Fontane trägt Steine herzu. Mit Damen, die siebenundzwanzig Liebhaber gehabt haben und sich vor aller Welt offen dazu bekennen, komme man irgendwie zurecht. Die aber mit dem geheimen halben oder viertel moralischen Buckel die auf das Geradegewachsensein Anspruch erheben, seien die wahrhaft zu Fürchtenden. Lagarde wettert gegen die Frauen, denen es oberster Grundsatz sei, nichts Auffälliges zu tun.

Es war aber das Nicht-auffällig-Erscheinen zu einem ausgesprochenen Modegebot der Zeit, und vornehmlich in der Frauenkleidung, geworden.

Diese Zeit findet an Stelle des Gesetzgebers – denn für das innere Gesetz fehlt es nun einmal an Ueberzeugungskraft und Herzensbereitschaft – nur immer wieder den Beobachter. Der resigniert. Fontane studiert (1889) das Damenpublikum in Kissingen und liest aus den Gesichtern Romane, schrecklich durch Schuld, schrecklich durch Sühne. »Mitunter sieht auch ein Gesicht nach Buße aus, nach Reue nie.« Resultat: »Daß der alte sogenannte Sittlichkeitsstandpunkt ganz dämlich, ganz antiquiert und vor allem ganz lügnerisch ist, das will ich wie Mortimer auf die Hostie beschwören.«

Fehlt der Gesetzgeber nicht ganz, so beschränkt er sich – und das ist charakteristisch – auf Negatives. Das berühmte Zarathustra-Wort: »Besser noch Ehebrechen als Ehe-biegen, Ehelügen« – wieder zeichnen sich die Umrisse des Altars der Wahrhaftigkeit –, mit dem in der Folge ausgesprochenen Verlangen nach der »kleinen Ehe«, die für die große Ehe Probe werden müsse, ist, auf den sittlichen Anspruch hin angesehen, nur Verlegenheitsausflucht. Nicht auf das, was besser, sondern auf das, was gut, hatte der Spruch zu lauten. Letzte Antwort auf die Frage nach der Ehe blieb aber aus. Oder sie wurde gedankenmüde derart alter Katechismusweisheit entnommen, daß diese Zeit des Aufschwungs und der schweren wirtschaftlichen Krisen, des Mündigwerdens ohne zureichende Geistigkeit, nichts damit anzufangen wußte.

Auch in bezug auf Liebe und Ehe: man schauspielerte hinüber und herüber, es fehlte die innere Legitimation, es fehlte der Freispruch aus Herzensüberzeugung.

Es wagt sich selbst ethischer Nihilismus zutage. In Bebels »Frau« steht der Satz: »Die sogenannten tierischen Bedürfnisse nehmen keine andere Stufe ein, wie die sogenannten geistigen.«

So wird der Prozeß Graef (1885) recht eigentlich zu dem Sittenschauspiel der Zeit. Fontane bekennt, er sei von Graefs doppelter Schuld (des Ehebruchs und des Meineids) überzeugt und hätte ihn trotzdem wahrscheinlich auch nicht verurteilt. Die gebildete Welt geniere sich, nach dieser Seite hin Rigorismus zu zeigen, man wolle nicht, daß auf sexuellem Gebiet ein Indizienbeweis ausreiche. Signatur: Furcht vor Tugendboldschaft; »richtiger noch: der Tugend lüge bezichtigt zu werden«.

So also steht es: der alte Sittlichkeitsstandpunkt ist derart zersetzt, es ist so wenig Neues, Lebendiges an dessen Stelle getreten, daß die Scham sich gegen die Scham wendet. Zwar schämt man sich der Schamverletzung, aber man schämt sich auch, seine eigene Scham zu bekennen. Auch hier eine »Wahrhaftigkeit«, die nur eben zu Schauspielerei zu führen vermag.

Prostitution

Laß deine Augen nicht sehen, was du tust: wird zu einem Wahlspruch der Zeit, wobei es denn freilich galt, sich vor den Augen anderer noch sehr viel sorgfältiger zu verstecken als vor den eigenen.

Daß die Bordelle in Berlin 1844 aufgehoben wurden, um 1851 wieder geöffnet zu werden, um Mitte der fünfziger Jahre endgültig zu verschwinden, wird man auch vom heutigen Standpunkt aus gutheißen. Nur, daß auch die Schließung der öffentlichen Häuser dazu beitrug, Bürgertum und Gesellschaft auf dem Wege vorwärts zu stoßen, auf dem sie sich ohnedies befanden: dem der Heimlichkeiten.

Das trat schon in den Polizeimaßnahmen zutage. Die Polizei wußte um die Prostitution; unterzog die Mädchen ärztlicher Kontrolle; behielt sich aber vor, »gegebenenfalls« gegen die Wirtsleute der in die Listen Eingetragenen wegen Kuppelei einzuschreiten. Die Polizei wußte um die Absteigequartiere und duldete sie; behielt sich aber vor, »gegebenenfalls« eine Razzia in diesen Häusern abzuhalten. Das »Laß dich nicht erwischen« war in dieser Zeit zu sittlicher Forderung geworden.

An Stelle der Bordelle trat in der Hauptstadt etwas anderes, minder Auffälliges, gewiß weniger Unästhetisches, aber darum nicht minder Gefährliches: öffentliche Vergnügungsstätten, Ballhäuser, Tanzlokale, die der Massenkuppelei dienten. Krolls Etablissement stand Jahrzehnte hindurch solchen Bedürfnissen offen; in der Gründerzeit florierte das Orpheum. Es gab solche Vergnügungsstätten in allen erdenklichen gesellschaftlichen Abstufungen, bis hinab zu den Verbrecherkellern. Die Tanzlokale der studentischen Jugend aber und der jungen Kaufmannschaft wurden nicht gar selten Schauplatz eines Herzensromans.

Und damit erfaßt man den entscheidenden Zug der Zeitphysiognomie: es werden viel weitere Schichten des Bürgertums in eine unbürgerliche Lebensführung hineingezogen; die Prostituierte als solche verliert ihr abstoßendes Ansehn und Betragen; sie unterscheidet sich, äußerlich betrachtet, in Kleidung und Benehmen nicht gar so sehr von der Dame; sie paßt sich dem Typ der »Freundin« galanter Zeitalter an, wird auch als »Freundin« bezeichnet.

Ein Zwiefaches kommt in dieser Doppelerscheinung zur Auswirkung: die sittliche Auffassung hat in weiten Kreisen ihre Strenge, vielfach jedwede gesicherte Grundlage eingebüßt. Und: der zunehmende Wohlstand des Bürgertums kommt diesen sehr Unbürgerlichen zugute.

Es besteht aber auch kein Zweifel, daß die Großstadt nunmehr als solche gefällige Schleier webt, wo die Kleinstadt nur eben die häßliche Nacktheit zu zeigen vermocht hatte.

Laß deine Augen nicht sehen, was die dir Nächststehenden tun, wird in dieser Zeit der schwankenden Grundsätze und der sittlichen Unsicherheit zu einem Leitsatz bürgerlicher Familien. Die Frau will nicht mehr unbedingt von manchen Einzelheiten im Leben ihres Mannes unterrichtet sein. Sie verschließt die Augen dem, was der Sohn tut.

Aengstlich gehütetes Kleinod bleibt die Tochter des Hauses. Täte sie wie der Sohn, es wäre – Schande.

Aber die Eltern wissen darum und wollen es nicht wissen, daß der Sohn ein »Verhältnis« hat.

Diese freien Verhältnisse kommen recht eigentlich in den achtziger Jahren auf und werden, schon als Schutz gegen die gesundheitlich bedenkliche Prostitution, geduldet. Diese »Verhältnisse« bedeuten ein freies Zusammenleben ohne Bindung, vielfach aber mit starkem Herzensanteil. Nicht selten, daß sie zu Ehen führen. Fast durchgängig, daß sich das Mädchen an ihr »Verhältnis« ganz verliert.

Dabei steigt ein überholtes Ideal aus dem Grabe der Zeiten auf: das Kind aus sozialen Niederungen empfindet ihren Studenten, Leutnant, Assessor als »hohen Stern der Herrlichkeit«.

Soziologisch bietet das »Verhältnis« den denkbar wunderlichen Anblick. Es zeigt das Bürgertum in zwei Lager geteilt. Ueber die Zugehörigkeit zum einen oder andern entscheidet nur ein Mehr oder Weniger an Geld (und ein beinahe nur dadurch bedingtes Mehr oder Weniger an Bildung). Die aus dem zahlungskräftigen Lager aber liefern die Jünglinge, die aus dem andern die Mädchen.

In diesen »Verhältnissen« ist vielfach mehr Liebe aufgeblüht als in den Ehen. Und mit robusten Bürgerhänden erdrosselt worden. Otto Erich Hartleben hat das in seiner »Erziehung zur Ehe« durchaus wirklichkeitstreu geschildert.

Es ist in dieser Zeit ein seelenmordender Kampf zwischen Bürgertum und Bürgertum. Gefährlicher vielleicht, weil unwissentlich und im Verborgenen geführt, als der zwischen Bürgertum und Proletariat.

Die politische Frau

In einem Brief an Liszt aus dem Jahre 1852 spricht sich Richard Wagner über den Charakter seiner Ortrud aus. Sie sei das Weib, das Liebe nicht kenne, womit denn alles und zwar das Furchtbarste gesagt sei. »Ihr Wesen ist Politik. Ein politischer Mann ist widerlich, ein politisches Weib aber grauenhaft.«

Ganz aus dem Empfinden des aufstrebenden Bürgertums heraus besteht in dieser Periode stärkste Abneigung gegen die politische Frau. Es treten aber gerade damals und – von vereinzelten Erscheinungen abgesehn – zum ersten Mal in Deutschland Frauen mit politischem Wirkungskreis auf die Bühne des Tages.

Sehr bezeichnend: es ist dieselbe Fürstin von Wittgenstein, die Richard Wagner mit jenem »sehr freundlichen Briefe erfreut hat«, der ihn zur Aeußerung über den Charakter seiner Ortrud veranlaßte, dieselbe, von der sich Fürst Hohenlohe Verwendbarkeit im Kampfe gegen die Jesuiten versprach.

Es ist wie symbolischer Auftakt: die Königin war es gewesen, die am 7. Oktober 1858 ihrem Gemahl Friedrich Wilhelm IV. den Entwurf jener Verordnung vorgelegt hatte, die dem Prinzen von Preußen die Uebernahme der Regentschaft befahl.

Unvergeßbar die Klagen, die Bismarck über die Eingriffe der Königin und späteren Kaiserin Augusta angestimmt hat. In der Tat ist es bezeichnend, daß von Schleinitz, der ihr besonderes Vertrauen genoß, erster Minister des Auswärtigen wurde. Weckte ihr Beispiel Nachahmerinnen? Das Kultusministerium Möhler hieß ganz allgemein das »Ministerium Adelheid«, weil man wußte, wie sehr die fromme Frau die Zügel lenkte.

Hinter der Königin Augusta witterte Bismarck den liberalen Einfluß, und das war es, was ihn gegen sie aufbrachte. Aber auch ihre spätere kirchliche Einflußnahme im Sinne der Orthodoxie schien nicht minder gefährlich. Bei der Belagerung von Paris kam es um der Königin willen zum Konflikt zwischen dem König und Bismarck. Man kann in Hohenlohes Denkwürdigkeiten verfolgen, wie Bismarcks Klagen über die Kaiserin schließlich auch bei Hohenlohe zündeten. Zuerst heißt es: »Bismarck überschätzt die Phrasen der Kaiserin.« Dann aber wird Hohenlohe in die Intrigen derer um die »Reichsglocke« eingeweiht und schreibt nun seinerseits, ohne daran Kritik zu üben, den Bismarckschen Satz nieder: »Alles, was der Reichsregierung feindlich sei, werde von der Kaiserin unterstützt.«

Der gegen die Kaiserin erhobene Vorwurf lebt der Kronprinzessin und nachmaligen Kaiserin Friedrich gegenüber in verstärktem Maße auf und führt zu weit verbreiteten, unschönen Verdächtigungen. 1877 sagt Bismarck noch von ihr, sie mische sich nicht in Politik, wenn sie auch Vergnügen daran finde, oppositionelle Elemente zu sich einzuladen. 1866 steht der Kronprinz – nach dem Wort des Kaisers – »politisch unter dem Pantoffel seiner Frau«. 1888 hört man indirekt durch Bötticher aus Bismarcks Mund, der nunmehrige Kaiser Friedrich habe wenig Widerstandskraft gegen den Einfluß der Kaiserin, und diese stehe wieder unter dem Einfluß einiger fortschrittlicher Frauen, Frau Schrader, Frau Helmholtz und Frau von Stockmar.

Letzten Endes witterte man hinter den politischen Frauen immer die Einwirkung Englands. Was hier daran interessiert? Die politische Frau als solche hatte lange auf der englischen Lebensbühne gestanden, ehe sie die deutsche betrat. Die Politik dieser deutschen Politikerinnen – und es handelt sich hier ausschließlich um die politische Intrigantin – wahrt einen Stich von Dilettantismus und Anfängertum.

Bismarck sieht sich (1870) in seiner näheren Umgebung kritisch um und überzeugt sich: »Die Kronprinzessin, die verstorbene Frau Moltkes, die Frau des Generalstabschefs, späteren Feldmarschalls Grafen Blumenthal, und die Frau des demnächst maßgebenden Generalstabsoffiziers von Gottberg waren sämtlich Engländerinnen.«

Soviel ist sicher: die deutsche Frau, die in tieferem und jetzt gewiß nicht mehr geringschätzigem Sinne die Bezeichnung der politischen Frau verdient, wird erst durch die Emanzipation auf die Bühne des Tages gerufen. Um sie ist nichts mehr von Geheimnistuerei. Sie tritt vor das Volk und sucht dessen Ohr.

Emanzipation

In ihrem Buch »Vom Kinde zum Menschen« hat Gabriele Reuter ein eigenartiges Bildchen gezeichnet. Ein Empfehlungsbrief führt sie Anfang der neunziger Jahre in München zu einem älteren adligen Fräulein, das in einem katholischen Damenstift lebt. Auf dem Tisch des armen Fräuleins im katholischen Stift liegt der »Zarathustra« und die »Fröhliche Wissenschaft«, die Dame selbst entpuppt sich als glühende Jüngerin des Denkers von Sils Maria.

Das Bildchen wirkt deshalb für die deutsche Frauenemanzipation so sehr bezeichnend, weil es auch hier die »Stillen im Lande« waren, von denen die starke Wirkung ausging.

Neben der proletarischen bestand die bürgerliche Frauenemanzipation. Seelisch betrachtet, haben beide den gleichen Ursprung.

Dafür hat Bebel Blick gehabt. Er weist in seiner »Frau« darauf hin, daß die wirtschaftliche Umgestaltung um die Mitte des 19. Jahrhunderts die »Hausfrau« überflüssig gemacht habe. Präziser ausgedrückt: die Tätigkeit der Hausfrau hörte auf produktiver Beruf zu sein. Zugleich brachte es die weiter greifende Tätigkeit des Mannes, seine beruflichen Reisen, vor allem seine Anteilnahme an der Politik mit sich, daß der Hausfrau innerhalb ihrer eigenen vier Wände, vom Mann, bald genug auch vom Sohn, ein »Das verstehst du nicht« häufig und häufiger entgegentönte. Dies »das verstehst du nicht« wurde zum Sporn. Schließlich: eine Zeit, die mehr und mehr die Himmelströstung verlor, den körperlichen Bedürfnissen neben den geistigen betontere Bedeutung beilegte, die aber auch in Proletariatskreisen ausgesprochen bürgerlich empfand, konnte es nicht entschlußlos mit ansehn, daß ein starker Prozentsatz der weiblichen Bevölkerung – zum offenen Bekenntnis freier Liebe fand man nicht den Mut – unverehelicht und unbeschäftigt dahinwelkte.

Man schlug die Statistik auf und überzeugte sich, daß in den siebziger Jahren sich die Ziffer der Selbstmorde der Frauen zwischen zwanzig und dreißig Jahren im Deutschen Reich zu der der Männer wie 21,4 zu 15,8 verhielt; daß die größte Frequenz des Irreseins bei ledigen Weibern in die Zeit des 25. bis 35. Lebensjahres fiel. Kein geringerer als Ludwig Feuerbach stellte die These auf, daß ewige Jungfrauschaft nicht nur zu physischer, sondern auch zu geistiger und moralischer Verkrüppelung führe und daß es lächerlich sei, dem Menschen ein Jenseits zu erträumen, bevor man ihm ein Diesseits geschaffen habe.

In der Frauenbewegung gingen die proletarischen Bestrebungen und die bürgerlichen neben einander her, ohne daß der gemeinsame Wille betont worden wäre, ohne daß man sich zu gemeinsamer Aktion verbunden hätte. Oder es geschah das nur gelegentlich und gewiß nicht aus innerer Neigung heraus. Auch war das Ziel durchaus nicht das gleiche. Proletarischerseits wurde bereits auf dem Stuttgarter Vereinstag der Arbeitervereine 1865 die Resolution auf Gewährung des Frauen-Stimmrechts angenommen, und schon in den achtziger Jahren traten Rednerinnen in den Versammlungen auf. Für die bürgerliche Bewegung blieb es entscheidend, daß sie vornehmlich in Lehrerinnenkreisen ihre Anhängerinnen fand, die leitenden Persönlichkeiten auch meist daher stammten. Man forderte zwar auch hier das politische Stimmrecht, aber man tat es mit einiger Verlegenheit und ohne rechten inneren Antrieb. Wesentlich erschien hier die Bildungsfrage. Sie entschied. Die Forderung auf Zulassung zu den Universitäten und zu den Berufen, die ein Universitätsstudium voraussehen, war in gewisser Weise nur Folgerung aus der Bildungsfrage. Das Mädchengymnasium war erstes Ziel, und wurde erreicht. Der Bundesratsbeschluß von 1899 war dann der Schritt zur Freigabe des Frauenstudiums.

Kein Zweifel, daß die Frauenemanzipation für diese Zeit eine der großen positiven Leistungen bedeutet, neben der Arbeiterschutzgesetzgebung und der Einführung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechts im Reich die wesentliche. Hier zum wenigsten fand man den Mut, aus den umgestalteten wirtschaftlichen und soziologischen Bedingungen die notwendig gewordenen Folgerungen zu ziehen. Hier beschritt man den Weg, der zu den Toren der Zukunft führte. Hier wurde der Frau zuteil, was ihr in eben dieser Zeit aufs schmerzlichste verloren gegangen war, die Möglichkeit, in Aufrichtigkeit und ohne alles Schauspielertum ihr Leben äußerlich und innerlich zu gestalten.

Aber nicht einmal hier ein Zusammenwirken bürgerlicher und proletarischer Kreise! Man verstand sich auch da nicht, wo man im wesentlichen gleiches erstrebte. Und dies eben war es, worunter die Zeit litt.

Man sieht: eine Zeit, in der alles darauf abzuzielen scheint, die Frau zu Schauspielertum zu verführen, ermöglicht ihr auch – in Aufrichtigkeit – die Emporbildung. So ist in jeder Periode zugleich Vergangenheit, zugleich auch Zukunft.

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