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Der Geist der Astrologie

Oscar Adolf Hermann Schmitz: Der Geist der Astrologie - Kapitel 8
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authorOscar A. H. Schmitz
titleDer Geist der Astrologie
publisherUranus-Verlag Max Duphorn
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VII. Mundan- oder politischen Astrologie.

Auch Städte und Länder haben ihre Horoskope. Die Schwierigkeit besteht darin, daß man nur in Ausnahmefällen den Augenblick der Gründung kennt. Ptolemäus gibt ein Verzeichnis von Ländern und Landschaften mit den Himmelszeichen, unter denen sie stehen sollen. Bei flüchtiger Betrachtung wirkt das ganz und gar phantastisch, bei näherer leuchtet manches ein. Daß die österreichischungarische Monarchie und insbesondere Wien unter dem Venuszeichen der Wage war, wird man leicht bei einem durch Heiraten entstandenen, zuletzt wie eine Familie durch inneren Streit der Mitglieder zerfallenen Staat begreifen, der durch Musik, Tanz, schöne Frauen und Lebensgenuß weltberühmt war. Aber von diesem ausgesprochen österreichischen Charakter war noch unter den Babenbergern nichts zu spüren. Damals war der Oesterreicher ein rauher Bajuvar, mehr marshaft als venushaft. Und was für Leute zur Zeit des Ptolemäus das heutige Oesterreich unter dem Namen der Pannonier, Rhätier und Noriker bewohnten, weiß niemand. Ptolemäus hat das Land jedenfalls unter das Zeichen Wage gestellt, und die Geschichte hat ihm recht gegeben. Uebrigens ist es höchst auffallend, wie oft in Horoskopen von Oesterreichern das Zeichen Wage im Aszendenten steht. Auch die Stadt Frankfurt a.M. hat man später unter das Zeichen Wage gestellt, und in der Tat ist eine gewisse Verwandtschaft ihrer in Deutschland einzig dastehenden Architektur (vor der wilhelminischen Epoche) mit dem Wiener Ringstraßenstil, ihrer breiten und doch nicht schematischen Straßenzüge, ihrer witzigen, theater-freundlichen, bewußt am Dialekt festhaltenden, etwas unernsten Bevölkerung mit entsprechenden Wiener Erscheinungen auffallend. Auch daß Deutschland und England Oesterreich gegenüber als Marsländer unter dem Widder, Frankreich und Italien unter dem Löwen, dem Zeichen der Sonne, stehen, leuchtet ein. Amerika und London, diese vom Handel beherrschet Gegenden, hat man dem Merkurzeichen Zwillinge, das feuchte Holland, Schottland, auch Venedig dem wässerigen Mondzeichen Krebs unterstellt und so weiter.

Will man nun für irgendeinen Ort für einen Zeitabschnitt das sogenannte Mundanhoroskop stellen, so berechnet man mit Hilfe der entsprechenden Jahresephemeris und Häusertabellen, in welchem Augenblick auf diesem Breiten- und Längengrad (bei Ländern nimmt man die Grade der Hauptstadt), die Sonne den Frühlingspunkt (0° Widder) oder den Herbstpunkt (0° Wage) oder die Tag- und Nachtgleichen (0° Krebs, 0° Steinbock) durchschreitet. Für diesen Augenblick stellt man nun das Horoskop. Gebieter ist immer der Herr des Zeichens, unter dem der Ort angeblich steht. Auf dieser Grundlage werden in England und Frankreich die politischen Ereignisse vorauszusagen versucht. Die englischen habe ich wenig zuverlässig gefunden. Die leider eingegangene französische Zeitschrift: »La Science Astrale« hatte viele Treffer zu verzeichnen. Das Fragwürdige des ganzen Systems liegt darin, daß für benachbarte Länder infolge ihrer so wenig verschiedenen geographischen Lage die Horoskope sich wenig unterscheiden. Paris und London z.B. liegen ungefähr auf demselben Längengrad, London und Berlin unterscheiden sich nur durch einen Grad Breite. Also gerade bei kriegführenden Staaten ist oft das Horoskop fast dasselbe, nur der Gebieter ist ein anderer. Wenn aber nun obendrein der Gebieter derselbe ist, wie bei Deutschland und England, dann liegt der einzige Unterschied im Grad des Aszendenten und der übrigen Felderspitzen. Der Aszendent rückt durchschnittlich in zwei Stunden durch die 30 Grad eines Zeichens. In Berlin tritt die Sonne 53 Minuten früher als in London in den Aequinoktialpunkt. Die Felderspitzen der Mundanhoroskope werden sich also um ca. 13 bis 14 Grad unterscheiden., können daher sehr leicht in dasselbe Zeichen fallen. Man sieht, daß hier eine große Lücke ist. Die wichtigen Ereignisse sind in der Tat immer im Mundanhoroskop zu finden; warum sie sich aber gerade an einem Ort entladen, am andern nicht oder viel schwächer oder ganz anders, das wird nicht ausschließlich durch jenen Gradunterschied der Felderspitzen erklärt. Immerhin ist das Grundprinzip richtig. So wird Gicht durch unverarbeitete Harnsäure bedingt, aber unverarbeitete Harnsäure verursacht nicht immer Gicht. Dieser Vergleich gilt für die gesamte Astrologie.

Im einzelnen fehlen mir auch in der Mundanastrologie infolge der derzeitigen schweren Zugänglichkeit der französischen und englischen Werke persönliche Kenntnisse und Einzelerfahrungen, aber eines war immerhin nicht schwer zu beobachten: der deutsche Zusammenbruch und die sogenannte Revolution standen in engstem Zusammenhang mit einer dreimal hintereinander auftretenden Opposition zwischen dem starr am Veralteten haftenden Saturn und dem unerwartet zerstörenden, voraussetzungslosen Uranus. In dem Herbsthoroskop für Deutschland fiel diese Opposition, durch ein Marsquadrat verschärft, vom II. Feld (Wohlstand) ins VIII. (Tod), aber in dem englischen und französischen Mundanhoroskop ebenfalls. Gewiß ist der Sieg der Feinde ein Pyrrhussieg und schädigt sie mehr, als in früheren Zeiten eine Niederlage getan hätte; immerhin ist der riesenhafte Unterschied in der Auswirkung nicht allein zu erklären durch eine Verschiedenheit der Felderspitzen um 13°. Hier müssen wie bei der Geburtsastrologie Faktoren mitspielen, die nicht im Horoskop stehen: die verschiedene Art der inneren Entwicklung der Völker und Rassen, der Grad ihrer Unverbrauchtheit, das Wesen ihrer bisherigen Erfahrungen und die Formen der Kultur, kurz das, was im persönlichen Leben dem Grad der Bewußtheit der transzendenten Individualität, der Heredität und dem Milieu entspricht. Deutsche, Engländer, Franzosen werden als Einzelne wie als Völker immer verschieden antworten auf denselben Gestirneinfluß, selbst wenn er in dieselben Felder fällt.

Viel zuverlässigere Ergebnisse findet man, wenn man Horoskope stellt für den Augenblick eines eindeutigen politischen Ereignisses, z.B. für die Proklamierung einer neuen Staatsform.

Der französische Senat verkündete das erste Kaiserreich am 18. Mai 1804 um 3 Uhr nachmittags. Der Aszendent steht in diesem Augenblick auf 8° Wage. Somit ist Venus Gebieterin des Horoskopes zusammen mit Jupiter im I. Feld, das sind die beiden sogenannten Wohltäter. Jupiter hat den königlichen Aspekt: das Trigon mit der Sonne. Venus selbst steht auf der Spitze des X. Feldes (Stellung, praktische Verwirklichung). Auch alle übrigen Planeten befinden sich über dem Horizont. Großartiger kann nichts auf dieser Weit in Erscheinung treten, als dieses napoleonische Reich. Jupiter im Trigon mit Merkur zeigt das Verwaltungs- und Ordnungsgenie an, dem es entstammt. Der Mond in der politischen Astrologie das Volk, steht im XII. Feld (Gefangenschaft). Die Pöbelherrschaft ist zu Ende, aber der Mond hat ein Trigon mit der Sonne, dem Kaiser, d.h. steht mit ihm in freundlicher Beziehung. Das Volk wünscht selber dessen Herrschaft und hat diesem Wunsch durch Abstimmung Ausdruck gegeben. Zugleich steht der Saturn, die Macht der geschichtlichen Ueberlieferung, in Konjunktion mit dem Mond, in Trigon mit der Sonne, d.h. sie hält das wankelmütige Volk (Mond) wiederum in Schranken und gibt dem Throne Kraft. Man weiß, wie der Kaiser bestrebt war, seine Krone zu »legitimisieren«, sein Reich an die geschichtliche Entwicklung anzuknüpfen. Nun aber die Kehrseiten: die Sonne steht im Feld des Todes (VIII.), wohl im Venuszeichen, aber Venus ist von Mars und Uranus heftig verunglimpft. Hunderttausende und den Kaiser selbst riß dieses Reich in den Abgrund des Verderbens. Das XII. Feld, in dem Saturn den Mond niederhält, ist auch das Haus der geheimen Feinde. Saturn und Mond haben ein Quadrat, mit Merkur (Verrat). Das Feld des Endes (IV.) ist von Saturn beherrscht und hier, im IV. Feld, im Saturnzeichen steht das Glücksrad, gewissermaßen im Exil. Ein Blick läßt den schlechten Ausgang erkennen. Die sichere Katastrophe wird angedeutet durch Uranus im I. Feld im Quadrat zur Spitze X. (Stellung) und zu Venus, der Herrin des Horoskops, in Opposition zu Mars im Widder, im VII. Feld (Krieg, Feinde). Widder ist das Zeichen Preußen und Englands, der beiden Sieger von Waterloo. Uranus im I. Feld bezeichnet aber auch zugleich den revolutionären, illegitimen Ursprung dieser Staatsform, das durchaus Originelle, Unabhängige, Faszinierende dieser kurzen Epoche. Trotz allem Unheil und Haß, den das Kaiserreich beschwor, das Dreieck zwischen Sonne und Mond in Konjunktion mit Saturn sichert ihm die Popularität, sogar in der Geschichte lange über seinen Fall hinaus.

Auch die Geburtsstunde des deutschen Kaiserreichs ist genau überliefert. Am 18. Januar 1871 wurde es um 12 Uhr 15 Minuten nachmittags zu Versailles proklamiert. Der Aszendent steht im Merkurzeichen Zwillinge, dem »Zeichen des Verkehrs«. Nichts könnte das auf der Basis eines Zollvereins und gemeinsamen Eisenbahnnetzes begründete, später durch Handel und Industrie emporgewachsene Reich besser bezeichnen. Merkur, der Gebieter, steht selbst im IX. Feld, das Handel, Kolonien, Schiffahrt, überseeische Verbindungen beherrscht. Gekräftigt wird Merkur durch seine enge Konjunktion mit der Sonne, aber aufs äußerste gefährdet durch eine Opposition mit dem katastrophalen Uranus, und zwar aus dem III. Feld, das in der politischen Astrologie die Nachbarländer anzeigt. Auch in der Mundanastrologie ist Uranus der Entfremder zwischen den Menschen, der, wenn schlecht aspektiert, mit hochmütiger, trotziger Verblendung schlägt. Erklärt seine Opposition zu Merkur (Denken) nicht hinreichend die Vereinsamung Deutschlands, die es so irrtümlich für »splendid isolation« hielt? Günstig ist es gewiß für Erfolg und Gewinn, daß Jupiter dicht beim Aszendenten steht, aber er ist derselbe arme Jupiter, den wir bei Wilhelm II. vernichtet und rückläufig, der intellektuell gewordene Jupiter ohne Segen, mehr ruhmredig als groß, mehr geschäftig als wirksam. Jupiter ist der eigentliche Herr des Friedens und der gedeihlichen Ruhe. Daß die große Mehrzahl, ja, fast das ganze deutsche Volk, einschließlich seines Kaisers, diesen Zustand wollte, ist sicher; aber ein so schwacher Jupiter im intellektuellen Zeichen verpuffte sich in Reden und Beteuerungen, die niemand überzeugten. Oft wurde gesagt, daß selten ein Herrscher mehr das Wesen seines Landes in einer bestimmten Epoche darstellte, als Wilhelm II. Beiden ist dieser Jupiter im Merkurzeichen gemeinsam, voll von guten Absichten, die sich nicht in segensreiche Taten, sondern in leere, große Worte umsetzten. Dieser Jupiter ist obendrein Herr des Mondes, der das Volk bedeutet und auch ihm diesen Charakter verlieh. Der Mond steht in Opposition zum Aszendenten und Jupiter. Das zeigt, daß das Reich nie populär werden konnte. Das Volk war von Phrasenmachern geleitet und, wie das Zeichen des Schützen andeutet, dauernd in einem Zustand von Unruhe. All dies wird verstärkt durch Parallelen des Mondes mit Saturn und Uranus, etwas gebessert durch eine Parallele mit der Venus, die gut aspektiert im X. Feld den Glanz und Erfolg erklärt, den das Reich trotz allem hatte, sowie die Lust an rauschenden Festen und prunkender Hofhaltung. Der Mond steht im Feld des Krieges und der offenen Feinde (VII.). 1918 ist die Reichsfeindschaft in der Tat offen hervorgetreten. Das VII. Feld beherrscht auch Prozesse. Der Thron wird durch die Sonne dargestellt. Eine Konjunktion mit Merkur (Handel, Industrie, Wissenschaft) und ein Dreieck mit Mars (Heer) weist deutlich auf die beiden Mächte, auf die er sich stützte; aber die Sonne steht im Saturnzeichen Steinbock (politischer Ehrgeiz), wo sie schwach ist, und hat wie Merkur eine Opposition mit Uranus aus dem Haus der Nachbarstaaten, woher diesem Thron die Katastrophe kommen mußte. Mars bedeutet stets die Instinkte und Triebe. Gebändigt sind sie die heilsame Kraft, ohne die sich nichts lebendig bewegen könnte, unbeherrscht bringen sie Maßlosigkeit und Zerstörung. Mars steht in dem luftigen Venuszeichen der Waage im V. Feld. Das kann ihm keinen Halt geben. Das V. Feld beherrscht Vergnügungen, Theater, Singspielhallen, Ballsäle, Wirtshäuser, die öffentliche Moral. Nun war zwar im deutschen Reich durch das Dreieck mit der Sonne Mars stets äußerlich von der Staatsgewalt durch militärische Disziplin gebändigt, aber überall, wo diese nicht hinreichte, machte sich eine die ganze Welt in Erstaunen setzende Maßlosigkeit im Genießen geltend. Ein Dreieck des Mars mit Venus verrät zwar die ausgesprochene Bestrebung, dem Genuß eine ästhetische Form und eine künstlerische Rechtfertigung zu geben, was auch in einigen kultivierten Kreisen gelang – die Blüte des Kunstgewerbes, der Theater, der Geselligkeit gehört hierher –, aber das Quadrat des Mars mit Saturn zeigt doch die Derbheit, die gleichzeitig das Vergnügen beherrschte, und da Saturn bedeutend stärker steht als Mars, nämlich im eigenen Zeichen und über ihn erhöht, aber auf der Spitze des Todeshauses, so mußte alles, was Mars im Guten wie im Schlechten bringen konnte, beitragen zum Untergang. Neptun (humanitäre Ideen) im XI. Feld (Parlament) in guten Aspekten mit Mond (Volk) und Jupiter (Gesetz) verrät die außerordentlichen Fortschritte des Sozialismus auf dem legitimen Weg durch den Reichstag. Die Organisation der Arbeiterschaft und die Arbeiterschutzgesetze waren in der ganzen Welt vorbildlich und wurden besonders von England nachgeahmt. Aber auch hier wirkte Uranus (Revolution) zerstörend. Neptun erhält von ihm eine Quadratur aus dem III. Feld, einem Intellektualhaus. Erkennt man nicht hier den kommunistisch-bolschewistischen Wahn, welcher die gut organisierte sozialdemokratische Partei schließlich doch sprengte?

Das Glückszeichen steht im Reichshoroskop eingesperrt im XII. Feld der schweren Prüfungen. Dennoch ist dies alles nicht das Ende. Das in Versailles gegründete Reich ist trotz seiner derzeitigen Staatsform noch vorhanden und gleich einer über allem Unheil wehenden Fahne steht Venus, gut mit Mars und der Sonne aspektiert, am Zenit, der Spitze des X. Feldes (Stellung), die selbst neben der Venuskonjunktion gute Aspekte von Neptun, Jupiter und Mars empfängt. Das gibt unerschöpfliche Kräfte, die des größten Feindes, des eigenen verworrenen, so schwer belehrbaren Volkes doch immer wieder Herr werden dürften. Wie gesagt, steht der Mond (Volk) im Feld der offenen Gegner in Opposition zum Jupiter und Aszendenten und in Halbquadrat zum Zenit.

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