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Der Geist der Astrologie

Oscar Adolf Hermann Schmitz: Der Geist der Astrologie - Kapitel 14
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authorOscar A. H. Schmitz
titleDer Geist der Astrologie
publisherUranus-Verlag Max Duphorn
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V. Die beiden Mittler zwischen oben und unten

Merkur, Zwillinge, Jungfrau

Merkur ist der Götterbote, der die Verbindung zwischen Jupiter und den Menschen herstellt. Er ist ganz und gar Vermittler zwischen der Weisheit und dem Stoff, selbst ohne eigene Substanz. So ist er zugleich der menschliche Verstand, in sich unproduktiv, aber unerläßlich, um die produktiven Kräfte im Menschen bewußt zu machen, zu ordnen und miteinander in Verbindung zu bringen. Wer hundert Joch Grund hat und die rationell bewirtschaftet, ist reicher als der, welcher tausend Joch hat und nicht damit umgehen kann. Nichtsdestoweniger ist es auch im ersten Fall der Boden, nicht die rationelle Bewirtschaftung, was Früchte trägt. So verhält sich Merkur zu den Gaben der übrigen Planeten. Im Augenblicke, da der Verstand sich aus seiner Dienerstelle befreit und sich selbständig macht, erscheint er in seiner ganzen Substanzlosigkeit und Dürftigkeit als leerer Schwätzer, der sich mit Fetzen von Jupiter geliehener Weisheit schmückt, ja als Lügner und Betrüger. So wird erklärlich, daß Verstandeserkenntnis an sich nichts ist, und daß ein bedeutender Mensch dennoch ebensowenig ohne einen starken Merkur denkbar ist, wie ohne einen starken Mars, der für sich genommen, nichts anderes ist als richtungslose Kraft. Es laufen zwar heute viele sogenannte Weise mit einigen Jupiter- und Halbkünstler mit einigen Venusgaben herum, denen es aber am ordnenden Verstand fehlt. In der Literatur und Kunst gerade unserer Tage bilden diese Gestalten die große Mehrheit. Daher das verworrene Dickicht ihrer Unverständlichkeit, durch das manchmal Blitze der Erkenntnis und Schönheit leuchten, um sofort wieder leerem Gerede Platz zu machen. Dies ist eine Reaktion auf den Intellektualismus, d. h. die Überschätzung des Verstandes, die, aus dem achtzehnten Jahrhundert stammend, über die Geistigkeit des neunzehnten Jahrhunderts nach der kurzen Unterbrechung durch die Romantik ihren Mehltau gelegt hat. Ganz gewiß kann man nicht alles erklären, an diesem Wahn ist die Wissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts gescheitert. Aber wo sich klare Anschauung mit klarem Verstande paart, da kann man alles Erlebte genau beschreiben, so zwar, daß das nur schattenhaft, ahnungsvoll Vorgekommene eben auch nur schattenhaft und ahnungsvoll dargestellt wird, ohne daß damit Verworrenheit und Unklarheit zum Prinzip der Darstellung erhoben würde. Daher ist es bereits eine Verirrung des seine Dienerstellung verlassenden Verstandes, wenn sich Merkur vor Jupiter, Mars und Venus stellt und ehrfurchtsvoll verlangt: Erklärt mir eure Weisheit, Kraft und Schönheit! So verfährt die Wissenschaft und wundert sich, daß ihre dummen Fragen nicht beantwortet werden können, ja, hält sich deshalb für besonders gescheit. Was aber da ist, im irrationellen Dasein selbst seine »raison d'être« hat, was ist daran noch weiter zu erklären? Es kann nur angeschaut und beschrieben werden. Hier leistet nun Merkur seine unerläßlichen Dienste. Er vermag durch das irrationale Dasein Grenzen zu ziehen. Ohne ihn würden wir zwar der Wirkung des Jupiter, Mars und der Venus genau so ausgesetzt sein wie mit ihm, aber wir würden aus ihrer Gesamtwirkung sie selber nicht unterscheiden können. Alles würde sich instinktiv unbewußt vollziehen. Erst dadurch, daß Merkur leibhaftig auf die Erde steigt, können wir Menschen die Geheimnisse der Götter erfahren, statt bloß ihr Wirken zu spüren, und so ist der menschliche Verstand eben doch das Organ, auf welches die ganze Entwicklung der Natur hingezielt hat, denn die ganze Natur ist nur Mittel für Gott, sich zu offenbaren. Wir sehen noch die Vorversuche der Natur z. B. im Leben der Bienen und Ameisen. Hier ist die Fähigkeit rationellen Handelns bereits in erstaunlicher Weise gediehen, aber sie bleibt rein kollektiv. Die äußere Individuation hat zwar auch hier, wie in der ganzen Schöpfung, stattgefunden – jede Biene ist ein Wesen für sich – aber noch ist hier das Organ des Merkur, der Verstand nicht so weit entwickelt, daß er diesem Individuationsprinzip zu folgen vermag, d. h. es bewußt machen kann. Dies ist erst im menschlichen Hirn möglich, und hier allein können die Götter selber bewußt werden. Dieses Hirn kann daher als Mittel gar nicht hoch genug geschätzt werden, aber die geringste Überschätzung, die aus ihm mehr als Mittel macht, gibt jenes die Götter vertreibende Falschwissen (Atheismus), das schlimmer ist als alles Unwissen und Ahnen. Noch der krasseste Aberglaube hat mit den Göttern zu tun, der Materialismus dagegen entgöttert die Welt, macht aus ihr die gottverlassene Hölle, in der heute die Menschheit lebt.

Natürlich sind die Haupteigenschaften des Merkur Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit. Darum wird er wie kein anderer Planet modifiziert durch Zeichen und Aspekte, ja, erst durch diese erhält er Substanz. Sein Symbol ist der Spiegel, sein Metall ist das Quecksilber (Mercurium). Er beherrscht vor allem die Nerven, diese Telegraphendrähte, die alle unsere Empfindungen, Gefühle und Gedanken im Zentralorgan, dem Gehirn, zu einem Mikrokosmos zusammenfügen. Verbindungen, Beziehungen schaffen, das ist sein Beruf, aber nicht im Sinne der Einigung, wie sie die Attraktion der Venus sucht, sondern nur vorübergehend zu immer wieder wechselnden intellektuellen oder auch praktischen Zwecken. Das logische Denken, das die Begriffe nach verschiedensten Gesichtspunkten verbindet, das Rechnen, durch welches Gleiches und Ungleiches zusammengeordnet oder geschieden wird, die Mathematik, die gänzlich auf die Substanz der Dinge verzichtend, alles auf Zahl oder Schema reduziert, all dieses wechselnde, sehr zweckvolle Trennen und Vereinen, das nichts mit Mars und Venus zu tun hat, untersteht dem Merkur, und das Absehen von der Substanz zugunsten der Beziehung gibt ihm etwas Unpersönliches. Vielgeschäftigkeit, Oberflächlichkeit, Einmischungssucht, Neugier, Nervosität, Erregbarkeit, Veränderlichkeit, Ängstlichkeit sind die Fehler, die am dichtesten bei seinen Vorzügen liegen. Er beherrscht vor allem Boten und Diener, jüngere Brüder, Schüler, Mathematiker, Astronomen, Philosophen, Redner, Schriftsteller, Schreiber, Sekretäre, Dolmetscher, höhere Handwerker, Geschäftsleute, Börsenbesucher, kurz, alle die Berufe, die, auf welcher Ebene auch immer, den Verstand besonders nötig und mit Tinte, Feder und Papier zu tun haben; ferner Messen, Transportmittel, Reisen, Handel und Gewerbe; bei schlechter Konstellation (besonders mit Saturn und Neptun) macht er auch Diebe, Falschmünzer, Fälscher (Merkur, der Gott der Kaufleute und der Diebe!). Er begünstigt Unternehmungen, Missionen, Verträge, nützliche Beziehungen, Bekanntschaften, Gedrucktes und Geschriebenes, Korrespondenz, in schlechter Konstellation geheime Umtriebe, Verleumdung, falsche Zeugen, ja, Giftmord, Falschheit, Sophistik, Geschwätzigkeit, Niedertracht, Gemeinheit, Servilität. Würdelosigkeit, Aufdringlichkeit, Ohnmacht, Inkompetenz, Verächtlichkeit, Herumtreiberei, Landstreicherei, Bübischkeit, Frechheit sind die Eigenschaften eines sehr verunglimpften Merkur; Schwächlichkeit, Unzuverlässigkeit, Übereilung, Verlegenheit, Verwirrung, Weitschweifigkeit, dauernde Befangenheit im Kleinen, Ärgerlichkeiten des Alltags und ruhelose Beängstigung beruhen auf kleineren Schwächen des Merkur, wie etwa Rückläufigkeit oder Gefangenschaft in einem Zeichen. Auf geistigem Gebiet beherrscht Merkur alles, was zur Form des Ausdrucks gehört, Begriffsbildung nicht nur, sondern auch Wort und Sprache. Er verleiht (besonders wenn gut mit dem Mond aspektiert) Sprach- und Redetalent. Seine besten Eigenschaften sind Klugheit, klarer Blick, Verständigkeit, Geschicklichkeit, Diplomatie, Aufgewecktheit. Nichts liegt ihm ferner, als schwerfälliges, langweiliges Phlegma.

Merkur nimmt von allen Planeten die Einflüsse auf, aber nicht, um sie in sich zu verarbeiten, sich zu wandeln, sondern nur, um sie miteinander in unter Umständen originelle Verbindung zu bringen. Seine Originalität kann nicht mehr als kombinatorisch sein. Er hat keine Entwicklung, sondern nur wechselnde Inhalte, und so bleibt sich sein Wesen immer selber gleich, aber dieses Wesen ist im Grunde die Substanz- und Wesenlosigkeit. Börsen- und Wechselgeschäfte, Agenturen, Zeitungen, Internationalismus, Kongresse, Lexika, Enzyklopädien, Inventare, Kunst und Theaterkritik, kurz alles, was mehr auf Vermittlung, Verkehr, Beziehung, Ordnung und Spiegelung aus ist als auf Schaffen, Entwicklung und Substanz, ist merkurisch. Man wird in diesen Eigenschaften, guten wie schlechten, leicht einen unter den Juden häufigen Typus erkennen, deren Produktivität sich seit der frühchristlichen Zeit immer mehr erschöpft. Menschen, die, von viel eigener Substanz beladen, eine innere Aufgabe haben, wären zu solcher merkurischen Tätigkeit unfähig. Eine innere Aufgabe scheinen die Juden als Volk und Rasse in der Tat nicht mehr zu fühlen, obwohl ihnen die Götter alles ins Ohr gesagt haben, so daß sie genau Bescheid wissen, wie man die Dinge auf Erden »macht«. Sie stellen das Inventar der Schöpfung auf, sie schreiben das Inhaltsverzeichnis zu dem Buch der Weisheit. Sie verhalten sich dem Schöpfer gegenüber wie der Korrektor zu dem Autor, und stehen ihm daher näher als die Setzer, von denen nicht verlangt wird, daß sie das Werk verstehen.

Auch äußerlich zeigt der Merkurtypus etwas Unwandelbares. Gestalt und Gesichtsausdruck behalten bis ins Alter etwas Jugendliches, aber auch in frühen Jahren ist diese Jugendlichkeit weniger strahlend als beweglich. Die Gestalt ist gelenkig und schlank, oft mager, ja, dünn und schwächlich, die Nase lang, gerade, fein mit sehr beweglichen Nasenflügeln, oft an der Spitze mit einer kleinen spaltartigen Rinne, die Wangen sind dünn, die Kiefer schmal; das Kinn ist lang, spitz, leicht hervortretend. Auch die Lippen sind dünn, sehr beweglich, meist geöffnet, die obere etwas stärker, die Zähne nicht groß und ziemlich gut, die Ohren sind klein, mehr lang als rund, blaß gefärbt, das Ohrläppchen ist fein. Am reinsten herrscht der beziehungsreiche Merkur in den Zwillingen. Es ist ein Luftzeichen, so beschwert ihn kein Element; in seiner Dynamik ist er gemischt und veränderlich; daher reißt ihn weder eine starke Bewegung fort, noch hält ihn eine hemmende Schwerkraft zurück. Das Symbol dieses Zeichens ist der Affe. Dabei muß man alle die komischen Assoziationen vergessen, die sich für uns durch die Erinnerung an zoologische Gärten und Menagerien mit dem possierlichen Tier verbinden, und sich vorstellen, wie erstaunlich dieses intelligente, den Menschen nachahmende, ihn aber in seiner Beweglichkeit übertreffende Geschöpf auf primitivere Völker gewirkt haben muß. Es gibt ein altes russisches Sprichwort: »Der Deutsche hat den Affen erfunden«, denn der Deutsche galt dem phlegmatischen Russen stets als der Inbegriff der Findigkeit. Wie sein Herr, Merkur, ist der unter den Zwillingen Geborene an sich substanzlos, darum haben alle Eigenschaften dieses Zeichens etwas Vages, Unbestimmtes, Widerspruchsvolles, ja, Charakterloses. Sobald aber ein anderer Planet seine Hilfe leiht, werden alle Eigenschaften dieses Typus als Mittel äußerst wertvoll. Niemand ist befähigter, seine Gaben zum Ausdruck zu bringen, als ein unter den Zwillingen Geborener, dem andere Planeten genügenden Inhalt geben. An sich ist dieser Typus ruhelos, ungeduldig, unkonzentriert, vielgeschäftig, aber idealistisch, erzieherisch, unfertig, sich oft mit der Halbheit begnügend, plauder- und schwatzhaft, aber oft auch wirklich redebegabt und gelehrt, geistreich, verfeinert, sehr witzig, nervös, erregbar, unentschlossen, weitschweifig, wenig ausdauernd. Die Zwillinge sind ein zweikörperliches Zeichen. Dadurch offenbart es die Polarität des Geschehens. Die persische Ormudz-und-Ahriman-Religion wird diesem Zeichen unterstellt. Der unter den Zwillingen Geborene wird immer fähig sein, die zwei Seiten einer Sache zu sehen. Niemand ist weniger verbohrt, als er; immer läßt er mit sich reden, aber es ist eine im Grund unproduktive, zweideutige Menschlichkeit, die ihm erlaubt, allem gerecht zu werden, denn eben dies ist die größte Ungerechtigkeit gegen das Wertvolle, dem nach höherer Gerechtigkeit der Vorrang über das Geringe gebührt. Darum ist dieser Typus ausgesprochen humanitär. Das Menschliche interessiert ihn an sich, nicht das Menschliche, insofern es Werte verkörpert. Diese nivellierende Intelligenz ist genau der skorpionischen entgegengesetzt. Wir sahen den Skorpiontypus dauernd mit den Werten Gut und Böse befaßt, häufig für das Böse entschieden, aber niemals die Wertunterschiede leugnend. Der Typus Zwillinge ist ganz und gar ungläubig, er glaubt weder an Heilige noch an Verworfene. Von ihm stammt das Wort, daß überall mit Wasser gekocht wird, und dabei ist ihm wohl. Er schwört auf das Menschliche und will nicht wie der Skorpiontypus »sein wie Gott, das Gute und Böse wissend«. Gut und Böse sind ihm keine Wirklichkeiten, nur Relationen. Der reine Zwillingstypus ist unerlösbar, denn das Menschliche ist ihm Endzweck und im Menschlichen wiederum das, was in der Tat den Menschen am entschiedensten vom Tier unterscheidet: der entwickelte Verstand. Die Natur ist ihm fremd, er sieht in ihr nur den Mechanismus; das Göttliche ist ihm etwas, das am Menschen zum Vorschein kommt als Vorstellung, Phantasie, wenn nicht Schrulle, d. h. psychologisch völlig erklärbar. Die Psychoanalyse – an sich eine Offenbarung hohen Ranges – ist in der Form, auf die sie ihr Entdecker Freud, in dem sich Jupiter- mit Merkurzügen einen, beschränkt, das vielleicht typischste Beispiel solcher alles Substantielle auf die Beziehungen reduzierenden Geistigkeit. In den Beziehungen ihrer Teile zueinander äußert sich freilich die Substanz, aber sie ist nicht identisch mit ihnen. Man beobachtet diesen Typus in allen Kreisen des geistigen Lebens, überall rege interessiert, verständnisvoll, angenehm und liebenswürdig, aber ohne eigentliche Wärme, nie leidenschaftlich und hingerissen, aber auch niemals weise und abgeklärt. Im Gegensatz zu dem Mars-Widdertypus, dem die Tat alles ist, und der daher blind z. B. in einen »frisch-fröhlichen Krieg« stolpert, hört für den Zwillingstypus das Interesse an einer Sache auf, wenn sie gedacht und ihr Wesen auf eine Formel gebracht ist. Beide Typen sind die Extreme von Tat und Gedanke, und wenn sie sich nicht mit anderen Kräften mischen, gleich unfruchtbar. Das Licht des Zwillingsverstandes ist weder wärmend noch leuchtend, sondern trügerisch flackernd. Er ist hoch intellektuell und hält das für geistig, ohne zu ahnen, daß in den Dogmen und Sakramenten der Religionen sich mehr Geist kristallisiert hat, als in ihrer Widerlegung durch den Verstand, der immer nur die zeitbedingte Schale annagt, solange er den Kern nicht gewahrt. Der Zwillingstypus ist kein Kämpfer und verkündet seine negativen Ideen nie fanatisch, nie im Hinblick auf tatsächlichen Umsturz; nichtsdestoweniger bereitet sein ungebundenes, ja, oft verantwortungsloses Denken leicht die Revolution, wie das Beispiel der französischen Enzyklopädisten zeigt, deren Genius Merkur war. Der Zwillingstypus hält Maß in allem, in allen körperlichen Genüssen, wie in geistiger Hinsicht. So ist auch sein Ehrgeiz mehr unruhig als brennend. Er ist zwar nicht großzügig, aber auch nicht kleinlich, dazu ist er viel zu locker mit den einzelnen Dingen verbunden. Sehr leicht gibt er etwas auf und ergreift Neues. Er ist ganz und gar unhistorisch und ohne Pietät. Er, der überall Beziehungen vermittelt, ist im Grunde selber beziehungslos: Ubi bene, ibi patria. Für verantwortliche Stellen, die eine gewisse Identifikation mit einer Sache erfordern, ist er ungeeignet, ebenso für harte, mühsame Arbeit. Sein Widerspruchsgeist ist nicht bösartig, denn er stammt nicht aus dem Gemüt, sondern aus dem Verstand. Er sieht eben immer gleich auch die andere Seite, ohne aber nur von höherer Stufe aus die beiden Seiten zusammenzufassen. Vielmehr sagt er automatisch schwarz, wenn der andere weiß und weiß, wenn jener schwarz gesagt hat. So wirkt er oft zersetzend durch unfruchtbaren Widerspruch. Natürlich ist er ein Dialektiker ersten Ranges, der gesiegt zu haben glaubt, wenn der andere die Debatte einstellt mit dem Gefühl: von Farben kann man nicht mit Blinden reden (in diesem Fall Wertblinden). Immer wieder sei wiederholt, daß sich dies alles nur auf den reinen Merkurtypus bezieht, aber kein Typus ist so abhängig von der Hilfe anderer Planeten. Im Verein mit Venus bringt er echte Künstler, mit Jupiter Juristen, Theologen, hohe Beamte, Würdenträger hervor, mit Uranus die originellsten Denker usw. Immer nimmt Merkur den Charakter der ihn bestrahlenden oder durch ihr Zeichen beherrschenden Planeten an (das wird besonders wichtig, wenn ein Merkurzeichen am Aszendenten steht), und dann ist er seinem Beruf treu, ein Bote zwischen Göttern und Menschen zu sein. Bei schlechter Aspektierung freilich unterliegt Merkur jeder Versuchung: Betrug. Hochstapelei, geistige Prostitution, unsaubere Geschäfte, besonders solche, in denen sich schließlich kein Mensch mehr auskennt und die dadurch um ein Haar dem Strafgesetz entgehen. Taschenspieler, Zauberkünstler, Schauspieler, »Volksaufklärer«, Broschürenschreiber, welche fremden Geist vulgarisieren und popularisieren, Demagogen stehen ebenfalls unter diesem Zeichen. Im Gegensatz zur Liebe kann die Losung Freiheit (wovon? wozu?), Gleichheit (der substantiell Ungleichen), Brüderlichkeit (derer, die tatsächlich nichts gemeinsam haben) nur dem abstrakten Denken eines von Merkur und besonders von dem Zeichen Zwillinge beherrschten Verstandes erdacht sein, ebenso die soziale Vorurteilslosigkeit aus Mangel an innerer Bindung, und der Internationalismus, der alle Völkerunterschiede wegleugnet, statt sie wie der echte geistige Kosmopolitismus unserer Klassiker gerade in ihrer Verschiedenheit liebend zu umfassen. Der Vertrag von Versailles und der Völkerbund sind Ergebnisse dieses rein merkurischen, substanzfremden Denkens. Die Zwillinge sind das Zeichen der geschichtlosen Vereinigten Staaten von Amerika, die unter sich mit dem Lineal gezogene geometrische Grenzen haben. Auch der intellektuelle Kommunismus, der die tatsächliche Menschennatur übersieht und das ihm Widerstrebende nur für vorläufige Unreife der Menschen hält, ist ein dürftiges Merkurgebilde. Freie Liebe als theoretische Forderung, oder Reformehe, die alles Lebendige in einen gegenseitigen, dürren Vertrag auflöst (der Gegenpol zum Sakrament der Ehe), kurz alle Ehrfurchtslosigkeit vor Gott, Natur und tatsächlicher Menschlichkeit gehört zu diesem Typus. Infolge seiner Gehaltlosigkeit kann er nicht allein sein. Er muß mit jemand reden können, und wäre es Unsinn, er muß Beziehungen haben, und wären es schlechte. Niemand ist weniger exklusiv, und das empfindet er als eine Menschlichkeit. Er muß sich bemerkbar machen, fragt mehr, als er behauptet, und hört dann oft gar nicht auf die Antwort. Ohne Wahl nimmt er auf, denn er will gar nichts verarbeiten, sondern nur wissen, was es außer ihm gibt. Er versteht nicht, was das Selbst ist, er kennt nur das Ich. Darum ist er anpassungsfähig bis zur Servilität und bezieht doch alles auf sich. Darum vergißt er auch leicht das Aufgenommene. Der Witz bedeutet ihm übertrieben viel. Selten bleibt er bei der Stange, oft schillert er in tausend Farben und zersplittert sich in vielen Berufen. Schwierigkeiten schiebt er gern hinaus, leicht läßt er eine Arbeit unvollendet liegen. Als Dichter sieht er, wenn Venus ihn stützt, oft die Poesie des Wirklichen. Dann greift er etwas auf, was offen daliegt, woran aber die meisten vorbeigehen, und dadurch, daß es nun ausgesprochen wird, hat es auf einmal einen überraschend anheimelnden Reiz. Ich habe dies sehr ausgesprochen in einigen Gedichten von Wildgans gefunden, der zwar kein reiner Zwillingstypus, aber doch stark und günstig von Merkur beeinflußt sein dürfte. Ich kenne sein Horoskop nicht. Die Vorstellungswelt des reinen Zwillingstypus gleicht einem Film. Er kann zahllose Eindrücke und Gedanken hintereinander fassen, aber nie zwei zugleich. Darum weiß er unendlich viel, erkennt aber nie, wie unter Skorpion oder Wassermann Stehende, durch den Gegensatz. Immer wieder entfällt ihm das Frühere, wenn ein neues in seinen Gesichtskreis tritt. Darum hat er keine wandelnde Entwicklung, nur ewige Veränderung. Was er weiß kann er auch sagen. Das Unaussprechliche, Geheimnisvolle gibt es für ihn nicht. Überall ist er schnell zu Haus, und da er doch nie aus Eigenem lebt, sondern stets aus zweiter Hand, ist er stets bereit, jede Hand zu erfassen: der den Tieren und den Göttern gleich entfremdete Mensch in Reinzucht. Sein wahres Milieu ist das Gasthaus, wo es stets Gespräch, Zeitungen, Neuigkeiten und Telegramme gibt, oder die Gänge in einem D-Zug, Bahnhöfe, Schiffsagenturen usw. Verkehr und Betrieb sind sein Element.

Körperlich ist der Typus Zwillinge der reinste Ausdruck der merkurischen Anlage, meist groß, schlank, wohlgewachsen und beweglich, er hat scharfe, dicht beisammenstehende Augen, bewegliche Backen, gleich den Backentaschen, in denen der Affe Nüsse aufbewahrt.

In dem Erdzeichen Jungfrau ist Merkur in die Materie eingedrungen, die er nun seinem logischen Gesetz unterwirft. Hier wird er der Schöpfer der exakten Wissenschaften und beherrscht ihre Anwendung in Technik, Industrie, Gewerbe, kurz allen denjenigen Tätigkeiten, die, ohne sich um den Sinn der Welt zu kümmern, sich auf Einzelbeobachtung stützen. Der Jungfrautypus ist der Praktiker, der durch Erforschung der Naturgesetze die Fatalität der rohen, elementaren Materie besiegen zu können glaubt und auf diesem aussichtslosen Weg immer sehr vieles Nützliches schafft, als Träger der eigentlichen Zivilisation, im Gegensatz zur Kultur, der Domäne des Jupiters und der Venus. Während er aber den Stoff im einzelnen Schritt für Schritt überwindet, sich dienstbar macht, verfällt er ihm zugleich im ganzen immer mehr. Der Apparat, die Maschine wächst ihm über den Kopf, und sein echt merkurisches Ideal ist, ganz im Betrieb aufzugehen. So dreht er sich im Kreis, und die technisch erstaunlichen Werke, die er dem Stoff abringt, bleiben gehaltlos und verblenden ihn immer mehr gegen die höhere Erkenntnis, obgleich sie an sich völlig neutral sind, gewiß nicht göttlich, aber auch nicht teuflisch, wie man so oft sagt, sondern materiell menschlich. Schuld des Einzelnen, wenn ihm dieses Menschliche zum Endzweck wird. Der Erkennende allein vermag sieh, die nützliche Tätigkeit Merkurs in seinen beiden Typen dienstbar zu machen. Wenn Mahadö heute wieder herabstiege, würde er sich nicht scheuen, im Automobil zu fahren, denn die Regel, welcher Merkur die Materie unterwirft, widerstreitet durchaus nicht dem göttlichen Gesetz, ist sogar seine spezialisierte Anwendung. Nur darf sie sich nicht selbständig machen wollen. Der emanzipierte Merkur, der seinen Beruf als Bote der Götter vergißt, ist von allen Göttern der Dürftigste. Seines Dienstes eingedenk, ist er jedoch imstande zu zaubern. Die Kraft muß ihm von anderer Seite kommen, allein leistet er zwar an Schnelligkeit, Geschicklichkeit, Klugheit bis zur List das Unwahrscheinliche, aber es bleibt wesenlos. Er ist es, der den hundertäugigen Argus zu täuschen verstand. Handelt er ohne höheren Auftrag, dann bleibt er in der niedrigen Sphäre der Ichheit, der Nützlichkeit. Ueber die Welt des Betriebes, des Verkehrs kommt er dann nicht hinaus. Wohl ist er auch dann ein Diener der Menschheit, aber in ihren niedersten Bedürfnissen, als Geschäftsmann, Wirtschaftspolitiker u. dgl.

Ausdrücklich sei betont, daß sehr viele geniale Menschen den Aszendenten, das M. C. oder die Sonne im Zeichen Jungfrau haben. Wie schon mehrfach gesagt: keine geistige Bedeutung ohne wesentliche Merkureinflüsse, aber Merkur, der sich mit Vorliebe der Genialität zur Verfügung stellt und ohne dessen Hilfe sie stumm bleibt, ist selbst nicht genial, nur äußerst talentvoll. Geniale Naturen sind vielleicht sehr viel häufiger als man annimmt, aber zu Bedeutung kommen sie erst, wenn sie sich auch ausdrücken können. Gerade diese unerläßliche Ausdrucksfähigkeit beherrscht Merkur. Da sie für den, oberflächlich Beobachtenden das Auffälligste an bedeutenden Menschen ist, die schon ganz anders reden als Unbedeutende, wird oft diese merkurische Seite für das Wesentliche gehalten. Es gibt heute kein größeres Lob, als »ein gescheiter Mensch« genannt zu werden, und die große Menge der aufstrebenden Mittelintelligenzen läßt sich lieber jeden Gemüts – und Charakterfehler nachsagen, als den Vorwurf zu ertragen, man sei unintelligent. Nun beweist zwar mangelhafte Intelligenz sehr viel gegen die wirkliche Bedeutung eines Menschen, aber vorhandene Intelligenz allein beweist gar nichts. Auch Ausdrucksfähigkeit allein ist nichts. Es kommt darauf an, ob etwas zum Ausdrücken da ist. Durch den persönlichen Gehalt erhält der Ausdruck erst Stil, und den gibt nicht Merkur. Reine Merkurier schreiben und reden unpersönlich, bestenfalls sachlich.

Auch körperlich beherrscht das Zeichen Jungfrau das Funktionelle, und zwar besonders innerhalb des materiellsten Bereiches unseres Lebens, der Verdauung. Diesem Zeichen sind die Eingeweide untergeordnet. Nicht umsonst steht auch die Nationalökonomie unter diesem Zeichen. Der Jungfrautypus ist körperlich oft schwächlich, immer empfindlich, hat stets Angst vor Erkrankung, ähnlich wie der Stiertypus, und die Ursache ist dieselbe: Hier Venus, dort Merkur in die Materie eingeschlossen, und während sie sie mit ihrem Wesen durchdringen, leiden sie auch unter ihrem Druck, denn im Grund sind sie ihr nicht verwandt, wie Mond, Mars und Saturn. So findet man bei dem Jungfrautypus stets eine Neigung, sich scheu zurückzuziehen. Bei guter Konstellation ist er bescheiden, unauffällig, ruhig, rein, taktvoll, klug, lernbegierig, witzig, besonders liegt ihm der trockene Witz; ferner sprachbegabt. Erstaunlich ist seine Unfähigkeit, das Große und Kleine zu unterscheiden, ja, das Kleine zieht ihn sogar besonders an, und so wird er oft kleinlich. Als Kritiker wird er immer bereit sein, das Nahe zu überschätzen. Es fehlt ihm das Distanzgefühl, und das ist ja im Grund wiederum nichts als Gefühl für Werte. So wird er immer geneigt sein, in einem hübschen Gegenwartstalent den neuen Goethe oder Rembrandt zu sehen, und es verschlägt ihm gar nichts, wenn diese kleinen Sterne nach einem Jahrfünft verblaßt sind. Dann verkündet er wiederum neue, immer das Große übersehend, das ihn erdrücken würde. Wie der Zwillingstypus denkt er ganz und gar unhistorisch; immer ist er geneigt, die Einzelheit zu überschätzen – darum ist er oft ein guter Philolog – und das Ganze dem einen Fall unterzuordnen, statt das Einzelne im großen Rahmen zu erblicken. Wird dieser Typus bösartig, dann kann er weit gehen. Meist ist er zu schwach und ängstlich zum großen Verbrechen. Er beißt nicht, er nagt nur. Er nimmt gelegentlich was weg, aber scheut sich doch, richtig zu stehlen, ein Dieb zu werden. Fällt er dann doch dem Gesetz anheim, dann kann er es kaum begreifen. Er ist doch kein Dieb? Mehrere historische Giftmischerinnen indessen waren unter diesem Zeichen geboren. Sonst reizt es sehr zu Überkritik, Argwohn, Mißtrauen, Verdächtigung, Verleumdung, Tratschsucht und Angeberei mit Vorliebe im Namen der Moral (schon in der Kindheit ist dieser Zug auffallend!). An sich ist viel Verständnis für Regel und Gesetz vorhanden, schon deshalb, weil es verneint und beengt. Kritik, Tadel, Anklage werden oft mit geradezu raffiniertem Scharfsinn für die empfindlichen Stellen und wirklich schwachen Seiten des Gegners ins Werk gesetzt, so daß man von einer psychologischen Giftmischerei sprechen könnte. Aber auch als Ausbund aller Tugenden kommt dieser Typus vor und wirkt dann erst recht widerwärtig. Musterschüler und -schülerinnen, die bei den Lehrern beliebt, aber den Mitschülern verhaßt sind, gehören hierher; ferner junge Mädchen, die von den Frauen mit Vorliebe als ideale Gattinnen angepriesen, aber von den Männern weniger geschätzt werden. Sehr häufig findet man bei Frauen des Jungfrautypus etwas Madonnenhaftes, aber nicht mit der rührenden Schönheit des Zeichens Waage, sondern als selbstzufriedenes »Bild ohne Gnade«. Man kennt diese Frauen, die sich auf ihre »Reinheit« etwas zu gut tun, sich mimosenhaft vor der männlichen Angriffslust zurückziehen und sich dabei doch erstaunlich gut auf ihren Vorteil verstehen. Die verhüllte Prostitution der »demi-vierge« gehört auch hierher. Sie wird es immer so einzurichten verstehen, daß »eigentlich« nichts vorgefallen ist, und man ihr nichts nachsagen kann. Das Zeichen Jungfrau bringt die Menschen mit schnödester egoistischer Berechnung hervor, die nicht wie der Egoismus des Mars die Folge eines ungebändigten Triebes ist, sondern der inneren Armut und Dürftigkeit entspringt. Verliebt sich der rohe Widdertypus in den Jungfrautypus, so wird sein Ungestüm dessen reflektiertem, Egoismus unbedingt unterliegen. Frauen von diesem schlechten Jungfrautypus gehen klugen Männern sichtlich aus dem Weg. Sie fürchten stets, daß man ihnen in die Karten schaut. Man wird sie, wenn sie hübsch sind, und das sind sie oft, umgeben sehen von Männern, besonders Jünglingen, die noch, keine Herrschaft über ihr Gefühls- und Triebleben haben und ein »Reinheitsideal« suchen, an dem sie sich läutern können. Die Jungfrau, in der die Venus bezeichnenderweise in ihrem Fall ist, stellt daher eine Karikatur dessen dar, was einen im Trieb befangenen Mann wirklich erlösen kann, nämlich die Bindung durch die Liebe, wie ich sie in dem Abschnitt über Venus geschildert habe. Wenn Venus spielt, dann kokettiert sie anmutig. Das erotische Vergnügen der Jungfrau erschöpft sich im »Flirt«, den sicher nur dieser Typus erfinden konnte. Er hat nichts zu tun mit den liebenswürdigen Geduldproben der Liebesgöttin und den Neckereien ihres Sohnes, sondern er ist im Grunde ein merkurischer Schwindel, dem marsische Begierde wie venushafte Lust und Einigung gleich fremd sind. Mißtrauen, Berechnung, Geschäft, Gefühlskälte und Bosheit lauern um diesen erotischen »Betrieb« unserer Zeit.

Der Jungfrautypus fragt immer mehr nach Mittel und Methode, als nach dem Wesen. Ich werde nie vergessen, wie einmal in England – wo unter den Mädchen der Jungfrautypus herrscht und ein Hauptkontingent zur Frauenbewegung bildet – eine junge Dame, der ich eben als ein deutscher Schriftsteller vorgestellt wurde, sofort die Frage an mich richtete, ob ich meine Bücher mit einer Füllfeder schreibe. Der Jungfrautypus verehrt die Tatsachen, klebt »am Buchstaben, der tötet«. Immer werden Einzelheiten oder mechanische Regeln gegen den Geist ins Feld geführt. Als Mann wird er daher leicht zum kleinlichen Pedanten, als Frau zu der übergenauen, eigensinnigen Hausfrau, die in ihrem Reinlichkeitsfanatismus die Familie und Dienstboten mit schriller Stimme zur Verzweiflung bringt. Echte Sammler und solche, die jeden Kram aufheben, »nichts hergeben können«, findet man unter diesem Zeichen. Als Dienstbote und Angestellter, besonders in Vertrauensstellung, hat dieser Typus Gelegenheit, wenn man seine große Empfindlichkeit zu schonen weiß, sich von der besten Seite zu zeigen. Fleiß, Reinlichkeit, Ordnung, Zuverlässigkeit, Diskretion sind seine Tugenden, sobald er sich in ihm entsprechender abhängiger Stellung befindet. Dann zeigt er sich ehrgeizig und ist sehr gekränkt, wenn ein anderer seine Arbeit vollenden soll. Da diesem Typus leicht etwas Kindisch-unentwickeltes anhaftet, läßt er sich gerne leiten, Aufträge geben und hat dann eine naive schülerhafte Freude an Lob und Anerkennung. Auch liebt er sehr das mechanische Lernen, versagt aber dann oft bei der selbständigen Anwendung. Am wohlsten fühlt er sich auf der Schule, wo man keine selbständige Verantwortung trägt und nur einiges Verbotene zu unterlassen hat. Er eignet sich ganz und gar nicht zum Führer, ist, wenn nicht von andern Planeten befruchtet, unselbständig, unoriginell, unproduktiv, immer einen Anstoß abwartend, um reagieren zu können. So ist er sehr kritisch, aber während der Kritik des Zwillingstypus höchstens lästig ist, hat die Zunge des Jungfrautypus etwas Giftiges. Das Nein liegt ihm an sich näher als das Ja. Sofort sieht er kleine Fehler, die er scharfsinnig, hervorhebt auf Kosten des Ganzen. Oft ist er witzig, mit viel Sinn für das Lächerliche, sarkastisch, aber meist humorlos. Immer wieder verrät sich die innere Leere, die gefüllt werden muß, daher oft die Lern- und Lesewut, das Streben nach Erwerb, die Unfähigkeit zu schenken, zu ermutigen. Auch sein Lob verkleinert. Der edlere Jungfrautypus quält sich selbst durch ein pedantisches Pflichtgefühl – Pflicht ist sein drittes Wort – und sieht die Moral immer viel mehr in dem, was man unterlassen, als in dem, was man tun soll. Alle negativen Tugenden werden geschätzt, besonders Reinheit, Enthaltsamkeit, Verzicht, Entsagung bei einem aufrichtigen Streben das Rechte zu tun, aber es wird eben doch immer wieder das Unrechte, weil alles aus dem Nein und der Regel abgeleitet ist, nichts aus dem Herzen kommt. Ist der Jungfrautypus religiös, dann auch mit einer trockenen Methodik. Nichts liegt ihm näher, als das puritanische Sektierertum der angelsächsischen Länder. Alles bleibt klein, dürftig, unfruchtbar, denn Merkur ist ja in sich substanzlos und in diesem Erdzeichen, ist die Substanz, der er sich verbindet, die Materie, dieses Negativ des Geistes (Sonne). Wohl kann er dies erkennen und sich durch Streben aus dem Stoff befreien, dann wird er »rein«, aber diese Reinheit ist zugleich tot wie sterilisierte Milch. Seine Tugend ist immer ein Nein, keine Beherrschung des Triebes, sondern seine Verleugnung. Er ist enthaltsam, aber nicht unschuldig. Diese Armut wirkt auf die Umgebung bedrückend, tötend. Alles wird zu Asche vor der Kritik des Jungfrautypus, der immer weiß, wie es nicht gemacht werden darf, höchstens einige Ordnung im kleinen stiftet, nie einen Fingerzeig zum Schaffen gibt. Dabei erwartet dieser Typus im Gefühl der eigenen Schwäche stets Entgegenkommen, ist aber selber verschlossen. Immer beklagt er sich, daß man ihn übersehen, nicht das Wort an ihn gerichtet hat. Stundenlang kann er, ohne ein Wort zu sagen, einer Unterhaltung zuhören, um dann hinter dem Rücken der Sprecher alles Gesagte kritisch durchzuhecheln. Der einzige Triumph, der ihm »in seines Nichts durchbohrendem Gefühl« gegönnt ist, scheint die Einsicht zu sein, daß die anderen auch lange nicht soviel wert sind, wie sie vorgeben und als unkritische Menschen glauben. Geht man aber auf die kleine Welt der Jungfrautypen mit Teilnahme ein, dann sind sie schnell gewonnen. Hat ein Künstler oder ein Politiker oder ein irgendwie sonst bekannter oder bedeutender Mensch an einen Jungfrautypus einige freundliche Worte gerichtet, so erscheint diesem sofort der berühmte Mann als einer der Bedeutendsten. Seine Bekannte, seine Freunde hält dieser Typus unbedingt für die Besten. Er überschätzt das Nahe und der sonst so Kritische wird kritiklos.

Wie kommt nun das Symbol der Jungfrau dazu, all diese Dürftigkeit zu decken? Die jungfräuliche Tugend ist eben nur ganz kurze Zeit gültig. Das eben gereifte Mädchen soll sich nicht wahllos wegwerfen, sondern bewahren. Noch ist sie ein halbes Kind, eine geschlossene Knospe. Ihre Tugend ist das vorläufige Nein, das ein großes Ja der Erfüllung reifen soll. Jedes Wesen muß diesen Zustand der Knospe durchmachen. Aber was hier die gespannte Fülle der drängenden Reife ist, wird Armut, wenn das Ja, die Erfüllung, nicht folgt; dann werden die jungfräulichen Tugenden zu Mängeln, und der Fluch des ewigen Nein liegt auf solchen Menschen. Dies alles ist nur bildlich gemeint. Der Jungfrautypus kommt bei Männern und Frauen, bei Vermählten und Unvermählten vor. Das Bild des unbefruchteten Weibes ist hier nicht mehr als sehr treffendes Symbol. Ein Jungfrautypus braucht ebensowenig eine tatsächliche Jungfrau zu sein, wie der Fischtypus ein Fischer, aber tatsächlich findet man bei Menschen unter diesem Zeichen häufig Freude am Fischen, und die wirklich typische alte Jungfrau hat oft die Merkmale des Jungfrautypus in hohem Maße. Was nun aber die heilige Jungfrau betrifft, so ist sie als die »Himmlische Liebe«, als das Ewig-Weibliche, das uns hinanzieht, viel mehr der Venus in der Waage verwandt. Gerade ihr ist nichts Merkurisches und nichts Erdhaftes eigen. Sie ist göttliche Fülle, nicht irdische Dürftigkeit. Ihre Reinheit ist Schönheit, d. h. ein Ja, nicht ein Nein.

Es ist bezeichnend, daß man keine besonderen Zeichen gefunden hat für die Erhöhung und den Fall des Merkur. Als vernichtet bezeichnet man ihn natürlich in den den Zwillingen und der Jungfrau gegenüberliegenden Jupiterzeichen Schütze und Fische. Aber wo keine Substanz ist, gibt es eigentlich auch keine Vernichtung. Die »Vernichtung« des Merkur besteht daher nur darin, daß er für die Unaussprechbarkeit jupiterhafter Gemütserkenntnis nicht das geeignete Mittel ist. Überall dient er dem Wesen des Zeichens zum Ausdruck, in dem er sich befindet, natürlich auch dessen ungünstigen Seiten, z. B. im Feuerzeichen dem Ungestüm und Stolz. Im beweglichen Schützen verliert er viele seiner Tugenden, besonders die sachliche Exaktheit, während ihm die reicheren Jupitertugenden nicht entsprechen. »Glaube weit, eng der Gedanke« (Goethe, westöstlicher Diwan). Darum kann er hier als »vernichtet« gelten. Noch mehr ist das im Wasserzeichen Fische der Fall. In Jupiterzeichen wird Merkur weitschweifig, ungeordnet im Gedankenleben, chimärisch, geschwätzig, kurzum ungeschickt im Ausdruck dessen, was diese Zeichen bedeuten. Indessen haben nicht wenige gescheite Leute trotzdem den Merkur im Jupiterzeichen. Schließlich paßt sich Merkur allem an. Das Mondzeichen Krebs macht ihn phantasievoll, aber allzu beweglich. Im Skorpion dient er dessen besten und schlechtesten Anlagen. Im Steinbock nimmt er leicht die ungünstigen Saturnseiten an (List, Bosheit usw.), in dem Erd- und Venuszeichen Stier ist er vorwiegend dem Materiellen zugekehrt und gibt einen gesunden Menschenverstand. Am günstigsten wirkt er sich in den Luftzeichen aus. In Waage und Wassermann stellt er sich in den Dienst der edelsten menschlichen Aspirationen.

Mond, Krebs.

Der Mond ist noch in höherem Maße substanzlos als Merkur. War dessen Wesen Vermittlung zwischen fremden Einflüssen, so ist das Wesen des Mondes Empfänglichkeit für sie. Wie der merkurische Einfluß richtet sich der des Mondes im wesentlichen nach dem Zeichen, in dem er steht und den Aspekten, die er erhält. Gehört Merkur als Bote zwar noch gerade zu den olympischen Göttern, unter denen er aber nie verweilt, von denen er nur Aufträge empfängt, so kommt Luna (Selene) überhaupt nicht in ihren Kreis. Sie ist aber auch nicht wie Saturn vom Olymp verstoßen, sondern Stellvertreterin der Sonne im näheren Bereich der Erde und ebenso wie Merkur keinem Gestirn dem Wesen nach feindlich. Um die meisten Planeten drehen sich Monde, die nur für sie Bedeutung haben, und so hat auch unser Erdmond lediglich irdische, nicht allgemein kosmische Zwecke. Wie gesagt, er ist Stellvertreter der Sonne, deren Einflüsse er aufstaut und gemäßigt der Erde zuwendet. Vor allem ist es das Prinzip der Fruchtbarkeit, mit dem er den Stoff durchtränkt. Er ist die große Matrix der Erde und beherrscht dadurch das weibliche Leben, dessen Rhythmus seinem monatlichen Umlauf entspricht. Mit der stofflichen Fruchtbarkeit ist dem Weibe ein besonderer Beruf auf Erden zuteil geworden, und dadurch ist seine Doppelnatur bedingt. Von außen gesehen ist dieser Beruf ganz und gar materieller Natur, er ist eng verknüpft mit dem Stoff in seiner geist- und schönheitverlassenen Widrigkeit. Das ist aber nur die Formseite dieses Berufs. Dem Wesen nach ist er ein Priestertum. Dem Schoß des Weibes ist die Entstehung des Wesens anvertraut, in dem allein sich Gott erkennen kann, und in der Mutter Gottes wird das nur manifest, was als Beruf potentiell in jedem Weibe liegt. Darum empfinden alle Völker die Mutterschaft als heilig, während sie gleichzeitig dasjenige menschliche Gebiet ist, das uns am deutlichsten unsere Stoffgebundenheit vor Augen führt. Die vorgeschichtlichen Zeiten, die matriarchalisch orientiert waren, in denen die Familie durch die Herkunft aus demselben Mutterschoß, nicht aus dem Samen eines und desselben Gatten, gebildet wurde, haben den Mond, nicht die Sonne verehrt und keinerlei geistige Kultur oberhalb des stofflichen Lebens hervorgebracht, das ihnen das Heilige war. (Vgl. Bachofen, Das Mutterrecht.) Indem der Mond das durch Mars in die Welt gebrachte principium individuationis durch den weiblichen Schoß als natura naturans plastisch gestaltet, ist das Wesen des Mondes, wie das des Mars gänzlich kollektiv. Zwar handelt es sich hier um das Werden von Einzelindividuen, aber noch um alle zugleich in ihrer Gesamtheit. Noch ist das Individuationsprinzip nicht durch Merkur bewußt geworden; das ist die Ursache, warum es bei dem Weib weniger entwickelt ist, als beim Mann. Die Frau ist, wie man oft sagen hört, zwar dem Göttlichen, aber auch der Natur näher, d.h. sie ist kollektiver als der Mann durch ihren besonderen göttlichen Auftrag, natura naturans zu sein, während sich der Mann viel entschiedener als Individuum unter- und ausscheidet, aber auch eine größere Möglichkeit hat, sich aus der dunstigen sublunaren Zone in die kosmische Sternenklarheit zu erheben. Die Frau bedarf alles dessen weniger. Erfüllt sie nur, ihren göttlichen Auftrag leise ahnend, die Forderung ihrer Mondnatur, und hat sie gar das Lächeln der Venus, wenn auch von ferne, gestreift, so gleicht sie all ihrer Irdischkeit der Mutter Gottes, die wie auf dem Bilde des Sassoferrato in der Mondsichel thronend gen Himmel fährt. Auch dies ist, wie im vorigen Abschnitt das Zeichen der Jungfrau, symbolisch zu verstehen. Es muß nicht unbedingt jede Frau geboren haben, um das Prinzip ihrer Mondnatur – Empfänglichkeit und Formgebung im Stoff – als das weibliche Geheimnis zu erleben. Empfängnis und Geburt sind auch hier nur die treffenden Symbole ihres Wesens, das sie auch als Heilige nicht ändert. Wie nun auch eine Frau sich äußerlich verhalten mag, keine kann zu wesentlichem Leben kommen, welche die Mondzone zu umgehen versucht. Nur aus ihr kann ihr die Kraft zuwachsen, die Einflüsse anderer Planeten aufzunehmen. Mag sie durch Stellung und Beruf scheinbar gänzlich dem Kreis des gewöhnlichen Weibes entzogen sein, wenn sie irgend etwas erfüllt, so wird es immer wieder aus dem Schoß ihrer Weiblichkeit kommen, und die wird durch den Mond bedingt. Die Frau also braucht viel weniger nach Erlösung zu suchen, als der durch seine entschiedenere Individuation von Gott und Natur viel abgelöstere Mann; sie ist erlöst, wenn sie bewußt ganz Weib ist, ihrem mütterlichen Trieb in die Natur folgt und zugleich dessen göttlichen Sinn ahnt. Nur sie kann im Erfüllen ihres irdischen Berufes, ja, gerade in ihm göttlich sein. Geht ihr diese Ahnung jedoch nicht auf, erfüllt sie ihre Aufgabe als einen Fluch oder stumpf, sich einer Geburt nach der andern sinnlos unterziehend, weil ihr der Mann nun einmal keine Ruhe läßt, dann stellt dasselbe Geschlecht, in dessen Bild sich die Mutter Gottes verkörpert, die niedrigste menschliche Stufe dar, und das unter der Last seines Geschlechtes dahinkeuchende ahnungslose Weib ruft notgedrungen Vergleiche aus dem Tierreich wach. Die physische Mutterschaft für sich betrachtet wäre in der Tat ein Fluch, und so stellt die Genesis sie dar. Wenn sich nun in einem weiblichen Horoskop der Mond nur von seiner physischen Seite zeigt, d.h. ohne bindende, erleuchtende, verschönende Einflüsse durch andere Planeten, so gibt er eine charakterlose, unbeherrschte Triebnatur, die, wenn gar schlechte Einflüsse hinzukommen, die Eigenschaften hervorbringen, welche Pessimisten in vorschneller Verallgemeinerung und die eigentlichen Tiefen übersehend die Minderwertigkeit des Weibes nennen. Gewiß, die gibt es, aber es gibt auch den Gegenpol: die Heiligkeit des Weibes, von der man auch bei der Geringsten, wo es sich um das Kind handelt, manchmal etwas spürt. Das sei nur Trieb, nicht ethisches Verdienst, sagen die starren Moralisten. Nun, ich kenne kein höheres Ethos, als im Sinne des kosmisch-göttlichen Gesetzes zu schwingen, und eben das tut die Frau, die ihre Weiblichkeit ganz erfüllt, während der Mann, der nichts anderes ist, als ein rechter Mann, noch sehr wenig ist und höchstens irdisch einiges bedeutet. Um den Einklang mit dem Weltgesetz zu finden, muß er außerdem ein wenn auch unbestimmt Erkennender sein; erst auf diesem Wege kann er seine individuelle Natur ihm einordnen, während es die Frau gerade durch ihre kollektivierte Art ohne Umweg tut. Das geringste Individuum, wenn es sich nur zentripetal zum göttlichen Kern verhält, ist dadurch gerechtfertigt; der menschlich Größte, und gar der Nützlichste, dessen Richtung zentrifugal verläuft, ist verworfen. Dies ist der Sinn des Wortes: »Die Letzten werden die Ersten sein«, womit durchaus nicht gemeint ist, daß das menschlich Geringe an sich gottgefälliger wäre, als das Große. Die Geringheit gibt keinen Vorrang, sie ist bloß kein Hindernis.

Indem die Astro-Psychologie die wahren Grundkräfte der Welt zeigt, zerstreut sie neben vielen anderen Vorurteilen auch das von der Minderwertigkeit des Weibes und verhindert zugleich, daß das heute bis zum Überdruß gebrauchte Wort von der Heiligkeit der Mutterschaft zur leeren Phrase entwertet wird oder gar zum Ansporn, auch die Mutterschaft dem Nutzen zu unterwerfen, etwa um dem Staat möglichst viele Soldaten oder der Gesellschaft Arbeiter zu schaffen. Durch solche, auch etwa im Interesse der Rasse aufgestellten Programme, wird der Mutterschaft ihre Heiligkeit, ihr göttlicher Auftrag gerade genommen.

Der Mond stellt also in der Astrologie die plastische, formgebende Kraft der Materie dar, und so ist er auch die äußere Persönlichkeit im Gegensatz zur schöpferischen Selbstheit (Sonne). Persona heißt Maske und kommt von dem lateinischen Wort: personare = durchtönen. Durch die Maske tönte die Stimme des antiken Schauspielers, durch ihre Schallvorrichtungen wurde sie erst weithin in dem ungeheuren Theater vernehmlich. So trägt unsere Selbstheit zwischen Geburt und Tod die Maske unserer Persönlichkeit. Auch in ihr zeigt sich der Mond als Empfänger, Verwalter und Verwerter der Sonnenstrahlung, des Selbst. Für besonders gut gelten daher im Horoskop günstige Aspekte zwischen beiden Lichtern oder elementare Verwandtschaft ihrer Zeichen, sei es, daß sich beide Lichter im selben Element oder einander freundlichen Elementen befinden wie Feuer und Luft oder Wasser und Erde. Es ist ein charakteristisches Zeichen für die Gottentfremdung unserer Zeit, daß sie die Persönlichkeit, d. h. die der Erde zugekehrte Form des Menschen, so sehr überschätzt, ja, sie meist mit seiner Selbstheit verwechselt, die durch eine kleine wie durch eine große Persönlichkeit durchzutönen vermag. Die Persönlichkeit an sich ist gerade das niedere Ich mit dem Rohmaterial seiner empfänglichen und sich wandelnden Stofflichkeit. So beherrscht der Mond den Wechsel, die Instinkte, allgemeine Gefühle und Empfindungen, kurz alles das Kollektiv-passive am Menschen (der Mars das Kollektiv-aktive), in der politischen Astrologie das Volk, den Demos. Ein gut gestellter Mond gibt Ruhm in der Gestalt der Popularität. Der Mond ist das Formende, das fruchtbare Material im Gegensatz zum Leben gebenden Prinzip der Sonne. Darum steht auch das Kindesalter unter dem Mond. Kind und Weib, Pflanze und Tier sind mondbedingt, weil hier das Kollektive das Individuelle überwiegt. Sehr stark wird daher von der Stellung des Mondes im Horoskop das Heim, der Wohnsitz, die Familie, die Ehe, die Gesundheit, kurz alles allgemein Menschliche beeinflußt. Besonders Wechsel und Veränderung bedingt der Mond, daher auch Reisen und Launen, ja, Visionen und mediumistische Veranlagung. Ohne feste Stützen durch andere Planeten bleibt dies alles aber unbestimmt, verschwommen, ja, wird oft krankhaft: mondsüchtig (»lunatique«). Der Mond hat keinen eigenen Charakter. Wie Merkur Inhalt sucht, so er Anlehnung. Er ist der Urheber der Sehnsucht, des jugendlichen Weltschmerzes, der Romantik und alles dessen, was junge Mädchen unter »Poesie« verstehen; aber auch in der großen Dichtung spielt er seine Rolle, denn er verleiht dem Gemüt die magnetische Empfänglichkeit für Eindrücke und die plastische Kraft ihrer Verarbeitung. Er ist die reflektierte Sonne, und daher verdanken wir ihm die Möglichkeit, unsere Welt als Mikrokosmos zu erleben, d. h. als Spiegelung des Makrokosmos. Dies zeigt den Mondeinfluß auf seiner höchsten Höhe. Er ist also nicht allein das Symbol der stofflich gebärenden Fruchtbarkeit, sondern der Fruchtbarkeit in einem höheren Sinn. Da alle höhere Erkenntnis abstrakt bleibt, solange sie nicht unsere persönliche Welt durchdringt – die eben dadurch aus einem engen Gefängnis erst Welt wird – ist gerade bei bedeutenden Geistern der nichts als empfängliche Mond genau so wichtig wie der nichts als beziehungsreiche Merkur und der nichts als richtungslose, Kraft verleihende Mars. Durch den Mond vermögen wir erst zu erleben, was wir erkennen, wollen und fühlen.

Der Mond macht veränderlich, anpassungsfähig, sympathisch, eindrucksfähig, häuslich und zugleich reiselustig, erwerbend, brauchbar, sensitiv, intuitiv, ängstlich und doch wieder sorglos, sehr von der Umgebung bedingt, gefühlsmäßig, empfindlich, unruhig, leicht versagend aus Mangel an Ausdauer, sinnlich, bei ungünstiger Bestrahlung lüstern, neugierig, eingebildet, frivol, hysterisch, lethargisch, albern, unbedeutend, schwächlich, beeinflußbar, kindisch, charakterlos, gierig, schlampig, faul, armselig, irrsinnig, verträumt, inkompetent, unpraktisch, kopflos. Der Mond beherrscht das unbewußte Fühlen und Denken. Nächst einem guten Sonnenaspekt ist für ihn daher nichts wertvoller als eine Bestrahlung durch Merkur, und wäre es eine schlechte. Zwar wird eine solche zwischen diesen beiden substanzlosen Gestirnen eine sehr unruhige Intelligenz hervorbringen, aber doch immerhin eine Intelligenz, welche die Mondeinflüsse aufnimmt, wenn auch in Gefahr ist, von ihnen mitgerissen zu werden. Eine gute Mond-Merkurbestrahlung gibt vor allem der Intelligenz Stoff, Leib, Form, Gestalt, d. h. er verleiht ihr plastische Kraft und ergibt die Menschen, die über ihre eigene intellektuelle und stoffliche Natur Bescheid wissen und ihr Gefühls- und Triebleben beherrschen. Der Mond beherrscht das Sterbliche unserer Instinkte, Sehnsüchte, Wünsche. Die Monddirektionen (vgl. I. Buch) deuten vorzugsweise Alltagserlebnisse an oder lösen die durch andere Direktionen angezeigten Erlebnisse aus, d. h. geben ihnen die irdische Form. Der Mond ist das Hauptinstrument unserer irdischen Erfahrung, und dadurch hat er, bei all seiner höheren Bedingtheit, die ausgesprochene Beziehung zum Gewöhnlichen, Alltäglichen, ja, Vulgären. Den allzu ausgesprochenen Mondnaturen geht alles Distanz- und Niveaugefühl ab. Sie mischen alles. Er beherrscht, was mit dem Volke zu tun hat: Hausierer, Bader, Jahrmärkte, öffentliche Orte, in der Natur das Wasser. Wird der scheinende Mond mit Artemis identifiziert, der Schwester des Lichts (Helios, Apollo), so ist der unterirdische Mond die Todesgöttin Hekate, die im Hades wohnt. Von Menschen beherrscht der Mond vor allem die Mutter, aber auch Schwestern und Töchter, die Gattin, in der Politik das Volk. Körperlich macht der Mond die lymphatischen, etwas schwammigen Konstitutionen. Oft gibt er jene bekannten bleichen Vollmondgesichter. Vergleiche sein Zeichen Krebs. Der Mond herrscht nur in dem Wasserzeichen Krebs und ist im Erdzeichen Stier erhöht, vermag sich also nicht wie die anderen Planeten durch Würden zu den höheren Elementen, Feuer und Luft, zu erheben, während wiederum die Sonne nur in Feuerzeichen herrscht und erhöht ist. Auch dies drückt aus, daß der Mond ausschließlich für die Erde Bedeutung hat. Der bewegliche und wässerige Charakter des Zeichens Krebs entspricht dem Mond am meisten, das Wasser ist bei allen Völkern Symbol der Fruchtbarkeit. Es ist daher verständlich, daß in diesem Zeichen der Fülle und Segen spendende Jupiter erhöht, der karge Saturn in seinem Fall ist. Der Krebs beherrscht in erster Linie Mutterschaft und Mütterlichkeit und verleiht alle Mondeigenschaften in besonderem Maße: Gefühlsmäßigkeit, Sensitivität, Romantik, ja, als kardinales Zeichen auch Ehrgeiz und Idealismus. Er macht sympathisch, freundlich, mehr träumerisch als gedankenvoll, sinnlich, abergläubisch, bindet bei aller äußerlichen Veränderlichkeit doch auch stark an das Vergangene und Bestehende, was der rückwärtsgehende Krebs symbolisiert. Einbildungskraft, Phantasien, Launen, Interessen für Politik und Öffentlichkeit, Reiselust, wechseln mit Freude am eigenen Heim, Familiensinn, ja, Familienvorurteilen und Festhalten am Erworbenen, Kränklichkeit, Ängstlichkeit und Willensschwäche mit Zähigkeit, Selbstbewußtsein. Die Liebe zum eigenen Heim steigert sich oft zur Heimatliebe, ja, zum Patriotismus, der sich mit dem Interesse für die Vergangenheit zur Heldenverehrung verbindet. Wilhelm II. hatte den Aszendenten im Krebs; seinen aufrichtigen, wenn auch fanatischen Patriotismus wird niemand leugnen. Krebsnaturen werden oft Sammler. Sind sie Hausfrauen, dann lieben sie es, große Vorräte im Haus zu haben. Das Wechselnde des Mondes zeigt sich in dem widerspruchsvollen Charakter aller im Zeichen Krebs Geborenen. Sie sind anhänglich und doch auch sehr selbstisch, nachgiebig und trotzig, sparsam und dann wieder zu leicht Geld ausgebend, versöhnlich und doch nachtragend, konservativ und neuerungssüchtig, konzentriert und zugleich von Stimmungen hin- und hergerissen, gleichgültig bis zur Indolenz und doch wieder ungeduldig und explosiv. Der Mond zeigt die Seite der weiblichen Natur.

Wer diese Veränderlichkeit weder ernst nimmt, noch sie durch Spott verletzt, wird Krebstypen meist gutmütig und leicht lenkbar finden, besonders wenn man ihnen bisweilen Lob und Beifall spendet. Sie bedürfen stets der Bestätigung von außen, und gerade ihr oft stark betontes Selbstgefühl ist nur eine Überkompensation ihrer heimlichen Schwäche. Darum fürchten sie so sehr die Lächerlichkeit, sind nachtragend und leicht verletzbar und zu entmutigen. Sie suchen Halt in Vereins- und Sektenbildung. Sie sind sehr abhängig vom Urteil anderer, den öffentlichen Meinung; sie suchen und fürchten die Öffentlichkeit. Empfänglichkeit in gutem wie in schlechtem Sinn ist ihre Haupteigenschaft, auch körperlich nehmen sie leicht Krankheitsstoffe auf und sind bei Epidemien besonders der Ansteckung ausgesetzt. Der Mond beherrscht das Wasser, daher auch die Tränen, die den im Krebs Geborenen sehr schnell in die Augen treten. Stets suchen sie Anregung von außen, neigen sehr zu Geheimnissen, aber sie können sie nicht lange bei sich behalten. Ihr Bedürfnis nach Anschluß kann bei schlechter Aspektierung zum Parasitentum ausarten. Man hat die Frauen abwechselnd konservativ und neuerungssüchtig genannt (»denn die Arge liebt das Neue«). Auch dieser Widerspruch ist bezeichnend für die Mondnatur: ihr Wesen ist der Wechsel, aber doch immer wieder auf der vorgeschriebenen Bahn in denselben Phasen. In ihrem Wesen sind die Frauen entschieden konservativ, nur in ihrer Äußerlichkeit lieben sie Veränderung. Der Mond beherrscht auch die Mode. Läuft ihr Wechsel nicht immer auf dasselbe hinaus? Zwar werden der Reihe nach immer andere Teile des Leibes hervorgehoben, unterdrückt, entblößt oder verhüllt. Das ganze Verfahren aber ist dasselbe, geht auf dieselben Ursachen zurück und zielt auf dieselben Zwecke, ob wir die Dandies und Modedamen auf alten Mykenischen Reliefs oder in neuen Pariser Modeblättern betrachten. Das Zeichen Krebs beherrscht alle Gewerbe, die mit Wasser zu tun haben, Wäschereien, Badeanstalten. Es ist das Zeichen, unter dem das wasserreiche Holland steht.

Äußerlich macht der Krebs höchstens mittelgroß. Oft ist die Gestalt zart und schwächlich, aber auch aufgeschwemmt. Die Augen sind grau oder wässerig blau. Die Nase ist klein, schlecht geformt, eingedrückt oder unsymmetrisch. Die Ohren sind blaß, mittelgroß, die Lippen ziemlich voll, blaß, lose aufeinander liegend, selten ganz, niemals fest geschlossen, die Zähne groß, aber schlecht und unregelmäßig. Sehr bezeichnend ist die Neigung zu Doppelkinn, das übrigens ziemlich stark nach rückwärts steht. Die Kiefer sind wenig ausgeprägt, die Wangen voll, das Fleisch ist oft schwammig, das Haar stark, weder ganz dunkel, noch ganz hell.

Der Mond ist, wie gesagt, in dem festen Erdzeichen der Venus, dem Stier, erhöht. Hier verbindet sich seine Beweglichkeit sehr glücklich mit der zu zähen Festigkeit dieses Zeichens und fördert dadurch die Venuseinflüsse. Vernichtet ist der Mond in dem Erdzeichen Steinbock, wo er widerstandslos die geringen, ja die gemeinen Saturneinflüsse annimmt, kaum weniger schlecht in der Jungfrau, deren kindische, enge Art er bei Frauen, für die der Mond das wichtigste Gestirn ist, durch seine eigene wechselvolle Substanzlosigkeit zu geradezu hoffnungsloser Torheit und Albernheit steigert, die selbst durch gute Aspekte kaum zu beheben ist. Bei Männern habe ich diese Mondstellung zwar auch nicht gut, aber nebensächlich gefunden. Auch in dem Wasserzeichen Skorpion ist der Mond dessen verderblichen Einflüssen widerstandslos ausgesetzt, wenn nicht starke Hilfen durch Aspekte kommen. Dagegen nimmt der Mond in dem Wasserzeichen Fische leicht die guten Seiten der Jupiternatur an. In den Luft- und Feuerzeichen ist die Wirkung des Mondes ähnlich der der Sonne. Er bringt das Wesen dieser Zeichen zu besonderer Wirksamkeit.

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