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Der Geigenheiner vom Karwendel. Eine liebe Last

Maria Titelius: Der Geigenheiner vom Karwendel. Eine liebe Last - Kapitel 2
Quellenangabe
authorM. Titelius
titleDer Geigenheiner vom Karwendel. Eine liebe Last
publisherVerlag der Wuppertaler Traktat-Gesellschaft
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der Geigenheiner vom Karwendel.

Das blutige Ringen des Tages war beendet, der Donner der Geschütze verstummt, die Stille der Nacht lag über Weißenburg und den Höhen der umgebenden Berge, welche noch gestern der Schauplatz so großer Heldentaten unserer preußischen und bayrischen Soldaten gewesen waren. Es war eine sternenlose, dunkle Nacht; ein fein herabrieselnder Regen erhöhte noch ihre Schauer und nur die erlöschende Glut mehrerer in Brand geschossener Höfe und Gebäude, die zahllosen Wacht- und Biwakfeuer in der Ferne verbreiteten etwas Helle und leuchteten den unermüdlichen Ambulanzen und Krankenträgern, welche sich selbst nicht genug tun konnten, in ihrem Samariterwerk im Aufsuchen, Wegtragen, Erquicken, Trösten der zahllosen Verwundeten und Sterbenden, wie im Fortschaffen der Leichen, welche überall auf freiem Felde, hinter Hecken, in Gräben, zwischen den Reihen der Weinstöcke in den Weinbergen, unter Bäumen, unter Mauern und zerschossenen Gebäulichkeiten umher lagen. Gegen Morgen ließ der Regen nach, dafür legte sich ein kalter, undurchdringlicher Nebel mit eisigem Hauch über Berg und Tal und machte den zu Tode erschöpften Ambulanzen und Mannschaften eine kurze Rast zu zwingender Notwendigkeit.

In diesen Stunden war's, daß tief in einer Art Schlucht, unterhalb einer hohen Weinbergsmauer ein junger bayrischer Jäger in seinem Blute lag, unfähig, sich von der abgelegenen Stelle fort zu bewegen, oder sich nur die geringste Hülfe zu geben, denn der rechte Fuß und die linke Hand waren ihm zerschossen und außerdem rieselte das Blut aus mehreren tiefen Fleischwunden der breiten Brust. – Mit dem frischen Mute junger Helden hatten die Bayern das trefflich befestigte, von den Franzosen hartnäckig verteidigte Weißenburg angegriffen und im Sturm genommen. Besonders waren es die rechts und links liegenden Weinberge, welche dem Feinde durch ihre Mauern und Gänge treffliche Stellung boten. Während ein Teil in der Stadt Schritt um Schritt vorwärts drang, begann der andere in den gefahrbringenden Weingärten aufzuräumen. Hier zeigten sich den Deutschen zuerst jene abenteuerlichen Figuren der Wüstensöhne, die grimmen Gestalten der Turkos und Zuaven, Erscheinungen, welche auch den Mutigen zum Halt auffordern können, aber die tapferen Bayern ließen sich nicht abschrecken. Im Sturmschritt vor, über die Mauern hinauf und in die Rebengelände hinein, wo unter dem Feuer der Chassepotsgewehre und dem Knattern der Mitrailleusen das furchtbarste Handgemenge beginnt. Gesicht an Gesicht mit den schwarzen Teufeln arbeitet man schließlich fast nur noch mit dem Bajonett und dem Faschinenmesser. Schon flohen die ersten Haufen der afrikanischen Horde, das Hurra der Bayern wird immer gewaltiger, mit diesem Schlachtruf dringen sie in die Berge empor, jeden Schritt in wildem Gemetzel erkämpfend. In diesem Moment war es, daß der Brave, von dem ich erzählen will, von mehreren mörderischen Kugeln getroffen, über eine hohe Mauer hinabstürzte und hülflos liegen blieb. Wie lange er ohne Bewußtsein gelegen, wußte er selbst nicht, aber heller Tag war es gewesen, als die mörderischen Kugeln ihn getroffen und er in die Tiefe gestürzt war, und jetzt, da er allmählich zum Bewußtsein erwachte, lag düstere Nacht auf der Erde, und ein eisiger Wind erhöhte noch die Schmerzen seiner vielen Wunden, das Elend seiner Lage. Als es ihm nach einiger Zeit unter tausend Schmerzen und unsagbarer Anstrengung gelang, sich einigermaßen unter einem Haufen Geröll und Gestrüpp, welches sein Fall aus der Höhe mit herab gerissen und ihn teilweise darunter begraben hatte, empor zu arbeiten, dünkte es ihm, als sähe er durch Nacht und Nebel hier und da in der Ferne schattenhafte Gestalten umher huschen, lautlos wie Geister, hier und da sich niederbeugend, dann wieder auftauchend, dort wieder verschwinden. Diese Nebelbilder mit heiß brennenden Augen und noch heißer brennendem Verlangen zu verfolgen, darauf konzentrierte sich schließlich das gesamte Denkvermögen des armen Verwundeten. Ach, wenn es menschliche Gestalten wären! wenn sie Hülfe brächten! Wenn sie nur ein klein wenig näher kämen, daß er sie anrufen könnte mit seiner todesschwachen Stimme! – Nochmals nahm er die äußerste Energie zusammen, sich ein wenig aufzurichten und umher zu spähen – das Aufrichten gelang ihm nicht, aber ein wenig höher war er durch die Bewegung doch zu liegen gekommen; zugleich fühlte er, wie sein Haupt im Zurücksinken einen weichen Gegenstand berührte, er langte mit dem rechten, gesunden Arm darnach und überzeugte sich alsbald, daß es ein menschlicher Körper war, der da neben ihm lag. In demselben Augenblick erschien aber auch wieder eine jener schattenhaften Gestalten, und zwar bewegte sie sich entschieden gegen den Ort her, wo er lag. Da erhob er seine letzte Kraft zu einem Hülferuf. Doch kaum waren einige Laute über seine Lippen gekommen, als sich die kalte Hand des für tot gehaltenen, neben ihm liegenden Kameraden fest auf seinen Mund legte. »St! st! um Gott keinen Laut! wir sind verloren!« hauchte er. »Warum denn?« flüsterte der andere, »ich sehe doch Leute, die uns helfen wollen und nach Verwundeten suchen, warum da nicht rufen?« »St! st! es sind keine Ambulanzen, Franzosen sind's, Leichenräuber! Ich beobachte sie schon lange vorhin, als der Mond einmal durchbrach, sah ich, wie sie einen abmachten, der sich noch regte, und ihm die Tasche umkehrten, einem andern nahmen sie die Uhr, und schnitten ihm den Finger ab, wohl um den Ring. Ich habe im Kampf nichts, auch die schwarzen Teufel von Zuaven nicht gefürchtet, aber vor denen fürchte ich mich, und bin drum, in die Brust geschossen, wie ich bin, auf allen Vieren fort gekrochen über Tote und Sterbende weg, bis ich über die Mauer da herabgestürzt bin; aber lieber da sterben, als diesen Hyänen in die Hände fallen; drum still, um Gotteswillen, daß sie uns nicht merken!« »Du bist auch einer vom obern Isargrund, ich sollt' dich kennen,« sagte nach einigen Minuten, als die unheimlichen Gestalten sich entfernt hatten, der erstere. »Und ich kenn' dich schon!« hauchte der andere, »du bist der Geigenheiner vom Karwendel, aber ach Gott! ich muß sterben vor Durst und Schwäche, die Kugeln in der Brust bringen mich um, wenn ich nicht etwas Wasser kriege!« »Daneben in dem Stein hat sich etwas Regenwasser gesammelt, vielleicht kann ich's mit der hohlen Hand ausschöpfen und dir in den Mund tropfen lassen,« sagte der Geigenheiner (eigentlich Heinrich Bendler seines Namens). Damit streckte er den heilen Arm aus und mit unendlicher Mühe und unter vielen Schmerzen gelang es ihm, etwas Wasser aufzufangen, womit er nun dem Kameraden die Lippen befeuchtete und in den Mund träufelte. »Ach mehr! mehr! hauchte dieser, und der Geigenheiner setzte die Prozedur unter großen Schmerzen fort, so lange noch Wasser in der Steinhöhlung war. »Jetzt ist's aus, keinen Tropfen bring ich mehr in die Hand,« sagte er dann betrübt. »O danke, es war gut, aber sterben muß ich doch, die Kugel steckt in der Lunge und nimmt den Atem, heim komm ich nimmer in's Isartal, so will ich dir ein Vermächtnis stiften; dir, Geigenheiner, für dein Wasser; mein Stiefbruder, der Tannensepp, soll's nicht haben, ich weiß warum. Dir gehört's, hol's nur!« – »Was denn?« fragte Heiner, den es schauerte ob der gebrochenen Rede des Kameraden. »Ja so!« stöhnte dieser, »kennst das Klosterhorn, nahe der B...nitzer Klamm, und daneben die zwei Felsblöcke auf einander, die wir die Reiter nennen? Weißt, bei der alten Sägmühle von der Reiternandl, meiner Großmutter, und dem Tannensepp seiner – weißt den Ort? ja? – nun, der untere Felsblock hat eine Höhlung, da steckt's, ganz hinten in einer Blechschachtel. Denk nicht, ich hätt' die Alte umgebracht, sie lag schon maustot auf dem Boden, neben der offenen Truhe, wo sie ihr Geld hatte; so fand ich sie liegen und nahm all' die vielen Goldstücke mit, weil sie mich enterbt hat von wegen meinem Stiefbruder. Das Fenster stund auf, aber ich ging zur Tür hinaus, wie ich hineingekommen war. Am andern Tag kam die Einberufung, und es ging gleich fort; was nun mit dem Geld? Mitnehmen konnt' ich's nicht, so versteckte ich's, bis ich wieder käme – ich komm nimmer heim, so schenk ich dir's, du mußt es aber ewig geheim halten, um der Soldatenehre willen.« Leise und stockend kam dieser Bericht von den todesschwachen Lippen des Sterbenden, dann erhob er den Kopf etwas, tat einen langen Atemzug, als ob er noch etwas sagen wollte, doch plötzlich sank das Haupt zurück, die erhobenen Arme fochten wirr in der Luft umher – es mußte wohl aus sein, denn Heiner hörte keinen Atem mehr und er fühlte, wie der Körper des Armen schnell starr und eisig wurde.

Aber auch Heiner war an der Grenze seines Fühlens und Denkens angekommen, seine Schmerzen wurden unerträglich, die Schwäche nahm zu, bis endlich tiefe Bewußtlosigkeit seiner Qual eine Zeit lang ein Ende machte. Erst spät am Morgen, als es den Sonnenstrahlen gelang, den dicken Nebel, welcher über dem grausigen Totenfelde lag, zu zerteilen, fanden die Ambulanzen abseits in der Schlucht die zwei tapferen bayrischen Jäger in Lachen von halbvertrocknetem Blute liegen. »Die zwei sind auch eines tapfern Soldatentods gestorben,« sagte einer der Träger, »die verdienen ein ehrlich Soldatengrab.« »Halt! nicht so schnell!« sagte der andere, »der Lange da ist nicht tot, ich fühle deutlich seinen Herzschlag.« Hierauf bemühten sich beide Männer um den Bewußtlosen; sie legten schnell einen Notverband an, flößten ihm starke Tropfen ein, bis er wirklich etwas zu sich kam und hinweggetragen wurde. In dem kleinen, furchtbar überfüllten Städtchen Sulz, wo alle Straßen, Höfe, Häuser, Gärten und Plätze voll Verwundeter lagen, mußte er noch zwei Tage harren, bis endlich die Aerzte Zeit fanden, ihn richtig zu verbinden. Dann kam ein Wagen mit Mitgliedern der Sanitätskommission aus Mannheim, dahin wurde der Heiner mitgenommen und gut verpflegt. Als es möglich war, ihn weiter zu transportieren, kam er endlich im Oktober nach München, worüber er sehr froh war. Von nun an besserte sich Heiners Befinden entschieden. Noch in Mannheim war ihm der rechte Fuß vom Knie an abgenommen worden, ebenso wie die drei zerschossenen Finger der linken Hand hatten abgeschnitten werden müssen. Jetzt fing das Leben an ihn wieder zu interessieren. Monatelang, seit er überhaupt wieder zum Bewußtsein gekommen war, hatte es für ihn kein Vorher und kein Nachher gegeben, er hatte einzig dem Augenblick gelebt: der Zustand seiner Wunden, der Grad seiner Schmerzen, das tägliche Verbinden, die jeweiligen Mahlzeiten, damit war sein Interesse vollständig ausgefüllt gewesen. Selbst die Vorgänge auf dem Kriegsschauplatze hatten ihn nicht berührt. Jetzt, da er in München war, da er den heimischen Dialekt hörte, war es plötzlich, als ob seine Seele, welche alle die Zeit her in einer kalten Totengruft geschlafen hatte, zu neuem Leben erwacht sei. Die regste Teilnahme an den Vorgängen in Frankreich bewegte wieder sein braves Soldatenherz, er ließ sich alles erzählen und jubelte über die Siege der deutschen Waffenbrüder. Freilich, er vergoß auch manche Träne, daß er nicht mehr dabei sein konnte, besonders wenn er im Spital mit Kameraden zusammentraf, welche als geheilt wieder auf den Kriegsschauplatz zurückkehren durften. Er selbst wurde ja nie mehr diensttüchtig, nicht einmal für sein Gewerbe, seine Kunst, wenn man so sagen will, war er mehr brauchbar, darüber grübelte er jetzt viel nach. Der Heiner war nämlich ein gelernter und geschickter Geigenmacher und zugleich einer der besten Geiger seines Heimattales gewesen – damit war's nun auch vorbei. Mit noch etwas war's vorbei, und das war noch das Bitterste: mit seinen Hoffnungen auf die dunkeläugige Vronik, seines alten Meisters junge Tochter, die er durch Fleiß und Bravheit sich mit der Zeit zu erringen gehofft hatte. So lange hatte er sie nicht mehr gesehen, denn nicht von seinem Heimatsort M. aus hatte ihn die Kriegstrompete ins Feld gerufen, sondern von München aus, wo er seit anderthalb Jahren bei den ... Jägern stand, war er gleich bei der ersten Mobilmachung fort gekommen. Wenn er nun so da lag, zogen sie alle an seinem Geiste vorüber, die mannigfaltigen Bilder aus jener bewegten Zeit, von dem Abmarsch der Truppen bis zu dem Augenblick, da er von den Kugeln durchbohrt über die Weinbergmauer bei Weißenburg stürzte. Alles ging mit größter Klarheit an des Kranken Seele vorüber, oft und viel – aber weiter hörte lange Zeit jede Erinnerung auf, und doch wußte er sicher, daß er noch mehr erlebt hatte, aber was? was doch war es? Darüber grübelte er oft Tage lang. Plötzlich, in einer schlaflosen Nachtstunde, erschienen vor seinem Geiste wieder jene grausigen, schattenhaften Gestalten des Totenfeldes, und er hörte sie Leichenräuber und Bestien nennen, und nun vernahm er auch die gleiche schwache Stimme, die sie so genannt hatte, wie sie lechzend um einen Schluck Wasser flehte. Dann war aber noch etwas vorgekommen – was doch nur? Ja, das Sterben des armen Kerls, und hatte der ihm nicht etwas besonderes gesagt? etwas geschenkt oder anvertraut? – Doch, er hatte ihm einen Schatz vermacht, einen Schatz, der in einem hohlen Stein stecken sollte. Mit dieser letzten Erinnerung war aber nun eine weite Türe aufgetan, durch welche Phantasieen, Träume, Hoffnungen und Zweifel ohne Ende Einlaß bekamen in Herz und Kopf des Genesenden.

Was war's mit dem Geld? wie viel mochte es sein? würde er es auch finden? und wenn er's fände, was würde er damit anfangen? Könnte es nicht helfen ihm eine Existenz begründen, nun da es mit dem Geigenmachen doch vorbei war? – eine kleine Wirtschaft? ein Kramladen? Letzterer Punkt gab dann wieder zu überlegen für ganze Tage, ja für Wochen lang. Auch die Frage, woher der Verstorbene das Geld hatte, beschäftigte ihn; er hatte so wunderliches Zeug gesprochen von einer alten Frau und einem Stiefbruder, dem Tannensepp. Den Tannensepp kannte Heiner ein wenig, es war ein Holzknecht, eine lustige, leichtsinnige Haut, aber gutmütig. Daß der einen Stiefbruder hatte, wußte er nie, und doch mußte der Verstorbene dies gewesen sein.

Man erzeigte, wie überall in ganz Deutschland, auch in München den Verwundeten sehr viele Güte und Aufmerksamkeit, und da Heiner zu denen gehörte, die am längsten hier waren, und da er so geduldig und verständig war, so hatte er viele Gönner und Freunde unter den Männern und Frauen, welche häufig das Spital besuchten und sich der Verwundeten liebevoll annahmen. Sie alle interessierten sich lebhaft für sein ferneres Fortkommen, als es mit ihm der Genesung zuging, denn daß es mit dem Geigenmachen vorbei war, sahen sie alle ein. Die einen sprachen von Portierstellen, um die sie sich höheren Orts für ihn verwenden wollten; andere wollten ihn als Bahnwärter oder Kanzleidiener unterbringen. Heiner aber ließ sich zu nichts bestimmtem herbei, er sagte nicht ja und nicht nein, ihm lag das Vermächtnis im Sinn und der kleine Kramladen in dem heimischen Marktflecken am Fuß des Karwendel, und ehe er darüber im reinen war, konnte er keine bindenden Entschlüsse fassen.

So rückte der Winter vor, und auch auf dem Kriegsschauplatze rückten die Ereignisse immer weiter voran, es kam am 2. März der Einzug in Paris, dann der Friedensschluß, und ganz Deutschland atmete erleichtert auf. Unser Heiner hatte einen Stelzfuß, mit dem er schon ohne Krücken, nur mit einem einfachen Stock, ganz hübsch gehen konnte. Nun sollte er vor seiner völligen Entlassung noch eine Badekur in Baden-Baden durchmachen. Gerade am Tage vor seiner Abreise dahin erschien die Königin-Mutter, die gute Königin Marie, unter den Verwundeten, wie sie es häufig zu tun pflegte. Die hohe Frau hatte den Heiner schon früher gesehen und erkannte ihn sofort wieder. Sie freute sich, ihn so weit geheilt zu finden und fragte ihn über seine Zukunftspläne, und ob sie nicht etwas für ihn tun könne, ob er nicht einen besonderen Wunsch habe. »Majestät!« erwiderte Heiner auf ihre gütigen Fragen, »lassen's mich erst die Heimat aufsuchen, wenn ich dort nicht find' was ich such', komm ich wieder und stell' mich bei der Landesmutter ein.« »Sei es so!« sagte die gute Königin, »gehe erst in deine Berge und sieh dich um. Findest du nicht, was du suchst, so komme getrost zu uns zurück, dann findet sich bei uns immer etwas für einen, der so geduldig gelitten und so tapfer gekämpft hat.« So entließ sie ihn und fügte den gütigen Worten noch eine große Geldspende bei, »für den Anfang,« wie sie sagte.

Den Einzug der bayrischen Truppen feierte unser Held wieder in München mit und dann gings heim in die Berge! – Es war an einem sonnigen Junitag gegen Abend, daß Heiner mit einer ziemlichen Anzahl seiner Kameraden, teils invalide wie er, teils gesunde stämmige Gestalten, an der seiner Heimat nächst gelegenen Bahnstation ankam. Mit nicht endendem Jubel, mit Hurra- und Freudenrufen, mit Tränen der Wonne und Rührung wurden die Ankommenden von einer zahlreichen Menschenmenge begrüßt, dann ging es zu Fuß, in leichten Korbwagen, in allen möglichen Fuhrwerken nach allen Seiten auseinander. Die Leute aus M., welche kamen, die Ihrigen abzuholen, hatten einen großen Omnibus, dort Stellwagen genannt, mitgebracht. Dahinein schob nun jeder seinen Sohn, Bruder, Schwager, Vetter; nur für Heiner war keiner zum Abholen gekommen, der hatte keine Verwandte, stand allein auf der Welt – allein und ein Krüppel! Der Gedanke fiel ihm plötzlich schwer aufs Herz – doch er fand keinen Raum fürs Grübeln heute. Der Geigenheiner war ja auch ein M ... er Kind, alles bewillkommte ihn, man schob ihn auch zu den andern in den Wagen, und fort ging's längs der munter dahinfließenden Isar, in die Berge hinein, dem trauten Marktflecken entgegen. Heiners Herz schlug heftiger, je näher man der Heimat kam; er hatte doch gehofft unter den Entgegenkommenden seinen früheren Meister zu sehen, er hätte es für ein gutes Zeichen angesehen, nun nahm er's für ein schlechtes. Die andern mochten's ihm ansehen. »Gelt, daß der Pfeifer nicht mit kam!« sagte einer, »er hat halt Kunde bekommen, daß du die Hand zum Geigenmachen verloren.« »'s ist ein Knicker, ein Unpatriotischer!« sagte ein anderer. »Die Vronik wird schon mit ihm fertig, die ist dir gut!« sagte eine junge Frau, die ihm gegenüber saß, glückstrahlend, ihren Mann gesund wieder zu haben, und darum freundlich gegen die ganze Welt; »jetzt kommst mit uns und logierst bei uns!« »Nein, er muß mit uns!« »Nein bei mir muß er sein!« so hieß es nun von allen Seiten. »Ich danke schön, tausendmal! beim Pfeifer steht noch mein Kasten und all' mein Sach; wenn ich da nicht sein kann, wohn ich die paar Tag im Rebstöckl, bis ich wieder geh,« sagte Heiner, die Erregung bekämpfend.

Am Eingang des Fleckens wurden die Ankommenden wieder von einer großen Menschenmenge begrüßt, alles wollte die Helden sehen, die so Großes geleistet, alles wollte ihnen Liebe erzeigen und ihnen danken. Da stand nun doch auch der Pfeifer, er durfte heute nicht anders, denn mehr als dreiundzwanzig Häuser waren bereit, den Helden von Weißenburg zu beherbergen, da durfte er doch nicht anders, als ihm die alte Heimat gastfrei öffnen, und Heiner nahm es an, trotz fühlbarer Kälte des Alten; er sah nur die Tränen in ein Paar dunklen Augen, vor deren entsetztem Aufblicken, wenn sie seine zerschossenen Glieder sehen würden, er sich so gefürchtet hatte, und die ihn nun so lieb und gut anschauten, als sie ihm die Hand reichte und ihn willkommen hieß. Der erste Gang der Heimgekehrten war zum Bürgermeister, um die Papiere abzugeben. Dann wäre Heiner am liebsten allein gewesen, um sich heute noch nach dem Klosterhorn aufzumachen, wo der Schatz liegen sollte, denn es drängte alles in ihm nach Gewißheit über sein Schicksal. Aber an Alleinsein war nicht zu denken, es war ein ununterbrochenes Kommen und Gehen, ein Fragen und Erzählen, eine Rührung und Begeisterung ohnegleichen, alles wollte den Helden von Weißenburg und Wörth, von Sedan und Orleans, von Metz und Paris Ehre und Liebe erzeigen, denn auch in das stille Land der Alpen waren die Siegesrufe der Deutschen gekommen; vielleicht wußten manche nicht, wo Frankreich liegt, aber das wußten alle, daß die Deutschen Frankreich überwunden hatten, und daß Deutschland nun zusammen gehört. Am Abend kam alles in die Post, wo der Magistrat für die Heimgekehrten ein flottes Essen bestellt hatte und ein großes Faß Hofbräu anstechen ließ. Dabei ging's lebhaft zu mit Fragen und Erzählen. Heiner mußte staunen, wie viel sich während der zweieinhalb Jahre seines Fortseins ereignet hatte; wunderbare Sachen wurden berichtet. Plötzlich schlugen die Worte: »Tannensepp,« »Reiternandl,« »eingesteckt,« »Mörder,« »Verhandlung« an sein Ohr. »Wer ist eingesteckt, der Tannensepp?« fragte Heiner seinen Nachbar zur Linken, den dürren Ratsschreiber. »Kennst ihn auch noch, den lustigen Holzknecht von L., den Tannensepp?« fragte der Schreiber, »ja, das ist eine schlimme Geschichte! er sitzt nun schon seit elf Monaten in K. hinter Schloß und Riegel, und kein Mensch kann sagen, was draus wird.« »Ja, warum ist er denn eingesteckt?« fragte Heiner, dem der Atem auszugehen drohte. »Weißt du das nicht? Er hat ja die alte Reiternandl, seine Großmutter, umgebracht! Oder er hat sie auch nicht umgebracht, wer weiß? sie ist halt morgens tot und kalt in ihrer Stube neben der offenen Geldtruhe gelegen und ein Holzknecht von O. hat in derselben Nacht den Sepp aus ihrem Fenster raussteigen und in den Wald laufen sehen. Dort hat man ihn festgenommen, und es heißt, er habe die 82jährige Nandl umgebracht und ihr Geld geraubt, denn die Truhe war ganz leer und weit offen. Die Doktoren haben alles ausgesucht nach den Mordspuren an ihrem Körper, aber keiner hat was gefunden, nichts als Herzschlag, und der Sepp leugnet den Mord noch immer. Jetzt, wenn er nur das Geld nicht fort hätte, so könnt' er vielleicht besser wegkommen. Da man ihm den Mord nicht beweisen kann, könnt man ihm vielleicht glauben, daß er die Alte nur zum Spaß hat erschrecken wollen, und daß sie an einem Herzschlag plötzlich gestorben ist, aber das Geld ist halt fort, und das deutet auf böse Absicht und das verdirbt ihn.«

Weiß man denn so sicher, daß sie Geld hatte, die Nandl?« fragte Heiner tief erregt. »Wie dir der Fall ans Herz greift, Geigenheiner! bist ganz totenblaß! kommt wohl noch von der Schwäche!« sagte der Schreiber mitleidig, – »aber was die Reiternandl betrifft, die hat freilich Geld gehabt, viel Geld; es war ihre einzige Freud, ihr Geld zu zählen und dem Tannensepp seine Späße zu hören, davon lebte sie, so ist sie auch daran gestorben, so oder so, wer weiß? Noch acht Tage vorher hat sie 2000 fl. in lauter Dukaten vom W. in L. eingenommen für die alte Sägmühle nahe der B...nitzer Klamm. Der Sepp gesteht, daß er selbst dabei war, wie sie das Geld in die Truhe legte, aber daß er weiß, wo es hingekommen ist, das leugnet er fest, und bis er das gesteht, muß er halt sitzen. Uebermorgen ist die Schlußverhandlung in K., da wird's ihm wohl um den Kragen gehen, es sind viele Zeugen vorgeladen, auch von hier einige; werd wohl auch hingehen zum Zusehen, das ganze Tal wird auf den Beinen sein, wer kennt nicht den Tannensepp?« »So so, übermorgen,« sagte Heiner nachdenklich, dann sagte er nicht mehr viel, mochte auch nicht mehr weiter trinken; er wolle bald ins Bett, er sei noch immer etwas müde, sagte er und verabschiedete sich lange vor den andern. – »Schad um den Heiner! der strammste Bursch im Flecken und so geschickt und brav, und jetzt so elend verschossen und zugerichtet heim zu kommen!« sagte der Posthalter, der es als den Gipfel des Elends ansah, fort zu gehen, ehe das Faß leer war, und vollends Hofbräu! – »Es war fürs Vaterland, die Ehre wird er immer haben und einige Pension wird auch nicht ausbleiben, denke ich. Wenn er nur so ein tausend Gulden hätte, daß er so ein kleines Geschäft anfangen könnt! Wär ich der Pfeifer, ich wollt ihm die Vronik geben und das Geld dazu, er ist so brav, und wer weiß taugt er später auch wieder zum Geigenmachen,« sprach der Rechtsschreiber mit einem Blick auf den Pfeifer. »Von der Ehre und vom Bravsein lebt man nicht, und so eine Pension ist zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben,« entgegnete dieser. »Tausend Gulden, ja, wenn er die hätt! Aber die schenkt ihm keiner, tausend Gulden ist kein Pappenstiel, die wirft man nicht nur so hin, und sein einziges Kind gibt man auch nicht nur so mir nichts dir nichts aus Patriotismus her. Mit dem Geigenmachen aber ist's aus beim Heiner, die Hand ist steif und die Finger weg, wo soll's da!«

Ähnliche Gedanken raubten auch dem armen, tief erregten Heiner Ruhe und Schlaf in dieser Nacht. Nur, daß dabei der Schatz am Klosterhorn ihm nicht aus dem Sinn kam und er immer an den armen gefangenen Tannensepp denken mußte. »Wenn sich das Geld wo anders fände als bei ihm, könnte er gerettet sein!« Dies Wort des Schreibers klang ihm immer in den Ohren. Nun hatte er zwar das Geld noch gar nicht, hatte noch nicht einmal darnach suchen können, aber wenn er es nun fänd', war es dann nicht seine Pflicht, es alsbald herzugeben? Durfte er es behalten? war es denn nicht vielmehr ein Raub? Aber der Verstorbene hatte es ihm doch geschenkt, vermacht, hatte eigens gesagt, er wolle nicht, daß der Tannensepp es bekomme, oder daß andere davon erfahren. »Du sollst es geheim halten um meiner Soldatenehre willen.« Wird er nun nicht wortbrüchig, befleckte er nicht die Ehre eines fürs Vaterland Gestorbenen, wenn die Sache durch ihn auskam? Das konnte nicht sein, nimmermehr! Aber das Geld heimlich behalten, sich ein Lebensglück damit gründen, während der Tannensepp vielleicht lebenslänglich im Gefängnis schmachtete, wahrscheinlich unschuldig! wie konnte bei Segen sein? War das der Dank gegen Gottes Vatergüte, welche ihn errettet und geheilt und heimgeführt hatte, wo so viele, die besser waren als er, draußen lagen in fremder Erde und nie mehr die blauen Berge der Heimat sehen dürfen. Nein, so schlecht konnte er nicht sein. Aber halt! noch gibt's vielleicht einen Ausweg: Wenn er das Geld läßt, wo es ist, wenn kein Mensch davon erfährt, so ist der Soldatenehre des Verstorbenen alle Genüge geschehen, und er selbst besudelt sich die Hand nicht mit unrechtem Gut. Ja, das ist das beste, und ich werd's ja mit Gottes Hilfe fertig bringen, auch wenn die Versuchung noch oft mächtig werden wird, denn herb wird's gehen. Aber dennoch, was nutzt es dem Sepp, wenn das Geld ewig in dem Stein beim Klosterhorn stecken bleibt? Das Gericht wird ihn als Mörder verurteilen, obgleich mein Zeugnis ihn retten könnte. Was ist da das rechte, für einen Soldaten ehrenhafte, für einen Christen heilsame?

So jagten sich die Gedanken in des Geigenheiners Hirn; erst gegen Morgen fiel er in einen unerquicklichen Schlummer.

Noch lagen tiefe Schatten über den hohen Dächern des malerischen Marktfleckens, nur in der Lücke gegen Osten lag eine wunderbare Röte über den Bergen und tauchte ihre zackigen Spitzen wie in rotflüssiges Gold. Heiner erquickte seine müde Seele an dem Anblick. »Nein! frei! himmelan strebend wie die Berge, so soll ein rechtes Soldatenherz gestellt sein. Jetzt ist mir's klar. Ehe ich einen Schritt tue, um nach dem Mammon zu suchen, gehe ich nach K. vor Gericht und zeige die Sache an; noch heute gehe ich hin. Mag es dann kommen, wie es will, mein Gewissen ist frei.« – Unter diesem Entschluß kleidete Heiner sich mit echt soldatischer Pünktlichkeit an, steckte seine Papiere zu sich und ging hinunter in die Stube, wo der Meister schon mit dem Kaffee auf ihn wartete. Vronik hatte Strauben dazu gebacken, alles war so niedlich und reinlich, die herrliche Bergluft strömte zu den offenen Fenstern hinein. »Ach, bei euch ist's gut sein!« rief Heiner, »das ist anders als die Spitalluft; wenn man's immer so haben könnte!« Da sah ihn die Vronik so lieb und gut an, als wollte sie sagen: »Bleibe halt immer, du Guter!« Aber der Alte, der gerade auf seinen Kaffee noch einen kleinen Enzian setzte, brummte unfreundlich: »'S ist überall gut sein, wo man sein gutes Brot hat, auch in der Stadt, und dort sollen sie's ja so gut mit dir meinen, wie der Hudermaxel gestern gesagt hat, der's selbst gehört haben will.« »Ja sie waren gut zu mir, die vornehmen Leut, sogar die Frau Königin; es wird mir nicht an einer Stelle fehlen. Für heut aber muß ich nach K., könnt ihr mir sagen, ob der Stellwagen noch um sieben Uhr dahin abgeht? Zum Gehen ist's zu weit für meinen Fuß.« Bei Erwähnung des Fußes traten der Vronik schon wieder die Tränen in die Augen, worüber Heiner die Frage des Pfeifer: »Nach K.? warum dahin?« überhörte. Doch die Neugierde des Alten gab keine Ruhe: »Freilich, der Stellwagen geht um sieben, aber was tust nur in K.?« fragte er wieder. »Ich muß nach dem Gericht wegen dem letzten Vermächtnis eines sterbenden Kameraden,« sagte Heiner. Der Alte hörte nur das eine Wort: »Vermächtnis« und stürzte sich förmlich darauf. »Wegen einem Vermächtnis, so so, das läßt sich hören, das freut mich, ist's viel? Geld heilt alle Schäden, es deckt alle Gebrechen zu; Geld ist auch eine Arbeitskraft, die beste sogar, wenn's nur viel ist!« rief er gierig. Vronik war bei ihres Vaters unzarter Frage blutrot geworden und zur Türe hinausgeeilt, während Heiner dem Alten ruhig entgegnete: »Es handelt sich nicht um meine Person, Meister, ich nannte den Auftrag des Kameraden so, weil er gleich darauf starb. »Schade!« sagte der Alte, »aber du mußt eilen, wenn du mit dem Stellwagen fort willst,« und dann ließ er sich noch einen Enzian schmecken, um die Strauben zu verdauen. Der Heiner mußte es doch nicht so eilig haben; ehe er zur Haustüre ging, steckte er erst den Kopf einen Augenblick zur Küchentüre hinein, nach der Vronik zu sehen. Die saß auf der Holzbank und trocknete sich die Augen mit dem Schürzenzipfel. »Vronik«, sagte er und trat nahe zu ihr hin, »gräme dich nicht um meine Krüppelhaftigkeit, das ist halt jetzt mein Schicksal und Soldatenlos. Die einen dürfen sterben fürs Vaterland, die andern werden zu Krüppeln geschossen; das erste ist wohl das bessere.« »O Gott, nein!« rief die Vronik, »da hätt ich dich ja nimmer gesehen.« »Und wär dir das leid gewesen, Vronik?« fragte er und legte den Arm um ihre Gestalt. »O, so leid, daß ich an dem Leid gestorben wäre,« rief sie weinend. »Und jetzt?« frug er, »jetzt graust's dir von dem verschossenen Heiner? hast ihn nimmer lieb?« »O Heiner!« rief sie, »noch viel, viel lieber, als da sie dich den stattlichsten Burschen im Marktflecken nannten, und weißt, ich geh mit dir, wohin du willst, es ist ja alles ums Vaterland.« »Freilich, ums Vaterland!« jauchzte der glückselige Heiner, »da nimm fürs Vaterland einen Kuß, du Gute!« Damit eilte er schnell zur Türe hinaus und die Straße hinab.

Heiterer als seit langer Zeit legte der Heiner in seinem schwerfälligen Fuhrwerk den mehrstündigen Weg nach der Amtsstadt K. zurück. War er doch auf dem Wege, das rechte zu tun, und wußte er jetzt, daß die Vronik ihn liebte trotz allem und allem. Als er in K. ankam, ging er geradeswegs ins Gerichtsgebäude und verlangte den Amtsrichter zu sprechen. Der invalide Soldat wurde sogleich vom Amtsrichter empfangen und aufs freundlichste nach seinem Begehren gefragt, und wie er sich vorgenommen hatte, so erzählte er nun genau und ausführlich jenes Erlebnis in der Nacht nach dem Kampf um Weißenburg. Er verhehlte nicht, daß er allerdings im Sinne gehabt, das von dem Sterbenden ihm vermachte Geld sich anzueignen, wenn er es fände, und daß er alle die Zeit es so betrachtet habe, als ob Gott ihm eben den Schatz als eine Nachhilfe schicken wolle, weil er durch seine Invalidität um seinen Erwerb gekommen sei. Nun habe er gestern abend erfahren, daß der Holzknecht Tanner als Mörder der alten Reiternandl gefänglich eingezogen sei, und daß seine Unschuld nur dann zu ergründen wäre, wenn das Geld, daß ihr geraubt worden, wo anders als bei ihm aufgefunden würde. Daraufhin sei es ihm klar geworden, daß es seine Pflicht erheische, die Sache bei Gericht anzuzeigen, noch ehe er selbst den Ort aufsuche, wo der Schatz verborgen sein solle. »Das ist sehr korrekt gehandelt«, sagte der Richter, »sehr korrekt; und wie hieß der Mann, der Euch sterbend die Sache mitteilte?« »Wenn es nötig sein wird, muß ich ja auch wohl seinen Namen nennen, vorerst möchte ich ihn verschweigen, ein einem toten Kameraden gegebenes Versprechen bricht man nicht ohne Not,« entgegnete Heiner. »Wenn sich nun aber das Geld garnicht finden sollte?« fragte der Richter zweifelnd. »Dann habe ich das Meinige getan, und die Sache steht nicht schlechter für den Sepp als jetzt; nicht, Herr!« sagte der Invalide. »Könnte aber Eure Angabe nicht den Verdacht erwecken, als ob Ihr unter einer Decke – verzeiht, ich für meine Person habe ja entfernt keinen solchen Gedanken – unter einer Decke mit dem Tannensepp steckt, oder ob Ihr nicht gar das Geld genommen und Euch mit der Anzeige für alle Zeiten sicher stellen wollt.« »Das ist nicht zu fürchten!« entgegnete Heiner, sich hoch aufrichtend, »als die Sache hier vorkam, war ich seit anderthalb Jahren in München in der Kaserne und bereits ins Feld gerückt. Der Verstorbene, den ich früher nicht kannte, wurde erst einberufen, als wir schon fort waren. Ob das Gericht jetzt meiner Angabe Gewicht beilegen will oder nicht, ist seine Sache; ich glaubte so handeln zu müssen, wie ich getan und kann nun gehen, wenn der Herr Amtsrichter erlauben.« Damit schickte er sich an, militärisch stramm grüßend, das Zimmer zu verlassen. Doch der Amtsrichter hielt ihn zurück und rief: »Im Gegenteil, Bendler! Eure Eröffnungen sind uns äußerst wichtig, und ich wollte Euch gewiß nicht beleidigen, es ist nur so eine üble Angewohnheit von uns Juristen, eine Sache immer zweifelnd von allen Seiten zu beleuchten, ehe wir uns hingeben. Also seid versichert, ich sehe Eure Handlungsweise als eine höchst ehrenwerte an und danke Euch für das Vertrauen, das Ihr uns damit gebt. Nun aber fehlt uns doch noch eines, wie heißt der Ort, wo der Schatz verborgen sein soll?«

»Das ist nun wieder so ein Punkt,« erwiderte Heiner leicht lächelnd, »den ich nicht vorher sagen möchte.« Warum nicht?« fuhr der Richter auf. »Hätte ich nicht zuerst den Ort allein aufsuchen und erst, wenn ich das Geld gefunden, dem Amt Anzeige machen können?« sagte Heiner. »Ich dachte mir aber, du sagst die Sache dem Gericht im Vertrauen, wie man ja einem Menschen zuweilen auch etwas im Vertrauen sagen kann. Ist es dem Amt recht, so geht vielleicht der Richter selbst mit mir, ganz allein, und wir untersuchen die Sache in aller Stille und ohne Lärm. Findet sich das Geld, gut! findet sich's nicht, so hat man keinen blinden Lärm gemacht und ist nicht blamiert; unter dieser Voraussetzung allein möchte ich erst den Ort nennen.« Der Richter war fast betroffen über die entschiedene Antwort des jungen Invaliden und blieb einige Zeit nachdenklich. Doch alsbald hellten sich seine Züge auf, er reichte Heiner die Hand und sagte: »Ihr seid ein kluger Mann, Bendler! und ein ganzer Soldat; sei es denn, wie Ihr sagt. Wir beide behalten vorerst die Sache ganz unter uns, und wenn es nicht zu ferne ist, gehen wir sogleich zusammen auf die Suche nach dem Schatz. Ist der Ort weit fort?« »Ein Einspänner könnte uns bis Mittag hinbringen,« erwiderte Heiner, »und lange Zeit wird die Sache nicht erfordern, entweder liegt das Geld dort, oder es liegt nicht dort.« »Das läßt sich auch hören!« sagte der Amtsrichter, »übrigens gestehe ich, daß mich die Geschichte interessiert, und daß ich gerne in Eurer Gesellschaft diese interessante Fahrt unternehmen möchte. Ein Protokoll soll über Eure Aussagen aufgenommen werden, ich will es selbst schreiben, damit alles unter uns bleibt; mein Diener soll einstweilen ein Fuhrwerk bestellen, da werde ich aber doch wohl erfahren dürfen, wohin die Reise eigentlich gehen soll?« fügte er lächelnd bei. »Wenn es dem Herrn Amtsrichter genehm ist, fahren wir vorerst nach B., lassen dort den Kutscher zurück und gehen noch eine kleine Strecke zu Fuß,« entgegnete Heiner höflich, aber bestimmt.

Eine Stunde später fuhr ein Einspänner mit den beiden zwischen den Felsenriesen des Karwendel- und Wettersteingebirges, an der Seite des mit jugendlichem Uebermut lustig zwischen Geröll und weidenbewachsenen Inselchen dahineilenden Isarstromes dem Gebirgsdorfe B. zu. Unterwegs hatte der Richter ganz und gar die Amtsmiene daheim gelassen und Heiner so vertrauensvoll und freundschaftlich behandelt, daß diesem das Herz aufging und er offen und frei über seine Lage sprach. »Es ist keine Kleinigkeit,« sagte er unter anderem, »als Krüppel heimzukommen, untüchtig für das Geschäft, das man liebt und gründlich versteht! Da fragt man sich wohl, was soll jetzt werden? In München wollten sie mir wohl irgend so eine Gnadenstelle geben, aber ehe ich mich dort einkerkern lasse, mußte ich erst nochmals unsere Berge sehen und Gebirgsluft atmen und, ich gestehe es, nach dem Schatz suchen. Daß er nicht mein Eigentum wäre, daran zweifelte ich niemals, bloß am Finden. Nun der Schrecken, als ich gestern die Geschichte mit dem Tannensepp erfahre!« »Was hat Euch eigentlich zu der Anzeige bewogen?« fragte der Richter. »Nun, Herr! man hat doch sein Gewissen!« rief Heiner. »Wie könnte ich mir mit dem Gelde wohltun, während es dem Tannensepp vielleicht zur Freiheit verhelfen, seine Unschuld an dem Mord beweisen kann?« »Ihr seid ein ehrenwerter Mann! höchst ehrenwert!« rief der Richter bewegt und drückte dem Heiner die eine, gesunde Hand. »Mag es jetzt gehen, wie es wolle, Ihr habt gewiß Gottes Segen davon.«

Unter solcherlei Gesprächen waren sie allmählich auf die Höhe gekommen. Es ging nun rechtsab der Straße, zu Fuß in das Felsental der B...nitzer Klamm hinein. Noch waren sie keine Viertelstunde gegangen, so sagte Heiner, auf eine große Felsenmasse, die wie eine Festung vom Boden aufragte, deutend: »Sehen Sie, Herr! das ist der Klosterstein, das ist unser Ziel.« »Getraut Ihr Euch da hinauf mit Eurem Fuß?« fragte der Richter. »Es muß schon gehen!« erwiderte Heiner. Doch kostete es ihn saure Tritte und der Amtsrichter mußte ihn mehrmals kräftig unterstützen, bis sie endlich auf der Platte oben ankamen. »Nun, dort um die Ecke! sehen Herr Amtsrichter den Durchschlupf? Da müssen wir durch. – So, jetzt wären wir da! »Zwei große Steinblöcke übereinander, man nennt sie die Reiter« – so sagte er. Richtig, im untern soll eine Höhlung sein, dahinein hat er's versteckt.« »Eine Höhlung!« sagte der Amtsrichter, nachdem er längere Zeit die Steinblöcke von allen Seiten umgangen und betrachtet hatte. »Da ist keine Höhlung, die Sache ist Schwindel; vielleicht war Euer Kamerad schon nicht mehr ganz bei sich.« Heiner sagte kein Wort; bleich vor Aufregung suchte er an dem Block herum, der an vielen Stellen vertieft und zerklüftet, fast überall mit Moos bewachsen war. Endlich zog er sein starkes, langes Taschenmesser heraus und begann rings um den Block das Moos abzukratzen, doch lange Zeit vergeblich. Plötzlich rief er: »Da könnt's sein! das Loch ist künstlich zugemacht! Da sehen doch der Herr Amtsrichter einmal her! Richtig sah dieser nun auch, daß mehrere Steine künstlich in eine Oeffnung eingekeilt war. Diese Steine galt es nun zu entfernen, was keine leichte Arbeit war, da die beiden Männer keine Werkzeuge bei sich hatten, als ihre starken Messer. Endlich war der erste Stein entfernt, da steckte noch einer, der war wie hineingewachsen. Nach großer Mühe war auch dieser entfernt, dann ein dritter, ein vierter, bis endlich eine Höhlung von Armeslänge offenlag und Heiner mit seinem langen Messer auf etwas stieß, das einen eigenen, metallenen Klang ergab. »Der Schatz!« rief er, »er ist's!« und wurde bleich bis in die Lippen. »Langen Sie hinein, Herr! mir schwindelt's, ich kann nicht,« sagte er. Der Amtsrichter war kaum weniger ergriffen als Heiner, doch langte er hinein, soweit sein Arm reichte. Richtig, da lag etwas, eine Blechschachtel war's; er hatte ordentlich daran zu heben, bis er sie hervorgeholt hatte. »Soll ich sie öffnen?« sagte er erregt, »sie ist ziemlich verrostet, aber es muß doch gehen.« Damit schob er die Klinge seines Messers geschickt zwischen den Deckel und Rand der Schachtel. Ehe sie sich's versahen, sprang der Deckel weg, jetzt noch eine Hülle ziemlich vermoderten Papiers entfernt, und da lagen sie wahrhaftig da, ein ganzer Haufen, meist Dukaten und Zwanzigfrankstücke!

»Das mögen 2-3000 fl. sein!« rief der Richter überrascht. Heiner sagte nichts, aber er zitterte und war totenbleich und der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirne. »Das wäre jetzt mein, und ich könnte ein Geschäft anfangen und die Vronik – – .« »Armer, braver Mann!« unterbrach ihn der Amtsrichter, »nur jetzt keine Reue! Ihr beraubt Euch sonst selbst an Eurem Schatz, Eurem freien, ehrlichen Willen; seid getrost, den Aufrichtigen läßt's Gott gelingen!« »Es ist schon vorüber! der Anblick des vielen Geldes hat mich nur einen Augenblick übermannt,« sagte Heiner. »Jetzt,« sagte der Amtsrichter gerührt, »fahren wir zusammen nach K. zurück, und da übermorgen die Schlußverhandlung wegen dem Tannensepp stattfindet, wo Ihr doch als einer der Hauptzeugen gegenwärtig sein müßt, bleibt Ihr gleich da. Ich werde sogleich hernach diese wunderbare Lösung der Sache dem Staatsanwalt mitteilen. Wenn es sich nur mit meiner amtlichen Stellung vertrüge, müßtet Ihr bei mir im Hause sein, denn Ihr seid mir sehr lieb und wert geworden, Heiner! Aber weil dies nicht angeht, laßt's Euch wohl sein im Rosenstöckl auf meine Kosten.« »Herr Amtsrichter sind allzu gütig; darf ich eine Frage tun?« sagte Heiner in seiner soldatisch kurzen Art. »Alszugefragt!« lächelte der Richter, »Ihr denkt gewiß an den Sepp?« »Ja, an den denk ich!« sagte Heiner, »ob seine Unschuld nun klar ist? ob er jetzt frei wird? heute schon?« »Halt, Freund! so schnell geht's unmöglich. Was sich da zwischen uns ereignet hat, war ja alles nur privatim, jetzt muß die Sache erst vor das Gericht gebracht werden. Uebrigens ist der arme Sepp schwer krank und mußte vor einigen Tagen ins Spital gebracht werden. Hoffentlich wird er bis übermorgen etwas besser!« »Sollte ihm die Nachricht von dem entdeckten Geld nicht am ersten dazu verhelfen?« erlaubte sich Heiner zu fragen. »Amtlich kann ihm noch nichts mitgeteilt werden, aber wenn Ihr den armen Kerl in seiner Spitalzelle besuchen wollt, verschaffe ich Euch gern die Vollmacht,« sagte der Richter. »Und darf ich ein wenig aus der Schule schwätzen, Herr Amtsrichter?« »So schwätzt halt, schaden kann's nicht und bringt ihn vielleicht für übermorgen auf die Beine.«

Der folgende Tag war sehr bewegt für den Heiner: Des Verhörens, Ausfragens, zu Protokoll gebens war kein Ende. Doch wurde ihm erlaubt, zwischen zehn und elf Uhr den Gefangenen in seiner Zelle zu besuchen. Heiner hätte den kräftigen, immer lustigen Holzknecht nicht wieder erkannt. Erdfahl, abgemagert, schwach lag er da, das Licht seiner früher so froh blitzenden Augen war zu einem heißen, düstern Hinstarren geworden. Die Stimme, deren Jodler und Schnadahüpferl sonst durch Berge und Täler klang, war kaum zu vernehmen. »Schön, daß du kommst, dich nicht an mir scheust,« sagte er düster, als ihn der Wärter anmeldete und Heiner ihm die Hand reichte, »hättest den Tannensepp wohl nimmer erkannt?« »So wenig wie du den Geigenheiner, wir haben beide in dem Jahr viel erlitten!« sagte Heiner bewegt. »Ja, nur mit dem Unterschied, daß du deine Narben fürs Vaterland trägst und dich alle Welt darum ehrt, und daß ich armer Lump von jedermann verachtet und verflucht seit Jahr und Tag da herin steck,« stöhnte der Kranke. »Und doch bin ich unschuldig gefangen, ich schwör dir's, Heiner! ich bin kein Mörder, bloß ein leichtsinniger Lump, und dafür muß ich mein Leben lassen.« »So weit kommt's nicht,« sagte Heiner, »die Doktoren haben ja an der Reiternandl gar nichts gefunden, was auf Mord deutet, und daß ihr Geld ein anderer geholt hat als du, ist nun auch heraus.« »Ist's heraus!« schrie er auf und wurde blaurot im Gesicht, daß der Wärter herzusprang und meinte, er müsse ersticken. Als er wieder Atem hatte, fuhr er fort: »Ist's da? wo ist's? wer hat's? O sag's, Heiner! ich bitt dich um Gotteswillen, sag's!« »Ich kann dir heute nicht alles sagen, aber deine Unschuld ist aufgeklärt, und du wirst frei, morgen schon!« sagte Heiner und fügte ernst hinzu: »Ja, du wirst wieder frei und der alte, lustige Tannensepp wie vergangenes Jahr; ich bleib auch der Geigenhemer, aber ohne Geigen, und ein armer Krüppel für mein Lebtag.« »Sei zufrieden, Heiner, du warst nie im Gefängnis wegen Mord und Raub, das wäscht die Isar nicht ab, wenn sie mich auch frei geben; ich wollt gleich mit dir tauschen. Aber jetzt erzähl' nur, wo das Geld gefunden wurde!« »Morgen ist auch noch ein Tag, da wird man ja alles erfahren; jetzt ist die Zeit um!« fiel der Wärter ein. »B'hüt Gott, Heiner!« seufzte der Tannensepp und fiel auf sein Lager zurück. »Dein Kommen war die Erscheinung eines Engels.«

Es ist hier nicht Raum dazu, ausführlich die Gerichtsverhandlung zu schildern, zu welcher sich am folgenden Morgen eine ungeheure Menschenmenge herbeidrängte. Aus des Staatsanwaltes anschaulicher Schilderung der Ereignisse, welche mit dem plötzlichen Tode der Nandl Wurzbacher, der sogenannten 82jährigen Reiternandl zusammenhingen, sei nur folgendes erwähnt: Die Nandl hatte keine Anverwandten mehr außer ihrem Enkel, dem vierzigjährigen Holzknecht Joseph Tanner und einem zugeheirateten Stiefenkel, dessen Name jetzt auf der schwarzen Marmortafel in der Kirche zu B. eingeschrieben steht unter den andern fürs Vaterland gefallenen Landessöhnen. Er gehörte der Reserve an und mußte am 26. Juli, dem Tage nach der Nandl Tod, mit einigen andern Kameraden nach Frankreich abmarschieren, so daß es niemand einfiel, ihn mit dem plötzlichen Tode der alten Frau in Verbindung zu bringen, besonders da Joseph Tanner selbst eingesteht, daß sie vor seinen Augen plötzlich umgefallen und gestorben ist. Diesen, den Joseph Tanner, hatten mehrere, hier als Zeugen anwesende Personen am Abend des 25. Juli stark angetrunken im Waldhorn zu B. gesehen wo er in seiner Art mit Späßen und Jodeln die ganze Gesellschaft belustigte, bis er mit dem Schuster Z. von I. Händel bekam und dieser ihn aufforderte, 18 fl., die er ihm für Stiefel noch schulde, zu zahlen. Und da hierauf alles lachte und den Schuster mit seiner Forderung aufs Jenseits vertröstete, weil der Tannensepp nie Geld habe, schrie dieser, er wolle noch heute Nacht das Geld dem Schuster an den Kopf schmeißen. Auf das allgemeine Gelächter und Fragen, woher er's bringen wolle, hatte er erwidert: »Ihr sollt schon sehen, meine Ahne hat nicht umsonst so viel Geld für die B...nitzer Mühle eingenommen, bei der hol ich's, und wenn ich ihr den Schädel einschlagen müßt.« Unter Gelächter und Spott lief er dann fort und man achtete seiner nicht weiter. Später am Abend hat ihn einer der anwesenden Zeugen in der Dunkelheit aus dem Fenster des Häuschens herausspringen und in den Wald laufen sehen. Als er am folgenden Morgen gefänglich eingezogen und verhört wurde, leugnete er beharrlich, weder die alte Frau getötet, noch ihr Geld berührt zu haben. Bei dieser Aussage blieb er bis heute. Er gesteht, daß er allerdings im Rausch und in der Wut über den Schuster und die Hänseleien der Leute fortgelaufen sei nach dem Häuschen an der B...nitzer Klamm, wo die Reiternandl wohnte. Er habe sie durch das offenstehende Fenster gesehen, wie sie eben an ihrer offenen Geldtruhe kauerte und ihre Goldstücke zählte; da habe er einen Spaß machen und sie ein wenig erschrecken wollen und sei schnell zum Fenster hineingestiegen und habe ihr auf die Schulter geklopft, vielleicht mit Geschrei, das wisse er nicht, darüber müsse sie wohl so erschrocken sein, denn sie sei plötzlich umgefallen und tot dagelegen. Darüber habe ihn ein solcher Schrecken erfaßt, daß er, ohne sich um das Weib oder ihr Geld oder sonst etwas umzusehen, wieder zum Fenster hinausgesprungen und dem Wald zugerannt sei, wo er sich die Nacht über in einer Holzhütte versteckt gehalten habe. Da wurde er denn am folgenden Morgen von den Landjägern gefunden und eingeliefert. Da die untersuchenden Aerzte trotz dieser schweren Verdachtsgründe keinerlei Anzeichen, welche auf einen gewaltsamen Tod schließen ließen, bei der Nandl fanden, sondern einen Herzschlag konstatierten; da auch der Gefangene beharrlich leugnet, das Geld, welches unfraglich vorhanden war, genommen zu haben, so haben sich die Verhandlungen bis heute zu keinem Abschluß bringen lassen; es ist auch sehr fraglich, wie sich die Sache schließlich gewendet hätte, wenn nicht in letzter Stunde ein Ereignis eingetreten wäre, welches die Staatsanwaltschaft nötige, auf Freisprechung des Joseph Tanner anzutragen. Nun erzählte er ausführlich und getreu Heinrich Bendlers, gerade des Geigenheiners Erlebnis nach der Schlacht von Weißenburg, seine ehrenhafte, selbstlose Angabe bei Gericht und das schließliche Auffinden des Geldes, womit nun der Verdacht des Mordes nicht nur, sondern auch des Raubes von seiten des Joseph Tanner hinfällig geworden sei. »Was er etwa,« so schloß der Staatsanwalt, »durch Leichtsinn und Rausch, indem er unbewußt die alte Frau erschreckte, gefehlt haben mag, darf wohl durch elfmonatliche Haft als gesühnt betrachtet werden, und wir tragen deshalb auf sofortige, völlige Freisprechung des Gefangenen durch die Geschworenen an.«

Bei diesen Worten, welche von der dichtgedrängten Menge mit lautloser Stille angehört worden waren, brach nun alles in einen nicht endenwollenden Jubel aus; »Der Tannensepp ist unschuldig! Hurra dem Tannensepp! Der Geigenheiner ist sein Retter, hurra dem Geigenheiner! Der brave, der tapfere Heiner soll leben hoch! hoch!« So ging es lange fort, bis endlich Ruhe geboten wurde und die Verhandlung ihren Fortgang nahm, und bis schließlich gegen Abend der Spruch der Geschworenen, der auf völlige Freisprechung lautete, verkündet wurde.

Schon während der Verhandlung hatte man Anwandlungen von Ohnmachten am Sepp bemerkt, jetzt konnte ihn Heiner gerade noch mit seinem Arm auffangen, denn der Arme brach nun völlig zusammen. Heiner hielt ihn, bis er sich etwas erholt hatte, dann geleitete er ihn durch einen menschenleeren Gang ins Freie und setzte sich mit ihm auf eine Bank. Doch auch hier war alsbald wieder eine Menschenmenge um die beiden versammelt. »Kommt mit zum Brücklwirt! er hat neuen Anstich und wir halten euch frei,« riefen alle; Sepp schüttelte das vorzeitig ergraute Haupt und hielt sich fester am Heiner. »Nit zum Brücklwirt, Heiner! ins Bett!« flüsterte er, und da Heiner keinen bessern Rat wußte, brachte er den Kranken mit Hülfe einiger andern ins nahe Wirtshaus zum Rosenstöckl, wo er selbst logierte, und legte ihn in sein eigenes Bett.

Schon seit einer Woche war der Sepp im Rosenstöckl, zu krank, um das Bett verlassen zu können. Heiner, an den er sich mit wahrer Leidenschaft anklammerte, pflegte ihn wie einen Bruder, obwohl er sich in der Stille wohl sagte, daß er eigentlich längst auf dem Weg nach München sein sollte, um sich nach einer Stelle umzusehen. Natürlich kamen täglich und stündlich Besuche von nah und fern, um, in Neugierde oder in Liebe, sich die Helden des Tages anzusehen und ihnen irgend eine Freude zu machen, einen Dienst anzubieten. Heiner tat die Liebe wohl, aber Sepp waren alle Menschen außer seinem Heiner lästig, besonders widerten ihn seine Kameraden von früher und die Erinnerung an ihr wildes Treiben an. »So ein Jahr Gefangenschaft gibt wohl zum Nachdenken, und wenn man immer den Tod durch den Henker vor Augen hat, vergehen einem die Spässe aus dem Grund,« sagte er. »Daß ich schnell dem Tod entgegengehe, weiß ich und ist mir lieb, aber du, Bruderherz! bist schuld, daß es nicht der Henkerstod ist, sondern ein frommer Christentod; das dank ich dir ewig.« Dann sagte er wieder einmal: »Glaub's, Heiner! ich hab beten gelernt in der langen Leidenszeit.« »Ich auch!« sagte Heiner, »sonst hätt ich's nicht durchgemacht, sonst ertrüg ich's heute nicht, so ein elender Krüppel zu sein.« Unter den Besuchern, die sich des Sepp und des Heiner besonders annahmen, war der Amtsrichter der erste. Anfangs haßte ihn der Sepp und wandte sein Gesicht ab, wenn er kam, allmählich faßte er Vertrauen zu ihm. Eines Tages, als er eben kam, während Heiner nicht da war, faßte der Sepp sich ein Herz und fragte, ob der Herr Richter ihm nicht helfen wolle seine paar Ackerstreifen und seine Matte mit dem Häuschen, das ihm noch gehöre, zu verkaufen, um den Erlös dem Heiner zu geben; »ist wohl nicht viel, aber ich habe leider sonst nichts,« seufzte er. »Hat man Euch denn noch nicht zum Antritt Eurer Erbschaft von der Nandl, Eurer Großmutter, aufgefordert?« fragte plötzlich der Amtsrichter. »Nein, bewahre!« antwortete der Sepp und machte große Augen. »Nun, dann kommt's heute oder morgen, die Urkunde sind fertig, das weiß ich. Das gefundene Geld, 2300 fl., ebenso ihr Häuschen an der B...nitzer Klamm und eben alles, was sie besaß, ist Euer, Ihr seid ein reicher Mann, Tannensepp!« rief der Richter herzlich. »Ich? ich?« stammelte der Kranke, »o! Gott sei Dank! nun ist meinem Heiner geholfen! O Herr! jetzt helfen Sie mir auch, daß alles fest gemacht und geschrieben wird, ehe es zu spät ist; ich spür's, ich mach's nur noch kurz.« »Gerne, ich will hernach gleich den Notar holen; aber wo hätte sich unser Heiner solch ein Glück träumen lassen! Wenn ihr ihm das Geld auch nur leiht, nicht einmal schenkt, kann er ein flottes Geschäft kaufen; Ihr könnt noch lange leben, Sepp! braucht drum nicht gleich zu sterben.« »Schicken Sie lieber gleich den Notar, ach, so ein ungeahntes Glück!« rief der Kranke sehr aufgeregt. »Welches Glück?« fragte Heiner, der eben ins Zimmer trat, »sprichst du von Glück, du armer Tropf du? »Laß dir das vom Notar erklären, den der Herr Amtsrichter gleich holen will,« sagte Sepp mit der eigentümlichen, ungeduldigen Hast Schwerkranker. Als der Richter gleich darauf fortging, bat Sepp seinen Heiner, ihm nur noch das zu versprechen, daß er bis zum Ende bei ihm aushalten wolle, wie es auch komme; und als Heiner ihm dies versprochen hatte, dankte er ihm nochmals für alles, alles und sagte, er könne es ihm nie vergelten, nie. »Herzbruder!« fügte er hinzu, »geh noch ein wenig in die Luft und bring mir frischen Waldgeruch heim, wenn du kommst, sollst du dann etwas erfahren.« Der Heiner ging verwundert fort, er ging auf der Straße nach M. zu, auf diesem Wege war er ja der Vronik ein wenig näher, das tat ihm wohl, denn die hatte er alle Zeit nicht von ihr gehört. Als er wieder heim kam und hörte, daß der Notar dagewesen war, und was der Sepp für ihn getan, wußte er gar nicht wie ihm geschah. Er brach in Tränen aus und dankte Gott mit erhobenen Händen für die Rettung aus tiefer Not. Der Amtsrichter aber, der ihm auf Sepps Bitte alles erklärt hatte, drückte ihm warm die Hand und rief: »Habe ich's nicht gesagt, den Aufrichtigen läßt es Gott gelingen!«

Er starb in den Armen und unter den Gebeten seines treuen Heiners.

Der Tannensepp machte es nicht mehr lange. Mit dem, häufig solch Schwerkranken eigenen Wunsch nach Veränderung sehnte er sich, in den nächsten Tagen nach seinem neuen Eigentum, dem Häuschen seiner Großmutter an der B...nitzer Klamm, überzusiedeln. Heiner brachte ihn mühsam genug dahin. Aber er sollte sich nicht lange des neuen Heimes erfreuen, schon in der folgenden Nacht starb er in den Armen und unter den Gebeten seines treuen Heiners. Dank der Umsicht und Sorgfalt des Amtsrichters waren die Erbverhältnisse für Heiner so klar geordnet, daß ihm unbeanstandet alsbald das Erbe zufiel.

So kam es, daß unser Geigenheiner im obern Isartal blieb und nicht nach München ging. Als die Kunde von der Wendung der Dinge und des Geigenheiners glücklicher Erbschaft nach M. drang, wurde der alte Pfeifer auf einmal von einem mächtigen Patriotismus befallen. Er zog plötzlich einen einbeinigen Schwiegersohn weitaus allen zweibeinigen vor, »denn«, sagte er, »die Opfer, dem Vaterland gebracht, wiegen alles auf und decken alle Narben und Mängel zu.« Nun erinnerte er sich auch plötzlich wieder an Heiners ausgezeichnet feines Gehör und war überzeugt, daß er mit der Zeit für den sübtilen Teil des Geigenmachens wieder ganz geschickt werden könne. Unser Freund lächelte wohl zu solch wunderbarer Umwandlung der Gesinnung. Es machte ihm im Grunde wenig aus, ob der Pfeifer ihm aus Patriotismus oder aus andern Gründen die Vronik gab, – daß seine Vronik aus reiner, heiliger Liebe sein Weib wurde, das wußte der Heiner und das genügte ihm.

Der kleine Kram in allerlei zum Geigenmachen nötigen Material und Werkzeug, womit Heiner anfing, ist bald zu einem blühenden Geschäft geworden, das ihn, seine Vronik und mehrere herzige, kleine Blondköpfe redlich nährt. Das kleine Gütchen an der B...nitzer Klamm, wo der Sepp starb, hat er nicht verkauft, sondern einem invaliden Kameraden um mäßigen Preis verpachtet. Dahin spaziert die Familie an schönen Sommersonntagen, und der Amtsrichter aus K. mit den Seinen stellt sich auch oft dazu ein und man erzählt sich die alten Geschichten vom Krieg und Sieg gegen Frankreich und vom armen Sepp und andern, und freut sich des warmen Sonnenscheins und der schönen Berge und des goldenen Friedens im geeinten, großen Vaterland.

 

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