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Der gefesselte Strom

Hermann Stegemann: Der gefesselte Strom - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gefesselte Strom
authorHermann Stegemann
year1914
firstpub1914
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart-Berlin
titleDer gefesselte Strom
pages308
created20160621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Konferenz der Regierungsleute und der beteiligten Gemeinden und Interessenten mit den Vertretern der neugegründeten Aktiengesellschaft zur Nutzbarmachung der Wasserkräfte des Rheins bei Rheinau unterm Lauffen hatte stattgefunden. Als sie in der »Alten Post« tagten, lag das Städtchen verschlafen wie vor zweihundert Jahren unter dem silberhellen Frühlingshimmel, und im Niederholz schrien die Fasanen, im Rhein sprangen die Fische, schneeweiß standen die blühenden Kirschbäume an den grünen Halden. Zwei Tage währte die Konferenz, dann verloren sich die schwarzen Hüte wieder, und im Saal der »Alten Post« wurden die Läden geschlossen.

Rheinau schien wieder ins alte Dämmern zu sinken.

Aber unter der Decke regten sich verschlafene Glieder, unruhige Gefühle begannen zu erwachen, die Wirtsstuben füllten sich, Rheinau warf sich wie ein Schläfer, dem plötzlich die Sonne aufs Bett und ins schlaftrunkene Gesicht scheint.

Hanns Ingold stand blaß und übernächtig, mit Augen, die von Nachtarbeit gerötet waren, vor seinem Bruder. Es war dasselbe Zimmer, in dem er im verflossenen Jahre gewohnt hatte. Die Morgensonne fiel gelb herein.

»Er ist bei Besinnung. Aber sehen darfst du ihn nicht,« sagte Hermann kurz.

Hanns warf den Hut auf das Bett. Er hatte die Herren zur Bahn begleitet und war noch wie im Schuß. Das Gedankentriebwerk, das in diesen beiden Tagen ohne Pause, in sausendem Schwung gelaufen war, konnte nicht so rasch zum Stillstand kommen.

173 »Warum nicht?« erwiderte er heftig. »Vorgestern, als ich ankam, hieß es, der Vater sei krank, wünsche mich nicht zu sehen. Krank – das hab' ich nicht geglaubt. Nicht sehen – um so eher. Gestern kamst du ungeheißen, riefst mich hinaus und wiederholtest, daß ich ihn nicht besuchen könne. Und das war zu viel, Hermann. Und unnötig dazu, denn gestern saß ich hier angeschmiedet, beide Füße im Stock. Gestern ging's um alles. Heute kommst du zum drittenmal, und jetzt höre ich, daß er wirklich krank ist. Und jetzt muß ich's glauben. Und weil ich's glaube, geh' ich zu ihm.«

»Hanns, geh' nicht!«

»Warum nicht! Meinst du, ich geh' aus Trotz. Weil er mein Vater ist, weil ich weiß, daß ich ihm in sein Leben einen Riß gemacht habe, deshalb gehe ich, muß ich gehen.«

»Und wenn du ihn tötest!«

»Töten? Unsinn, Bub, töten? Lebendig machen ist mein Beruf, nicht töten.«

Er warf den Kopf in den Nacken.

»Lebendig machen,« wiederholte er. »Siehst du, sie haben es eingesehen; vor einem halben Jahr haben sie mir ihre Flüche, ihr Hohngelächter um die Ohren geschlagen, heute bin ich ihr Gott. Nun glauben sie, daß der Lauffen Gold schwemmt, wenn er aufgesprengt wird und in der Au die Turbinen laufen und das Wasser in den Schleusen braust. Sie sind sogar so hellhörig geworden, daß sie uns Bedingungen machen und uns die Hände binden wollen! Die Fischer, die Flößer, die Ackerer; das Volk, das Jahrhunderte ein Dämmerleben geführt hat, ist plötzlich lichthungrig geworden. Sie verkaufen ihre Äcker und ihre Rechte, sie wollen uns dabei nur den Daumen aufdrücken. Die Fischerinnung hat ihre Forderungen in runde Zahlen gebracht, und der Fischmeister Christian Ingold hat sich dabei als guter Rechner erwiesen. Ich will's ihm selbst bezeugen. Komm, Hermann, ich will ihm alles abbitten, was ich 174 ihm zu Leid gesonnen habe, er weiß jetzt, daß ich nicht anders konnte.«

»Geh' nicht, Hanns,« mahnte Hermann noch einmal. »Der Vater ist nicht mehr Fischmeister, nicht mehr Gemeinderat, er ist bei seinem Nein geblieben.«

»Nicht mehr Fischmeister, nicht mehr Obmann! Und der Rhein findet noch den Weg durch den Lauffen!« rief Hanns.

»Verhöhn' ihn nicht, ich hab' zu dir gehalten, und ich weiß jetzt, daß das Kraftwerk am Rhein größer ist und mehr wert als jedes Opfer, das es fordert, aber verhöhn' ihn nicht, Hanns! Ich erwürge dich, wenn du ihn verhöhnst!«

Mit flammendem Gesicht fuhr er auf den älteren Bruder los.

Rasch umspannte Hanns die drohenden Fäuste, und ihn dicht heranziehend, Auge in Auge senkend, sprach er leise:

»Verhöhnen? Hast du mein Erstaunen für Hohn genommen! Es ist mir durch und durch gegangen, daß der Vater nicht mehr Fischmeister ist. Durch und durch, und ich werde schwer daran zu kauen haben, daß ich ihn dazu getrieben habe.«

Der Jüngling war erblaßt, verebbt die Springflut seines erregbaren Blutes. Er sah, wie sich das Gesicht seines Bruders wieder hart spannte, die Blicke sich schärften und die Lippen trotzig zuckten.

Jetzt gab Hanns ihm die Hände frei, strich sich über die Stirn und fuhr mit metallischer Stimme fort:

»Schwer, verdammt schwer daran zu kauen, aber ich trag's.«

Und er wandte sich zu den Plänen und Papieren auf dem Tisch.

Hermann wartete eine Weile, und als er die Hände des Bruders nervös bald dieses, bald jenes Schriftstück ergreifen sah, drängte ihm die Erzählung von der fressenden Verbitterung zum Munde, die den Vater während 175 des Winters befallen und ihn vor zwei Tagen niedergestreckt hatte.

Mit kurzen Fragen peitschte Hanns ihn vorwärts.

»Und Ruth war bei ihm?«

»Ja, bis gestern morgen. Dann kam die Diakonissin.«

Sie, wieder sie! Das Gewissen war noch da, er spürte es, mit unzähligen Stimmen begann es zu raunen und ihm zuzuflüstern: Sie, wieder sie! Du hast sie vergessen, beiseite gesetzt, seit dein Werk Flügel bekommen hat, aber sie ist da, wo du sie brauchst. Und aus einer Vergangenheit, die erst wenige Wochen hinter ihm lag, ihm aber schon lange im Gedächtnis zerronnen war, tauchte plötzlich ihr Bild, der Tag, da sie zu ihm nach Frankfurt geeilt und ihm ihr Geld, ihre Zeit, ihren Ruf, alles, alles geopfert hatte und dann wieder heimgekehrt war mit einem mageren Dank, auf den er zwei Seiten Papier verwendet hatte.

Blicklos starrte er auf den bunten Lageplan. Liebte er sie denn nicht mehr? Und als hätte der Bruder sich zum Sprecher seiner eigensten Gedanken gemacht, fragte Hermann auf einmal leise:

»Hanns, warst du schon bei ihr?«

Stärker mahnten die inneren Stimmen, doch hart erwiderte er:

»Du hörst ja, daß ich keine Zeit hatte.«

Und Entfremdung baute die ersten Steine auf zwischen Hermann Ingold und seinem Bruder.

Schon im Begriff zu gehen, sagte der Jüngere noch:

»Der Vater hat dir die Privatstunden, die du für mich bezahlt hast, gutgeschrieben. Er will nicht, daß einer vom anderen empfängt.«

Ein Stutzen, ein Auffahren und Sichbeherrschen, und Hanns Ingold antwortete: »Gut.«

Dann stieß er den Zirkel in den großen Plan, rollte ihn auf und griff zum Bleistift. Hinter ihm klang die Tür.

In der Konferenz waren viele Seiten mit Wünschen, Begehren und Vorschlägen vollgeschrieben worden, die 176 von den Gemeinden, Anstößern und Kraftabnehmern, von der Handelskammer und der Regierung zum Ausdruck gebracht worden waren. Sie hatten sich der Gründung willig gezeigt, seit die Millionen dahinter leuchteten, aber den Entwurf hin und her gewendet wie eine alte Jacke.

Und der Ingenieur hatte den ersten Zwang gespürt, der dem frei schaffenden Geist auferlegt wird, wenn Pläne in Wirklichkeit wachsen sollen. Aber Ingold war kein Schwärmer, sondern ein Wirklichkeitsmensch, der um jeden Fußbreit Boden rang und das Ganze nicht fallen ließ, weil im kleinen gemäkelt wurde.

Schon riß ihn der Kampf mit den Widerständen, die ihm bei der Ausführung des Werkes entgegentraten, ungestüm fort. Die Gesellschaft war gegründet, vier Millionen gezeichnet, Verträge geschlossen und die Genehmigung in sichere Aussicht gestellt, jetzt hatte er Boden unter den Füßen und ließ sich nicht mehr werfen.

Er war nie gesunder, mutiger, rücksichtsloser gewesen als in diesen Tagen. Er spürte angestaute Energien nach Entfaltung ringen; alle Kräfte seines Geistes, alle Schwingungen seiner Seele drängten zu seinem Werk.

Die Fischer verlangten Entschädigungen, Abfindung für die Wasserweide, die verloren ging. Gut, das war eine Geldfrage, die hatten andere zu erledigen. Er sorgte nur für die Fischpässe, die sie gefordert hatten. Einer am linken Ufer, wo der Talweg zog, war schon im Plan vorgesehen. Sie verlangten auch eine Treppe am rechten Ufer. Dort, wo der Vater das Stanggarn geführt hatte.

Mit festen Strichen zeichnete er die Treppe in den Plan. Er mußte den Paß im spitzen Winkel zu der schräg stromab gerichteten Turbinenanlage anlegen, das Ufer zurücksetzen und bastionieren, die Treppe auf sechzig Meter zurückbiegen und dann ins Gelände einschneiden, um sie mit einer Steigung von fünf Prozent um das Turbinenhaus herum in den freien Strom zu führen.

177 Der Lageplan zeigte das alte Strombett mit seinen Felsenufern, die Flut grün angefärbt und die Klippen schwarz schraffiert, jeden Felsen genau nach der Natur profiliert. Blaue Kurvenlinien gaben Strömung und Wirbel an, und in harten roten Strichen stand das Werk mit seinen neuen Ufern, die rücksichtslos ins Gelände schnitten, mit dem quergestellten Stauwehr und dem schräggerichteten Turbinenhaus im gefesselten Strom.

Der Stift flog, der Radiergummi scharrte, breit lag die Sonne im Fenster, und höher stieg der Tag.

Hanns Ingold ging auf in seinem Werk.

Aber zum erstenmal hatte er sich nicht um seines Werkes willen, sondern nur deshalb hineingestürzt, weil er anderen Gedanken entfliehen wollte. Und die fanden doch eine Lücke, in die sie eindringen konnten.

Die Post brachte Stöße von Briefen und Drucksachen. Darunter eine illustrierte Zeitschrift, in der acht Ansichten von Rheinau unterm Lauffen wiedergegeben waren. Hanns überflog den Begleitartikel. Der Vorwurf der Naturschändung schlug ihm aus den streitbaren, mit mächtigem Schwung geschriebenen Zeilen entgegen. Und besonders ein Bild drängte sich immer wieder zwischen ihn und seine Arbeit: Die Ansicht des Rheins von der Salmwage, das malerisch an den Felsen hängende Städtchen und darunter der schäumende, aus der Enge in die lachende Aue sprudelnde Fluß. Die Brücke schwebte scharf über der Tiefe, und im Geklipp war ein weißer Punkt sichtbar – das Haus der Ingold.

Dieses Haus mußte fallen. Die rote Linie des Planes schnitt es ab. Das einzige in Rheinau. Davon hatte der Vater noch keine Kenntnis, denn der ausgearbeitete Entwurf war vorgestern zum erstenmal aufgelegt worden.

Daß dieses alte Haus fiel, hatte den Verfasser des Artikels in der »Heimatfreude« nicht erregt, er sprach gegen die Zerstörung des Naturdenkmales und erwähnte von Gebäuden nur das Kloster St. Joseph, das als letztes Bild festgehalten war, wie es in der grünen Aue 178 über dem umbuschten Rhein in den Obstbäumen und einem verwilderten Park versteckt lag. Ein großes Rundbogenfenster, eine Reihe kleiner Zellenöffnungen, ein Stück des Treppengiebels und das Zwiebeltürmchen hoben sich aus den duftigen Laubmassen. Wie hingehaucht schloß der blauschwarze Wald den Hintergrund. Eine Himmelsecke leuchtete hell herein. Die Photographie war meisterhaft.

In wildem Wurf schleuderte Hanns Ingold das Heft von sich. Aber die Gedanken waren unruhig geworden, die Berechnungen kamen ins Schwanken, die Linien des Planes liefen durcheinander, er dachte an den alten Mann, der in dem Haus, das schon zum Abbruch bestimmt war, krank lag, und an das Mädchen in dem abgeschiedenen Garten, wo er als Junge gespielt, als Jüngling geschwärmt und als Mann sich selbst und sein Glück gefunden hatte.

Von zwei Seiten sprangen ihn die Gewissenshunde mit gierigen Bissen an. Doch ob sie ihm die Brust zerfleischten, ins Leben drangen sie ihm nicht. Hoch über allen Nöten und Zweifeln stand der Gedanke an sein Werk. Das ließ er erst mit seinem Leben.

Er schrieb an Ruth. Morgen wollte er sie besuchen, morgen, heute nicht. Der Weg zu seinem Vater war ihm verboten, und diesmal wagte er dem Verbot nicht zu trotzen, aber er konnte heute auch Ruth nicht sehen, denn dazu war sein Inneres zu unruhig, zu aufgewühlt, fühlte er sich zu sehr aus dem Gleis geworfen. Fessellos brauste in seinem Innern der Strom der Gefühle.

Während er sich diese große Schlacht lieferte, ging Ruth Engelhardt wie im Traum, wie eine Schlafwandlerin in St. Joseph um. Es war ihr, als atmete sie noch den Duft des Wasserstaubes und den scharfen Fischgeruch, die im Hause des alten Ingold nisteten. Sie hatte sein Bewußtsein wiederkehren sehen, seine Hand gehalten, an der die Gichtknoten saßen, und ihm ins Ohr gesagt, daß sie den Hanns mehr liebe als ihr 179 Leben, daß die neue Zeit gekommen sei und die alte auch hier im verlorensten Winkel des alten deutschen Landes zu Ende gehe. Zu Ende die Fischweide und die Flößerei, der Flachsfaden am Spinnrad und das dumpfe träumende Dasein mit seiner schläfernden Melodie eintönig rauschenden Wassers.

Und der alte Mann hatte die harten Finger in ihren weichen Mädchenhänden ruhen lassen und seine Augen starr auf die Urkunden geheftet, die unter Glas und Rahmen an der Stubenwand hingen: sein Fischerpatent und sein Diplom als badischer Pontonier, beide aus dem Jahre 1861.

Als sie ihn verlassen hatte, war keine Gefahr mehr für sein Leben, seine kernige Natur hatte sich behauptet.

Da sandte sie Hermann zu seinem Bruder, um ihm einen Besuch zu widerraten.

Sie wußte, daß Hanns Ingold da war. Die Welt drehte sich jetzt ja um ihn und sein Werk. Selbst ihr Vater war widerwillig in seinen Bann geraten.

»Er ist ein Mordskerl,« sagte Engelhardt, »das muß ihm der Neid, muß ihm auch der ehrliche Gegner lassen. Aber er ist noch nicht über den Berg. Soll der Rhein hier weiße Kohlen erzeugen – gut, aber dann darf es kein Kapitalistenunternehmen werden, das der allgemeinen Wohlfahrt nicht dient. Dann wollen wir ihnen ein Pflichtenheft schreiben, an das sie sich halten müssen, und wenn sie unsere Bedingungen zu teuer finden und den Rhein laufen lassen wollen, wie er will –– um so besser!«

»Und was wird dann aus Hanns Ingold, Papa?« hatte sie gefragt.

»Der – der fragt auch nicht, was aus uns, aus seinem Vater und aus dir wird, Mädel!«

Wild war es ihm herausgefahren. Er hatte seinen Zorn, seine Hitze wiedergefunden und die Tür hinter sich ins Schloß geworfen.

180 Am Abend brachte der Bote Ingolds Brief aus der »Alten Post«.

Ruth hielt ihn in kraftlosen Händen. Hanns kam nicht, Hanns war nicht gekommen. Nur ein Brief. Er dankte für die Pflege, die sie dem alten Mann gewidmet hatte, für alles dankte er, versprach morgen zu kommen, entschuldigte sich, dankte, dankte – und sie, sie wollte, begehrte ja gar keinen Dank, nur ein bißchen Liebe. Nein, nicht nur ein bißchen, seine ganze Liebe. Er durfte, er sollte sich seinem Werk widmen, aber ihr gehörte er trotzdem ganz.

Eine Umwälzung riß neue Gefühle vom Grund ihrer Seele in die Höhe. Ihre Liebe reckte sich, wurde stolz und gebieterisch. Sie fühlte sich wieder als Persönlichkeit, nicht mehr in stachliger Abwehr und herber Scheu, sondern als Weib, das seinen Anteil am Geschick verlangt und bereit ist, es zu tragen, aber nicht willens, der eingeborenen Würde etwas zu vergeben.

Als Hanns Ingold am anderen Tag nach St. Joseph hinausging, von einem milden Frühlingsregen begleitet, der die Landschaft silbergrau tönte, erwartete ihn Ruth mit gefestigter Seele.

Sie wußten sich wenig zu sagen. In alltäglichen Gleisen lief ihr Gespräch. Hanns bemühte sich, nicht von seinem Werk zu sprechen, das ihn doch bis in den letzten Nerv erfüllte, und Ruth wollte ihn nicht an den kranken Mann erinnern, von dessen Bett sie kam.

Erst beim Abschied gerieten sie in Glut, hielt er sie in plötzlich ausbrechender Angst, Angst vor seinem eigenen Selbst, umfaßt und raunte ihr ins Ohr:

»Wenn ich dich nur habe, wenn ich nur weiß, daß ich dich noch habe!«

»Du hast mich ja noch gar nicht,« entgegnete sie, und ein rätselhaftes Lächeln zuckte in starren Linien um ihren Mund.

»Bald hol' ich dich, Engelsüß. Wenn mein Werk gesichert ist und der erste Spatenstich getan wird, hol' ich dich heim.«

181 Er blickte von ihr weg zum Rhein hinüber. Weiße Regensonne erhellte geisterhaft die blasse Ferne.

»Du willst also eigentlich mit deinem Werk Hochzeit halten,« sagte sie, und das Lächeln grub sich tiefer in ihr Gesicht, der goldene Funke in ihren Augen sank langsam in die Tiefe.

Er zuckte zusammen.

»Wie meinst du das?« fragte er schroff.

»Frag' nicht,« wehrte sie leise.

Da verstummte er und ging.

Wie auf gemeinsame Abrede vermieden sie fortan, von der Zukunft zu sprechen, und als Hanns Ingold nach sechs Wochen nach Karlsruhe reiste, wo die entscheidenden Sitzungen stattfanden, lag über ihrer Liebe ein Glanz später Herbstreife, die keine Zukunft mehr kennt und vom letzten Sonnenschein zehrt.

Hanns Ingold hatte seinen Vater nicht gesehen. Nur das Haus, und einmal, als sie in einem verankerten Ponton unter dem ersten Brückenpfeiler Messungen vornahmen, den Schattenriß eines alten Mannes, der schwerfällig und von einer Frau gestützt in dem kleinen, ewig feuchten Vorgarten auf und ab ging.

Im Feldstecher erschien sein Haar weiß, das war Christian Ingold, sein Vater.

Krachend zerstäubten die Sturzwellen am eisernen Ponton. Und Hanns hatte eine Erschütterung gespürt, die sein Innerstes in allen Fugen erbeben ließ.

Hermann begleitete den Bruder zur Bahn.

»Grüß mir den Vater, Hermann, ich wollte, ich hätte ihm alles ersparen können, aber ich kann es nicht!«

Stumm drückte ihm Hermann die Hand, und der Ingenieur stieg ein, warf noch einen scharfen Blick auf Rheinau und die blühende Aue und grub dann die Augen in seine Briefschaften, während der Zug ins grüne Land hineinrollte.

Mit dem wärmeren Sommer erholte sich Christian Ingold zusehends.

182 Wenn Ruth ihn besuchte, kam ein Schein von Leben und Anteilnahme in sein verschlossenes Gesicht. Sie sprach nicht viel, und die Antworten des Fischmeisters waren karg genug.

Wärmer und offener zeigte Hermann seine Zuneigung zu Ruth, und sie selbst begann ihn mit einer Zärtlichkeit zu umgeben, in der Gefühle sich Bahn brachen, die keinen anderen Ausweg mehr gefunden hatten. Sie brachte ihm die Bücher, an denen er hing, oft lasen sie zusammen laut, und dann saß der Fischmeister im Strohsessel, die Augen ins Leere gerichtet, und hörte zu, hörte von des Meeres und der Liebe Wellen und von Frau Hadwig und dem Mönch Ekkehard auf dem Hohentwiel.

Eines Tages, als Ruth wieder eine Stunde gestohlen hatte, um sie im Fischerhaus zuzubringen, kamen zwei Fischer und begehrten Christian Ingold zu sprechen, der Kaspar Reuß von Rheinau und der Josef Itta aus Elfenau. Sie kamen als Abgesandte und wollten Ingold bewegen, sein Amt als Obmann wieder zu übernehmen.

Sie sprachen stockend, schoben einander das Wort zu, aber sie brachten ihre Gründe zu Gewicht.

Itta, der große Stangengarnfischer, der den Markt bis Konstanz beherrschte, sagte zuletzt:

»Sperrt Euch nicht länger, Ingold. Ihr könnt das Wasser nicht mit den Händen stauen. Sie machen eine Geldmühle aus dem Rhein und wir können es nicht ändern. Aber uns so viel Platz und Recht wahren als irgend geht, das können wir.«

»Ja,« siel Kaspar Reuß ein, »und zahlen sollen sie, daß es Taler hagelt. Ich trag' mein Netz nicht leer nach Haus.«

Christian Ingold schwieg. Die Junisonne strich ihm kräftig über das verfallene Gesicht, in dem sich die Trotzfalten noch tiefer gegraben hatten.

Die Fischer blickten zu Ruth und Hermann hinüber, als erwarteten sie von ihnen Unterstützung.

183 »Ist es nicht Vernunft, die wir predigen,« sagte der Itta nach einer Weile zu Ruth.

Da reckte sich der Alte und antwortete ungefragt mit schwerer ungelenker Zunge:

»Vernunft –Ihr habt zu viel davon, daß Ihr Eure Vernunft auf den Markt bringt.«

»Gotts Wein und Brot, und Ihr zu wenig! So nehmt sie von uns, wir geben sie umsonst!« brach Itta los und strich grimmig den hohen Hut gegen den Filz, daß er rauh wurde wie ein Igel.

Christian Ingold schüttelte den Kopf.

»Nein, ich nehme nichts geschenkt. Ich habe das Amt niedergelegt, weil ich nicht markten kann um Gesetz und Recht, und red' euch nicht mehr drein. Aber lasset mich wie ich bin. Ich fahre nicht mit fremdem Zeug.«

»So laß dir doch wenigstens das eigene Zeug bezahlen, wenn du es an den Nagel hängen mußt. Du bist ja der, der am meisten verliert. Deine Weide sprengen sie dir mit Dynamit und bauen ihre Krafttrommeln, wo jetzt deine Wage schwingt. Gib deine Forderung ein, Ingold, stell' sie turmhoch, so treiben wir den Preis für die Abfindung um so viel höher!«

Josef Itta war dicht zu ihm hingerückt und hatte ihm die Hand aufs Knie gelegt, sein geschabtes, rotgebeiztes Gesicht zitterte vor Aufregung, während er sprach.

Mit einem schweren Ruck trat Christian Ingold auf die Füße. Die Farbe stieg ihm ins vergilbte Gesicht, und das gelähmte Lid des linken Auges zuckte krampfhaft unter den eisgrauen Brauen, als er antwortete.

»Ich habe keine Forderung, daß ihr's wißt. Denn mir ist nichts feil. Ich steh' hier auf meinem Grund und hab' meinen Vertrag mit dem Rhein auf Zeit und Ewigkeit, solang er läuft. Paktiert ihr, ich red' euch nicht drein, aber einer muß sein, dem das ewige Recht mehr gilt als die Vernunft. Und mein Sohn hat gesorgt, daß dieser eine Christian Ingold heißt.«

184 Und um anzuzeigen, daß das sein letztes Wort sei, ging er in die Nebenstube, den faltigen braunen Nacken straff gereckt, die weißen Haarsträhnen vom Luftzug über den kantigen Schädel geblasen.

Auf einen Wink Ruths nahm Hermann seine Bücher und ging ihm wie von ungefähr nach.

Die beiden Fischer standen schweigend vor ihren Stühlen und starrten durch das Fenster in den Schwall des Rheines.

Da machte Ruth ihnen den Abschied leichter, indem sie sagte:

»Er weiß, daß Sie es gut und vernünftig meinen, aber er ist einer von denen, die sich selbst treu bleiben müssen. Soll ich ihm noch etwas ausrichten?«

Sie blickten sich an, dann entgegnete Kaspar Reuß:

»Ja, Fräulein, wenn es Ihnen recht ist, so sagen Sie dem Christian Ingold, daß wir keinen neuen Obmann wählen. Es geht jetzt auch so. Und – er soll der letzte sein.«

»Gotts Donner, so ist's, Fräulein,« fiel Josef Itta ein und bürstete heftig den Filz, »der Rhein läuft uns nach Konstanz zurück, wenn ein anderer Fischmeister wird zu Rheinau unterm Lauffen.«

Die Stiege krachte unter ihren Tritten.

Ruth richtete ihren Auftrag aus.

Kein Muskel bewegte sich im verwetterten Gesicht des Fischmeisters, aber die Hand zitterte, in der er einen stockfleckigen Band hielt.

»Der Itta ist ein schlitzöhriger Gesell, er hat Angst, der Lachs geht ihm nicht mehr ins Garn, wenn der Fischmeister den Namen wechselt,« sagte er mit grimmigem Humor und suchte seinen Sessel.

Als Ruth ihn verließ, hörte er seinem Sohn eine Ode des Horaz ab.

Hermann hatte ihn listig zu diesen Liebesdiensten abgerichtet, um ihn seinem hirnbohrenden Grübeln zu entreißen.

185 Der alte Ingold verstand nichts davon, prüfte aber gewissenhaft Wort und Klang, und auf der Treppe tönte Ruth noch die helle Stimme Hermanns nach. Es war ein merkwürdig getragener, leidenschaftlicher Klang darin. Auch ihr blieb es leerer Schall, denn sie war in ihren Studien nicht über ein bißchen Apothekerlatein hinausgekommen.

Hermann Ingold aber grub die Fingernägel in die Handfläche, und die Stirn unter dem bronzefarbenen Haar von Schweiß gefeuchtet, deklamierte er die ersten Strophen der großen Ode, in der dem gerechten und unerschütterlich in seinen Vorsatz verankerten Mann der Preis gereicht wird.

»Si fractus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae,« rief er mit tönender Stimme und verzehrte dabei mit seinen Blicken den alten Mann, der keine rotverbrämte Toga trug, keinen kurulischen Sessel einnahm, sondern mit abgetragenen Kleidern im Strohsessel saß und, die Hornbrille auf dem steilen Nasenrücken, das fremdsprachige Buch in den großen Händen, mühsam die Lippen bewegte, um den Faden nicht zu verlieren.

Ruth erzählte ihrem Vater von dem Erlebnis im Fischerhaus, und Engelhardt erwiderte:

»Der alte Ingold ist wie ein Felsen im Rhein. Den müssen sie sprengen. Er läßt sich weder wegspülen noch untergraben.«

Sie sah, daß er auf sich selbst zielte, und lenkte hastig ab, indem sie von der »Saison« sprach, die ihnen schon einige Gäste gebracht hatte. Im stillen aber flogen ihre Gedanken zu Hanns Ingold und strichen umher wie scheue Vögel, die sich nicht niederzulassen wagen.

Schon lief das Spekulationsfieber in Rheinau um, und die Grundstücke stiegen im Preis. Es gab keinen Gesprächsstoff mehr außer dem Werk. Bis weit in den Schwarzwald hinaus und in die Schweiz hinein zitterte die Erregung. Wie aus jahrhundertelangem Schlaf erwacht, fieberte die Gegend dem Morgen entgegen. Nur 186 der Rhein rollte kalt und glitzernd, heute grün und blau, morgen topasgelb und am nächsten Tage eisengrau, unbekümmert im selbstgewühlten Bett.

Ein Automobil fegte die Landstraße. Von Säckingen her huschte es grau und unansehnlich durch die geräumige Landschaft, schrie seltsame fremde Töne in die stillen Dorfgassen, wölkte den Staub in die blaßgrünen Kornfelder, lief in ausholendem Schwung an den Hügeln hin, blitzte einen Augenblick im Obertor von Rheinau und hielt endlich vor dem Park von St. Joseph still.

Als Ruth aus der Apotheke nach Hause kam, fand sie es dort stehen. Ein großer staubbeschlagener Wagen mit roten Zierlinien.

Ein kalter Schlag ging durch ihre Glieder, eine Erinnerung, die nie ganz untergetaucht war, stieg, nach Leben ringend, in ihr auf. Sie wußte, wer gekommen war.

Gerhart Xylander saß unter den Granatbäumen vor dem Refektorium.

Er sah sie in ihrem grauen Leinenkleid die Allee heraufkommen. Goldene und grüne Schatten gaukelten um sie her. Ihr Gesicht verschwand unter dem Sommerhut.

Er stand auf, entschuldigte sich und ging ihr entgegen. Mit dem elastischen, raschen Schritt der Gesundheit. Je mehr Raum er gewann, desto länger war der Weg, den sie gemeinsam zurückzulegen hatten.

Als er sich über ihre Hand neigte, wußte Ruth, daß er nicht zum Bleiben, nicht als unangemeldeter Gast gekommen war, sondern um sie zu sehen und um sie zu werben.

Er verriet es noch mit keinem Blick oder Wort, keine Andeutung kam über seine Lippen.

»Ja, da bin ich nun wirklich noch einmal in dieses verwunschene Land gekommen,« scherzte er mit glücklichem Lachen, und sein straffes, festes Gesicht erschien ganz jugendlich und weich. »Aber diesmal habe ich den Wagen wieder selbst gesteuert. Meine Mutter weilt 187 in St. Blasien zur Kur. Das ist ja ganz in der Nähe. An einer plausiblen Erklärung fehlt es mir also nicht.«

Nun war er doch beinahe ausgeglitten. Er machte eine schuldbewußte Miene.

Da mußte Ruth lachen.

»Sie sind jünger geworden, Herr Xylander,« sagte sie, neben ihm herschreitend.

»Jünger, ach nee, ich war damals künstlich ein Dutzend Jahre älter. Der Starkstrom, Sie wissen ja!«

Sie nickte.

Dreißig Schritte trennten sie noch von den anderen, und Xylander schüttelte alle seine Gedanken durcheinander, um ihr noch recht viel zu sagen, aber es war keiner darunter, den er ihr jetzt mitzuteilen wagte.

Da lud er sie und ihren Vater ein, morgen mit ihm nach Konstanz zu fahren. Er war durch eine Bemerkung dazu veranlaßt worden, die sie über das schöne Wetter und die Annehmlichkeit des Reisens im eigenen Wagen gemacht hatte.

»Das geht nicht, Herr Xylander, hier stände alles still, wenn wir Reißaus nähmen,« erwiderte sie heiter.

Sie waren beide von einer merkwürdigen sorglosen Heiterkeit und Frische.

»Hier steht sowieso alles still; und ehe es Nacht wird, sind wir wieder hier,« versetzte er und brachte seine Einladung sofort auch bei Doktor Engelhardt an.

Ruth widersprach nicht mehr, als der Vater sie nach einigem Zureden annahm.

Xylander blieb zum Tee.

Es war ein schöner Sommertag, das Zirpen der Grillen und Heuschrecken und das Rauschen des Rheins erfüllten die Luft, unfaßlich hoch und blau stand der Himmel über der Welt.

Die Pflichten der Hausfrau riefen Ruth ab. Da kam das Gespräch auf das geplante Kraftwerk, und Engelhardt erzählte Xylander davon, daß es gesichert sei und 188 St. Joseph dadurch seines Charakters und Wertes als Sanatorium verlustig gehe.

Gerhard Xylander hörte zerstreut zu. Er hatte das Geschäft in Berlin gelassen und jetzt für so etwas keinen Sinn. Wollte gar nichts davon hören, bemühte sich sogar, nicht darüber nachzudenken, um nicht unwillkürlich gefesselt und von seinem Unternehmungsgeist mitgerissen zu werden. Unruhig blätterte er an seiner Zigarre und wartete ungeduldig auf Ruths Wiederkehr.

Er hörte nur flüchtig heraus, daß St. Joseph entwertet werde, und das machte ihm keinen Eindruck. Er wußte ganz genau, warum er gekommen war, er wollte nicht St. Joseph, sondern Ruth Engelhardt haben und heiraten. Wie sie war. Sie hatte behauptet, er sei jünger geworden, auch sie war ihm verändert erschienen. Noch mehr sie selbst, er konnte es nicht in klare Gedanken fassen, hatte nur die Empfindung dafür, daß sie ihm in der Erinnerung nicht liebenswerter gewesen war als jetzt, da er sie vor sich sah. Viel Zeit hatte er nicht. Morgen oder in acht Tagen würde er sie fragen, ob sie seine Frau werden wollte. Er war nur nicht ganz sicher, ob sie Ja sagen würde, hatte das Gefühl, sie könnte nicht mehr frei sein.

Sie war kein junges Mädchen mehr, er kein Jüngling, er stand hart an der Grenze, wo die Dreier keine Rolle mehr spielen, in drei Jahren wurde er vierzig. Es war Zeit. Sein alter Herr mußte dieses Jahr mindestens drei Monate ausspannen, da blieb für ihn nichts mehr übrig, denn sein Bruder Willibald war in Spanien beim Erzbau beteiligt und Fritz schoß aus der Wahner Heide mit den neuen Einundzwanzig-Zentimeter-Mörsern sein Patent als Reserveober heraus.

Sie trug keinen Ring, er hatte ihre Hände darauf angeschaut. Aber Ahnung und Überlegung sagten ihm, daß er auf einen Mann stoßen konnte, wenn er um sie warb. Auch in Rheinau konnte sie nicht ganz weltfremd geblieben sein. Weltfremd? Nein, das war sie gar nicht.

189 Er wartete immer ungeduldiger auf ihre Rückkehr.

Endlich kam sie.

Er sprang auf. Jetzt, da er sie wieder sah, war es ihm unmöglich, noch länger zu bleiben. Er hätte sich sonst zu einer Liebeserklärung hinreißen lassen. Und das lag ihm nicht, das wollte er heute auf jeden Fall vermeiden. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu verabschieden. Die angebotene Gastfreundschaft lehnte er lachend ab.

»Nein, nein, sonst kommt morgen um fünf der heilige Joseph mit dem Laken und wickelt mich kalt, daß ich blau anlaufe. Ich übernachte in der »Post«, und um sieben Uhr gebe ich Trompetensignal vor dem Tor. Bitte, meine Benzinrosse und mich nicht warten zu lassen, gnädiges Fräulein.«

»Ganz entschieden – Sie sind jünger geworden, Herr Xylander,« sagte Ruth noch einmal, diesmal ernst, und blickte ihm warm und offen ins willenskräftige Gesicht.

In dieser Nacht rang Ruth Engelhardt mit dem Schlaf. Seltsam, nicht die Begegnung mit Xylander sondern ihre Liebe zu Hanns Ingold warf sie unruhig hin und her. Nie hatte sie die Größe dieser Liebe so empfunden, nie sich mehr nach ihm gesehnt.

In seinen Briefen standen jetzt leidenschaftliche Beteuerungen, er verlangte nach ihr, er verwünschte die Verhandlungen, die immer neu an ihn herantretenden Begehren um Abänderungen seiner Pläne, nichts mehr wollte er, als bauen, die Hämmer klingen, die Schüsse dröhnen, die Bagger stampfen und die Arbeiter schürfen hören. Die Gier nach der Ausführung seines Werkes war gleich der eines Rausches, und mit diesem ungestümen Verlangen wuchs seine Leidenschaft ins Schrankenlose.

Zum offenen Fenster ihres Mädchenstübchens schwoll die Sommernacht herein mit ihren Düften und dem Rauschen des Rheines. Eine standhafte Grille fiedelte am Mauerfuß, und in der großen Eberesche flüsterte wollüstig der Wind.

190 In dieser Nacht biß Ruth Engelhardt in die Kissen, um nicht aufzuschreien. Sie dachte an Hanns Ingold, wie sie ihn gesehen hatte vor sieben und mehr Jahren, und wie sie ihn hatte wachsen und groß werden sehen. Ja, er gehörte ihr, nicht als Jüngling, sondern so, wie er jetzt vor ihr stand, seines Werkes Baumeister, dieses Werkes, an dem sie mehr Anteil hatte, als er ahnen konnte, das sie um seinetwillen hatte lieben lernen und an dem sie ihn hatte reifen sehen. Was war Hanns Ingold ohne sein Werk! Erst wenn dieses zum Leben gekommen war, schlug auch ihr die Stunde der Hingabe und des Glücks . . .

Endlich schlief sie ein, und als sie um sechs Uhr aufstand, mußte sie zur Wasserbrause ihre Zuflucht nehmen, um der Mattigkeit Herr zu werden, die noch in ihren Gliedern lag. Dann lief ihr Blut wieder frisch, und nur die zarten Schatten unter ihren Augen erzählten noch von der schlafarmen Nacht.

Um sieben Uhr rief Xylanders Autotrompete ihren fremdartigen Vogelschrei über die Mauer, und der Professor schritt im knatternden Gummimantel durch den Garten.

Er hatte einst von dem Verhältnis, das zwischen Ruth und Hanns Ingold so starke Fäden gesponnen hatte, so gut wie nichts gewußt, aber diesmal war er helläugig und scharfsinnig gewesen. Als ihm der Mann aus Berlin gestern mit der Benzinkarre beinahe das Tor eingerannt und dann unruhig neben ihm unter den Granatbäumen gesessen hatte, bis das Mädel sichtbar geworden war, da war plötzlich alles um ihn hell geworden. Aber er durfte sich nichts merken lassen. Im Inkubationsstadium ist mit Dreinfahren nichts getan. Und auf einmal war er sich darüber ganz klar, daß er dem Hanns Ingold das Mädel nie gegönnt hätte!

Gerhart Xylander half Ruth den Schleier binden, nachdem er ihr eine Schutzbrille aufgezwungen hatte. Der Mechaniker war mit dem Zug nach Schaffhausen 191 unterwegs und Xylander steuerte. Neben ihm saß Ruth, Doktor Engelhardt hinter ihnen.

Langsam fuhren sie auf der weißen Straße am Rand des Waldes dahin. Der Junitau blitzte in den Gräsern, die Wiesen dufteten, und über dem Rhein zitterte in zarten Dünsten die Morgensonne, als hätte sie sich in ihrem eigenen Strahlennetz gefangen.

»Elfenau,« sagte Xylander leise.

Über ihnen hing Hohenelfen im Rebengelände, kreischend fuhren die Enten auf der Dorfgasse auseinander, und dann nahm sie der Tannenwald auf und würzte ihnen den Weg mit wohlriechendem Schatten.

Xylander fuhr nur mit zehn Kilometern. Er hatte sich auf eine Unterhaltung mit Ruth eingerichtet, aber so langsam der Wagen auch lief, sie fanden sich nicht im Gespräch.

»Wissen Sie, ich hasse die Autos, die so rasen. Aber wenn man drin sitzt, will man auch etwas davon haben. So kommen wir erst übermorgen an den Bodensee.«

Engelhardt rief es ihnen von hinten zu und schnitt sich dabei eine Morgenzigarre zurecht.

Ruth lachte.

Und gerade als der Doktor den Taschenzünder an die Zigarre hielt, machte der Wagen einen Satz, daß es ihn beinahe den Bart gekostet hätte, und schoß wie wahnsinnig dahin.

Erst stieß sich Engelhardt die Zigarre an die Nase, statt in den Mund, dann bekam er keine Luft, beim zweiten Zug zu viel und beim dritten biß er sie glatt durch.

Xylander hatte fünfzig Kilometer eingeschaltet.

Ruth sah die Straße auf sie zuschießen. Der Wagen schien das weiße Band in sich hineinzuschlingen. Rechts und links massige grüne Kulissen, darüber eine flirrende ungeheure Bläue und in den Ohren das sanfte Sausen des Windes. Ein angenehmer Schwindel, wie vom ersten Glase Wein, löste alle Schwere in ihr auf, wohlig wiegte sie sich, wenn der Wagen an den Kehren nach außen 192 schwang. Dabei berührten sich ihre Schultern, und plötzlich hatte Ruth das Gefühl, als führen sie aneinandergeschmiegt ins Grenzenlose.

Gerhart Xylanders Hände lagen fest am Steuer. Er hielt die Augen auf die Straße geheftet, schneller folgten sich die Vibrationen, die Ferne stürzte auf sie zu. Der Rausch der Geschwindigkeit hielt sie gefangen.

Da legte Engelhardt die Hand mit hartem Griff auf Xylanders Schulter. Das Rad rückte, der Anlauf verringerte sich, Häuser nahmen Gestalt an, die Trompete schrie, der Wagen stand, und in der Tiefe sahen sie den Rheinfall rauschen. Silberne Kaskaden, glasgrüne Stürze, Wolken buntflimmernden Wasserstaubes, ein schwarzer Felsen als Turm breitnackig mitten im qualmenden Gischt, flüssige Säulen, die sich tanzend drehten, und blaugrün quirlende Tiefe, in der das Unterste zu oberst wallte.

Wie das Rauschen von tausend entfalteten Flügeln stieg das Echo des Falles aus dem Strome. Aufgeschlagen das Tal, weithinrollendes Hügelland und in der Ferne das kühngegipfelte Bild des Säntis.

Ruth hatte den Schleier aufgeschlagen und die Brille gelöst. Ihre Wangen waren perlklar, ihre Lippen dunkelrot wie blutende Wunde.

Der Strom, der stäubende Fall, der Felsen, der im Taumel des Wassers unbeweglich stand – ihre Gedanken waren plötzlich bei dem alten Mann im Fischerhaus am Lauffen und bei Hanns Ingold und seinem Werk.

»Verzeihung, Fräulein Ruth, ist Ihnen etwas? Bin ich zu schnell gefahren?«

Mit ängstlicher Besorgnis ergriff er ihre Hände.

Sie bewegte abwehrend den Kopf. Ein blasses Lächeln bat um Entschuldigung, als sie ihm die Hände entzog.

Da riß er sich zusammen, drehte sich zartfühlend um, deckte sie mit dem Rücken, damit der Vater ihre Bewegung nicht wahrnehme, und begann mit Engelhardt ein Gespräch, das ihr Zeit ließ, sich zu sammeln.

193 Sie sprachen von Wasserwerken und Industrien, und diesmal nahm Xylander mehr Interesse an Engelhardts Ausführungen, aber nur um diese zu bekämpfen. Der Industrielle regte sich in ihm. Einzelne Sätze klangen laut und klar an Ruths Ohr, und als er den Plan, in Rheinau unterm Lauffen ein Werk von dreißigtausend Pferdekräften zu bauen, genial nannte, schlug es ihr rot ins Gesicht.

In gemäßigter Geschwindigkeit fuhren sie durch Neuhausen nach Schaffhausen und dann über Singen und Radolfzell nach Konstanz.

»Hier haben wir ein Dutzend Maschinen laufen,« sagte Xylander, als sie unter dem Hohentwiel vorbeifuhren und Singen, das aufblühende Industriestädtchen, seine neuen Häuserzüge entwickelte.

Es war ein Tag in Blau und Silber. Der Bodensee verschwamm am Horizont in einem perlmutterfarbenen Glanz.

Sie saßen auf der Terrasse des Inselhotels, vor sich die gekräuselte, in mattsilbernen und rosigen Tönen schwankende Wasserfläche mit den malerisch geschwungenen Ufern. Lilienweiße Segel trieben wie verwehte Blütenblätter dahin. Von den Bosketten und den Spalieren wehte der Duft der Rebenblüten und der Rosen.

Engelhardt kam auf einen ausbündig gescheiten Einfall. Er wollte den leitenden Arzt des städtischen Krankenhauses besuchen, einen alten Bekannten, wie er sagte. Sonst pflegte er sich zwar von alten Bekannten fernzuhalten, aber heute machte er sich gewissenhaft auf den weiten Weg, um die beiden allein zu lassen.

»Von einem Kloster ins andere,« scherzte Ruth, als sie so in der friedevollen Stille des ehemaligen Klostergartens saßen.

Die Gäste des Hotels waren ausgeflogen, nur ein paar Konstanzer Herren, die hier ihren Kaffee tranken, zogen unter einer Linde grübelnd Schach.

194 Leise schlugen die Wellen an die Terrasse. In den Baumkronen flüsterte der Wind, und von der Rheinbrücke her tönte das metallische Dröhnen eines ausfahrenden Zuges.

Da legte Gerhart Xylander die Hand auf Ruths Arm, der dicht neben ihm auf der Lehne des Gartensessels lag. Nur einen Augenblick, um ihre Aufmerksamkeit zu fesseln und eine unmittelbare Berührung herzustellen.

Langsam neigte sie den Kopf. Sie wußte, was kam, und konnte – – wollte ihm nicht verwehren zu sagen, was gesagt sein mußte.

»Fräulein Engelhardt, ich bitte Sie um Gehör für das, was ich Ihnen jetzt sagen möchte. Es ist ungefähr ein und ein halbes Jahr her, da berührte ich in unserer Fabrik bei einem Versuch mit elektrischen Lokomobilen die Starkstromleitung. Fast ein halbes Jahr lag ich an den Folgen zu Bett und im Stuhl. Ich hatte vorher nur unser rastloses heißhungriges Hinstürmen gekannt, das Erobern neuer Werte, das Hineinschmeißen von Energie, Kraft und Kapital in Unternehmungen, die uns ebensogut verschlucken wie in die Höhe tragen konnten. Sie, gnädiges Fräulein, sind zu früh in Ihre Wildnis verschlagen worden. Sie können dieses Arbeits- und Erfolgsfieber, dieses allgemeine Wettrennen, dieses explosive Verdienenwollen in seiner schwindelnden suggestiven Gewalt nicht fassen. Vielleicht gab Ihnen das bißchen Autorasen heute früh eine schwache Vorstellung. Ich hatte dasselbe Tempo zum normalen meines Lebens gemacht, wie wir alle. Auch mein Leben außerhalb des Geschäftes lief mit der großen Geschwindigkeit. Und nun auf einmal aus, der Motor abgestellt, sogar das Gefühl dafür erstorben, ruhender Pol. Ich glaube, Sie vermögen das besser nachzufühlen, wenn ich nicht versuche, Worte für diesen Zustand zu finden. Und dann – – kam ich nach Rheinau, und dann kamen Sie.«

Er machte eine Pause und starrte mit zusammengezogenen Lidern auf den silberflimmernden See hinaus.

195 Ein Buchfink trippelte über den Kies und haschte nach verstreuten Kuchenkrümeln.

»Ja, dann lernte ich Sie kennen, Fräulein Ruth,« fuhr er leiser fort, »und nun geschah etwas Merkwürdiges. Der äußere Motor blieb abgestellt, aber der innere begann zu arbeiten. Und als ich wieder gehen gelernt hatte, wußte ich, daß ich Sie eines Tages um Ihre Hand bitten mußte. Das heißt, wenn ich die Gewißheit hatte, wieder ganz auf der Höhe zu sein.«

Als sie schwieg, fuhr er fort:

»Eine Krankenpflegerin, eine barmherzige Schwester suchte ich nicht in Ihnen, dazu ist mir die Liebe zu sehr ins Blut gegangen. Ich darf nicht mehr sagen, ohne Sie zu verletzen, Fräulein Ruth, aber glauben Sie mir, ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so viel Zeit zum Warten verwendet wie auf den Augenblick, da ich Ihnen diese Erklärung machen würde. Verzeihen Sie, ich bin Geschäftsmann und kann den Jargon nicht immer unterkriegen. Wir Deutschen haben zu sehr, zu ausschließlich Unternehmungsgeist erzeugen und hergeben müssen, um anderen den Platz abzunehmen, dadurch sind wir ein bißchen laut und fahrig geworden, aber ich hoffe, nein, ich bin überzeugt, daß Sie mich nicht mißverstehen. Ich liebe Sie, Fräulein Ruth, und ich bin gekommen, um Sie zu fragen, ob Sie meine Werbung annehmen und meine Frau werden wollen.«

Er war zu Ende, wischte mit dem Seidentuch flüchtig über die Stirn und fühlte trotz der gefaßten Haltung, daß alle Nerven rebellierten, alle Adern voller schlugen als je.

Hand und Kinn auf den Griff des langstieligen Sonnenschirmes gestützt, blickte Ruth schweigend zur Erde, wo die weißen Steinchen sich unruhig zu bewegen schienen.

Die alte tausend- und millionenmal gestellte Frage und die immer wieder neugeborene Antwort!

In diesem Augenblick fühlte sie, daß sie ein Innenleben von unbeschreiblicher Stärke geführt hatte.

196 Langsam hob sie den Kopf.

Auf einmal streckte sie ihm impulsiv die Hand hin. Ein rosiger Schein kam und ging in ihrem Gesicht.

Xylander hatte die nackten Finger erfaßt und hielt sie mit lockerem Griff.

»Herr Xylander, ich kann Ihnen nur eins antworten: Sie haben mir mit dieser Erklärung unendlich viel gegeben, aber ich bin, ich fühle mich nicht mehr frei.«

Sie hatte Tränen in den Augen, als sie es sagte, doch tief im Innern jubelte es sehnsüchtig: Hanns Ingold.

Krampfhaft umschloß er ihre Finger, doch halb vorbereitet, riß er sich gewaltsam zusammen, bückte sich wortlos und küßte hastig die zuckende Hand. Dann bat er sie mit unnatürlich ruhig klingender Stimme für einen Augenblick um Entschuldigung, stand auf und ging langsam bis zum Rand der Terrasse.

Scharf hob sich seine Gestalt aus dem zerstreuten Licht, wie er so mit unterschlagenen Armen auf den silbergrauen See hinausblickte. Eine weiche, tiefausholende Grundwelle kam gelaufen und warf ihre Perlenschauer bis zur Balustrade. Um die Schiffspfähle tanzte blaßroter Schaum, schwarzgrün funkelte die beschattete Flut.

Ruth war regungslos sitzen geblieben. Sie mußte auf ihn warten. Und dabei liefen ihr die Gedanken davon, beschäftigte sie sich mit der Ausrechnung des Datums ihrer Hochzeit mit Hanns Ingold. Sie wehrte sich dagegen und konnte diesen Gedanken doch nicht entrinnen. Jeden Tag konnte die endgültige Genehmigung eintreffen, und dann begann der Bau, und auf diesem Bau ruhte ihr Glück. Glück? Sie umfing den Schattenriß Gerhart Xylanders mit tastenden Blicken. Und auf einmal wußte sie, was sie mit unwiderstehlichem Drang zu Hanns Ingold zog, nicht nur die ganze Fülle einer Liebe, sondern auch das Gemeinsamkeitsgefühl der von unten Heraufsteigenden, derer, die sich durchsetzen, sich 197 emporrecken müssen. Wie er sich vom Fischersohn zum Mechaniker, zum Ingenieur, zum Werkbauer hinaufgereckt hatte, so liebte sie ihn. Er hatte niemand gehabt als sie. Er hatte den Kopf in ihren Schoß gewühlt und seinen Kampf zu ihr getragen, ein Einsamer, einer, der gegen sich selbst wütete, und so war er ihr über alles lieb geworden.

Xylander kehrte zurück.

Sie rückte ihm leise den Sessel zurecht, den er beim Aufstehen weggeschnellt hatte.

»Überstanden! Den Stoß meine ich, Fräulein Engelhardt. Ich bitte, nur noch ein Wort sagen zu dürfen.«

Sie blickte befremdet auf.

»Keine Frage, seien Sie meiner Diskretion ganz sicher,« fuhr er schneller fort. »Ich weiß nur das eine, daß Sie sich nicht frei fühlen. Das ist eine Schranke, ein Avis. Ich respektiere beides, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ich kann einfach nicht, Fräulein Ruth!«

Die letzten Worte stieß er mit einer Leidenschaft hervor, daß Ruth sich wie von einer Flamme angeweht fühlte.

Sie blickte ihn an, der eingeborene Trotz stieg aus der Tiefe ihres Wesens, doch in den gewaltsam beherrschten Zügen des Mannes, der keinen Augenblick die Haltung verloren hatte, war etwas, das sie wieder weich stimmte.

»Wir wollen nicht mehr davon sprechen,« erwiderte sie leise.

Eine Weile saßen sie schweigsam, von hungrigen Vögeln umflattert, dann erhob sich Ruth.

Engelhardt spürte die Veränderung in ihrem Wesen, als er zurückkehrte.

Und nun gab ihm seine aufgerüttelte Natur und die Angst um Ruth einen waghalsigen Gedanken ein.

Im Kreuzgang war's. Ruth war aus ihr Zimmer gegangen, um sich zur Fahrt zurechtzumachen.

Dann wandte Engelhardt sich an Xylander und fragte geradezu:

198 »Haben Sie während meiner Abwesenheit etwas Ernstes, etwas über Leben und Zukunft gesprochen?«

Xylander stutzte. Dann antwortete er kurz:

»Jawohl, Herr Professor, aber ich bin zu spät gekommen.«

»Oder zu früh,« entgegnete Engelhardt und ging seiner Tochter entgegen, die in ihren Schleier gehüllt, raschen, federnden Schrittes den Klostergang der ehemaligen Dominikanerabtei entlang kam. 199

 


 

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