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Der gefesselte Strom

Hermann Stegemann: Der gefesselte Strom - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gefesselte Strom
authorHermann Stegemann
year1914
firstpub1914
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart-Berlin
titleDer gefesselte Strom
pages308
created20160621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ruth hielt das Versprechen, das sie Hanns Ingold gegeben hatte, unverbrüchlich. Sie mietete sich schon am Tag nach Hannsens Erkrankung in einer Pension ein und ging dann auf die Neue Kräme, wo Ingold gewohnt hatte.

Der erste Frost war gekommen, vereinzelte Schneekristalle blitzten auf dem Asphalt, die Telephondrähte hingen weißgezuckert in der blaßgrauen Luft. Ruth hatte nicht das Gefühl, erst gestern angekommen zu sein. Sie stieg vier dunkle Treppen hinauf, erzählte der Vermieterin, Frau Kurz, was geschehen war, beglich im voraus die Miete für den laufenden Monat, um jeden Argwohn zu ersticken, und wurde darauf in Ingolds Zimmer geführt. Es war dürftig ausgestattet, und der klare kalte Tag stach grell durch die nackten Scheiben.

Als die Wirtin sie allein gelassen hatte, setzte sie sich in den Rohrsessel, der am Fenster stand, und lehnte den Kopf zurück, schloß die schmerzenden Augen und überließ sich ihren Gedanken.

Doch die hielten ihr nicht stand, das Gefühl flutete unter der Schwelle ihres Bewußtseins hervor und erfüllte in mächtigem Schwall ihr ganzes Wesen.

Sie liebte ihn mit einer Stärke und Opferbereitschaft, die nicht von Zärtlichkeiten lebten. Sie hatte ihn zu lange geliebt, war zu reif geworden, um noch die ersten Schauer inbrünstiger Hingabe zu empfinden. Es war, als hätte sich ihr Verlangen nach Zärtlichkeiten und Umarmungen, nach Besitz und Genuß in den Jahren, da sie ihn entbehrt hatte, verflüchtigt. So wie sie ihn jetzt liebte, müssen Frauen lieben, die dem Mann alles gegeben haben. Oder Mütter, die für ihre Söhne alles leiden.

148 Nun lag er krank. Hanns Ingold und krank! Der Arzt hatte von Überarbeitung gesprochen, sie selbst durch ihren Bericht dazu beigetragen, diese Erklärung in Lauf zu setzen. Aber nicht Überarbeitung war die Ursache, sondern die verzehrende Qual, in der er rang, um seinem Werk zum Leben zu verhelfen.

Wenn sie morgen an sein Bett trat und sagte: »Hanns, steh' auf, du kannst bauen,« dann schnellte er auf und faßte sie um den Hals und rief: »Ruth, Ruth Engelschön, jetzt spreng' ich den Lauffen und bau' das große Werk, und dir dank' ich's, dein Werk ist's, das ich baue!«

Der alte Korbsessel knisterte, so heftig ging ihr Atem, durch die geschlossenen Lider drang die grelle Klarheit des Tages und gaukelte in buntflammenden Lichtempfindungen vor ihren Augen.

Langsam stand sie auf; sie hatte keine Zeit, müde zu sein und zu träumen. Er brauchte sie.

Sorgfältig begann sie, seine Papiere zu ordnen und den gesamten Briefwechsel zu lesen. Und je tiefer sie drang, desto stärker wuchs ihr Interesse, desto klarer erkannte sie, wie Hanns Ingold mit diesem Werkgedanken verwachsen war. Als sie sich nach zwei Stunden wieder erhob, lag ihre Aufgabe vor ihr. Sie beschränkte sich heute darauf, dem Kommerzienrat Ellenrieder und der Buchdruckerei mitzuteilen, daß Hanns Ingold erkrankt sei, und ging dann zu der Vermieterin, um ihr zu sagen, daß sie jeden Vormittag kommen und die Korrespondenzen bearbeiten werde.

Ein starkes Glücksgefühl erfüllte sie, als sie ins Freie trat. In sehnsüchtigen Wellen strömten ihre Gedanken zu ihm hin, während sie mit federndem Schritt die belebten Straßen maß.

Am Nachmittag saß sie im Wartezimmer des Krankenhauses und wartete auf den Krankenbericht. Sie durfte ihn nicht besuchen, aber wenn auch keine Besserung eingetreten war, so schien auch keine Verschlimmerung zu drohen, und da sie als Arzttochter und Pflegerin 149 Geduld gelernt hatte, so kehrte sie in ihre Wohnung zurück, ohne ihren Mut verloren zu haben.

Tag für Tag ging Ruth morgens um neun Uhr über die Neue Kräme. Sie las die Korrekturen der Broschüre, deren erste Bogen schon gedruckt wurden, und versandte die Artikel, die Hanns für Zeitungen und Zeitschriften bereitgestellt hatte, an andere Blätter, wenn sie als unverwendbar zurückkamen, sie legte eine Sammlung von Ausschnitten an und ordnete die weitläufige Korrespondenz bis ins einzelne. Die Schreibmaschine tickte wie ein Uhrwerk, und Ruth ertappte sich darauf, daß sie in den Begleitbriefen, die sie im Auftrag des Verfassers der Aufsätze hinausgehen ließ, den bestimmten, überzeugten Ton anschlug, der Ingold eigen war. Kam sie dann um zwölf Uhr nach Hause, so hatte sie das Gefühl, die Welt erobert zu haben, und das Blut färbte ihr die Wangen und schlug ihr voll in den Adern.

Zweimal bat sie ihren Vater, nach Frankfurt zu kommen, als er sie aufforderte, zurückzukehren, aber Engelhardt lehnte den Vorschlag das erstemal schroff ab und nannte ihn das zweitemal eine unwürdige Zumutung. Da zuckten ihre Lippen von verhaltenem Weh.

Das neue Jahr war gekommen.

Ruth sah den trüben Wolkenhimmel tief auf die Dächer drücken, und das Heimweh begann sie anzufechten. Von den verschneiten Halden und dem goldgrünen Rhein, aus dem jetzt die silbernen Nebel stiegen, war ihr nichts geblieben als die Erinnerung.

Am elften Januar durfte sie Hanns Ingold zum erstenmal besuchen.

Der Arzt hatte sie in seinem Sprechzimmer empfangen.

»Gnädiges Fräulein, ich weiß, daß ich Ihnen ein großes Opfer auferlegt habe, aber ich habe damit gerechnet, daß ich kein empfindsames junges Mädchen, sondern einen beherrschten reifen Menschen vor mir habe. Und wie ich sehe, sind Sie nicht in Schmerzen zerflossen.«

150 »Ich hatte meine Arbeit, Herr Geheimrat,« erwiderte Ruth und spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg.

Der Arzt stand auf und reichte ihr die schmale, welke Hand.

»Sie hatten mehr, Fräulein Engelhardt. Sie hatten sich selbst. Gehen Sie zu ihm, er braucht Sie und darf Sie sehen. Ich glaub' nicht, daß ich Ihnen Verhaltungsmaßregeln zu geben habe.«

Ein Lächeln ging über sein weißbärtiges Gesicht, in dem die schwarzen Augen mit den breiten Lidern noch jugendlich blitzten. Mit dem Blick des Kenners überflog er die Erscheinung Ruths von dem tiefgewellten blonden Haar, das die schöne kluge Stirn bedeckte, und den braunen, von goldenen Lichtern erhellten Augen bis zu den feingefesselten Füßen.

Ruths Finger zuckten in seiner Hand. Auf einmal war die stürmische Sehnsucht über sie gekommen, ihn wieder zu sehen, ihn an sich zu ziehen, ihn für sich zu haben und ihm zu sagen:

»Hanns, Hanns, ich habe dich unsäglich lieb.«

Und mit klopfendem Herzen ging sie erst langsam, dann schnell und schneller den hallenden Korridor entlang zu seiner Tür. Die Schwester, die die Aufsicht hatte, blickte ihr neugierig nach.

Als sie leise klopfte, klang es müde und gleichgültig von innen:

»Herein.«

»Hanns!«

Er blieb stumm.

Und nun, da sie ihn erblickte, die Veränderung in seinen Zügen sah, versagten auch ihr die Worte.

Langsam richtete er sich auf. In den tiefgegrabenen Augen erschien ein Licht, das stieg wie aus einem Brunnen an die Oberfläche. Weiß und beinahe durchsichtig war seine Haut, gestern erst war der Krankenbart gefallen. Die Nase stand schmal und scharf mit hohem Rücken in seinem Gesicht, und dieses Gesicht war wie 151 das eines Jünglings so glatt und klar. Nun lächelte er, sank leise zurück und streckte die Hände nach ihr aus.

Da kniete sie rasch zu ihm nieder und umfing seine Schultern.

Er schloß die kraftlosen Hände um ihren Nacken, schmiegte den Kopf an ihre Brust und atmete ihre Nähe, suchte mit weichen Lippen die zarte Stelle zwischen Hals und Ohr, küßte sie behutsam und flüsterte das Wort, nach dem sie sich jahrelang gesehnt hatte und das nur in einem fieberhaft hingestürmten Brief einmal aufgeflackert war: »Süße Ruth!«

In diesem Augenblick war Ruth Engelhardt wunschlos glücklich, besaß sie ihn ganz, stand nichts mehr zwischen ihnen, floß Schwärmerei der Jugend und das Bewußtsein erkämpfter Liebe in eins, und, einander hingegeben, verschmolzen ihre Leben einen Herzschlag lang in einem einzigen Klang.

Mit einem Seufzer trennten sie sich, und dem Genesenden fielen die Augen zu.

Ruth saß und hielt seine Hand.

Trüb und grämlich blickte der Tag durch das Spitalfenster, in der Höhe trieben Wolken, aufgewühlt von einem drängenden Wind.

An diesem Tage wurde kein Wort von Hanns Ingolds Werk gesprochen.

Es schien in seinem Gedächtnis keinen Platz mehr zu haben.

Als Ruth nach einer Viertelstunde Abschied nahm, fragte er plötzlich: »Wohnst du hier? Kommst du morgen wieder?«

Sie strich ihm die Kissen glatt und fuhr ihm mit beiden Händen durch das geschorene Haar.

»Ja, Hanns Ingold, ich wohne hier, und ich komme morgen wieder,« versetzte sie heiter.

An der Tür blickte sie noch einmal zurück. Knabenhaft jung erschien er ihr. Sie mußte an seinen Bruder denken und an die kleine Lo.

152 Und wie sie nun wieder den Korridor hinunterging, war ihr plötzlich, als hätte sie in diesem Krankenzimmer etwas zurückgelassen, das sie nie mehr wiederfinden würde. Sie war wieder auf die Erde zurückgekehrt, über die sie sich eine Viertelstunde lang, nur in Gefühlen und mit der Seele lebend, schwebend erhoben hatte.

Am anderen Morgen fand sie in Ingolds Wohnung die ersten hundert Exemplare seiner Schrift und saß und las, als hätte sie keinen einzigen Buchstaben davon gekannt. Und aus dieser Schrift reckte sich der Hanns Ingold, der sie an diesen Tisch gezwungen hatte.

Sie nahm die Umschläge zur Hand und begann die Adressen zu schreiben.

Das Verzeichnis lag neben ihr. Hanns hatte es noch selbst angelegt, die letzten Namen waren beinahe unleserlich.

Als sie auf Ellenrieders Namen stieß, hielt sie inne, zögerte eine Zeitlang und ließ ihn dann aus. Der Kommerzienrat hatte ihr auf ihre Mitteilung, daß Hanns erkrankt sei, geantwortet, er bedaure das und hoffe, später wieder von ihm zu hören. Ein kurzer höflicher Brief, mit der Maschine geschrieben, mit Vermerk und laufender Nummer versehen und flüchtig unterschrieben. Aber Ruth wollte ihn zum Vorwand nehmen, um den Kommerzienrat zu sprechen und ihm die Broschüre zu überbringen.

Schon häufte sich der Stapel gelber Umschläge auf dem Tisch.

Da stutzte sie, buchstabierte den Namen, der einer der letzten war, und las plötzlich und unwillkürlich laut: Xylander.

Das Blatt in ihrer Hand zitterte. Langsam stieg ein Erlebnis aus der Tiefe ihrer Erinnerung, das, dort untergetaucht, seine volle Frische bewahrt hatte. Als wäre sie auf einmal eine andere Ruth, erlebte sie ihr Verhältnis zu Gerhart Xylander neu, und sie durchlief die Phasen dieses Erlebnisses, das in der Vergangenheit 153 wurzelte, von seiner Ankunft bis zum Abschied, in wechselnden Erinnerungsbildern, die sich wie ein Film vor ihr abrollten. Der Aufstieg zur Burg Hohenelfen und die Fahrt auf dem umbuschten Rhein leuchteten am stärksten nach. Wie kam der Name in das Verzeichnis?

Plötzlich entsann sie sich, daß Xylander und Hanns sich gesehen und gesprochen hatten. Nach dem Unfall Los. Gerade dieses Bild hatte vorhin im Film gefehlt.

Als sie noch einmal auf das Papier blickte, fielen ihr ein paar mit Bleistift hingeworfene stenographische Zeichen neben Xylanders Namen auf.

Sie trat ans Fenster. Blasse Sonne streichelte das Papier. Jetzt konnte sie die Zeichen entziffern:

»War in St. Joseph, könnte Schicksal spielen,« las sie laut.

Dann ward es still, nur der verworrene Lärm der Gasse klang zu ihr herauf.

Endlich kehrte sie langsam zum Schreibtisch zurück. Sie tauchte die Feder ein und begann die Adresse zu schreiben. Aber kaum hatte sie den Namen geschrieben, stockte sie, hielt einen Augenblick zaudernd inne, von einem wilden Gedankensturm bewegt, und riß dann den Umschlag in Stücke. Heiße Scham schlug in ihre Wangen.

Darauf schrieb sie mit fester Hand die letzten Adressen und machte die hundert ersten Exemplare zum Versand bereit.

Aber sie war unruhig geworden. Die traumwandlerische Sicherheit und Unbefangenheit, mit der sie seit ihrer Abreise von Rheinau gelebt hatte, war mit einem Schlag dahin. Das Glück des gestrigen Wiedersehens wie ein Vogel entschwebt.

Sie mußte sich zwingen zu tun, was sie noch tun wollte. Und tat's. Ging nach Hause, kleidete sich um und begab sich auf den Weg zu Salomon Ellenrieder.

Mit geröteten Wangen kam sie an.

Sie gelangte bis zum Vorzimmer des Privatkontors. Hier saß sie eine halbe Stunde. Betreßte Boten kamen 154 und gingen, schöngescheitelte Kommis eilten vorüber, aus den Nebenräumen klang das Klappern der Schreibmaschinen.

Dreimal wandte sie sich an den Sekretär, der sein Ohr zwischen Telephon und Hörschläuchen teilte und alles so ausdruckslos und so genau erledigte, daß Ruth ihn mit einem Automaten verglich.

Sie bat ihn, Ellenrieders Brief und ihre Karte hineinzuschicken. Endlich sah sie ihn beides auf ein bewegliches Wandbrett legen, das sogleich verschwand. Er beugte sich wieder zum Tischtelephon, zum Hörschlauch, zu den Tastern, stenographierte, warf plötzlich zwischen zwei »Jawohl« und »Gewiß« einen Blick auf Ruth und sagte dann: »Bitte, der Herr Kommerzienrat ist bereit, Sie zu empfangen.«

Als sie ihn dankbar anlächelte, lief der erste Schein von Leben über sein ausdrucksloses Gesicht.

Beim Eintritt in Ellenrieders Kontor sah Ruth zunächst nur die kostbaren gedrehten Schränke, die mit ihren gekröpften Säulen schwarz und fremd im modernen Raum standen. Von Ellenrieder bemerkte sie nur den dicken Speckwulst über dem hohen Kragen und den dünnbehaarten Schädel.

Aber nun drehte er sich um, blinzelte, setzte den Klemmer auf und zog die Brauen zusammen. Das straffe Gesicht mit den dicken Lippen unter der großen Nase ließ keine Überraschung merken.

»Bitte, setzen Sie sich, Fräulein Engelhardt. Ich kann Ihnen fünf Minuten geben.«

Es war keine Aufschneiderei, auch keine Unhöflichkeit, sondern eine streng geschäftsmäßige Mitteilung. Ruth hörte es heraus.

»Für das, was ich zu sagen habe, genügen fünf Minuten, Herr Kommerzienrat. Für die Sache nicht.«

Sie lächelte, als sie das sagte, und nahm ihren Worten damit den letzten Schein von Keckheit.

Fester setzten die mageren Hände, die zu dem starken 155 Nacken im Gegensatz standen, den goldenen Klemmer auf den breiten Nasenrücken.

»Bitte!«

Mit kurzen sachlichen Worten berichtete Ruth über Ingolds Krankheit und die Schritte, die er seit seiner Besprechung mit Ellenrieder getan hatte, und legte die Broschüre in die Hände des Kommerzienrates, indem sie die Tabellen und graphischen Darstellungen und Planskizzen auseinanderzog, die der Schrift beigegeben waren.

»Herr Ingold wird in drei Wochen wieder vollständig hergestellt sein und persönlich verhandeln können. Die badische Staatsregierung scheint nach den letzten Mitteilungen bereit zu sein, die Genehmigung zum Bau zu erteilen, wenn ihr die nötigen Bürgschaften gegeben und gewisse Vorrechte eingeräumt werden. Ich bitte Sie, von dieser Kopie der letzten Mitteilung des Ministeriums des Innern und des Wasserbauamtes Einsicht zu nehmen.«

Ellenrieder wog die Broschüre, die ein ansehnliches Werk in Quartformat darstellte, in der Hand und richtete dabei seine klugen Augen unverwandt auf Ruth, indem er mechanisch den bunten Querschnitt der Gesamtanlage zusammenlegte. Ruth erhob sich.

Da stand auch der Kommerzienrat auf und streckte ihr die Hand hin.

»Fräulein Engelhardt, Sie haben gesprochen wie einer vom Bau. Aber so leidenschaftslos sachlich spricht keine Frau, wenn sie nicht für einen Mann spricht. Wir werden uns mit dem Projekt befassen.«

Sie errötete vor Glück und ließ ihm unwillkürlich die Hand.

Da sah sie plötzlich seinen Nacken wieder, denn er hatte sich gebückt und den Mund auf das schmale Handgelenk gepreßt, das weiß aus dem Ärmel leuchtete. Rasch entzog sie ihm die Finger, warf den blonden Kopf hochmütig zurück, daß die blaue Feder wippte, und verließ das Kontor.

156 Und als es auf den Abend ging, machte sie sich im Reisekleid auf den Weg zu Hanns Ingold, um Abschied zu nehmen. Schneegewölk kam vom Taunus her. Frühe Dunkelheit rief nach Licht. Die Zeil hinunter flammten die Bogenlampen, Schaufenster sprühten, grelle Lichtgarben schossen aus den Automobilen, und die Schneeflocken taumelten wie lichtberauschte Schmetterlinge in das blendende Meer, in dem die Menschen dichtgedrängt mit blassen Gesichtern ihr Ziel suchten.

Ruth ging heiter und ruhig im Getriebe.

Er hatte sie mit Ungeduld erwartet. Aus den ersten Blick erkannte sie, daß seine Gedanken wieder zu seinem Werk zurückgekehrt waren.

Da legte sie ihm stillschweigend die Broschüre auf die Bettdecke und trat ans Fenster.

Draußen stand graues Dunkel, erleuchtete Fenster liefen die Front des Hofes entlang, und Ruth begann sie mechanisch zu zählen. Eine tiefe Traurigkeit war plötzlich wie ein erdrückendes Gewicht auf sie gefallen, leer schlug ihr Herz.

Sie hörte seine heftigen Atemzüge, hörte ihn die Blätter wenden, die Beilagen öffnen, und kurze abgebrochene Worte, die seinem Werk galten.

Vier Wochen waren vergangen, seit sie Rheinau verlassen hatte. Ihr war's auf einmal, als wären es vier Jahre.

Nun riß er das Schreiben der badischen Regierung aus dem Umschlag.

Langsam wandte sie sich um und erstattete Bericht über ihre Unterredung mit Ellenrieder.

Er saß aufgestützt und hörte zu. Auf seiner Stirn stand die eigensinnige Falte, in seinen Augen war der gesammelte Blick, der für alles Äußere blind war. Das Gesicht war erstarrt in gespannter Energie.

Er stellte hundert Fragen, überlegte, rechnete, begann von Bauzeiten und Konzessionen zu sprechen und sah in Ruth nur noch die Gehilfin, die Zuhörerin, vergaß sogar, ihr zu danken, bis sie Abschied nahm.

157 Sie hatte sich fest zusammengenommen, wie von einem urplötzlich einfallenden Frost getroffen, lag eine harte Decke über das flutende Meer ihrer Empfindungen gebreitet. Mit einem ernsten Lächeln stand sie vor seinem Bett.

Hell glühte der Draht in der Lichtbirne, weiß und schattenlos schimmerte das Zimmer mit den weißen Wänden und Möbeln.

»Leb' wohl, Hanns. In vierzehn Tagen kannst auch du abreisen. Du wirst jetzt mit den Verhandlungen zur Gründung einer Gesellschaft beginnen können. Und wenn du erst Hand an dein Werk legen kannst, dann wächst dir auch wieder Kraft und Gesundheit.«

»Du willst gehen, abreisen? Wirklich abreisen?« fragte er erstaunt und wieder nachdenklich.

Sie mußte lächeln.

»Ich habe einen Vater zu Hause, der Liebe nötig hat.«

»Ja, und schließlich kannst du auch nicht hier in diesen unfertigen Verhältnissen leben,« versetzte er.

Sie errötete.

»Also leb' wohl, Hanns, und vergiß nicht, daß ich da bin, wenn du mich brauchst.«

»Nun brauch' ich nur noch ein Stück Gesundheit, Ruth! Und das hol' ich mir aus meiner Arbeit! Ruth, mir ist wie einem, der an Händen und Füßen gefesselt war und nun frei wird, wie einem Gaul, der vor der Zeit gestartet hat und den Zügel abbeißt, bis endlich die Flagge fällt. Oh, ich habe keine Angst, Mädel, ich mach' das Rennen, ich bau' das Werk, das größte am Rhein von Konstanz bis zum Meer! Fahr' heim, Ruth Engelmild, wenn die Schmelzwasser stromab gefahren sind, stecken wir die Profile aus, und ich weck' dich mit Sprengschüssen in der Frühe, und wenn der Rhein mit vierzigtausend weißen Pferden durch die Turbinen braust, statt nutzlos im Lauffen Trichter zu drehen und Felsen zu spülen, dann lach' ich, Ruth, dann stehe ich oben und lache, daß die Gassen von Rheinau widerhallen. Dann steh' ich auf meinem Werk!«

158 Weit vorgebeugt, die geöffnete rechte Hand erhoben, die Linke ins Bett gestemmt, rief er es mit einer noch schwachen, aber nur um so ekstatischer klingenden Stimme in die weiße Öde des Zimmers, die Augen ins Leere gerichtet, einen fanatischen, weltentrückten Zug im hageren Gesicht.

Und Ruth Engelhardt stand und wartete, wartete mit dürstendem Herzen auf ein einziges Wort, das ihr galt, auf ein einziges Wort der Liebe. Wenn er gesagt hätte: »Dann bist du mein, dann wollen wir Hochzeit halten, uns für das ganze Leben zusammenbinden mit allen Hoffnungen und Enttäuschungen, mit unseren Schwächen und Eigenheiten und einander heben und tragen« – sie wäre von Glückstränen überströmt neben ihm niedergefallen und hätte seine mageren Finger geküßt und sein bartloses, von Gedanken gebleichtes und von Fieber verzehrtes Gesicht mit ihren weichsten, zärtlichsten Liebkosungen überschüttet.

Ach, sie fühlte, daß eine Fülle, ein Meer von Liebe, von Seligkeiten in ihr gestaut lag und nur darauf wartete, daß die Schleusen sprangen und die Dämme barsten, um frei und fessellos sich zu ergießen.

Doch Hanns Ingold dachte an sein Werk und vergaß das Wort, nach dem das Weib heimlich schrie, ohne den Mund zu öffnen, mit einem stillen, gefrorenen Lächeln um die schmerzlich gespannten Lippen.

Dann nahm Ruth den letzten Abschied.

Als sie sich küßten, traten ihr zwei Tränen in die Augen, die brannten wie Feuer. Spröd und fiebrig berührten sich ihre Lippen und saugten keine Süße aus diesem Kuß.

An der Tür zögerte Ruth. Zurückschauend sah sie Hanns starr auf die Broschüre blicken. Ein seltsam gespannter Zug schärfte sein Gesicht.

Eine Welle hingebender Liebe hob sich in ihrer Brust, ein Stück Selbstbehauptung wuchs hinein, und ruhig, mit einem ernsten, klaren Ausdruck in dem schmalen Antlitz, sagte sie:

»Hanns, vergiß nicht, daß du frei bist, ganz frei!«

159 Sie wartete keine Antwort, nicht einmal eine Bewegung ab und schloß rasch hinter sich die Tür.

Zum letztenmal durchmaß sie den Korridor, der in Licht gebadet war. Eine halbe Stunde darauf saß sie im Schnellzug und fuhr in die Dunkelheit hinein, aus der die Flammengarben des Metallscheidewerkes an der Mainbrücke goldfarben aufloderten.

Die Nacht stand mit klaren Sternen über dem Lauffen, als sie in Rheinau ausstieg. Frostgehärtet lag die Erde. In der tiefen Stille der Mitternacht klang das Rauschen des Rheins.

Ruth Engelhardt atmete die stählerne Luft und suchte in der Dunkelheit des verlassenen Bahnhofes den alten Joseph, doch außer dem Signalwärter, der jetzt das grüne Licht auf freie Fahrt stellte, war niemand zu sehen. Sie ließ das Handgepäck an der Station, warf die Pelzstola über die Achsel und trat allein den Heimweg an. Im Wald schien Schnee zu liegen, auch die Dächer von Rheinau zeigten weiße Farbflecken, auf den Feldern schwamm dichte Finsternis.

Da hörte sie plötzlich hastige Schritte.

»Ruth, ich bin's!«

Und ehe sie die Gestalt des Vaters erkennen konnte, preßte er sie krampfhaft in die Arme und hielt sie eine Weile schweigend fest.

Sein Atem keuchte noch vom raschen Gang.

Dann brach seine große Liebe, abgeklärt und frei von allem Egoismus, aus ihm heraus.

»Mein Mädel, Herrgott im Himmel, hab' ich mich nach dir gebangt, ich alter Esel! Und nun komm ich trotz des Telegramms und allen Lauerns und Auf-die-Uhr-passens doch noch zu spät! – Hast du noch einen Kuß für mich? Ja? Also! Ach, mein Mädel, es ist doch ein großes Ding, das Zusammengehören!«

Das bißchen Einsamkeits- und Verlassenheitsgefühl, das ihn gepeinigt hatte, trübte sein väterliches Liebesgeständnis nicht.

160 Ruth küßte ihn gerührt mit weichen Lippen auf den bärtigen Mund.

Auch sie fühlte in den ersten Tagen, wie sie hier zu Hause war.

Am dritten Tag kam ein Brief von Hanns. Darin stand alles, was er in Worten sagen konnte, um ihr zu danken für das, was sie für ihn getan hatte. Unwillkürlich verglich sie dieses Schreiben mit dem Brief, der sie vor vier Wochen nach Frankfurt gerufen hatte, und bewunderte den Aufschwung, der aus diesem neuen Bekenntnis sprach. An Stelle der Verbitterung und mehr Rauch als Flamme ausstoßender Leidenschaft war eine sinnfällige Freudigkeit getreten. Nun stürmte er dahin wie ein Läufer, der die lodernde Fackel sicher zum Ziel trägt.

Auch an Engelhardt schrieb er, aber Engelhardt wußte auch diesen Brief nicht zu beantworten.

Ruhe zog ein in Ruths Herz. Auch in ihr schlug jede Ader, da sie den Geliebten der Krankheit und der zernervenden Untätigkeit entronnen sah, die ihn in die Knie gedrückt hatten. Wenn sie die stillen Tage zwischen Arbeiten mit dem Vater, ihren Büchern und den Gedanken an Hanns und die Zukunft teilte, so blieb ihr keine Zeit, ungeduldig zu werden, obwohl der Frühling säumte und der Winter nur langsam aus den Tälern wich.

Da schlug wie ein Blitz die Nachricht ein, daß der Regierung ein ausgearbeiteter Entwurf zur Nutzbarmachung der Wasserkräfte am Lauffen eingereicht worden sei, und daß in den nächsten Tagen in der »Alten Post« zu Rheinau mündliche Verhandlungen zwischen den Vertretern der Regierung und den Interessenten gepflogen werden sollten.

Wild blies der Wind über den Schwarzwald und sang in den Tannen, daß sie wie mächtige Saiten klangen. Der Strom wälzte die ersten Schmelzwasser aus den Bündnerbergen und donnerte in gelben Stürzen durch die Enge.

161 Die Sonne stieg und sank wie ein Scharlachball, der zwischen den Wolken auf- und niedergeschleudert wird, daß farbiges Licht und bunte Schatten im Wechsel über die Landschaft flogen.

Ruth Engelhardt stand barhaupt auf der Terrasse, blickte ins Land, und ein Glücksgefühl füllte ihr die Brust, als müßte sie zum Rhein hinunterlaufen und ihm zurufen, daß die große Zeit gekommen sei und die Welt erneuert werde.

Kein Zweifel kränkelte sie an, sie wußte, daß das Werk Hanns Ingolds sich aus den Plänen reckte. Er hatte ihr nur spärliche Andeutungen gemacht über die Fortschritte, die ihm geglückt waren.

Im letzten Brief hatte ein Satz gestanden, der nahm in diesem Augenblick frische Farben an und kam ihr lebendig ins Gedächtnis, fast Wort für Wort: »Jetzt ist es so weit, daß der Gedanke sich von selbst materialisiert, und mein Entwurf ist nun über mich hinausgewachsen, die Arbeit von vielen, er schiebt sich wie eine Lawine ins Tal. Mein Werk hat Flügel bekommen!«

Ruth stand am Geländer und ließ sich vom Föhnsturm das blonde Haar zerblasen. Sie hatte kein Auge mehr für den romantischen Zauber dieser Landschaft, die unberührt, kaum durch eine im Gelände verschwindende Eisenbahn mit der Welt verbunden, sich hier selbst genügte. Sie sah schon die neue Zeit aus dem Boden steigen, sah Hanns Ingolds Werk, wie sie es in den Planskizzen erblickt hatte, mit Wehr und Schleusen, mit eisernen Brücken und bastionierten Mauern aus dem Flußbett wachsen und den kristallklaren Rhein aus der ausgesprengten Felsenenge in die Turbinenkammern stürzen.

Aber hinter diesen Visionen stand groß und leuchtend der Gedanke an Hanns Ingold selbst. Er kehrte als Sieger heim. Sein Werk war's, mochte es ihm auch aus den Händen genommen und Gemeingut vieler geworden sein, ein industrielles Unternehmen daraus 162 werden, das nur nach Zahlen bewertet wird und Dividenden abwirft, für sie blieb es Hanns Ingolds Werk, war es mit ihm verwachsen, so gut, so teuer wie er selbst. Denn das hatte sie an sich selbst erfahren, daß ihm dieses Werk Leben oder Tod bedeutete, daß er daran gedieh oder starb.

»Hanns Ingold,« flüsterte, rief, schrie sie in den heißen Wind und streckte die Arme über das stille Tal, in das auch der gewaltig tosende Strom mit seinem eintönigen Rauschen keine Unruhe brachte. Und noch einmal leise, inbrünstig: »Hanns Ingold,« dann stieg sie hinab und suchte ihren Vater.

Engelhardt hatte die Zeitung vor sich liegen. Er geriet nicht mehr in Hitze. Seit er erkannt hatte, wie tief sein Kind mit seinem ganzen Sein und Schicksal in dieses Unternehmen verstrickt worden war, trat er ihr mit großer Zartheit gegenüber.

»Ja, mein Mädel, nun hat er's doch in Gang gebracht, aber er irrt sich, wenn er glaubt, er sei schon über den Berg. Die Genehmigung ist noch nicht erteilt. Ich mache mir allerdings keine Illusionen über den Widerstand, der dem Projekt hier am Ort noch droht. Seit gestern die Nachricht von der Abhaltung einer Konferenz bekannt geworden ist, sind die Rheinauer unter die Geldmacher gegangen. Auf einmal sieht jeder, daß es etwas zu verdienen gibt. Sogar der Apotheker, der's doch am wenigsten nötig hat. Auch die Handelskammer macht ein gnädiges Gesicht. Nun steh' ich bald allein mit meinem Protest gegen die Zerstörung dieses Landschaftsbildes, das dem Moloch Industrie geopfert werden soll. Aber nicht davon will ich mit dir reden, Ruth, sondern dich fragen: Was nun? Du liebst Hanns Ingold, du hast unbedenklich daraus die Konsequenzen gezogen und hast ihm beigestanden, als das noch ein Wagnis war. Du bist zu ihm gereist und hast den Teufel gefragt nach den bösen Zungen, die dir diesen Verstoß gegen die Konvenienz nachgerechnet haben. Du hast auch mir 163 gegenüber dein Recht auf dich selbst gewahrt. Aber, was nun, Ruth? Du bist heimgekommen, ohne daß ich erfahren hätte, ob du nun Ingolds Braut bist. Denn von dir muß ich's erfahren, sein Brief zählt nicht.«

»Papa,« unterbrach sie ihn hastig, »siehst du, das ist das Gute, daß wir hier in diesem Winkel nicht ängstlich oder mechanisch mit den Konvenienzen zu rechnen haben. Wir beide sicher nicht, denn wir gehören nicht zu den Rheinauern und um uns her ist freies Feld.«

»Das ist sehr hübsch gesagt, Ruth, aber hier handelt es sich gar nicht mehr um Konvenienzen. Sicherheit, Gewißheit will ich haben, daß mein Mädel nicht unglücklich wird! Und eher kriegt er keine Antwort.«

Er war aufgesprungen und schüttelte die Locken.

»Unglücklich? ich –«

»Halt, nicht weiter, keinen falschen Schluß, Kind! Ich will mich besser erklären.«

Er zog sie ans Fenster. Gerade war die Sonne wieder durch die blutenden Wolken gebrochen und schien einen Augenblick rotgolden ins Zimmer.

»Ich meine, du könntest auf zweierlei Weise unglücklich werden. Als Ingolds Frau, oder wenn du nicht seine Frau würdest. Halt' still, Mädel, ich bin noch nicht zu Ende. Ich habe manchen Tag und noch ein paar Nächte mehr über dieser Sache gesonnen. Er ist wie brennendes Feuer oder wie die geheimnisvolle Kraft, für die er Felsen sprengt und Flüsse staut, wie das elektrische Fluidum, das heute die Welt regiert. Nimm dich in acht, Ruth, du könntest von dem Starkstrom erschlagen werden, der in ihm kreist.«

Er preßte sie an sich, die Brillengläser warfen ängstliche Blitze.

»Aber Papa!« murmelte sie begütigend, während in ihr ein leises Mahnen seine Warnung wiederholte.

»Und wenn du nicht seine Frau wirst –«

»Bitte, nicht weiter, Papa – greis' der Zukunft nicht vor, ich hab' ihn lieb, so lieb, wie man nur einen 164 Menschen haben kann. Und ich weiß das, ich bin mir dessen so klar bewußt, wie meines Lebens selbst. Aber ich werde alles ertragen, gerade weil ich's weiß, siehst du, Papa, gerade deswegen werde ich alles ertragen

»So lieb hast du ihn?« fragte er, und vor diesem Geständnis und der Größe dieser Liebe sank seine letzte eifersüchtige Regung in sich zusammen. »Mein Mädel,« flüsterte er, und ein Stolz, den er noch nie empfunden, straffte ihm den Nacken und machte sein Herz mächtig schlagen.

Er richtete sich auf, hielt sie mit nervigen Händen auf Armeslänge von sich, betrachtete sie still und fühlte sich gerächt und wieder eingesetzt in alle seine Ehren und Hoffnungen, vergaß, daß er aus der Bahn geschleudert, hier ein Leben auf Halbsold führte, und zog sie sanft, fast scheu und ehrfürchtig in seine Arme.

Ihr zerzaustes blondes Haar mischte gelbe Strähnen in seine grauen Locken.

Als Professor Engelhardt am Abend vor der Konferenz zu einer Sitzung geladen wurde, in der der Gemeinderat seine Beschlüsse fassen mußte, sagte er zu seiner Tochter:

»Ich stimme nicht mehr dagegen, denn es heißt jetzt das Projekt möglichst günstig zu gestalten, daß uns das malerische Nest nicht ganz verhunzt wird. Aber ja stimme ich auch nicht, da nützen die schönsten blauen Augen nichts.«

»Ich habe ja braune, Papa,« erwiderte sie lachend.

Er wandte schnell den Kopf weg und setzte den Hut auf, damit sie nicht sehe, wie ihn ihr strahlend heiteres Lächeln geängstigt hatte.

Kaum war Engelhardt gegangen, zog Hermann Ingold die Schelle. Im leeren Kreuzgang hallte sie lärmend nach.

»Hermann, Sie?«

Ruth kannte ihn beinahe nicht mehr. Aus dem Knaben 165 war ein Jüngling aufgeschossen, der vom Fischerbuben nichts mehr verriet.

»Ich habe eine Bitte an Sie, Fräulein Ruth,« sagte er, und sie merkte, daß er lange gekämpft hatte, bis er zum Entschluß gekommen war. Aber jetzt stand ein fester Wille in seinem winterblassen Gesicht.

»Eine Bitte, Hermann?«

»Ja, kommen Sie mit mir zu meinem Vater!«

»Ist Ihr Vater krank?« fragte sie rasch, und sie machte sich Vorwürfe, daß sie Hanns Ingolds Vater noch nicht besucht hatte. Auf einmal kam ihr das Eigentümliche ihres Verhältnisses zu Hanns Ingold zum Bewußtsein. Er hatte nie davon gesprochen, daß sein Vater von ihrer Liebe wußte.

»Nein, krank ist er nicht. Aber er hat seit zwei Tagen noch keinen Bissen Brot gegessen. Er sitzt am Fenster und sieht dem Wasser zu und den losgebundenen Stämmen, die jetzt den Lauffen herabkommen. Seit die Innung über das Stauwehr und die Entschädigung beraten hat, die für den Einzug der Lachsweide gezahlt werden soll, wenn das Kraftwerk gebaut wird, ist er nicht mehr wiederzuerkennen. Kommen Sie, Fräulein Ruth!«

»Geht er denn nicht in die Sitzung des Gemeinderates?«

»Ich weiß es nicht. Als ich von Hause fortging, saß er noch am Fenster. Ich habe ihn noch nie so gesehen.«

In der unterdrückten Stimme Hermann Ingolds bebte namenlose Angst.

»Ich komme mit Ihnen, Hermann.«

Der feine Purpur, der den Rothaarigen eigen ist, stieg in sein mageres Gesicht. Sie sah seine schönen Augen aufleuchten.

Dann schritten sie durch die Abenddämmerung eines milden Vorfrühlingstages dem Städtchen zu und hörten in der kahlen Krone eines Nußbaumes eine Amsel den ersten Lockruf flöten.

166 Rosige Faserwölkchen färbten den Himmel.

Über dem Haus des Fischmeisters lag ein bunter Widerschein, und die Lauffenknechte, die den einzeln herabjagenden Stämmen die langen Stachelhaken in den Leib schlugen, um sie zu verankern und wieder zu Flößen zusammenzubinden, erfüllten die Enge mit seltsam widerhallenden Stimmen. Wie wilde rauhe Klagetöne stiegen die Rufe aus den Felsklippen zum rosigen Himmel.

Ruth Engelhardt fand den Fischmeister, wie Hermann ihn beschrieben hatte. Er saß in der großen Stube am offenen Fenster. Auf dem schwarzgebeizten Tisch alte Rechnungsbücher und siegelbeschwerte Pergamente. Im Fensterausschnitt erschien sein Gesicht mit dem kurzen filzigen Vollbart, der nur die Lippe freiließ, wie gerahmt. Das Wasser und rotgeflecktes Ufer füllten den Hintergrund. Der Schattenriß eines Brückenpfeilers wuchs schwarz hinein.

Er schien Ruth nicht zu sehen und saß vornübergebeugt, mit schweren Schultern.

Hermann stand hinter Ruth und drängte sie sanft vorwärts.

Da gab sie ihrer Stimme einen hellen, unbefangenen Klang und sagte, indem sie auf ihn zuging:

»Darf ich Sie auf den Frühling grüßen kommen, Herr Ingold? Es wird Zeit, daß wir von den Fischen reden.«

Sie trat dicht zu ihm hin. Langsam, schwerfällig, wie zerschlagen erhob er sich.

»Grüß Euch gern, Fräulein Engelhardt. Aber von der Wasserweide red' ich nicht.«

Sie hielt einen Augenblick seine rissige, hornschälige Hand und spürte, wie es darin zuckte.

»Sie nehmen es zu schwer, Sie sehen nur die eine Seite, und Sie vergessen, daß für den Schutz der Fischerei alles geschehen wird, was irgend möglich ist.«

Er reckte den Kopf aus den Schultern.

»Ja, schützen, Fräulein Engelhardt! Was der Herrgott uns gegeben hat, muß man mit Paragraphen und 167 Fischtreppen schützen! Es ist wohlweise und gnädig von den Herren Menschen, daß sie die Gaben des Herrgotts reglementieren und schützen! Und es ist gut, daß es noch vernünftigere Fischer gibt, als ich alter Lachsjäger einer bin, Fischer, die ihre Gerechtsame in Geld umrechnen und sich gut und gern abfinden lassen für die Abtretung ihrer Rechte! Fischmeister, zieh an das Netz, fünfzehntausend Mark blankes Gold fängst du auf einen Schlag! Soviel goldene Schuppen sind dein Leben lang noch nicht durch deine Hände gegangen!«

Er lachte wild auf.

»Vater!«

Der rotgoldene Schopf seines jüngsten Sohnes bog sich über ihn, und Ruth trat stumm zur Seite.

»Ja, Bub, nun wird's ein Sonntagsvergnügen, mit dem Löffel vor dem Hecht herzuziehen und die Salmenwage zu schwingen. Es ist gut, daß du wieder zum Schulmeister gegangen bist und mir den letzten Fischzug lässest. Bald schießt hier der Italiener mit Dynamit auf den Lachs, und du siehst die Silberbäuche stromab treiben.«

Darauf wußte Hermann Ingold keine Antwort, denn er sah in dichterisch gesteigerter Einbildungskraft den Rhein breitschollig, grünfunkelnd zwischen riesenhaft schattenden Erlen und Weiden dahinziehen und Millionen silberner Fischleiber mit rosigen Kiemen, gespreizten Flossen und menschenähnlichen Gesichtern in dichtgedrängtem Totenzuge den Strom hinabtreiben.

Kalte Schauer peitschten seinen Nacken.

Ruth verbiß das Schluchzen, das ihr über die Lippen drängte. Ein Hauch des tragischen Konfliktes, der in diesem einfachen Mann das Unterste zu oberst kehrte, streifte auch sie.

Er war wieder in sein unheimliches Brüten zurückgesunken. Das Zwielicht wischte die letzten Farben aus seinem Antlitz. Wie eine Totenmaske starrte es im bleichenden Schein. Und um ihn aufzurütteln, sein Blut in Bewegung zu bringen, fragte sie überredend:

168 »Wollen Sie nicht in die Sitzung des Gemeinderates gehen und dort für Ihre Sache eintreten?«

Da streifte er den Arm seines Sohnes ab und stand auf. Langsam ging er zum Tisch, tastete nach einem Brief, der dort auf den Akten lag, und reichte ihn Hermann hin.

»Hier ist mein letztes Wort in dieser Sache. Ich habe mein Amt als Obmann der Fischerinnung niedergelegt und trete mit diesem Brief auch aus dem Gemeinderat zurück. Wie ich zu dem Höllenwerk steh', das sollen sie schwarz auf weiß zu den Akten nehmen.«

Flehend rief Hermann Ingold:

»Vater, tu's nicht, du bist und bleibst der Fischmeister von Rheinau. Du kannst ja nicht leben ohne das Amt!«

Und in seine letzten Worte klang Ruths warme Stimme:

»Verfluchen Sie das Werk nicht, tun Sie es nicht, es ist ja Hanns Ingolds Werk!«

Mit rauhem grimmigem Gelächter blickte er von einem zum anderen.

»Nicht zurücktreten! Nicht verfluchen! Bei Gott, ich wär' ein schlechter Hund, wenn ich's nicht tät! Was wisset ihr davon, ob ich gehen muß und ob ich fluchen darf! Ja, es ist Hanns Ingolds Werk, denn er hat den Frevel in die Welt gesetzt, aber jetzt säugen sie es alle groß! Und ihr beide, ihr habt in dieser Sache so wenig ein Wort wie der Rhein, der hier unter dem Fenster kocht!«

»Vater, er ist mein Bruder, und ich hab' es erkennen lernen, daß es etwas Großes ist, was er plant!«

»Sag's noch einmal, du Lotter du!« blitzte der Fischmeister tränenblind und schwang die Faust.

Doch ehe sie zum Schlag herabfuhr, fing Ruth den drohenden Arm und rief:

»Schlagen Sie mich, denn ich hab' ihm geholfen. Ich hab' ihn lieb, ich hab' gezittert und gebetet für sein Werk!«

169 Im dunkel gewordenen Zimmer standen ihre schwarzen Gestalten dicht aneinandergedrängt. Keuchende Atemzüge und krampfhaftes Schlucken, Brausen des Rheins und die verhallenden Rufe der Lauffenknechte, die das letzte Floß zu Wasser brachten.

Da dröhnte plötzlich ein schwerer Fall, und Christian Ingold lag langgestreckt zu Boden geworfen, und über ihm im Sturz mitgerissen, Ruth Engelhardt.

Einen Augenblick lähmenden Entsetzens, dann schrie Hermann laut auf, reckte Ruth sich in die Höhe. tasteten, zogen, zerrten sie und fanden den Leib zu groß, zu starr, zu schwer, um ihn aufrichten zu können.

»Licht,« rief Ruth, aber das Licht wollte nicht brennen, die Flamme nicht leuchten, das Röcheln nicht schweigen, das aus dem geöffneten Munde des alten Mannes drang. Blaurot verfärbt war sein Gesicht, schwarzes Blut rollte klumpig von der Schläfe in den Bart.

Er war gegen die Tischkante gefallen in jähem Sturz. Seine alten Rechnungsbücher stürzten ihm nach.

Ruth jagte Hermann zum Arzt, zu Doktor Auer, zum Vater, und während er lief, rannte sie nach Wasser, schob dem Fischmeister Kissen unter Kopf und Rücken, öffnete ihm Rock und Kragen, wusch ihm die Stirn, das Gesicht, die braungebeizte Brust, und zählte hoffnungsvoll jeden schwarzen Tropfen, der aus der aufgesprengten Ader quoll, denn sie wußte, daß dadurch einem Schlagfluß begegnet wurde.

Als die Ärzte kamen, Christian Ingold zu Bett gebracht war und die ersten Hilfereichungen stiller Pflege und Wartung Platz machen sollten, wollte Hermann die Schwägerin holen gehen.

Da sagte Ruth:

»Nein, die Genoveva Ingold hat fünf Kinder und kann das kleinste nicht auf dem Arm mitbringen. Ich bleibe die Nacht hier.«

Und so geschah's.

170 Die Nacht deckte alles mit schwarzen Schatten, nur der Lauffen leuchtete in ungewissem Schein. Die beiden Lampen, die aus den Lichtöffnungen der gedeckten Brücke blickten, standen wie zwei große gelbe Sterne am dunklen Himmel.

Ruth bettete und labte den Kranken, der mit geschlossenen Augen, schwerkeuchend, in den Kissen lag. Nebenan saß Hermann über seinen Büchern und wachte bis tief in die Nacht.

Um ein Uhr kündigte sich eine kleine Besserung an. Der Atem verlor den rasselnden Klang, die Färbung des Gesichtes verblich.

»Er schläft,« flüsterte Ruth.

Leise stand sie auf und ging in die Stube hinüber.

»Gehen Sie zu Bett, Hermann!«

»Nein, Fräulein Ruth, ich wache gern. Aber Sie! Legen Sie sich hin!«

Die Fenster waren geschlossen, das Rauschen des Wassers klang besänftigt.

Ruth strich ihm über das frauenhaft zarte Haar und blickte, über ihn gebeugt, auf seine Hefte.

»Wollen Sie ein Gelehrter werden?« fragte sie scherzend.

»Ich will Afrikaforscher werden,« rief er hastig.

»Afrikaforscher?«

»Ja, oder Rechtsanwalt!«

Ein Lächeln flog über Ruths Gesicht.

Da erzählte er, was er gelernt hatte, und daß er hoffe, im Herbst die Prüfung zur Aufnahme in die Prima des Waldshuter Gymnasiums zu bestehen.

Aber dann brach er ab und horchte ängstlich auf den Atem des Vaters.

»Glauben Sie, daß der Vater wieder gesund wird, Fräulein Ruth?« fragte er heiser.

»Ja, Hermann, das glaube ich. Er muß ja gesund werden. Er darf nicht an dem Werk –«

»Ich war schuld, ich hab' ihn gereizt!« unterbrach er sie hastig.

171 »Nein, verrenn' dich nicht in diesen Gedanken. Es liegt alles viel weiter zurück,« entgegnete sie traurig.

Eine Weile standen sie stumm aneinandergedrückt.

»Sie haben ihn gewiß arg lieb!« stieß er plötzlich hervor.

»Ja,« antwortete sie, und der verhaltene Klang ihrer Stimme durchbebte das Dunkel der Nacht.

Um dieselbe Stunde fuhr Hanns Ingold ganz erfüllt von seinem Werk und brennend von Tatendrang der Heimat zu. 172

 


 

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