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Der gefesselte Strom

Hermann Stegemann: Der gefesselte Strom - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gefesselte Strom
authorHermann Stegemann
year1914
firstpub1914
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart-Berlin
titleDer gefesselte Strom
pages308
created20160621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eine feine, safrangelbe Helle, die noch keinen Glanz hatte, hing im Osten. Resedengrüne und rosenfarbene Töne spielten darin, der Lauffen begann im ersten Morgenschein zu flimmern und schleuderte perlgraue Dünste ins keimende Licht.

Die Netzschnur auf dem Rücken, ging Christian Ingold den schmalen Pfad, der sich zwischen den Schnellen und der Felswand durch die zerfurchten Klippen zog. Die Bleigewichte der Schnur schlugen an die überhängenden Felsen, wenn Ingold vor dem Wasser zur Seite weichen mußte.

Der Rhein lief voll, im steigenden Licht glänzte er wie Bernstein von den Regenfluten, die die Aare in sein Bett gewälzt hatte.

Ingolds Kahn lag am Ausgang der Enge.

Als er das Netz hineinwarf und die schweren Ruder in die Krampen schob, blitzte der erste sichere Tagesschein den Strom hinab. Wie ein feuerflammendes Band rollte die glänzende Bahn zwischen den waldigen Ufern in die Ferne. Wildenten stießen mit vorgestreckten Hälsen und schnellschlagenden Flügeln durch die Luft.

Der Vater stand schon im Boot, als Hermann ihn einholte.

Stumm löste der Knabe die Kette und sprang hinein, ehe der Wirbel es faßte. Schon schlug der erste Sprühschauer über sie weg.

Christian Ingold stemmte sich gewaltig fest, denn der Lauffen warf stärker als sonst. Rings quirlten und brausten die Wasser. Vom Mönchstein, dessen glatte schwarze Kappe heute ganz überspült war, krachte der Schwall, als wäre es flüssiges Eisen.

94 Hart daran vorbei trieb der Kahn, ein Guß fegte die Steuerbank und rannte wie ein gefangenes Tier im Boot hin und her.

Hermann kauerte mit der Stange am Bug.

Das Auge des Vaters lag fest auf ihm, und kein Muskel zuckte im braungebeizten Gesicht des Fischmeisters, als der Knabe von einem zu rasch abgefangenen Stoß hintenüber ins Boot geschleudert wurde. Er riß den Kahn in die Strömung und tat, als sähe er den verschämten Blick nicht, mit dem Hermann sich wieder aufrichtete und nun zur Schöpfkelle griff, um das Wasser aus dem Kahn zu treiben.

Aber in den Armen hatte Christian Ingold einen Augenblick eine lähmende Schwäche gespürt, nur einen Augenblick, und sie rasch überwunden, ehe der Lauffen sie nutzen konnte. Der Bub war der letzte Ingold, der noch ins Ruder griff. Und auch der war nicht mehr eins mit dem Strom, seine Gelenke zu fein, zu viel von anderen Dingen im Kopf, mit den Gedanken schon weit fort, die große Unruhe im Blut, die jetzt Meister war in der Welt.

Im glasklaren Lauf der Strömung schoß der Nachen dahin.

»Hol' an!« rief der Fischmeister und deutete mit den Augen auf den Weidenstumpf, der sich über das ausgehöhlte Ufer bog.

Hermann schlug den Haken in die Kette und schirrte sie frei. Die Knie an die schwere Bordwand gedrückt, wartete er auf den richtigen Augenblick.

Mit einem Ruck, der die Muskeln und Sehnen seiner nackten Arme wie Wülste und Drähte aufspringen ließ, warf Christian Ingold den plumpen Kahn herum, daß der kiellose Bauch aus dem Wasser tauchte und, vom Strom gepackt, sich wirbelnd im Kreise schwang. Klirrend fegte die Kette über Bord, schwebend hing Hermann einen Augenblick am Baumstumpf, dann preßte der Vater den Kahn ans Ufer und stemmte ihn fest.

95 Hermann keuchte noch von der ungeheuren Anstrengung.

»Ich brauche dich nicht mehr, spring!« sagte der Fischmeister kurz. Aber nach einer Weile setzte er gleichsam wider Willen hinzu:

»Das Aarewasser läuft wie toll. Ich weiß keine zwei, die heute aus dem Lauffen fahren könnten.«

Helle Röte stieg in Hermanns Gesicht und dankte dem Wortkargen für das Lob.

Und noch einmal drängte es ihn, dem Vater zu sagen, daß Hanns ihn vor seiner Abreise aufsuchen wolle, doch als er das hartgefurchte bärtige Antlitz sich wieder verfinstern sah, schwieg er und sprang aus dem Schiff.

Tiefgebückt ordnete Christian Ingold mit rissigen, rauh gewordenen Händen das Netz. Die Sonne schlug wie eine Flamme am Himmel empor und schüttete ihr Gold in den Strom.

Hermann lief hurtig am Ufer hin.

Hinter der großen Krümmung, wo der Rhein breitströmend eine Insel umspülte, die kaum zehn Schritt vom rechten Ufer entfernt war, hatte Doktor Engelhardt eine Badanstalt errichtet. Es war ein einfaches Bretterhäuschen, aber der schmale Flußarm war an beiden Enden durch Faschinen gesichert, die die Wucht des Wassers brachen, und dadurch war dazwischen eine sanft fließende Wasserbahn von geringer Tiefe entstanden. Wehte am Mast, der neben der Hütte eingerammt war, eine weiße Fahne, so badeten die Damen, zeigte die Flagge die rote Farbe, so badeten die Herren.

So früh am Morgen war der Fahnenstock nackt, und Hermann nahm von der Hütte Besitz, zog die Bücher hervor, die er unter der Weste auf der Brust trug, und begann zu lernen. Doch unverwandt hing sein Blick an der Terrasse von St. Joseph, und wenn dort ein Kleid sichtbar wurde, ging er mit den englischen Vokabeln und der Geographie von Kleinasien erbarmungslos um.

Die Sonne übergoß den Himmel und die Landschaft mit einem Meer von Licht und Wärme. Heuschrecken 96 und Grillen siedelten wie toll, über den Wäldern zerfloß der Morgenduft in spiegelndem Glanz.

Sieben Uhr schlug's in Rheinau, da huschte Lo ans Geländer der Terrasse und spähte über die Au zum Rhein hinab. Am Mast stiegen zwei Taschentücher, ein rotes und ein weißes, aneinandergeknotet pfeilschnell zur Spitze, tanzten ein paarmal hin und her und schossen wieder hinab.

Schneller noch rannte Lo der Treppe zu. Die steinerne Gräfin Schreck von Rheinau erntete heute keinen Blick. An ihr vorüber stob das weiße Kleid, flatterte über die Wiese und verschwand im Rheinwald.

»Hermann Ingold, bist du da?«

»Da bin ich.«

»Fahren wir heute, oder mußt du wieder fischen?«

»Wenn der Vater das Netz ausgesteckt hat, geht er zu den Setzangeln oben am Lauffen. Dann kannst du in den Kahn steigen.«

Sie strichen durch die Weidenbüsche. Libellen gaukelten und Bachstelzen wippten, Kühlung wehte der Rhein in der Glut der Sommersonne.

Lo schrie.

Ein Hecht war mit scharfem Sprung aus dem Schilf gefahren.

»Gib mir die Hand, Mädle,« sagte Hermann.

»Ich heiße Lo,« antwortete sie leise.

»So heißt ja kein Christenmensch.«

»Lotte Manderfeld, aber Lo ist flotter.«

Darauf wußte er nichts zu erwidern.

»Du, ich bin aus Berlin,« fuhr Lo fort. Es klang sehr stolz.

»Das macht nichts,« antwortete Hermann Ingold begütigend und bog die Weidenzweige beiseite, die ihr ins klare, blasse Gesicht schlugen.

Dann erblickten sie den Fischmeister, der die letzte Schnur zwischen die Pfähle steckte. Er lag weit vorgebeugt über das Staket gebeugt, den grauen Kopf hart 97 am Wasser, und focht mit dem strudelnden Schwall. Nun richtete er sich mühsam auf und brachte das Boot wieder ins Gleichgewicht.

»Jetzt steigt er aus,« flüsterte Hermann, »dann geht er zu der Wage und fischt, bis die Sonne ins Wasser scheint.«

»Und dann steigen wir in den Kahn,« versetzte Lo eifrig.

»Weißt du, wo Brussa ist?« fragte Ingold.

»Borussia heißt's,« belehrte sie ihm

»Du weißt es nicht. In Kleinasien liegt's. Du kannst mich abhören, ich habe das Buch bei mir. Kannst du auch Englisch?«

»Yes, Mr. Ermänn, – da, jetzt ist er 'raus, komm!«

Sie rannte gebückt zum Nachen, den Christian Ingold verlassen hatte, um zum Schwebenetz zu gehen, das hundert Schritte stromabwärts an dem beweglichen Schwebearm ausgespannt hing.

Er löste die Sperrkette, richtete den Hebel in die Höhe, daß das an den Schnüren hängende Netz wie eine Wage hin und her schwang, und senkte es leise in den Rhein, der hier im toten Winkel langsam seine blaugrünen Fluten wälzte. Das Netz knisterte, als es sich voll Wasser sog und leise verschwand. Die Arme auf den Hebel gelehnt, stand Christian Ingold und starrte in den stillen Sommertag.

In einer Stunde lief dort drüben am Rand des schwarzen Waldes der Eisenbahnzug, der seinen Sohn wieder in die Ferne trug. Sie hatten gestern gelacht über ihn, im ganzen Ort, vom Obertor bis an die Brücke, im »Salmen« und in der »Alten Post«! Gelacht! Das Netz im Strom zitterte heftig, so stark war der Schlag, der bei diesem Gedanken durch Ingolds Leib fuhr. Wenn sie ihn niedergeschlagen hätten, so wäre ihm recht geschehen, er selbst hatte im Gemeinderat seine Stimme gegen ihn abgegeben, aber auslachen durften sie ihn nicht. Dazu waren sie zu gering und der Hanns zu gut! Auslachen nicht!

98 Er strich sich über das heiße Gesicht, holte Atem und wuchtete das Netz langsam in die Höhe. Leer stieg es an die Oberfläche, um sofort wieder unterzutauchen.

Christian Ingold lehnte den Kopf auf die Arme und schloß einen Augenblick die schweren Lider.

Eintönig rauschte der Rhein.

So erblickte ihn Hanns, als er quer über die Matte kam und durch den Uferwald an die Stelle drang, wo seit vielen Jahren die graue Wage stand. Still betrachtete er den Vater. Tief gruben sich die Furchen im Gesicht des alten Fischers. Ein Sonnenfleck lag auf seinem eisgrauen Haar. Schweres Leben lastete auf seinen gekrümmten Schultern.

Da schlug Christian Ingold die Augen auf. Der, an den er eben gedacht, mit dem er gehadert, den er ohne Abschied von sich gestoßen hatte, stand vor ihm.

Rauschend, tropfenklingend schnellte das leere Netz aus dem Strom.

»Was willst du hier?«

»Dir Lebewohl sagen, Vater!«

So sah keiner aus, der mit Schimpf und Spott heimgeschickt worden war. Aber auch keiner, der in sich gegangen war und erkannt hatte, daß er gegen den eigenen Vater gewütet hatte.

Christian Ingold maß ihn vom Wirbel bis zur Sohle.

»Ich weiß von keinem, der mir ein Lebewohl schuldig ist, nur von einem, der nicht mehr mein Sohn sein kann, denn er will den Rhein zu einem Fabrikwasser machen und mich in meinem Netz einsargen, eh' ich allein ins Grab sink'.«

»Du denkst nur an die Fischerei, Vater, nur an den Lachsfang, der auch ohne dieses Werk zurückgeht! Bedenk' doch den Aufschwung, der dann kommt, die hundertfältige Möglichkeit zu neuem Verdienst –«

Wild lachte der Fischmeister.

»Verdienst! Amerikaner, weißt du nicht mehr, daß ich nicht leben kann ohne den Rhein, ohne die 99 Wasserweide und den Lachs! Dort – siehst du den Lauffen dort als Gottes Wunder weiß kochen, und weißt du noch, wie sie im grünen Wasser stehen, die Flossen ausgestellt, Tage und Nächte, und wie der Blitz aus der Tiefe fahren, zurückfallen und wieder in die Sonne schnellen, immer wieder, bis sie endlich über den Sturz in den nächsten Trichter springen oder müd ins Netz treiben! Bist du nie mit mir im Vollmond den Rhein hinauf gefahren, wenn der Hecht sprang? Hast du die Wage nicht geschwenkt, Fischerbube? In Nebel und Brand, Sommer und Winter fahr' ich den Rhein, er hat mir hundertmal die Haut geschält, ich kann nicht schlafen, wenn er mir nicht ins Ohr rauscht, und du, du willst ihn zu einer Brühe machen, vor der dem Himmel graust – und wenn es dir zehnmal verunglückt ist, einmal hast du den Plan gedacht, und das scheidet uns, mich, den Fischer, der ich als Obmann für alle steh', die zu Rheinau das Netz regieren, und dich, den Ingenieur, der im Wasser nichts Heiliges mehr sieht! Und deshalb geh, geh, such' dir dein Glück, nimm das Diplom mit, das du ohne meine Angel und das Fischmesser der Mutter nie geholt hättest, geh und begehr' kein Lebewohl!«

»Vater!« rief Hanns.

»Geh,« wiederholte der Stierköpfige, »zwischen uns fließt Wasser, das ist zehnmal so breit wie der Rhein!«

Nun war's gesagt. Was er gewälzt und gesonnen hatte in all den Tagen, was er über den Rechnungsbüchern und im Kahn, über der Bibel und an der Netzwage hundertmal in sich hinein gerufen hatte, war wie der Schwall des Rheins übergelaufen.

Mit kräftigem Zug griff er den Hebel und schwenkte das Netz in den Strom.

Hanns Ingold wartete, bis es in der Tiefe zur Ruhe gekommen war. Dann reckte er sich, warf den Hut auf den feuchten Grund und sagte:

»Vater, nun hör' auch mich! Du hast mich Amerikaner genannt und den Rhein als ein Meer zwischen uns 100 gelegt. Ja, merkst du denn nicht, daß ich dein Sohn bin, wie nur je? Daß ich steh' für mein Recht, wie du für deins! Was ich hier bauen will, bringt Verdienst, schafft alle Dinge neu, macht die ganze Gegend lebendig – aber das ist's nicht, was mich treibt. Das Werk selbst, das Schaffen, das Bauen, das Hineinbeißen ist's, Vater! Ich hab' den Gedanken gedacht, also ist er mein. Und Gedanken, die sind wie Kinder, Vater, die wollen leben und wachsen, denen muß man alles hingeben. Du hast deine Gedanken, ich die meinen. Ich kann das Werk nicht liegen lassen, weil du mir es absprichst, denn es ist stärker als ich und will ans Licht. Der Rhein ist mir so heilig wie dir.

»Wenn ich die Bohrlöcher fülle und der Lauffen in Stücke geht, dann tut es mir gerade so weh wie dir. Aber ich bin kein Mörder, Vater, ich töte nicht, ich mache lebendig. Du lobst die Wasserweide, ich will dem Rhein in die Seele dringen. Weißt du, was hier im Wirbel vorüberschießt? Licht und Kraft! Und die will ich frei und nutzbar machen, die will ich erlösen, die –«

Ein gellender Schrei riß ihm die Worte vom Munde. Weither kam er über den Strom geflogen und irrte hilfesuchend umher.

»Da ist eins in Wassernot,« sagte der Fischmeister und schirmte die Augen mit der Hand.

Hanns focht noch mit seinen Gedanken, als schnell hintereinander der Schrei noch zweimal klang.

Eine helle Stimme, und darauf ein rauherer Ruf – das war Hermann!

Und nun sahen sie den großen schwarzen Nachen aus der Waldkulisse in den glitzernden Strom schießen.

Hermann hatte eines der beiden ausgehängten Ruder ergriffen und versuchte das Schiff aus den Wirbeln in die glatte Strömung zu bringen. Das Mädchen kauerte am Bug, die Kette, die es im Spiel ausgehakt hatte, noch krampfhaft in den Händen, als könnte es den Kahn daran halten, der quergeschlagen mit der blinden 101 Schwerfälligkeit seines plumpen Baus dahintrieb und dem Ruder nicht mehr gehorchte.

»An der Teufelswuhre überschlägt es sie, wenn der Bub den Kahn nicht zwingt!«

Die Stimme des Fischers zitterte, er hatte die Netzwage fahren lassen und zog den Hosenbund enger.

Meisterlos trieb der Kahn, die Arme des Knaben vermochten das schwere Ruder nicht ins Wasser zu drücken, zweimal riß ihn die Strömung vornüber, daß er hart auf den Boden schlug.

Lo kauerte immer noch auf Knie und Hände gestemmt an dem breiten Bug und konnte sich nicht rühren.

»Leg' dich hin,« keuchte Hermann, aber sie war wie gelähmt.

Wenn das lange Fahrzeug von einer verzweifelten Anstrengung des Knaben nach hinten gedrückt, sich vorn erhob, klaschte der Bug in die goldköpfigen Wellen und erschütterte das Mädchen in seinem innersten Halt.

Mit unheimlichem Scharren fegte der Kahn über die Felsen und taumelte dann wieder in den Strom hinaus.

»Sie müssen hier vorbei,« sagte der Fischmeister und zog die Jacke aus.

In weitem Bogen brauste der Rhein heran, eine goldglitzernde Bahn, lief eine kurze Weile grün und dunkel in der inneren Krümmung, wo das Netz hing, und schwang sich dann in Wirbeln und Strudeln über das Wehr, das ihn nach der Mitte zusammentrieb. Dahinter war breite ruhige Fläche.

»Er zwingt's,« rief Hanns.

Wirklich war es Hermann gelungen, das Schiff in den Strudeln mit dem Schnabel stromabwärts zu halten, und nun kam es auf das Ufer zugeschossen, wo die grüne Tiefe floß.

Da versagte dem Knaben die Kraft.

»Lo, leg' dich hin,« schrie er wild, aber es war schon zu spät.

102 Als ihm das Ruder aus den Händen gerissen wurde und er zu Boden stürzte, klatschte der Bug schwer ins Wasser, die Kette klirrte über Bord, und mit ihr fiel Lo, wie vom Stengel gepflückt, mit einem ganz leisen Jammerlaut in den Strom.

Da nahm Hanns Ingold einen Anlauf und sprang, weitausholend, dem Kahn entgegen, mit geschlossenen Füßen, die Brust prall von tiefem Atem, in den Rhein.

Rock, Weste und Schuhe hatte er abgelegt, als er den Nachen herankommen sah. Dicht am Vater vorbei ging sein Sprung.

Jetzt hol' ich mir mein Recht auf den Lauffen, fuhr's ihm jauchzend durch den Kopf, und um ihn her spritzte und gluckste die Flut.

Hart neben dem Kahn kam er nieder und packte mit der Rechten das weiße Bündel, das zwischen Schiff und Grund unter dem Bug im Wasser trieb.

Ein todblasses Knabengesicht bog sich über Bord und riß die Kette aus Los verkrampften Fingern.

Zwei Schläge brachten Hanns in die Höhe, links von ihm trieb die schwarze Masse des Kahns vorbei, rechts spülte die Flut das unterwaschene Ufer.

Da rauschte vor ihm die Fischwage aus der Tiefe, und halb bewußt, halb unbewußt, schob er das Kind in das ausgebreitete Netz.

Dann riß ihn die Strömung darunter hinweg.

Tief bog sich das Netz, so köstlichen Fang hatte der Fischmeister von Rheinau noch nie getan.

Er warf nur einen einzigen Blick auf seine Buben, sah Hanns hinter dem Kahn das Wasser pflügen und Hermann nun mit der Hakenstange Grund gewinnen, und hob vorsichtig die Last, die leblos die Maschen füllte, aus dem wilden Strom. Ein nasses, weißes Kleid, ein totenblasses Gesicht mit erstorbenen Zügen, ein Mädchen, so feingliedrig, wie er noch keins gesehen hatte.

Er hob es aus dem Netz und legte es auf den Rücken, kniete sich daneben, schob ihm den Arm unter die 103 Schultern und richtete es auf – auf, ab, auf, ab, wohl zehnmal. Dann suchte er den Schluß des Kleides, öffnete es, kniete sich hinter das Püpplein, ergriff die dünnen Arme und bewegte sie im Takt auf und nieder.

»Der Hanns war zu schnell, er behält dich nicht, der grüne Würger,« murmelte er und schoß einen langen Blick auf den glitzernden Rhein.

Da kamen seine Buben. Er blickte sie nicht an.

»Geh nach St. Joseph um Hilfe, Hermann,« sagte er kurz, »und den Hanns, den brauch' ich auch nicht hier.«

»Lebt sie?« fragte Hermann und tastete mit zerschundenen Fingern nach ihr.

»Geh, sorg' ihr zum Leben,« antwortete der Vater.

Gehorsam stob er davon.

Ein leiser Seufzer kam über die bläulichen Lippen des Mädchens.

Hanns nahm still Rock und Schuhe und ging auf die Blöße, um sich zu trocknen. Am Waldrand rollte schwarz sein Zug und ließ eine weiße Rauchschleppe zurück.

Die groben Hände Christian Ingolds streiften das Gewand von Los Schultern und rieben sanft die feuchte kalte Haut, bis sie sich rötete. Wo die Sonne einen goldenen Kreis auf dem Boden zeichnete, bettete er Lo sorglich ins Gras und deckte sie mit seiner Jacke zu. Er rieb ihr jetzt die kleinen weißen Füße.

Sie atmete, blickte verstört um sich und sank wieder zurück.

Da kam Hermann mit einer wollenen Decke gerannt, hinter ihm die Pflegerin, Joseph und Engelhardt.

»Zieht sie uns und wickelt sie in die Wolle, dann tragt sie unters Dach.«

Der Fischmeister befahl und sie gehorchten stumm. Im Kampf mit dem Rhein waren sie an rasches Handeln gewöhnt.

»Das tolle Mädel! Ingold, wenn sie im Rhein geblieben wäre.«

Krampfhaft schüttelte Engelhardt dem Fischer die Hand.

104 »Schicken Sie lieber dem Hanns ein Hemd und ein Paar Hosen,« erwiderte Ingold trocken und machte sich an der Fischwage zu schaffen.

Als er wieder aufblickte, war nur noch Hermann bei ihm. Er stand regungslos, mit krampfhaft zuckenden Lippen, und starrte in den Strom, der unbekümmert in ewig gleichem Drang vorbeizog.

»Jetzt sollt' ich dich in die Beize nehmen. Erzähl'!«

»Ich bin schuld, Vater. Sie hat nur darin sitzen wollen.«

»Und du steckst nicht einmal die Ruder in die Krampen, ehe du die Kette lösest, und weißt doch, daß heute das Wasser toll ist!«

»Ich habe die Kette nicht gelöst, aber Lo ist doch nicht schuld. Ich hab' ihr von Damaskus vorgelesen, und da sind wir auf einmal ins Treiben gekommen, ich weiß nicht, wie!«

»Und wenn sie jetzt verlöscht wie ein Licht,« antwortete der Vater. »Mein Lebtag hab' ich kein Kind gesehen wie dies. So sein, daß Sonne und Mond hindurchscheinen.«

Keine Miene zuckte in Hermanns Gesicht, er beherrschte sich, preßte die Lippen zusammen und schwieg.

Im stillen aber sagte er trotzig und voller Inbrunst: Gott im Himmel, ich weiß nicht, wo du bist und wie du bist, ich weiß auch nicht, ob es nützt, wenn ich bete, aber ich will, daß Lo lebt. Sie ist nicht schuld. Sie hat nicht gewußt, daß der Rhein so ein Unhold ist. Nimm mich, wenn eins büßen soll. Ich bitte dich, lieber Gott, nimm mich! Sie ist zu zart und fein, nimm lieber mich!

Die Sonne in den Augen, blickte er unverwandt in den flimmernden Himmel.

Christian Ingold sah den inbrünstigen Ausdruck in dem verklärten Gesicht seines Buben und erkannte den mageren, sommersprossigen Knaben nicht mehr. Leise tauchte das Netz wieder in den Rhein. Doch blieb es leer, so oft er es auch senkte und hob.

105 Da nahm er es als Zeichen und sagte:

»Der Rhein hat uns das Kind geschenkt, komm, Hermann!«

»Und der Hanns, Vater?« fragte mahnend der Sohn.

Der Alte reckte den müden Rücken. Finster schoben sich die Brauen zusammen.

»Der Hanns Ingold kauft sich nicht frei mit dem Sprung in den Rhein. Er wäre kein Mann, wenn er mich zuerst hätte ins Wasser gehen lassen. Alles andere bleibt, wie es ist.«

Und ohne sich nach Hanns umzusehen, ging er zum Kahn, der weiter unten verankert lag, hängte das Schleppseil ein und legte sich in den Gurt. Hermann ergriff das freie Ende, und so zogen sie tief gebückt den Kahn stromauf.

Hanns Ingold sah sie, den Knaben vorauf, den Vater dicht hinter ihm, langsam, Schritt für Schritt, vor dem gespannten Seil den Leinpfad gehen und allmählich verschwinden.

Der alte Joseph kam und brachte ihm Kleidungsstücke und eine Einladung ins Kloster. Er schickte ihn mit seinem durchnäßten Anzug in die »Post«, wo der Handkoffer noch offen stand.

»Ja, Herr Ingold, das besorg' ich wie ein Leibdiener. Aber Sie dürfen das Fräulein nicht warten lassen. Es sitzt am Bett bei dem Berliner Zeisig, der schon wieder den Kopf voll Flausen hat. Die anderen Gäste wissen nur, daß sie ein wenig ins Wasser gefallen ist, sonst gibt's gleich einen Aufstand.«

So kam es, daß Hanns Ingold Ruth noch einmal wiedersah, ehe er in die Fremde ging.

Er war befangen, als er in den fremden Kleidern vor sie trat. Doktor Engelhardts schwarze Hose stach merkwürdig ab von seinem hellen Rock, und der Kragen war ihm viel zu weit.

Sie mußte lachen, doch das brach den Bann, und beide berührten in einem schamhaften Gefühl den Unfall nicht 106 weiter, der ihn ins Haus führte. Er wurde gebeten, zum Essen zu bleiben, und konnte nicht Nein sagen.

Joseph brachte die Kleider noch zur rechten Zeit. Nur an eine Halsbinde hatte er nicht gedacht. Hanns merkte es erst, als die Glocke läutete und er schon fertig vor dem Spiegel stand.

Engelhardt konnte nicht helfen, denn er trug nur schwarze Knoten, die unter den Kragen gesteckt wurden. Aber er wußte Rat. Xylander habe wenigstens zwei Dutzend Selbstbinder und werde Ingold gern aushelfen. Das geschah. Die schwerseidene moosgrüne Binde saß tadellos geschlungen.

Hanns und Ruth hielten ihre Liebe gut verwahrt. Engelhardt ahnte nicht, daß aus dem Abschied ein Wiederfinden geworden war.

Nach dem Mittagessen saßen sie im Garten, und hier lernte Hanns Ingold Gerhart Xylander kennen.

Xylander lehnte im verstellbaren Lehnstuhl. Sein kräftiges Gesicht verriet nichts von einer Krankheit. Ein ironisches Lächeln zuckte in seinen Mundwinkeln, als er Hanns begrüßte.

»Sehen Sie nur, wie schön meine Selbstbinder sind, Fräulein Engelhardt! Herr Ingold hat den Knoten so schön geschlungen, wie Harry Walden. Und mir legt man einen Strick um den Hals.«

Er blickte auf seine starken weißen Hände, die kraftlos auf den Armlehnen lagen, unfähig, etwas zu verrichten, was Geschicklichkeit verlangte. Er war deshalb auch gezwungen, allein zu speisen.

»Die Selbstbinder werden nicht aus dem Gebrauch kommen und sogar die Farben noch in der Mode sein, wenn Sie wieder selbst den Knoten machen,« erwiderte Ruth lächelnd.

»Gnädiges Fräulein, haben Sie eine Ahnung! Die Dinger hab' ich im März geschenkt bekommen von Mama. Kurz vor dem Knacks. Und jetzt geht's in den August. In der Mode sind sie schon heute nicht mehr.«

107 »Davon haben wir in Rheinau allerdings keine Ahnung, Herr Xylander,« entgegnete sie mit gespieltem Ernst.

Hanns sah mit Erstaunen, wie heiter und gewandt sie sich gab. Ihr Wesen schien über Nacht zu voller Reife aufgeblüht zu sein. Die herbe Zurückhaltung war wie eine Fessel von ihr gefallen.

Auch Xylander empfand den starken Reiz und die sinnliche Wärme; die heute von Ruth ausstrahlten. Es war der erste Tag, an dem er nicht unter dem Bann litt, in den ihn der elektrische Strom geschlagen hatte.

Hanns Ingold spürte den Hauch der Zeit, als Xylander von dem großen Betrieb erzählte, aus dem er jäh herausgerissen worden war. Und plötzlich begann ihm der Boden unter den Füßen zu brennen.

»Sehen Sie sich unsere Werkstätten einmal an, wenn Sie der Weg nach Berlin führt,« sagte Xylander. »Sie haben ja in Amerika die Sache im größten Ausmaß kennen gelernt, aber an Intensität und Anspannung nehmen wir es schon lange mit den Amerikanern auf.«

Er sprach jetzt bestimmt und klar, auf der hohen Stirn, von der die Haare schon zurückflohen, stand die scharfe nervöse Falte des rasch disponierenden Geschäftsherrn. Einen Augenblick reckte sich der Industriekapitän aus seinen Worten, von dem Engelhardt seiner Tochter gefabelt hatte.

Von dem Schiffbruch, den Ingold in der Heimat gelitten hatte, wußte er nichts. Zu den Patienten von St. Joseph war davon kaum ein Widerhall gedrungen, und Engelhardt und Ruth schwiegen darüber.

»Die kleine Lo will Sie noch einmal sehen, Herr Ingold,« sagte Ruth und begleitete ihn auf dem Wege zu Lo, die am Pfirsichspalier auf dem Liegestuhl ruhte. Ihre Mutter wurde in wenigen Tagen von ihrer Schweizerreise zurückerwartet.

»Ist Ihnen das erste Rheinbad gut bekommen?« fragte Hanns sie heiter, um ihr zu helfen.

Aber sie war gar nicht verlegen.

108 »Es ist mir nur noch ein bißchen eklig im Magen und ich fall' noch manchmal wie von der Schaukel, aber ich danke Ihnen trotzdem viel, vielmal, Herr Ingold, daß Sie mich herausgeholt haben.«

Er ergriff ihre schmalen Finger und bekam einen sportmäßigen Handdruck zu spüren, daß sein Handgelenk knackte. Da mußte er lachen.

»Ich habe Sie ja gar nicht herausgeholt. Mein Vater hat Sie im Netz gefangen, Fräulein Lo.«

Er erzählte ihr und Ruth den Hergang und schloß:

»Wenn jemand ein Verdienst um Ihr Leben hat, Lo, dann ist es der Vater. Aber sagen Sie ihm ja nichts davon, er hat seine eigene Rechnung mit dem Rhein.«

Ruth bückte sich über das Mädchen, das schon einen zarten Anflug frischer Farbe auf den durchsichtigen Wangen hatte.

»Wir schreiben ihm zusammen einen lieben Brief, Lo. Und mit der Liegekur machen wir bald ein Ende. Aber du mußt mir versprechen, nicht mehr allein an den Rhein zu gehen. Versprich mir's.«

Plötzlich zitterte die ganze Angst und Aufregung, die sie heute morgen ausgestanden hatte, in ihrer Stimme.

»Ich war ja gar nicht schuld. Der Junge hat nicht aufgepaßt,« rief Lo heftig und verleugnete Hermann, »ich wollte überhaupt nicht mit ihm gehen.«

Hanns zog die Brauen zusammen, doch Ruth blickte ihn bittend an. Da gab er Lo die Hand zum Abschied.

»Morgen sind Sie wieder so gesund wie ein Fisch im Wasser – Pardon – das hätte ich nicht sagen sollen.«

Sie reichte ihm zögernd die Finger. Es zuckte um ihren Mund, als sie leise fragte:

»Wo ist er denn?«

»Wer?«

»Der – der Hermann Ingold,« stieß sie hastig hervor und wurde rot.

Hanns und Ruth blickten sich an, und ein weiches Licht erschien in ihren Augen. Die unschuldige Frage 109 des Kindes rührte sie, und alle Geheimnisse und Erinnerungen ihrer Jugend sprangen plötzlich wieder auf, eine große selige Freude ließ ihre Herzen schneller schlagen, unwillkürlich fanden sich ihre Hände und vereinigten sich in einem Druck, der sie bis ins Innerste durchdrang.

»Der findet den Weg sicher zu dir zurück,« sagte Ruth weich und begleitete dann den Geliebten bis zum Tor.

»Leb' wohl, Ruth! Der Rhein ist mir heut' über dem Kopf zusammengeschlagen und ich bin trotzdem obenauf geblieben. Es war keine Heldentat. Wir kennen uns, der grüne Fluter und die Ingolds. Ich komme wieder, und ich sprenge den Lauffen und baue das Werk, bau's, weil ich muß, weil es an den Tag will. Der Rhein rauscht nicht so laut, wie mir der Gedanke im Blut rauscht, Ruth, und nun ich dich habe, ist mir so leicht, so siegesgewiß! Sie haben mir nicht die Rippen gebrochen und die Energie gestohlen, aber freudlos hatten sie mich gemacht, gemein schien mir gestern noch, was ich angriff, weil sie es mir schlecht gemacht hatten. Aber dann hast du mit deiner Liebe mich wieder frei und froh gemacht!«

Er küßte ihr im raschen Antrieb die Hände.

»Hanns, ich weiß nicht, wie es gekommen ist, aber als alle gegen dich aufstanden, da hat es mich zu dir hinübergerissen. Da hab' ich nur noch wie du, nur noch für dich gedacht. Spreng' den Lauffen, stürz' alles um, mach' mit uns, was du willst, ich fühl's, daß du mußt!«

»Und du hältst zu mir, du wartest auf mich, Ruth?«

»Zu dir gegen alle, und ich warte, diesmal wart' ich, und wenn es wieder sieben Jahre dauert.«

Sie lächelte bei diesen Worten, aber ihre Seele war von dunklen Ahnungen beschwert, und als er antwortete, in sieben Jahren stände das Werk und sie wäre längst seine Frau, da wurde ihr plötzlich die Gewißheit, daß sie 110 ihn noch nicht besaß und daß der Kampf um ihre Liebe erst begonnen hatte.

Er ging, und sie blieb zurück. Sie sah ihn rasch ausschreiten und quer über seine Wiesen und Äcker den Feldweg gewinnen, um Zeit zu sparen.

Zwei Stunden später fuhr Hanns Ingold, ohne seinen Vater und seinen Bruder wieder gesehen zu haben, an St. Joseph vorbei, und nahm seinen Plan, das gewaltige Naturdenkmal der Rheinschnellen zu vernichten, den Frieden der Landschaft zu zerstören, und dadurch auch den Fischern die Wasserweide zu rauben, und die Kuranstalt des Doktor Engelhardt dem Untergang preiszugeben, mit sich in die Ferne.

Ruth Engelhardt verschwieg ihrem Vater, daß Hanns nicht auf seine Pläne verzichtet hatte. Er glaubte, wie die Rheinauer alle, der tolle, phantastische Gedanke sei wie eine Seifenblase schillernd emporgestiegen und zerplatzt.

Und die Tage spannen sich wieder still und ruhig ab, Kurgäste kamen und gingen, Geldsorgen drückten und wurden von einer Schulter auf die andere gewälzt, der Sommer bräunte die Ähren und färbte das Obst, und lauter oder leiser, je nach dem Stand des Wassers, sang der Rhein sein rauschendes Lied.

Ruth war verwandelt. Sie leitete den großen Haushalt mit derselben Sicherheit, die sie sich in den letzten Jahren erworben hatte, aber ihr Wesen war freier und milder geworden.

»Es ist mehr Sonne in ihr,« sagte Engelhardt zu Frau von Nothammer, die mit ihm über die sichtbare Entfaltung ihres bisher verschlossen gebliebenen Innenlebens sprach. Über die Gründe dieser Veränderung gab er sich keine Rechenschaft.

Hermann Ingold hatte den Weg zu Lo nicht wieder gefunden.

Da war Ruth mit Frau Manderfeld ins Haus des Fischmeisters gegangen und hatte den Vater gebeten, den Knaben zu ihr zu schicken.

111 »Der Bub ist ein Träumer geworden, er hat kein Auge mehr für den Rhein. Aber ich bind' ihm den Willen nicht. Er sitzt über seinen Büchern, und der Rektor sagt, es stecke etwas Besonderes in ihm. Vielleicht hat der Rektor recht, aber ich habe auch schon ein Dutzend Fische als Lachse ins Netz schießen sehen, und als ich sie in den Händen wog, waren es grätige Nasen, gerade gut für das Salzfaß.«

Lächelnd erwiderte Ruth:

»Aber einmal war es ein schönes Mädchen, Herr Fischmeister, und wer weiß, ob in dem Knaben nicht damals die wahre Natur erwacht ist, als der Rhein ihm sein erstes Erlebnis bescherte. Schicken Sie ihn zu Lo. In vierzehn Tagen reist sie ab.«

»Ach ja, bitte, Herr Ingold, schicken Sie uns den Jungen, wir wissen ja, daß ihn keine Schuld trifft. Meine Tochter ist in den letzten vier Wochen so aufgeblüht, daß man auf den Gedanken kommen könnte, das unfreiwillige Rheinbad habe dazu den Anstoß gegeben.«

Frau Manderfeld mußte ihre Stimme anstrengen, denn ihre rasche norddeutsche Sprechweise war im Hause des Fischmeisters unterm Lauffen kaum verständlich.

»Das rauscht ja in dem Haus wie in einer Meermuschel,« sagte sie auf dem Heimwege zu Ruth.

Als Hermann Ingold von seinem Vater aufgefordert wurde, nach St. Joseph zu gehen und das Mädchen zu besuchen, das durch ihn in den Rhein gestürzt worden sei, rauschte in seinen Ohren das Blut, und er fühlte, wie ihm das Herz in den Fingerspitzen schlug.

An einem Nachmittag ging er hin. Wie zum Richtplatz. Aber er ging. Er hatte die Fischerjacke in den letzten Wochen nur getragen, wenn er dem Vater helfen mußte. Und das war selten der Fall, denn die große Zeit war vorbei. Den Hecht fing Ingold mit der Schleppschnur und saß dann allein in dem kleinen Einbaum, der, aus einem Stück gehöhlt, wie ein Trog im Wasser lag, aber weit oberhalb der Schnellen von einem 112 einzigen kurzen Schaufelruder bewegt werden konnte und wie ein Baumstamm dahintrieb, vor dem der Hecht auch am hellen Tag nicht scheute.

Hermann hatte die langen Haare schön gescheitelt und mit einer feuchten Bürste festgedrückt. Schneeweiß erschien der Ansatz seiner hohen Stirn unter dem braunroten Haar. Auf der kurzen Oberlippe unter der schmalen hochrückigen Nase glitzerte der erste Flaum. Der schwarze Anzug machte einen jungen Herrn aus ihm.

Silberglänzende Wolken ballten sich über dem Schwarzwald. Die Sonne stach, und die Fische sprangen.

Im Garten zu St. Joseph war es still. Nur zuweilen klangen die Krockethämmer vom Spielplatz herüber, wo Lo über ein paar Damen, die als freiwillige Partner eingesprungen waren, und einem Herrn von Gaggenau, den sie dazu gepreßt hatte, den Zepter schwang.

»Sie sind d'ran, Herr Hauptmann, schieben gilt nicht! Frei aus der Hand schlagen, Herr von Gaggenau!«

Sie schlug die Kugel zurück, die er mit vorgesetztem Fuß durch die Glocke geschoben hatte.

»Fräulein Lo, Sie sind mein Tod!« seufzte er. »Da hat man sich auf dem Exerzierplatz die Nerven ruiniert, um hier Krocketgriffe zu klopfen! Bin ich denn noch nicht gestraft genug?«

Aber er war gar nicht so unglücklich. Doktor Engelhardt hatte ihm zuerst Aspirin und Pyramidon abgewöhnt, Joseph Hotz ihn gewickelt und geknetet, die Sonne im Rheinkies ihn bestrahlt und zuletzt die Welle zwischen den Faschinen ihn mit kräftigem Wurf stromab getragen, bis er das Behagen wiederkehren fühlte und die Nerven sich entspannten und lösten. Nun spielte er als Kompagniechef im zweiten Bataillon des zwölften badischen Infanterieregiments und Vater von zwei Kindern mit einem grätigen Backfisch und zwei mittelalterlichen Damen Krocket und befand sich dabei so wohl wie nie. Das Mädel war aber auch eine Augenweide! Er mußte 113 immer an Lena denken, Lena vor siebzehn Jahren! Mit einem Knall fuhr Los roter Ball seinem grünen in die Flanke.

»Donnerwetter, Sie sind ja der reine Bombenschmeißer!« rief er aufschreckend und zog den geprellten Fuß hoch wie ein Gaul.

Los Gesicht war zart gebräunt, und in ihrer linken Wange lachte ein Grübchen. Sie wollte gerade mit raschen Schritten zu ihm hin, da wurde sie plötzlich blaß, dann rot, blieb stehen und ließ den Hammer sinken.

Ruth kam mit Hermann Ingold den Kiesweg entlang auf sie zu.

Es war doch Hermann Ingold? Ja, er war's, sie spürte, wie sie rot wurde, und warf hochmütig den Kopf zurück.

Lo und Hermann hatten sich auf das Wiedersehen vorbereitet. Doch nun kam alles anders.

Lo drückte ihm einen Hammer in die Hand, und einen Augenblick später schlug er, ohne zu wissen, wozu und warum, einen roten Ball bis in die Rhabarberstauden.

»Na, nun hat ja Reserve Ruh',« sagte Hauptmann von Gaggenau zu Ruth.

Und auf einmal standen Lo und Hermann allein auf dem geschorenen Rasen zwischen den verlassenen Torbogen. Noch zwei, drei Schläge, und ihre Befangenheit wurde so groß, daß ihnen auch das Krocket nicht mehr half.

Lo warf den Hammer weg. Er folgte ihr wie ein Schatten.

»Krocket ist fad. Spielen Sie Tennis?« fragte Lo und riß im Weitergehen die Blätter von den Johannisbeersträuchern.

Hermann blickte auf ihre weißen Schuhe und antwortete leise: »Nein.«

Sofort stürzte sich Lo in eine zungenfertige Lobpreisung ihres Lieblingsspieles, aber sie sprach nur, um keine 114 anderen Fragen aufkommen zu lassen, und riß dabei immer heftiger an den Blättern.

Sie waren in die wildaufgeschossenen Buchsbaumhecken geraten. Der Schatten der topasfarbenen Gewitterwolken rann auf sie herab. An den Pappeln begannen die Blätter aufgeregt zu zischeln. Lauter und näher klang das Rauschen des Rheins.

Plötzlich blieb Hermann stehen.

»Sind Sie mir böse, Fräulein Lo?« fragte er leise.

Sie verstummte, zerbiß ein Blatt, verzog den Mund und spuckte die bitteren Reste rasch aus.

»Nee – waren Sie schon einmal da oben?«

Und ohne seine Antwort abzuwarten, ging sie auf den Hügel zu, auf dem der schwarze Holunderbaum kauerte.

Als er oben ankam, saß sie auf dem Tisch und schlenkerte mit den Beinen. Sie hatte den Zopf kurz gebunden und eine große schwarze Masche darin, die stand rechts und links hervor und rahmte ihr schmales Gesicht mit den dunklen Augen und dem blaßroten Mund köstlich ein.

Die Sonne war hinter den Wolken verschwunden, deren Ränder wie Gold glänzten, der Himmel tiefblau und der Lauffen kreidigweiß. Alles, was sonst grün war, erschien beinahe schwarz.

Die gedeckte Brücke hing wie ein langgestreckter Sarg über dem kochenden Strom.

»In vierzehn Tagen reisen wir nach Hause,« sagte Lo nach einer Weile.

Hermann tat, als wäre das noch eine Ewigkeit.

»Vorher fahren wir noch einmal nach Elfenau. Da fließt der Rhein ganz ruhig und die Reiher stehen auf den Weidenköpfen und starren ins Wasser, das Schilf hat lange braune Fahnen aufgesteckt und die Unken glöckeln Tag und Nacht. Der Rhein hat dort zwei Betten. Im alten wächst jetzt Korn, und Reben klettern an der Halde hinauf. Das hat er vor fünfundvierzig Jahren verlassen und ist ins neue gebrochen. Halb Elfenau hat 115 er damals fortgerissen, und viele Häuser haben jetzt noch den Fuß tief im Wasser und einen hölzernen Oberstock, den sie damals daraufgesetzt haben.«

»Ich hasse den Rhein!« rief Lo ungeduldig in seine Schilderung und blickte ihn herausfordernd an.

Scheu tastete er nach ihrer Hand. Seine Stimme war heiser.

»Ich wäre dir nachgesprungen, ich kann so gut schwimmen wie der Hanns, aber das Ruder hat mich mitgerissen. Lo, glaubst du mir, daß ich dir nachgesprungen wäre?«

Sie schwieg.

Er wartete noch eine Zeitlang und wiederholte dann seine Frage. Sie fuhr mit der Zungenspitze über die Lippen, schien sprechen zu wollen, verstockte sich aber wieder in Schweigen.

»Adieu, Fräulein Lo!«

Er drehte sich um und suchte den Rückweg.

Blitzschnell rutschte Lo vom Tisch und faßte ihn am Ärmel.

Er blickte über die Schulter zurück.

»Was ist?« stieß er hervor und machte sich frei.

Einen Augenblick zögerte sie noch, aber als er wieder gehen wollte, rief sie heftig:

»So frag' doch nochmal!«

Ihr Gesicht war blaß geworden und verschwamm im Schatten. Der Gewitterhimmel neigte sich tief herab. Heiße Windstöße schüttelten die Bäume.

»Glaubst du mir, Lo?« fragte er endlich.

Sie schwieg. aber sie nickte krampfhaft. Zuletzt sagte sie auch noch deutlich: »Ja.«

Hermann atmete tief auf.

Nun saßen sie stumm nebeneinander.

Auf einmal zog er sein Messer hervor und begann in die Tischplatte die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen zu ritzen. Lo reichte ihm einen Stein, damit klopfte er auf den Griff, und so ging es besser.

116 Sie achteten nicht auf das nahende Wetter.

Im Garten wurden Rufe laut. Die Damen flüchteten, Xylanders Fahrstuhl knirschte auf dem Kies.

Im heißen Windwirbel kam das Gewitter gefahren, und plötzlich stand alles in blauem Feuer, krachend rollte der Donner und polterte in dumpfen Sätzen das Flußtal hinab.

»Lo, Lo!« rief Frau Manderfeld.

Der Wind war auf einmal erstorben, kein Blatt flirrte, am Himmel kugelten sich die Wolken, und nun noch ein Blitz. Blaurot flammte das Tal. Diesmal bebte der Boden, so furchtbar krachte der Donner.

Da umfaßte Hermann Ingold die blasse Lo mit beiden Armen, und sie drückte sich eng an ihn, Wange an Wange.

Über dem Lauffen schoß eine Feuergarbe auf, gelber Rauch qualmte breit, ein Flammenwirbel stieg reißend in die tote Luft.

»Die Brücke brennt,« stieß Hermann leise hervor.

Die gedeckte hölzerne Rheinbrücke brannte. Das lange schwarze Dach hatte einen Feuerbusch aufgesteckt. Der Lauffen lief rot wie Blut. Gold und scharlachfarben glänzten die Dünste des stäubenden Wassers. Die ersten Regentropfen schlugen schwer durch die Blätter.

»Sieh nur, wie furchtbar schön das ist,« flüsterte Lo.

Da küßte Hermann Ingold sie in grenzenloser Verwegenheit auf die Wange. Sie schien es gar nicht zu merken, und er wagte kaum noch zu atmen nach dieser Tat.

Lautlos reckten sich spitze Feuerzungen vom Brückenfirst, die Wolken hatten die Berge verschlungen und füllten das ganze Tal, laut rauschte der Lauffen in der Totenstille, dann brach eine Sintflut herein.

Lo fuhr auf, hörte Mamas ängstliche Stimme, sah Hermann noch einmal mit einem seltsamen Blick an, als sähe sie ihn zum erstenmal, lächelte zärtlich, wie sie noch nie gelächelt hatte, und lief davon.

117 Hermann Ingold ließ das Gewitter toben. Er sah den Brand der Brücke unter den Regengüssen zusammensinken und erlöschen. Bächlein zogen über sein Gesicht, denn der Holunder duftete stark, aber schützte schlecht, doch als nach einer halben Stunde die Sonne durch die Trübe schlug und das Gewitter als schwarzblaue Wolke in die Schweiz rollte, über dem Lauffen ein Farbenbogen glänzte und die schwarze Brücke mit nackten Dachrippen, wie ausgeschnitten, vor dem veilchenblauen Himmel stand, sprang er über die Mauer und rannte nach Hause.

Etwas ganz Wunderliches war über ihn gekommen. Er hörte Worte, es wogte und klang in ihm, er hatte das Gefühl, als müßte jetzt etwas ganz Großes geschehen, er plötzlich Flügel haben oder wie ein Engel singen können, daß der Himmel und die Erde davon widerklangen . . .

Es wurde ein Gedicht daraus, zehn Strophen, jede zu zwei Verszeilen, er sagte sie am Abend bei offenem Fenster laut auf, und sie verklangen im Rauschen des Rheins.

Als Lo vierzehn Tage später abreiste, lud Frau Manderfeld Hermann ein, sie in Berlin zu besuchen. Sie konnte das unbedenklich tun, denn es würde ja doch nichts daraus werden.

Hermann ging an den Bahnhof, aber er blieb hinter dem Glockensignal versteckt stehen und preßte krampfhaft den großen Plötz an sich, den er nachher im Unterricht gebrauchte.

Erst im letzten Augenblick tat Lo, als hätte sie ihn eben erst entdeckt und könnte nun nicht anders als ihn grüßen.

»Mama, da steht Hermann Ingold. Wir müssen ihm doch noch Adieu sagen.«

Der einfahrende Zug übertönte ihre Worte.

Frau Manderfeld und die Jungfer drängten aufgeregt in den Wagen.

118 Da rannte sie über das Geleis zu ihm hin.

»Adieu, Hermann Ingold,« sagte sie hastig.

Er ergriff ihre behandschuhte Hand und drückte sie, die Worte blieben ihm in der Kehle.

Sie wollte lächeln, konnte nicht und stürzte wieder davon, blind an Ruth vorbei, die ihr auch noch Lebewohl sagen wollte, und schoß in den Wagen. Sie mußte ganz still sitzen und durfte nicht mit den Wimpern zucken. Wenn sie sich bewegt hätte, wären ihr die Tränen ganz sicher übergelaufen.

Die Mutter seufzte zufrieden.

»Gott sei Dank. Na, das liegt ja hinter uns. Ein bißchen primitiv war's ja, und die Geschichte mit dem Rhein, die wird mir noch lange in den Gliedern liegen. Aber die Hauptsache ist doch, daß Lo sich so prächtig erholt hat.«

Behaglich drückte sich Frau Manderfeld in die Polster.

Lo sah still zum Fenster hinaus und in den vorüberflirrenden Tannenwald hinein. Dann wurde es dunkel, der Zug kroch in den Tunnel und verschwand.

Der graue Rauch, der aus dem Bergloch strömte, als der Zug darin verschwunden war, war das letzte, was Hermann Ingold noch sah.

Den großen Plötz fest ans Herz gedrückt, das rebellisch klopfte, stürmte er davon. 119

 


 

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