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Der gefesselte Strom

Hermann Stegemann: Der gefesselte Strom - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gefesselte Strom
authorHermann Stegemann
year1914
firstpub1914
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart-Berlin
titleDer gefesselte Strom
pages308
created20160621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Morgensonne knisterte im Heu, das rings um St. Joseph in breiten Schwaden gemäht lag. Auf den glänzenden Blättern der Nußbäume verdampfte der letzte Tau.

Am Brunnentrog im Wirtschaftshof schuppte der Gärtner der Köchin den Hecht.

»Der reicht für siebenmal herum,« sagte er und las die silbernen Schuppen aus dem grauen Schnurrbart, wohin sie bei jedem Zug des Messers wie von der Feder geschnellt zu springen pflegten.

Die Köchin wusch den Salat und merkte nicht, daß er ihr die klebrigen Silberplättchen in die krausen Haare fallen ließ.

»Einmal herum und damit ist's genug,« gab sie zurück. »Daß der Herr den Fisch koordiniert hat, ist schon ein himmlisches Wunder.«

»Ordiniert heißt's, Gebenedikte,« verbesserte Hotz und warf der Katze, die ihm um die Beine strich, einen Grätling hin, den der Rheinräuber bei sich getragen hatte.

»Benedikta heiß' ich, das könnt' so ein Heide endlich einmal behalten.«

Und den Salatkopf aus dem Wasser schwenkend, spritzte sie ihm wie von ungefähr die Tropfen ins Gesicht.

Fluchend fuhr er empor und stieß den Fisch in den Trog.

»Putz' dir deine Fisch' selber, du Hex'! Ich hab' mich gewaschen, wo du noch die Kissen im Arm gehalten hast.«

Er hob die Sense von der Brunnenröhre und ging wieder auf die Grasmatte.

Ruth kam ihm entgegen.

»Ist der Hecht geputzt, Joseph?«

47 Er hatte das Fräulein gekannt, als es noch kein Fräulein, sondern ein kleines Mädchen war, das gern mit nackten Beinen an St. Josephs Acker in den Rhein watete, und konnte das nicht vergessen. Vertraulich antwortete er:

»Er schwimmt weiß und fett im Brunnen. Und wenn die Gebenedikte ihn nicht entwischen läßt, so kommt er heut auf den Tisch. Ein Pfaffenessen, Fräulein Ruth!«

»Es ist gut, Joseph!«

Sie wollte weitergehen. Ein Klingelzeichen lief durch das Haus und rief nach ihr. Die Glocke des Sprechzimmers hatte angeschlagen.

»Fräulein!«

»Was habt Ihr noch?«

»Fräulein, habt Ihr nichts bemerkt gestern abend?« fragte er und nahm die Sense von der Schulter, stellte sie mit dem Griff auf den Boden und blinzelte Ruth über die Schneide geheimnisvoll an.

Als sie ihn fragend anblickte, ein unsicheres Licht in den Augen, fuhr er fort: »Wie wir heim sind, den Fußweg entlang, ist uns einer nach. Mein Seel, es ist uns einer nach. Der hat gewiß gemeint, ich schlepp' einen Schatz auf dem Buckel, einen Silberschatz, mein' ich, weil doch der Hecht so gespiegelt hat im Mondschein.«

»Das bildet Ihr Euch ein, Joseph,« versetzte Ruth rasch; sie konnte aber nicht verhindern, daß sie errötete.

»Ich will den Rhein saufen, wenn's nicht wahr ist, Fräulein. Er ist nachher noch um die Mauer gestrichen, so wie der Ingold Hanns vor sieben Jahren. Am End' ein Mordbrenner – soll ich das Chassepot von der Wand nehmen?«

»Joseph!«

Die Farbe war aus ihren Wangen gewichen. Mit zürnenden Augen blickte sie ihn an, nicht mehr die Tochter, die dem alten Knecht manche Vertraulichkeit erlaubt und nachsieht, sondern das in seiner Scham verletzte Weib.

48 Ehrlich erschrocken starrte er sie an, hob die Sense auf die Schulter und begann eine Entschuldigung zu stottern.

»Du machst es mit jedem Wort schlimmer. Geh!«

Blaß, dunkle Tränen in den Augen wandte sie sich ab.

»Jetzt hack' mir einer die Zunge ab! Sie ist weiß geworden wie eine Leiche!«

Mit gekrümmtem Rücken zog er ins Feld.

Ruth ging langsam ins Haus. Das Glöckchen rief noch einmal, aber sie konnte nicht schneller ausschreiten und ging wie im Traum. Als ihr zwei Kurgäste entgegenkamen, bog sie in einen Nebenweg ein, um der Begegnung auszuweichen.

»Die Post ist gekommen. Drei Briefe und ein Schock Drucksachen!«

Mit diesen Worten empfing Engelhardt seine Tochter. Er ging ungeduldig im Zimmer auf und ab, nervös verstellte er den mechanischen Stuhl, schraubte das Hörrohr ab und wieder an und blickte dabei immer wieder auf die Briefschaften, die noch ungeöffnet auf seinem Schreibtische lagen.

Ruth setzte sich mit einem Lächeln, das einen mütterlichen Anflug hatte, auf den Arbeitsstuhl des Vaters und sagte mit gemachter Heiterkeit, während sie die Briefe aufschnitt:

»Papa, was machst du nur, wenn ich einmal nicht da bin? Du mußt dich doch noch gewöhnen, die Post selbst aufzumachen.«

»Nein, nein – du hast eine glücklichere Hand als ich.«

Er wehrte hastig ab und mit einer Bitterkeit, als hätte die kleine Eigenheit ihren tiefen Grund.

»Das darfst du nicht mehr sagen, Papa. Mir zuliebe nie mehr.«

Sie blickte ihn über die Briefe hinweg mit einem entschiedenen Ausdruck in den klaren Zügen vorwurfsvoll an.

»Na ja, Mädel, spieß mich nicht auf, ich will mir ja die unnützen Anspielungen verkneifen. Aber denken, daran denken werd' ich mein Lebtag, Ruth, denn dazu 49 ist mir die Sache doch noch zu tief gegangen. Hat mir kein Orakel gesagt, daß ich mal hier in der Stille hausen und naturschwärmen und Nervenmenschen aufbügeln werde.«

»Papa!«

»Ist es etwa nicht so! Und du, du lebst wie eine Nonne – dafür ist es ja ein Kloster – und bemutterst den alten Herrn. Und die Mutter, die liegt in der fremden Erde, und der Rhein singt ihr immerzu ins Grab, immerzu, immerzu. Siebzehn Jahre lang singt er ihr schon, und das ist das Schönste, daß der Lauffen noch sein Rauschen singt, wenn Mutter einmal nicht mehr allein liegt auf dem Friedhof von Rheinau.«

Ruth tat, als hörte sie nicht, wie der Vater sich seine Bitterkeit wieder einmal vom Herzen redete. Sie wußte, daß man ihn gewähren lassen mußte.

Gewissenhaft las sie die Briefe. Drei enthielten Anmeldungen für den Juli, zwei kamen von Herausgebern balneologischer Wegweiser und ersuchten um Einsendung von Indikation und Ortsbeschreibung der Anstalt.

»Papa, Professor Laßmann schickt uns einen Patienten.«

Mit diesem glücklichen Wort unterbrach sie seine bitteren Bemerkungen.

»Laßmann! So? Na, der Laßmann war immer ein anständiger Mensch, und seine Herztherapie – alle Achtung. Wen schickt er mir denn?«

»Lies selbst, Papa!«

Er nahm den Brief aus ihren Händen und fuhr fort, ohne ihn zunächst zu lesen:

»Er wollte auch einmal Chirurg werden. Ein prächtiger Assistent, auf den man sich verlassen konnte. Besser als auf sich selbst. Er hätte die Ruptur –«

»Papa!« Diesmal rief sie ihn scharf zur Ordnung.

Engelhardt brach ab und riß den Brief wie schuldbewußt an die Augen.

»Rekonvaleszent nach schwerem Unfall – durch Berührung mit dem Starkstrom – ein Sohn des 50 Kommerzienrates Xylander in Berlin-Lichterfelde. Der gute Laßmann will wohl etwas für den Engelhardtschen Geldbeutel tun. Was sollen wir denn mit einem Industriekapitän hier anfangen? Der läuft uns am dritten Tag davon und geht nach St. Moritz oder in den »Weißen Hirsch«. Mit Barfußlaufen und Abreibungen und einer Hechtschnur halten wir den nicht fest.«

Ruth hatte die Drucksachen durchgesehen und hielt ein Heft in der Hand, von dem sie keinen Blick wandte.

»Du hörst ja gar nicht zu, Ruth. Das ist doch keine Kleinigkeit, wenn Laßmann uns – na, was hast du denn, Mädel? Du bist ja ganz blaß und verstört!«

»Nichts – ein bißchen benommen, ich habe eine schlechte Nacht gehabt. Verzeih', wenn ich dich jetzt allein lasse. Ich will die Korrespondenzen einheften und die Krankenberichte ins reine schreiben.«

Engelhardt war ans Fenster getreten und lehnte die Stirn an die kalte Scheibe. Der Garten stand im Juniflor. Die Rosen blühten, die Bäume hatten ihr frischestes Grün aufgesteckt, und goldene Sonnenkringel spielten auf den Wegen. In der Ferne wellte als silbergrüner glitzernder Streifen der Rhein.

Der Hauch schlug an die Scheiben, als Engelhardt sagte:

»Ja, ja, eine Nonne und ein Weib, das sein Bestes nicht geben kann! Ich fühle es von Tag zu Tag mehr, daß es nicht so weitergehen kann. Und kann es doch nicht ändern. Wir stecken hier mit unserer ganzen Existenz verwachsen im Boden. Reiß mich aus, und ich bin wurzellos und du mit.«

»Von allem dem, was du da sagst, ist nur das letzte wahr. Wir sind hier zu Hause.«

Ein freudiger Klang war in ihrer Stimme. Erstaunt wandte Engelhardt sich um, da war sie schon gegangen.

Mit schlagendem Puls durchmaß Ruth Engelhardt den Kreuzgang. Es war noch früh am Tage. Eine halbe Stunde konnte sie ihm stehlen.

51 Frau von Nothammer ging gerade an ihrem Krückstock zum Pfirsichspalier, wo die Sonne am wärmsten schien, und blieb erstaunt stehen, als Ruth mit einem hastigen Gruß an ihr vorbeischritt, ohne ein paar freundliche Worte an sie zu richten.

Ruth hatte es eilig. Sie wollte ungestört sein. Zwischen den Gemüsebeeten lief sie zum Hügel, der in einer Ecke des Mauergeviertes aufgeschüttet war und, von wilden Brombeeren und Haselnüssen umwuchert, niemand lockte. Ein alter Steintisch mit einer Sonnenuhr, aus der noch die Klosterfrauen die Zeit gelesen hatten, stand verwachsen und zerschunden im Nesselkraut unter dem bitterduftenden Holunderbaum, der wie ein kauernder Waldgeist oben hockte und mit seinen dunklen Blättern und weißen Blütendolden die Uhr verschattete. Der Uhrzeiger war abgebrochen.

Ruth schwang sich auf den Tisch.

Hier hatte sie einst Hanns Ingolds Liebesbriefe gelesen.

Heuduft schwoll zu ihr empor, sie sah Josephs Sense blitzen und den Rhein in weißer sprudelnder Fülle aus dem Lauffen stürzen. Sie hatte gelogen, keine schlechte Nacht gehabt, nur eine schlaflose. Der Mond und das Rauschen des Rheines waren um sie her gewesen in ihrer Stube, eine köstliche Leichtigkeit hatte alle ihre Glieder belebt.

Ruth atmete tief, ließ die Augen noch einmal über die Sommerlandschaft wandern, über die Wiesen mit den regungslos stehenden Bäumen, über den Strom und das Städtchen bis zu dem schwarzen Wald, der seine Tannen zu den hohen Bergen trug. Dann begann sie zu lesen.

»Ein Kraftwerk zu Rheinau unterm Lauffen« lautete die Überschrift der Broschüre, und darunter stand der Name Hanns Ingold.

Ruth las mit schärfster Anspannung ihrer Sinne. Sie hatte gelernt, in wissenschaftlichen Schriften zu lesen, und folgte Ingolds Ausführungen mit voller Hingabe 52 an die Sache. Sie sah und hörte ihn sprechen. In der knappen hartgeschliffenen Darstellung trat er lebendig vor sie hin, wie er heute war. Und dann erschrak sie plötzlich.

Was hier vorgeschlagen und ins Werk gesetzt wurde, war nichts anderes als die Sprengung der Stromschnellen, die Zerstörung des Lauffen. Es stand nicht mit diesen Worten zu lesen, war in fachwissenschaftliche Ausdrücke gefaßt, doch der Plan lief auf die Beseitigung des Sturzes hinaus, der tausend Schritte lang zwischen den engen Wänden von Schwelle zu Schwelle und Felsen zu Felsen sprang. Es war noch mehr. Wo jetzt der Rhein zwischen den grünen Buschwäldern im natürlichen Bette lief, würden gemauerte Uferdämme, Stauwehre und Schleusentore entstehen und gewaltige Fabrikbauten sich erheben.

Doch Ruths Schrecken wich bald dem unwiderstehlichen Zwange, den Hanns Ingolds Wesen auf sie auszuüben begann. Als gälte ihr diese Schrift, ihr dieses Werk, als müßte sie leben und sterben mit ihm, so riß es sie hin. Sie sprang über die technischen Berechnungen hinweg, las noch das Schlußwort, in dem Ingold in einem einzigen Satz zusammengedrängt den Gedanken aussprach: »Dieses Kraftwerk wird ein Werk der Kraft werden« und ließ dann das Heft in den Schoß gleiten.

Die Hände um das Knie geschlungen, schaute sie abwesenden Blickes in die grüne Landschaft. Eine schöne weiße Wolke stand über dem Schwarzwald im blauen Himmel.

Da kam Hanns Ingold mit zwei jungen Männern, die rotweiße Stangen trugen, vom Rhein her über die Matten. Er stellte ein dreifüßiges Meßinstrument auf und ließ die Stangen in den Boden stecken. Vom St. Josephs Acker her lief eine Zeile dieser bunten Stäbe durch Wiesland und Korn, das Rheinauer Ackerbürgern gehörte.

53 Als die Männer in Ruths Gesichtsfeld traten, erwachte sie aus ihren Träumen und erblickte den, um den sie sich sorgte. Er kam näher, bis zum Markstein, wo das Klostergut, das nur noch wenige Schritte über die Mauern hinausreichte, an fremden Acker stieß. Hart am Stein stießen sie die letzte Stange ein, und Hanns bückte sich wieder über das Visier.

Solange hatte Ruth regungslos gesessen. Jetzt hob sie sich in jähem Trotz von ihrem versteckten Sitz. Doch da kam auch schon der alte Hotz in Hemd und Hosen, mit nackten, schlenkernden Armen über die Matte, stellte den Schuh auf den Grenzstein und sagte so laut, daß sie es hören konnte:

»Einen Schritt zum Stehen, tiefer geht mir keiner ins Gras.«

Einer der beiden Techniker erwiderte lachend ein paar leichte Worte, doch starrköpfig bestand der Alte auf seinem Verbot.

»Nichts ist, hier ist kein Platz für einen fremden Schuh ohne die Erlaubnis des Fräuleins oder des Herrn Doktor.«

Ruth stieg vom Hügel auf die Mauer, die hier kaum mannshoch war, und sprang hinab.

Als Hanns sich selbst an Joseph wandte, sah er sie über die geschorene Matte auf sich zukommen. Mit flinkem, behendem Schritt. Das Straffe und Herbe ihrer Gestalt war ihm noch nie so ins Bewußtsein gefallen.

Kaum hatte der Gärtner das Fräulein erblickt, so sagte er zu den Technikern, die auf ihn einreden wollten:

»Nichts ist – lassen wir's die beiden miteinander ausmachen, wohin ihr eure Spieße tragen dürft.«

Dabei zwinkerte er mit den Augen und riß den Stab heraus.

Hanns Ingold zog den Hut und stieg die grüne Schwelle hinan, auf der Ruth ihn erwartete. Stolz und frei erschien ihre Haltung, wie sie so am Grenzrain in der hellen Sonne stand.

54 Er wußte nicht, ob er sie mit ihrem Vornamen anreden durfte, und begnügte sich, ihr eine leichte Verbeugung zu machen.

»Hotz fürchtet offenbar Flurschaden, aber es ist nicht so schlimm. Ich wollte von hier aus nur noch einmal das Gefälle kontrollieren. Darf ich das?«

»Darf ich fragen, wozu, Herr Ingold?«

Der kalte, sachliche Ton ihrer Frage machte ihn stutzen. Dann ging ein Zucken der Ungeduld über seine Züge.

»Fragen Sie aus Freundschaft oder offiziell, Fräulein Engelhardt!«

»Ich frage, weil ich ein Recht zu dieser Frage zu haben glaube.«

»Ein Recht?«

»Ich stehe hier auf meinem, auf unserem Grund und Boden und will wissen, was vorgeht.«

Er lächelte. In sein Gesicht trat helle Sonne.

»Auch ich stehe auf eigenem Grund, Fräulein Ruth. Ich habe gestern den ganzen Strich von St. Josephs Acker bis zum Wald zusammengekauft.«

»Sie? Und bis zum Wald!«

Sie maß die Entfernungen.

Er trat neben sie und rollte den Geländeplan auf.

»Sehen Sie hier! Dieses rotschraffierte Areal gehört mir. Das Klosterviereck von St. Joseph ist deutlich sichtbar inmitten der schraffierten Fläche.«

Ruth starrte mit zusammengepreßten Lippen auf die Zeichnung. Wie eine Insel schwamm das Kloster mit seinem Garten und dem schmalen Wiesengürtel auf dem bunten Papier.

»Also gehört jetzt außer dem Kirchhof und unserem St. Joseph auf diesem Ufer alles Ihnen,« stieß sie leidenschaftlich hervor.

Er überhörte die an Mißachtung streifende Schärfe ihrer Worte.

»Ja,« antwortete er ruhig.

»Es ist gut. Ich werde meinen Vater –«

55 »Ruth,« bat er, mit einem Versuch zu lächeln und streckte unwillkürlich die Hand aus, um sie festzuhalten.

Da warf sie den Kopf zurück und entgegnete:

»Jetzt stehen Sie nicht mehr auf Ihrem Grund und Boden, Herr Ingold!«

»Damned!« Der englische Fluch war ihm entfahren, er wußte nicht wie.

Totenblaß, mit sprühenden Augen, richtete Ruth sich auf.

»Ich bitte, die Grenze zu respektieren. St. Joseph ist nicht käuflich, Herr Ingenieur.«

»Aber Ruth, so hören Sie doch, ich –«

»Joseph,« rief ihre helle Stimme in seine ungeduldigen Worte, »werfen Sie die Grenzfurche besser aus, damit die Herren wissen, woran sie sind und uns nicht ins Gras treten.«

Darauf wandte sie sich und ging mit raschen Schritten der Mauer zu. Vor ihren Blicken schillerte die Welt in bunten Farben. –

Eine Viertelstunde später stand sie in der weißen Kittelschürze neben dem Vater am Krankenbett.

Engelhardt sagte lächelnd zu der Kranken:

»Sie werden gesund, kleine Lo. Heute und morgen bleiben Sie noch im Bett. Übermorgen stehen Sie auf. Wenn die Sonne scheint, stehen Sie um sieben Uhr auf, und wenn es regnet, was auch einmal vorkommt, stehen Sie fünf Minuten später auf.«

»So früh schon,« klagte die Kleine und kroch noch tiefer unter die Decke. In ihrem zarten, blassen Gesicht kam und ging die Farbe mit jedem Herzschlag.

Ruth band ihr die Schleife neu, mit der sie den schwarzen Zopf umwunden hatte.

»Sind Sie noch nie um sieben Uhr aufgestanden, wenn es sich um Sport oder sonst ein Vergnügen handelte?« fragte Engelhardt ruhig.

Er war am Krankenbett so ruhig und bestimmt in seinen Anordnungen und so gesammelten Wesens, wie sonst heftig und zerstreut.

56 »Sie haben ja nicht mal 'n Tennisgrund,« schmollte Lo.

»Nein, aber Solbäder,« versetzte Engelhardt mit tiefem Ernst und ging hinaus.

Ruth strich noch einmal über die Kissen und öffnete das kleine Fenster so weit, daß der Wiesenduft in vollen Zügen hereinströmte. Sie war schon an der Tür, da seufzte Lo:

»Ach Gott, Fräulein Ruth, hier passiert ja gar nichts!«

Ruth zögerte einen Augenblick, ehe sie mit ihrer heitersten Miene antwortete:

»Übermorgen kommen neue Gäste, dann werden Sie sich nicht mehr zu beklagen haben.«

»Übermorgen? Grad an dem Tag, da ich aufstehen darf! Kriegen wir dann eine Golfmannschaft zusammen?«

Hochaufgerichtet saß sie im Bett. Wie in einem Glasfigürchen stieg das rote Blut in ihr auf, und der nervös gespannte Zug ihres Gesichtes gab ihr einen täuschenden Anschein unbändiger Energie.

»Muß es denn immer ein Sport sein, Fräulein Lo?«

»Nun natürlich! Das ist doch das gesündeste!« rief Lo eifrig. »Aber Sie treiben ja keinen Sport,« schloß sie mitleidig.

»Ach so,« erwiderte Ruth lächelnd, und noch einmal an das Bett der kleinen Berlinerin tretend, die vor vierzehn Tagen im Zustand vollständiger Erschöpfung in St. Joseph angekommen war, drückte sie das zarte Geschöpf in die Kissen zurück und zog ihr die weiten Ärmel des Spitzenhemdes wieder über die weißen dünnen Arme. Die Fünfzehnjährige schien noch jünger, als sie war.

Doktor Engelhardt hatte seine Besuche beendet und wartete auf Ruth, um ihr die Krankenberichte zu diktieren. Zerstreut nahm er den »Rheinauer Anzeiger«, der noch feucht vom Druck in der Türspalte gesteckt hatte, und begann darin zu lesen.

Als Ruth eintrat, lag die Zeitung in Stücken auf dem Teppich und der Vater stand breitbeinig mit 57 geballten Fäusten und wirrem Haar über den zerfetzten Papieren.

»Mädel, Ruth, er ist ein Schurke! Ein Schänder und Frevler! In Stücke zerreißen sollte man den Menschen, wie ich dieses Blatt zerrissen habe!«

Im Augenblick, da er ihr dies entgegenschrie, wußte sie, was geschehen war. Und dann geschah etwas Seltsames, spürte sie, wie sich in ihr alles gegen den Vater aufbäumte.

»Nein, Vater, das ist Hanns Ingold nicht!« rief sie leidenschaftlich.

»Ein Schänder und Frevler, sag' ich, denn er schändet die Natur, er will das kostbare Kleinod, das der Herrgott hier im Laufe von Jahrtausenden geschaffen hat, zerstören, er will es in den Schmelztiegel unserer verfluchten Industrialisierungswut werfen, um gemeines Geld daraus zu machen.«

»Nein, Vater, das will er nicht. Ans Geldmachen denkt der Hanns nicht, das ist's nicht, was ihn treibt.«

Engelhardt faßte seine Tochter heftig an den Händen und zog sie dicht zu sich heran.

»Mädel, ich kenne dich nicht mehr. Du weißt, was er vorhat, ich seh's dir an, daß du weißt, was in dem Wisch da steht. Seine Heimat zerstören, den Frieden dieses Erdenwinkels in alle Ewigkeit vernichten, den Rhein und den Lauffen zum Fabrikkanal machen, das will dieser Fischerssohn, der in Amerika gelernt hat, den Dollar anzubeten! Und du, du ergreifst Partei für ihn, du, Ruth Engelhardt, meine Tochter! Mädel, es gibt nur eine einzige Erklärung für diese Parteinahme und die darf, die kann nicht richtig sein.«

Ruth blickte dem Vater fest in die Augen. Kein Hauch Farbe tönte ihr Gesicht. Zwischen den blassen Lippen schimmerten die Zähne in weißem Schmelz, ihr Atem jagte, ihre Hände waren kalt wie Eis.

Mit unnatürlich ruhiger Stimme entgegnete sie:

»Du bist mir die einzige Erklärung, die du gefunden 58 zu haben glaubst, schuldig, Papa. Gerade, weil sie nicht richtig sein kann, wie du sagst.«

»Also gibst du's zu, daß du für ihn Partei nimmst, daß du dieses ungeheuerliche Beginnen, diese Tempelschändung verteidigst und am Ende gar billigst!«

Er schüttelte sie in sinnlosem Zorn an den Armen und drängte sie unwillkürlich zur Tür.

Da riß sie sich mit einem Ruck los.

»Komm zu dir, Papa! Du bist außer dir.«

»Und du bist es nicht! Und das ist, was mir so stark in die Augen beißt!«

»Was willst du damit sagen?« flammte sie auf.

»Nun denn – ich weiß, daß dir der Hanns Ingold vor sieben und mehr Jahren etwas gewesen ist, daß er der erste war in deinem Leben, der erste, der als fremder Mensch zwischen mich und meine Tochter getreten ist und mir dadurch klar gemacht hat, daß ich kein Recht mehr habe an dich.«

»Soll das eine Anklage sein, Papa? Willst du damit sagen, daß ich dir etwas schuldig geblieben bin? Dir oder mir, Papa!«

»Nein, mir nicht, Ruth! Zwischen uns ist seit Jahr und Tag die Rechnung glatt. Wenn eines von uns beiden in der Schuld des anderen ist, dann bin ich's. Aber jetzt frag' ich dich, ob du ihm nichts schuldig geworden bist!«

»Vater!«

»Ja, ich weiß, das ist ein Gedanke, der uns auseinanderwirft, denn wenn es so ist, dann verwaltest du seit sieben Jahren dein Leben selbst, und ich wohne mit einem fremden Menschen unter einem Dach.«

Er ließ sich schwer in den Schreibsessel fallen und stützte den grauen Kopf mit beiden Händen. Seine Stimme war so voll Gram gewesen, daß sie davon spröde geworden war und zerbrach.

Leise trat Ruth hinter ihn und legte sanft die Hand auf seine Schulter. Ihr Gesicht war von der weißen, klaren Blässe der Perlen. Starr zusammengezogen die 59 dunklen Brauen unter dem hellen Haar. Ihre Stimme ohne Klang.

»Lieber Papa, was du da sagst, daß ich mein eigenes Leben habe, kann auch dann wahr sein, wenn ich niemand etwas schuldig geworden bin. Ich war allein, immer allein. Auch in der Schule. Auch das Jahr in Berlin, als ich den Kurs mitmachte und studierte. Wir waren beide allein, du auch. Bis wir uns ein Zusammenleben zurechtgemacht hatten. Aber was bleibt davon, wenn wir das Zusammenarbeiten abziehen und die Tatsache, daß wir uns lieb haben. Oder glaubst du am Ende, ich hätte dich nicht lieb, weil ich nicht zärtlich bin und wie ein Kätzchen schnurren kann?«

Heftig schüttelte Engelhardt den Kopf zwischen den aufgestützten Händen.

Da löste sich die Starre in Ruths Zügen, und sie fuhr fort:

»Und nun war noch der Hanns Ingold da. Gab es denn einen anderen Jungen in Rheinau? Als er eines Tages nach Lahr aufs Gymnasium ging, um noch sein Examen zu machen, warst du dabei, wie er Adieu sagen kam. Da sagtest du: du willst wohl die Ruth einmal heiraten, daß du studieren willst. Und als er rot wurde und ich dummes Ding ein ganz verklärtes Gesicht machte, da sagtest du noch, dann mache er sich eigentlich überflüssige Mühe, denn du hättest mich auch einem tüchtigen Mechaniker gegeben.«

Engelhardt rückte unruhig auf dem Stuhl. Das Mädel erzählte in einem so ergreifenden, zwischen Tränen und Lächeln schwankenden Ton, daß ihm Zorn und Bitternis in Rührung zerfloß.

Ein Zucken in Ruths Hand ließ ihn aufschrecken.

Auf einmal war die wilde Spannung wieder da, dieses elementare Gefühl des Hasses, das ihn ergriffen hatte, als er zu erkennen glaubte, daß er nicht mehr der einzige Mensch war, der ihrem Leben Inhalt gab. Argwöhnisch lauschte er auf den bebenden Klang, der jetzt in ihrer Stimme schwang.

60 Sie fuhr fort:

»Damals hat Hanns Ingold geantwortet, er wolle trotzdem studieren. Er kam in den Ferien nach Hause. Ich wurde siebzehn Jahre, da begann die Zeit, in der ich das Alleinsein nicht mehr ertrug, und als ich achtzehn Jahre alt war, haben wir uns gesagt, wir hätten einander lieb, und der Hanns ging fort.«

Wie einfach und wahrhaftig das klang! Engelhardt spürte, wie ihm etwas die Brust beengte.

Da saß er nun und schämte sich der starken Worte, die er gebraucht hatte. Der erste in ihrem Leben, der erste fremde Mensch, der sich zwischen sie und ihn gedrängt hatte, so ungefähr war's gewesen, und nun kam das Mädel und sagte ganz einfach: »Wir hatten einander lieb, und der Hanns ging fort.« Aber sie hatte auch gesagt, daß sie das Alleinsein nicht mehr ertragen habe. Hilflos saß er und fragte endlich leise:

»Warum hast du mir denn damals nichts davon gesagt?«

»Das weiß ich heute nicht mehr, vielleicht wäre es dann nicht mehr wahr, nicht mehr mein gewesen, ich weiß es nicht. Vielleicht habe ich auch geglaubt, du müßtest das alles von selbst wissen.«

»Das heißt, ich bin ein schlechter Vater gewesen,« versetzte er müde.

Ihre Hand zog sich scheu zurück.

»Sag' das nicht,« erwiderte sie leise.

Eine Stille entstand, in der ihr erregter Atem hörbar auf und nieder ging. Im Flur tönten Schritte, um wieder zu verhallen. Endlich raffte Engelhardt sich auf und trat vor seine Tochter hin.

»Liebst du ihn noch? Besteht zwischen euch eine Verbindung, die du nun, da ich darum weiß, legitimieren oder abbrechen mußt?«

Ruth spürte, daß der Vater mit diesen Worten wieder Oberhand und Gewicht gewonnen hatte. Sie preßte einen Augenblick die Zähne zusammen und kämpfte um 61 Fassung und Klarheit. Aber ehe noch der wilde Strudel ihrer Gefühle sich geklärt hatte, gab sie Antwort.

»Nein, zwischen Hanns Ingold und mir besteht keine Verbindung. Wir haben vor fünf Jahren die letzten Briefe gewechselt.«

»Gut!«

Ohne noch einmal von Ingolds Plan zu sprechen, der ihn so sehr erregt hatte, kehrte er zu seinem Schreibtisch zurück.

Ruth bückte sich und las die Reste der Zeitung zusammen. Dabei erinnerte sie sich, daß die Flugschrift, die Hanns an den Vater gerichtet hatte, noch auf dem Steintisch lag. Sie ging sie holen.

Schreckende Amseln stoben aus dem Holunderbaum, als sie den Hügel erreichte. Der Heuduft schwoll zu ihr herauf, Goldstaub flimmerte über den Matten. In reifender Stille ruhte das Land. Sie barg die Schrift wie ein Verbrechen und eilte zurück.

»Diese Broschüre war heute morgen unter den Drucksachen. Ich glaube, daß sie dir mehr sagen wird als die Zeitung.«

Doktor Engelhardt las den Titel, unterdrückte eine Gebärde wilden Zorns und fragte, indem er Ruth forschend anblickte:

»Du hast sie schon gelesen?«

»Ja, Papa,« erwiderte sie und sah ihn furchtlos an.

»Und nimmst diese frevelhaften Spekulationen ernst?«

»Ich glaube, daß Hanns Ingold alles dransetzen wird, das Werk zu bauen.«

»Den Lauffen sprengen! Wir sind nicht in Amerika! Nein, gottlob, wir sind hier nicht in Dollaria! Sie steinigen ihn auf dem Markt, ehe er die Hand rührt.«

Eine fanatische Zuversicht war über Engelhardt gekommen. Er lachte laut auf und warf das Heft verächtlich beiseite.

Da versetzte Ruth mit ruhigem Ernst:

62 »Ich muß dir noch etwas sagen. Hanns Ingold hat auch noch das ganze Land vom Rhein bis zum Wald gekauft. Wir haben ihn auf allen Seiten als Nachbar.«

»Woher weißt du das? Das ist nicht wahr. Aber wenn es wahr ist, dann –«

Ein Klopfen an der Tür unterbrach seine drohenden Worte.

Ein Knabe brachte einen Brief.

Ruth reichte ihn dem Vater.

»Ich glaube, der Brief ist von Ingold, Papa.«

Unschlüssig wog er ihn in der Hand. »Am liebsten –«

»Nein, du mußt ihn lesen.« Sie drängte seine Hand zurück.

Als er den Brief öffnete und las, hingen ihre Blicke an seinem Gesicht. Sie sah, wie es sich braun färbte.

»Du hattest recht, Ruth. Er hat uns so gut wie abgewürgt.«

Langsam reichte er ihr den Brief. Es stand nichts darin als die Anzeige, daß die Aue, also Äcker und Matten vom Lauffen bis zum Wald, aus dem Besitz der früheren Grundeigentümer in Ingolds Hände übergegangen seien. Der neue Besitzer bat um gute Nachbarschaft und versprach, solche zu halten, so weit es in seinen Kräften stände.

Das Papier zitterte in ihrer Hand.

»Ich habe ihm schon gesagt, daß St. Joseph nicht käuflich ist,« stieß sie hervor und erzählte in kurzen, abgebrochenen Sätzen, was sich ereignet hatte.

Während sie sprach, erhellte sich Engelhardts Gesicht, und als sie zu Ende war, ging er zu ihr hin, zog sie an sich, schüttelte die Locken und rief:

»Also bist du doch mein Mädel! Und deine Jugendliebe, die will ich respektieren und einen Kranz auf ihr Grab tragen. Laß sie nur kommen, die Schänder und Schinder der Natur, hier sollen sie vergebens ihre Goldstücke tanzen lassen. Wir halten fest am ewigen Glauben, 63 an der Heiligkeit dieses stillen geruhigen Lebens in der Innigkeit unserer Übereinstimmung mit den Kräften der Natur.«

Er verlor sich wieder in überschwenglichen Gefühlen, Ruth aber hörte die angstvolle Empfindung heraus, die aus der Verbitterung und der Vereinsamung heraus die Hände nach ihr streckte. Ein heftiger Zorn ballte sich in ihrem Herzen, und stumm drückte sie seinen grauen Kopf an ihre Brust.

»Noch eine letzte Frage, Ruth?«

»Sprich!«

»Liebst du ihn im stillen doch noch?«

»Ich hasse ihn!« stieß sie wild hervor und warf den Kopf mit den schweren blonden Flechten herausfordernd in den Nacken. Sie hatte so laut gesprochen, als ob Hanns Ingold es hören müßte.

»Dann will ich seine Broschüre lesen und ihm, wenn er die Versammlung hält, von der die Zeitung schreibt, die Antwort nicht schuldig bleiben.«

»Tu's nicht,« wollte sie sagen, aber sie fand nicht mehr die Kraft dazu und warf sich in die drängende Arbeit, um ihrer Gedanken und Kämpfe Herr zu werden.

Als Ruth Engelhardt vor sieben Jahren ihren Liebestraum gelebt hatte, war sie ganz von der ausschweifenden und doch wunschlosen Seligkeit der ersten Liebe erfüllt gewesen, die keine Grenzen und keine Ziele kennt. Und als Hanns Ingold unter dem Holunderbaum von ihr Abschied nahm, war ihr vor süßem Weh das Herz zerflossen. Aus dem knabenhaft kecken und trotzigen Kind war ein von Träumen lebendes, im ersten Liebeswerben bangendes Mädchen geworden. Hanns Ingold war in die Fremde gegangen, und in Ruth hatte jede Fiber gebebt, jeder Puls geschlagen, jeder Gedanke gezittert von geweckter, unterdrückter und nie gespeister Liebe. Sie war damals dem Verlust ihres seelischen Gleichgewichts nahe gewesen und hatte nur mit Aufbietung aller ihrer Kräfte zur Arbeit die aufgestörten 64 Empfindungen verdrängt, die wie irregeleitete Ströme in ihrem Leib und in ihren Gedanken kreisten.

Allmählich beruhigte sich ihr Inneres wieder. Sie ging nach Berlin und lernte das Selbstvergessen. Sie genas von ihrer ersten Liebe wie von einer Krankheit. Aber ihr Wesen wurde herb und verschloß sich, und als sie nach Rheinau zurückkehrte, trug sie das gefestigte Wesen zur Schau, das in der Stille und dem Zusammenhausen und -sorgen mit dem Vater immer stärker anwuchs und einen schützenden Panzer um ihr empfindsames Inneres legte. So schritt sie stolz und trotzig und zählte die Jahre nicht mehr.

Und nun war plötzlich alles aus dem Gleichgewicht gestürzt, drangen die Erinnerungen wieder auf sie ein, war Hanns Ingold wieder da und streckte die Hände nach ihr aus wie nach erworbenem Gut, wie nach dem Lauffen, den er zwingen und meistern wollte. Da bäumte sich ihr Selbstbewußtsein, spürte sie, wie ihr Empfinden und Denken sich zum Widerstand stellte gegen die Anmaßung nie erkannter Rechte, die darin lag, daß er glaubte, sieben Jahre wegleugnen zu können, um sein zu nennen, was nie sein war. Und er kam und tat noch mehr. Er griff auch in ihr äußeres Leben ein, fragte niemand, brach mit tollen Plänen in diese stille, festgefügte Welt und stürzte alles in ratlose Verwirrung.

»Wir sind hier zu Hause, stecken hier mit unserer ganzen Existenz im Boden,« hatte der Vater gesagt. Ruth wußte, daß das nur allzu wahr war. Wer den Vater von hier vertrieb, der trieb ihn aus seinem Asyl, machte ihn wurzellos und reif für den Tod.

Ja, sie haßte ihn, haßte Hanns Ingold, den Heimgekehrten, den Fremden, mit dem sie nie auf dem grünen, sprudelnden Rhein gefahren war, nie die ersten Küsse getauscht hatte. Das war ein anderer Ingold, war nicht sie, nicht Ruth Engelhardt gewesen, die jetzt zu neuem Leben und zu ihren ersten Kämpfen um ihre Persönlichkeit erwacht war!

65 Zwischen Hanns Ingold und ihr bestand keine Gemeinschaft, keine Verbindung, hatte nie etwas derart bestanden!

Immer tiefer wuchs sie in diese Überzeugung hinein.

Der Tag ging hin, und der nächste zog herauf.

Von dem Plan, den Lauffen zu sprengen, sprach in St. Joseph niemand mehr. Doch als es Abend wurde, rüstete sich Doktor Engelhardt zum Gang ins Städtchen. Es war der Abend, an dem Hanns Ingold im Saale der »Alten Post« über seinen Entwurf sprechen wollte.

Am Bodensee waren schwere Wetter niedergegangen, Föhn blies in den Bündnerbergen, und der Rhein fuhr mit dumpfem, mächtig tönendem Rauschen den Lauffen hinab.

Voll Unruhe verlebte Ruth den Abend bis in die späte Nacht.

Als es elf Uhr geworden war, ging sie hinaus, dem Vater entgegen. Ging langsam den schwarzen Feldweg entlang, ging schneller, lief barhaupt, mit geschmeidigen Bewegungen über eine Wiese, die jetzt Hanns Ingold gehörte und über die sie trotzig hinwegflog, und erreichte atemlos die Straße und das Städtchen. Die Lampe im Tor war niedergebrannt. Schwarz lagen die Gassen, ihr rascher fester Schritt weckte den Widerhall der schlafenden Häuser.

In der »Alten Post« standen die Fenster des Tanzsaales in gelbem Licht. Eins war geöffnet, und der Schall einer Stimme schlug heraus.

Ruth stellte sich hinter den Brunnen, setzte den Fuß auf das Steinbecken und zog sich an der Brunnensäule in die Höhe. Das Wasser gurgelte im Trog und verschlang die Stimme, aber sie konnte von ihrem Standort ein wenig von der Versammlung sehen, die dort oben saß.

Köpfe, die unbeweglich starrten, eine große Leinwand, die an einer Wand befestigt war und die erleuchtete Stubendecke, an der dunkle Rußkreise brannten und 66 graue Rauchschwaden wogten. Es war nicht die Stimme ihres Vaters, auch nicht die Hanns Ingolds. Sie erkannte sie nicht, verstand nur selten einen Satz, aber sie hörte eine hartnäckige schwerblütige Wut heraus, die immer wieder denselben Gedanken wälzte. Immer wieder und immer ingrimmiger wuchs die Stimme aus dem Fenster in die toten Gassen und sprach dem Plane Ingolds Wert und Leben ab. Bretthartes Beifallklatschen prasselte darein, und dann eine andere Stimme: Hanns Ingold.

An die Brunnensäule geklammert, lauschte Ruth Engelhardt, ohne etwas zu verstehen. Widerspruch murrte, ein vereinzelter Zuruf der Zustimmung ließ sie zusammenzucken und plötzlich wieder eine andere Stimme: der Vater – und gleich darauf laut aufbrüllender Beifall, der von dumpfem Stampfen und Trampeln schwerer Schuhe donnernd anschwoll und mit hundert Zungen zu den Fenstern heraus in die schlafenden Gassen rief.

Schattenrisse gaukelten, lange Schatten fuhren an der Saaldecke hin, gellend schrie eine Klingel in den tobenden Lärm.

»Fräulein Ruth, sind Sie's?« keuchte eine atemlose Knabenstimme, und Hermann Ingold schwang sich neben sie auf den Brunnenrand.

»Still, sie sind wieder am Verhandeln!« flüsterte sie und ergriff unwillkürlich die Hand des Knaben, der sich dicht an sie drückte auf der schmalen Warte.

Die kräftige Knabenfaust schloß sich krampfhaft um ihre kalten Finger.

Der Bürgermeister sprach. Seine ruhige, die Worte wägende Stimme strich sänftigend über die erregten Hörer im Saal und ermüdete die Lauscher am Brunnen.

»Fräulein Ruth, wissen Sie schon, daß der Hanns das Land in der Au aufgekauft hat?« flüsterte Hermann.

»Ja.«

»Sein ganzes Geld, alles, was er seit sieben Jahren erspart hat, wirft er in die Sache! Wenn es ihm nicht gelingt, muß er von vorne anfangen.«

67 »Und was sagt Ihr Vater dazu, Hermann?«

»Der Vater hat seinen Namen nicht mehr in den Mund genommen, seit – horch, der Hanns!«

Hanns Ingold sprach. Diesmal schlug helle Lohe aus seiner Rede empor. Sie verstanden jedes Wort. Sich gegenseitig stützend, standen sie hart an die rauhe Steinsäule geschmiegt, von dunklen Schlagschatten verschlungen, den schwarzglänzenden Widerschein des eintönig murmelnden Brunnens zu Füßen, und hielten den Atem an, um keine Silbe zu verlieren.

Wilder Einspruch schlug eine Bresche in Ingolds Sätze, aber fortgerissen von seiner Idee, aufbrennend in hingebender Leidenschaft fuhr er fort, und aus seinen Worten stieg das Werk empor, das er plante; statt des wilden Lauffen eine dienstwillige Naturgewalt, die Ströme von Energie auf kupfernen Drähten in die Weite sandte und Licht und Kraft aus der beweglichen Welle sog.

»Fräulein Ruth, für wen sind Sie? Ich, ich steh' zum Hanns!«

Rauh rief's der Knabe in ihr Ohr, denn oben tobte in Ingolds letzten Satz ungebrochen die Gegnerschaft und schrie ihn nieder.

Schon kamen die ersten die Treppe herab und stauten sich unter der Tür.

Wilde Stimmen schrien auf der Gasse.

»Und so einer ist ein Fischerssohn!«

»Dem Christian Ingold ist ein Kuckuck ins Nest gefallen!«

»In den Rhein mit dem Amerikaner!«

Ruth war herabgesprungen und verbarg sich im tiefsten Schatten. Das Herz zerschlug ihr fast die Brust. Sie suchte den grauen Lockenkopf des Vaters in dem strudelnden Schwall, aber als sie das bartlose, kühne Gesicht Hanns Ingolds im Rahmen der Tür auftauchen sah, war's ihr, als hätte sie gefunden, was sie gesucht hatte, und ihre Augen saugten sich an ihm fest.

68 »Wenn sie dem Hanns was tun!« keuchte der Knabe, sprang über das Brunnenbecken und stürzte zu seinem Bruder hin.

Noch schrien drohende Zurufe aus dem Haufen, ein Lachsfischer aus der Unterstadt schüttelte ihm die Faust ins Gesicht, da schnellte Hermann Ingold in einem Satz die Stufen hinauf und stellte sich breit vor den Bruder, der mit zuckenden Lippen, schweigend in den Aufruhr blickte.

Ruth sah das rotbraune Haar des Knaben wie Bronze aufflimmern im gelben Lampenschein, und plötzlich packte sie ein wildes, sinnloses Schluchzen, erbebte sie von überfließenden Tränen, und alles um sich her vergessend, umklammerte sie die Säule des Brunnens und preßte die Wangen an den kalten Stein, von einem Weinkrampf geschüttelt, in dem jahrelang gestocktes Empfinden und hinschmelzende Herbe sich entlud.

Als sie sich gefaßt hatte, war die Gasse leer. In der Ferne verhallten die Tritte. Sie tauchte die Hände in das kühle Wasser und ließ den Strahl darüber rinnen, strich sich die Stirn und ging nach Hause.

Zarte weiße Dünste standen auf der Au, feierliches Rauschen erfüllte die Luft.

Hanns Ingolds Vorschlag war von der Bürgerschaft mit erdrückender Mehrheit abgelehnt worden. 69

 


 

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