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Der gefesselte Strom

Hermann Stegemann: Der gefesselte Strom - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gefesselte Strom
authorHermann Stegemann
year1914
firstpub1914
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart-Berlin
titleDer gefesselte Strom
pages308
created20160621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wo der Rhein nach Überwindung des Felsenpasses von Rheinau in die sanfte Aue tritt, lag das aufgehobene alte Kloster, das Doktor Engelhardt vor einundzwanzig Jahren angekauft und zu einer Heilanstalt gemacht hatte.

»Ich habe den Bau seiner Bestimmung wiedergegeben. Pax intrantibus,« sagte er, wenn ein Patient den Weg zu ihm fand.

Das Zwiebeltürmchen mit dem rostigen Helm stach rot aus den weißblühenden Bäumen, als Hanns Ingold vom Wald herabkam.

In den Pappeln zischelte der Wind. Schäfchen weideten am Himmel.

Es war nichts verändert worden, seit er zum letzten Male in Sankt Joseph gewesen war. Das niedrige Gebäude schien hinter den bröckelnden Mauern des weitgespannten Gartens zu schlafen. Die Läden lagen vor den Zellenfenstern. Im Refektorium waren die Vorhänge herabgelassen. Und Hanns hatte wieder das Gefühl, daß alles in der Heimat still und tot lag, dem Absterben nahe, ohne Puls, ohne Leben.

Wie die Mutter am Tage seiner Heimkehr gestorben war, müde vom Leben, so starb hier alles. Nur die Bäume blühten, die Bienen flogen und der Rhein schoß im ungestillten Drang der Frühlingsschmelze der Ebene zu.

Nun lag die Mutter schon drei Tage vor der Stadtmauer in der Erde, und die Vefa war in das Fischerhaus übergesiedelt und sorgte für den Vater.

Hanns bog vom Wege ab und umging die Mauer des Gartens. Er erkannte die Stellen wieder, wo sie als Knaben hinübergestiegen und wie Stare in die Obstbäume gefallen waren. Er umschritt das Mauergeviert, 22 bis er an die Flußseite kam. Sanft senkte sich die Aue zum Rhein herab. Am Ufer ragten die Lachsfallen mit ausgeschwungenen Netzen aus dem Buschwald in den grünglitzernden Strom, der, noch aufgeregt von dem Schuß und Sprung durch den Lauffen, quirlende Trichter drehte.

Wie viel Kraft ging da verloren! Hanns fand diesen Gedanken wie zufällig am Wege, aber als er ihn festhielt, saugte sich seine Einbildungskraft daran satt. Unwillkürlich blieb er stehen und nestelte den goldenen Bleistift von der Uhrkette, zog das Notizbuch hervor und begann zu rechnen. Er kam auf vierzigtausend Pferdekräfte, die am Lauffen gewonnen werden konnten.

Der Kuckuck rief vom nahen Laubwald in den Frieden der Stromlandschaft.

Hanns Ingold rechnete. Ein heftiger Antrieb peitschte seine Nerven, im gewaltigen schöpferischen Drang schuf er auf dem Papier und im Kopf die Heimat neu.

Er hatte vergessen, wo er war und zu wem er auf dem Wege war. Wenn er von den Zahlen aufschaute, warf er prüfende Blicke auf den Strom und schätzte die Entfernungen.

In weißem Gischt kam der Rhein gestürzt, schoß zwischen den roten, abgeschliffenen Felswänden hervor und zog mit gesammelter Wucht wie flüssiges Glas talabwärts. Der Schattenriß Rheinaus hing am rechten Ufer und stand schwarz vor dem weißdurchwirkten, blauen Himmel.

Der Lauffen mußte gesprengt werden, das Stauwehr fand erst auf dem Felsengrund Wurzel und Fundament, dazu mußte der Strom ein Stück aus dem Bett gedrängt werden.

Er berechnete die Bauzeit des Werkes auf vier Jahre. Der Stift flog, heftig arbeitete seine Brust, als ränge er mit den Gedanken, die ihn bedrängten. Ein lauter jauchzender Glücksjubel war in seiner Brust.

Ein Kahn schoß aus dem Lauffen hervor. Vorn 23 kauerte Hermann Ingold mit der Hakenstange, hinter den Rudern stand der Vater festgewurzelt und steuerte. Die Wellen schüttelten den Nachen und drohten ihn vollzuschlagen und quer an die Steine zu werfen, über die das Wasser in glockenförmigen Bogen hinwegsprang. Aber der Knabe stieß bald rechts, bald links mit sicherer Hand den Stachel in die Klippen und Christian Ingold stemmte gleichmütig die Brust gegen die gekreuzten Ruder und drückte den schweren, langgebauten Nachen wie ein Spielzeug in die rechte Bahn.

Als Hanns noch einmal aufblickte, um die Stelle zu suchen, wo das Turbinenhaus zu denken war, bemerkte er den Fischerkahn, der pfeilschnell durch den Wirbel glitt. Erst ein Stutzen, dann ein Lächeln – der Salmenfang war schon seit vielen Jahren im Rückgang –, plötzlich erkannte er den Fischer, und ein kalter Schlag zerriß ihm die fiebernden Gedanken.

Auf einmal sah er die Heimat wieder, wie sie war, wie er sie geträumt hatte, rauschte der Rhein ihm wieder ins Ohr, rief der Kuckuck und blaute der Himmel über dieser seligen stillen Welt.

Dort fuhr der Vater zu seinen Netzen!

Und nun kam etwas wie Scham über ihn – er stieß das Notizbuch in die Tasche, entriß sich mit heftigem Ruck seinen Gedanken und spürte, wie in die entstandene Leere die Sehnsucht nach der Jugendgeliebten strömte und alles hinwegschwemmte.

Er hatte Ruth noch nicht wiedergesehen.

Still und öde lag das Haus, in dem er sie suchte.

Die Tür stand geöffnet, er ging durch den leeren Flur, in dem sein Schritt hallte. Kein Dienstbote wies ihn zurecht. Er klopfte am Sprechzimmer des Doktors an, keine Antwort. Auch die Tür zur Wohnstube, die er noch leicht herausfand, blieb geschlossen. Endlich klang das Klappern einer Schreibmaschine an sein Ohr, ein Geräusch, das gar nicht hierher gehörte, ihn aber in eine lebendigere Welt zurückversetzte.

24 Als er anklopfte, liefen die Tasten noch eine Zeile zu Ende, dann rief Ruth »Herein«.

Ruth saß am Fenster und hatte nur den Kopf zur Tür gewendet. Im schweren blonden Haar, das, tief herabgekämmt, das klare Gesicht umfloß, spielte ein Sonnenfleck.

Langsam erhob sie sich und hielt die Augen auf den Mann geheftet, mit dem die Jugend zur Tür hereintrat.

Ein lähmender Bann erstickte jedes Wort.

Bist du's, bist du Ruth, du Hanns, wer bist du? Du noch die süße Ruth, du noch der wilde Hanns, und hundert andere Fragen dieser Art stürmten in ihren aufgeschreckten Sinnen.

»Ruth, Fräulein Ruth!« kam es endlich leise von Ingolds Lippen.

Hanns nannte sie Ruth, aber es war die Ruth nicht mehr, mit der er beim Abschied die brennendsten, geheimsten Schwüre getauscht hatte.

Sie kam ihm einen Schritt entgegen. Ihre Augen waren dunkler geworden, um ihren Mund lief ein fremder Zug, und ihre Stimme klang sicher und trotzig, als sie knapp antwortete:

»Papa ist ausgegangen. Wollen wir in den Garten gehen?«

Es war eine Aufforderung, sie schritt schon an ihm vorbei zur Tür.

»Ruth!«

Das Blut stieg ihm ins Gesicht, ein zorniger Schmerz drückte ihm die Brust zusammen. Doch als er ein abweisendes Lächeln in ihren Zügen verglimmen sah, neigte er zustimmend den Kopf.

Auch ihre Haltung war anders geworden. Sie hatte nicht mehr den schwebenden Tanzschritt und hielt den Kopf nicht mehr leicht vornübergeneigt, als liefe sie ungeduldig dem Leben entgegen. Aufrecht ging sie, den schweren blonden Haarknoten im Nacken, mit federnden Schritten vor ihm her.

25 »Die Apfelbäume haben noch nie so schön geblüht wie dieses Jahr,« sagte sie, als sie den Gartenweg erreichten.

Und dann in verändertem Ton:

»Sie haben Ihre Mutter verloren, Hanns!«

Es war kein Beileid in Worten, das sie aussprach, aber er fühlte, wie menschlich warm es gemeint war, und der Herzmuskel zog sich ihm in einem eigentümlich wehen und doch süßen Krampf zusammen.

»Ja, Fräulein Ruth, und deswegen komme ich erst heute,« erwiderte er mit mühsam gefestigter Stimme.

In diesem Augenblick schoß das Bewußtsein, daß er sieben Jahre in der Fremde gewesen war, wie ein blendendes Licht in ihm auf, und er spürte auf einmal, daß er nicht nur seine alte Mutter begraben hatte, der er schon lange aus dem Schoß und aus den Händen gewachsen war, sondern daß er auch die Jugendgeliebte nicht mehr besaß, deren Bild ihn ins Leben begleitet hatte.

Zwei fremde Menschen gingen Seite an Seite unter den blühenden Bäumen.

Stumm, ohne sich etwas sagen zu können und ohne sich im Schweigen zu verstehen.

Hanns Ingold erinnerte sich, daß sie in den ersten Jahren der Trennung Briefe gewechselt hatten; diese Briefe waren seltener und kürzer geworden und endlich ganz ausgeblieben. Er wußte nicht mehr, ob Ruth oder er zuletzt geschrieben hatte. Und trotzdem hatte er immer an sie gedacht, wenn die Heimat vor ihm aufstieg.

Auf einmal blieb er stehen. Er hielt den Hut in der Hand, das silberne Licht des umwölkten Frühlingstages spielte in seinem kurzen Haar.

Ein herrischer Zug war in seinem Gesicht.

»Haben Sie auf mich gewartet, Ruth?« fragte er schroff.

Sie blickte an ihm vorbei in die rosaüberblühten Äste.

»Nur am ersten Tag, Papa hatte Sie angemeldet. Dann starb ja Ihre Mutter.«

26 »Sie verstehen mich falsch. Haben Sie auf mich gewartet, Ruth?«

Herrisch, ungeduldig, heischend drang er auf sie ein.

Langsam löste sie die Blicke von den blühenden Bäumen und heftete sie auf sein erregtes, in harter Spannung gefesseltes Gesicht.

Ihre Unterlippe zuckte nervös, da grub sie einen Augenblick die Zähne hinein, und eine feine Röte kam und ging auf ihren Wangen. Sie atmete tief. Ihr Haupt bog sich unwillkürlich zurück, und dann antwortete sie, als wäre sie schon seit langer Zeit auf diese Frage vorbereitet gewesen, mit trotziger Bestimmtheit:

»Ich war achtzehn Jahre alt, als Sie nach Ägypten gingen, Hanns Ingold. Heute bin ich fünfundzwanzig. Glauben Sie, ich hätte diese sieben Jahre gesessen und nichts getan als gewartet? Auf was denn? Kann man vom Warten leben? Ich habe oft an die schöne Jugendzeit gedacht und wie wir als Kinder und dann als halbe Kinder geschwärmt und gespielt haben, gewartet, auf Sie gewartet habe ich nicht.«

»Also war es nur Spiel, Spielerei, Ruth!« stieß er hervor, und es war ihm, als hätte sie mit dem Wort seine ganze Jugend zur Fratze gemacht.

»Ich weiß es nicht so genau, Hanns, aber mir scheint es heute so. Es gibt ja auch nichts Ernsteres für uns als dieses Spiel, wenn man siebzehn Jahre alt ist.«

Ihre Stimme hatte einen süßen, schweren Klang, ein ernstes Lächeln stand in ihrem klaren Gesicht, gleich darauf blickte sie wieder kalt.

»Ich verstehe. Leben Sie wohl, Fräulein Ruth!«

Er ging mit raschen Schritten davon.

Sie hob unwillkürlich die Hand, als wollte sie ihn aufhalten, »Hanns« wollte sie rufen, doch die Hand sank leer herab, und das Wort blieb ungesprochen.

Eine Weile stand sie reglos, blickte ihm nach, wie er zwischen den Beeten den Ausgang suchte, dann ging sie tiefer in den Garten hinein, zu den Gemüseländereien, 27 wo drei Frauen mit kleinen Messern den zarten Frühlingssalat von den Wurzeln schnitten, und kauerte sich nieder, um ihnen zu helfen.

»Vier Vollkörbe sind's schon, Fräulein Engelhardt,« sagte die eine. »Wenn er heute abend noch auf die Bahn kommt, verkauft ihn der Hotz morgen früh auf dem Basler Markt bis aufs letzte Blättle.«

Ruth bückte sich tiefer über das Messer. Wie sie so auf den Knien lag, die linke Hand auf die Erde gestemmt, mit der Rechten die feinen gelbgrünen Pflänzlein in Büscheln von den weißen Wurzelstielen schneidend, war es ihr, als hätte sie heute das erste große und erschütternde Erlebnis gehabt. Das erste, das ihr ganz allein gehörte. Die Mutter war ja schon sehr lange tot, und damals wußte sie noch nicht recht, was Leben und Sterben ist. Und plötzlich wurde ihr bewußt, daß sie in sieben Jahren zur Gefährtin, zur Freundin, zur Helferin und Hüterin ihres Vaters geworden war und keine Zeit gehabt hatte, in ihrem Herzen zu blättern.

Hatte sie Ingold geliebt? Ja, vielleicht hatte sie ihn nur geliebt, wie junge Mädchen im ersten Ansturm der Zärtlichkeit lieben, ganz gewiß hatte sie ihn so geliebt. Und heute? Das Messer schnitt rauh, sie riß die Blättchen mit den Würzelchen aus dem Boden. Ob sie auf ihn gewartet hatte! Büschelweise riß sie den Salat aus der Erde.

»Fehlt Ihnen etwas, Fräulein?« fragte eine der Frauen.

Sie schüttelte den Kopf. Das Messer war rot, ein Blutstropfen sprang aus ihrem Finger.

Langsam erhob sie sich.

»Jetzt haben Sie sich gar noch geschnitten!«

»Spinnweb stillt das Blut,« sagte eine andere.

»Spinnweb? Ausbluten lassen ist gescheiter,« antwortete sie und ging ins Haus.

Rote Tröpflein zeichneten ihren Weg.

Da überkam sie auf einmal ein wilder Trotz. Sieben Jahre warten! Sie lachte, es klang wie Schluchzen, 28 aber es war ein zorniges Schluchzen. Sie fühlte sich gedemütigt, als wäre sie nicht mehr ein Mensch, der aus sich lebt, sondern nur ein Geschöpf, das sich nach Erlösung, nach Vereinigung mit einem anderen sehnt. Er brauchte nicht wiederzukommen, sie wartete nicht auf ihn!

Hanns Ingold kam nicht wieder. Er saß im Gasthof »Zur alten Post« und arbeitete. Sein ganzer Gefühlsaufruhr war nach wildem Toben zu einem unbezähmbaren Arbeitseifer geworden. Er plante und rechnete. Es zuckte ihm in den Fäusten, das Unterste zu oberst zu kehren. Hier wo niemand auf ihn gewartet hatte außer seiner Mutter!

Der Gedanke, die ungebundenen Wasserkräfte des Rheins in den Dienst der Industrie zu zwingen und neues Leben aus dieser schlummernden Welt zu wecken, bekam eine dämonische Macht über ihn. Er vergaß Essen und Schlafen. Er fuhr nach Waldshut und Schaffhausen, machte Erhebungen über die Besiedlung der Umgegend, nahm ein Verzeichnis der industriellen Anlagen auf, suchte eine oberflächliche Schätzung der Absatzmöglichkeiten für die zu erzeugende Kraft zu gewinnen und warf den technischen Plan in rohen Umrissen aufs Papier. Neuntausendsechshundert Dollars hatte er sich im Laufe der Jahre am Gehalt und an Prämien erspart. Die setzte er bis auf den letzten Pfennig an sein Werk.

An einem Sonntagmorgen ging er, den Vater aufzusuchen und ihm von seinem Plan zu erzählen. Es hatte zwei Tage geregnet. Der Rhein glänzte topasgelb in der hellen Sonne . . .

Der Fischmeister saß in Hemdärmeln über seinen Abrechnungen, der Salmenfang war mager, nur wenige Fische standen unter den Schnellen und wagten den Sprung durch den Lauffen.

Sorgenvoll malte Christian Ingold seine Zahlen in das Hauptbuch der Fischereigenossenschaft.

»Habt ihr gestern keinen besseren Fang gehabt, Vater?« fragte der Ingenieur.

29 »Neun Kilo, und kein handfester Fisch darunter. Wenn der warme Regen jetzt die Lachse nicht herauszieht, können wir die Netze an die Sonne hängen.«

Der Fischer klappte das Buch zu und legte es in die eiserne Truhe, wo er die Schriften und das Geld der Genossenschaft verwahrte.

»Es kann so nicht weitergehen, Vater. Ich hab' in den paar Wochen genug gesehen, um zu erkennen, daß hier die Welt stillsteht. Und dabei braucht es nur einen Ruck, nur einen rechten Willen, und alles wird wieder lebendig!«

Langsam richtete Christian Ingold sich auf. Mißtrauisch, mit tiefgefalteten Brauen blickte er auf seinen Sohn.

»Das versteh' ich nicht. Die Welt ist, wie sie ist. Der Fisch bleibt Jahre aus und kommt auf einmal in Schwärmen. Am rechten Willen hat's uns nie gefehlt.«

»Das weiß ich und so mein' ich es auch nicht. Aber ihr, du und die Mutter, ihr seid grau geworden in diesem kargen dumpfen Leben, und Rheinau ist, gerade wie ihr, langsam ins Schwinden gekommen. Es lebt hier ja niemand recht, Vater. Draußen dampft die Welt von neuen Ideen und Schweiß und Arbeit. Ich komme aus einem Land, wo sie in fünfzig Jahren die Wildnis, die der Expreßzug in drei Tagen nicht durchrast, in Ölfelder und Getreideländereien verwandelt und Riesenstädte aus dem Boden gestampft haben. Und auf der Heimfahrt, da hab' ich den Rhein wiedergesehen, rauchend von Schleppdampfern, Aachen, Düsseldorf, Köln, Mainz, Mannheim sind groß geworden und ich hab' eine ungeheure Kraft gespürt, die überall neue Werte schafft, aber ihr, ihr wendet ein Äckerlein, das seit hundert Jahren daliegt, zum hundertsten Mal um, schlagt ein paar Tannen, fangt den Lachs, der kaum noch den Weg zu euch herauffindet, und lebt euch langsam zum Tod. Dreitausendeinhundert Seelen hat Rheinau gehabt, als ich fortging, heute sind es zweitausendachthundertundneunzig.«

30 Er hatte sich in Hitze gesprochen, aber sein Gesicht blieb klar und leuchtete von Energie.

Der Alte strich langsam die Hemdärmel glatt und fuhr in den Rock. Eine Ader an seiner Schläfe war zackig aufgelaufen.

»Ich bin seit dem Krieg nicht mehr in die Welt hinausgekommen, aber das weiß ich, daß jeder zu seiner Sach' stehen muß. Meine Sach' liegt in dem Kasten da und hängt draußen an der Ankerkette, dazu steh' ich. Und von den drei Buben, die ich in die Welt gesetzt habe, sagt mir keiner, daß wir's daran haben fehlen lassen. Keiner, auch der Hanns nicht, der das erste Recht hat. Mein's ist älter!«

»Allen Respekt, Vater, ich will dir keine Lehren geben. Aber das siehst du so gut ein wie ich, daß hier die Welt und das Leben still stehen, und Stillstand ist Rückschritt und Absterben.«

»Und du bist von Amerika heimgekommen, uns zu zeigen, wie die Welt vorwärts geht? Gut, Hanns! Ich habe gelesen, daß sie in Kanada Lachse fischen, die so groß sind wie die Welse, die früher im Bodensee gelebt haben. Bring' mir die, bring' uns nur die Holländer wieder, die den Weg nicht mehr finden, weil der Rhein von tausend Schaufeln und Schrauben aufgewühlt und von den Fabriken vergiftet wird, und du sollst der Nothelfer von Rheinau sein.«

»Ich weiß Besseres, Vater.«

»So sag', was du Besseres weißt als das Beste, das ich alter Netzschwenker mir denken kann.«

»Ein Kraftwerk in der Au, das vierzigtausend Pferdekräfte aus dem Rhein zieht und den elektrischen Strom über das ganze Land schickt! Dann stampfen auch wir Industrien aus dem Boden, dann singen unsere Sägmühlen, ob der Bach voll oder leer läuft, dann werden unsere Stuben hell, dann werden sie in Rheinau wieder leben lernen!«

Der topasfarbene Rhein, der unter dem Fenster seine 31 Wirbel wälzte und mit dumpfem Rauschen die Stube füllte, war nicht so gelb wie das bärtige Gesicht des Christian Ingold. In seinen Augen spiegelten rote Adern, hintenüber warf er das eckige Haupt und schrie:

»Ein Kraftwerk, eine Wasserbaute, die den Rhein in sich hineinfrißt! den Rhein! den Lauffen! Daß ich nicht lach'!«

Aber er lachte nicht, er stand mit drohend geballten Fäusten und maß seinen Sohn wie seinen größten Feind.

Hanns Ingold sah den Ausdruck in dem Gesicht des Vaters nicht, denn er stand mit entrückten, nach innen blickenden Augen und fuhr fort:

»Es wird drei oder vier Jahre Arbeit kosten. Erst müssen wir am Hungerstein ein paar Betonkrippen versenken, um Platz zu gewinnen. Dann fangen wir an zu sprengen. Von Sankt Joseph bis zum Wald bauen wir eine Schwebebahn, vom Ufer bis zum Kloster eine Gleisbahn. Den Lehm müssen wir von Neßlau heranbringen. Wir stellen sofort Zerkleinerungs- und Mischwerke auf und verarbeiten das ausgesprengte Felsmaterial an Ort und Stelle. Die Turbinenschächte –«

»Hanns, hör' auf, oder ich tu', was mich reut!«

Tief aus der Brust stieg der rauhe brüllende Ton, mit dem der Fischmeister den Namen seines Sohnes hinausschrie. Er hatte die Faust erhoben und hielt sie schlagbereit geballt. An seinen Schläfen zitterten die grauen Haare.

»Gilt das mir, Vater?«

Mehr aufgeschreckt und verwundert als betroffen fragte der Sohn.

»Ja, dir! In die Lehre, auf die hohe Schule, nach Ägypten bist du mit dem Geld, das ich aus dem Rhein gefischt habe, und jetzt willst du ihn verunehren! Wo bleibe ich, wo bleibt alles, was die Netze regiert, wenn ihr mit fünfhundert Italienern gezogen kommt und den Lauffen sprengt! Wo bleibt der Salm, wenn ihr mit Dämmen und Schleusen das Wasser in eure Trichter 32 leitet! Bist du heimgekommen, um dem Herrgott den Rhein zu korrigieren und mir ins Grab zu helfen! Hundert- und tausendmal hab' ich das Netz geschwenkt und aufgezogen am Lauffen, in allen Felstöpfen ist meine Angel geschwommen, es gibt keinen Fußbreit Wasser, über dem ich nicht im Schweiß die Ruder gerührt habe – und du kommst und sprengst den Rhein aus dem Bett und die Welt aus den Angeln! Verflucht jeder Pfennig, den ich für dich aus dem Rhein gefischt hab'! Verflucht du –«

»Vater!«

Diesmal kam der Schrei aus dem Mund des Sohnes, und weiß bis in die Lippen, fing er die erhobene Faust des Vaters, deren Finger sich krampfhaft zum Fluch gestreckt hatten, und zwang sie herunter.

Sie standen Brust an Brust, Aug' in Auge. In ihre keuchenden Atemzüge klang das nie aufhörende, gleichmäßige Rauschen des Stromes.

»Wir verstehen uns schlecht, Vater. Wenn es dir recht ist, sprechen wir ein andermal weiter. Du mußt erst darüber schlafen.«

Hanns Ingolds Stimme war ruhig und leise geworden.

Fest blickte ihm der Fischmeister in die Augen.

»Ich seh's dir an, daß du den Haken geschluckt hast und ihn nicht mehr hergeben willst. Aber ich sag' dir, wenn du es wahr machst und Hand legst ans Werk, so gibt's einen Sturm, wie du keinen kennst, und der fegt dich weg.«

»Gut, aber das sag' ich dir, Vater, eher gehe ich an dem Werk zugrunde, das ich wie eine Angel geschluckt habe und das ich lebendig machen will und muß, als daß ich davon lasse.«

»Wir wollen es abwarten,« antwortete der Vater und knöpfte den Rock zu. Sein Gesicht lag wieder in der alten Ruhe, doch trotzig kantete sich das Kinn im Bart.

Als Hanns Ingold die Römergasse hinaufstieg, traf ihn der volle Strahl der Sonne. Das Gestein dampfte, 33 frischgewaschen hing das Städtchen über dem Strom. Die Sonntagsglocken läuteten.

Ingold kehrte zu seinen Plänen zurück.

Acht Tage später begann er mit der Niederschrift einer Broschüre, in der er seinen Gedanken Ausdruck lieh. Die Lampe brannte bis in die Nacht.

Ein Brief von Gheude kam und erzählte ihm, daß der Freund auf drei Jahre nach China gehe. Es seien noch zwei Ingenieurposten zu besetzen. Ingold solle sich melden, an Fürsprache werde es nicht fehlen; melde er sich, so werde er die Stelle erhalten.

Der Brief kam mit der Abendpost in Ingolds Hände. Ein feuchtkühler Abend lag auf dem Rheintal. Bläuliche Nebelschleier zogen den Strom entlang, schwarz und starr stand der Wald auf den Hügeln. Rötlich glänzten die erleuchteten Fenster.

Hanns Ingold las Gheudes Brief zwei- und dreimal, stand auf und ging in seinem Gasthofzimmer auf und ab. Unter seinen Tritten knirschte der feine Sand, mit dem die weißen Dielen gescheuert waren. Die getäfelte Decke lag dicht über seiner Stirn. Zum offenen Fenster schlug die feuchte Nacht herein.

Er war in seinen Planskizzen gerade an der Anlage von Fischtreppen gewesen, um dem Lachs das Aufsteigen in das Oberwasser zu erleichtern, und hatte dabei an den Vater gedacht. Mit den Fischern gab es kein Paktieren, und wenn selbst alle mit sich reden und handeln ließen und ihre Gerechtsame um Gold und anderen Nutzen abtraten, Christian Ingold stand auf seinem Recht bis zum bitteren Ende.

Das wußte der Sohn heute, ohne daß er noch einmal mit dem Vater gesprochen hätte. Ging er ans Werk, so mußte er mit dem Widerstand vieler rechnen. Vielleicht aller, die hier seßhaft waren. Mit seinem Vater zuerst. Dieser Konflikt wühlte ihn bis ins Innerste auf.

Der Brief kam zur rechten Zeit. Nun sah es nicht mehr wie Flucht aus, wenn er ging, die Heimat wieder 34 ließ, in der er erstickte, und die Brust in der Weite lüftete.

Er trat ans Fenster. Der Lichtschein der Gaststube lag auf dem feuchten Pflaster des Marktplatzes. Ein paar Schatten gaukelten auf dem gelben Grund, Totenstille rings, nur das dumpfe sanfte Rauschen des Stromes erfüllte die Luft. Am Himmel trieb Schleiergewölk zwischen silbernen Sternen.

Wenn er jetzt ging, lag morgen alles hinter ihm. Er atmete tief, die Weite der Welt flog ihm entgegen. Da fiel ihm ein, daß er den Hochwasserdamm vielleicht doch um ein paar Zoll zu niedrig berechnet hatte. Damals bei Keokut hatten sie auch den Wasserstand zu niedrig geschätzt, und als am Missouri die Zyklone niedergingen und Wolkenbrüche hunderte von Quadratmeilen überschwemmten, wäre das Werk beinahe zusammengebrochen.

Er ging an den Tisch und zog die Berechnungen hervor.

Die Lampe leckte aus dem Glas. Das Öl ging aus, und Hanns schreckte in die Höhe.

Graue Nacht stand im Zimmer, der Lichtschein auf der Gasse war erloschen, zwei Stunden verflossen.

Ruhig griff er nach Gheudes Brief, der zwischen den frischbeschriebenen Seiten seiner Broschüre über die Nutzbarmachung der Wasserkräfte am Lauffen bei Rheinau lag, und steckte ihn in den Umschlag. Nur einen Glückwunsch auf den Weg nach China schrieb er dem Freund und setzte hinzu, daß er in der Heimat zu bleiben gedenke, um hier zu wirken.

Der Schatten seines Vaters stieg zu ihm herein und focht mit ihm.

Es war ein wilder Kampf. Der Schritt des einsamen Mannes erschütterte bis ins Morgengrauen die Dielen, dann stand Hanns Ingold festgewurzelt in seinem Entschluß. Er hatte den Gedanken an sein Werk, mit dem er gerungen, sich nun bewußt zu eigen gemacht und mit seinem Willen und Wesen in eins verschmolzen. 35 Und eine gewaltige Erhebung ließ ihn erschauern und wachsen, schmiedete ihn hart und machte ihn froh; als ein Sieger grüßte er den Morgen, der über den schwarzen Dächern erschien und seine rosigen Muschelfarben an den östlichen Himmel malte.

Einsiedlerisch schloß Hanns Ingold sich fortan vor den Menschen ab.

Die Broschüre wanderte nach Freiburg in eine Druckerei, und Hanns stellte ein Verzeichnis der Persönlichkeiten auf, denen er sie schicken wollte. Dann warb er zwei Techniker und ein Maschinenfräulein an, richtete ein Bureau ein und mietete zu diesem Zweck eine der leerstehenden Wohnungen am Markt.

Niemand wußte, was vorging. Christian Ingold fertigte die Frager ab, indem er sie an seinen Sohn wies. Der schwieg.

Im Juni erwarb Hanns ein großes Stück Uferland, »St.-Josephs-Acker« genannt. Es zog sich am Ausgang der Schnellen hin und war eine übergrünte Kiesbank ohne Wurzelgrund. Die Rheinauer lachten zu dem seltsamen Handel, und Vitus Ungemach, der Verkäufer, kam sich vor wie einer, der ohne Einsatz das große Los gewonnen hat.

Von St.-Josephs-Acker ging der Blick über die Aue zum Kloster und den Rhein hinauf bis zur gedeckten Brücke. Der Lauffen warf seine letzten Wirbel an den rollenden Kiesstrand. Kein Fisch sprang im flachen Wasser, die grüne Tiefe zog am anderen Ufer.

Hanns Ingold ging noch einmal zu seinem Vater. Es war spät abends.

Der Lauffen brannte wie geschmolzenes Gold in der letzten Glut der Sonne, die als Purpurball in die schwarzen Wälder sank.

Von der gedeckten Brücke betrachtete ein Trüpplein Fremder den feuersprühenden Rhein. Sie waren mit dem Mittagszug gekommen und fuhren mit dem Abendzug weiter. Der Wirt »Zur alten Post« hatte dem 36 Ingenieur schon mit Stolz diese Erscheinung als Beginn der »Reisesaison« angekündigt.

Als Hanns in den Vorgarten trat, erblindete der Lauffen. Die Sonne war untergegangen. Violette Dämmerung senkte sich herab.

Hermann kam mit zwei leichten Schlagrudern aus dem Schuppen.

»Wie geht es dir? Du besuchst mich ja gar nicht und hast es mir doch versprochen,« begrüßte ihn Hanns.

»Ich habe keine Zeit. Vefa ist wieder fort. Vater und ich sind allein.«

In kurzen Sätzen, stolz und trotzig kam die Antwort, aber dahinter saß die Scheu, weich und verlangend zu scheinen.

Hanns stutzte.

»Haltet ihr denn keine Magd?«

»Nein, Vater will niemand um sich haben. Wir essen im ›Salmen‹. Wir brauchen auch niemand. Niemand brauchen wir, ich und der Vater.«

Er schulterte die Ruder und wollte gehen.

»Wohin willst du, du Niemandbraucher?« fragte Hanns mit zärtlichem Spott und hielt ihn fest.

Einen Augenblick zögerte der Knabe, dann überwand der Stolz seinen Trotz, und er entgegnete mit erregter Stimme:

»Sie brauchen einen Hecht im »St. Joseph«. Den geh' ich jetzt holen mit dem Fräulein.«

»Mit dem Fräulein? Und holen?« stieß Hanns hervor.

Da stand sie plötzlich leibhaftig vor ihm, an die er nie mehr hatte denken wollen und an die er doch gedacht hatte.

Ruth war leise aus der Tür getreten.

Er konnte ihr Gesicht nicht erkennen, denn das Zwielicht erlosch in den Dämmerschatten, und der volle Mond zögerte noch hinter dem Wald.

»Ja, mit Fräulein Ruth! Zwischen der Insel und dem Lauffenbuck stehen ein paar im Schilf, die beißen auf den Löffel, wenn der Mond steigt.«

37 Der Knabe kehrte Ruth den Rücken und wußte nicht, daß sie schon hinter ihm stand.

Da trat Hanns Ingold schweigend beiseite und grüßte.

Schattenhaft neigte Ruth den blonden Kopf und schritt an ihm vorüber.

Christian Ingold empfing den Sohn mit gelassener Ruhe. Er schob ihm einen Stuhl hin.

»Setz' dich und sag' deinen Spruch. Ich hab' gewußt, daß du noch einmal zu mir kommst, ehe du anfängst.«

Es war dunkel im Zimmer. Der Fischmeister sparte am Licht. Der Lauffen begann schon silbern zu glimmen und schimmerte durch die Scheiben, obgleich der Mond noch tief stand.

»Ja, Vater, es hätte ausgesehen, als ging's gegen dich, wenn ich mein Unternehmen bekannt gegeben hätte, ohne noch einmal mit dir gesprochen zu haben. Hier, diese Schrift wird morgen versendet. Lies sie, und du wirst sehen, daß ich recht habe und daß das Werk kein Gaukelspiel ist.«

Das weiße Heft zeichnete sich als heller Fleck auf dem dunkeln Tische ab, auf den der Fischmeister es ruhig niederlegte.

»Ich weiß, daß du deine Sache verstehst. Das brauch' ich nicht zu lesen. Aber hier am Lauffen leidet der Rhein keinen Zwang. Du gehst zugrunde an deinem Werk, Hanns, ich, dein Vater, sag's dir an!«

Die erste Mondhelle, die über dem Strom erschien, floß um die Gestalt des alten Rheinfischers und hob sein bärtiges Gesicht aus dem Dunkel. Feierlich wie eine Verkündigung tönten seine warnenden Worte im Rauschen des Wassers.

Ein Schauer ging über Hanns Ingolds Nacken. Aber seine Stimme klang fest und klar, als er antwortete:

»Aus das Werk kommt es an, Vater, nicht auf den, der es baut. Schaff' mir drei Millionen, und in drei Jahren steht auf St.-Josephs-Acker der Bau fertig und die Kraft des Lauffen wird lebendig in Tausenden von 38 Pferdekräften, die alle Städte und Dörfer des Rheintals mit Licht speisen und alle Webstühle, alle Sägen und Maschinen in Gang setzen.«

»Und der Lauffen selbst! Der Rhein! Wo bleibt der! Wo bleibt die Wasserweide, die wir vom Herrgott haben zu ewigem Eigen! Da tritt her, du heilloser, gottvergessener Schächer, den das Fischernetz als Wiege geschwungen hat! Siehst du den Lauffen, wie er weiß kocht und strudelt! Da unten hat mein Großvater schon den Salm gestochen, und es sind mehr Eimer Schweiß von uns in den Rhein gefallen, als du dein Leben lang Tropfen zählst! Und hier willst du mit deinem Höllenpulver Fels und Wasser sprengen und den Fisch vertreiben! Eh' ich das erleb', soll mich der Lauffen ins tiefste Loch ziehen!«

Er hatte den Sohn ans Fenster gerissen und den Flügel aufgeschlagen.

Der Mond warf sein Licht auf die schwarzen Felsen und den weißschäumenden Strom.

Gebannt starrte Hanns Ingold in die zauberische Nacht. Hoch oben hing der Schattenriß der gedeckten Brücke zwischen dem kochenden Strom und dem Sternenhimmel. Und darunter hervor schoß in einer stahlblauen, mit silbernen Spiegeln belegten Fläche der Rhein, bäumte sich und stürzte, quirlte, strudelte über Klippen und Riffe, in ein enges Bett gedrängt, durch den Lauffen.

Das Wasser schleuderte irisierende Dünste, still und geheimnisvoll stand die Silberscheibe des Mondes am nächtlichen Himmel. Feierlich rauschte der Strom.

Und Hanns Ingold, der in den Schaum und Wolkenmassen des Niagara gestanden und vom Donner des Falles betäubt in den Abgrund geblickt hatte, spürte Schauer der Ergriffenheit, die er noch nie empfunden hatte, durch seine Seele wogen.

Da trat der Fischmeister einen Schritt zurück, griff das Heft vom Tisch und schleuderte es mit wildem Wurf in den Strom.

39 »Vater!« schrie der Ingenieur.

Wie ein Schmetterling schlug es mit den weißen Blättern gleich Schwingen angstvoll um sich, stürzte, wurde hinabgewirbelt und verschwand.

Hanns hatte hastig den Arm des Vaters ergriffen, doch der Wurf war schon getan.

Eine Zeitlang standen die beiden Männer sich schweratmend gegenüber. Endlich schüttelte der Ingenieur die Lähmung ab.

»Ungelesen, Vater! Darauf habe ich nichts mehr zu sagen. Leb' wohl!«

»Leb' wohl!«

Unbeweglich blieb Christian Ingold am Fenster stehen. Aus der Treppe verklang der Schritt seines Sohnes.

Je höher Hanns die Römergasse hinaufstieg, desto milder wurde die Luft. Aus den Hausgärten schwoll der Duft der ersten Rosen. Die Leute saßen vor den Türen, auf dem Marktplatz standen Gruppen und unterhielten sich, an den Brunnen plauderten die Mädchen bei den gefüllten Eimern.

Und in diese idyllische, schlafende Stille fuhr morgen, wenn der »Rheinauer Anzeiger« erschien, der erste Schuß. Wie ein Schuß mußte die Ankündigung der Broschüre und seines gewaltigen Planes wirken.

Hanns gab sich darüber keinem Zweifel hin. Er hatte die Inseratseite des Blattes gepachtet und trug die Einladung zur Versammlung, in der er seinen Plan entwickeln wollte, schon bei sich. Morgen früh wollte er sie in Druck geben.

Trotz dieser Stunde, trotz dieser letzten Unterredung mit seinem Vater? Ja, trotzdem! Sein Werk trieb ihn und er, er trieb sein Werk. Sie waren eins. Es war ein Glück, daß die Mutter diesen Tag nicht mehr erlebt hatte.

Unwillkürlich war er weiter und weiter gegangen, durch das Obertor ins Freie. Eine weiche, sehnsüchtige Stimmung zog bei ihm ein nach den Tagen fiebernder Arbeit, in denen er rücksichtslos ins Geld gegriffen 40 hatte. Aber diese Weichheit war zugleich eine wohltätige Entspannung nach dem harten Strauß mit dem Vater. Es war ihm gewesen, als hätte der alte Mann einen Mord begangen, da er die Schrift und mit ihr die eingeborene Idee seines Kopfes, sein Werk in den Lauffen schleuderte.

Einsam wanderte er am Rhein aufwärts. Der Mond versilberte den Strom und holte schwarze Schatten aus den Weidenbüschen. Und in Hanns Ingold erwachte mit überwältigender Macht die Sehnsucht seiner Jahre nach Aussprache, nach Mitteilsamkeit und Liebe.

Auf einmal wußte er, was ihn trieb und ihm das Herz schlagen ließ, wenn die Nacht von Stimmen widerhallte, ein Kauz rief, ein Fisch sprang oder der Blaff eines Hundes in der Ferne laut wurde.

Ungestüm brach er durch das Weidendickicht und trat dicht an den Strom, der hier breit und eben in starkem Drang einherzog. Die schwarze Silhouette der Insel schwamm reglos auf der Flut, der Mond goß sein volles Licht auf die Wasserbahn, und nun vernahm Hanns den Ruderschlag und eine Stimme, die süß und schwer über das Wasser klang.

Der Kahn trat aus dem Schatten der Inselbüsche in den beglänzten Stromarm. Hermann ruderte langsam, mit Anstrengung gegen die Strömung. Ruth saß auf der Steuerbank und hielt die Hand an der ausgestreckten Schleppschnur.

Von verlangender Leidenschaft gepackt starrte Hanns auf den ziehenden Kahn, bis er an der Biegung verschwand. Nun lag er wie ein Räuber im Busch und wartete. Die Lände war weiter oberhalb am Altwasser, wo die Strömung noch nicht vom Lauffen angezogen wurde. Sie mußten an ihm vorbeikommen.

Nach einer Stunde hörte er ihre Stimmen, Hermann sprach, und Ruth lachte.

Da ging er ihnen entgegen. Sie verstummten, als sie seine Gestalt wahrnahmen.

41 Er gab sich zu erkennen und sah, wie Ruth stutzte. Dann kam sie langsam näher, das Gesicht vom Mond weiß gebleicht, barhaupt, mit erkünstelter Fassung zu Hermann sprechend, als wäre nichts geschehen.

Der Knabe trug einen armlangen Hecht an den Kiemen, der glänzte wie ein breites, silbernes Schwert in der weißen Nacht.

Trotzig blickte er auf den Bruder.

Stockend war die Begrüßung, und eine Weile gingen sie wortkarg nebeneinander. Bis Hanns in eine fieberhafte Lebendigkeit fiel. Erinnerungen und Erlebnisse waren mit einem Schlag in ihm erwacht, die zum Mund drängten. Und er begann zu erzählen von dem Bau des Staudammes bei Assuan und der versinkenden Tempelinsel im Nil, den goldroten und violenblauen Dämmerungen und den strahlenden Tagen Ägyptens, erzählte von den braunen Fluten des Mississippi und dem Kampf mit den Zyklonen und merkte selbst nicht, wie alles Glanz und Farbe gewann, weil Ruth neben ihm ging.

Sie hörte schweigend auf seine ungestüme Rede.

Hermann aber fuhr mit lebhaften Fragen dazwischen, hatte Scheu und Trotz verloren und vergaß alles über Fragen und Berichten.

»Und was war das Schönste von allem? Die Pyramiden und die Palmen und die Tempel mit den Königsbildern oder wie ihr die große Mine am Mississippi angezündet habt und die fünfundachtzig Kubikmeter mit einem Mal aus dem Paß herausgesprengt wurden? Oder am Ende der Niagarafall, der zehnmal so hoch ist wie der Rheinfall und zehn Meilen weit brüllt?«

Hanns blieb stehen, schlug ihm die Hand auf die Schultern, und halb zu Ruth gewendet, erwiderte er mit vibrierender Stimme:

»Das Schönste auf der Welt ist, wenn es ums Ganze geht! Wenn das Hochwasser kommt und du weißt, daß jetzt das Werk hält oder bricht. Und weißt ganz genau, 42 daß es nicht bricht. Das Schaffen, das Allesdransetzen, das ist das Schönste, Hermann.«

Der Knabe tat einen tiefen Atemzug und schwenkte in trunkenem Jugendmut den großköpfigen Rheinhecht im Kreise, daß silberne Blitze von ihm wegstoben.

»Ja, das ist das Allerschönste!« bestätigte er voll Inbrunst und drängte sich plötzlich in ausbrechender Liebe an den großen Bruder.

Ruth schwieg.

Da fragte Hanns Ingold herausfordernd:

»Und was sagen Sie dazu, Fräulein Ruth?«

Einen Augenblick zögerte sie, dann hob sie die Augen und entgegnete mit einem abweisenden Ton:

»Ich? Nichts. Ich bin kein Mann.«

»Dann sagen Sie, was Sie für das Schönste halten.«

Wieder schwieg sie eine Weile, atmete tief und schaute über den Strom. Einen Augenblick fiel alles Herbe von ihr, und plötzlich sagte sie:

»Das Schönste ist, für einen anderen zu leben!«

»Ruth!«

Er wollte ihre Hände fassen, sie an sich reißen, besann, bemeisterte sich und ließ sie schweigend weitergehen.

Neben ihm murmelte der Knabe, als müßte er den Bruder beschwichtigen:

»Laß sie, Hanns, sie ist ja nur ein Mädchen.«

Es schlug zehn Uhr, der Nachtzug kam als Lichterkette oben am dunklen Waldrand gefahren, und in den Gassen war es schon still und leer geworden.

Joseph Hotz, der Gärtner der Kuranstalt St. Joseph, saß vor »der alten Post« auf der Türbank und wartete auf das Fräulein. Er war Gärtner, Badmeister und Masseur in einer Person und erschien auch zuweilen am Bahnhof, um Fremde abzuholen.

Hermann übergab ihm den Fisch.

Gepreßt klang der Gutenachtgruß, mit dem Hanns sich von Ruth verabschiedete. Er blickte ihr nach, wie 43 sie mit dem alten Hotz, der den Fisch als Gegengewicht zu einem Postpaket über den Rücken gehängt hatte, die Gasse hinaufstieg und verschwand.

»Hanns!«

»Ja, was gibt's!« Er schreckte auf und fuhr leise fort: »Ah, du bist noch da!« Dann legte er den Arm um Hermanns Nacken und drückte ihn fest an sich.

»Du, Hanns, ich will auch so ins Freie wachsen wie du. Ich will auch wissen, was das Allerschönste ist.«

Das weiße Mondlicht, das über den Giebeldächern stand, entfärbte das Gesicht Hermann Ingolds, und Hanns sah den leidenschaftlich gespannten Ausdruck seiner feinen Züge sich seltsam durchgeistigen.

Das war nicht mehr der sommersprossige magere Knabe mit den großen roten Händen und dem unsicher zielenden Blick, eine Flamme war in ihm lebendig geworden und erleuchtete ihn von innen heraus, verklärte sein Gesicht und stieg aus seinen dunkel umschatteten Augen.

Da überkam es Hanns Ingold wie ein Vorgefühl kommenden Unglücks. Er dachte daran, daß er heute mit seinem Vater zerfallen war, und den ranken Knaben fester an sich drückend, sagte er:

»Das sollst du, Hermann! Ich steh' dir dafür mit allem, was ich vermag.«

»Und wenn die ganze Welt gegen uns ist, wir zwei wissen, was das Allerschönste ist, gelt, Hanns!«

Herrlich reckte sich das weiße Gesicht mit dem zuckenden Mund und den entrückten Augen aus der dämmernden Nacht, und grobknochige Fäuste umkrampften schmerzhaft den Hals des Hanns, der den Arm noch fester um den hageren Knabenleib schlang und sich von dem Schicksal loszukaufen gedachte, indem er sagte:

»Ja, und wir zwei halten zusammen. Was auch kommen mag. Nur den Vater, Hermann, den Vater, den mußt du mir hüten. Und wenn ich jetzt hier etwas tue, was ihn mir zum Feind macht, dann bist du noch 44 da. Und du wirst ihn liebhaben und wirst zugleich auch mich verstehen.«

»Hanns, was ist? Ich hab' schon lange gemerkt, daß der Vater etwas in sich hineinfrißt. Was willst du tun, Hanns? Sag's mir, mir allein sag's!«

Da neigte sich der Ingenieur zu dem Knaben, und es war wie ein großes Geheimnis, das er ihm ins Ohr raunte:

»Ich will den Lauffen sprengen und ein Kraftwerk bauen am Rhein.«

»Den Lauffen sprengen!« schrie der Knabe mit tonloser, in der Kehle ersterbender Stimme, und Hanns spürte, wie ihn ein wilder Schauer rüttelte.

Es war etwas so Unfaßliches für den Fischerjungen wie der Einsturz des Himmels. Der Tod der Mutter war dagegen ein natürliches und faßliches Erlebnis. Den Lauffen sprengen, das hieß das Feste, das Bleibende, Unveränderliche stürzen, die Welt aus den Fugen reißen! Aber ging's denn auch? Konnte man den Lauffen sprengen?

»Ja, den Lauffen sprengen, glatte Wasserbahn schaffen und bauen, Hermann! Das ganze Tal hin und bis weit in den Schwarzwald hinein, bis Freiburg, bis in die Schweiz und ins Elsaß den elektrischen Strom spannen, daß der Rhein Licht und Kraft ins ganze Land schickt!«

Aber darauf hörte der Knabe nicht.

»Den Lauffen sprengen! Ich will dabei sein, Hanns, wenn du den Lauffen sprengst!«

In leidenschaftlicher Spannung stieß er die Worte hervor.

Lächelnd strich ihm Hanns über das rote Haar.

Ein später Gast verließ die Wirtsstube der »Post« und kam mit schweren Schritten die Gasse herab. Hanns zog den Bruder in den Giebelschatten.

Plötzlich erkannte er den Heimkehrenden am Gang.

»Der Vater!«

45 »Der Vater? Hanns, was wird denn aus dem Vater, wenn du den Lauffen sprengst?«

Hanns Ingold zuckte zusammen. Eng aneinandergedrückt standen sie im schwarzen Schatten und sahen den Vater über den mondhellen Platz in die Finsternis hingehen.

»Geh' zu ihm! Bleib' bei ihm, Hermann!« murmelte Hanns, preßte den Bruder noch einmal an sich und stürmte in die schweigende Nacht. 46

 


 

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