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Der gefesselte Strom

Hermann Stegemann: Der gefesselte Strom - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gefesselte Strom
authorHermann Stegemann
year1914
firstpub1914
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart-Berlin
titleDer gefesselte Strom
pages308
created20160621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Im geisterhaften Nebel schob sich das mächtige Schiff langsam vorwärts. Milchfarben stand die unendliche Schicht in weicher, schwebender Fülle rings um die Bordwände. Es war weder Tag noch Nacht.

»Wenn Finsternis weiß wäre, könnte man von weißer Finsternis sprechen,« sagte Gheude und zog den Gummimantel dichter zusammen.

Hanns Ingold gab keine Antwort.

Plötzlich brüllte die Sirene markerschütternd.

»Man bekommt Nerven,« sprach der Belgier lachend, und Gheude legte die Hand auf Ingolds Arm und fuhr fort: »Genug der blassen Aussicht. Wir wollen hinuntergehen und eine Flasche ausstechen. Heute abend hat unser Zusammensein doch ein Ende.«

»Wissen Sie, was das ist?« fragte Ingold, ohne die Aufforderung zu beachten. Er zeigte über die Reling in die Dunstschicht.

Der Nebel war jetzt von der sanften Leuchtkraft eines Opals. Doch er blieb für das Auge undurchdringlich, und die dunklen Wogen des Ärmelkanals waren nicht einmal hart am Kiel zu erblicken. Im Innern des Schiffes wurden die Lichter eingeschaltet, und nun färbten goldrote und rosige Töne die Nebelhülle, in der die »Ville de Bruxelles« wie auf der Fahrt ins Geisterland dahinglitt.

Wieder brüllte das Nebelhorn, und der mächtige Schrei wurde abermals von den schweigenden Dunstmassen aufgeschlürft und erstickt.

Gheude folgte Ingolds ausgestreckter Hand, die fest und bestimmt ins Nebelbräu deutete.

»Ich sehe überhaupt nichts. Fürchten Sie einen Zusammenstoß?«

2 »Das da, die weiße Finsternis, wie Sie so schön sagten, das ist die Zukunft,« erwiderte Hanns und fügte nach einem tiefen Atemzug hinzu: »Und daß sie so weiß, so geheimnisvoll, so gefahrdrohend und doch so lockend ist, das ist das Schönste an ihr. Die Zukunft! Wir fahren hinein, mitten hinein.«

»Wir sind sogar mitten drin, Sie Phantast! Wenn ich Ihr Stichflammentemperament nicht kennte, so müßte ich Sie für einen rechten deutschen Träumer halten. Man merkt Ihnen das Heimweh täglich mehr an. Kommen Sie in den Salon!«

Hanns Ingold folgte ihm willig. Sie gingen das verödete Deck entlang und stiegen in den lichterfunkelnden Bau, in dem die Maschinen summten und ein Streichorchester spielte, während draußen der Nebel braute. Nach einigem Schwanken gingen sie in den Rauchsalon und setzten sich zu einer Flasche Wein.

»Also noch einmal, Ingold, auf unsere Zukunft! Stoßen Sie an! Drei Jahre haben wir zusammen am Vater der Ströme Dämme gebaut und Turbinen gepflanzt, drei Jahre guter Kameradschaft! Das ist ein Wort, lieber Freund! Stoßen Sie an!«

Der lebhafte Schwung, mit dem Gheude das Glas hob, wärmte Ingold das Herz.

Ein helles Leuchten trat in sein gebräuntes bartloses Gesicht, und der eigenwillige Mund zuckte ein wenig, als er antwortete:

»Wir haben uns immer gut vertragen, und die schweren Tage, als der Mississippi uns mit dem acht Meter hohen Hochwasser über den Hals kam und die Brücken eindrückte, daß das Werk beinahe auf Zeit und Ewigkeit ersäuft worden wäre, die haben uns erst recht zu Freunden gemacht. Auf unser Wohl, Gheude, und auf eine neue Zukunft.«

Die Gläser klangen. Dann saßen sie still und blickten sinnend in den Rauch der Zigarre.

Die Maschinen dröhnten, die Geigen sangen, rostgelb stand der Nebel vor den Fenstern. Das Schiff lief 3 langsam und lag stampfend in einer unruhig gewordenen See, die mit kurzen, drängenden Wellen heftig an die Wände klatschte. Die Sirene heulte ihr wildes Klagelied.

»Wie lange waren Sie nicht mehr zu Hause, Ingold?« fragte Gheude.

»Sieben Jahre, eine Ewigkeit,« antwortete Ingold.

»Und wie lange bleiben Sie jetzt zu Hause?«

»Wie lange ich bleibe? Das weiß ich selbst nicht.«

»Geben Sie mir auf jeden Fall Ihre Adresse. Wenn ich nach China gehe für die Société minière franco-belge schreibe ich Ihnen. Sie halten es ja doch nicht lange aus in den kleinen stillen Verhältnissen. Und in den großen Werken und Baugesellschaften, die in Deutschland und Belgien selbst arbeiten, ist für uns Überseer vorläufig doch kein Platz. Wir sind auch an einen größeren Zuschnitt gewöhnt.«

Hanns Ingold hörte nur mit halbem Ohr, was der lebhafte Freund erzählte.

Eine weiche träumerische Stimmung war unversehens im Nebel herangeschlichen, der den Kanal und das Schiff einhüllte, und nährte sich jetzt noch zum Überfluß von dem Wein, den er nach langer Entwöhnung wie erstes Grüßen der Heimat in sich trank.

Sieben Jahre war er fortgewesen, zwei davon in Ägypten und fünf in Amerika. Und jetzt lag alles weit, weit hinter ihm. Vor sechs Wochen hatte er noch vor Hugh L. Cooper gestanden und von dem Erbauer der Niagarawerke einen kurzen Handdruck empfangen.

»Good bye, Mr. Ingold, Sie können wiederkommen,« hatte der Chef kurz und knapp gesagt. Dann war er mit dem letzten Scheck in der Tasche ins Kontor gegangen, und zum letztenmal hatte er die graugrünen Fluten des Mississippi in mächtigem Drang zwischen den gewaltigen Steinmauern hindurch in die Schächte gleiten und mit heftigem Schwung zehn Meter tief auf die Turbinen stürzen sehen. Er ging noch einmal auf die Drehbrücke hinaus, die unter dem Anprall der Wasser erzitterte, und 4 überblickte das Riesenwerk, die gesprengten Schnellen, die keine Wirbel mehr erzeugten, das turmhohe Maschinenhaus, das im blauen Kalkstein des Strombettes verankert war, und hörte im Geist noch einmal die Pumpen rauschen, die Eisenkarren dröhnen, die Krane ächzen, die Bohrer surren und die Sprengladungen knattern.

Da hatte er zum erstenmal Heimweh empfunden.

Solange er in seiner Arbeit lebte und mit den Elementen kämpfte, war es seiner nicht Herr geworden. Dem Abgelohnten, der sein Werk getan hatte, schlug es rasch und leicht die Hand auf die Schulter.

»Das letzte Glas, Ingold! Auf die Heimat und die uns dort erwarten!«

Ein ironisches Zucken hob Gheudes Mundwinkel bei diesem letzten Trinkspruch, aber die Augen blickten ernst und warm hinter dem Kneifer, als er das Glas erhob.

Ingold spürte, wie er errötete. In einer heißen Welle stieg ihm das Blut aus dem Herzen in die Wangen. Ein lauter Glücksjubel schrie plötzlich in seinem Innern, ein unbändiges Heimverlangen brannte in seinen Adern.

»Her mit dem Glas, Gheude,« stieß er leidenschaftlich hervor, und das Kommersbuch, die Hochschule, deutsches Wesen, die Jugend, die Liebe, alles, alles stieg in kreisendem Schwall aus den Schächten der Erinnerung, daß die Augen tropften und die Lippen riefen:

»Heim! Heim! Wo der junge wilde Rhein unter dem Schwarzwald rauscht und der Vater die Netzwage in den Lachswirbel schwenkt! Herrgott im Himmel, ist das schön! Daheim in den Bergen am jungen Rhein! Herzbruder, es gilt die Liebste mein!«

Die Kelche klangen, hintenüber bog Hanns den Nacken und leerte sein Glas bis auf die Nagelprobe.

Da hämmerten plötzlich die Maschinen, schrie die Sirene und dröhnte der ganze Schiffsleib von einem ungeheuren Stoß, der die Gläser aus den Rahmen und die Stühle aus ihrem Stand warf und den gewaltigen 5 Bau weit nach Backbord schleuderte. Schreien, Klirren, wildes Hetzen und Rennen, Lichttulpen springen und erlöschen, rückwärts schlagen die Kolben, und aus dem Zwischendeck quillt in heulendem Gedränge eine Flut geängstigter Menschen und erfüllt das unsicher schwankende Schiff mit wahnwitzigem Lärm.

»Ein Zusammenstoß, kommen Sie!« sagte Ingold, und seine Stimme hatte den harten, metallischen Klang, der Gheude von der Arbeit im Flußbett des Mississippi noch im Ohr lag.

»Allons voir« erwiderte er gelassen, und sie tasteten und schoben sich durch die Winkel und Gänge die überhängenden Treppen hinauf auf das Verdeck.

Als Ingold sich nach oben gekämpft hatte, lag die »Stadt Brüssel« schwerfällig stampfend, mit starker Schlagseite im Wasser. Ockergelb braute der Nebel, und die Schornsteine qualmten schwarze Rauchmassen, die sich wie Tintenströme in die gelben Dünste fraßen. In den Ventilen zischten schneeblasse Dämpfe.

Eine dichte Menschenmenge stand zusammengepreßt wie eine Herde Schafe auf dem Promenadendeck, und ihr Schreien und Fluchen klang seltsam schwach und erstickt in das Brausen der Röhren und das Schlagen der Wellen.

»Wir schwimmen noch,« sagte Gheude, verlor den Halt auf dem nassen, schiefen Deck und fiel, um dann auf der glatten geneigten Fläche ins Rutschen zu kommen.

»Mir scheint, Sie wollen wirklich schwimmen,« rief Ingold ihm lachend nach.

Der Belgier hatte schon einen Halt erwischt. Jetzt ließ die Sirene wieder ihre Stimme tönen, und gleich darauf begann das Schiff sich langsam aufzurichten.

Die Offiziere gingen umher und riefen, es bestände keine Gefahr. Die Musik begann zu spielen, und dann gellte die Dampfpfeife, bliesen die Kessel mit Orgeltönen den Dampf ab, daß weiße Wolken über das Schiff rollten und sich mit Rauch und Nebel phantastisch mischten.

6 »Ein Kohlendampfer – er hat uns ein Schott eingedrückt und ein paar Platten weggerissen. Es hat keine unmittelbare Gefahr.«

Der dritte Offizier gab Ingold hastig Bescheid.

Der Postdampfer lag allein, der kleine Eisenkahn, der ihn angerannt hatte, war schon lange im Nebel verschwunden.

»Und der andere?« fragte Hanns unwillkürlich.

»O, diesen Kanalwanzen tut es nie etwas,« versetzte der Offizier und bat dann den Ingenieur, wieder hinunterzugehen, um ein Beispiel zu geben.

»Sie haben recht. Aber die Maschinen stehen still. Wenn Sie uns brauchen können, wir sind –«

»Tausend Dank, ich werde den Kapitän daran erinnern.«

Ingold warf noch einen langen Blick auf das Schiff, das keine Fahrt mehr machte und schwerfällig zu schlingern begann.

Gheude trat zu ihm.

»Das Leck sitzt hoch über der Wasserlinie. Wenn die Maschinen wieder arbeiten, hat es keine Gefahr.«

Ingold sah den Offizier zur Marconistation eilen.

»Keine Gefahr? Wir liegen still mitten im Kanal. Jeden Augenblick kann ein Schiff aus dem Nebel tauchen und den unbehilflichen Kasten überrennen.«

Die Dampfpfeife riß ihm die Worte vom Mund. Und plötzlich, als sie unwillkürlich horchend stehen geblieben waren, tönte aus der Ferne ein Nebelhorn. Es schien vom Himmel zu kommen, von rechts, von links, aus einer Entfernung von dreitausend Metern oder hundert Schritten, klang erstickt und dumpf und schrie doch bis ins innerste Ohr. Dann brüllte die Sirene der »Stadt Brüssel« verzweifelt aufs neue, und die Matrosen begannen die Boote auszuschwingen.

»Kommen Sie zum Kapitän, Gheude. Er ist Ihr Landsmann, und Sie wissen mit den Kolbenmaschinen besser Bescheid als ich.«

7 »Na wenn's wirklich ans Schwimmen geht, sind Sie als Meisterschwimmer am besten dran,« scherzte Gheude.

Zehn Minuten später standen sie in den heißen feuchten Maschinenräumen, und der Schweiß lief ihnen über die nackte Brust. Es roch nach verbranntem Kautschuk und glühendem Öl. Wasserdampf zog in Schwaden durch das blitzende Gestänge.

Und während Ingold mit harten Händen die Schraubenschlüssel drehte und keuchend die mächtigen Kolbenstangen herausheben half, vergaß er, daß er im Maschinenraum des Schiffes arbeitete, das ihn nach Europa, in die Heimat zurückbrachte und nun ohnmächtig, wie ein schwerwundes Tier, im engen Fahrwasser des Kanals trieb, jedem Zusammenstoß preisgegeben.

Die Hämmer dröhnten, aufgeregte Stimmen riefen durcheinander, aus den Kesselräumen klang Surren und Zischen, rote Lohe warf ihren Widerschein in die Zyklopenschmiede, aber Hanns Ingold war es, als sei er wieder der Mechaniker, der in den Werkstätten von Escher Wyß & Co. gearbeitet und sich Horn und Schwielen hatte wachsen lassen, bis der Vater ihm erlaubt hatte, die technische Hochschule zu beziehen und Ingenieur zu werden.

Er hörte den Rhein rauschen und in den Felsentöpfen kochen, er sah die Lachse vor den Strudeln stehen und mit jähem Schlag aus dem Wasser schnellen und wie ein funkelndes Messer jenseits der Klippen wieder in den Strom fallen, er roch nicht mehr das verbrannte Öl und die heißgelaufenen Zylinder, sondern den kräftigen Duft, der von den gefällten Waldbäumen aufstieg, und hörte die Säge orgeln und brummen, die sich mit blankem Eisen durch die gelben Tannen fraß.

»Hanns,« rief eine weiche Stimme, und noch einmal, jetzt ängstlicher, »Hanns, wenn wir ins wilde Wasser kommen!« und Ruth rückte unruhig auf dem Fischkasten im Kahn hin und her und blickte bang auf das rinnende grüne Wasser, das schon weiße Schaumkrönlein aufsetzte, 8 und dann auf Hanns Ingold, der aufrecht hinter den Stehrudern stand und den Einbaum quer über den Strom trieb. Von den Schnellen stieg ein weißer Dunst in die Höhe, und die Sonne malte einen bunten Regenbogen hinein. Über der Stromenge hingen die Häuser des Städtchens Rheinau von den Felsen, und dahinter stand der hohe Schwarzwald . . .

Mit gewaltiger Anstrengung warf Ingold das beschädigte Zahnrad aus dem Lager und half den Monteuren die zweite Schraubenwelle freimachen.

Und immer wieder rief die helle weiche Stimme der kleinen Ruth ihm ins Ohr: »Müssen wir dann ertrinken, Hanns?«

»Wir sind ja schon gleich drüben,« antwortete er lachend, atemlos vom Ruderziehen.

»Aber wenn wir doch ertrinken, dann mußt du mich ganz fest halten und ich dich auch. Ganz fest, Hanns!«

»Du bist verrückt. Dann kann ich ja nicht schwimmen.«

»Du mußt es aber können. Wenn wir uns heiraten sollen, mußt du das können,« rief die Kleine heftig, und die feinen blonden Haare fielen ihr im Eifer über das blasse Gesicht, in dem die braunen Augen trotzig aufblickten. – – – – – – – – – – – – – – –

Hanns Ingold lachte leise auf.

Der Chefingenieur streckte ihm die zerschundene Hand hin und sagte:

»Wenn wir jetzt mit einer Schraube in Gang kommen, danken wir's Ihnen, Herr Kollege.«

Da sank die schöne Erinnerung an die Jugendzeit ins Bodenlose, und Ingold fand sich im Maschinenraum der »Ville de Bruxelles« wieder, die vom gespannten Dampf und den Notschreien der Sirenen geschüttelt und von wütenden Pumpenstößen keuchend steuerlos im Kanalnebel trieb und ihre Funkensignale nach allen Richtungen der Windrose ausgehen ließ.

Sie stiegen aus den dunklen Schächten an die Oberwelt.

Als Ingold sich umgekleidet hatte, spürte er in seiner 9 Kabine am sanften Schüttern des Schiffsleibes, daß die Maschinen wieder arbeiteten, und als er, von hundert Glückwünschen umdrängt, das Verdeck gewann, sah er die Nebel, in Klumpen geballt, wie abziehendes Gewölk auseinanderstreben. Ein orangefarbener Schein leuchtete im Osten, ein purpurblauer Fleck glühte im Zenit, rosig und lila schimmerte die See, und Goldperlen sprühten in der Kielspur, Rauchsäulen fleckten die Ferne, Segel blühten wie blasse Blumen aus dem perlenstäubenden Wasser, und in langsamer Fahrt steuerte die »Stadt Brüssel« dem Heimathafen zu.

Eine herbe Brise wehte aus der Nordsee herüber und frischte zu einer starten Kühle auf. Das Schiff lief schwerfällig mit einer Schraube, ein wenig aus dem Gleichgewicht gedrückt, lehnte aber die angebotene Schlepperhilfe ab und schallte von fröhlichem Lärm im Zwischendeck, wo die überstandene Gefahr mit Ziehharmonika und Gesang verspottet wurde.

»Die Schelde,« sagte Gheude und deutete in die violette Ferne. Unwillkürlich wandte Ingold sich um und blickte dem Kielwasser nach, als könnte er noch einmal über den Ozean hinweg den Erdteil sehen, in dem er fünf Jahre gelebt und gearbeitet hatte.

Der Wind begann nachzulassen, ein glühender Purpurball tauchte einen Augenblick zwischen Nebel und Wasser auf und strömte die ganze Fülle seines blutenden Lichtes über die Wasserwüste, dann war die Sonne hinabgetaucht, und opalisierende Dämmerung überzog Meer und Himmel.

»Sie sollen meine Adresse haben, Gheude,« sagte Ingold, als wären sie noch in ihrem Weingespräch. »Aber ich habe auf einmal ein Heimatgefühl so stark und zwingend, daß ich am liebsten zu Hause bleiben möchte. Daheim bleiben und daheim schaffen –verstehen Sie mich wohl, Gheude –, Herrgott, wenn es dort Arbeit gäbe für mich, große ins Große gehende Arbeit, Arbeit um der Arbeit willen und ein Ziel, das einen nach sich zieht, 10 wie der Magnet das Eisen – Gheude, ich gäb' die ganze Welt dafür her!«

Die Hände fest um das glatte kühle Geländer krampfend, starrte Hanns Ingold in die silberschattende Ferne. Hoch im Zenit trieb noch eine purpurflockige, einsame Wolke.

Er dachte nicht mehr an den Zusammenstoß. Als sie ihre Arbeit im Maschinenraum getan hatten, war die Episode für sie erledigt gewesen.

Sie wurden einsilbig. Je näher sie dem Lande und dem Auseinandergehen kamen, desto mehr wurde jeder von seinen eigenen Gedanken in Anspruch genommen. Auf einmal war die Gemeinschaft gelöst, in der sie sich in ihrem Beruf und in ihrer treuen Kameradschaft gefunden hatten.

Als das Schiff an einem Schwarm Schellfischfänger vorbeikam, die in ihren schwarzen Booten unter rostbraunen Segeln langsam in die Schelde hineintrieben, dachte Hanns mit ungeheurer Inbrunst an seinen Vater. Dann an die schwache, zarte Mutter, die immer kränkelte und doch wirklich nie krank sein wollte.

Hastig ging er in die Kabine und begann zu packen.

Der Kapitän kam und bat die beiden Ingenieure, in Antwerpen seine Gäste zu sein und mit ins Kontor der Reederei zu kommen, um dort den Dank für ihren Beistand in Empfang zu nehmen.

Hanns lehnte ab. Er hatte keine Zeit mehr, der Boden brannte ihm unter den Füßen.

Und wie die Bilder eines hastig flimmernden Films zogen die Ereignisse der nächsten Stunden an ihm vorüber, als wäre er selber gar nicht daran beteiligt, bis er das Schiff, das Hotel und den Abschied von seinem Arbeitskameraden hinter sich hatte und allein, in eine Ecke gedrückt, im Schnellzug saß, der ihn von Brüssel nach Köln und der Heimat entgegentrug.

Er fuhr stracks ohne Aufenthalt den Rhein aufwärts und stellte unterwegs mit kühlem, sicherem Urteil die 11 gewaltige Entwicklung fest, die das Land in den letzten Jahren genommen hatte. Das Herz aber schlug in heißem Drang und begleitete die klaren, festgefügten Gedanken mit rauschenden Melodien.

Schon war Köln versunken, das gewundene Rheintal zwischen Koblenz und Mainz, in dem die erste Baumblüte keimte, hinter ihm zurückgeblieben, und nun ging's über Frankfurt an der weiß und rosa schimmernden Bergstraße entlang nach Heidelberg. Von Mannheim wehten die Rauchfahnen der Industrie die ersten Grüße, durch das grüne Badenerland rollte der Zug.

Mit zusammengepreßten Lippen saß Hanns Ingold und spürte seine Fingerspitzen brennen, als der Schwarzwald näher und näher herantrat, Offenburg, Freiburg auftauchten und verschwanden und die Abendschatten von den Bergen stiegen, die er alle mit Namen kannte.

In Basel übernachtete er. Er wollte am heiteren Tag nach Hause kommen.

Er schlief bis ins erste Morgengrau. Dann erwachte er mit einem unbeschreiblichen Gefühl von Seligkeit und Spannkraft. Und diesmal war sein erster, allererster Gedanke – – Ruth.

Er war nicht mehr zweiunddreißig Jahre, nicht mehr Mr. Ingold, der Ingenieur für Wasserbauten und Kraftwerke, und Weltfahrer, der in Ägypten Sudanesen und Fellachen zur Arbeit getrieben und am Mississippi Kroaten und Chinesen, Italiener und Iren auf seinen Listen geführt hatte, sondern der Flaumbart, der Sohn des Fischmeisters Christian Ingold von Rheinau unterm Lauffen, und kehrte heim, wie er gestern, nein, vor sieben Jahren ausgezogen war.

Rosige Frühe säumte die dunkeln Bergkanten, da saß er im Oberländer Bummelzug und starrte auf den silbergrauen, allmählich ins lichte Grün übergehenden Strom, der zwischen den dunkelgetönten Uferwäldern hervorbrach. Rheinfelden, Säckingen, näher rücken die Berge.

12 Am schweizerischen Ufer lag die Morgensonne goldgelb auf den grünenden Wiesen, zum Fenster herein schlug der harzige Duft der Tannenwälder, ein Güterzug, mit Langholz beladen, gestreckten braunen Fichten und weißen Tannen, die frisch vom Stapelplatz kamen, schlich vorüber. Gern hätte Hanns die schlanken Stämme im Vorbeifahren gestreichelt, so empfindsam war er geworden.

Rheinau!

Als er an der abgelegenen verschlafenen Station ausstieg, war ihm nicht anders zumute wie bei einem Kirchgang. Gerade so fremd, so linkisch und so dumm kam er sich vor.

Es war noch nicht sieben Uhr in der Frühe. Die Maisonne stand schräg über dem Wald und warf den Schatten über den Schienenweg und die Landstraße, die sich zusammen hoch über dem eingeengten Bett des Rheines am Waldrand entlang wanden.

Das Rauschen des Wassers erfüllte die Luft, und von den gelbblühenden besonnten Matten am »Lauffenbuck«, wo der Strom kurz vor den wilden Schnellen den großen Bogen schlug, zogen die Bienen mit schwerer Tracht den Stöcken zu.

Hanns Ingold ging wie betäubt die einsame Straße von der Station zum Städtchen, das vom Berg aus gesehen hinter seiner alten Wackermauer beinahe verschwand. Als Bub hatte er sich gerühmt, von hier aus mit einem guten glatten Rheinkiesel über das ganze Städtchen weg in den Fluß hinunter schießen zu können.

Und auf einmal bückte sich der diplomierte Ingenieur Hanns Ingold, raffte einen weißen flachen Stein auf, drückte erst noch den Hut fester und schwang dann mit einer kräftigen Halbwendung den Arm zum Wurf. Hoch auf stieg in einer elliptischen Bahn der weiße Stein, glänzte einen Augenblick hell in der Sonne und sauste dann als Schattenstrich an den Doppeltürmen der Pfarrkirche vorbei jenseits des Dächerhäusleins in die Tiefe.

13 »Herr, sind Sie des Teufels!« wetterte eine scharfe Stimme.

In Ingold zuckte der Instinkt der Knabenzeit auf, Fersengeld zu geben, dann wußte er auf einmal wieder, daß er kein Knabe mehr war, und nun lüftete er den Hut und streckte dem grimmig blickenden Herrn mit den wehenden grauen Locken und dem wildwachsenden Bart die Hand entgegen und sagte:

»Nein, des Teufels nicht, aber verrückt vor Seligkeit, daheim zu sein, Doktor Engelhardt.«

Engelhardt rückte mißtrauisch die Brille. Barhaupt stand er mit seiner großen grünen Pflanzentrommel unter dem blühenden Kirschbaum, von dem es silbern herabflitterte.

»Daheim zu sein? Und schmeißen den Leuten die Fenster ein! Und haben einen sieben Zentimeter hohen Doppelkragen an! Des Teufels sind Sie, Herr, Herr –«

Ingold trat langsam auf ihn zu.

»Der Stein liegt im Rhein, mitten im Lauffen, ich leiste jeden Eid darauf, Doktor Engelhardt. Und der Kragen stammt noch aus St. Louis. Und ein Herr bin ich für Sie überhaupt nicht, sondern der Hanns Ingold!«

Engelhardt stutzte. Forschend betrachtete er Hanns, der den Blick lächelnd aushielt.

Endlich sagte er gedehnt:

»Also der Hanns Ingold! Na, da muß man ja auf alles Teufelswerk gefaßt sein. Aber für mich sind Sie nicht mehr der Hanns Ingold, der mir die Spaliere auf- und abkletterte, Herr Ingenieur. Ich habe das Pathos der Distanz zu den Menschen, die mehr als zwanzig Jahre alt sind, zu allen Menschen, beibehalten. Auch zu meinen Patienten. Das sind Sie nicht, ich weiß, aber Distanzen haben Sie ja wohl in Amerika schätzen gelernt. Guten Morgen, Herr Ingenieur!«

Seine ganze Menschenscheu war aus den scharf gesprochenen Worten hervorgebrochen. Mit einem Ruck warf er die Kräuterbüchse auf den Rücken und wandte sich zum Gehen.

14 Rasch vertrat ihm Ingold den Weg.

»Und Ruth, Herr Doktor?« fragte er kurz, mit einem leidenschaftlichen Klang in der Stimme.

»Ruth, meine Tochter? Was kümmert Sie das Mädel?«

»Wahren Sie auch zu Ihrer Tochter das Pathos der Distanz, Herr Doktor?«

Mit einem hastigen Griff seiner fünf Finger warf Engelhardt das graue Haar aus der Stirn. Ein unsicherer Blick schoß unter den buschigen, von schmerzlichen Lebenserfahrungen niedergedrückten Brauen hervor.

»Meine Tochter ist kein Mensch wie andere,« versetzte er leise nach einem Schweigen, das von Bienensummen, Vogelzwitschern und dem Rauschen der Rheinschnellen angefüllt war.

»Wollen Sie Ruth von mir grüßen?« fragte Hanns noch leiser, und ein weiches Lächeln schmolz die straffen, harten Linien seines gebräunten Gesichtes.

Da brauste Engelhardt aufs neue auf.

»Bestellen Sie Ihre Grüße selbst, Sie Mann Sie, der Sie kein Herr sein wollen!«

Flugs fing Hanns seine abwehrende Hand.

»Nein, kein Herr, aber ein Mann, Doktor Engelhardt. Ich habe Ihre Erlaubnis und komme, Ruth, Fräulein Ruth Engelhardt heute noch begrüßen.«

Hin und her schwenkte er im schmerzhaften Druck den Arm des Arztes, dann ging, lief er den weißen, von blühenden Kirschbäumen beschatteten Weg dem Städtchen zu, und ein Jubel saß in seiner Brust, als hätte der ganze Frühlingshimmel mit seinen Legionen musizierender Engel darin Einkehr gehalten.

Er betrat die steile Gasse, die in siebenundachtzig Stufen zur Kirche hinunterführte.

Doch da erschreckte, bedrückte ihn plötzlich die leblose Stille. Ein Weiblein auf der Türbank, eine Katze am Randstein und das klägliche Weinen eines Säuglings hinter roten Gardinen, sonst kein Leben. Die 15 absteigenden schmalen Häuser erschienen ihm baufälliger als je, und er hatte keinen Blick mehr für ihre zierlichen alten Erker, die schöngeschwungenen Giebel und die ehrwürdigen Jahreszahlen, die über den Türen eingehauen waren.

Ein fröstelndes Unbehagen rieselte ihm den Nacken hinab.

Auf dem Kirchplatz stand er eine Weile still. Die Seilbuben kamen das Pfarrgäßlein herauf, um die Glocken zu läuten. Als er sie in die Sakristei schlüpfen sah und die Glocken anschlugen, kam das sehnsüchtige Heimatgefühl wieder zu ihm zurück.

Langsam, jeden Schritt kostend, ging er über den Platz, an der Apotheke zum Einhorn vorüber und an dem schönen Treppenaufgang des Amtshauses vorbei, bog in die Römergasse und zur gedeckten Brücke.

Mitten auf der Brücke blieb er stehen. Nun lag Rheinau über ihm, an den felsigen Hang geklebt. Der Strom aber fraß sich unter den Pfeilern der Brücke durch die drangvolle Enge, bildete schäumende Strudel und glasklare Stürze, sprang über abgeschliffene Klippen, wühlte in kreisenden Steintrichtern und schoß dann wie der Pfeil vom Bogen in gestrecktem Lauf an den grünen Auen vorüber in waldige Ferne.

Der Wasserstaub stieg in siebenfarbigen Dünsten aus dem schattigen Flußbett und kühlte ihm die Stirn. Er tat sich Zwang an, blickte noch nicht hinunter, wo nur spannenbreit über dem Hochwasserstand das Haus des Fischmeisters in den Klippen stand, sah nur die Landschaft, die Netze, die ausgebreitet an den Schwebebalken hingen, die langen kiellosen Nachen, die ihre bunten Flanken auf den Klippen trockneten, wandte sich um und schaute den Rhein hinauf, erkannte jeden Uferstrauch, die kleine Insel, wo das Wasser sich in Lauf setzte, um den Schnellen zuzustürzen, und sah einen Reiher seine silbergrauen Schwingen über dem glitzernden Fluß wiegen.

Versunken, vergessen der donnernde Fall des Niagara, an dem er von Schauern gepackt gestanden, ausgelöscht 16 die Erinnerung an die Wasserweite des Mississippi mit ihren meilenfernen Horizonten und den Riesenwerken, an denen er gebaut hatte!

Langsam wandte er sich wieder um und senkte den Blick auf das Haus des Christian Ingold. Herrgott, im Gärtlein der Mutter blühten die rahmgelben Primeln! Ihre leuchtende Rabatte glänzte hell zu ihm herauf.

Er löste die Hände vom Geländer. Dumpf klangen seine eiligen Schritte auf den Dielen der hölzernen Brücke. Die Schwalben schossen zu den Fensterausschnitten herein und mauerten an den Nestern unter dem geschwärzten Brückendach.

Als Ingold im Fischerwinkel ankam, waren die Kirchenglocken verstummt.

Der Rhein brauste, es roch nach feuchtem Netzwerk, und die Morgensonne tauchte ihre ersten Strahlen in die Enge, daß der Strom von grünem Gold funkelte und die blaugefärbten Türbalken des schweren steinernen Hauses hell erglänzten.

Bruder Lorenz, der Maler, hatte das Haus angemalt. Die Tür rollte langsam in den Angeln. Kühl dämmerte der Flur.

Da stockte Hanns Ingolds Schritt. Er stand allein, unbeobachtet im niedrigen Gang neben der großen Fischwage. Wie ausgestorben lag das Haus.

Eine Katze, die er nicht kannte, stach mit grünen Augen aus dem Treppenwinkel.

Auf einmal erwachte in dem stillen Hause, das von dem Rauschen des Rheins erfüllt war, eine rauhe, erstickt klingende Stimme und fragte:

»Hermann, bist du's?«

Der Vater rief nach dem jüngsten Sohn.

»Ich bin's, der Hanns,« erwiderte er mit schlagendem Herzen und stieg langsam die ausgetretene Stiege hinaus.

»Mutter, der Hanns!« hörte er Vaters Stimme und erschrak.

In einem Anlauf nahm er die letzten Stufen.

17 Hier trat Christian Ingold seinem ältesten Sohne entgegen, packte seine Hand und raunte:

»Komm herein, sie will uns verlassen.«

»Verl–«

»Ruhig, Bub! Mach's ihr nicht schwer!«

Einen Augenblick lehnte Hanns schweratmend am Geländer.

Im frischgeweißten Gänglein stand glanzlose Helle und kantete den grauen eckigen Schädel des Fischmeisters von Rheinau, blitzte in seinen goldenen Ohrringen und brannte auf den Tränensäcken, die schwer unter seinen harten blauen Augen lagen.

»Laß sie nicht warten,« mahnte er kurz.

Und Hanns Ingold riß sich auf und trat in die Schlafstube der Eltern.

In den kleinen Fensterscheiben schillerte der grün-goldene Sturz des Rheins.

»Mutter!«

Ein Weiblein lag im Doppelbett, abgezehrt, mit eingesunkenen Augen, das rostrote Haar von weißen Fäden durchzogen, fremd und häßlich geworden, aber in den Augen stand selige Himmelsbläue, und um den zitternden Mund flackerte ein rührendes Lächeln.

Mit kalten, kaum noch fühlenden Händen fing sie das Haupt des Hanns, der neben ihr in die Knie gebrochen war und sein braunes Gesicht in ihre Kissen wühlte.

»Ei, du liebe Seel, ei, gottlob, es ist wahrlich der Hanns!«

Das flüsterte und schnürfelte sie beinahe unhörbar vor sich hin und strich ihm mit den rissigen, vom Netzflicken und Fischputzen zerarbeiteten Händen immer wieder über das Haar.

»Mutter, liebe Mutter!« murmelte der Sohn und hielt sie krampfhaft umfaßt, denn auf einmal war ihm, als schwankte alles um sie her, als wären sie auf dem angerannten Schiff, das steuerlos im Kanal schlingerte, 18 von grauen Nebeln umschlichen, und draußen nahte plätschernd der Tod.

Die Haustür schlug, eilfertige Schritte stürmten die Treppe.

»Der Doktor kommt auf den Abend. Ich hab' die Medizin.«

Hanns hob den Kopf.

Ein aufgeschossener Knabe mit kupferbraunem Haar, das wild in die blasse Stirn fiel, stand im Zimmer und starrte ihn aus blauen Augen fragend an.

Doch ehe sie sich gefaßt hatten, kam ein röchelnder Seufzer von den Lippen der Kranken, und ihr Kopf sank hintenüber in die Kissen.

»Mutter!« schrie eine rauhe Knabenstimme, und den Älteren ungestüm beiseite drängend, sprang Hermann Ingold hinzu, stieß den Arm unter das Kissen und richtete die Atemringende in die Höhe. Dabei riß er mit den Zähnen den Pfropfen aus der Arzneiflasche und füllte dann den dünnen Silberlöffel, den ihm der Vater bedächtig hinstreckte.

Mit geschlossenen Lidern schluckte die Mutter, seufzte und murmelte:

»Der Hanns muß seinen Kaffee haben.«

Dem Manne, der das Leben in zwei Weltteilen meistern gelernt hatte, schossen die Tränen aus den Augen.

Als die Mutter still lag, schickte der Vater den jüngsten Sohn zum Malermeister Lorenz Ingold und ließ ihm sagen, die Mutter begehre ihre Kinder um sich zu haben in der letzten Stunde.

Hanns folgte dem Bruder auf dem Fuße und holte ihn im Gärtchen ein.

»Hermann, wir haben uns ja noch nicht begrüßt,« rief er ihm nach.

Trotzig und scheu wandte der Knabe sich ab und antwortete ins Blaue:

»Ich bin dir ja doch nicht mehr gut genug. Und die Mutter, die fragt jetzt nur noch nach dir!«

19 »Nicht mehr gut genug! Füchslein, du bist ein Narr!« entgegnete Hanns weich und zog ihn an sich. »Neun Jahre warst du, als ich nach Assuan ging. Jetzt bist du schon aus dem Konfirmandenrock gewachsen.«

Da fragte Hermann Ingold eifrig:

»Und wo war es schöner, Hanns, in Ägypten bei den Pyramiden am Nil oder in Amerika?«

Unter dem braunroten Haar liefen blaue Äderchen an den Schläfen hin, und ein leidenschaftlich verträumter Blick stieg aus den Augen des Knaben und vergeistigte das magere blasse Gesicht, das von den ersten Sommersprossen betupft war.

»Ich erzähl' dir von beidem, Hermann. Hol' jetzt den Lenz und die Vefa; die Mutter, die fragt bald nach keinem mehr von ihren Buben.«

»Die Mutter!« stieß Hermann in bangem Schrecken hervor und schoß davon.

Und als es auf den Abend ging, dachte Margret Ingold wirklich ans Sterben, warf unruhig die Hände, kämpfte um den letzten Atem und seufzte ein um das andere Mal tief, und mit jedem Seufzer schien sie ein Stück Erdenweh abzustoßen, denn die Seufzer wurden leichter, fadengleich der Puls und still das Gesicht, auf dem klar und farblos die Abendbleiche lag.

Doktor Auer kam, fand nichts mehr zu sagen und ging wieder.

Sie saßen und standen um ihr Bett.

Hanns Ingold stand am Fußende des Bettes.

Er sah seine Mutter langsam stiller und fremder werden. Er kam sich selbst fremd vor und hatte doch das Gefühl, überhaupt nicht fortgewesen zu sein aus diesem Haus und dieser Welt. Er hatte Erstochene und bei der Gesteinbohrung Verunglückte sterben sehen, in einer verpesteten Typhusbaracke gestanden und bei dem großen Hochwasser des Mississippi ein Dutzend Leichen aus den Turbinenschächten fischen helfen, aber er hatte noch nicht gewußt, was Sterben war.

20 In ihm sprach eine Stimme: Das ist deine Mutter, die hat dich geboren, der bist du an der Schürze gehangen, die hat die Hand über dir gehabt.

Starr, mit trockenen Augen blickte er auf sie nieder.

Es war ein sanftes Verscheiden.

Noch einmal seufzte sie sehnsüchtig, und dann grub sich eine stille Ruhe um ihren Mund. Lorenz öffnete das Fenster. Die feuchte frische Rheinluft quoll mit dem Rauschen der Schnellen in die schaudernde Stille.

Christian Ingold trat ans Bett, drängte die Sohnsfrau beiseite, griff unter das Kissen und hielt seine Frau in den allerletzten Zügen.

»Sie spürt nichts mehr,« sagte er, als müßte er sich entschuldigen.

Und so ist ihr letzter Seufzer erloschen, ihr Atem stillgestanden und ihr Herz erkaltet.

Sechs Uhr abends war's, drei Hochzeitskutschen fuhren polternd über die gedeckte Brücke zu einer Lustfahrt in die Schweiz.

Hanns Ingold hielt seinen jüngsten Bruder umfaßt, der seine Tränen versteckte, und sah dem Vater zu, wie er mit harten Händen und unbewegten Mienen die Bettdecke sanft über die Brust der Toten zog und sorgfältig unter ihre Schultern schob.

Dann setzte sich der Fischmeister, der die ganze Zeit gestanden hatte, schwer auf den Stuhl neben ihrem Bett.

Da gab Hanns den Geschwistern ein Zeichen, und leise gingen sie hinaus. 21

 


 

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