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Der gefesselte Strom

Hermann Stegemann: Der gefesselte Strom - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gefesselte Strom
authorHermann Stegemann
year1914
firstpub1914
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart-Berlin
titleDer gefesselte Strom
pages308
created20160621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Herbst verging und der Winter härtete den Boden. Frühling kam, und das Eis, das in diesem Jahr in großen Schollen den Rhein hinabtrieb, knirschte und klirrte an den Brückenpfeilern, und wenn es den Lauffen hinunterfegte, war es, als spränge ein Geharnischter kampfgierig bergab.

Die Türme wuchsen, die Schlote begannen zu rauchen, und wo Napolis Bretterbuden gestanden hatten, schossen Arbeiterhäuser in rotem Backstein aus dem Boden. Vom hohen Dachgerüst des Schalterhauses flatterten schon die bunten Bänder des Aufrichtbaumes. Gewaltig dröhnten die Betonrammen im Flußbett.

Doktor Engelhardt war ein einsamer Mann, aber er hatte sich in der Ambulanz heimisch gemacht, und der junge Kliniker, der dort das Szepter führte, ließ sich die Hilfe und die Ratschläge des alten Herrn gern gefallen. Nur von chirurgischen Fällen hielt Engelhardt sich ängstlich zurück.

Eisengrau war die Lockenwildnis, die er unbedeckt ins Freie trug. Er spottete weher und grimmiger als je über das laute, geldklirrende neue Wesen.

Wenn von Berlin Nachricht kam, schüttelte er die Haare wie ein übermütiges Füllen und lief in den Wald. Sein Herzleiden hinderte ihn, höher zu steigen, er ging nur soweit, daß die neue Welt hinter ihm versank. Dann erzählte er den Bäumen von seiner Tochter.

Ruth war Mutter geworden. Ihre Briefe waren keine Ergüsse, doch schien sie glücklich zu sein.

Und der Professor sprach zu den Waldbäumen und zu dem blühenden Fingerhut, der dicht vor ihm stand:

»Ihr wißt ja, was glücklich sein heißt. Glücklich sein ist kein Zustand, Fräulein Fingerhut, es ist nur eine 250 Augenblicksempfindung. Und kaum empfunden ist es nur noch Erinnerung. Wird manchmal auch erst Glück in der Erinnerung. Aber Ruth ist in anderem Sinne glücklich. Sie ist ein lebendiges und Leben kündendes Geschöpf, sie ist ein Mensch mit offenen Sinnen, sie hat ein Herz, das Ihrer dunklen Säfte nicht bedarf, mein Fräulein vom purpurnen Becher. Sie steht schlank wie ihr Schlanken und badet die Stirn im Morgenlicht wie ihr, hochstämmige Schwarzwaldtannen! Sie wird auch unter den Geldhunden nicht die Zunge heraushängen. Sie ist mein Mädel, sie ist –«

Er brach ab, sah sich scheu um, stieß Ruths Brief in die Tasche, warf noch einen Blick auf die geheimnisvoll leuchtende Blume, in deren Säften er seit einem Jahr Linderung seines Leidens fand, und ging wieder zurück nach St. Joseph, das hinter dem großen Direktionsgebäude des Kraftwerkes beinahe verschwand.

Der zweite Winter fuhr zu Tal. Silvester war eine Nacht dichten Nebels.

Hanns Ingold saß in seinem Bureau und rechnete. Die Fischtreppen waren fertig, das Turbinenhaus fundamentiert. Im nächsten Herbst konnte alles unter Dach, ein Jahr später die Einrichtung vollendet sein.

Der Lampenschein fiel auf seine angegraute Schläfe. Wie vom Pflug gekerbt lief die Falte auf seiner Stirn.

Es klopfte.

Ein Diener fragte im Auftrage Doktor Engelhardts, ob Ingold nicht hinüberkomme.

Er stand auf und sagte, er käme. Er hatte Engelhardts Einladung ganz vergessen.

Seit Ruths Heirat und dem Tode des Vaters waren sie sich näher getreten.

Langsam legte Hanns den Weg zum Kloster zurück. Es waren nur wenige hundert Schritte. Der Nebel war so dicht, daß er sich wie feuchtes Schleierwerk um Ingold legte.

Engelhardt kam ihm auf dem Flur entgegen.

251 »Wollen Sie ins neue Jahr hinüberarbeiten?« fragte er vorwurfsvoll.

»Da es kein Abschnitt ist für mich, wäre das eigentlich das Richtige,« entgegnete Hanns.

»Kein Abschnitt? Kommen Sie herein, wir wollen auch für Sie die Jahreswende zu einem Abschnitt machen.«

Die Stube lag im sanften gelben Schein der altmodischen Lampe. Es standen mehr Möbel darin, als hineingehörten; Engelhardt wollte sie um sich haben, denn sie hielten ihn warm, wie er zu scherzen pflegte. Ein echt russischer Samowar, den ihm eine dankbare russische Patientin geschenkt hatte, stand auf einem niedrigen Tisch am Kamin. Die Holzkohlen glühten, das Messing blitzte, und ein Duft von Zigaretten war im Zimmer.

»Rauchen Sie? Das schadet Ihnen doch?« fragte Hanns Ingold und schlug unwillkürlich seinen Befehlston an.

Engelhardt lachte, gab aber keine Antwort, sondern sagte:

»Jedenfalls rauchen Sie,« und hielt ihm Zigaretten und Zigarren hin.

Dann drehte er den adlergekrönten Hahn und ließ den Teegrog in die Gläser laufen.

Es war still, die Zigarre spann blaue Fäden, die Holzkohlen knisterten.

Engelhardt fuhr sich in die Mähne, blickte auf die Tür, die in sein Schlafzimmer führte, räusperte sich und begann:

»Ja, Hanns Ingold, nun geht auch dieses Jahr zu Ende. Es ist kein Abschnitt, sagen Sie. Ich verstehe, Sie zählen nach Bauetappen. Sie haben Ihre eigene Rechnung.«

Ingolds wildes stürmisches Drängen war einem ernsten, rastlosen Schaffen gewichen.

»Ja,« antwortete er. Es klang schroff, beinahe abweisend.

252 Da beugte Engelhardt sich vor und legte ihm die Hand aufs Knie.

»Wir sitzen jetzt fast anderthalb Jahre hier allein und haben uns als Männer, die einmal hart aneinander geraten sind, vertragen. Ich könnte Ihr Vater sein – fahren Sie nicht auf –, es soll keine Anspielung sein, Ingold. Ich habe ein Mandat zu erfüllen.«

»Ein Mandat!«

Mißtrauisch schnellte Ingold auf.

»Ja, halb hab' ich es mir selbst genommen, halb übertrug es mir jemand, der zwischen uns sonst nie genannt wird.«

»Ruth!« wollte Ingold rufen, aber er drängte den Namen zurück. Härter kantete sich sein Gesicht, trotzig hob er den Kopf.

»Ich wüßte nicht, was für eine Forderung Sie mir zu überbringen hätten, Doktor Engelhardt!«

Der Spott gehorchte ihm nicht, es klang wie eine Drohung.

»Keine auf Säbel oder Pistolen! Ich habe nur eine Frage an Sie zu richten. Und die lautet: Wollen Sie wieder so in das neue Jahr hineingehen, soll es wirklich kein Abschnitt sein? Wollen Sie Ihrem Bruder wirklich nachtragen, was der arme Junge damals in Zorn und Schmerz gesagt hat, als er zum Begräbnis kam, mitten aus dem Examen heraus? Wollen und können Sie das, Ingold?«

Fahl wurde Hanns Ingolds hageres Gesicht. Mit einem Ruck schleuderte er die Zigarre in den Kamin und setzte sich gerade. Die Finger um die Armstützen des Sessels gekrampft, antwortete er hart und eintönig:

»Der Junge hat mich Mörder genannt, Doktor Engelhardt.«

»Ich weiß es, Ingold, aber können Sie das nicht begreifen, nicht verzeihen? Kommt es denn darauf an, wie Sie dieser aus allen Vernunftschranken herausgerissene, leidenschaftliche und prächtige Bursch genannt hat, oder darauf, wie es ist?«

253 Kaum hatte Engelhardt die unkluge Alternative aufgestellt, da sprang Hanns Ingold auf die Füße. Und die Fäuste an die Schläfen pressend, schrie er in plötzlich ausbrechendem, jahrelang unterdrücktem Schmerz:

»Das ist's ja gerade! Ich bin's ja, er hat ja recht gehabt! Nur hätte er es mir nicht ins Gesicht werfen dürfen! Ich weiß ja, daß ich's bin! Ich habe den alten Mann um seine Wasserweide gebracht, ihm den Stuhl fortgezogen, ihm die Welt umgekehrt, ihn ins Grab gestoßen! Lassen Sie mich reden, Engelhardt. Ich weiß, was ich sage. Ich bin ganz ruhig, ganz klar. Aber sehen Sie, es ist nicht anders. Ich muß mein Werk tun. Es reckt sich schon, es wächst, ich spür's, wie es aus mir heraus ins Lebendige wächst. Das war ja alles tot hier, und ich, ich will sie lebendig machen, die alte Heimat, sie wird nicht geschändet, der Rhein nicht geschwächt, wenn hier die Enge gesprengt wird und das riesige Werk das Wasser zum Dienst zwingt. Erst wenn er gefesselt wird, der wilde Strom, werden ja seine lebendigen Kräfte frei!«

Aufgepeitscht von Gewissensqualen stand er und streckte bei den letzten Worten die Hände aus, als müßte er Zeugnis ablegen für sein Werk.

Engelhardt wandte die Augen von ihm ab. Er spürte den Unterschied im Wesen dieses Menschen und so vieler, die ohne inneren Antrieb bauten und frönten. Er achtete das Selbstbekenntnis des glücklosen Mannes und wollte ihm Zeit gönnen, sich zu fassen.

Und er dachte an Ruth und an ihre Liebe zu Hanns Ingold.

Ein Geräusch ließ ihn aufblicken.

Ingold war von ihm weg ans Fenster gegangen und preßte die Stirn an die Scheibe.

Draußen stiegen langsam die Nebel.

Und Doktor Engelhardt konnte nicht anders, er mußte zu Worten formen, was an Gedanken in ihm nach Ausdruck rang. Er tat es wie im Selbstgespräch.

254 »Sie haben keine Wahl mehr, Hanns Ingold. Sie sind der Vollstrecker Ihres Werkes. Es muß Menschen geben, die sich in einem großen Werk vollenden. Der Gedanke lag in Ihnen, ehe er in Ihr Bewußtsein schoß. Und ihm haben Sie das Weib geopfert wie den Vater.«

»Ich habe Ruth sehr lieb gehabt,« kam es leise vom Fenster her.

»Ja, aber innerlich stand Ihnen Ihr Werk immer höher als diese Liebe, und deshalb ist es gut, daß das Mädel stark genug war, Ihnen zu entsagen.«

Hanns Ingold starrte schweigend in die aufhellende Nacht. Licht vom Himmel sickerte durch den Nebel.

Nach einer Weile ermannte sich Engelhardt und stand auf. Einen Augenblick überlegte er noch, dann ging er schwerfällig, von der Aufregung wie betrunken, zur Nebentür und öffnete sie.

Er gab seiner Stimme einen festen Klang und sagte laut:

»Hermann Ingold, kommen Sie zu Ihrem Bruder!«

Ein Ruck riß den Mann am Fenster herum. Er fühlte sich gefangen und seines Willens beraubt, und das war gegen seine Natur. Schon hob er den Fuß, um das Haus zu verlassen. Verflogen war alle Weichheit, nichts geblieben als seine eiserne Stoßkraft und sein rücksichtsloses Niederzwingen jedes Widerstandes.

Niemand hielt ihn auf. Er war schon bis in die Nähe des Kamins gekommen.

Hier stand Engelhardt.

Als Hanns Ingold an ihm vorbeigehen wollte, hob er die Hand und wies stumm auf die Nebentür.

Unwillkürlich folgte Hanns dem Wink mit den Augen.

Dort stand sein Bruder, schlank aufgeschossen, das schmale Gesicht von ebenmäßiger zarter Blässe, das nachgedunkelte wellige Haar von einem bronzefarbenen Schimmer überglänzt. Er war nicht über die Schwelle getreten. In seinen Zügen lagen Scham, Stolz, Sehnsucht und Trotz in einen ergreifenden Ausdruck gegossen.

255 Und als er nun den zuckenden Mund zu einer unsicheren Anrede öffnete, ohne das richtige Wort zu finden, als eine undeutbare Ähnlichkeit in seiner Erscheinung plötzlich an den Vater, nein, an die Mutter erinnerte, da wandte sich Hanns mit einem Griff nach der Kehle, in der ihn etwas zu würgen drohte, um und ging langsam, wie blind, in die Fensternische zurück. Das Fenster schütterte leise, so schwer sank seine Stirn an die Scheibe.

Hermanns Antlitz verlor die klare Blässe, er spürte, wie ihm ein dunkles Gemisch von Blut und Tränen, dessen er sich schämte, aus dem Innern stieg.

Da machte Engelhardt eine energische Handbewegung und forderte ihn mit fuchtelnden Gebärden auf, zu dem Bruder hinzugehen. Und als Hermann zögerte, fuhr er sich mit beiden Händen in die Haare und mimte eine Rede, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen ließ.

Endlich löste sich Hermann vom Türrahmen und ging erst langsam, dann schnell und schneller zu Hanns hin.

Noch einen Augenblick letzter Überwindung und sein Arm legte sich scheu um die Schulter des Bruders.

Sie sprachen kein Wort, standen regungslos und blickten in die Nacht.

Irgendwo in der Ferne, in den Gassen von Rheinau wurden zur Begrüßung der Jahreswende Petarden abgebrannt. Bei dem dumpfen Knall schrak Hanns zusammen, fester umschloß Hermanns nervöser Griff seine Schulter.

Doktor Engelhardt ließ den Teegrog in die Gläser laufen und verschüttete dabei die Hälfte, denn er vergaß immer, zur richtigen Zeit den Hahn zu drehen.

Am anderen Tag schrieb er seiner Tochter einen Brief, in dem er beiläufig erwähnte, daß er mit Hanns und Hermann Ingold Silvester gefeiert und daß die Nacht schon dem Morgen die Hand gereicht hätte, als sie zu Bett gegangen wären.

Ruth Xylander lächelte still bei dem Lesen dieser Zeilen, und eine Weile vergaß sie ihre Umgebung und dachte an die Heimat und die Vergangenheit.

256 Aus unendlicher Ferne hoben sich Gestalten, um wieder zu versinken.

Der rasche Gang des Berliner Lebens mit den gesellschaftlichen Verpflichtungen war ihr schnell geläufig geworden. Sie hatte ihre Wahl nicht bereut, aus einem Gefühl der Selbstbehauptung nicht bereuen dürfen; und wenn auch ihre Ehe kein Glücksrausch war, sondern ein gemeinsames Leben, in dem jeder für sich noch Gefühle und Erinnerungen hütete, die er mit dem anderen nicht teilte, so war Ruth doch dieses Lebens froh, denn es hatte ihr ein Kind gegeben.

Als sie dem Großvater in Rheinau im Februar die Photographie schickte, auf der das neun Monate zählende Fräulein Elisabeth Luise Henriette Xylander mitten auf dem Perserteppich saß, von einem steifbeinigen wolligen Schaf und einem lebendigen Foxterrier begleitet, lachte Doktor Engelhardt, daß es ihn schüttelte.

»Das Bild ist bei uns an der Schaperstraße aufgenommen. Das Schäfchen ist von Mama, der Fox von Gerhart, der neue alte Perser von Schwiegerpapa und das Kind von mir. Jedes bestand darauf, daß sein Beitrag auf die Platte komme.«

Er hätte den Brief gern jemandem vorgelesen, um seine Großvaterfreuden nicht für sich allein behalten zu müssen, aber er konnte weder dem kranken Lombarden im Lazarett, noch Hanns Ingold davon erzählen, und Hermann Ingold, dem er es am Ende trotz seiner Jugend noch erzählt hätte, war nicht in St. Joseph, sondern in Berlin und studierte.

Zuweilen kam eine Postkarte von ihm, und als es sich traf, daß kurz nach dem Eintreffen des Bildes wieder eine kam, schrieb Engelhardt auf einer anderen zurück: »Sind Sie jetzt endlich bei meiner Tochter gewesen?«

Aber Hermann Ingold ging trotz dieser ungehaltenen Frage nicht zu Ruth Xylander.

Er war einmal bis zur Haustüre gelangt, doch die lag hinter zwei Säulen, war geschnitzt und vergoldet, 257 ließ einen roten Plüschläufer auf Marmorstufen erkennen und gefiel ihm gar nicht. Er kehrte um und ging zurück nach Moabit.

Einmal glaubte er, sie gesehen zu haben. Das war, als er abends im Gedränge vor dem Königlichen Opernhaus festgeklemmt stand und die Kraftwagen die spiegelnde Auffahrt heraufschossen und ihre Insassen abgaben. Ein Herr sprang heraus, den er nicht beachtet hatte, denn der blitzende Schnallenschuh, der dann den Boden suchte, war ihm wichtiger gewesen, und da hatte er unter der Seidenkapuze ein bekanntes Profil erblickt, eine ihm eigentümlich vertraute Bewegung beim raschen Schreiten im enggespannten Kleid wahrgenommen – und das war alles gewesen.

War es wirklich Ruth? Oh, wenn es auch Frau Ruth Xylander gewesen war, Ruth war es nicht mehr. Und Hermann Ingold, der mit ihr den Hecht gefangen in der Mondnacht auf dem blanken Rhein und ihr das Gedicht auf die kleine Lo vorgelesen hatte, ging nicht zu ihr über die Marmortreppe in Berlin.

Einmal dachte er auch an die kleine Lo. Er schlug im Adreßbuch nach, doch darin standen siebenundvierzig Manderfelds. Damit war sein Interesse erschöpft.

Er studierte. Und die Geologie erlaubte ihm sogar zu dichten. Er hätte auch gern einem jungen Mädchen sein Herz zum Aufbewahren oder zum Austauschen gegeben. Aber er fand unter den unzähligen hübschen Kindern, die ihm jeden Tag über den Weg liefen, kein einziges, das auf die unausgesprochenen Wünsche seiner zwanzig Jahre Rücksicht nahm. Nie war er so einsam gewesen als in dem großen Berlin, von dem er nur den Weg von der Calvinstraße über die Brücke zur Universität und in die Laboratorien und hinaus zur Bergakademie kannte.

So fand ihn Hanns, als er anfangs März zu einer Sitzung des Aufsichtsrates und einer Besprechung mit den Xylanderschen Werkstätten nach Berlin kam.

258 Da lernte Hermann, ohne von dem vielbeschäftigten, in steter Anspannung lebenden Bruder zu Vergnügungen und Entdeckungsfahrten der Weltstadt verführt zu werden, Berlin kennen. Er sah Berlin eigentlich jetzt erst, wenn er mit Hanns die Linden hinunterging, die Friedrichstraße entlang schritt, vom Automobil in die Bahn stieg, heute im Spreetunnel die Aushöhlungsarbeiten der Untergrundbahn, morgen in den Werkstätten Xylanders die gewaltigen Turbinen und Motoren im Bau sah. Das war das neue Berlin, über dem am Abend der Himmel grau und lachsfarben hing, eine Atmosphäre, die von Dampf, Rauch und Lichtwirbeln, vom Schweißgeruch der Arbeit und vom Puderduft der Üppigkeit ihre besonderen Spiegelungen und Gerüche empfing.

Hermann ging aufrecht und scheinbar unbewegt durch diese Welt, aber innerlich geriet alles in Unruhe und Sehnsucht. Das Leben kreiste um ihn her, er schwamm in dem fessellosen Strom, tat, als wäre er der beste Schwimmer, und fühlte doch, wie ohnmächtig er war, und wie hungrig, wie durstig, aus Scheu stolz, und zu furchtsam, nach der Erkenntnis zu greifen, deren Äpfel ihn zugleich reizten und schreckten.

Hanns Ingold hatte keinen Blick für den Kampf, in dem Hermanns Jugend stritt. Das einstige Verhältnis schwärmerischer Hingabe des Jüngeren an den Älteren war längst dahin. Aus dem Knaben war ein Jüngling geworden, der zum Manne reifte, und aus dem Mann, der seinen Schöpfungsdrang in rücksichtslosem Kampf gegen eine Welt erprobt und sein Werk durchgesetzt hatte, ein großer Rechner und selbstherrlicher Werkbauer, dessen herrische Natur sich immer mehr abschloß. Noch ein Festessen im Kaiserhof, und sein Berliner Aufenthalt war zu Ende.

Er hatte noch mit den Banken in Frankfurt und Karlsruhe, in Mannheim mit den Eisenkonstrukteuren zu tun, dann wollte er wieder nach Rheinau zurückkehren, wo jetzt die Höchstzahl von Arbeitern eingestellt wurde, 259 um die Turbinenanlage und Schleusenwerke fertig zu bauen und den gesprengten Lauffen auszumauern.

»Hast du einen Frack, Hermann? Nicht? Dann zum nächsten Konfektionär! Du kommst doch mit zu dem Klimbim.«

Hermann wäre gern gegangen, die Aufnahme neuer Sensationen reizte sein empfängliches Wesen. Und er wußte, daß es ein Jubiläum der elektrischen Industrie galt, bei dem die großen Kapitäne zu sehen waren. Aber er kehrte den Unbeteiligten hervor und entgegnete: er wäre ja gar nicht eingeladen.

»Wenn ich dich mitbringe, bist du eingeladen,« antwortete Hanns kurz.

Als sie angekleidet waren, musterte er den Jüngeren, der im Frack noch ein bißchen unbeholfen mit den Armen schlenkerte. Und auf einmal durchfuhr es ihn, daß sie Ruth Xylander begegnen würden.

Scharfer Nordost fegte die Straßen, die Lichter blitzten und sprühten, der Asphalt spiegelte, in den blassen gespannten Gesichtern der Menge standen die Augen größer als sonst.

»Wenn Frau Xylander dich begrüßt, mach' deinen Knicks,« raunte Hanns dem Bruder zu und ging ihm rasch voran in den Saal.

Er hatte sich mit der Mahnung an seinen Bruder selbst Haltung geben wollen.

Es war das erstemal, daß Hanns Ingold und Ruth Xylander zusammentrafen.

Ruths Hochzeit war wenige Tage nach dem Tode seines Vaters gefeiert worden, und nun saß er, nur durch ein paar Kristallkelche und Tafelaufsätze von ihr getrennt, mit ihr am gleichen Tisch.

Gerhart Xylander saß seiner Frau gegenüber.

Ruth wurde von dem Geheimen Kommerzienrat Hellerau, ihrem Tischherrn, nicht viel in Anspruch genommen. Der aß, als müßte er in einer Viertelstunde zur Bahn.

260 Ihr Schwiegervater saß rechts von ihr.

»Famoser Kopf,« sagte er und deutete zu Hanns Ingold hinüber, dessen bartloses, scharfgekantetes Gesicht aus den weicheren Typen herausstach.

Ruth schaute hin, und ihre Blicke kreuzten sich.

Er neigte grüßend den Kopf.

Der Brillantstern in ihrem blonden Haar zitterte. Langsam wanderten ihre Augen die Tafel entlang.

Hermann Ingold saß bei den Berichterstattern. Dort hatte Hanns ihn neben einem Landsmann untergebracht.

Beklommen saß der junge Fuchs, und als der Salm aufgetragen wurde, schoß ihm plötzlich das Wasser in die Augen. Er konnte nicht davon essen. Er hatte an den Fischmeister von Rheinau denken müssen, mit dem er als Knabe die Wasserweide des grünen Rheins befahren und die Lachswage geschwenkt hatte.

Und dann erblickte er Ruth. Auf einmal, durch Lücken, die sich von ungefähr gebildet hatten.

Der Geheime Kommerzienrat Hellerau hatte sich gerade zu einer Rede erhoben.

Da sah Ruth, die zerstreut im Saal umherblickte, in ein blasses, entrücktes Jünglingsgesicht. Und auf einmal lief ihr eine rosige Welle über die weißen Schultern – das war Hermann Ingold, die Heimat, die Jugend!

Sie lächelte ihm zu. Er wagte kaum zu atmen.

Doch als die hastige, schnarrende Stimme Helleraus zum Trinkspruch kam, faßte er seine Sektschale wie eine Fackel und hielt sie hoch über den Kopf, ehe er sie leerte.

»Sie üben wohl Keulenschwingen,« näselte sein Nachbar, dem er dabei die Notizen über den Haufen gestoßen hatte.

Gerhart Xylander trat nach Aufhebung der Tafel zu seiner Frau.

Es war ihr bis jetzt noch nie so aufgefallen, daß er ihr gegenüber gleichgültiger geworden war. Heute hatte sie dafür ein feineres Empfinden oder mehr Aufmerksamkeit.

261 Einen Augenblick kam das Gefühl einer großen Leere, einer unerfüllt gebliebenen Sehnsucht über sie. Sie zwang es nieder.

Und dann stand Hanns Ingold ihr gegenüber. Aber er hatte den Bruder bei sich und machte das Wiedersehen kurz.

Als ihre Hände sich berührten, zog Ruth die ihre rasch zurück, damit er sie nicht küsse. Es wäre ihr ein unerträgliches Gefühl gewesen, wenn seine Lippen im konventionellen Kuß ihre Hand gestreift hätten. Sie hatte diesen gepreßten Mund, der jetzt so hart gewinkelt war, mit ihren Mädchenlippen geküßt und wollte nicht, daß Hanns Ingold ihn nun auf ihre Hand drückte.

Hanns faßte ihr Zurückweichen anders auf und trat stumm zur Seite.

Xylander, für den die Begrüßung ohne Bedeutung war, sprach ihn an. Er hatte im Besitze Ruths den Kampf um sie schon vergessen. Das angespannte moderne Erwerbsleben mit seinen tausend Vibrationen, das ihn wie alle vorwärtspeitschte, war innerlichen Dingen nicht günstig. Solange Ruth als das anmutige Geschöpf vor seinen Augen gestanden hatte, in dessen Anblick und Nähe er dem tätigen Leben zurückgegeben worden war, solange war auch sein Inneres von ihr beherrscht und angezogen worden. Aber nun war sie seine Frau, und er hatte für die Pflege und Entfaltung seines und ihres Seelenlebens wirklich keine Zeit mehr. Der gewaltige Strom des neuen deutschen Lebens, das alle Energien auf einen Punkt lenkte und Reichtümer wälzte, riß ihn mit sich fort.

An Ruths entblößtem Hals glänzten die Perlen, und die Hand, die Hermann Ingold krampfhaft festhielt, ohne daran zu denken, daß er sie wieder loslassen müßte, war mit köstlichen Ringen geschmückt.

Ruth befreite ihre Finger mit sanfter Gewalt.

Sie sprach, und nun wußte Hermann, daß es doch noch Ruth Engelhardt war.

262 Lächelnd fragte sie ihn nach dem Stande der Geologie, und er versicherte, daß diese treffliche Wissenschaft sich sehr wohl befände.

Dann trug sie ihm Grüße auf an ihren Vater und an Rheinau, und auf einmal war er von ihr weggedrängt, er wußte selbst nicht recht wie, aber er erhielt von einem Diener Kaffee, Chartreuse und Zigaretten angeboten und bediente sich mit einer weltmännischen Haltung, die er vor einer Viertelstunde noch an anderen neidisch bewundert hatte.

Hanns Ingold sprach Ruth nicht mehr an.

Wenn sich ihre Augen trafen, hob sich die Brust der schlanken Frau höher, und einmal verlor sich ihr Blick in einem raschen Streicheln seines Gesichtes, und sie sah, wie er die Brauen zusammenschob, als müßte er einer schmerzlichen Erinnerung Herr werden. Sie kannte diese Sprache, und im hellen Saal verschwamm einen Herzschlag lang alles vor ihren Blicken.

Als Hermann Ingold vierzehn Tage darauf Engelhardt die Grüße seiner Tochter überbrachte und von dem Fest erzählte, wo er sie getroffen hatte, sagte Engelhardt trocken:

»Sie haben sich wohl in sie verliebt, Sie Geolog, Sie!«

»Doktor Engelhardt!« stieß Hermann vorwurfsvoll hervor und hatte plötzlich die tiefen, wissenden Augen eines reifen, in den Schmerzen anderer erfahrenen Menschen.

Und Engelhardt schüttelte unzufrieden mit sich selbst die graue Mähne.

Sie saßen auf der Terrasse von St. Joseph, wo die Sonne wärmte und ein halbes Dutzend Arbeiter und Beamte des Werkes als Genesende gebettet lagen, und blickten nun in ernstem Schweigen auf die mächtigen Bauten am glitzernden Strom.

Es war Mittagszeit, und die Arbeiter füllten in langen Kolonnen die Wege, die von der Uferanlage zur Vorstadt heraufführten.

263 Hermann Ingold streifte in den nächsten Tagen oft den Rhein hinauf.

Die gedeckte Brücke wurde abgetragen, aber weiter stromaufwärts lag der Rhein noch in seiner unberührten Schönheit. Hermann fand auch die gelbe Schilfhütte noch am Altwasser und setzte sich in ihr fest, um hier zu lesen und zu dichten.

Eines Tages ging er schon vor Sonnenaufgang hinaus. Die Morgendämmerung eines Frühlingstages hing noch um das waldige Stromtal. Ein Reiher stieg mit rauhem Brunstschrei aus dem Uferwald, im Erlengebüsch balgten farbenprächtige Fasanenhähne, und am Waldsaum wurden Rehe flüchtig.

Der Himmel begann das sanftglänzende Opal in Perlmutter zu verwandeln, bis aus lachsfarbenen Dünsten der Sonnenkern emporstieg. Wohlig schauderte die Haut in der frischen Morgenluft.

Hermann hatte bis zum Steinbruch am Heidenbuck gehen wollen, wo die letzten Schürfungen merkwürdige Versteinerungen bloßgelegt hatten.

Da regte es sich im Weidengebüsch des Altrheins, und er sah eine Angel aus den Stauden ins Wasser ragen. Gleich darauf stieg ein silbernes Fischlein wie an einer Gummischnur aus dem Wasser und zappelte in den Busch. Und schon neigte sich die blanke Gerte abermals über den Spiegel, um sofort wieder mit einem spannenlangen Flosser an der Angel zu verschwinden.

Im Bogen umging Hermann den Raubfischer und schlich sich von hinten an ihn heran.

Und dann stand er verwundert still. Vor ihm lag, in die Knie gedrückt wie ein indischer Fakir, ein Mädchen und hatte neben sich in einem Blechkessel ein Dutzend kleine Weißlinge schwimmen. Sie schlugen noch mit den Schwänzen, und nur einer trieb mit dem Silberbauch nach oben. Eben zog sie schon wieder die Angel ein, stieß dabei dem Lauscher den Stock ans Schienbein, befreite mit sicherem Griff den armen Grätling von dem 264 Haken und warf ihn in den spritzenden Topf. Nun tunkte sie den Haken in den weißen Brotteig, den sie im Schoß in einem feuchten Tuch aufbewahrte, und schob die Gerte wieder auf den Wasserspiegel hinaus.

Als sie den Angelhaken frisch besteckt hatte, waren Nacken und Wangenlinie sichtbar geworden. Wie Elfenbein glänzte der Nacken unter dem bunten Tuch, das sie über der Brust gekreuzt trug. In den kleinen Ohren glühte das rosige Blut, denn die Sonne warf ihren ersten Strahl durch das dünne Weidenlaub. Von Blütenstaub gelb gepudert lagen ihre schwarzen Haare an den geäderten Schläfen.

Hermann Ingold prüfte und bewunderte das alles mit der Gründlichkeit eines Malers, der schon die Leinwand ausgespannt hat.

Da blickte sie auf und entdeckte den Lauscher.

Sie warf den Blick über die linke Schulter, den Kopf emporgewendet, daß ihre dunklen Augensterne ihn von unten her anstrahlten. Ein sinnliches Lächeln zog um ihre vollen Lippen. Sie war kein Kind mehr. Eine Italienerin, eines jener frühreifen, frühwelkenden Arbeitermädchen, die in Napoli die Wäsche und die Bratpfanne schwenkten und am Sonntag in frischgestärkten Kleidern mit gebauschtem Haar, eine Blume oder einen Filigranpfeil hinter dem Ohr, mit den Burschen die Landstraße hinabschlenderten. Ihre Brust schlug in vollen Wellen. Es war das Lächeln eines Weibes, das den Lauscher im voraus für alle Fälle entwaffnen will.

Und Hermann Ingold streckte die Waffen, die der Fischersohn schon gezückt hielt, um sich über den Fang der kleinen Grätlinge zu entrüsten, und fragte, indem er auf den Kessel deutete:

»Kann man denn die armen Dinger überhaupt essen?«

Sie lachte, ihre Zähne glänzten, und »Frittura« schrie sie, leckte sich unwillkürlich die Lippen mit der roten Zunge und zog einen neuen Fingerling aus dem Wasser.

265 Diesmal verfing sich der winzige Angelhaken in ihrem Brusttuch. Sie mußte es abnehmen, und dann mußte Hermann ihr noch sein Taschenmesser leihen, denn sie schnitt lieber ein Stück aus dem buntgewebten Halbseidentuch, als daß sie die Angel preisgegeben hätte.

Ihr glatter, wie Elfenbein getönter Nacken lag bloß, dicht aneinandergerückt lösten sie das Häkchen aus dem widerspenstigen Stoff. Und dann blieb Ingold neben ihr sitzen und sah zu, wie sie fing. Aber mit der steigenden Sonne nahm der Fang ab. Die Silberblitze, die beim Eintauchen des Köders das grüne Wasser durchzuckt hatten, blieben aus, der Teig zog Fäden und ließ die Angel leer.

Sie erzählte ihm in einem Gemisch von Italienisch und Schweizerdeutsch, das so ölig war wie eine Frittura, daß man vor der Sonne anfangen müsse, und lehnte sich zutraulich an ihn. Der Zwiebelduft, den sie mit sich trug, störte ihn nicht. Er wollte ihr eine Tafel Schokolade schenken, die er als Notration in der Tasche hatte.

Mit einer Grimasse lehnte sie ab. Sie war bis vor einem Vierteljahr in einer schweizerischen Schokoladenfabrik gewesen und konnte den Duft nicht mehr ausstehen.

Auf seine Frage, wie sie heiße, antwortete sie mit feuchten Lippen »La Golosa«, und dann küßte er sie auf den Nacken.

Sie lachte, schlüpfte in die Holzsandalen, knüpfte ihr Tuch, versteckte die Angel und ging mit ihrer Beute davon.

Von der Lauffenbrücke her rollte das Echo der letzten Sprengung. Die mächtigen Dampfsignale der Trockenbagger riefen zur Aufnahme der Arbeit. Erschrocken verstummte der Kuckuck im nahen Wald.

Hermann Ingold fand den Weg am nächsten Tage wieder.

Der Frühling rauschte in seinem Blut, und sein erstes Abenteuer schlug wie eine rote Flamme über ihm zusammen. Er schenkte ihr eine silberne Halskette und 266 große vergoldete Ohrringe. Sie warf die kleinen silbernen, die schon gelbe Rändchen hatten, achtlos ins Wasser, als er ihr die neuen brachte.

Wo sie wohnte, zu welcher der malerischen, mit dem Wachsen des Werkes langsam zerfallenden Baracken von Napoli sie gehörte, wußte er nicht. Er dachte nicht so weit. Für ihn war sie nur am Altwasser und in der Fischerhütte vorhanden.

Als er ihr einmal auf dem Platz vor dem Direktionsgebäude begegnete und schon in froher Überraschung aufleuchtete, ging sie gleichgültig, ohne ihn zu kennen, an ihm vorüber.

Zwischen den Gruppen aufgeregter Männer hindurch, die heute dichter als sonst auf dem Werkplatz standen und wild schrien und gestikulierten.

Ein hagerer, schwarzbraun gebrannter Bursch mit ein paar Pulvernarben im Gesicht und auf der Brust, die kleine, bläuliche Schönheitsflecken bildeten, rief ihr etwas zu. Sie zuckte geringschätzig die Achseln, streckte die Finger gegen ihn, als wollte sie sich vor dem bösen Blick schützen, und ging weiter.

Da deutete der Wilde auf Hermann Ingold und schrie ihr ein paar unverständliche Worte nach.

Hermann war unwillkürlich stehen geblieben. Er fühlte, wie ihm das rote Blut die Wangen färbte.

Drüben wehrte sich der andere gegen seine Genossen, die ihn festhielten und auf ihn einsprachen.

Vom Ufer schrie die Sirene und mahnte zur Arbeit.

Als Ingold durch das neue Gitter trat, das seit vierzehn Tagen den Hof des Direktionsgebäudes und dieses abschloß, legte Joseph Hotz hinter ihm die Sperrstange vor.

Dabei sagte er in tiefen Kehltönen:

»Die sind zum Streik aufgelegt. Seit die Karbonidfabrik im Bau ist, spukt's da herum. Jetzt ist eine Versammlung im »Salmen« angekündigt. Wegen des Lohnes für die Nachtarbeit. Mich tät's nicht wundern, wenn morgen der Spektakel losgeht.«

267 Hermann hörte zerstreut zu.

»Was hat denn der von mir wollen?« fragte er hastig.

Joseph zog den Gärtnerschurz fester und blinzelte ihn gutmütig an.

»Ja, das donnert aus einem anderen Eck. Ich rat' Euch wohlmeinend, lasset die Donzella mit ihren Stöckeln klappern so viel sie will, das Messer sitzt den braunen Burschen schneller in der Hand, als unsereinem ein Stecken.«

Hermann wollte aufbrausen.

»Ich hab' nichts gesagt, Herr Ingold,« beschwichtigte ihn der Alte. »Aber wir haben zusammen mit dem Chassepot auf die Elstern geschossen – ja, ja. – Es ist schon ein paar Jahre her. Die Schwarzhaarige, seht Ihr, die ist nicht besser als eine Elster. Nichts für ungut.«

Aus allen Himmeln gestürzt, der Wirklichkeit in hartem Aufschlag wiedergegeben, ging Hermann Ingold ins Haus.

Er hatte die letzten Tage wie im Traume und in einer Welt gelebt, die er sich selbst aufgebaut hatte. Auf einmal war alles anders. Alles vorbei. Er sah das Mädchen am Abend vom Fenster aus. Langsam kam sie, sich in den Hüften wiegend, zwischen den Männern hindurch über den Platz und schälte mit hurtigen Fingern eine Banane.

Während sie hineinbiß, warf sie einen Blick zu den Fenstern hinauf. Und Hermann sah sie, wie sie war, ohne den romantischen Zauber, den er selbst über sie ausgegossen.

Da schämte er sich und verkroch sich, lehnte die Arme auf den Tisch, die Stirn auf die Arme und weinte vor Wut, Scham und Schmerz um die entweihte Liebe und verstand die Welt nicht mehr.

In der Nacht wurde er durch das Feuerhorn aus unruhigem Schlaf geschreckt.

Hanns Ingold war schon auf und stand am Telephon. Er hörte den Jungen aus dem Bett springen und rief:

268 »Bleib nur liegen, es ist nur die alte Schilfhütte am toten Rhein!«

Hermann lief ans Fenster und lehnte sich über den Balkon. Es war im dritten Stock, und der Blick ging weit hinaus über die Au, den Rhein und das Dächerhäuslein von Rheinau. Ein roter Brandschein im Hintergrund des Tales fiel eben in sich zusammen und ließ die Dächer des Städtchens noch einmal als schwarze spitze Schattenrisse auftauchen, ehe die Nacht wieder alles verschlang.

Aus dem Beet, das Hotz im Vorhof angelegt hatte, züngelte der Duft der Hyazinthen.

Am Morgen hieß es, die Hütte sei angezündet worden.

Und Hanns Ingold sagte mitten aus seiner Arbeit heraus, die schon am Frühstückstisch mit Korrespondenzen begann:

»Wir hätten sie selbst niederbrennen sollen, als der Vater tot war, damit das Volk nicht darin haust.«

Tief bückte sich Hermann über den Tisch und verbarg seine Blässe.

»Ja,« stieß er nach einer Weile hart heraus.

Um elf Uhr legten die Erdarbeiter und die Maurer die Arbeit nieder, nachdem die Bauleitung ihre Lohnforderung abgelehnt hatte. Um zwölf Uhr erklärten die Maschinisten und Monteure sich mit ihnen solidarisch. Die große Baggermaschine, die ohne Unterbrechung im Betriebe war, blieb um ein Uhr stehen und ließ den Dampf ab, ihr Stillstand war durch Drohungen erzwungen worden, vor denen der Ingenieur hatte weichen müssen.

Totenstille lag auf dem Werk. Als Hanns Ingold über den Bauplatz ging, wurde ihm zum erstenmal bewußt, daß auch der Lauffen nicht mehr rauschte. In glattem Schwall fuhr der Rhein die ausgesprengte Enge herab, in der die Felsenriffe verschwunden waren. Nur an den Gerüstpfeilern und Betonmauern des Werkes gurgelte die Flut.

269 Am Nachmittag fanden Verhandlungen statt, die zu keinem Ergebnis führten. Wie aus dem Boden gewachsen war ein Vertrauensmann der Arbeiter aus Freiburg erschienen, der den Sprecher machte.

Hanns Ingold wollte jedoch mit den Leuten selbst verhandeln.

Er ließ es ihnen sagen.

In dem Konferenzzimmer herrschte nervöses Schweigen. Doktor Alisch, der kaufmännische Direktor, rechnete die Differenzen aus, der Bürgermeister kaute an der ungewohnt schweren Zigarre, die Ingenieure standen im Erker und schauten durch die Rolläden auf den Platz hinunter.

Ingold schrieb.

Als er die Bedingungen formuliert hatte, ging er in sein Kontor und diktierte sie in die Maschine. Seine Stimme klang hart, die Tasten schlugen die Sätze wie mit kleinen raschen Hammerschlägen ins Papier.

Der Polizeiamtmann kam, auf dem Platz erschienen die Helme der Gendarmen.

Telegraph und Telephon spielten nach allen Seiten.

Es wurde Abend, und noch war keine Einigung erzielt. Der Maschineningenieur kam und meldete, daß die Kesselfeuerungen erloschen seien. An einer ungesicherten Mauerkante, wo der Strom wühlte, begann sich der feuchte Verputz zu lösen. Eine Stunde später stürzte eine Mauerecke ein.

»Wir können die Arbeitszeit nicht kürzen und zugleich den Nachtlohn erhöhen,« sagte Ingold. »Die Lohnerhöhung will ich gelten lassen, so gefährlich die Konsequenzen auch sind. Aber wir dürfen dem Wasser keine Ruhe lassen. Bis jetzt ist alles gut gegangen, denn der Rhein war ein Lamm. Wenn er Hochwasser führt, und wir sind nicht auf der Hut, zerreißt er uns das Werk. Wir müssen in diesem Jahr mit allen Flußkorrektionen fertig werden und mit den Hochbauten unter Dach kommen. Wir müssen!«

270 Farbige Dämmerung schien zu den Fenstern des Konferenzsaales herein.

Die Kontore waren leer. Hotz schloß das Gittertor und harkte die Wege. Das Scharren seines Rechens rief Hanns Ingold ans Fenster.

Da schrie in der Ferne das Signalhorn. Unwillkürlich traten alle an die Fenster. Hotz hielt inne mit Rechen.

Hermann Ingold kam mit Doktor Engelhardt aus dem Kloster, und auch sie stutzten. Alle meinten im nächsten Augenblick das Krachen der Sprengladungen hören zu müssen, obwohl sie genau wußten, daß gar nicht gearbeitet wurde.

»Also Sie wollen übermorgen schon abreisen, Hermann?« wiederholte Engelhardt seine Frage, als das Signal sich ohne Echo verloren hatte.

Sie standen im Hofraum des Direktionshauses vor dem runden Hyazinthenbeet, das zwischen dem Gittertor und dem Eingang seine bunten Kerzen reckte. Berauschend dufteten die Blumenfackeln in der warmen Frühlingsluft.

Da stieß das Horn noch einmal seinen kläglichen und doch so drohenden Schrei aus, und dann sahen sie zwischen den Baracken von Napoli hervor im fahlen Zwielicht die dunklen Arbeiterkolonnen herankommen.

»Hermann, siehst du vielleicht, was das Signal bedeuten soll?« klang Hanns Ingolds Stimme aus der Höhe.

»Sie kommen,« rief Hermann zurück, und oben wurde es still.

Hanns Ingold trat auf den Balkon hinaus.

Er blickte hinunter. Der Himmel wölbte sich als klare Kuppel, wie aus gehämmertem Goldblech, über dem Stromtal. Der Rhein schoß in einem mächtigen Strahl durch den ausgesprengten Lauffen der Aue zu. Die Wälder standen schwarz als starre Silhouetten im Licht.

Und schwarz ragten die Gerüste, die Maschinen, die Türme und Seilwerke aus der Tiefe der Aue, in der alle Umrisse zu verschwimmen begannen.

271 Hanns Ingold sah sie kommen.

Unter den Schattenstrichen der Schwebebahn hindurch, an deren Drahtseilen die mitten im Lauf stillgestellten Förderkörbe wie kleine schwarze Särge in der Luft hingen, kamen sie gezogen. Engaufgeschlossen, ohne Lärm, nur von einem leisen Murmeln und dem dumpfen schweren Tritt ihrer Marschkolonnen begleitet.

Ein Amtsbote erreichte noch vor ihnen das Tor und reichte ein Schreiben des Bezirksamts herein.

»Aufmachen und vorlesen,« rief Hanns hinunter.

Engelhardt schlug es auf, und Hermann rief hinaus, daß der Bezirksamtmann die Parteien zur Einigungskonferenz aufs Amthaus lade, Militär aus Freiburg sei unterwegs.

Es war zu spät. In den Männern, die da in breitem, immer breiter werdendem Zug auf den freien Platz drängten, saß verhaltener Zorn. Ihre Gesichter glänzten fahl in der gelben Dämmerung, die bunten Schärpen der Mineure und die blauen Blusen der Maschinenarbeiter stachen aus der dunklen Masse.

Sie waren angekommen, und plötzlich standen zweitausend nackte Fäuste steil in der Luft und drohten zu dem Balkon hinauf, wo Hanns Ingold den Zug erwartete.

Ein einziger rauher, brüllender Schrei zerriß die Schwüle und wälzte sich in erschauernde Ferne fort.

»Schickt die Sprecher herauf!«

Hell und scharf klang Ingolds Stimme aus der Höhe.

Unwillkürlich trat Engelhardt in die Gärtnerloge zurück, die im Winkel des Vorhofes lag. Joseph hantierte schon darin und suchte das Vorlegeschloß für das Tor.

Hermann Ingold war auf dem Hof stehen geblieben, gebannt von dem gewaltigen Anblick der wogenden Menge, aus der jetzt die wilden Rufe: »Nein, genug verhandelt! Wir wollen die Antwort holen,« wie Raketen aufstiegen. Sie standen vor dem Gitter, und dieses Gitter reizte sie.

272 Schon griffen nervige Fäuste in die Stangen und rüttelten daran. Helle Frauenstimmen kreischten auf und peitschten die Erregung noch höher.

Mit verbissenen Zähnen stand Hanns Ingold auf dem Balkon und blickte in die quirlende Menschenflut, die fessellos tobte, eine im Zwielicht kaum noch erkennbare Masse, aus der nur ein blasser Schein emporschlug und der Schweiß der erhitzten Natur mit den rauhen Stimmen zugleich heraufstieg.

Er hätte gern hinuntergerufen, daß er nicht um Lohn markte, wenn sie nur die Krahne drehten und die Mauern bauten, denn ihm galt das Werk alles, und sie waren nur Helfer zum Werke, aber er glaubte, daß er sich nichts abtrotzen lassen durfte, ohne des fessellosen Stromes Beute zu werden.

Er rief nicht, er wartete. Nur stehen bleiben, nicht den Kopf wegwenden.

Da klang das Horn noch einmal, und ein Teil der Menge setzte sich mechanisch wieder in Marsch. Die Spitze des Demonstrationszuges schwenkte nach der Stadt ab.

In diesem Augenblick flog ein Stein. Klirrend schlug er durch eine Scheibe des ersten Stockes. Und dann war auf einmal alles ein wilder Taumel, und während der Zug schon in Fluß geraten war, prasselte, von unbändigen Elementen, Pflasterbuben und Weibern geworfen, ein Steinregen und zerschmetterte jedes Fenster im Haus.

Der grelle Pfiff aus Hanns Ingolds Signalpfeife durchschnitt die Luft, aber die beiden Gendarmen waren in der Menschenflut untergetaucht, und schon spritzte die Sperrstange, von unten her mit geschicktem Griff aus der Klammer geschlagen, in die Höhe, und ehe Hermann Ingold, von dem Gewaltakt übermannt, wußte, was geschehen war, wälzte sich die Menge herein. Quer über die Hyazinthen stampfte ihre Wut.

Er sprang nach der Tür. Hanns! Sie wollten an ihn! In wilder Angst stemmte er sich ihnen entgegen.

273 »Hanns!« schrie er und warf den ersten zurück.

Ein Mädchengesicht – »La Golosa!« –, ein Fluch, eine Faust, ein Messer, und plötzlich brach er mit einem schrillen Schrei vornüber.

Und in den Schrei schmetterte wie Riesenpeitschenknall ein Schuß.

Dann ein Kreischen, ein Fall, ein Rennen und Flüchten, Glas knirschte, schrille Rufe, und aus der Ferne der dumpfe Gesang der abziehenden Kolonnen, die von dem tollen Wesen hinter sich nichts wußten.

Joseph Hotz kommt langsam, wie betrunken über die Scherben gestolpert, sein altes Gewehr am Riemen nachschleifend, und schließt mechanisch das Gittertor. Er hatte das Chassepot von der Wand genommen und abgedrückt – er weiß selbst nicht wie.

Hanns Ingold und Doktor Engelhardt waren zugleich zur Stelle.

Hermann lag vornübergefallen in den zertretenen Hyazinthen. Nicht weit von ihm ein Italiener auf dem Rücken.

»Gestochen,« sagte Hanns heiser, als im Schein eines elektrischen Taschenlichtes das entfärbte Gesicht und die Blutlache sichtbar wurden.

Auf langen Reißbrettern trugen sie die beiden ins Kloster hinüber.

Der junge Assistent verlor die Fassung, als er den Stich sah. Von unten nach oben war er in den Leib gedrungen.

Dem braunen Burschen war die Kugel quer durch die Schulter geschlagen. Er hatte das Bewußtsein nicht verloren.

Sie trugen Hermann Ingold ins Operationszimmer. Engelhardt ging mit.

Er hatte noch kein Wort gesprochen.

Die Reflektoren brannten, der weiße Raum war taghell.

»Sie müssen sofort anfangen, sofort,« sagte Engelhardt plötzlich zum Arzt.

274 »Sobald der Bezirksarzt da ist,« entgegnete der Assistent und versuchte die Wunde zu komprimieren.

Hanns wandte sich an Engelhardt. Sein Gesicht war starrer als das des Ohnmächtigen.

»Der Bezirksarzt ist in Waldshut.«

Die Worte fielen tonlos aus seinem Munde.

Engelhardt blickte ihn an, als habe er nicht recht gehört, warf einen zweiten Blick auf das Gesicht Hermanns, das schon ganz verfallen war, und riß auf einmal den Rock herunter.

»Gehen Sie, Ingold! Sie sind hier zuviel!«

Hanns ging. Mit Gewalt riß er sich auf, draußen wartete sein Werk.

»Vorwärts, Kollege, Sie assistieren!«

Das war nicht mehr der Kräuterdoktor, der schrullige alte Herr, ein anderer wuchs plötzlich aus ihm heraus und griff in die klirrenden Messer und Scheren auf dem gläsernen Tisch.

Eine Stunde später lag Hermann Ingold im ersten Verband, und Doktor Engelhardt ging langsam wie im Traum den langen Gang hinunter und hinüber in sein Studierzimmer, stellte sich vor das Ölbild seiner Frau, nahm dann die Photographie seiner Tochter in die Hände, betrachtete sie lange und spürte sein Herz nicht, trotzdem es in ungleichen Schlägen, bald rasch, bald erschreckend langsam an seine Rippen schlug.

Mitten in der Nacht, als die Verhöre und die Verhandlungen vorüber waren und Joseph Hotz von dem Hyazinthenbeet weg, wo er mit einer Laterne die zertretenen Blumen zusammenlas, in die Untersuchungshaft abgeführt worden war, kam Hanns Ingold und setzte sich in eine Ecke des Vorraumes von Hermanns Krankenzimmer.

Er konnte das weiße Bett sehen, an dem der Diakon wachte. Die Nacht war totenstill. Zuweilen ein Seufzer, ein Wimmern – sonst nichts.

Hanns Ingold war nicht mehr imstande, seine 275 Gedanken in Ordnung zu halten. Sein ganzes Leben lag durcheinander geschüttet. Erinnerungen kamen und gingen. Einsam war er, und nebenan lag Hermann, und um ihn schlich der Tod. Er dachte an Ruth, an Ruth Engelhardt, wie sie im Kahn gefahren waren, und wie sie Abschied genommen hatten, als er nach Ägypten ging, und wie er vor ihr niedergekniet war und sie zu ihm gehalten und an ihn geglaubt hatte, als niemand zu ihm stand, niemand als sie und der Junge mit dem schwärmenden Herzen, der jetzt dort drüben im Dämmerschlaf seine leisen Seufzer hauchte.

Einmal schlich er sich hin.

»Fräulein Ruth,« kam es wie eine Klage, kaum verständlich von den trockenen Lippen des Kranken, und seine heißen Hände irrten suchend über die Decke.

Da schlich er sich zurück und vergrub das Gesicht in den Händen und konnte es nicht hindern, daß es zwischen den Fingern feucht hindurchsickerte.

Gegen Morgen kam Engelhardt, um nach dem Kranken zu sehen. Als wäre er nie aus der Klinik herausgewesen, stand er im weißen Schurz als ein ganz anderer am Bett. Nicht mehr mit der erzwungenen Ruhe und der nervösen Gespanntheit, die er bisher nötig gehabt hatte, sondern wirklich ruhig und ausgeglichen. In seinem Gesicht lagen die Züge festgegossen.

Hanns war sitzen geblieben. Engelhardt ging mit ernstem, sorgenvollem Ausdruck im Gesicht an ihm vorbei zur Tür. Mühsam raffte er sich auf und folgte ihm.

»Wir wollen das Beste hoffen, Ingold,« sagte Engelhardt kurz.

Hanns Ingold trat in den grauenden Tag. Infanterieposten standen vom Bahnhof bis zum Werkplatz. Die Kompagnie war in der Nacht angekommen.

Um sieben Uhr hielt das Automobil mit dem Chirurgen der Basler Klinik vor St. Joseph.

Als Hanns ihn um neun Uhr vor der Rückfahrt begrüßte, erklärte der Professor, er hätte nichts mehr zu 276 tun gefunden und könnte nur sagen, daß ohne das rasche, kühne und zweckmäßige Vorgehen Professor Engelhardts der Verwundete jetzt schon nicht mehr lebte.

Hanns wollte Engelhardt danken, aber er brachte den Dank kaum zustande. Lange saßen sie stumm, bis Engelhardt leise sagte:

»Ruth hat geschrieben.«

Es war das erstemal, daß er den Namen vor Hanns in den Mund nahm.

Da schrie in Hanns Ingold, in dem alles aufgewühlt war, die innere Stimme nach Ruth, und in ihm und um ihn war Einsamkeit und Kälte; erstorbene Sehnsucht reckte die Flügel, ungelebtes Leben schrie um Sonne, Arme sehnten sich nach Armen, sein fieberndes Haupt nach dem Ruheplatz in ihrem Schoß und seine von Gedanken zerschlagene Stirn nach ihren kühlen Händen.

Doch das war inwendig. Äußerlich blieb er stark und ruhig und antwortete:

»Morgen wird die Arbeit wieder aufgenommen!« 277

 


 

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