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Der gefesselte Strom

Hermann Stegemann: Der gefesselte Strom - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gefesselte Strom
authorHermann Stegemann
year1914
firstpub1914
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart-Berlin
titleDer gefesselte Strom
pages308
created20160621
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sengende Sommerglut zitterte über den Feldern, der Tannenwald stand starr und spröde, in eherner Bläue spannte sich der Himmel über der Welt. Der Lauffen rauschte müde, nur in der Nacht tönte seine Stimme stärker, Kühlung verheißend, in die Ferne. Der Hungerstein war zutage getreten. Seit siebenunddreißig Jahren zum erstenmal wieder. Seine abgeschliffene Fläche lag nackt und bloß, von Runen gekerbt, zutage, einige kaum noch lesbar.

Hermann Ingold fuhr Ruth zu ihm hin. Um sie her spritzten die Wasser. Zwei Tage vorher war die neue Jahreszahl eingemeißelt und in der »Alten Post« mit altem Elfenauer Edelwein geweiht worden.

Es war in der ersten Tagesfrühe. Lachsfarbene Morgenröte färbte den Horizont. Kein Wölkchen schwamm am glasklaren Himmel.

Von der Strömung an den breiten Stein gedrückt, der als hohe Schwelle aus dem Lauffen ragte, lag Ingolds Kahn wie angeschmiedet. Die neue Zahl war rot wie eine frische Wunde.

»Fräulein Ruth, wenn das Werk gebaut wird, muß auch der Hungerstein weichen.«

»Das tut nichts, Hermann, wenn das Werk steht, brauchen wir keinen Stein mehr, der Hungerjahre anzeigt.«

»Vielleicht kommt es gar nicht zum Bauen,« sagte Ingold nach einer Weile.

Als er ihren Schrecken gewahr wurde, setzte er hastig hinzu: »Ich meine in diesem oder dem nächsten Jahr noch nicht. Rektor Schnell erzählte, daß die Bauvorschriften der Regierung für die Gesellschaft unannehmbar seien.«

200 Sie starrte ihn, immer noch von blassem Schrecken erfüllt, an.

»Und Hanns! Was wird aus Hanns!« schrie sie plötzlich in das Tosen des Rheins.

Er rückte dicht zu ihr hin und sagte mit erstickter Stimme:

»Fräulein Ruth, wenn das Werk gebaut wird, müssen sie den Vater mit Gewalt aus seinem Haus treiben!«

Ihr blondes, von Wasserstaub beperltes Haar berührte seine Stirn, als sie sich zu ihm beugte und antwortete:

»Und wenn es nicht gebaut wird, kommt Hanns um seine Kraft und seine Zuversicht und ist nicht mehr der Hanns.«

Ein Fisch schnellte wie ein silbernes Messer über den Hungerstein in den weißen Strudel.

Ruth kniete sich auf den flachen Boden des Nachens. Trotzig warf sie den Kopf zurück.

»Es ist Zeit, Hermann. Ich muß nach Haus. Was du da gehört hast, das ist ein unsinniges Gerücht. Sie müssen ja froh sein, wenn gebaut wird. Es ist ja ein Werk, so groß, daß es hier alles in Schuß bringt. Stoß ab!«

Das kurze Schlagruder mit dem Eisenstachel in den Händen, duckte sie sich noch tiefer in den Kahn.

Hermann setzte die Stange ein und stieß den Nachen vom Hungerstein in den Wirbel. Bretthart schlug der erste Guß über sie hin. Laut schrie der Eisenstachel des Ruders, als Ruth ihn an den Felsen rannte. Mit einem höllischen Schmatzen setzte das Boot in den tieferen Kessel, kippte, richtete sich wieder auf, schwankte einen Augenblick wie betrunken und schoß dann in das Gewild der Lauffenenge, die es wirbelnd stromab hetzte.

Als der Nachen auf St. Josephs Acker, der bei der Trockenheit weit in den Strom reichte, auflief, fiel Ruth vornüber, und Hermann stürzte in die Knie. Gerade wie damals, als er mit der kleinen Lo ins Treiben gekommen war.

201 Ruth war wie aus dem Rhein gezogen. Ihr leichtes Kleid klebte, das Haar hing ihr in einer schweren, dunkelgefärbten Masse tief über den Rücken.

»So kann ich mich in St. Joseph nicht zeigen,« sagte sie lachend. »Unsere Frühaufsteher gehen schon im Garten spazieren.«

Sie stießen den Kahn wieder in die Strömung und fuhren an den grünen Büschen entlang zum Badhaus hinunter.

Hermann regte das Ruder wie im Traum. Er blickte nicht mehr nach ihr hin.

Ruth stieg aus.

»Gehen Sie, Hermann! Den Nachen kann Joseph heute abend hinaufziehen.«

Stumm gehorchte er. Er hatte den Brief seines Bruders in der Tasche, hätte ihr mitteilen sollen, daß Hanns heute komme, und hatte es nicht getan. Nicht tun können. Und wenn man ihn deswegen mit dem Tode bedroht hätte. Er konnte nicht. Die Sonne war schon wieder glutstrahlend als lodernder Feuerball aufgestiegen, hatte alle Himmelsfarben versengt und fraß nun die Kühle des Stromes.

Ruth flocht die verwirrten Haarmassen auf und stellte sich mit dem Rücken gegen die Sonne. Auf dem weißen Kies zwischen den Weidenbäumen blieb sie mit geschlossenen Augen stehen und spürte, wie die Sonne die Nässe aus den Kleidern zog.

So still war es in St. Joseph lange nicht mehr gewesen. Die Hitze hatte die Gäste vertrieben. Gestern war sogar Frau von Nothammer nach St. Blasien in die Höhe geflüchtet. Kaum fünfzehn Gedecke kamen noch auf den Tisch. Ein Hungerjahr – der Stein behielt recht.

In der Fremdenliste von St. Blasien, die Frau von Nothammer hatte kommen lassen, stand noch sein Name. Frau von Nothammer hatte laut vorgelesen: Frau Kommerzienrat Xylander aus Berlin, Herr Gerhart Xylander.

202 Nun waren es schon vier Wochen. Er war am anderen Tage nach St. Blasien zurückgekehrt. Aber er hatte gesagt, daß er seiner Mutter Rheinau und den Lauffen zeigen wolle, ehe sie wieder nach Berlin reisten. Seither machten die Automobile, die durchs Tal fuhren, Ruth nervös.

Sie wollte ihn nicht wiedersehen.

Der Frühzug pfiff vom Tunnel her.

Sie tastete nach ihren Haarsträhnen. Es war Zeit, nach Hause zu gehen. Durch den Anger, über die Treppe auf die Terrasse, da sah sie niemand. Schwer schlug das feuchte Haar nach vorn, als sie es über die Schulter warf, aber es lockerte sich schon und spann schon wieder goldene Fäden. Rasch steckte sie es in zwei tiefgewellten Zöpfen am Hinterkopf zusammen und ging über den knirschenden Kies ans grüne Ufer.

Eine Hupe rief durchs Tal, als sie über die Wiese lief. Sie erschrak, aber nein, es war ja nicht der seltsame, wilde Vogelschrei seiner Trompete gewesen.

Ungesehen kam sie auf die Terrasse und in ihre Stube.

Eine Stunde später trat sie zu ihrem Vater ins Zimmer. Sie war ihm nie jünger, frischer erschienen und nie so getragen von innerer Kraft, so daß er seine Angst wie einen Alpdruck entweichen fühlte.

Er ging auf sie zu und legte ihr den Arm auf die Schulter.

Mit gekünstelt ruhiger Stimme sagte er beinahe sachlich kühl:

»Mädel, da ist ein Bericht vom Bürgermeister. Wir haben zu früh ans Ende gedacht. Der Lauffen bleibt wie er ist. Das Werk wird nicht gebaut.«

»Nicht gebaut! Das Werk nicht gebaut!«

Als ein Schrei, ein Schmerzensschrei, zu dessen herzzerreißender Qual die Worte gar nicht passen wollten, riß sich die Antwort aus ihrem Mund. Keine Antwort – eine Klage war es, eine wilde aufschreiende Klage, ein 203 Ausbruch, der furchtbarer als Tränen und Jammerlaute ihr Gesicht in wachsklarer Blässe erstarren ließ.

Er hielt sie fest, ganz fest. In diesem Augenblick wurde ihm offenbar, wie wenig er sie kannte. Seine Wissenschaft, seine Autorität, sein ganzer Einfluß versagte, er konnte nichts tun, als sie halten und ihr durch die körperliche Umarmung zu verstehen geben, daß er da war, bei ihr war.

Langsam löste sie sich aus seinem Arm.

»Darf ich den Brief lesen?« fragte sie tonlos.

Er reichte ihr den Brief und die Karlsruher Zeitung.

»Danke, Papa, es ist, wie du gesagt. Die Finanzierung ist in die Brüche gegangen. Nun kann er nicht bauen.«

Engelhardt wollte auffahren, ausschütten, was er auf dem Herzen hatte, aber er fürchtete sich, Ruth in dieser Stunde weh zu tun, und schwieg.

Er drückte sie in einen Sessel.

»Bleib ruhig sitzen, Kind. Ich laß dich allein. Du mußt damit fertig werden.«

Und Ruth blieb allein.

Engelhardt lief barhaupt ins Freie, und als er im Garten von den Gästen mit Fragen gequält wurde, ob es nicht bald kühler werde, auf die Matten hinaus.

Die Luft zitterte, die Grillen zirpten, wie geschmolzenes Eisen zerrann die Sonne am Himmel. Das Gras dörrte auf den Wurzeln. Ein alter Apfelbaum ließ dürstend die geborstenen Früchte fallen.

In seinem Schatten kauerte Engelhardt sich nieder. Er konnte den Fahrweg von hier aus übersehen, und der Fußpfad lief dicht hinter ihm. Der Baum stand noch auf seinem eigenen Boden.

Er hatte Ruth verschwiegen, daß Hanns Ingold heute in Rheinau erwartet wurde. Der Ingenieur wollte einen letzten Versuch machen, günstigere Bedingungen zu erlangen, um das Werk zu retten, das wie eine bunte Seifenblase in nichts zerstoben war.

204 Von der Hitze betäubt, brütete Engelhardt vor sich hin. Heiße Luftwirbel sprangen über die Matten, Windbäume erschienen am Horizont.

Da hörte er plötzlich dumpfe Schritte. Sie hallten merkwürdig stark in der elektrisch gespannten Luft: Hanns Ingold.

Er fuhr auf. Kalter Schauer kühlte seine Stirn – ruhig, geistesklar, seiner sicher wie seit Jahren nicht mehr, trat er ihm gegenüber.

Die Gartenmauer und der Erdaufwurf mit dem Holunderbusch deckten sie gegen Sicht.

Hanns Ingold kam mit raschen Schritten einher. Er schien die Hitze nicht zu spüren. Im weißen Flanellanzug, den Panama von der Stirn zurückgesetzt, die hagere Gestalt vibrierend von verhaltener Energie, die Augen zusammengekniffen aufs Ziel geheftet, hetzte er heran.

Und unwillkürlich rief Engelhardt ihn mit vollem Namen an.

»Hanns Ingold, ich warte hier auf Sie!«

»Und ich bin auf dem Weg zu Ihnen, Doktor Engelhardt!«

»Um so besser, es ist Zeit, daß wir zwei uns aussprechen!«

Breitbeinig stand Engelhardt vor Hanns, als wollte er ihm mit Gewalt den Weg sperren. Der Apfelbaum rauschte in einem heißen Luftwirbel auf und schüttelte die trockenen Blätter.

Hanns Ingold griff an.

»Doktor Engelhardt, ich weiß, daß Sie dem Werk feindlich sind. Auch heute noch. Sie gehören zu denen, die mit dem Lauf der Dinge zufrieden sind. Wir, die Gesellschaft, sind nicht in der Lage, das Werk zu den Bedingungen zu bauen und zu betreiben, die uns von den Gemeinden und dem Staat auferlegt worden sind. Der Bau käme um drei Millionen teurer. Das geht über unsere Kräfte, dafür fehlt auch die Sicherheit der Rendite.«

205 Naserümpfend erwiderte Engelhardt:

»Sie haben sich also verrechnet, und wir behalten den Lauffen, dieses Denkmal, das uns die Natur gesetzt hat, und mit ihm den Frieden und den Einklang mit der Umgebung. Das ist mehr wert als dreißigtausend Pferdekräfte, Ingold.«

»Sie vergessen zweierlei, Doktor Engelhardt: Ihr Friede ist Kirchhofruhe und Ihr Einklang Resignation.«

»Ingold!«

Ein weißer Schein schlug in Engelhardts Gesicht, er schüttelte die grauen Locken und trat hart an den Ingenieur heran. Sein schwerer Atem keuchte.

»Ingold, was geben Sie uns dafür Besseres? Sie sind der Mann, der sich wie Sauerstoffgebläse durch alles durchfrißt, aber Sie zerstören auch das, was Ihnen nicht feindlich, sondern um glücklich zu werden, entgegentritt. Das Mädel hat Sie lieb, hat Sie lieben gelernt, und Sie!«

»Ich!« Ingold fing ihm die Frage vom Mund, und vergessen war seine vorbedachte Rede. »Ich? Wollen Sie sagen, daß ich Ruth nicht liebe! Die ganze Heimat, die ganze Jugend, mein Glaube, meine Hoffnung ist sie mir. Als ich heimkehrte von den Des-Moinesfällen und das Schiff im Ärmelkanal angerannt wurde, stand Ruth vor mir, an nichts erinnerte ich mich mehr als an Ruth! Und in diesem Jahr, das mich alles gekostet hat, was ich vor mich gebracht habe und in dem ich hin und her gerissen worden bin, wie von vier Pferden auseinandergepeitscht, ja, was hab' ich denn da gehabt! Und nun, da alles wieder zerbricht, dieses, mein Lebenswerk, weggeschwemmt werden soll wie ein Kadaver, jetzt –«

»Jetzt« – fiel Engelhardt schneidend ein – »jetzt ist Ihnen Ihr Werk mehr wert als alles, und wenn Sie vor die Wahl gestellt würden, das Weib zu heiraten, das Sie liebt, oder dieses Werk zu bauen, so opferten Sie das Weib für das Werk!«

206 Einen Augenblick stand Engelhardt noch hoch aufgerichtet, mit Lippen, die unter dem Bart vor Erregung zitterten, dann stieß er ein »Leben Sie wohl« hervor und ging. Das Herz zerschlug ihm fast die Rippen.

Ingold ließ ihn gehen, ohne den Versuch zu machen, ihn zu halten oder eine Antwort zu geben. Der heftige Ausfall Engelhardts hatte in seinem Innern eine Bresche gerissen, durch die längst gestauter Gedankenschwall brausend herausbrach, ein wilder entfesselter Strom.

Er lehnte sich an den Baum und starrte in die dunstige Helle des Tages.

Die Antwort auf Engelhardts Ausfall war so leicht gewesen, er hätte ihm nur zu sagen brauchen: Darum handelt es sich ja gar nicht. Das Dilemma Weib oder Werk ist ja gar nicht gegeben. Im Gegenteil: Wird das Werk gebaut, so heiraten wir. Wird es nicht gebaut, so warten wir. Warten? Nein, ganz so war es doch nicht. Dann mußte er mit Nägeln und Zähnen darangehen, das Projekt doch noch durchzusetzen, oder sich wieder als Ingenieur in die Fremde verdingen! Aber das Werk war ja noch gar nicht verloren! Nie war es lebendiger gewesen als jetzt! Was fehlte denn noch! Ein paar lumpige Millionen und einer, der als Geldmann mit hineinging, so wie er als Ingenieur hineingesprungen war.

Werk oder Weib.

Unruhig quirlten die Gedanken. Schweiß stand in lichten Tropfen auf seiner Stirn. Wie mit Ketten angeschmiedet lehnte er am Baum. Heiße Windstöße schüttelten die dunkle Krone. Wie ausgestorben lag das Land.

Eine halbe Stunde zehrte an ihm, zernagte ihm das Herz, in dieser halben Stunde rang Hanns Ingold, der das furchtbare Dilemma geleugnet hatte, schon mit der Zwangsvorstellung, es könnte so sein, und dieser Kampf war der schwerste, der größte, der wildeste seines Lebens.

207 Auf einmal fand er sich auf St. Josephs Acker wieder. Wie er hingekommen war, wußte er nicht, aber er glaubte eine meilenweite Wanderung hinter sich zu haben von dem Apfelbaum an Engelhardts Feldmark bis hierhin.

Er bückte sich und hielt die brennenden Hände in den Rhein. Und als die lebendige Welle ihm die Finger leckte, packte ihn einen Augenblick das elementare Verlangen, im wilden Rhein, der noch ungefesselt über die Felsen sprang und seine Kraft verschleuderte, alle Kämpfe und Gluten zu enden, einzutauchen in ihn, aufzugehen in ihm, den er bezwingen wollte; den er, davon war er überzeugt, mit seinen Plänen schon bezwungen hatte, ehe noch der erste Spatenstich getan war.

Doch als er Stirn und Augen genetzt hatte, war auch dieses unter der Schwelle seiner Energie hervorgebrochene Verlangen, das nur augenblickliche Schwäche gewesen war, wieder erloschen.

»Nein, niemals! Ich kämpf' es aus.«

Wie einst als Junge fing er Wasser mit der Hand und trank aus dem Lauffen. Dann ging er den Weg zurück und ließ sich bei Ruth Engelhardt melden.

Und Ruth sagte zu ihrem Vater, bevor sie zu ihm ging:

»Nein, Papa, heute ist alles anders. Damals wußtest du noch nicht, daß ich ihn liebe. Du konntest gegen ihn auftreten, ganz wie du es getan hast. Beim zweiten Mal wußtest du es, aber deine Stimme gab nicht mehr den Ausschlag gegen sein Werk. Heute aber weißt du, daß sein Werk nur an äußeren und nicht mehr an inneren Widerständen scheitert, und daß gerade dieses Werk, dieser brennende Gedanke ihn zu dem Manne gemacht hat, den ich liebe. Ich weiß, daß du es gut meinst, Papa, nun laß mich zu ihm gehen.«

Als sie ihm noch einmal mit einem fröhlichen Lächeln zugenickt hatte und hinausgegangen war, tappte Engelhardt hilflos zu seinem Schreibtisch und schob die Fäuste in die Augenhöhlen, um nicht zu heulen wie ein Kind.

208 Ruth hatte sich längst wieder aufgerichtet und den ersten Schlag nicht nur überwunden, sondern sogar neue Kraft und Heiterkeit daraus gesogen. Nun war Hanns Ingold zurückgekehrt, und wie schon einmal kam er zu ihr, trug er seine Hoffnungen und Enttäuschungen zu ihr.

Von der Qual der letzten Stunde stand nichts mehr in ihrem Gesicht, als sie mit beschwingten Schritten den Gang hinunterlief, um ihn zu sehen.

Aber auch Hanns stand aufrecht und zuversichtlich in den Schuhen. Er war nicht mehr der »Amerikaner«, den niemand ernst genommen, die einen totgeschwiegen, die anderen verlacht hatten: er stand schon auf seinem Werk, obwohl noch kein Stein davon vorhanden war. Und daß es Gestalt annahm, dafür war er da, er hatte wieder das Gefühl, als brauche er nur recht zu wollen, ganz Wille und Zeugungskraft zu sein, und es mußte ganz und fertig aus ihm herausspringen.

Ungeduldig schritt er die Stube auf und ab.

Der dunstige Tag schien bleifarben herein. Der Wind hatte gedreht, und Hanns sah die Wolken in strähnigen Büscheln hinter den Wäldern aufschießen.

Da hörte er hinter sich die Tür spielen und fuhr herum.

»Ruth!«

»Hanns!«

Ineinanderschlugen die Namen, gefesselt, aber wie sprungbereit standen sie, durch die Breite des Zimmers geschieden, beide mit aufgehellter Miene, vom eigenen Blut berauscht, gerade in diesem Augenblick nur sich selbst empfindend. Und wie von Riesenfäusten geschleudert, trafen sie mitten in der Stube zusammen, und aus ihrer Umarmung, aus den durstigen Küssen und dem abgebrochenen Stammeln schlug die Lohe der Leidenschaft wie noch nie zuvor. Sie hatten sich lange nicht gesehen, vieles in sich hineingesonnen, sie fürchteten sich vor etwas noch Uneingestandenem, und das gab 209 ihrem ersten Wiedersehen in dieser Stunde den Zug ins Rasende und ließ sie erschauern in ihren heißen Küssen.

Als sie einander gegenüber saßen, von der stürmischen Begrüßung matt, fiel ein Schweigen auf sie, das wie ein Verebben der entfesselten Blutströme, immer weitere Strecken ihres Innern bloßlegte. Und Ruth hatte auf einmal das Gefühl, kein Wiedersehen, sondern einen Abschied gefeiert zu haben.

Hanns Ingold begann zu sprechen.

Er erzählte von dem schweren, fast tödlichen Rückschlag, der sein Werk getroffen hatte, und daß er herbeigeeilt wäre, um in einer letzten Zusammenkunft aller Beteiligten von diesseits und jenseits des Rheins noch einmal für den Bau zu sprechen. Er war in Karlsruhe, in Frankfurt und Heilbronn, in Basel und in Bern gewesen und hatte wie ein Rasender um sein Werk gekämpft. Die Pläne waren eingegeben, zurückgereicht, überprüft, neubearbeitet und wieder begutachtet worden, während der Strom der Ereignisse, dem Werkbau vorauseilend, schon alle Werte in die Höhe riß, so daß Ingold selbst, um nicht überrannt zu werden, seinen Grundbesitz im Interesse der Gesellschaft, mit der er einen Rückvertrag schloß, weiter ausgedehnt hatte. Sein letzter Heller steckte darin, und er mußte morgen im Rheinauer Kiesboden Kartoffeln pflanzen, wenn heute das Werk zusammenbrach.

Ruth hörte aufmerksam zu, und ihre verständigen Fragen hefteten sich eng an das Werk. Von ihrem eigenen Schicksal, das mit diesem Werk verknüpft war, kein Wort.

Und doch lauerten unausgesprochene Ängste in ihrer Brust. Das Gespräch lief so sachlich, so vernünftig, daß ihre Befürchtungen Wahngebilde oder diese ruhige Auseinandersetzung Selbsttäuschung war.

Auf einmal war's da.

Er war an den Lebensnerv gekommen.

Er begann:

210 »Allein kann ich's nicht schaffen, ich kann nur mein Bestes, mein Ganzes geben, und das hab' ich getan, tue ich noch. Die Pläne haben allen Ansprüchen Genüge getan, und das ist anders als in Amerika, wo keine Rücksichten genommen und noch weniger verlangt werden, wo es aus dem Vollen geht, aus dem Vollen ins Große. Wo die Kühnheit immer recht behält. Hier muß laviert und rechts und links Rechnung getragen werden. Nun kann die Gesellschaft nicht mehr mit. Mir fehlt der Mann, der über der Sache steht, der den Weitblick hat für die elektrische Nutzleistung, der seine eigenen Turbinen laufen sieht und lieber zehntausend Pferde zu viel einsetzt, als das Werk ungebaut zu lassen. Ich habe an Roth, Rougemont und Kompagnie gedacht, aber die liegen schon in zwei Rheinwerken fest. Das dritte fräße sie auf. Finde ich den Mann, so baue ich, find' ich ihn nicht, und ich muß ihn bald, muß ihn morgen finden, Ruth, so baut in zehn Jahren eine fremde Gesellschaft nach fremden Plänen, und ich werke mit gelben Kulis am Jangtsekiang und verdämmere die Zeit, bis ich selbst wieder zu Lehm werde!«

Das war's. Ruth hatte bei dem ersten Satz eine beklemmende Angst gespürt, dann waren Fragen, Namen, Möglichkeiten von verwirrender Buntheit in ihr aufgeschossen, und eine Frage, ein Name, eine Möglichkeit, die doch die unmöglichste von allen war, überstrahlte alle anderen. Und als sie schon in dieser Seelennot rang, da kam ein Schlußsatz, der pessimistische, verbitterte Schluß, diese Selbstentäußerung und Selbstvernichtung, die von ihrem Hanns, von dem Hanns Ingold, den sie liebte, keinen Hauch mehr übrig ließ.

»Hanns, das ist ja Wahnsinn,« murmelte sie und drückte die Lider zu, um mit den aufgestörten Ängsten und Nöten fertig zu werden.

»Wahnsinn, Ruth!«

Es hob ihn vom Stuhl, ein stolzes Lächeln stand starr in seinem hageren Gesicht.

211 »Wahnsinn nennst du das, was mir übrig bleibt! Warum nicht gleich Feigheit, noch schlimmer als einmalige Feigheit – dauernde Resignation! Nein, Ruth, es ist weder das eine noch das andere. Aber glaubst du, ich könnte den Rhein noch einmal wiedersehen, ohne vor mir selbst den Respekt zu verlieren! Und wenn sie mich in China oder Amerika das größte Ingenieurwerk der Welt bauen lassen, meinst du, das böte mir noch Ersatz, dabei hätte ich noch etwas zu gewinnen oder zu verlieren! Ich sage dir, ich hab' hier meine Seele drin, Ruth, ich hab' mit so viel fertig werden müssen, als mich der Gedanke packte, daß ich nie mehr davon loskomme. Denk' an den alten Mann dort unten im kassierten Haus, denk' an die Erinnerungen, an die Heimatgefühle, die einem bis ins innerste Wesen gedrungen sind! Sie haben in der ganzen Welt von Frevel, von Heimatschutz geschrieben, und dabei hat keiner, der da die Feder gerührt hat, auch nur eine Spur von einem Konflikt in sich getragen! Nimm mir das Werk, und du nimmst mir das Leben, nein, nicht nur das Leben, mehr als das Leben!«

Ruth hatte gelauscht, war aufgestanden und sagte leise:

»Hanns, dann baust du, dann mußt du es bauen, dein Werk!«

»Wie meinst du das?«

Ihre Haltung, ihre Gebärde, der Klang ihrer Stimme hatten ihn aufgeschreckt.

Sie preßte einen Augenblick die Handflächen fest gegeneinander, wies dann auf den Stuhl und erwiderte:

»Komm, setz dich! Wir wollen unserer Zukunft ins Gesicht sehen.«

»Ja, die hängt an diesem Werk, an dem auch du deinen Teil hast, Ruth.«

»Ich danke dir für das Wort, Hanns. Nun hör' mich ruhig an.«

»Ruth, wenn –«

Ein schwermütiges Lächeln lief über ihre Züge, aber 212 es klang die alte Herbe in ihrer Stimme, als sie ihn unterbrach.

»Sei ruhig, es handelt sich um dein Werk.«

Trotzig schwieg er still.

Mit einem Schlag war alles anders geworden, verflogen der Rausch der Stunde, sie standen sich wieder als Kämpfer gegenüber wie einst.

Und Ruth Engelhardt dachte an die Tage in Frankfurt und begann damit, ihn daran zu erinnern, daß sie zusammen aufgewachsen seien und daß keine konventionelle Verlobung sie bände. Auch keine rosenrote Liebschaft. Er habe sein Leben für sich, wie sie das ihre. Aber er wolle und könne nicht mit dem Maß gemessen werden, das die landläufige Einteilung habe. Er stehe und falle mit seinem Werk.

»Stehen ja, aber fallen?« unterbrach er sie und hob den Kopf.

Und hörte dann wieder mit unterdrückter Unruhe und Ungeduld weiter zu, denn Ruth hatte sich nicht aus der Fassung bringen lassen und erklärte, sie meine das nicht wörtlich, er habe ja selbst von China gesprochen, und wenn er dort auch seinen Mann stände, so wäre er doch nicht mehr der Hanns Ingold von heute und vor allem nicht mehr der Hanns Ingold, den sie geliebt habe und für den sie alles täte.

Da unterbrach er sie zum zweitenmal.

»Du sagst, du habest mich geliebt,« forschte er mißtrauisch.

Einen Augenblick zögerte sie, dann griff sie fest in ihr Herz und entgegnete:

»Ja, so habe ich gesagt. Ich habe dich geliebt, das will heißen, ich habe dich einmal geliebt, um dich heiraten zu wollen. Das war früher, war aber vielleicht schon an dem Tag nicht mehr, als ich dir in Frankfurt Lebewohl sagte. Erinnere dich dieses Tages, Hanns! Vielleicht weiß ich es auch erst seit heute, daß ich dich nicht mehr liebe, um deine Frau zu werden.«

213 »Was soll denn das heißen? Weil der Bau –«

»Ja, Hanns, der Bau, das Werk, aber nicht der Bau des Werkes, sondern das Werk selbst. Ich bitte dich, mir auf die Frage zu antworten: Liebst du mich mehr als dieses Werk?«

»Unsinn!« brauste er auf. »Unsinnige Vergleiche, die du da aufstellst! Das kommt nicht aus dir! Dein Vater spricht aus dir! Nun, ja denn, in diesem Werk stecke ich drin, tief und ganz! Wann habe ich das geleugnet? Dräng' mich nicht in Konflikte, die sich nicht zu mir drängen!«

»Wir sind schon mitten in diesen stillen Konflikten, Hanns. Und was ich dir in Frankfurt gesagt habe, wiederhole ich heute: Du bist frei, ganz frei.«

»Das bin ich nicht,« entgegnete er heftig.

»Wenn ich dich freigebe, bist du's!«

Schweigen. Das Rauschen des Windes in den Baumkronen drang herein.

Hanns ging ungestüm auf und ab. Ruth saß hintenübergelehnt, die Hände krampfhaft ineinandergefügt.

Er blieb vor ihr stehen. Es war mehr verletztes Selbstgefühl als verstörte Neigung, als er fragte:

»Ruth, liebst du mich wirklich nicht mehr?«

Sie stand auf. Eine andere Ruth, herb und abweisend.

»Was nützt diese Frage? Um dich handelt es sich. Du und dein Werk, ihr seid eins. Und wenn ich zwischen dir und deinem Werk stände, Hanns, dann hättest du keine Wahl. Deshalb gebe ich dir heute den Weg frei.«

»Ruth, hinter allem steckt etwas Bestimmtes. Du kannst mir helfen, ich spür's, und –«

»Und deshalb mußt du frei sein, Hanns Ingold,« unterbrach sie ihn rasch.

»Und du?« Eifersüchtig brannte er auf.

»Ich auch!«

Hoch aufgerichtet stand sie vor ihm. Er sah den goldenen Zirkel in der braunen Feuchte ihrer Augen zum klaren Stern zusammenschießen.

214 Die Flügel ihrer Nase bebten vom heftigen Atem.

»Ich dachte, es wäre ein Wiedersehen, jetzt sieht es wie ein Abschied aus,« versuchte er zornig zu spotten. »Ich soll nicht bauen dürfen, und du gibst mir den Abschied. Sind das Zusammenhänge, dann habe ich – nein, so ist es nicht.«

Er hatte sich selbst noch zurechtgewiesen.

Aber Ruth war schneeweiß geworden, als er so sprach.

»Es sind Zusammenhänge, nur nicht solcher Art. Und ein Abschied ist es auch, denn ich will nicht, daß du wählen mußt zwischen deinem Werk und mir. Das will ich nicht, und deshalb habe ich dich freigegeben. Ich weiß, wie du gewählt hättest, und ich begreife, ich fühle sogar, daß du das Werk wählen müßtest und nicht mich!«

»Und wenn ich es nicht täte? Wenn ich euch zeigte, daß ich auch anders kann! Als ich vor einer Stunde in dieses Zimmer trat und du kamst, da hielt ich dich, du mich, wie noch nie im Leben! Wenn ich dich festhalte, Ruth, und das Werk in den Rhein werfe, was dann?«

Er hatte den Hut weggeschleudert und war mit klammernden Armen zu ihr hingestürzt, riß sie an sich, suchte den zuckenden Mund mit gierigen Küssen.

Vergebens rief Ruth ihm entgegen:

»Das tust du nicht. Und darfst es nicht. Dann hab' ich dich nie geliebt, dann bist du nicht der Hanns Ingold, den ich heute freigebe!«

Sie bat, sie stammelte, litt seine Küsse, bäumte sich auf, riß sich endlich los, bezwang die jubelnden Sinne und wiederholte laut und klar:

»Unser Verlöbnis ist zu Ende. Es war ein Abschied. Ich verlange deinen Respekt.«

Er zuckte zusammen, wurde fahl, raffte den Hut wieder auf und bereitete sich, zu gehen.

»Leben Sie wohl, Fräulein Engelhardt!«

Ein gequältes Lächeln irrte um ihren Mund.

»Das ist mehr als Respekt, Hanns Ingold, das klingt nach Nichtmehrkennenwollen.«

215 Er wandte ihr das Gesicht zu. Von fiebernden Nerven spannte sich jeder Zug.

»Nun habe ich nur noch mein Werk!«

Da flammte sie auf und rief inbrünstig:

»Ja, Hanns, nun hast du, nun baust du dein Werk!«

Und als er ihr leidenschaftlich verklärtes Gesicht anstaunte, wider Willen festgehalten, da fuhr sie mit ruhigerer Stimme fort:

»Ich werde dir heute noch schreiben. Fahr' nicht auf. Dem Ingenieur Hanns Ingold, für den sie schon viele Briefe geschrieben hat, wird Ruth Engelhardt schreiben. Ich weiß einen Mann, der dein Werk auf die Schultern nimmt.«

»Ruth!« schrie er voll Triumph und vergaß, was geschehen war. Sie unterdrückte die Tränen, die ihr dieser verräterische Jubelruf aus dem Herzen geschlagen hatte, und endete:

»Bitte, geh' jetzt. Der Brief ist in zwei Stunden in deiner Hand.«

»Willst du mir nicht sagen –?« drängte er ungestüm.

Ein weher, qualvoller Blick traf ihn, erstickte ihm das Wort im Munde, und leise sagte sie:

»Leb' wohl, Hanns, ich schreibe, und dann hältst du dein Schicksal in der Hand und kannst wählen. Ich – das vergiß nicht – ich habe unser Verlöbnis gelöst.«

Sie blieb aufrecht stehen, bis die Tür fiel, sein Schritt verhallte und sie allein war.

Als Engelhardt seine Tochter aufsuchte, fand er sie am Fenster zusammengesunken, ohne Tränen, nur unfähig, sich zu bewegen und ein Wort oder eine Klage auszustoßen. Sie ließ sich von ihm in ihr Schlafzimmer führen, von ihm entkleiden. Still lag sie im Dämmerdunkel der geschlossenen Läden und blickte mit weitgeöffneten Augen ins silberspinnende Zwielicht. Draußen tobte der trockene Wind und wirbelte Staub und Blätter.

Nach einer Stunde erhob sich Ruth und schrieb den Brief. Er war kurz, er war wirklich nur an den 216 Ingenieur gerichtet. Die Anrede »Lieber Hanns« hatte ihr keine Skrupel gemacht, und leicht floß das »Sie« aus der Feder. Die Gedanken gehorchten ihr gern. Nur nach außen lag alles in merkwürdiger Starre gebunden. Sie hatte nicht die Kraft, sich unter den Menschen zu zeigen, denn sie brachte ihre Lippen nicht zum Sprechen. Die Feder und die Gedanken waren gefügiger gewesen. Alles andere war wie abgestorben.

Spät am Abend kam Engelhardt noch einmal zu ihr.

»Das hat dir schon lange zu schaffen gemacht, Ruth. Bewußt und unbewußt. Nun ist die Krisis vorüber. Von dir selbst hervorgerufen, und das ist brav. Ich operiere nicht mehr, Mädel, aber diesmal hat's in mir geschrien: Das Messer her! Und dann kamst du und schnittest selbst, du hast ihn geliebt, liebst ihn noch –«

»Halt, Papa, ich muß es dir sagen, damit du, nur du, es weißt: Ich habe es aus Liebe getan.«

Zwei Tränen zogen über ihre Wangen.

»Du hast – Mädel! Ruth!«

»Aus Liebe, Papa. Ihn sich selbst wiedergegeben, denn ich stehe zwischen ihm und Gerhart Xylander. Und Xylander geht mit ihm hinein, das fühle ich!«

»Herrgott im Himmel, Ruth! War es so gemeint! Du hast dich geopfert!«

»Geopfert? Mich selbst? Ich bring' ihm ein Opfer, ja, meine Liebe. Aber nicht mich selbst. Dazu bin ich nicht gemacht. Ich bin aus dem Weg getreten, das ist alles. Er steht frei als freier Mann vor der Wahl. Und er wird nicht das Weib wählen, sondern das Werk.«

»Und wenn eines Tages der andere kommt und seine Werbung erneuert?«

»Papa, ich bitte dich, sprich nicht von der Zukunft, ich bin ja noch am Begraben!« erwiderte sie mit bebender Stimme.

Heftig fuhr er sich ins Haar.

»Verzeih mir, Ruth, ich bin's noch nicht gewohnt, in meinem Kind das Weib mit seinen eigenen Schmerzen zu sehen!«

217 Er faßte ihre Hände, besann sich einen Augenblick, ob es wohl schicklich sei, und küßte ihr dann die Finger, die heute das Skalpell geführt und tapfer ins eigene Herz geschnitten hatte

»Ferrum sanat, ferrum sanat,« murmelte er ungeschickt tröstend.

In dieser Nacht begrub Ruth Engelhardt ihre Jugendliebe. Die Erkenntnis, daß sie ihm das Opfer gebracht hatte, um ihm sein Werk möglich zu machen, machte ihr den Verzicht nicht leichter. Und das Bewußtsein, daß Hanns Ingold das Weib geopfert hätte, geopfert hatte, das zerriß ihr Innerstes. Darüber halfen ihr jetzt, da es geschehen war, keine Opfergedanken hinweg. Im Augenblick, als er, alles vergessend, ungestüm nach dem Manne gefragt hatte, der ihm fehlte, war der Konflikt entschieden gewesen, hatte Hanns Ingold das Weib geopfert um seines Werkes willen. Und nun stand in dem Brief, den sie ihm geschrieben, der Name des Mannes, der Schicksal spielen sollte. Diesmal hatte sie nicht gezaudert, ihn zu nennen. Hanns Ingold kam nicht wieder.

Ruth weinte in dieser Nacht lang gesammelte Tränen. Der Abschied von ihrer Jugendliebe, von all dem, was sich damit verband, was sie hineingetragen hatte, war sehr, war unendlich schwer. Aber rätselhafte Regungen ihrer Seele beschäftigten sich schon in dieser Nacht mit der Zukunft, und die Frage, die sie dem Vater verboten hatte, tauchte nun aus ihren eigenen Gedanken auf. Und wenn Gerhart Xylander kam und seine Werbung erneuerte? Konnte, durfte, würde sie dann ja sagen? Chaotisch hoben und senkten sich ihre Gefühle, wallten ihre Empfindungen, und auf einmal geschah es, daß sie in dieser Nacht die nackten Arme ins Leere reckte und laut sprach:

»Ja, Hanns, ich habe dich geliebt. Auf mancherlei Art. Als Kind wie mein liebstes Spielzeug und meinen einzigen Kameraden. Als Siebzehnjährige in grenzenloser Schwärmerei; als du fort warst, dich sogar in einem 218 geliebt und gehaßt, mich nach dir gesehnt und mich gescholten, daß ich's tat. Du hast mich viel weniger geliebt, Hanns. Ich hab' dich geliebt, wie du bist, und über alles, du mich nur so, wie ich dir in dein Leben paßte. Hanns, leb' wohl! Nun bist du frei, nun bau' dein Werk!«

Gleichtöniger Regen schlug schon lange durchs Laub, als Ruth Engelhardt so mit ihrem Herzen sprach, und der Lauffen sprang schon wieder, von großen Bodenseegewittern trunken, mit vollem Rauschen über den Hungerstein.

Am frühen Morgen hielt Ruth Ingolds Antwort in Händen. Sie hatte keine gewünscht, keine erwartet. Nach kurzem Zaudern öffnete sie den Brief. Einen Augenblick schlug die Flamme einer Hoffnung in ihr auf, die sie zugleich erschreckte und beseligte.

Dann las sie:

»Ruth, nun weiß ich, daß es aus ist. Ich ahne den Zusammenhang. Du wirst ihn heiraten. Aber das Werk, das seid Ihr mir jetzt schuldig geworden. Ich nehm's aus seiner Hand, denn ich bleibe doch der lebendige Schöpfer. Er muß wollen. Will er nicht, so mußt Du ihn zwingen. Ja, ich gebe zu, ich sage es frei, ich konnte, ich darf nicht schwanken zwischen meinem Werk, meinem Lebenswerk, und der Geliebten. Ich kann mich nicht anders machen, als ich bin. Aber ich will nicht auf das Weib verzichten und das Werk trotzdem verlieren. Morgen sind die Pläne und die Einladungen zum Beitritt in seiner Hand. Ist er der Kopf, für den man ihn hält und für den ich ihn als Teilhaber der Firma Xylander und Kompanie ansehen muß, so greift er zu. Um der Sache willen, um der Größe des Unternehmens willen. Gehen Xylander und Kompanie mit, so holen wir mit fünfzigtausend Pferdekräften, für deren Verwendung dann gesorgt werden wird, so viel Kraft aus dem Strom, daß die Mehrkosten sich bezahlen. Ob ich die Kanalschleuse verbreitern muß, rechts und links Abfindungen 219 zahlen, gleichviel, ich bau' ein paar Turbinen mehr ein, und das Werk geht seinen Gang.

»Ich habe Sie sehr geliebt, Ruth, aber ich kann diese Liebe nicht über die Lebensenergie stellen, die mich vom Schraubstock ins Bureau und von Ägypten nach Amerika gepeitscht hat und die nun in diesem Kraftwerke, das ich gegen alle Welt durchsetzen muß, ihr Höchstes leisten will. Und deshalb taten Sie vielleicht recht, dieses Verlöbnis aufzuheben. Daß es ein Opfer ist, das Sie mir bringen, kann und will ich nicht glauben. Ich wünsche Ihnen das beste Glück und danke Ihnen für Gutes und Schlimmes Ihr aufrichtiger Hanns Ingold.«

»Für Gutes und Schlimmes,« wiederholte sie mit ruhigem Lächeln und schüttelte den Kopf.

»Wie meinst du,« fragte Engelhardt, von seinem Journal aufsehend.

Schweigend reichte sie ihm den Brief.

Engelhardt las. Bei dem Abschiedsgruß fuhr er in die Höhe.

»Er ist ein –«

»Papa,« mahnte sie leise.

»Na, ja, ich bin schon ganz still.«

Er legte den Brief beiseite und fuhr fort: »Wir erwarten morgen die Ischiaspatientin, Kind. Hast du genügend Fango besorgt?«

Ruth nickte.

»Ja, Papa, Joseph hat die Holzwanne schon aufgebaut.«

Der Betrieb lief weiter.

Drei Tage darauf schrie Xylanders Autotrompete vor dem Tor.

Ruth saß auf der Terrasse bei den Kranken, die Liegekur machten. Der wilde Klang rief keinen Schrecken, keine Überraschung in ihr wach.

Sie unterhielt sich noch eine Weile mit den Kranken und erklärte ihnen lächelnd die Herkunft dieses phantastischen Vogelschreis.

220 Gleichzeitig sah sie auf St. Josephs Acker Männer mit Arbeitsgerät erscheinen. Stangen wurden aufgerichtet, rote Pflöcke in den Kies geschlagen. Von der Lauffenbrücke blitzte ein Meßinstrument, Hammerschläge weckten das Echo des Tales.

Der Vater ließ sie bitten, zu kommen. Sie schrieb noch die Temperatur der kleinen Russin ein, die nun doch nicht mehr als Rekonvaleszentin von einer trockenen Brustfellentzündung gelten konnte und St. Joseph bald mit Davos vertauschen mußte, und ging dann hinunter. Unterwegs preßte sie die Hand fest auf die Brust.

Engelhardt war mit Xylander im Refektorium zusammengetroffen. Hier saßen sie am kalten Kamin in den weißen Korbsesseln und sprachen von dem Bau des Rheinwerkes.

Xylander sprang auf und ging ihr eifrig entgegen.

»Ich komme Sie auslogieren, Fräulein Engelhardt,« begrüßte er sie scherzend.

»Ja, er will mich veranlassen, der Gesellschaft St. Joseph für teures Geld zu verkaufen,« rief der Vater und sah dabei gar nicht bekümmert aus.

»Es wird Ihnen sowieso nichts anderes übrig bleiben, wenn wir bauen,« sagte Xylander zu beiden gewandt.

»Sprechen Sie von dem Kraftwerk, Herr Xylander?« fragte sie kühl.

»Wir sprachen davon, gnädiges Fräulein.«

Er legte den Ton auf die Vergangenheitsform, und seine Blicke baten um Entschuldigung.

Ruth wußte Bescheid. Eine große Ruhe kam über ihr Herz.

Als er sich nach kurzem Besuche wieder verabschiedete und mit Ruth allein durch den Garten ging, kam er darauf zurück.

»Ich habe mich seit unserer Fahrt nach Konstanz dafür interessiert und Zeit gehabt, mich zu informieren. Dann erhielt ich eine kurze Anfrage des leitenden Ingenieurs, und die Pläne und Berechnungen waren so 221 bestechend, daß ich unser Haus mobil machte und selbst sofort hierher eilte. Das ›sofort‹ war indes nicht durch das Werk bedingt.«

Sie überhörte die Andeutung und fragte:

»Und sind Sie entschlossen, sich zu binden?«

»Wenn die Firma denkt wie ich, ja.«

Eine rote Welle stieg in ihr Gesicht.

»Das freut mich,« erwiderte sie unwillkürlich und atmete tief.

Eine kleine Pause entstand, sie fanden die richtige Wendung nicht, um zu Ende zu kommen.

Endlich sagte er:

»Ich habe Herrn Ingold übrigens schon vor einem Jahr hier bei Ihnen kennen gelernt. Bei der Affäre mit der kleinen Lo,« sagte er ohne jede andere Absicht als die, den Abschied noch hinauszuschieben.

Da blickte ihn Ruth ernst an und erwiderte mit Nachdruck:

»Hanns Ingold ist mein Jugendfreund.«

Er stutzte.

»Und hat mir sehr nahe gestanden,« schloß sie mit festem Ton.

Sie fühlte, wie seine Augen fragend, prüfend über ihr Gesicht gingen, begegnete ihnen stolz mit ihrem goldschimmernden Blick und reichte ihm langsam die Hand zum Abschied.

Ein Schwall von heißem Blut und starken Hoffnungen stieg aus seiner Brust.

Weiß Gott, das Mädchen hatte Stolz und Rasse! Stumm bückte er sich auf die schmale Hand.

Als sein Wagen im Staub verschwunden war, kehrte Ruth langsam ins Haus zurück.

Es war ein Spätsommertag von köstlicher Frische und schwebender Heiterkeit.

Ihr aber schien es, als hätte sie wunde Füße, und sie ging langsam, mit dem halben Bewußtsein einer Schlaftrunkenen. 222

 


 

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