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Der Gast, der mit der Fähre kam

Sven Elvestad: Der Gast, der mit der Fähre kam - Kapitel 8
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDer Gast, der mit der Fähre kam
publisherVerlag Ullstein / Berlin
translatorMarie Franzos
correctorreuters@abc.de
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VII. Mit der Axt ...

Die Schritte verloren sich nach dem Dorfe zu. Die beiden jungen Menschen standen da und sahen einander an.

»Da hat jemand gehorcht«, flüsterte Ann-Mari.

Sigvard antwortete nicht. Er spielte ein paar Tonfolgen auf der Harmonika, gleichsam eine Botschaft an den Horcher, daß das Ganze ihm völlig gleichgültig war.

Wieder setzten sie sich auf die Bank, diesmal enger aneinandergeschmiegt. Ann-Mari schmeichelte ihre Hand unter den Arm des Jünglings. Die Störung hatte sie nur noch vertrauter gemacht.

Ann-Mari flüsterte:

»Wenn jemand gehört hat, was du da sagtest, dann klatscht er morgen vielleicht. Und dann lachen dich die andern aus.«

»Was liegt mir daran«, antwortete Sigvard niedergeschlagen.

»Du weißt ja, alle Menschen finden, daß du so wunderlich sprichst. So ausstudiert. Ja, ich finde das ja nicht. Ich höre dir immer so gerne zu.«

»Ich habe ja auch schon beinahe niemand anderen mehr, mit dem ich reden könnte, Ann-Mari.«

»Und es heißt bei den Leuten, daß wir draußen im Fährhaus alle so sonderbar werden.«

Eine Weile saßen sie schweigend da. Dann sagte Sigvard:

»Da denken sie wohl vor allem an Signe.«

»Ja«, meinte Ann-Mari zögernd. »Gewiß denken sie hauptsächlich an meine Mutter.«

Signe, so wurde die Hellsichtige immer genannt. Auch Ann-Mari sprach oft als »Signe« von ihr. Es ist auf dem Lande und in kleinen engen Gemeinwesen so der Brauch. Die unehelichen Kinder dürfen den Mutternamen nicht entweihen, indem sie sich seiner bedienen. Wenn jemand zu Ann-Mari »deine Mutter« sagte, so lag immer ein Stich darin. Ein Versuch, zu beleidigen.

»Ja, Signe ist wunderlich«, sagte Sigvard nachdenklich. »Warum spricht sie denn so selten, sie ist doch nicht stumm?«

»Das habe ich mir so zurechtgelegt«, sagte Ann-Mari mit kindlichem Eifer. »Weißt du, wenn sie nicht spricht, dann braucht sie ja auch keine harten, bösen Worte zu hören. Ich kann mich an sie gar nicht anders erinnern, als wie sie jetzt ist. Still und stumm. Aber sie wird wohl einmal anders gewesen sein, als ich noch ganz klein war. Es war ja eine solche Schande für die Familie, daß ich auf die Welt kam. Und in der ersten Zeit hat sie wohl jedesmal, wenn sie nach etwas fragte, eine bissige Antwort bekommen. Oder eine spöttische. Und da hat sie lieber ganz still geschwiegen. Ich glaube, sie hat es sehr schwer gehabt, die Mutter. Aber jetzt nicht mehr. Sie hat es nicht gut, aber auch nicht schlecht. Sie lebt ganz für sich. Es ist, als ob sie die ganze Zeit träumte und gar nicht mehr unter uns anderen erwachen möchte. Ab und zu einmal spricht sie zu mir, wenn niemand dabei ist. Heute in aller Frühe zog sie mich an sich, sie war so furchtbar eifrig, so als wollte sie mir eine unerhörte Neuigkeit erzählen. Ann-Mari, sagte sie, jetzt kommt der Frühling zum letztenmal. Und dabei war sie strahlend froh. Ist das nicht schön?«

»Signe ist eben hellsichtig«, sagte Sigvard mit großem Ernst.

»Hellsichtig, was ist das eigentlich?«

»Hellsichtige Leute«, sagte Sigvard, »können Dinge sehen, die wir nicht sehen können.«

»Können sie auch künftige Ereignisse ahnen?«

»Das auch.«

»Dann ahnt sie vielleicht jetzt etwas. Es muß etwas Freudiges sein, denn ich habe sie selten so glücklich gesehen.«

Sigvard starrte eine Zeitlang stumm zum Sternenhimmel empor. Dann sagte er plötzlich:

»Denk nur, wenn dein Vater zurückkäme!«

Ann-Mari schmiegte sich ängstlich an ihn. Mit Tränen in der Stimme sagte sie:

»Nicht, Sigvard, nicht! Du darfst das nicht glauben. Darum habe ich ja solche Angst davor, daß wir hierbleiben. Dann wirst du auch von dem Fluch angesteckt.«

Mit selbstbewußter Überlegenheit und ungeheuer abweisend antwortete Sigvard:

»Nein, nein! Ich weiß, daß das Schiff untergegangen ist und daß alle längst tot sind.«

Er wies hinauf zu den Sternen.

»Vielleicht sind alle unsere Toten dort oben. Wenn ich die Augen halb schließe und lange hinaufstarre, kann ich zwischen den Sternen undeutliche Gesichter sehen. Und wenn ich von Stern zu Stern Schnüre ziehe, so werden Schiffe daraus. Schiffe, die so luftig und leicht gehen, daß es eine Lust ist. Siehst du die zwei Sterne dort oben, Ann-Mari? Die funkeln wie Katzenaugen im Dunkel. Wenn ich eine Schnur von ihnen zu dem roten Stern dort unten ziehe, dann ist das der Bogen des Besansegels der ›Glücksprobe‹, so wie ich es auf dem Bilde gesehen habe. Und dort drüben diese Wolke, das ist das Großsegel in einer scharfen Brise. Und dann der Bug, sieh nur, der feine schwarze Bug mit dem Schaum ringsherum ... er starrte benommen: wie seltsam es ist, die Brigg füllt förmlich den ganzen Himmel aus. Aber sie kommt auf uns zu.«

Ann-Mari packte ihn heftig am Arm.

»Laß uns jetzt heimgehen«, sagte sie. »Es ist sehr spät. Morgen müssen wir früh aufstehen.«

Er protestierte.

»Nein. Nein. Heute ist ein so schöner Abend. Wenn du morgen müde bist, werde ich für zwei arbeiten.«

»Aber Kaisa?«

»Kaisa traut sich nicht, dir etwas zu tun, wenn ich in der Nähe bin«, sagte Sigvard stolz.

Er zog sie an sich.

»Daß jemand es übers Herz bringt, gegen dich böse zu sein, das kann ich gar nicht begreifen. Aber ich verlasse dich nie, Ann-Mari.«

»Nie«, wiederholte sie.

»Nein, nie. Und wenn ich daran denke, daß ich dich nie verlasse, durchzuckt mich ein Freudenschauer.«

Er löste behutsam seinen Arm aus dem ihren und begann zu spielen, sehr gedämpft, aber doch mit Halten, Fiorituren und Tremolos – das war das Lied von Ann-Mari, das er selbst gedichtet und in Töne gesetzt hatte. Sigvard war nicht allein ein Träumer, sondern auch ein Dichter und Sänger. Das Lied von Ann-Mari war nicht wie eine jener kecken, wehmütiglustigen Seemannsweisen, es war nur traurig, sehnsüchtig, schmerzlich.

*

Der Fremde, der hinter dem Bretterstapel gestanden und einen Teil des Gesprächs der beiden belauscht hatte, schritt rascher heimwärts als er ausgegangen war. Er hatte von dem Licht in seinen Fenstern gehört. Jetzt sah er es selbst. Ein rotes Blinken, das ein bißchen stillstand und sich dann zu dem anderen Fenster hinbewegte und dann wieder zurück.

Als er zum Gartenstaket kam, sah er, daß das Türchen offen stand, so wie er es verlassen hatte. Aber die kleine Tür in der Bretterwand war zu. Hier blieb er nachdenklich stehen. Da er ganz genau wußte, daß er sie hatte offen stehen lassen, mußte er sich ja sagen, daß jemand ihm gefolgt war. Ob die Tür wohl von innen versperrt war? Er drückte behutsam auf die Klinke. Nein, versperrt war sie nicht. Er schlich sich hinein.

Mit äußerster Vorsicht ging er die Treppe hinauf, aber es ließ sich nicht vermeiden, daß seine Schritte auf dem alten Gebälk, das von den Schritten von Jahrhunderten abgenützt war, ein leises Knarren hervorriefen. Als er in sein Zimmer kam, zündete er die Kerze an.

Bei der Tür blieb er stehen und sah sich um. Dem Anscheine nach war alles unberührt. Dort drüben das Bett, wie er es verlassen. Da der Tisch mit einigen Büchern, die er aus dem Koffer genommen hatte. Auf dem Tisch die Kerze im Leuchter. Er zündete die Kerze mit seinem brennenden Schwefelhölzchen an.

Ja. Da standen seine Koffer auf dem Boden, der größere unten, der kleinere oben. Er hob den kleinen Koffer und sah ihn sich näher an. Probierte das Schloß, es war versperrt. Aber dann erregte etwas seine Aufmerksamkeit. Er nahm das Licht näher zum Koffer hin und ließ es auf dessen blinkende Silberbeschläge leuchten. Dann stellte er die Kerze auf den Boden und nahm seine Schlüssel heraus. Er öffnete den Koffer mit einem der kleinen Schlüsselchen, aber sehr langsam und zögernd. Mit der Hand wühlte er ein wenig den Inhalt durch, dann verschloß er den Koffer wieder. Aber die ganze Zeit war er sehr versonnen.

Als er den Koffer auf seinen Platz zurückgeschoben und die Kerze auf den Tisch gestellt hatte, blieb er ein Weilchen wie ratlos stehen. Plötzlich griff er sich mit beiden Händen an den Kopf und stöhnte:

»Du großer Gott! Du großer Gott!«

Dann fing er wieder an im Zimmer auf und ab zu gehen, aber von Zeit zu Zeit blieb er stehen und wiederholte denselben Ausruf: »Du großer Gott!« Dann nahm er einen Stuhl und setzte sich ans Fenster. Er stützte den Kopf in die Hand und blickte hinaus. Das Fenster war offen.

*

Tief unten in dem großen Haus war irgendwo das Schlafzimmer der Fährleute. Das alte Ehepaar war noch nicht eingeschlafen, sie lagen in dem großen Himmelbett nebeneinander. Von einem der runden kleinen Fensterchen war der Vorhang zurückgezogen, so daß der Sternenhimmel draußen zu sehen war. Aber das nächtliche Licht des Himmels konnte die tiefe Finsternis in den Ecken des Zimmers nicht erhellen. Durch das alte Gebälk des Hauses drang ein Laut von oben, Seufzer auf Seufzer, wie Wassertropfen, die in weiter Ferne fallen, das waren die Schritte des Fremden. Die Fährleute sagten nichts, sie lagen völlig in Finsternis begraben da, aber es war in dieser vollkommenen Stille doch etwas Unbestimmbares, das gleichsam ihre lauschenden Ohren und ihre offenen, starrenden Augen verriet.

Jetzt hörte das Geräusch der Schritte auf.

Johannes Stimme ertönte aus dem Dunkel:

»Er ist zu Bett gegangen!«

Kaisa flüsterte:

»Das glaube ich nicht. Er hat sich niedergesetzt. Oder auch er steht und horcht. Sprich leise.«

»Ob er wohl etwas gemerkt hat?«

»Was sollte er merken?«

»Daß du versucht hast, den Koffer zu öffnen.«

»Das kann er nicht sehen.«

Eine kleine Pause. Dann wieder Kaisa:

»Es ist Geld im Koffer. Gold. Sonst könnte er nicht so schwer sein.«

»Dann muß es viel Gold sein«, sagte Johannes.

»Warum ist er hergekommen?« fragte Kaisa.

»Ich habe dir doch schon gesagt, das kann ich nicht wissen.«

»Ich bin sicher, daß es niemanden gibt, der nach ihm fragen wird. Niemand wird nach ihm suchen. Niemand wartet auf ihn. Niemand wird nach ihm fragen. Er verbirgt sich. Warum kommt er sonst in solch einen öden Ort!«

Plötzlich sagte Johannes weinerlich:

»Ich bin ein schwacher alter Mann, und er ist jünger als ich.«

»Dazu braucht man keine Kraft«, antwortete Kaisa.

Dann war es lange still. In dieser Stille hörte man ab und zu ein Stöhnen von Johannes. Aber es war etwas Seltsames in dieser Stille, in diesem Dunkel, etwas furchtbar Drückendes, etwas wild Grüblerisches.

Plötzlich fragte Johannes:

»Was sagtest du, Kaisa?«

»Ich sagte nichts.«

»Doch, ich habe es gehört«, fuhr Johannes in wilder Verzweiflung fort. »Ich hörte deutlich, wie du sagtest: Mit der Axt ... Das hast du gesagt, Kaisa!«

Kaisa antwortete nicht.

Nun begann der Tag durch das runde Fenster zu dämmern, ein gelbes Auge, das zu ihnen hineinstarrte, und in dem Licht dieses gelben Auges wurden das Himmelbett und die alten Fährleute sichtbar.

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