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Der Gast, der mit der Fähre kam

Sven Elvestad: Der Gast, der mit der Fähre kam - Kapitel 7
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDer Gast, der mit der Fähre kam
publisherVerlag Ullstein / Berlin
translatorMarie Franzos
correctorreuters@abc.de
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VI. Schlaflose Nacht

Bald darauf hörte Johannes Schritte über leise knarrende Bodenbretter – und nun konnte er berechnen, woher das Geräusch kam. Es war der Fremde, der sein Zimmer verlassen hatte.

Johannes konnte hören, daß er sehr vorsichtig auftrat, hie und da blieb er stehen, vermutlich um zu horchen, ob er Lärm machte – dann ging er weiter. Nun näherte er sich der Treppe.

Johannes stellte die Hornlaterne in eine offene Kiste, so daß es ringsum ganz finster wurde. Dann schlich er sich zu dem Vorsprung der Treppe, wo er, selbst ungesehen, beobachten konnte, was vorging.

Der Fremde kam die Treppe hinunter. Obwohl vorsichtig, ging er doch mit großer Sicherheit Schritt für Schritt. In einem der Treppenwinkel mußte er eine schmale offene Luke in der Wand passieren. Durch diese Luke fiel ein ganz mattes Dämmerlicht vom Sternenhimmel. Als er da vorbeipassierte, konnte Johannes sein Gesicht sehen.

Der Fremde stützte sich im Gehen auf das Geländer, er ging mit gesenktem Kopf, und obwohl das Gesicht halb von dichten Schatten verdeckt war, konnte Johannes doch seinen Ausdruck erkennen, der tief nachsinnend und tief betrübt war. Nur einen Augenblick hatte er im Sternenlicht gestanden, nun verschlang ihn wieder die Dunkelheit der Treppe.

Johannes lauschte seinen Schritten, wie man einen Dieb zur Nachtzeit belauscht. Das Sonderbare war, daß der Fremde kein Licht mit hatte. Er ging wie ein Schlafwandler ... Nun konnte Johannes hören, daß er die Treppe ganz hinuntergekommen war ... jetzt ging er durch den schmalen Gang links, wo alle Bierfässer in Reih und Glied lagen. Dahinter, dicht dahinter war Signes und Ann-Maris Zimmer. Aber rechts war eine schmale Tür, die in den Garten führte, und diese Tür stand immer offen. Johannes hörte, wie der Fremde ein Weilchen stehen blieb, so als überlegte er. Aber dann knirschten die rostigen Angeln der Tür leise.

Johannes schlich hinter ihm drein die Stufen hinunter, so rasch und leise er konnte. Als er in dem engen Gang angelangt war, sah er wieder das graue Licht des Sternenhimmels. Der Fremde hatte die Tür offen stehen lassen. Johannes wartete ein Weilchen. Er konnte sehen, wie der Schatten des Fremden sich in phantastischer Vergrößerung über die Wand des Seeschuppens bewegte. Der Fremde war im Begriff, sich durch den kleinen Küchengarten zu schleichen, um auf die Straße hinauszukommen. Aber obgleich nun alles von dem blassen Licht des Himmels beschienen dalag und er also ohne Schwierigkeit seinen Weg gehen konnte, blieb er oft tastend stehen, so als ob er die Hand vor dem Auge nicht sehen könnte. Es war ganz so, als ginge dieser wunderliche Mann in der tiefsten Finsternis besser als bei Licht.

Nun kam das Sonderbare, das Johannes völlig zu verstören schien: auch drinnen im Hause hinter ihm ertönten schleichende Schritte. Wer konnte das sein? Er wußte, daß Kaisa und Signe sich zur Ruhe begeben hatten und die kleine Ann-Mari zum Frühlingstanz auf den Kirchenhügel gegangen war. Aber der Laut dieser Schritte verstummte – und nun ging der Fremde durch das Gartengitter. Johannes wollte sich zur Tür hinausdrücken, um ihm zu folgen, als jemand ihn beim Arm packte. Er wandte sich jäh um.

Hoch und drohend stand in der Dunkelheit Kaisa da. Ihre Krallen hielten ihn am Rockärmel fest. Sie beugte ihr dunkles Gesicht über ihn, so als wollte sie ihm die Augen aushacken, und unwillkürlich duckte er sich.

»Bleib hier«, flüsterte sie.

»Ich behalte ihn im Auge, den Fremden«, erwiderte Johannes. »Er ist fortgegangen.«

»Ich weiß,« erwiderte sie, »laß ihn gehen. Komm her.«

Sie zog ihn in den Gang hinein, und nachdem sie die Tür sorgsam verschlossen, aber nicht versperrt hatte, entzündete sie ein Licht.

Sie lachte.

»Jetzt sind wir allein«, sagte sie. »Signe schläft.«

Sie wies hinauf.

»Seine Tür ist nicht verschlossen. Die Tür zu dem großen Zimmer läßt sich nicht schließen, weißt du.«

Johannes verstand sie vielleicht, aber wurde ängstlich.

»Ich habe geglaubt, du schläfst«, sagte er ausweichend.

»Ich wollte nicht zu Bett gehen. Ich wollte warten und sehen.«

»Warten, worauf?«

»Daß er das Haus verläßt. Fürchtest du dich, Johannes?«

Er antwortete nicht.

»Du fürchtest dich immer in der Dunkelheit«, sagte sie und lachte wieder, dieses hohle, unheimliche Lachen – es war, als gingen harte Stöße von ihrer Brust aus. »Jetzt werde ich anzünden,« sprach sie weiter, »jetzt werde ich die Laterne anzünden. Es sieht uns ja doch niemand. Alle Läden sind zu. Komm jetzt.«

... Aber der Fremde war nun auf die Dorfstraße gekommen. Er ging mit aufgeknöpftem Rock, die Hände tief in den Taschen vergraben. Er sah sich aufmerksam um, so als suchte er einen bestimmten Punkt.

Dies war kein eigentliches Dorf. Nicht einmal ein Ladeplatz. Die Straße, die bergab, bergauf ging, drehte sich beständig. Es sah aus, als wären die Häuser ganz zufällig hier und dort hingebaut, und so hatte die Straße ihren Launen folgen müssen. Die meisten Häuser waren sehr klein, alle waren sie grau und armselig, und sie sahen noch einförmiger in diesem Mondschein aus, der alle Farben löschte und nur Schatten und Licht sehen ließ. Die Häuser waren meistens von einem kleinen Gärtchen umgeben, und die Gärten wieder von Staketen. Wenn der Frühling sich auch noch nicht recht entfaltet hatte, so konnte man doch an den verkümmerten Bäumen, die ihre schwarzen Finger in das Mondlicht hinaufreckten, und an den Rasenflächen mit dem vorjährigen Gras, das welk war wie das Gras auf vergessenen Gräbern, sehen, daß die Gärten schlecht und lieblos gehalten waren. Hingegen war viel Arbeit auf die Umzäunungen verwendet, sie waren auffallend hoch und dicht. In diesen Zäunen drückte sich die Nachbarfeindschaft aus. Es war, als verkörperte jedes Haus innerhalb seines Stakets feindselige Bitterkeit und Mißtrauen.

Am dichtesten lag das Dorf rings um das Handlungshaus, ein altes Gebäude mit zwei Stockwerken, aus Balken erbaut wie das Fährhaus. Der Bau stammte sicherlich aus Unfriedenszeiten, die untersten Fenster lagen mehr als mannshoch über der Erde – und in dieser Gestalt brachte er noch deutlicher als die anderen Häuser das allgemeine Gepräge des Mißtrauens und der Feindseligkeit zum Ausdruck, die hier zu herrschen schienen.

Von jenem Punkte hatte man einen Überblick über das Dorf, bis ganz hinaus zu den zerstreuten Häuschen auf den Schären. Weit draußen im Meere blinkte es regelmäßig von dem Leuchtturm auf; es war, als läge dort draußen in der Dunkelheit ein Fabeltier und wälzte sich und starrte hinüber zum Horizont, zuerst mit seinem roten und dann mit seinem grünen Auge. Gegen das Land zu erhoben sich einige dunkle Hügel, das waren aufgestapelte Bretter – und dahinter ragte der Schornstein des Sägewerks kohlschwarz zu den Sternen auf.

Der Fremde ging herum und sah all dies an, prüfend, so als fragte er sich, wer wohl in diesen Häusern wohnte. Er kam auch zu der kleinen Brücke hinunter. Eine Plankenbrücke mit Pfosten in dem rinnenden Fluß. Eine Weile blieb er stehen und starrte durch die Ritzen hinunter. Das Wasser glitt ruhig und dunkel mit einem leisen Glucksen vorbei. Er trat an den Rand der Brücke und sah über den Fluß hinaus. Auf dem anderen Ufer war der Boden flach und mit Gesträuch und einzelnen Bäumen bewachsen. Diese Bäume, die der Fremde lange verwundert betrachtete, ragten vom Boden auf wie schwarze Schlagschatten, deren oberster Rand vom Mondlicht versilbert war. Der Fremde ging wieder landeinwärts, es war eine sehr stille Nacht, die erste Frühlingsnacht, mit einem seltsamen Duft, einem Gemisch von Erde und Meer in der Luft. Er hörte jetzt ganz deutlich Ziehharmonikatöne vom Kirchenhügel, es waren zwei Instrumente, eine Musik, die sich entfernte und über die Klippen hin verklang, und eine andere, die näher kam. Der Fremde ging dem Laut nach. Schließlich kam er zwischen die großen Bretterhaufen, hier war der Boden weich von Hobelscharten und Sägespänen, seine Schritte waren nicht mehr zu hören. Die Ziehharmonika war nun verstummt, aber der Fremde hatte zwei schwarze Gestalten erblickt, die an den aufgestapelten Brettern vorbei dem Wasser zugingen. Es war ein junger Bursch mit einer Ziehharmonika an einem Riemen über der Schulter und ein junges Mädel – es waren Ann-Mari und Sigvard.

Sie setzten sich dicht nebeneinander auf eine Bank. Von hier hatten sie die Aussicht auf den Fluß, sie konnten die Bäume am anderen Ufer sehen, auch die Schären und den Meeresrand und das Fährhaus, das weit weg, schwarz und hoch zu brüten schien. Sie saßen ganz still, benommen von der großen Ruhe, die über der Erde lag, und dem funkelnden, zuckenden Leben oben am Himmel. Der Mond, der unter den Wolken verschwand und wieder auftauchte, das ganze gewaltige Himmelsgewölbe war doch in diesem Augenblick nur ein Spielzeug für die zwei Menschenkinder, die stumm dasaßen und sich wunderten.

Sigvard stellte die Ziehharmonika auf seine Knie, aber er spielte nicht. Der junge Bursche war ein Sonderling, ein Träumer. Alles war ganz toll und verkehrt in diesem kleinen Ort, nicht einmal die Jugend hatte die gewöhnliche unmittelbare Jugendfrische. Sie war entweder unterjocht, geduckt und mutlos, oder auch frech und bösartig – oder auch wie Sigvard ein Phantast, ein Dichter, der in Grübeleien versank und oft in unverständlicher gehobener Sprache redete. Aber dies erregte in dem kleinen Orte nicht soviel Verwunderung, als es anderswo der Fall gewesen wäre. Vor allem keine Heiterkeit. Man fand sich damit ab, daß hier alles anders sein mußte, auch die Jugend, der Frühling der Menschheit, das gehörte alles mit zu dem Fluch.

Sigvard beschrieb mit der Hand einen großen Bogen.

»Siehst du, wie eingeschlossen wir sind, Ann-Mari,« sagte er, »innerhalb des Horizontes ist nichts anderes als das Fährhaus und ein winzig kleines Stückchen Welt, die Bäume dort drüben, ein bißchen Meer und die Schären. Sonst nichts. Keine anderen Menschen. Ich weiß wohl, daß das Leben dort draußen groß und reich ist. Aber wenn ich hier daheim sitze und daran denke, dann habe ich das Gefühl, daß all das andere so weit weg ist, so schrecklich weit weg, Ann-Mari.«

»Das ist, weil die anderen Menschen glücklicher sind als wir«, sagte Ann-Mari. »Wir haben immer nur an etwas Schlimmes zu denken. Jedesmal, wenn ich morgens erwache, weiß ich, daß ich etwas zu fürchten habe. Oft kann ich nicht herausfinden, was es ist, aber ich weiß doch, daß mir vor etwas bangt. Und ich kann stundenlang herumgehen und darauf warten, und dann kommt es. Ich glaube nicht, daß es den anderen Menschen dort draußen so ergeht. Darum fühlen wir uns so einsam, glaube ich, weil es von denen, die unglücklich, zu denen, die ein bißchen glücklich sind, so furchtbar weit ist.«

Sigvard fingerte verlegen über die Klaviatur seiner Ziehharmonika.

»Aber wenn du an ... an uns zwei denkst?« fragte er.

»Sigvard, ich will es dir sagen, dann werde ich sehr froh, aber nur für einen kleinen, kleinen Augenblick.«

»Wir werden es schon schaffen«, sagte Sigvard ernst. »Auch wenn Vater noch so sehr dagegen ist. Ich kann mir mein Brot schon selber verdienen.«

»Ja, aber es ist nicht nur das. Aber wenn ich daran denke, daß auch wir hier so weiter herumgehen sollen, fühle ich mich schrecklich unglücklich. Davor ist mir wohl oft bange gewesen, ohne daß ich es wußte.«

»Wir werden schon draußen in der Welt zu Menschen finden, die glücklicher sind«, erwiderte Sigvard.

Er blieb ein Weilchen still sitzen. Dann fügte er hinzu:

»Heute habe ich viel über das Schiff nachgegrübelt, das verschwunden ist.«

»Weil es zwanzig Jahre her sind?«

»Nicht so sehr deshalb, als weil alle Menschen heute mehr davon gesprochen haben als sonst. Mir scheint, jedesmal wenn sie davon sprechen, werden sie immer noch bösartiger gegeneinander. Und da muß man ja darüber nachdenken, was eigentlich an der ganzen Sache ist. Weder du noch ich haben das Schiff gesehen, Ann-Mari. Jetzt habe ich die wunderliche Vorstellung, daß es gar nicht dagewesen ist.«

Ann-Mari sah ihn erschrocken an.

»Aber Sigvard!« sagte sie vorwurfsvoll.

»Ja, siehst du!«

Wie alle einfachen Menschen, die sich ihre tiefen Grübeleien nicht klarmachen können, suchte auch Sigvard sich mit Zeichen zu helfen. Er führte die zwei Zeigefinger hoch oben in der Luft zusammen, trennte sie dann wieder und beschrieb einen großen Bogen, worauf sich die Finger tief unten wieder trafen.

»Weißt du noch,« fuhr er fort, »als wir zur Konfirmation gingen, da sprach der Pfarrer von Geistern und Gespenstern. Davor braucht man nicht bange zu sein, sagte der Pfarrer. Selbst wenn wir ein Gespenst sehen, so existiert es nicht, es ist nur eine Furcht, ein Beben in unserer eigenen Brust, das Gestalt angenommen hat. Ja, ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, Ann-Mari, aber vielleicht ist dieses Schiff auch nur ein Gespenst, vielleicht ist es nur aus den bösen Gedanken der Menschen entstanden.«

Ann-Mari sah von ihm weg. Plötzlich sagte sie:

»Jetzt ist Licht in den Fenstern des Fremden. Er sah so unruhig und unglücklich aus, dieser Mann, er sei so müde, sagte er, aber siehst du, jetzt kann er nicht mehr schlafen.«

»Vielleicht will er nur ein bißchen lesen«, meinte Sigvard.

»Nein,« sagte Ann-Mari, »er geht im Zimmer auf und ab, das Licht bewegt sich ja von einem Fenster zum anderen.«

Plötzlich fuhr sie auf:

»Nein, was war das?«

Beide hatten dasselbe gehört. Sie sprangen von der Bank auf und blickten in die tiefe Dunkelheit zwischen den Holzstößen. Da hörten sie rasche Schritte, die sich entfernten.

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