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Der Gast, der mit der Fähre kam

Sven Elvestad: Der Gast, der mit der Fähre kam - Kapitel 4
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDer Gast, der mit der Fähre kam
publisherVerlag Ullstein / Berlin
translatorMarie Franzos
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III. Der Fremde

Jeden Tag derselbe Streit«, sagte Johannes, der Fährmann. »In den letzten zwanzig Jahren habe ich nichts anderes mehr gehört. Ich ahnte schon unterwegs, daß es wieder losgehen würde, an den Jahrestagen ist es ja immer am schlimmsten.«

Er wendete sich an den Lotsenältesten:

»Daß du auch nichts anderes zu reden weißt, Lotsenältester. Du müßtest doch allerlei zu erzählen haben, du, der du so lange gelebt hast.«

Und im Vorbeigehen zischte er:

»Und am Rande des Grabes stehst –«

Der Lotsenälteste zuckte zusammen.

»Gerade deshalb, Johannes«, antwortete der Alte gelassen. »Weil ich fühle, daß ich nicht lange Zeit vor mir habe, will ich euch allen ein ernstes Wort sagen. Ihr seid ja meine alten guten Freunde ... Freunde, ja, vielleicht ist das hier nicht das richtige Wort. Es ist, als hätte sich hier nur der Haß angesammelt. Und das Mißtrauen. Was man auch tut, es wird einem im bösen Sinne ausgelegt. Alle hüten sich förmlich, etwas Gutes vom Nächsten zu glauben. Keiner verträgt, daß es einem andern besser geht. Brauche ich Beispiele zu nennen? Ich habe lange genug gelebt, um viele anführen zu können. Wie nur einer etwas unternahm, gleich waren die anderen mit ihren Munkeleien und Verleumdungen bei der Hand. Und wenn es dann schief ging, begrüßte man das Unglück gleich mit Befriedigung. Ich will nicht sagen mit Schadenfreude, aber mit Befriedigung, weil man wollte, daß alle im Sumpfe steckenbleiben sollten. Und es ist immer schief gegangen. Uns hier im Fährdorf glückt nichts mehr. Es ist ein Fluch, der auf uns ruht. Und diesen Fluch wollte ich versuchen, durch ein ernstes Manneswort zu brechen. Denn ich glaube, der Fluch ist darin begründet, daß wir das Vergangene nicht abschütteln können. Wenn wir uns ermannen könnten, einen Strich unter das Geschehene zu ziehen, dann gäbe es noch Hoffnung für die Menschen im Fährdorf. Es gilt, das Alte sein zu lassen und etwas Neues anzupacken, hört ihr es, Leute? Mit frischem Mut wieder anfangen, als ob nichts geschehen wäre. Selbst bin ich zu alt, da hast du recht, Johannes. Ich bin bald am Ende, aber wir haben doch Jugend genug.«

Stille. Nach einer kleinen Weile sagte der Schuster:

»Jugend, ja die, die zurückblieb. Wir können nur die, die fort ist, nicht vergessen.«

Die Herbergsmutter fragte:

»Was hast du der Brigg mit auf den Weg gegeben, Lotsenältester? Ich habe meinen Jungen gegeben. Soll es einer Mutter nicht erlaubt sein zu hoffen?«

»Auch nach zwanzig Jahren?«

»Auch nach zwanzig Jahren, ja. Man hat schon öfters Wunder gesehen.«

Plötzlich war es, als ob ein Anfall der Härte den Lotsenältesten packte. Es war etwas von dem feindseligen Geist des Ortes in den Worten, die er hinausstieß:

»Keiner kommt zurück. Die Brigg ist untergegangen. Und nimmermehr werden wir von ihr hören. Nimmermehr!«

In unbändiger Raserei wollte Kaisa wieder auf ihn losstürzen, aber der Fährmann Johannes stellte sich dazwischen. Da hielt sie sich zurück. Sie murmelte einen unverständlichen Fluch zwischen den Zähnen. Dann wandte sie sich ihrem Manne zu:

»Geh zur Brücke und hilf Sigvard«, sagte sie in befehlendem Ton.

Johannes gehorchte, ohne zu mucksen, und ging, um die Doppeltür zu öffnen. Aber unterwegs bemerkte er das närrische Mädchen, die auf der Flurschwelle saß und geistesabwesend in das Lampenlicht starrte. Johannes fand für seinen Ärger, der Frau Order parieren zu müssen, einen Ablauf. Er fiel über Signe her.

»Und du da,« rief er, »wie rennst du denn herum, ein Graus für alle! Was hast du denn draußen auf den Schären zu tun? Die halbe Nacht kann man dich draußen stehen sehen, mit der Hand über den Augen ... ja, du hast was zu erwarten!«

Ann-Mari erhob sich.

»Tu der Mutter nichts«, bat sie. Ihr Stimmchen klang so zart nach dem Grölen der groben Stimmen.

Der Fährmann lachte:

»Mutter«, sagte er höhnisch. »Mutter! So ein ...«

Mehr wurde nicht gesagt, aber alle wußten, was gemeint war. Der Fährmann öffnete die Türen mit unnötigem Lärm, und Kaisa zog die zwei Frauen in den Flur, wo man sie mit Krügen und Küchengeschirr klappern hörte.

Es erregte keine Aufmerksamkeit unter den Leuten, daß noch zu so später Stunde ein Reisender kam. Es geschah oft, daß Leute, die über den Fluß wollten, mitten in der Nacht kamen. Meistens Reisende, die dann mit Pferden und Wagen weiterfuhren. Einzelne übernachteten auch in dem Wirtshaus, das Zimmer für Reisende hatte, und fuhren dann am nächsten Morgen weiter. Sehr selten kam es vor, daß jemand mehrere Tage im Hause blieb. Mit diesen Menschen waren keine Geschäfte zu machen, und selbst in der Ferienzeit kamen keine Fremden, denn die Einheimischen waren wegen ihres abweisenden, verschlossenen Wesens berüchtigt. Aber es lag auch in ihrer selbstbewußten Art, keine Neugierde zu zeigen. Die große Doppeltür blieb hinter Johannes offen stehen, und man konnte die zwei Fährleute unten auf der Brücke mit den Koffern des Fremden hantieren hören, aber es fiel keinem ein, hinzusehen, auch nicht, sich gegenseitig zu fragen, wer es wohl sein konnte, der da kam. Der erregte Streit von früher war doch verebbt, und man führte jetzt ein gedämpftes, unwilliges, mürrisches Gespräch.

Unterdessen kam der Fremde mit Johannes und Sigvard herein. Die zwei Fährleute trugen sein Gepäck, zwei große silberbeschlagene Handkoffer, die sie neben der Tür niederstellten. Johannes ging in die Küche hinaus, um mit Kaisa zu sprechen, man entnahm den gemurmelten Worten des Fährmanns von einem Zimmer, daß der Fremde zu übernachten gedachte. Dieser rief »guten Abend« in die Stube, und man antwortete ihm zögernd, einer nach dem andern, gleichsam befangen, und warf ihm rasche, verstohlene Blicke zu. Aber dann setzte man das Gespräch fort, als ob der Mann nicht vorhanden wäre.

Er sagte laut, indem er seinen Hut abnahm und den Pelzmantel aufknöpfte: »Laßt euch nur ja nicht durch mich stören.«

Den Worten folgte ein kurzes Schweigen, aber keine Antwort; hierauf wurde das Gespräch wieder aufgenommen, als hätte man nichts gehört. Es lag nichts ausgesprochen Unhöfliches in diesem Übersehen, eher war es vielleicht eine knappe Form der Höflichkeit, so war es hierzulande Brauch.

Der Fremde ging zum Kamin hin, wo die großen, halbverbrannten Eichenklötze kreuzweise in der Asche lagen und mit einer hinsterbenden, glimmenden Flamme schwelten. Er rieb sich über der Glut die Hände, es war an dem Abend nicht besonders kalt, eher frühlingsmäßig müde, nur ein bißchen frisch, wie nach einem warmen Regen. Und da der Fremde obendrein seinen Pelzmantel anbehielt, war es doch merkwürdig, wie erfroren er sein mußte. Er setzte sich allein an ein kleines Tischchen neben dem Kamin. Dann bedeutete er Sigvard durch ein Zeichen, ihm die Koffer dorthin zu tragen. Sigvard stellte die Koffer neben seinen Stuhl und blieb stehen, um sie sich anzusehen. Es waren prächtige Koffer.

»Wie heißt du, mein Freund?« fragte der Fremde.

»Sigvard«, antwortete der Knabe ungeheuer ernst.

»Sigvard, Sigvard –«, der Fremde wiederholte den Namen ein paarmal, seine Hände anstarrend, die er noch immer gegeneinander rieb, Es waren dünne, lange Hände. Sigvard ging zu der Bank zurück und setzte sich zu der übrigen Jugend, vorgebeugt, die Ellbogen auf die Knie gepflanzt; doch unter seinem Haarschopf starrte er nach dem Fremden hin.

Es war wirklich ein Fremder. Erstens sprach er die Worte schwerfällig mit jenem Zusatz von rollenden angelsächsischen Nebentönen aus, der für die charakteristisch ist, die sich lange in der Fremde aufgehalten haben. Dann waren auch seine Kleider von ungewöhnlicher Feinheit, sein Mantel hatte ein Futter von einem überaus zarten Pelzwerk, dunkel, aber mit etwas beinahe unsichtbar weiß Schäumendem über den Haarspitzen. Er mochte ein Mann von etwa vierzig Jahren sein. Sein Haar war schon stark ergraut, vor den Augen trug er eine große, goldgefaßte, runde Brille, ein beinahe weißer Bart hing über seinen Mund; und wenn er nicht damit beschäftigt war, sich die Hände warm zu reiben, strich er sich über diesen Bart und hielt dann den Kopf nachdenklich schräg. Er war ungewöhnlich, beinahe krankhaft mager, die Haut strammte sich über seinen Backenknochen, die Schläfen waren zwei eingesunkene Gruben.

Nach einiger Zeit kam Ann-Mari mit einer Kanne warmem Bier, und indem sie es auf den Tisch stellte, knixte sie. Auch sie fragte er, wie sie heiße, und wiederholte ihren Namen, wie er den Sigvards wiederholt hatte, leise, mit einem seltsamen Zögern in der Stimme, vielleicht aus reiner Geistesabwesenheit, so als dächte er die ganze Zeit an etwas ganz anderes. Plötzlich sah er auf seine Uhr, eine Golduhr mit Doppeldeckel, die einen soliden Knacks von sich gab, als er sie öffnete.

»Noch nicht Mitternacht«, murmelte er.

Dies hörten die Leute rings um den großen Tisch, und sie sahen auf die große Schlaguhr, die tickte und tickte. Es wurde ganz still in der Stube, einer nach dem andern trank seinen Humpen aus, stand auf und ging. Schließlich waren außer dem Fremden nur Johannes und der Lotsenälteste übrig, und Ann-Mari, die den Tisch abräumte.

Johannes, der Fährmann, sprach den Fremden mit »Mister« an.

»Wünschen Sie das große oder das kleine Zimmer, Mister?« fragte er.

»Das große. Sind noch andere Gäste da?«

»Nein. Heute abend nicht. Wir haben auch keine anderen Zimmer.«

»Das große Zimmer – geht das auf den Fluß?«

»Ja.«

»Und wieviel Fenster sind da? Vielleicht drei?«

»Ja, drei Fenster.«

»Hast du die Rollgardinen herabgelassen?«

»Es gibt keine Rollgardinen. Vom Fluß kann niemand hereinsehen.«

»Keine Gardinen«, murmelte der Fremde. »Drei schwarze Fenster ... die Fenster haben kleine Scheiben, nicht wahr?«

»Ja, das ist ein altes Haus.«

Der Fremde sah sich in der Stube mit den alten, verräucherten, steinharten Balken um.

»Ein altes Haus, ja, vierhundert Jahre, denke ich.«

»Gerade vierhundert Jahre, so heißt es.«

Der Fremde deutete auf den größeren seiner Koffer. »Trage diesen Koffer hinauf«, sagte er. »Den andern nehme ich selbst. Den lasse ich nie aus den Augen.«

Der Lotsenälteste blieb mit dem Fremden allein. Der Alte schien sich sehr schwer zum Gehen zu entschließen, vielleicht merkte der andere das, denn er nickte ihm freundlich zu.

»Ich hörte die Leute hier von einem Schiff sprechen, das verschollen ist«, sagte er.

»Ach,« antwortete der Lotsenälteste, »das ist schon so lange her, zwanzig Jahre.«

»Zwanzig Jahre,« murmelte der Fremde, »zwanzig Jahre ... zwanzig Jahre.«

Er wiederholte diese Worte in demselben staunenden Ton, in dem er die Namen Ann-Mari und Sigvard ausgesprochen hatte.

Und auf den freien Platz am Tische deutend, sagte er:

»Setzen Sie sich doch.«

»Aber es ist spät, wollen Sie sich nicht niederlegen?«

»Noch nicht.«

»Sie sehen doch so müde aus«, wandte der Lotsenälteste ein.

»Ja,« erwiderte der Fremde mit einem Seufzer, der so klang, als wenn er sich innerlich ganz auflöste – »ich fühle mich nicht ganz wohl.«

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