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Der Gast, der mit der Fähre kam

Sven Elvestad: Der Gast, der mit der Fähre kam - Kapitel 17
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDer Gast, der mit der Fähre kam
publisherVerlag Ullstein / Berlin
translatorMarie Franzos
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XVI. Zwei ziehen davon

Tage später, früher Morgen. Der Weg, der vom Fährhaus in Windungen den Bergfirst hinaufführt und weiter durch den Wald landeinwärts, hatte mancherlei Leute gesehen, die man sonst in diesem weltfernen Orte nicht zu sehen pflegte, Gerichtsbeamte und Polizisten. Die Einheimischen hatten hinter ihren Fensterpflanzen viel zu beobachten und über vieles nachzugrübeln. Aber allmählich kamen weniger Fremde, und dann kamen gar keine mehr. Das Wirtshaus war geschlossen, es senkte sich wieder Ruhe auf die Gemüter wie nach einer Sturmnacht.

Aber so wie die lange krankhafte Versenkung der Menschen in bittere Erinnerungen die Sinne empfänglich für den gewaltsamen Ausbruch jener Sonntagsnacht gemacht hatte, der wie ein wildes Unwetter nach einer drückend schwülen Stille war, so bewirkte auch ihr Hang zu düsteren Grübeleien und Aberglauben, daß die tragische Begebenheit selbst gleichsam in einem Zwielicht aus Wirklichkeit und Traum gewoben vor ihrem Bewußtsein stand.

Sie hatten einen Gast aus der großen Welt gehabt, jener großen Welt mit den unermeßlichen Meeren, die soviel Rätsel und soviel Tote bergen, aber der Fremde war nur an ihnen vorübergestreift, er war nur an ihrem Bewußtsein vorbeigegangen, wie er an ihren kleinen Fensterchen vorbeiging, ein Wesen, halb lebendig, halb unwirklich – und war dann wieder in dem großen Geheimnis des Daseins untergetaucht.

Für diese Menschen stellte es sich so dar, daß er nicht wirklich tot und nicht wirklich lebendig gewesen war. Er war ihnen eher das Sinnbild eines Strafgerichts, das über ihren Häuptern hingezogen war. Eigentlich war er mit aller Gedanken eng verknüpft: die Träume vom Schicksal des verschwundenen Schiffes waren in seinem fremdartigen Aussehen verkörpert, das in fernen Märchenlanden beheimatet war. Die wallenden Falten seines Mantels mahnten an die Meerestiefen, in denen die Vermißten vielleicht den ewigen Schlummer schliefen. Sein Name Andreas und sein plötzliches Auftauchen war eine Verwirklichung ihrer tiefsten Sehnsucht nach der Heimkehr der Verschwundenen. Sein düsteres Schicksal an jenem Abend war der Urteilsspruch über das Fährhaus. Sein Tod verwob sich mit religiösen Vorstellungen von Sühne und Erlösung. So wurde er zu einer Drohung göttlicher Mächte gegen das vermessene Grübeln der Menschen über ihr Schicksal. Die Menschen brauchen nichts von den Ratschlüssen des Ewigen zu verstehen, er hatte Kunde von dem verschwundenen Schiffe gebracht, aber niemand hatte etwas davon erfahren.

Der Gerichtsbeamte, der die Sache zu untersuchen hatte, wies auf das sonderbare Gemisch von Wirklichkeit und Unwirklichkeit hin, aus dem sie bestand. Sie gab ein Spiegelbild des inneren Lebens der Bevölkerung, das »aus Aberglauben, Träumereien, Feindseligkeit und dumpfer Schicksalsergebenheit« zusammengesetzt war. Die faktischen Dinge waren klar genug: das Geständnis des Fährmanns, die Blutspuren in der Kammer des Fremden und die blutbesudelte Axt, die hinterlassenen Koffer des Fremden. Aber seine Leiche war nicht zu finden. Das wurde in dem Rapport so erklärt, daß die Strömung den Toten aus dem Schilf losgerissen und ihn ins Meer hinausgetrieben hatte.

Selbst die Erklärung des stämmigen alten Lotsenältesten war auch nur ein Gemisch aus »reiner Wahrheit und Wahrheit, die vom Aberglauben gefärbt war«. Exakte Berichte über die Gespräche, die zwischen dem Lotsenältesten und dem Fremden an jenem Abend geführt wurden, weisen allerdings darauf hin, daß dieser Fremde der Matrose Andreas von dem verschwundenen Schiff »die Glücksprobe« gewesen ist. Aber gleichzeitig verquickt der Lotsenälteste seine Erklärung mit so vielen nicht dazugehörigen Umständen, wie den Stimmen toter Männer in den Wänden, Leichengeruch und anderen Visionen, daß das ganze Bild undeutlich wird. In den Koffern des Fremden fand man nichts, was seine Identität aufklären konnte.

An diesem hellen Morgen ging ein junges Paar über den Weg: Ann-Mari und Sigvard. Es war nun voller Frühling. Der Morgen war aus der Nachtkälte emporgetaucht wie aus einem erfrischenden Bad. Der Wald war rein und duftend und in Frühlingslicht getaucht. Über den Zweigen der Tannen hingen funkelnde Goldstickereien, und die neubelaubten Birken schwebten schleierleicht über dem grünen Waldboden.

Sigvard trug ein Ränzel auf dem Rücken. Die beiden jungen Menschen gingen in den Frühling und die Zukunft hinein. Endlich hatte sich die Jugend von dem Alten losgerissen und wanderte neuen Schicksalen zu.

Als sie den Bergkamm erreicht hatten, wendete Ann-Mari sich um, sah hinunter und sagte:

»Jetzt können wir nichts mehr vom Fährhaus sehen. Es liegt drinnen im Tal verborgen.«

Sie sagte es mit einer wundersamen Freude – das Alte, Böse war für alle Zeit der Vergessenheit geweiht. Und sie gingen träumend weiter, ihrer eigenen Zukunft entgegen.

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