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Der Gast, der mit der Fähre kam

Sven Elvestad: Der Gast, der mit der Fähre kam - Kapitel 11
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDer Gast, der mit der Fähre kam
publisherVerlag Ullstein / Berlin
translatorMarie Franzos
correctorreuters@abc.de
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X. Die Toten wachen auf

Der Lotsenälteste wiederholte den Namen Andreas mehrere Male und starrte den Fremden leer und verständnislos an. Dann erst bemerkte der Alte, daß die Hand des Gastes auf seiner Schulter ruhte. Er schob sie behutsam weg, und die Hand glitt seinen Hemdärmel entlang. Der Lotsenälteste empfand dabei ein Unbehagen, einen Frostschauer. Eine Zeitlang standen sich die beiden Männer stumm gegenüber, und das Gesicht des Fremden verzerrte sich in einer Art von Verzweiflung. Es sauste in dem brennenden Docht der Lampe, im übrigen war es sehr still.

Aber für Seeleute und Küstenbewohner, deren Schicksal an die jähen Wechselfälle des Meeres geknüpft ist, kann das Unerwartete nicht lange ein Rätsel bleiben. Nichts ist auf die Länge unglaublich, daher das Starren zum Horizont nach längst verschwundenen Kameraden. Leute können ein halbes Menschenalter und länger wegbleiben und dann wieder heimkommen, mit ergrautem Haar und ausgestreckter Hand.

Als der Lotsenälteste sich ein wenig gefaßt hatte, war alles Nachgrübeln über das Unglaubliche des Ereignisses verflogen, und das einzige, was blieb, war die Gewißheit, daß hier Andreas stand. Das war ja Andreas, der wieder heimgekommen war. Und aus dieser Gewißheit stieg eine nebelhafte Erinnerung an das Schiff auf, das vor so vielen Jahren fortgezogen, die sinkenden Segel am Silberrand des Horizonts – und dann all die anderen, die mit an Bord waren.

Mit plötzlichem überströmenden Eifer ergriff der Lotsenälteste die Hände des anderen:

»Willkommen daheim, Andreas. Gott sei gelobt, so sollten wir doch noch einmal von euch hören!«

Er zog ihn zur Lampe hin, um ihn näher anzusehen.

Andreas konnte nicht sprechen. Es zuckte um seinen Mund, als wenn ihm in seiner völligen Ratlosigkeit die Tränen nahe wären.

»Du frierst ja, mein Junge,« fuhr der Lotsenälteste herzlich fort – er nannte ihn mein Junge, um so vieles älter war er –, »deine Hände sind ja eiskalt.«

Er drückte ihn auf einen Stuhl. Als er ihn im Schein der gelben Lampe noch eine Zeitlang angesehen hatte, sagte er verwundert:

»Nein, daß du zurückgekommen bist, das ist doch merkwürdig. Jetzt weiß ich, warum mir so wunderlich zumute war, als ich dich gestern abend im Fährhaus zum ersten Male sah. Ich muß dich doch erkannt haben, ohne es selbst zu wissen. Jetzt erkenne ich die Züge so deutlich. Du warst ja damals ein blutjunges Bürschchen, aber ich sehe dich doch noch vor mir. Der Mund. Und die Stirn. Und auch der Haarschopf, wenn er auch jetzt grau geworden ist.«

Der Lotsenälteste faßte seinen Mantelkragen.

»Und was für ein feiner Mann du geworden bist. Du bist wohl viel herumgereist? Wo bist du denn überall gewesen, Junge?«

Wieder trat in Andreas' Gesicht dieser beinahe verzweifelte Ausdruck der Ratlosigkeit. Er antwortete:

»Ja, ich bin viel herumgereist. Aber ich sehe alles nur wie durch einen undeutlichen Nebelschleier. Vielleicht bin ich krank. Ich erinnere mich eigentlich nur an gestern abend, wie ich dort drüben am andern Flußufer stand und rief: Hol über, hol über!«

Andreas wiederholte diese Worte mit so lauter flehender Stimme, daß der alte Lotse sich unwillkürlich in der Stube umsah.

Die Stille hier drinnen war plötzlich so fühlbar, daß der Lotse sich mit der Hand über die Stirn fuhr, wie um eine unerklärliche Beängstigung zu verjagen. Nur tote Dinge starrten ihn an. Die Kuppel der Lampe war wie ein Gesicht, und das Zifferblatt war auch wie ein starrendes, abwartendes Antlitz. In dem gelben Lampenlicht trat auch in Andreas' Züge derselbe Schein.

Andreas wurde sich bewußt, daß er zu laut gerufen hatte, und er senkte die Stimme fast zu einem Flüstern:

»Nein, ich habe jetzt keine andere deutliche Erinnerung, als daß ich drüben an der Brücke im Schilf stand. Und als ich hörte, wie das Schilf in der Strömung rauschte, war es mir, als sei ich von Nirgendland dorthin gekommen.«

Er lächelte verlegen.

»Wunderlich, nicht wahr? Ich erinnere mich auch, daß ich unbeschreiblich müde nach der Reise war. Aber den Wagen, der mich hingebracht hatte, den hörte ich nicht wieder fortrollen.«

»Ich kann das verstehen,« erwiderte der Lotsenälteste, »das ist die Gemütsbewegung, wieder heimzukommen, die dich überwältigt hat.«

»Ja, vielleicht ist es so –«

Plötzlich gab es dem Alten einen Ruck:

»Wir müssen Leute rufen! Wo denke ich hin!«

Aber da packte Andreas ihn wieder mit beiden Händen an den Hemdärmeln.

»Noch nicht«, bat er inständig und mit einer unheilverkündenden Erregung in der Stimme.

»Was hast du denn, Junge!« rief der alte Mann. »Du solltest sehen, bald ins Bett zu kommen. Deine Hände sind gräßlich kalt. Und warum soll ich die anderen nicht verständigen?«

»Ich muß zuerst mit dir allein sprechen,« bat der Heimgekehrte, »und außerdem habe ich Angst, mit so vielen Menschen zusammenzutreffen.«

Der Lotsenälteste blieb sitzen, aber widerstrebend.

Er griff nach seinem Tabakbeutel, seine Hände tasteten unsicher, als er seine Pfeife stopfte. Doch sowie der dampfende blaue Rauch um ihre Köpfe wirbelte, fand er seine Ruhe wieder.

»Wenn ich es mir überlege, so fange ich an, dich zu verstehen. Du bist zuerst zu mir gekommen, weil du weißt, daß ich keinen Sohn oder Bruder an Bord hatte. An dieser Sache ist vielleicht manches, das vorsichtig mitgeteilt werden muß. Ich werde nicht in dich dringen. Laß dir Zeit. Wie ging es dem Schiffer?«

Andreas lehnte sich langsam in die Rückenlehne des Stuhles zurück, der Tabakrauch, der in treibenden, blauen Schwaden zwischen ihnen lag, bewirkte, daß er undeutlich wurde und gleichsam in weite Ferne rückte.

»Ich werde dir auch vom Schiffer erzählen«, sagte Andreas.

»Ist er am Leben?« fragte der Lotsenälteste.

»Nur Zeit lassen«, fuhr Andreas, in seine eigenen Gedanken vertieft, fort. »Du wirst alles erfahren. Auch vom Steuermann Johannsen.«

Das Gesicht des Alten leuchtete auf.

»Ja, der Steuermann Bertil Johannsen, der muß jetzt in meinem Alter sein.«

Andreas wiederholte verwundert »in deinem Alter« – und betrachtete das wettergebräunte, gefurchte Antlitz des Lotsenältesten genau. Und wieder kam etwas Ratloses über Andreas, als ob er den Vergleich zwischen dem Alter des Lotsen und des Steuermanns nicht recht verstünde. Aber der Alte fuhr halb für sich selbst fort: »Laß mich nun sehen ... als er wegfuhr war er ... und jetzt bin ich ... ja, ja, das stimmt –«

Andreas nannte noch einen Namen.

»Erinnerst du dich an Gustav?«

»Gustav?« – Er überlegte.

»Den kleinen Gustav von Stina auf der Schäre?«

Freilich erinnerte sich der Lotsenälteste an ihn. Das war ja der kleinste Deckjunge an Bord. »Er war immer so sanft, der kleine Gustav,« erklärte Andreas, »nichts konnte ihn in üble Laune bringen.«

Und noch mehrere Namen fielen. Einige nannte Andreas, andere der Lotsenälteste.

Da war der zweite Steuermann, der lange magere zweite Steuermann mit der Narbe über den Augen von einem Messerstich, ein Sonderling war er, der höchst ungern mit jemandem sprach.

Dann der Bootsmann, der beständig damit beschäftigt war, alles mögliche zu richten und auszubessern, auch wenn es gar nicht notwendig war. Er war Erfinder und murmelte immer nachdenklich in sich hinein, über neue Erfindungen und Verbesserungen nachgrübelnd.

Dann der dicke Koch – und dann kamen die Matrosen einer nach dem andern, bis man wieder beim kleinen Gustav anlangte. Alle waren sie junge Seeleute, blond, frisch, munter. Über jeden wurde ein Wort gesagt, das sie wieder lebendig für die Erinnerung machte.

Einer nach dem andern traten sie in die Stube, die Zeit flutete lautlos zwanzig Jahre zurück, und von dem Rauchschleier umwoben standen die Gesichter der Wiedergekommenen vor ihnen, hell und sorglos lächelnd, wie damals, als sie fortzogen.

Der Lotsenälteste und Andreas redeten sich bei diesen Erinnerungen immer mehr in die Hitze, und plötzlich schien auch den Lotsenältesten die Vorstellung zu beherrschen, daß die Stube von längst Verschwundenen oder Toten bevölkert war. Er sah sich ängstlich um.

Die entferntesten Winkel der Stube lagen im Halbdunkel da. Diese Dunkelheit wurde noch dadurch verstärkt, daß die Wände mit tiefgrüner Farbe gestrichen waren, selbst die Fugen der wandfesten Tische, die lotrecht von der Decke heruntergingen, erinnerten an Streifen im Meer, wie man sie sehen kann, wenn man badet und tief hinabtaucht und von ganz unten die Augen zur Oberfläche aufschlägt. Der Alte sagte leise:

»Es ist heute abend hier so wunderlich. Es ist so, als säßen wir, du und ich, wieder an Bord in der Kajüte der ›Glücksprobe‹.«

Nie, schien es ihm, hatte seine Stube eine solche Ähnlichkeit mit einer Kajüte gehabt wie an diesem Abend. Er sah nach dem Fenster. Das war doch eine seltsam stille Nacht. Die blaue Gardine, die dicht an den Fensterrahmen anschloß, bildete eine Scheidewand gegen eine ungeheure Tiefe dort draußen.

Andreas schien einer neuen Frage vorbeugen zu wollen, denn er sagte hastig:

»Von ihnen allen werde ich dir später erzählen. Du mußt Geduld mit mir haben. Ich kann mir die Möglichkeit nicht denken, heute abend damit anzufangen. Ich bin erschöpft.«

»Ich verstehe,« gab der Alte ernst zurück, »du hast Trauerkunden zu melden.«

»Vielleicht ist es so.«

»Für alle?«

»Frage mich nicht mehr, Lotsenältester!«

»Da hast du wohl eine aufregende, traurige Aufgabe. Da mußt du gestärkt und ausgeruht sein. Ich will dich nicht quälen. Habe ich so lange gewartet, kann ich auch noch einen Tag länger warten.«

»Das können die anderen auch«, sagte Andreas. »Und für sie ist es leichter. Denn sie wissen noch nichts. Darum mußt du mir versprechen, vor morgen nichts zu sagen.«

Er sah nach dem dunklen Vorhang.

»Morgen, bei Tageslicht«, fügte er hinzu.

Der Lotsenälteste bedachte sich ein wenig, dann sagte er:

»Das verspreche ich. Aber du solltest deine Aufgabe nicht so schwer nehmen. Was du auch zu erzählen hast, es ist doch inzwischen so viel Zeit verstrichen, zwanzig lange Jahre. Was hat dich schließlich heimgetrieben? Die Stimme des Gewissens in deinem Innern?«

Andreas schüttelte den Kopf.

»Ich weiß es nicht,« erwiderte er, »ich weiß nicht, warum ich hergekommen bin. Ich weiß nur, daß irgendeine furchtbare Macht mich hergetrieben hat.«

Plötzlich durchzuckte den alten Lotsen eine neue Vorstellung, und er fragte mit unsäglichem Staunen:

»Warum hast du denn deiner Mutter nichts gesagt?«

Andreas verbarg sein Gesicht, indem er die Stirn auf die Hand stützte:

»Schone mich«, sagte er.

Der Lotsenälteste betrachtete seine lange weiße Hand und das graue wirre Haar, das an den Schläfen feucht von Schweiß war. Er machte eine Bewegung, wie um Andreas zu Hilfe zu kommen und ihn in seine Arme zu schließen.

»Du hast es nicht gut, Andreas«, sagte er »Mir ist, als hörte ich unterdrückte Tränen in deiner Stimme, wenn du sprichst. Ich bin ein alter Mann und bin in meinem Leben vielen Menschen und vielem Kummer begegnet. Ich glaube, du bist unglücklich und verzweifelt.«

Andreas antwortete nicht. Er erhob sich zum Gehen.

»Bleibst du lange daheim?« fragte der Lotsenälteste.

Da hob Andreas den Kopf und sah den andern mit einem Blick an, der vor Angst ganz weiß war.

»Nein«, erwiderte er hastig. »Ich muß wieder dort hinaus.«

Und er nahm Abschied, ohne dem Lotsenältesten die Hand zu reichen.

Als der Alte die Tür in den Vorraum öffnete und Andreas durch den dunklen Raum ging, verbreitete sich wieder jener eigentümliche Schiffsgeruch, ein Geruch von rostigem Eisen und alten Laternen, er war so durchdringend wie der Geruch des Strandes nach einer Sturmnacht, wenn das Meer seine gewaltigen Massen gegen die Ufer gewälzt hat.

»Hier muß einmal gründlich aufgeräumt werden,« sagte der Lotsenälteste, »ich habe zuviel altes Zeugs hier herumliegen.«

Der Lotsenälteste blieb auf der Schwelle stehen, während Andreas sich weiter zur Ausgangstür tastete.

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