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Der Gast, der mit der Fähre kam

Sven Elvestad: Der Gast, der mit der Fähre kam - Kapitel 10
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDer Gast, der mit der Fähre kam
publisherVerlag Ullstein / Berlin
translatorMarie Franzos
correctorreuters@abc.de
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IX. Der Lotsenälteste bekommt Besuch

Im Laufe des Tages traf der fremde Gast mit dem Pfarrer zusammen.

Der junge Pfarrer war noch nicht sehr lange im Amte, er nahm großes Interesse an den Verhältnissen und wollte offenbar gerne wissen, was dieser fremde Mann hier zu tun beabsichtigte. Der Geistliche mußte wieder in sein Hauptkirchspiel zurück und schlenderte jetzt auf der Brücke herum, auf sein Boot wartend.

»Ich frage nicht aus Neugierde,« sagte er, »aber vielleicht kann ich Ihnen in der einen oder anderen Weise beistehen.«

In das Gesicht des Fremden trat ein wunderliches Lächeln, ein verlegener, eigentlich ein verschüchterter Ausdruck.

»Ich bin nur hergekommen, um mich auszuruhen,« erwiderte er, »aber vielleicht reise ich bald wieder ab, ich weiß nicht recht, ich habe eine solche Unruhe im Blut.«

»So ist es oft mit denen, die weit umherreisen«, sagte der Geistliche.

»Weit umher,« murmelte der Fremde, »ja, das ist richtig. Aber dennoch ist es, als wäre ich noch lange nicht dorthin gekommen, wo ich hin soll.«

Er sah sich scheu um, vielleicht spürte er all die neugierigen Augen, die hinter den Gardinen und Fensterblumen nach ihm ausguckten.

»Ich weiß bestimmt,« fuhr er fort, »daß ein Ort wie dieser mir oft im Sinn gelegen hat, wenn ich mich müde und verbraucht fühlte, ein Ort, wo es selig sein könnte, auszuruhen. Aber jetzt, wo ich hergekommen bin, glaube ich doch nicht am Ziele zu sein. Es ist seltsam.«

»Die ewige Unruhe des Menschen«, sagte der Pfarrer, indem er den Fremden mit Anteilnahme betrachtete. Der Fremde hatte nicht allein einen abstechenden Sprachton, sondern führte auch sonderbare Reden. Sein Gesicht mit dem weißgrauen Haar und Bart hatte gleichsam kein Alter. In einem Augenblick strahlte ein vollkommen jugendliches Antlitz durch die Alterszeichen, im nächsten war alles von der Schwermut des Alters überhaucht. Dieses beständig Wechselnde vertiefte das Unbekannte und Fremdartige seiner Erscheinung. Er sah sich in einer gewissen lauernden Weise um, er atmete die Luft mit zurückgeworfenem Kopf, beinahe tierisch ein, wie ein Hund, der ganz unbekannte Gegenden beschnüffelt, er schien verwundert über seine eigene Gegenwart zu sein.

»Wie befinden Sie sich im Fährhaus?« fragte der Geistliche.

»Gut«, antwortete der andere zurückhaltend.

Der Pfarrer wollte den Gegenstand noch nicht fallen lassen.

»Die ältere Frau regiert eigentlich das Haus«, sagte er. »All die anderen beugen sich ihrem starken Willen. Haben Sie bemerkt, daß sie etwas Zigeunerhaftes an sich hat? Ich weiß nicht warum, sie erinnert mich an die Hexenprozesse früherer Zeiten. Vielleicht hat sie hypnotische Gaben. Ihre Macht über andere ist groß. So ist es oft mit Leuten, die von einer fixen Idee besessen sind. Ich kenne sie noch nicht lange, auf mich wirkt sie etwas unheimlich. Aber ich habe gehört, daß sie früher einmal eine überaus achtbare und arbeitsame Frau war.

»Warum kann man das jetzt nicht mehr von ihr sagen?«

Der Pfarrer schüttelte den Kopf.

»Sie ist ein Fluch für die ganze Gegend geworden,« sagte er, »sicherlich, ohne es zu wollen, das unglückliche Wesen. Ihr Wirtshaus richtet alles hier im Umkreis zugrunde. Sie sieht ja selbst ganz gut, wie all die kleinen Häuslichkeiten im Umkreis unter der Trunksucht der Männer und der Jugend leiden. Es ist ihre fixe Idee, daß sie Taler um Taler für den Sohn Andreas zusammenscharren muß, den sie zurückerwartet. Sie ist von diesem Gedanken nicht loszukriegen. Ein wahnwitziger Gedanke! Der Sohn ist vor zwanzig Jahren mit einem Schiff verschwunden, das mit Mann und Maus untergegangen ist. Niemand hat seither etwas von dem Schicksal des Fahrzeugs gehört. Es ist sonderbar, wie dieses Schiff, das den Menschen zum Segen gereichen sollte, ihnen anstatt dessen zum Fluch wurde. Die Leute können nicht davon los.«

Der Pfarrer deutete auf das große Fährhaus, das in der einfallenden Dunkelheit gleichsam größer zu werden schien.

»Von da geht das ganze Unheil aus«, sagte er. »Die alte Frau hat in ihrem verzweifelten fanatischen Glauben auch das Schicksal ihrer Umgebung an das alte Abenteuer gekettet. Es lähmt alle, es macht die Leute bösartig, gehässig, lebensunfähig. Eigentlich glaubt ja niemand außer ihr mehr an eine solche Möglichkeit. Und doch ... und doch ...«

Der Pastor lächelte bitter.

»Es ist ja mein Amt, Glauben und Zweifel zu prüfen«, fuhr er fort. »Ich muß mich oft selber fragen: Wie weit ist es bis zur Gewißheit? In diesem Falle müßte sie ja längst erreicht sein. Und dennoch. Es bleibt eine kleine Hoffnung zurück, die unausrottbar ist. Diese Hoffnung wird immer geringer und ist jetzt eigentlich unfaßbar klein. Aber zwischen dieser winzigen Hoffnung und der Gewißheit klafft doch ein Abstand, der weltenweit ist.«

»Aber warum ihnen diese kleine Hoffnung nehmen?« wendete der Fremde ein. »Heißt das nicht, sie in den Abgrund der Hoffnungslosigkeit stürzen?«

»Aber es ist notwendig,« erwiderte der Pfarrer ernst, »das falsche Leben muß weichen, um dem neuen Platz zu machen.«

Er wies auf zwei junge Menschen, die unten auf der Brücke auf und ab schlenderten. Es waren Ann-Mari und Sigvard.

Ein heller Klang kam in die Stimme des Pfarrers.

»Sehen Sie, da ist die Jugend, die das Leben von vorne beginnen soll,« sagte er, »ich kenne nichts so hinreißend Junges, von so hellem Sinn, solchem Lebensmut wie dieses junge Mädchen. Der Junge ist ein rechter Träumer. Ich spreche oft mit ihnen. Sie haben beide die starke Empfindung, daß sie hier in etwas stecken, von dem sie sich losmachen müssen. Aber bei der Besorgnis des Mädchens für ihre Mutter und dem verträumten Sinn des Jungen scheint mir ihr Schicksal schon besiegelt: in einiger Zeit gibt es ein paar wunderliche Menschen mehr in diesem unheimlichen Hause. Haben Sie mit Signe gesprochen?« fragte der Geistliche plötzlich. »Das ist die Mutter dieses jungen Mädchens.«

Der andere nickte.

»Sie lebt vollständig in der Welt der Phantasie.«

»Ich versuchte sie kürzlich anzusprechen,« sagte der Fremde, »aber sie schien mich gar nicht zu sehen. Und wir waren uns doch so nahe wie Sie und ich jetzt. Und sie sah mich auch an, aber es war, als ob ich gar nicht vorhanden wäre.«

»Das ist oft so«, sagte der Pfarrer. »Sie tut, als sähe sie die Lebenden nicht. Aber der Aberglaube behauptet, daß sie die Toten sehen kann.«

»Was wissen wir eigentlich von den Lebenden und den Toten?« sagte der Fremde. »Wir wissen vielleicht gar nicht, wer lebt und wer tot ist. Ich habe oft das Gefühl, daß mein Leben nur ein geisterhaftes Traumdasein ist. Die Erinnerung an das Erlebte weicht zurück und steht da, beleuchtet von einem unendlich fernen Sonnenuntergang, der einer anderen Welt anzugehören scheint ... es kommt vor, daß ich eine Frau sehe, die sich ganz weit weg lautlos vorwärtsbewegt, von einem bläulichen Lichtschleier umwogt. Ich denke: sie ist tot. Eines von uns ist tot. Was wissen wir, vielleicht vermischen sich die tote und die wirkliche Welt.«

Er hielt inne. Der Pfarrer sah ihn beunruhigt an. Erst jetzt bemerkte er, wie auffallend bleich der Fremde war, diese Totenblässe der feuchten Stirn war so plötzlich gekommen, daß der Geistliche sich zitternd fragte, wie es nur möglich sein konnte, daß er das vorher nicht bemerkt hatte. Er nahm ihn liebreich unter den Arm und führte ihn weiter.

»Machen wir uns ein bißchen Bewegung«, sagte er. »Die Abendluft ist scharf.«

Der Pfarrer meinte vielleicht, daß der Fremde krank sei und daß dieses Gespräch über den Tod und das Leben ihn peinlich berührt habe.

»Ist es nicht richtig,« fragte er, »daß alle Verhältnisse im Leben, die kleinen wie die großen, gemeinsame Züge aufweisen? Wenn ich nun dieses kleine Gemeinwesen hier betrachte, das durch die Belastung der Vergangenheit so schwer bedrückt ist, kann ich den Zustand ohne weiteres auf andere und größere Gemeinwesen übertragen. Da ist nicht nur ein Schiff mit dem Glück an Bord untergegangen, das die Menschen nicht vergessen können. Sondern die Ideale von Generationen, die Volksträume sind vernichtet und lassen eine ewige Leere zurück, eine verzehrende Reue: Warum? Warum? Aber im Kleinen wie im Großen handelt es sich vor allem darum, daß die Jugend, das neue Leben, das aufblüht, sich von der Sage und dem Traum losreißt und seine eigene Zeit schafft.«

Der Geistliche schien bewegt.

»Vielleicht ist es sinnlos, daß ich so zu Ihnen spreche – der Sie hier fremd sind, aber ich habe das Gefühl, daß ich hier in diesem kleinen Gemeinwesen dieselbe Aufgabe habe, die andere in größeren Verhältnissen auf sich nehmen müssen.«

Die Dämmerung senkte sich auf die Lande. Aber noch lag das Meer spiegelblank, vom Sonnenuntergang beleuchtet da. Über dem Dunkel des Flusses und des Fährhauses erhoben sich die Bergfirste, diese schon früh schneefreien Firste noch rostbraun und eisenhart vom Winter her, grell beleuchtet, kalt funkelnd, die Tannenwipfel sahen aus wie bedeckt mit Silbermünzen. Der Sonnenuntergangswind wehte kalt, und der Fremde stellte den Rockkragen bis über die Ohren auf. Der Mantel, den er trug, war weit und aus einem grünlichen Stoff – in der Meerbrise bewegte er sich um ihn wie eine lustige Welle, so ging er langsam an der Seite des Geistlichen zwischen den dunklen engen Schuppen einher.

Aber die beiden jungen Menschen, Ann-Mari und Sigvard, waren ohne viel nachzudenken der Sonne nachgegangen, wie sie über die Bergfirste zurückwich. Endlich standen sie ganz oben, wo der Weg durch einen Einschnitt weiterging. Hier blieben sie stehen und sahen zum Fährhaus hinunter, das in der Dämmerung immer undeutlicher wurde. Lange standen sie stumm und versonnen da. Dann wandte sich Sigvard nach der anderen Seite und wies über den Weg, der durch die Kerbe führte.

»Eines Tages müssen wir diesen Weg gehen,« sagte er, »fort von hier.«

Ann-Mari wurde plötzlich ängstlich.

»Sie warten unten auf mich«, sagte sie. »Es ist Abend geworden. Der Lotsenälteste hat schon Licht in seinem Häuschen, und sieh, da geht Signe auf der Brücke.«

Es begann hier und dort in den Fenstern aufzuleuchten, und die beiden gingen talabwärts.

Der Lotsenälteste, der Witwer war und allein wohnte, hatte die Lampe in seiner Stube entzündet. Es war eine große Schiffslampe aus Nickel, die eigentlich dazu bestimmt war, an ihren Ketten von der Kajütendecke herabzuhängen, aber der er einen Fuß verfertigt hatte, so daß sie auf dem Tisch stehen konnte. Die Wohnung des Lotsenältesten war ein wunderliches Gemisch von Kajüte und Fischerhäuschen mit jener besonderen Traulichkeit, die von einer umhegten Stube draußen in den Schären immer ausgeht, wenn sie nur recht verräuchert und niedrig und voll von allerhand Geräten des Seelebens ist: Schiffstruhen, Schiffsmodellen, achteckigen Schiffsglocken und Bildern an den Wänden, die stolze getakelte Segler darstellen, die zwischen den Leuchttürmen der Küste einfahren.

Der Lotse hatte den ganzen Abend gemütlich mit seiner Pfeife dagesessen, als es ihm plötzlich schien, daß jemand kam. Nun war sein Haus so eingerichtet, daß man nicht unmittelbar durch die Haustür hereinkommen konnte, sondern zuerst einen kleinen Vorraum passieren mußte, wo allerhand Kleidungsstücke hingen, die Seemannstracht des Lotsenältesten, Stiefel und anderes Zeug. Es kam ihm plötzlich vor, daß er jemanden dort draußen hörte. Er stand auf, legte die Pfeife auf den Tisch und horchte. Dann ging er und schloß auf. Draußen war es dunkel, die Lampe im Zimmer warf nur ein spärliches Licht hinaus. Aber er sah gleich, daß jemand dort draußen stand. Es war der Fremde, dessen bleiches Gesicht über der wogenden Weite des Mantels zu schweben schien. Nun trat er in das Lampenlicht.

»Lotsenältester?« fragte er. »Erkennst du mich nicht?«

Der alte Seemann prallte in das Zimmer zurück, aber der Fremde folgte ihm, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

»Ich bin es, Andreas, ich bin zurückgekommen.«

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