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Der fünfzehnte November

Ludwig Tieck: Der fünfzehnte November - Kapitel 3
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typenovelette
authorLudwig Tieck
booktitleTiecks Werke ? Zweiter Band
titleDer fünfzehnte November
publisherLeipzig und Wien. Bibliographisches Institut
seriesTiecks Werke
volumeZweiter Band
editorLudwig Klee
firstpub1827
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Der Domine war am Abend nach seiner Pfarre zurückgekehrt, aber Sommer wohnte im Hause, und sein Umgang mit dem Kapitän war ziemlich friedlich, wenn auch nicht sonderlich unterhaltend, da der Seemann den jungen Deutschen nicht hochachten wollte, der sich neulich so offen als seinen Nebenbuhler erklärt hatte. Elisabeth, so sehr sie den alten Thomas mit jedem Tage mehr liebgewinnen mußte, war doch oft von seiner Gegenwart beängstigt, und darum war es ihr lieb, daß den Vater seine Geschäfte auf einige Tage nach der Stadt abriefen, weil dessen beobachtender Blick ihr besonders quälend war und sie seit Jahren wußte, wie sehr er diese Verbindung wünschte und sie eigentlich schon für eine beschlossene angesehn hatte.

Als Elisabeth an einem Morgen in der Laube saß und las, gesellte sich Sommer zu ihr, und sie sah, daß er absichtlich die Rede sogleich auf seine Leidenschaft und Liebe wandte. Das Mädchen behandelte alles als Scherz; um so ernsthafter er beteuerte, um so mehr lachte sie, und als er endlich auf den Knieen seine Schwüre wiederholen wollte, sagte sie: »Mein junger Freund, Wollen Sie denn durchaus unser Haus und Garten in ein Theater verwandeln, und ich soll und muß als Mitspielerin neben Ihnen figurieren? Sie bedenken aber nicht, daß Sie Ihre Rolle einstudiert haben, und sind unbillig genug, zu verlangen, ich soll Ihnen so aus dem Stegereif sekundieren. Ich merke ja die Stichwörter nicht, ich bleibe stecken und wiederhole einen und denselben Satz; ich nehme an, Sie üben bei mir, was Sie anderswo darstellen wollen, darum kann ich an Ihre Liebe so wenig glauben, als sie erwidern.«

»Sie bringen mich um!« rief Sommer; »Was liegt mir denn auch an meinem lästigen Leben? Sie wollen das Opfer, und es wird fallen. O, wenn ich nur meine Pistolen, mein Gewehr hier hätte! Dann sollten Sie sehn! O, wo nehm' ich nur Pistolen her? Ich wollte den küssen, der mir gleich welche brächte. Aber vorher soll der langweilige, unangenehme Seemann meine Rache fühlen. Ich werd' ihn fordern.«

Das braune Gesicht des alten Kapitäns sah in diesem Augenblick durch eine Öffnung der Laube auf die Szene hin, und da er nur das letzte Wort gehört hatte, so fragte er ganz unschuldig: »Was wollen Sie fordern?«

»Nichts«, erwiderte Elisabeth lachend, »Herr Sommer meint, er wolle sogleich von unserm Daniel ein Glas Wein fordern, und da ich den Kellerschlüssel verwahre, so hat er sich vorläufig an mich gewendet,«

»Recht so!« sagte Thomas, »ich trinke mit, denn es ist heut' ein kühles Wetter.« Elisabeth ging scherzend, um das Verlangte zu besorgen, und die beiden Nebenbuhler unterhielten sich indessen von gleichgültigen Gegenständen. Doch war Sommer so verlegen und so verdrüßlich, daß er sich bald entfernte, um mit einem jungen Menschen spazieren zu gehn, dessen Bekanntschaft er zufällig gemacht hatte.

»Wie unser Gast so leichtsinnig in seinem Umgange ist«, sagte Elisabeth, als er sich entfernt hatte; »er geht gewiß wieder mit dem jungen Barnabas, dem Sohn von der Gärtnerwitwe drüben, der ihn schon einigemal in das berüchtigte Spielhaus geführt hat.«

»Die Langeweile«, sagte Thomas, »quält den Menschen zu sichtlich. Warum dergleichen Märtyrer nicht lieber in der Stadt bleiben? Das wird ein elender Kaufmann werden. Ist der Barnabas nicht der rotköpfigte Bengel, der in der Nachbarschaft schon so viel Unfug angestiftet hat? Der kleine Knirps, dem die Bosheit aus den Augen sieht?«

»Derselbe«, erwiderte Elisabeth; »er ist mir schon deswegen verhaßt, weil er ein schändliches Vergnügen darin findet, unsern Fritz-Wilhelm zu ärgern, so oft er ihn sieht. Der kranke Sohn hat auch solchen Abscheu vor diesem Burschen, daß man in seiner Gegenwart selbst dessen Namen nicht nennen darf.«

Der fremde Deutsche war indessen wirklich mit diesem berüchtigten Barnabas, einem gemeinen Menschen, über Feld gegangen. Es schien fast, als wenn der zartgestimmte Sommer von Zeit zu Zeit dergleichen Erfrischung nötig habe, um sich von der Anstrengung jener feinen und erhabenen Gespräche zu erholen, die er in der Familie seines Gastfreundes zum besten gab. Sie gingen nach einem benachbarten Wirtshause, wo sich sonst oft lärmende und ziemlich geringe Gesellschaft zusammenfand; heut' aber trafen sie nur zwei wohlgekleidete Fremde von feinem Ansehn, so daß Barnabas auch sogleich weiter verlangte, Sommer aber mit den Unbekannten, die gereisete Leute schienen, ein Gespräch anknüpfte, welches ihn so anzog, daß er mit ihnen ging, als sie die Schenke verließen.

Sie richteten ihren Weg zu einem nahen Wäldchen, und der größere von den Fremden ließ es sich sehr angelegen sein, durch Scherz und Heiterkeit den jungen Sommer aufzumuntern, der sich seit lange nicht so heiter gefühlt hatte. Man sprach von den verschiedenen Liebhabereien, und jedermann, bis auf den rothaarigen Barnabas hinab, rühmte die seinige. Von Weinen, Kupferstichen, Gemälden wurde abwechselnd vieles gerühmt, bis der ansehnliche Fremde endlich gestand, seine ausschließende Freude sei, Medaillen aller Art zu sammeln, die er auch gern für andre Seltenheiten von Zeit zu Zeit eintausche. »Ja«, fuhr er fort, »wo ich dergleichen oder Denkmünzen, seltnes Gepräge, Figuren und Symbole gewahr werde, da erwacht meine Leidenschaft, die zuweilen so stark werden kann, daß ich mir schon selbst Vorwürfe gemacht habe, mich aber immer zu schwach fühle, meine einseitige Liebe für diese Gegenstände zu zügeln oder einzuschränken.«

»Wenn ich eine Sammlung von Seltenheiten anlegte«, antwortete Sommer, »so würde ich vorzüglich schöne und ausländische Waffenstücke, Bogen, Pfeile, merkwürdige Schwerter, fein ausgelegtes Schießgewehr zusammenzubringen suchen, auch Rüstungen, die von merkwürdigen Männern getragen sind. Ich habe immer mit Entzücken die Rüst- und Raritätenkammern, auch die Arsenale in manchen Städten gesehn.«

»Lieben Sie Pistolen auch?« fragte der Fremde.

»Meine Passion!« rief Sommer aus, »und mir thut es leid, daß ich die meinigen, die sehr schön sind, zu Hause gelassen habe.«

»Würden Ihnen diese gefallen?« fuhr jener fort, indem er ein Paar hervorzog.

Sommer nahm sie in die Hand. »Trefflich!« sagte er. – »Nehmen Sie sich in acht!« rief der zweite Fremde, »sie sind scharf geladen.«

»Möchten Sie sie verkaufen?« fragte Sommer, indem er sie hin und wieder wägte; »sie liegen so bequem in der Hand.«

»Ich verkaufe nichts«, antwortete der Fremde, »denn ich bin kein Handelsmann.« Er nahm die Gewehre dem Deutschen wieder ab und gab das eine Pistol seinem Begleiter aufzuheben, »Sollten Sie aber gar keine Seltenheit bei sich tragen, so daß wir irgend einen Tausch treffen könnten, der uns beiden vorteilhaft wäre?«

»Es thut mir leid«, sagte Sommer, »aber ich habe wirklich nicht das Geringste bei mir, das Ihnen von Nutzen sein dürfte.«

»Sehn Sie«, sagte der Fremde, »wie leicht und sicher sich der Hahn ausspannt«, indem er dem Deutschen näher auf den Leib rückte, »ich gönne Ihnen die Waffe lieber als einem andern: suchen Sie nach, Sie finden gewiß etwas.«

»Ich gebe Ihnen mein Wort«, rief Sommer etwas verlegen, »ich habe nichts – thun Sie aber das Pistol beiseite, Sie sagen ja selbst, es sei scharf geladen.«

»Ich habe aber gesehn«, erwiderte der Fremde ganz kaltblütig, »daß, als Sie in der Schenke zahlten, Sie aus einem ansehnlich vollen Beutel lange suchten, sollte denn in diesem nicht etwas für mich –«

»Lauter neue, gewöhnliche Münzen!« rief der Deutsche lachend, »lauter französische Louisdor, die ich zu mir gesteckt habe, weil ich nach Amsterdam gehn und sie dort in holländische Dukaten umsetzen will.«

»Thun Sie das nicht«, rief der Unbekannte sehr lebhaft; »ei, wie glücklich sich das trifft, diese französischen Louisdor fehlen mir noch ganz außerordentlich in meiner Sammlung; zeigen Sie einmal her.«

»Sie wollten aber nicht verkaufen«, sagte der Deutsche etwas furchtsam, »und diese sechzig Stück – –«

»Geben Sie, zögern Sie nicht«, sagte der Fremde, indem das geladne Pistol dem Zitternden auf der Brust ruhte; »je mehr, je besser.«

»Ja, geben Sie nur schnell meinem Freunde«, sagte der zweite Unbekannte, der ebenfalls das Gewehr in dieselbe Richtung legte und ganz nahe trat; »ei, wie glücklich sich das, Herr Bruder, für deine Sammlung trifft, daß sie durch eine so ansehnliche Anzahl Medaillen vermehrt wird.«

Sommer hatte die Börse gezogen und sah ungewiß und ängstlich umher. Der rothaarige Barnabas machte Miene davonzulaufen. »Warum«, rief der größere Unbekannte laut und in einem befehlenden Tone, »wollen Sie sich entfernen, geehrter junger Mann? Im Gegenteil, kommen Sie näher und sein Sie ein Zeuge, wie unser Tausch freiwillig und nach unsern beiderseitigen Wünschen zu stande gebracht wird.« Er hatte den Beutel mit den Goldstücken schon genommen. »Nicht wahr, mein fremder Herr«, fuhr er fort, »Sie tauschen recht gern und nach Ihrem eignen Verlangen diese kleine Medaillensammlung gegen diese beiden schön gearbeiteten Gewehre um?«

Sommer, der sich jetzt die beiden Pistolen so nahe sah, daß sie ihm fast auf die Brust gesetzt waren, und der in der Nähe keinen Menschen entdecken konnte, auch die Feigheit des Barnabas bemerkt hatte, sagte mit geklemmter Stimme: »Ja, ich tausche gegen meine Sammlung der Louisdor von Ihnen diese Pistolen ein.« – »Sie sind Zeuge, rothaariger junger Mann«, rief der Fremde; »aber warum sprechen Sie nicht ganz laut und deutlich, da ich ja nur Ihren eignen Wunsch befriedige, indem auch der meinige erfüllt wird?« – »Ich bin Zeuge«, rief Barnabas; »und ich ebenfalls«, der zweite Fremde, indem der erste den Beutel gelassen einsteckte und dem noch immer verwirrten Sommer die Pistolen mit einer höflichen Verbeugung überreichte.

»Meine Herren«, sagte Sommer, indem sich jene entfernen wollten, »ich kann mein Wort und den Tausch nicht zurücknehmen; wenn ich nun aber nicht mit Feuergewehr umzugehn wüßte und wohl gar das Unglück hatte, diese beiden scharf geladenen Pistolen auf Sie abzudrücken, sehr gegen meinen Willen'?«

»Mit Ihrem Willen«, sagte der Fremde, »würde es auch eine unbegreifliche Unart sein, denn unser Verhältnis müßte wohl ein freundschaftliches vorstellen, da wir beide schätzbare Angedenken unsrer Bekanntschaft aufbewahren. Im übrigen, werter Herr, sein Sie ganz ohne Sorge; wie ich vorher den Hahn aufspannte, bemerkte ich meinen Irrtum, denn die Pistolen sind gar nicht geladen.« Die beiden Unbekannten entfernten sich hierauf, nachdem sie noch einmal durch tiefe Verbeugungen Abschied genommen hatten, und verschwanden im Gebüsche.Das Vorbild zu dieser Spitzbubengeschichte ist die bekannte Erzählung »Böser Markt« von Johann Peter Hebel, die zuerst in dessen »Kalender des rheinländischen Hausfreundes für 1809« erschien, Hebels dürftige Quelle (in Behaghels Ausgabe, Bd. 2, S. 162 abgedruckt) war das von ihm in der Vorrede zum »Schatzkästlein« erwähnte »Vademecum« (Berlin 1764-92), Chamissos Gedicht »Böser Markt« (1833) schließt sich viel enger als Tiecks obige Darstellung an Hebels Schwank an.

»Was ist mir denn begegnet?« rief Sommer aus, als er sich wieder völlig sicher glaubte. – »Ja«, sagte Barnabas, »ich habe mich auch ein bißchen gewundert, daß Sie gleich so willig waren, den Tausch einzugehn, denn die beiden kleinen Pistolen sind unmöglich so viel wert.«

Man hörte einen Wagen schallen. Es war Herr van der Winden, der von Amsterdam zurückkam. Er nahm den bleichen, erschreckten Jüngling in seine Chaise, um ihn nach Hause zu führen, nachdem dieser gerufen hatte und zur Landstraße hingeeilt war. Als sein Wirt den Vorfall vernommen, konnte er, seines Zornes ungeachtet, ein Lächeln nicht unterdrücken, indem er bemerkte: »Sie sind auf eine schändliche Art geplündert worden, aber so, daß sich kaum etwas thun ließe, selbst wenn Sie der Schelme wieder ansichtig werden sollten, da diese den Raub scheinbar in einen Tausch verwandelt haben, welches selbst Ihr Gefährte, der Rotkopf, bezeugen würde, der Sie gewiß jenen Gaunern ausgeliefert hat und seinen Teil vom Diebstahl empfängt.«

Sommer war beschämt genug, doch hatte er seine Fassung schon ziemlich wiedergewonnen, bevor sie auf dem Gute angelangt waren. Der Vater konnte sich nicht enthalten, seinen Hausgenossen den lächerlichen Vorfall mitzuteilen, und die Mutter bemerkte, daß die Spitzbuben wohl so sicher geworden und ihr Stückchen so grob und frech ausgeführt hatten, weil der Schelm Barnabas sie schon vorher von der Art und Weise des jungen Deutschen unterrichtet hätte.

Als sich am Abend Sommer und Elisabeth wieder im Garten begegneten und er es nicht unterlassen konnte, wieder von seiner Leidenschaft zu sprechen, sagte sie im frohen Mute: »Sie sind jetzt auf recht wunderbarem Wege zu dem Mordgewehr gekommen.« – »Spotten Sie nur, Grausame«, rief er in tragischer Verzweiflung, »freilich haben Sie es mir nicht, sondern ganz unbekannte Betrüger gereicht, es wird aber darum seine tötende Wirkung nicht weniger ausrichten können.«

»Aber bevor Sie sterben oder heut' abend noch, wie Sie sich vorgenommen haben, nach der Stadt reisen«, antwortete sie ruhig und schalkhaft, »muß ich mir Ihren Rat ausbitten; sonderbar genug, einen Rat über einen, den ich geben soll.«

»Worin ich Ihnen dienen kann«, sagte Sommer mit schmerzlicher Miene, »soll von meiner Seite gewiß nicht fehlen, so erschrecklich Sie auch mit mir umgehn.« – »Lesen Sie einmal dieses Billetchen«, sagte Else, indem Sie ihm ein Blatt hinreichte.

Sommer las laut, indem ihm die Stimme mit jeder Zeile mehr versagte: »Rate mir doch, mein Schatz, in meiner sonderbaren Lage. Ein junger Deutscher, welcher reich sein soll, will mich mit aller Gewalt lieben und heiraten oder in Verzweiflung sterben oder sich vielmehr selbst tot machen. Er heißt Sommer und ist, seine Narrheit abgerechnet, ein recht hübsches Bürschchen, nur ist er noch zu wenig flügge und allzu grünlicht in allen seinen Gesinnungen, so daß ich an seine Liebe nicht glaube. Kommst Du nicht bald zu uns nach Neuhaus, so komme ich zu Dir hinüber. Er will sich in London etablieren. Das wäre mir nun schon recht. Nur mag das freilich sich noch Jahre hinziehn, denn er versteht die Handlung noch nicht, und wer kennt denn auch seine Eltern, ob sie dem Wildfang seinen Willen thun? – Winny.«

»Sie sind da«, sagte Elsbeth, »an ein wildes Kind geraten: allein, Was meinen Sie? Was soll ich antworten? Soll ich abraten, weil ich sonst meinen Geliebten verliere? Oder sie zur Gegenliebe aufmuntern und ihr sagen, wie sehr Sie der Liebe bedürfen, da Ihr Herz allenthalben Schiffbruch leidet?«

Diesmal konnte der sonst redselige Sommer nichts antworten, sondern eilte mit dem Gespann des Wirtes noch in der Nacht nach Amsterdam. Der Vater sagte, als er fort war: »Es ist doch merkwürdig, daß ein Mensch den Mut hat, eine so armselige Rolle zu spielen, die ihn unaufhörlich der Beschämung aussetzt.«

»Ei was«, sagte Thomas, »für uns, ja; aber wem es einmal sein Beruf ist, wer es selber erwählt, einen Windbeutel vorzustellen, der ist auf solche Falle vorbereitet und dagegen abgehärtet. So sind die Deutschen nun einmal.«


Es waren fast zwei Monat verflossen, ohne daß van der Winden und der Kapitän ihrem Zweck näher gekommen wären, denn Elisabeth wußte mit Klugheit auf alle Weise jenen Anträgen und Bestürmungen auszuweichen, ohne doch die beiden Freunde zu erzürnen. Indessen wurde doch endlich eine Verstimmung merklich, die allen, vorzüglich der Mutter, drückend wurde; diese nahm sich daher vor, offen mit allen dreien zu sprechen, damit endlich ein Schluß gefaßt werden könne, um ein frisches Leben zu beginnen.

Der Vater fuhr indessen noch einigemal nach Amsterdam, der Domine wiederholte seine Besuche, die Familie ging in seine Kirche hinüber und hörte seine Predigten mit oder ohne Erbauung, und Wilhelm war fast ununterbrochen bei seiner Zimmerarbeit, so daß sich das große Schiff seiner Vollendung immer mehr näherte. Er fing jetzt auch an, ein Verdeck oben hinzuzufügen oder eine ziemlich geräumige Kajütte, und der Vater, so sehr er an diese sonderbare und ganz unnütze Arbeit gewöhnt war, stand doch oft, wenn der Sohn sich entfernt hatte, verwundrungsvoll vor diesem seltsamen Bau; in finstern Stunden erwachte sein Unmut und das Gefühl seines traurigen Schicksals mit neuer Kraft, und er konnte dann wohl seiner übeln Laune nicht so viel gebieten, daß er nicht seinem armen Sohne Bitterkeiten gesagt oder ihn gescholten hätte. Mehr als die Mutter war alsdann die Pflegetochter im stande, beide zu besänftigen und schlimmerem Streite vorzubeugen; sie trat jedesmal wie ein guter Engel dazwischen und stellte fast immer Friede und selbst Heiterkeit wieder her.

Je länger der Kapitän in der Familie lebte, je mehr nahm seine Zärtlichkeit für das schöne Mädchen zu, und da er sich immer nur in ihren großen, glänzenden Augen spiegelte, so vergaß er auch mit jedem Tage mehr, daß er alt sei und nicht zu den schönen Männern gehöre. Die Einsamkeit hob alles Messen und Vergleichen mit andern Menschen auf, und ohne sich ganz deutlich von seinen Empfindungen Rechenschaft zu geben, gewann er ein gewisses und festes Vertrauen zu sich selbst, das noch mehr dadurch gestärkt wurde, daß Elisabeth ihn ganz wie einen älteren Freund liebevoll und rückhaltlos behandelte.

Die beiden Eltern waren auf einem kurzen Besuch in der Nachbarschaft und der Jüngling eifrig bei seiner Arbeit, als an einem trüben Nachmittage Thomas und Elisabeth allein im Zimmer saßen. »Kindchen«, fing der Seemann an, »es steigt bis zum Wunder, wie sehr du deiner seligen lieben Mutter mit jeder Stunde ähnlicher wirst. Aber sprich heraus, du feiner Schatz, und sei auch ebenso aufrichtig, rein und herzlich wie der herrliche, selige Engel, der keine Winkelzüge kannte, bei dem der klare Aufblick des Auges und sonnenhelle Wahrheit ein und dasselbe war. Ach, mein Herz! das waren traurige Stunden, als ich dazumal deine Mutter, Margarete, aufgeben und verlassen mußte, um – um –«

Der starke Mann konnte vor heftigem Weinen nicht weiter sprechen, auch mochte er nicht, sondern sagte bloß, als ihn Elisabeth tröstend umfaßte: »Nein, ich will deinen Vater nicht schelten, aber er hat nicht gut gegen mich, auch nicht gegen deine Mutter gehandelt. Mag's vorüber sein, und auf ewig, wenn es möglich ist, daß so große, tiefgehende Schmerzen vorüber und dahin sein können: trag' ich sie doch noch immer in meinem barschen Herzen mit mir herum.«

Er setzte sich ganz vertraulich neben die Geliebte und fragte mit kindlichem Ton: »Soll ich dir erzählen? Willst du mich nicht auslachen?«

»Mir sind die Thränen näher«, antwortete Elisabeth.

»Ich glaube dir, Kind«, antwortete der Seemann, »denn du hast ja deine herrliche Mutter kaum gekannt, – ach! und was ist das für ein Verlust für deine ganze Lebenszeit, den dir dort das ewige Glück und ihre Liebe jenseit vielleicht nicht einmal ganz ersetzen kann. – Wenn ich erzählt habe, willst du mir dann auch ganz aufrichtig antworten, damit wir heut' noch zum Schluß kommen?«

»Gewiß«, sagte das Mädchen, »ich will mein ganzes Herz Ihnen darlegen.«

»Und ich dir das meinige!« rief Thomas. »Sieh, Elschen, es werden jetzt mehr als zwanzig Jahre sein, daß ich deine Mutter kennen lernte. Ich war ein armer Kerl, der gar nichts hatte; ich hatte wohl so studiert, wie es manche thun, aber ich taugte nicht viel, hatte einen schlechten Ruf und wollte Soldat werden und als Offizier nach Ostindien gehn. Menschen, Welt und Gott waren mir alle gleichgültig, mein Zeitvertreib war mir alles. Ich wußte nicht sonderlich, daß es Gefühle gab, und alles, was ich davon in Büchern gelesen hatte, kam mir mehr wie Geschwätz, als Ernst und Wirklichkeit vor. So in der Dummheit war ich schon über dreißig Jahr alt geworden, und das Wesen eines Taugenichts kam mir fast als mein Beruf vor. Da sah ich auf einer Kirmes deine Mutter tanzen. Sie war die Tochter eines sehr reichen Handelsherrn, und die Eltern, ernste, biedre Leute, waren auch zugegen. Wie ich die Margarete ansichtig wurde, kam es mir mit einem Male vor, als sei ein Stück vom Himmel auf die Erde gefallen. Was die Leute so in Versen hatten singen wollen, war nun körperlich und greiflich vor mir, und besser. Wie manche sagen, Kristall sei versteintes lautres Wasser, andre noch schöner, der Diamant ein fest eingewohnter Lichtglanz, so war alles, was Sehnsucht, Zartheit, Poesie, Glaube, himmlische Reinheit, Wunder und die zartesten Geisterträume, die süßesten Entzückungen himmlischen Wohlseins meinen und suchen, hier verkörpert, ja mehr als das, denn es leuchtete lebendig aus den Augen, lächelte vom roten Munde und blitzte hinter den Lippen von glänzenden Zähnchen, schmiegte sich lieblich im runden Arm und tönte in einer Sprache, als wenn die Engel selbst mit zugehaltenem Munde andächtig herunterlauschen müßten. O ich alter Narr, daß meine ungelenke Zunge sagen will, wozu Catull und TibullValerius Catullus (87-54 v. Chr.), bedeutender römischer Lyriker, durch Innigkeit und Leidenschaft ausgezeichnet. Albius Tibullus (gest. 18 v. Chr.), römischer Elegiker von zarter Empfindung. zu roh und albern gewesen wären! O Seelenkind, wie fiel es mir da aufs Herz, daß ich ein so gar schlechter Mensch sei; ›die ist‹, sagte ich zu mir, ›für alle zu hoch, alle sind ihr zu geringe, und du selbst bist der niedrigste und unwürdigste von allen. Wen dieser Mund in Liebe küssend berührt, der hat den Himmel gekostet.‹ Es ist keinem geschehen, und aller dieser irdische Abglanz ist längst im frühen Grabe verwest.

»Der Bräutigam des schönen Mädchens war auch zugegen. Ein ältlicher, blasser Mann; er mochte in meinem jetzigen Alter sein. Ein Handelsherr, der wenige Freunde hatte, aber unermeßlich reich war, weshalb auch deine Mutter von aller Welt beneidet wurde. Lieber Himmel! was hat sie davon genossen? Aber so denken und fühlen die Menschen einmal. Daß ich durch diesen einzigen Anblick auf dem Bauernfeste sogleich ein guter Mensch wurde, wenigstens so gut, als ich mich bis jetzt bewahrt habe, ist gar kein Verdienst an mir, denn mein ganzes Dasein erschien mir so widerwärtig und als eine so schlechte Fratze, daß ich nichts aufzuopfern, nichts zu überwinden hatte, um anders zu werden.

»Welche Pläne, Träume, Hoffnungen nun! Du glaubst nicht, Elschen, was der Mensch immerdar ein Kind ist und bleibt. Ach, wäre keine Hoffnung im Leben, wer könnte sich zufrieden geben? Ich lernte die Margarete kennen, sie schien mich gern zu sehn und selbst zu achten. Durch ihre Eltern wurde ich einem Schiffskapitän empfohlen; ach! ein lieber, guter Mann, der sich meiner väterlich annahm und mir erst den rechten Mut gab, ein guter Mensch zu werden: denn ohne Autorität, und wenn uns nicht respektable Menschen ihr Vertrauen bezeigen, steht es doch um den Taugenichts mißlich, daß er nicht in sein altes Wesen verfällt. Wer keine Ehre zu verlieren hat, dem muß man eben seines trostlosen Zustandes wegen manches übersehn und vergeben.

»Das war ein entsetzlicher Tag, als der Vater Margaretens sich bankrott erklären mußte. Der Bräutigam, den man sonst nicht loben wollte, zeigte sich hierin brav und trat nicht zurück. Er deckte im Gegenteil mit seinem ganzen Vermögen und rettete die Ehre seines wackern Schwiegervaters, den das unverdiente Unglück auf das Krankenlager warf, das sein Todesbett wurde. Alles, was ich gedacht, was Margarete vielleicht im stillen gewünscht hatte, verging wie Seifenblasen.

»Die Hochzeit war angesetzt: ich mußte zur See. Einen Abschied gestattete mir Margarete; sie weinte um mich, sich und die Eltern und erklärte mir, wie sie alles, was sie thue, ihrem verschiedenen Vater schuldig sei. Da ward mir jener erste und letzte Kuß. Nicht der Liebe, wie ich mir gewünscht hatte, aber, wenn auch nicht der heiligen Tugend, doch der Zärtlichkeit. Jenen Himmelskuß hat sie keinem gegeben; die Lippen sind ihr auch bald am gebrochenen Herzen und deiner Geburt verwelkt. Einige Jahre nachher starb der Mann, und du kamst dann in dieses liebe Haus.

»Ich war in See. Mein Kapitän starb in meinen Armen und vermachte mir, da er keine Erben hatte, sein Vermögen. Was ich unternahm, geriet. Ich konnte mich nach wenigen Jahren einen reichen Mann nennen. Als ich zurückkam, lag alles im Grabe und du lächeltest im fremden Hause wie ein Kleinod, das man beim Umziehn vergessen hat. Ach, Elschen, der Mensch kann viel überstehn. Als ich von deiner Mutter Abschied nahm, dachte ich, ich müßte sterben, am liebsten hätte ich mich ins Meer gestürzt. Die Menschen sagen immer: ›das Herz‹, wenn sie viel ausdrücken wollen. O ja, es leidet auch dabei. Es gibt aber Schmerzen, die wahrlich darauf ausgehn, die Seele selbst auseinander zu reißen. Da schrillt dann eine körperliche Empfindung durch das, was wir geistige Kräfte nennen, so zertrümmernd, daß uns der Schwindel des Wahnsinns Rettung und süßes Labsal dünken möchte. Ein Gefühl taumelt ins andre, ein Gedanke in den andern, ein Abgrund stürzt in einen noch tiefern Abgrund, und der Gedanke Gott wird zum Hohngelächter in uns. – Vergib, Herz, daß ich dich mit diesem Aberwitz ängstige. Du bist so gut und weich, du verstehst mich vielleicht gar nicht.

»Als ich meinen lieben van der Winden wiedersah, ging mir das Herz von neuem auf. Schon damals kamen wir auf den vielleicht verkehrten Gedanken, daß du mir zu deiner Mutter heranwachsen solltest. Nun bist du so geworden, wie sie, nur heiterer, scherzhafter, denn dein Schicksal ist freundlicher, und kein haschender wilder Engelsknabe hat dir, kostbarem Schmetterling, beim Zufahren den Staub von den Flügeln abgewischt. Die Seelen, denen das begegnet, bekommen nie ihre erste Frische wieder. Sieh, nun haben wir alten Narren unsern Traum so fortgesponnen und dich in unserm Netz eingefangen. Aber du, liebste Seele, sollst durch mein Haschen nicht gekränkt werden. Die Märchen brauchen ja nicht in Erfüllung zu gehn und bleiben doch schön. Es ist auch vielleicht ganz der Kindergedanke eines alten Menschen in mir, daß ich mir meinen Jugendtraum so will zum Weihnachtsgeschenk bescheren lassen. Mein Glück wäre ja doch wohl nur Wahnsinn, im Fall du nicht ebenso glücklich sein könntest als ich selbst. Nun aber sprich auch, Elsbethchen, und ganz aus vollem, freien Herzen, so wie ich.«

»Mein lieber«, sagte Elsbeth, »– soll ich Sie Kapitän, Thomas, Herzens- oder väterlicher Freund nennen? – Sie verdienen mein ganzes Vertrauen, meine ganze Liebe ohne Rückhalt. Glauben Sie mir, lieber, herrlicher Mann, es macht mich wahrhaft glücklich, wenn Sie bei uns bleiben, mit uns wohnen, Ihre Seegeschäfte aufgeben und ich Sie täglich und stündlich sehn und hören kann; denn wo fände ich ein solches Herz, eine solche Liebe wieder? Und durch die edle Herzensliebe, mit der Sie meiner Mutter zugethan waren, sind Sie mir wie ein zweiter, ein geistiger Vater, vielleicht inniger mit meiner Seele verwandt und verbunden, als jener unglückliche Mann, den ich wenig gekannt habe; denn warum soll der in Liebe aufblühende Geist nicht auch aus der Ferne auf ein Gemüt innigst einwirken können? So weit, Freund, Vater, Teurer, liebe ich Sie. Aber warum soll ich Ihre Gattin sein? Was zwingt uns zu diesem Verhältnis, das uns beide nicht glücklich machen würde? Muß denn, was die Menschen Liebe nennen, immer diese Gestalt annehmen?«

»Basta!« rief der Kapitän, »das ist also vorüber und abgemacht, und Dank dir, Herzenskind, daß du mit der Sprache so rein herausgegangen bist. Aber – willst du denn gar nicht heiraten? Oder, sprich ebenso aufrichtig, hat dein Herz schon gewählt? O du Engelsbild, ich müßte mir die Seele ausquälen, wenn du einmal an irgend einen solchen Windhund verloren gingest, wie dieser Sommer ist.«

»Liebstes Väterchen«, erwiderte das junge Mädchen, ihm vertraulich die braunen Wangen streichelnd, »ich habe keinen, gewiß keinen Liebhaber, und ich heirate entweder gar nicht, oder nur den, zu welchem Sie mir, vielgeliebter Freund, Ihren Segen mit Einstimmung Ihrer ganzen Seele und Vernunft geben können. Aber um mich so recht zu beobachten, müssen Sie bei uns bleiben und die wüste, wilde See endlich ganz fahren lassen.«

»Willst du mich denn auch pflegen?« fragte der Alte ganz weichherzig; »mit meinen Launen Geduld haben? Mir nach meinem Tode die Augen zudrücken?«

»Und Sie füttern«, sagte Elisabeth, »und erheitern und Ihnen vorsingen, vorspielen und aus Büchern lesen, für Sie kochen, alter, herrlicher Mann, und mir von Ihnen erzählen lassen.«

»Und den Sommer nicht mehr mit Augen ansehn?« fragte Thomas.

»Nennen Sie den Laffen nicht«, antwortete sie, »können Sie von mir so geringe denken, daß dieser mir nur irgend etwas sein könnte? Da wäre mir so ein alter Held und Ostindienfahrer doch ein ganz anderer Liebhaber, wenn es denn doch Liebhaber sein müßte.«

»Schalk!« sagte der Alte, indem er sie umfaßte und einen herzhaften Kuß auf ihre Lippen drückte; »wir sind also richtig, ich bleibe bei euch, und ihr füttert mich zu Tode. – Ach Gott!« setzte er hinzu, indem er sich plötzlich mit einem Seufzer besann, »den armen Fritz-Wilhelm haben wir ja darüber ganz vergessen. Mädchen, der muß mit in unserm Bunde sein, sonst wird die ganze PunktationSchriftliche, rechtskräftig bindende Urkunde, in der die wichtigsten Punkte eines abzuschließenden Vertrags enthalten sind. umgestoßen.«

»Versteht sich«, erwiderte sie, indem ihr Gesicht ernster wurde; »könnte ich so lieblos sein, nicht an ihn zu denken?«

Sie gingen Arm in Arm nach dem Garten hinunter, und so wie sie Wilhelm kommen sah, ließ er von seiner Arbeit ab und begleitete sie, sein Zimmerbeil in der Hand tragend. Sie spazierten in den Baumgängen hin und her, und der Kapitän war so gesprächig und fröhlich, wie er sich bis jetzt noch niemals gezeigt hatte. Sie verließen den Garten, und als sie im Felde eine Strecke gegangen waren, zeigte sich der rothaarige Barnabas, der ihnen langsam entgegenschritt. Elisabeth wurde unruhig, und Fritz fuhr zusammen, seine Bewegungen waren hastig und krampfhaft. Sowie Barnabas die Gesellschaft bemerkte, ward sein Schritt schneller, und indem er leichtsinnig vorüberhüpfte, nahm er gleichgültig den Hut ab, grüßte ohne Höflichkeit und sagte, als er vorüber war, ziemlich laut: »Da führen sie den Dummen spazieren!«

Kaum war dies Wort den Lippen entflohen, als Fritz-Wilhelm einen fürchterlichen Schrei ausstieß und mit einem gewaltigen Sprunge sich umwendend dem Barnabas nachrannte. Elisabeth wurde bleich, und Barnabas, der die Wut seines Gegners sah, beschwingte seine Schritte. Thomas stand vor Verwunderung still, indessen das halb ohnmächtige Mädchen dem Jünglinge nachzueilen strebte. Die Angst gab dem Barnabas unglaubliche Kräfte, seine Schnelligkeit schien übermenschlich, aber der längere Fritz kam ihm schon näher und näher, als der Fliehende plötzlich einen Graben vor sich sah, der so breit war, daß es unmöglich schien, hinüberzuspringen. Da der Geängstete aber fast schon den heißen Atem seines Feindes in seinem Nacken fühlte, so setzte er, ohne zu denken, wohl ohne Bewußtsein über den breiten Raum und verlor sich unmittelbar im Walde. Wilhelm, nachrennend, starrte zurück, blieb keuchend stehn und schleuderte, mit den Zähnen knirschend, sein Beil dem Entflohenen nach, daß es diesem am Haupte dicht vorbei tief in einen Lindenbaum hineinschlug und sich krachend bis in das Mark einbohrte. Dann rang er die Hände, seufzte schwer, blickte um nach Elisabeth, und ein Thränenstrom stürzte aus den glühenden Augen.

Als Elisabeth näher kam, erkannte sie ihren unglücklichen Jugendfreund kaum wieder. »Komm zu dir, lieber Fritz!« rief sie keuchend und außer Atem. Er warf den Kopf auf ihre Hände und schluchzte: »Du mich nicht leiden – hassen – ich verachtet – und so arm.«

»Nein, mein Liebster«, sagte sie, »aber sammle dich wieder, lerne deine ungeheure Heftigkeit mäßigen, du hättest ja den Elenden ermorden können.«

»Gut, schön, wenn gethan!« rief Wilhelm mit erneuter Wut, »– soll nicht leben – muß tot gemacht werden!«

»Vergib ihm, Liebster, sei sanft, sei menschlich und verzeih deinem Feinde«, liebkoste das freundliche Mädchen.

»Allen ja!« rief Wilhelm mit entsetzlicher Stimme; »dem da nicht, – totmachen ihn ist Verdienst! – herrlich! Ist Bestie!«

»Er kränkt dich«, sagte sie, »wo er dich sieht, aber du bist besser, – laß ihn.«

»Alles dir, alles Liebe dir –«, stammelte der Unglückliche, »das nicht! Wenn sehn ihn, kriegen ihn, – totmachen wie Raupe!«

Jetzt kam der schwerfällige Thomas herzu! »Bist rasend, Fritz-Wilhelm?« schrie er ihn mit donnernder Stimme an.

Wilhelm, der so groß vor ihm stand, wurde plötzlich, indem ihn das scharfe Auge des Seemanns zu durchbohren schien, wie klein und ohnmächtig, er stürzte vor dem alten Freunde auf die Knie, nahm dessen beide Hände, küßte sie demütig und badete sie mit seinen Thränen. »Bin Vieh, – bin kein Mensch«, sagte er schluchzend; »vergeben!«

»Ja vergeben!« rief ihm der Alte, in seinen Ton eingehend, zu; »aber nicht wieder thun! Besser werden!«

»Alles, alles«, sagte Fritz, indem er aufstand, »besser werden, – abbitten – aber den totschlagen!«

Auf dem Rückwege sprach er kein Wort wieder.


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