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Der Fuhrmann des Todes

Selma Lagerlöf: Der Fuhrmann des Todes - Kapitel 9
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authorSelma Lagerlöf
titleDer Fuhrmann des Todes
publisherAlbert Langen
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VIII

Der Fuhrmann fuhr mit seinem Karren in tiefer Dunkelheit dahin. Auf beiden Seiten ragte dichter hoher Wald auf, und der Weg war so schmal, daß man den Himmel über sich nicht wahrnehmen konnte. Hier schien sich das Pferd noch langsamer zu bewegen als sonst, und das Knirschen der Räder wurde noch schriller. Die sich verklagenden Gedanken in der Seele erklangen immer eindringlicher, die hoffnungslose Einförmigkeit wurde größer als bisher. Einmal zog Georg an den Zügeln, so daß das Knirschen einen Augenblick aufhörte, und rief mit lauter durchdringender Stimme:

»Was ist all die Qual, die ich leide, was all die Qual, die mich erwartet, gegen das Bewußtsein, daß ich nicht mehr in Ungewißheit über das bin, das zu wissen von größtem Wert ist? Ich danke dir, Gott, daß ich aus der Finsternis der Welt herausgekommen bin. Ich lobe und preise dich in all meinem Elend, weil ich nun weiß, daß du mir die Gabe des ewigen Lebens geschenkt hast.«

Die Fahrt begann aufs neue mit dem Gerassel und Knirschen, aber die Worte des Fuhrmanns klangen noch lange in David Holms Ohren. Jetzt zum ersten Male fühlte er ein bißchen Mitleid mit seinem alten Kameraden.

›Georg ist ein tapferer Mann,‹ denkt er. ›Er klagt nicht, obgleich es für ihn keine Hoffnung gibt, seiner Qual zu entgehen.‹

*

Das war eine lange Reise, die kein Ende nehmen wollte.

Als die Fahrt so lange gedauert hatte, daß David Holm annahm, sie müßten einen vollen Tag gefahren sein, erreichten sie eine weite Ebene, über der sich jetzt ein klarer wolkenloser Himmel ausspannte, an dem ein glänzender Halbmond gerade zwischen dem Aronsstab und den Plejaden dahinsegelte.

Mit kriechender Langsamkeit hinkte der lahme Gaul über die Ebene hin, und als diese endlich hinter ihnen lag, schaute David Holm zum Monde empor, um zu sehen, wie weit er indessen in seiner Bahn gekommen sei. Da wurde er gewahr, daß er gar nicht vorgerückt war, und David Holm verwunderte sich höchlich darüber.

Sie fuhren weiter. In langen Zwischenräumen warf David Holm einen Blick zum Himmel empor; aber immer noch blieb der Mond auf demselben Platz zwischen dem Aronsstab und den Plejaden und rührte sich nicht.

Da überkam David eine Erkenntnis: Obgleich er meinte, sie seien schon so lange wie einen vollen Tag gefahren, so war doch kein Wechsel von Nacht zum Morgen eingetreten und nicht von Tag zum Abend, sondern dieselbe Nacht hatte die ganze Zeit geherrscht.

Stundenlang, stundenlang, deuchte es ihm, fuhren sie immer weiter, aber an dem großen Zifferblatt des Himmels bewegte sich keiner der Zeiger, sondern alles blieb an demselben Platz.

Er hätte glauben können, die Welt sei in ihrem Lauf aufgehalten worden, wenn ihm jetzt nicht eingefallen wäre, daß ihm Georg gesagt hatte, die Zeit werde ausgedehnt und ausgedehnt, damit der Fuhrmann an alle die Orte, die er erreichen müsse, hingelangen könne. Mit Zittern fühlte er, daß das, was sich für ihn zu halben und ganzen Tagen ausdehnte, nach menschlicher Berechnung höchstens ein paar Minuten sein konnten.

In seiner Kindheit hatte er einmal von einem Mann erzählen hören, der zu den Seligen im Himmel gekommen war. Als dieser Mann dann wieder zurückgekehrt war, hatte er gesagt, hundert Jahre im Himmel seien ebenso schnell vergangen wie ein Tag auf der Erde.

Aber wer den Totenkarren fahren mußte, für den wurde vielleicht ein einziger Tag ebenso lang wie hundert Jahre auf Erden.

Da fühlte David Holm aufs neue ein bißchen Mitleid mit Georg.

›Es wundert mich nicht, daß er sich nach Ablösung sehnt,‹ denkt er. ›Dies ist ein sehr langes Jahr für ihn gewesen.‹ – – –

Während sie einen hohen Hügel hinauffuhren, gewahrten sie eine Person, die noch langsamer vorwärts kam als der Karren, und die sie also einholen konnten.

Es war eine alte buckelige, gebrechliche Frau, die sich mit Hilfe eines dicken Stocks vorwärts schleppte und trotz ihrer Schwäche ein sehr schweres Bündel trug, das die Ärmste ganz auf die eine Seite herabzog.

Es sah aus, als habe die Alte die Fähigkeit, den Totenkarren wahrzunehmen, denn sie ging ihm aus dem Weg, als er sie eingeholt hatte, und blieb am Grabenrand stehen.

Dann ging sie ein wenig rascher vorwärts und hielt Schritt mit dem Karren, den sie die ganze Zeit prüfend betrachtete, um herauszubringen, was denn das für eine Art Fuhrwerk war.

In dem hellen Mondschein blieb ihr nicht lange verborgen, daß eine alte blinde Schindmähre davorgespannt, daß das Wagengeschirr mit Weiden und alten Schnüren zusammengebunden und daß der Karren ganz ausgeleiert und in beständiger Gefahr war, seine beiden Räder zu verlieren.

»Das ist aber doch sonderbar!« murmelte sie vor sich hin, ohne zu ahnen, daß die Insassen sie hören konnten, »Wie kann jemand mit so einem Fuhrwerk und so einem Gaul umherfahren? Ich hatte gemeint, ich könnte den Fuhrmann bitten, mich eine Strecke weit mitzunehmen; aber das arme Tier kann sich ja kaum selbst weiter schleppen, und der Karren würde vollends zusammenbrechen, wenn ich aufstiege.«

Aber kaum hatte sie das gesagt, als Georg sich über den Karren herausbog und sein Fuhrwerk zu loben begann.

»Ach, der Karren und das Pferd sind gar nicht so schlecht, wie Ihr meint,« sagte er, »Ich bin mit ihm über brausende Meere gefahren, wo haushohe Wogen dahergerollt kamen, die große Schiffe zum Sinken brachten, während sie mir nichts anhaben konnten.«

Die Alte war ein bißchen verblüfft, dachte aber, da sei sie mit einem spaßigen Fuhrmann zusammengetroffen, und sie war nicht faul mit ihrer Antwort.

»Ihr seid vielleicht Leute, die sich besser auf das brausende Meer verstehen als auf das Land,« erwiderte sie; »denn es sieht mir aus, als kämet ihr hier nur sehr mühselig vorwärts.«

»Ich bin durch jäh hinabführende Grubenschachte geradenwegs in die Eingeweide der Erde hineingefahren, ohne daß der Gaul ausgeglitten ist,« nahm der Fuhrmann wieder das Wort, »Und ich bin mitten durch brennende Städte gefahren, wo das Feuer auf allen Seiten wie ein Feuermeer loderte. Kein Feuerwehrmann hat sich so weit ins Feuer und in den Rauch hineingetraut wie dieses Pferd, ohne zurück zu scheuen.«

»Ihr wollt Euch über eine alte Person lustig machen, Fuhrmann,« sagte die Frau.

»Manchmal hab' ich auf den höchsten Bergen zu tun gehabt, wo nirgends ein gebahnter Pfad war,« fuhr der Fuhrmann fort. »Aber das Pferd ist Felswände hinaufgeklettert und hat sich bis über den Rand von Abgründen hinausgewagt, und der Karren hat doch zusammengehalten, ob auch der Weg an manchen Stellen ganz mit Felsblöcken übersät war. Ich bin über Moore gefahren, auf denen man nirgends festen Fuß fassen konnte, weil keine Erdscholle herausragte, die auch nur ein Kind getragen hätte, und Schneewehen, die mannshoch aufgetürmt in meinem Weg lagen, haben mich nicht aufhalten können; deshalb meine ich keinen Grund zu haben, mich über mein Gefährt zu beklagen.«

»Ja, wenn es so ist, wie Ihr sagt, dann wundere ich mich nicht, daß Ihr zufrieden seid,« sagte die Alte, dem Fuhrmann beipflichtend. »Ihr seid wohl selbst ein richtiger großer Herr, da Ihr so ein prächtiges Fuhrwerk habt.«

»Ich bin der Starke; der Gewalt über die Menschenkinder hat,« erwiderte der Fuhrmann, und nun hatte seine Stimme einen vollen und tiefen Klang. »Ich bezwinge sie, mögen sie in hohen Sälen oder in niederen Kellerlöchern wohnen. Dem Sklaven gebe ich die Freiheit, und ich reiße die Könige von ihren Thronen. Keine Burg ist so mächtig, daß ich ihre Mauern nicht erklimmen könnte. Keine Wissenschaft ist so tief, daß sie einen Damm gegen mein Vordringen auswerfen könnte. Ich schlage die Sicheren, gerade wenn sie sich in ihrem Glück sonnen, und ich schenke Schätze und Güter den Elenden, die in Armut verschmachtet sind.«

»Hab' ich mir's nicht gedacht, daß ich hier mit einem großen Herrn zusammengetroffen bin!« rief die Alte lachend. »Aber da du so mächtig bist und ein so prächtiges Fuhrwerk hast, könntest du mich auch eine Strecke weit mitfahren lassen. Ich bin auf dem Weg zu meiner Tochter, um den Silvesterabend bei ihr zu verbringen, habe mich aber verirrt und fürchte, ich muß die ganze Nacht auf der Landstraße umherwandern, wenn du mir nicht hilfst.«

»Nein, darum sollt Ihr mich nicht bitten,« versetzte der Fuhrmann. »Es ist immer noch besser für Euch, Ihr geht auf der Landstraße weiter, als daß Ihr in meinem Karren fahrt.«

»Ja, da muß ich dir recht geben,« sagte die Alte. »Dein Pferd würde sicher zusammenbrechen, wenn es mich auch noch ziehen müßte. Aber mein Bündel will ich hier hinten hineinlegen, so viel könntest du mir doch helfen.«

Ohne eine Erlaubnis abzuwarten, hob sie ihr Bündel auf und legte es in den Karren hinein. Aber wie wenn sie es auf wallenden Rauch oder wogenden Nebel gesetzt hätte, sank es ohne den geringsten Widerstand auf die Erde herab.

Zugleich mußte indes die Alte die Kraft verloren haben, den Karren zu sehen, denn sie blieb ratlos und zitternd auf dem Weg stehen, ohne noch einen Versuch zu machen, mit dem Fuhrmann zu reden.

Diese Unterhaltung flößte David Holm abermals ein wenig Mitleid mit Georg ein.

›Er hat gewiß allerhand durchmachen müssen,‹ denkt er. ›Ich kann mich nicht mehr darüber wundern, daß er sich verändert hat.‹

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