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Der Fuhrmann des Todes

Selma Lagerlöf: Der Fuhrmann des Todes - Kapitel 8
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authorSelma Lagerlöf
titleDer Fuhrmann des Todes
publisherAlbert Langen
year1911
translatorPauline Klaiber
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VII

David Holm, liegt wieder ausgestreckt auf dem Totenkarren. Er ist zornig, nicht allein auf die ganze Welt, sondern auch auf sich selbst. Was war doch das für ein Wahnsinn, der ihn vorhin überfallen hatte? Warum hatte er sich wie ein reuevoller und bußfertiger Sünder Schwester Edith zu Füßen geworfen? Georg lachte ihn gewiß aus. Ein rechter Mann muß für seine Taten einstehen können. Er weiß ja, warum er sie begangen hat. Sicherlich wird ein rechter Mann nicht all sein eigenes über Bord werfen, nur weil ein junges Mädchen behauptet, sie sei in ihn verliebt.

Was war ihn nur angekommen? War das Liebe? Aber er war ja tot. Er war tot. Was sollte das auch für eine Art Liebe sein?

Der lahme Gaul hat sich wieder in Bewegung gesetzt. Jetzt geht es durch eine der äußeren Straßen der Stadt, ja, es geht zur Stadt hinaus. Die Häuser werden immer vereinzelter, und die Straßenlaternen stehen immer weiter auseinander. Man kann jetzt schon die Stadtgrenze sehen, wo sie ganz aufhören. Je näher das Gefährt der letzten Laterne kommt, desto mehr bemächtigt sich David Holms eine Art Betrübnis, eine unerklärliche Angst davor, die Stadtgrenze zu verlassen. Er fühlt, daß er nun von etwas fortgeführt wird, das er nie hätte verlassen sollen.

Und in demselben Augenblick, wo er diese Angst fühlt, hört er durch das entsetzliche Knirschen und Rasseln des Karrens hindurch den Laut sprechender Stimmen. Er senkt den Kopf, um zu lauschen. Es ist Georg, der mit jemand spricht, der offenbar mit im Karren fährt, ein Fahrgast, den David Holm bis jetzt nicht bemerkt hat.

»Jetzt darf ich nicht weiter mitkommen,« sagt eine sanfte, aber vor Schmerz und Leid kaum vernehmbare Stimme, »Ich hätte ihm so viel zu sagen gehabt; aber er liegt so böse und aufgebracht da, daß ich mich ihm weder sichtbar noch vernehmlich machen kann. Du mußt ihm deshalb meinen Gruß überbringen und ihm sagen, daß ich hier war, um mit ihm zu reden; aber von diesem Augenblick an ziehe ich fort, und ich darf mich ihm so nicht zeigen, wie ich jetzt bin – – – «

»Aber wenn er sich bessert und bereut?« fragt Georg.

»Du hast ja selbst gesagt, er könne sich nicht mehr bessern,« sagt die Stimme in bebendem Schmerz. »Du sollst ihn von mir grüßen und ihm sagen, ich hätte geglaubt gehabt, wir würden ewig zusammen gehören; aber jetzt, von diesem Augenblick an, wird er mich nie wiedersehen.«

»Aber wenn er seine bösen Taten sühnt?« sagt Georg.

»Nicht wahr, du wirst ihn von mir grüßen und ihm sagen, daß ich ihn nicht weiter als bis an die Grenze der Stadt habe begleiten dürfen,« klagt die Stimme. »Und du bringst ihm mein Lebewohl?«

»Aber wenn er sich ändert und ein anderer wird?« versetzt Georg.

»Grüß ihn und sag ihm, ich werde ihn immer lieben. Eine andere Hoffnung kann ich ihm nicht geben,« sagt die Stimme mit noch wehmütigerem Klang als vorher.

David hat sich im Karren auf die Knie aufgerichtet. Bei diesen Worten strengt er sich aufs äußerste an, und plötzlich steht er in seiner vollen Größe aufrecht da. Er faßt nach etwas, das ihm zwischen dem unsicheren Griff seiner gefesselten Hände hindurchflattert. Es ist ihm nicht gelungen, es deutlich zu unterscheiden, aber es hinterläßt den Eindruck von etwas schimmernd Hellem und nie geahnter Schönheit.

David Holm will sich losreißen und der entfliehenden Erscheinung nacheilen; aber jetzt wird er von etwas zurückgehalten, das ihn mehr lähmt als Fesseln und Banden.

Die Liebe ist es, die Liebe der Geister, die, von der die Liebe irdischer Menschen nur eine schwache Nachbildung ist, sie ist es, die ihn, gerade wie vorhin an dem Sterbebette, auch jetzt wieder überwältigt. Sie hat ihn langsam durchglüht, wie ein Feuer, das im Auflodern ist, langsam das Brennholz durchglüht. Man merkt kaum etwas von ihrer Arbeit, aber ab und zu schickt sie doch eine lodernde Flammenzunge aus, die beweist, daß sie dabei ist, das ganze Wesen in volle Glut zu versetzen. Und eine solche Flammenzunge ist jetzt in David Holm aufgelodert. Sie leuchtet nicht mit voller Stärke, aber ihr Licht genügt ihm, die Geliebte so herrlich zu sehen, daß er niedersinken muß, von seiner Machtlosigkeit erschüttert. Und er erkennt, daß er es nicht wagen darf, es nicht wagen wollte und es nicht ertragen würde, sich ihr zu nähern.

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