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Der Fuhrmann des Todes

Selma Lagerlöf: Der Fuhrmann des Todes - Kapitel 6
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authorSelma Lagerlöf
titleDer Fuhrmann des Todes
publisherAlbert Langen
year1911
translatorPauline Klaiber
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V

Es ist ein schmales, niederes aber ziemlich geräumiges Zimmer in einem Haus der Vorstadt, einem Haus, das so klein ist, daß es von diesem einen Raum sowie einem zweiten kleineren, der als Schlafstube dient, ganz eingenommen wird. Das Zimmer wird von einer Hängelampe erhellt, und bei deren Schein kann man sehen, daß es ein behaglich und freundlich ausgestattetes Gemach ist. Und nicht genug damit: es ist auch ein vergnügliches Zimmer, das meist ein Lächeln auf die Lippen dessen ruft, der es zum erstenmal betritt. Man sieht nämlich gleich, daß die Bewohner sich ein Vergnügen daraus gemacht haben, es so zu möblieren, daß es eine ganze Wohnung vorstellen soll. Der Eingang ist auf der einen Giebelseite, und dicht neben der Tür steht ein kleiner Kochherd. Hier ist also die Küche, und da ist alles beisammen, was zur Kücheneinrichtung gehört. Die Mitte des Zimmers ist als Eßzimmer eingerichtet, mit einem runden Eßtisch, einigen eichenen Stühlen, einer hohen Kastenuhr und einem kleinen Schrank für Porzellan und Glas. Hierher gehört natürlich auch die Hängelampe, die gerade über dem runden Tisch hängt, aber auch zur Erleuchtung der guten Stube dient, dem innersten Teil des Raumes mit dem Mahagonisofa und dem kleinen Tisch davor, dem geblümten Tischteppich, der Palme in ihrer prachtvollen Porzellanvase und den unzähligen Photographien.

Meistens denken die Leute, die in diesen Raum eintreten, zu wieviel Scherz und Fröhlichkeit diese Art von Möblierung Veranlassung gegeben haben muß. Wenn ein guter Bekannter von der Straße hereinkam, hatte man sich den Spaß gemacht, ihn durch den ganzen Raum hindurch bis in die gute Stube zu führen und dann um Entschuldigung gebeten, daß man ihn allein lasse, während man selbst gezwungen sei, in die Küche zu gehen. Am Mittagstisch, der so nahe an der Küchenabteilung steht, daß man da die Hitze vom Herd recht wohl fühlt, hatte man wohl oftmals mit großer Feierlichkeit gesagt: »Nein, nun müssen Sie klingeln, damit das Mädchen kommt und die Teller abnimmt.« Und wenn ein Kind in der Küche weinte, hatte man es mit dem Witz zum Lachen gebracht, daß es doch ja nicht so laut schluchzen soll, damit der Vater, der in einem der inneren Zimmer sitze, es nicht höre.

Ja, wie gesagt, solche Gedanken stiegen gewöhnlich bei den Leuten, die das Zimmer zu sehen bekamen, auf; aber bei denen, die in der Neujahrsnacht, eine kleine Weile nach dem Jahreswechsel in diesen Raum treten, erweckt der Anblick ganz gewiß keine solchen leichten, fröhlichen Betrachtungen. Nenn herein kommen zwei so verkommene und zerlumpte Männer, daß man sie für gewöhnliche Landstreicher hätte halten können, wenn nicht der eine einen langen schwarzen Mantel über seinen Lumpen getragen und in der Hand eine lange schartige Sense gehalten hätte. Dies ist eine ungewöhnliche Ausstattung für einen Landstreicher, und noch eigentümlicher ist die Art, wie er hereinkommt; denn er dreht nicht den Schlüssel um und öffnet auch nicht den kleinsten Spalt an der Tür, sondern geht geradenwegs durch sie hindurch, obgleich sie fest geschlossen ist.

Der andere Mann trägt kein erschreckendes Abzeichen; aber als er hereinkommt, und zwar nicht selbst gehend, sondern auf ganz seltsame Weise von seinem Gefährten hereingeschleppt, macht er einen noch erschreckenderen Eindruck als der erste. Obgleich er an Händen und Füßen gefesselt ist und von seinem Kameraden mit äußerster Verachtung auf den Boden geschleudert wird, wo er wie ein dunkler Haufen Lumpen und Elend liegen bleibt, flößt er doch durch die wilde Wut, die aus seinen Augen funkelt und sein Gesicht verzerrt, Entsetzen ein.

Die beiden Männer finden bei ihrem Eintritt das Zimmer nicht leer, sondern sehen, daß an dem runden Tisch in der Eßzimmerabteilung ein junger Mann mit weichen Zügen und einem kindlich treuherzigen Blick, sowie eine etwas ältere aber kleine zarte Frau sitzen. Der Mann trägt ein rotes Trikotüberhemd, auf dem mit großen, in die Augen fallenden Buchstaben das Wort »Heilsarmee« quer über die Brust gestickt ist. Die Frau ist schwarz gekleidet und ohne ein Abzeichen, aber vor ihr auf dem Tisch liegt ein Hut von der gewöhnlichen Form der Heilsarmee, und der tut zu wissen, daß auch die Frau zu dieser gehört.

Die beiden sind tiefbetrübt; die Frau weint leise vor sich hin und wischt sich ein Mal übers andere mit einem schon ganz nassen, zerknüllten Taschentuch die Augen. Sie tut es ungeduldig, wie wenn ihr die Tränen im Wege wären und sie an etwas anderem, das sie zu besorgen hat, hinderten. Auch die Augen des Mannes sind von Weinen gerötet, aber jetzt, in Gegenwart eines anderen, läßt er seinen Schmerz nicht Herr werden.

Die beiden sagen ab und zu ein paar Worte zueinander, und aus diesen Worten ersieht man, daß ihre Gedanken in einem andern Zimmer bei einer Kranken sind, die sie eine Weile verlassen haben, damit ihre Mutter mit ihr allein sein könne. Aber so sehr sie auch mit der Kranken beschäftigt sind, erscheint es doch merkwürdig, daß keines von ihnen auf irgendeine Weise Notiz von den beiden eben hereingekommenen Männern nimmt. Diese verhalten sich allerdings vollkommen still und ruhig, der eine steht aufrecht, sich an den Türpfosten lehnend, da, der andere liegt vor ihm auf dem Boden. Aber man sollte doch meinen, die beiden am Tisch hätten sich über diese Gäste, die mitten in dunkler Nacht durch verschlossene Türen hereingekommen sind, verwundern müssen.

Wenigstens verwundert sich der am Boden liegende Mann, daß die beiden einmal ums andere nach der Seite hinsehen, wo er und sein Gefährte sich befinden, ohne daß sie sie wahrzunehmen scheinen. Er selbst sieht alles, und als er vorhin durch die Stadt fuhr, kam ihm noch alles ganz so vor, wie er es mit seinen menschlichen Augen gesehen hatte, ihn aber kann niemand sehen. Der Mann hat in seiner Wut auch daran gedacht, sich seinen Feinden unter den Menschen so, zu zeigen, wie er jetzt ist, um ihnen einen Schrecken einzujagen, aber er merkt, daß er sich ihnen nicht einmal sichtbar machen kann.

Er ist früher noch nie in diesem Zimmer gewesen, erkennt aber die beiden, die am Tisch sitzen, und ist deshalb nicht im allergeringsten Zweifel darüber, wo er sich befindet. Wenn etwas seine Wut noch steigern kann, so ist es das Bewußtsein, nun doch gegen seinen Willen an den Ort geführt worden zu sein, wohin zu gehen er sich den ganzen Tag hindurch gesträubt hat.

Plötzlich schiebt der Heilsarmeesoldat am Tisch drüben seinen Stuhl zurück.

»Es ist jetzt Mitternacht vorüber,« sagte er. »Die Frau meinte, er werde um diese Zeit heimkommen. Ich will jetzt hingehen und noch einen Versuch machen, ihn hierherzubringen.«

Damit steht er langsam und widerwillig auf und greift nach seinem Rock, der hinter ihm auf dem Stuhl hängt, um ihn anzuziehen.

»Ich begreife wohl, daß Sie meinen, es habe keinen Wert, noch einmal nach ihm zu gehen,« sagt die junge Person, die noch immer mit den hervordringenden Tränen kämpft, die ihre Stimme zu ersticken drohen. »Aber, Gustavsson, Sie müssen bedenken, dies ist der letzte Dienst, den Schwester Edith von uns begehrt.«

Der Heilsarmeesoldat hält in dem Augenblick, wo er den Arm ins Armloch stecken will, inne und sagt:

»Schwester Maria, es kann ja wahr sein, daß dies der letzte Dienst ist, den ich Schwester Edith erweisen kann; aber es wäre mir jedenfalls am liebsten, wenn David Holm nicht daheim wäre, oder wenn er nicht mit mir ginge. Ich habe ihn heute mehrere Male aufgesucht und ihn gebeten, mit mir zu kommen, weil Sie und Hauptmännin Andersson es mir befohlen haben, aber ich bin die ganze Zeit froh gewesen, daß er es mir abgeschlagen hat, und daß es weder mir noch einem der andern gelungen ist, ihn herzubringen.«

Die am Boden liegende Gestalt fährt zusammen als sie ihren Namen hört, und ein häßliches Lächeln fliegt über ihr Gesicht.

›Dieser scheint doch ein bißchen mehr Verstand zu haben als die andern,‹ murmelt er.

Schwester Maria betrachtet den Heilsarmeesoldaten und sagt nun ziemlich scharf mit fester, nicht von Tränen erstickter Stimme:

»Es wäre am besten, Gustavsson, wenn Sie David Holm den Auftrag diesmal so ausrichteten, daß er nicht anders könnte, als kommen.«

Der Heilsarmeesoldat geht mit dem Ausdruck eines Menschen, der gehorcht, ohne überzeugt zu sein, nach der Tür.

»Soll ich ihn herführen, auch wenn er sinnlos betrunken ist?« fragt er noch vor dem Hinausgehen.

»Ja, bringen Sie ihn her, Gustavsson, lebend oder tot, hätte ich beinahe gesagt. Im schlimmsten Fall kann er hier übernachten und seinen Rausch ausschlafen. Die Hauptsache ist, daß wir ihn zu fassen kriegen.«

Der Heilsarmeesoldat hat schon die Hand auf die Türklinke gelegt, als er sich plötzlich wieder umwendet und aufs neue an den Tisch tritt.

»Es gefällt mir nicht, daß so ein Kerl wie David Holm hierherkommen soll,« sagt er, und sein Gesicht ist jetzt ganz bleich vor Erregung. »Sie wissen wohl ebensogut wie ich, was er für ein Unmensch ist, Schwester Maria? Meinen Sie etwa, er passe hierher? Oder meinen Sie, er passe da hinein?« fährt er fort, indem er auf eine Tapetentür drüben an der Wohnzimmerabteilung deutet.

»Ob ich meine – – –« beginnt Schwester Maria, aber er läßt sie nicht ausreden.

»Wissen Sie nicht, Schwester Maria, daß er uns nur verspotten wird? Er wird damit prahlen und sagen, eine von den Heilsarmeeschwestern sei so verliebt in ihn gewesen, daß sie nicht habe sterben können, ohne ihn noch einmal gesehen zu haben.«

Schwester Maria sieht rasch auf und öffnet schon die Lippen zu einer heftigen Antwort, unterdrückt diese aber und überlegt.

»Es ist mir unerträglich, daß er sie ins Gerede bringen soll, und vollends wenn sie tot ist!« ruft Gustavsson.

Gleich darauf erwidert Schwester Maria ernst und nachdrücklich:

»Wissen Sie auch ganz gewiß, Gustavsson, ob David Holm nicht am Ende recht hätte, wenn er das sagte?«

Der am Boden liegende, gefesselte Schemen an der Tür fährt zusammen, und ein Gefühl der Freude durchzuckt ihn bei diesen Worten. Er ist selbst höchst überrascht und wirft einen hastigen Blick auf Georg, um zu sehen, ob dieser seine Bewegung wahrgenommen hat. Der Fuhrmann steht unbeweglich da, aber um ganz sicher zu sein, murmelt David Holm etwas davon vor sich hin, wie schade es sei, daß er das nicht bei Lebzeiten gewußt habe. Das wäre etwas gewesen, mit dem er bei den Kameraden hätte ordentlich großtun können.

Der Heilsarmeesoldat wird von dem, was er gehört hat, so verwirrt, daß er unwillkürlich nach der Stuhllehne greift, denn das Zimmer dreht sich vor ihm im Kreise.

»Warum sagen Sie das, Schwester Maria?« fragt er. »Sie werden mich doch nicht glauben machen wollen – – –«

Die Heilsarmeeschwester befindet sich in großer Aufregung. Sie preßt das Taschentuch in ihrer Hand krampfhaft zusammen, während sie ihre Antwort leidenschaftlich und hastig hervorstößt, als ob sie es sehr eilig hätte, sie auszusprechen, ehe die Überlegung sie daran verhindern könnte.

»Wen sollte sie sonst lieb haben? Wir beide, Gustavsson, und alle anderen, die sie kennen gelernt haben, haben uns von ihr bekehren und von ihr gewinnen lassen. Wir haben ihr nicht aufs äußerste widerstanden. Wir haben sie nicht ausgelacht und verspottet. Unsretwegen braucht sie weder Gewissensqual zu leiden noch Reue zu fühlen. Weder Sie noch ich, Gustavsson, sind die Ursache, daß sie nun so daliegt.«

Der Heilsarmeesoldat scheint sich bei diesem Ausbruch zu beruhigen.

»Ich hatte vorhin nicht gedacht, daß Sie von der Liebe zu den Sündern sprächen, Schwester Maria.«

»Das tue ich auch nicht, Gustavsson.«

Bei dieser bestimmten Versicherung durchbebt den einen der Schemen aufs neue ein Gefühl der Freude, das er sich nicht erklären kann. Aber aus Angst, daß sein Zorn, sein wütendes Begehren, Widerstand zu leisten, sich verflüchtigen könnte, sucht er das Gefühl sofort wieder zu unterdrücken. Die Überraschung hat ihn übermannt, er hatte geglaubt, hier würden ihn nur Predigten erwarten, und er beschließt, sich künftig besser vorzusehen.

Schwester Maria hat sich auf die Lippen gebissen, um ihre Gemütsbewegung zu überwinden; jetzt scheint sie rasch einen Entschluß zu fassen.

»Es schadet nichts, wenn ich mit Ihnen darüber rede, Gustavsson,« sagt sie. »Jetzt, wo sie am Sterben ist, schadet nichts mehr. Setzen Sie sich noch eine Weile, dann will ich Ihnen erklären, wie ich es meine.«

Der Heilsarmeesoldat zieht seinen Rock wieder aus und setzt sich aufs neue an den Tisch. Ohne ein Wort zu sagen, betrachtet er die Schwester erwartungsvoll mit seinen schönen treuherzigen Augen; und Schwester Maria beginnt:

»Zuerst will ich Ihnen erzählen, wie Schwester Edith und ich den letzten Silvesterabend verbracht haben. Im vorhergehenden Herbst war vom Hauptquartier bestimmt worden, daß hier in der Stadt eine Rettungsstation errichtet werden soll, und wir beide waren hergeschickt worden, um sie in Gang zu setzen. Wir hatten ungeheuer viel Arbeit gehabt; aber die Brüder und Schwestern hatten uns so treulich wie nur möglich geholfen, und am Silvesterabend waren wir soweit, daß wir einziehen konnten. Die Küche und Schlafsäle waren schon in Ordnung, und wir hatten gehofft, die Rettungsstation am Neujahrsfest selbst eröffnen zu können, aber es ging nicht, weil der Desinfektionsofen und die Waschküche noch nicht fertig waren.«

Schwester Maria hat zuerst nur mit großer Anstrengung das Weinen zurückhalten können; aber je weiter sie in ihrer Erzählung kommt und von der Gegenwart weggeführt wird, desto mehr wird sie Herr ihrer Tränen, und ihre Stimme wird immer deutlicher.

»Sie gehörten damals noch nicht zur Armee, Gustavsson, sonst hätten Sie auch an dem frohen Silvesterabend teilnehmen dürfen,« sagt sie. »Einige von den Brüdern und Schwestern waren zu uns gekommen, und wir luden sie zum erstenmal in dem neuen Heim zum Tee ein. Sie können sich gar nicht denken, wie glücklich Schwester Edith war, daß sie hier eine Rettungsstation hatte errichten dürfen, hier, wo sie daheim war und alle armen Leute kannte und wußte, wo jeder einzelne wohnte. Sie ging umher, betrachtete unsere wollenen Decken und Matratzen und unsere frisch gestrichenen Wände und unsere blanken Kochtöpfe mit solcher Freude, daß wir sie ein wenig auslachten. Ach, sie war glücklich wie ein Kind, wie man zu sagen pflegt. Und Sie wissen wohl, Gustavsson, wenn Schwester Edith froh ist, werden es alle andern auch.«

»Halleluja, ja das weiß ich,« sagt Gustavsson.

»Die Freude dauerte solange, als die Gäste da waren,« fuhr Schwester Maria fort. »Aber als sie sich verabschiedet hatten, überkam Schwester Edith große Angst vor allen dem Bösen, das es auf der Welt gibt, und sie sagte zu mir, ich solle mit ihr beten, daß es uns nicht zu übermächtig werde. Wir knieten dann nieder und beteten für unsere Station und für uns selbst und für alle die, denen wir zu helfen hofften. Und während wir noch im Gebet auf den Knien lagen, klingelte es an der Haustüre.

Die andern waren noch nicht lange gegangen, und wir sagten zu einander, vielleicht habe eines von ihnen etwas vergessen, das es nun zu holen komme, der Vorsicht halber aber gingen wir miteinander ans Tor hinunter. Als wir aufmachten, stand indes keiner von den Freunden vor uns, sondern einer von denen, für die unser Haus eingerichtet worden war.

Und ich sage Ihnen, Gustavsson, als er da am geöffneten Tor stand, zerlumpt und groß und so betrunken, daß er schwankte, machte er mir einen ganz entsetzlichen Eindruck, und mir wurde angst und bange. Ich hätte es auch fürs beste gehalten, wenn wir gesagt hätten, die Station sei noch nicht eröffnet, und ihn unter diesem Vorwand nicht aufgenommen hätten. Aber Schwester Edith freute sich und meinte, Gott habe ihr einen Gast geschickt. Sie glaubte, der Herr wolle uns damit zeigen, daß er in Gnaden auf unsere Arbeit sehe, und so ließ sie den Mann eintreten. Sie bot ihm ein Abendessen an; aber er fluchte und sagte, er wolle nur schlafen. Er durfte dann in den Schlafsaal, wo er sich gleich auf eine Pritsche warf, dann den Rock wegschleuderte und schon im nächsten Augenblick fest schlief.«

›Ei so, du hast dich damals vor mir gefürchtet,‹ sagt David Holm vor sich hin, aber nicht, ohne zu hoffen, daß er noch immer derselbe David Holm sei wie vorher. ›Es ist doch schade, daß du mich nicht so sehen kannst, wie ich jetzt bin. Da würde ich dir wohl einen tödlichen Schrecken einjagen.‹

»Schwester Edith wollte dem ersten, der zu uns auf die Station kam, eine ganz besondere Freundlichkeit erweisen,« fährt Schwester Maria fort, »und ich sah, daß sie enttäuscht war, als der Mann so schnell einschlief. Aber im nächsten Augenblick war sie schon wieder froh, denn ihr Blick war auf seinen Rock gefallen. Ach, Gustavsson, ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben keinen so schmutzigen, zerlumpten Rock gesehen. Er roch nach Schnupftabak und Branntwein, ja, er war so, daß man ihn nicht mit einem Stecken hätte anfassen mögen. Als nun Schwester Edith näher trat und den Rock betrachtete, überfiel mich die vorige Angst aufs neue, und ich bat sie, ihn doch liegen zu lassen, da wir weder den Ofen noch die Waschküche so weit in Ordnung hätten, daß wir die Bakterien unschädlich machen könnten.

Aber Sie begreifen, Gustavsson, dieser Mann war für Schwester Edith vom ersten Augenblick an wie von Gott geschickt, und es deuchte ihr eine schöne Arbeit, wenigstens eines seiner Kleidungsstücke herzurichten. Es gelang mir nicht, sie davon abzuhalten, und ich durfte ihr auch nicht dabei helfen. Nein, ich hätte ja selbst gesagt, der Rock könnte Ansteckungsstoffe in sich tragen, deshalb dürfe ich ihn unter keinen Umständen anrühren. Sie sei verantwortlich für mich, weil ich ihr unterstellt sei, und sie müsse aufpassen, daß ich nichts Gesundheitsschädliches vornehme. Sie selbst aber setzte sich hin und flickte und nähte die ganze Neujahrsnacht hindurch an dem Rock.«

Der Rettungssoldat auf der anderen Seite des Tisches hebt die Hände empor und schlägt sie begeistert zusammen.

»Halleluja!« sagt er. »Gott sei Lob und Dank für Schwester Edith.«

»Amen, Amen!« fällt Schwester Maria ein, und ihr Gesicht strahlt in plötzlicher Verzückung. »Ja, Gott sei Lob und Dank für Schwester Edith – das sollten wir immer sagen, in Freude wie in Leid. Gott sei Lob und Dank, daß sie so war! Da saß sie die ganze Nacht hindurch über diesen Rock gebeugt und nähte ebenso glücklich daran, wie wenn es ein Königsmantel gewesen wäre.«

Dem Schemen, der David Holm war, ist es, als liege eine seltsame Ruhe und Beruhigung in der Vorstellung, daß das junge Mädchen da in der stillen Nacht aufgesessen und an dem Rock des verkommenen Landstreichers genäht hat. Nach allem, was ihn geärgert und empört hat, enthält dies etwas Heilendes und Lebendes. Wenn nur der Georg nicht hinter ihm stünde, düster und unbeweglich, aber jede seiner Bewegungen scharf beobachtend, dann hätte er gerne lange darüber nachgedacht.

»Gott sei Lob und Dank,« fährt die Rettungsschwester fort, »Schwester Edith hat nie bereut, daß sie in jener Nacht aufgesessen und bis morgens vier Uhr Knöpfe angenäht und Risse zugestopft hat, ohne an all den Schmutz und die ansteckenden Bakterien zu denken, die sie da einatmete! Gott sei Lob und Dank, sie hat es nie bereut, daß sie in einem Zimmer saß, in das die strenge Winterkälte hereindrang und sie, als sie zu Bett ging, durch und durch erfroren war!«

»Amen, Amen!« sagt der Rettungssoldat seinerseits.

»Sie war ganz starr und steif, als sie endlich aufhören konnte,« sagt Schwester Maria. »Ich hörte, wie sie sich mehrere Stunden lang in ihrem Bett drehte und wendete, ohne warm zu werden. Schließlich war sie kaum eingeschlafen, als es auch schon wieder Zeit zum Aufstehen war; aber da überredete ich sie, liegen zu bleiben und mich für den Gast sorgen zu lassen, falls er aufstünde, ehe sie ganz ausgeschlafen hätte.«

»Sie sind ihr immer eine treue Freundin gewesen, Schwester Maria,« wirft Gustavsson ein.

»Es war Schwester Edith eine große Entsagung, das weiß ich wohl,« fährt Schwester Maria mit dem Anflug eines Lächelns fort, »aber sie tat es meinetwegen. Sie durfte indes nicht sehr lange liegen bleiben, denn als der Mann seinen Kaffee trank, fragte er, ob ich seinen Rock geflickt hätte, und als ich es verneinte, bat er mich, doch die Schwester zu holen, die ihm geholfen habe.

Er war da nüchtern und friedfertig und wußte seine Worte besser zu setzen, als solche Leute es sonst tun; und da ich wußte, welche Freude es für Schwester Edith wäre, wenn er ihr selber danken würde, ging ich, sie zu holen. Als sie kam, sah sie nicht aus, als habe sie die ganze Nacht gewacht; ein zartes Rot lag auf ihren Wangen, und sie sah in ihrer frohen Erwartung so schön aus, daß den Mann bei ihrem Anblick eine Art Bestürzung überkam. Er hatte mit einem so boshaften Ausdruck an der Tür gestanden, daß ich gefürchtet hatte, er wolle sie schlagen; als aber Schwester Edith eintrat, klärte sich sein Gesicht auf. ›Das ist nicht gefährlich,‹ dachte ich. ›Er tut ihr nichts. Ihr kann niemand etwas zu leid zu‹.«

»Halleluja, Halleluja!« stimmt der Heilsarmeesoldat bei.

»Aber plötzlich verdüsterte sich sein Gesicht wieder, und als Schwester Edith vor ihm stand, riß er den kurzen Rock, den er trug, so jäh auf, daß die neu angenähten Knöpfe absprangen. Dann steckte er die Hände so hastig in die geflickten Taschen, daß wir hörten, wie sie zerrissen, und zuletzt zerfetzte er das Rockfutter, daß es nun zerlumpter herunterhing als früher, ehe es geflickt worden war.

›Sehen Sie, Fräulein, so bin ich's gewohnt, so und nicht anders,‹ sagte er. ›So finde ich es am leichtesten und bequemsten. Es ist recht schade, daß Sie sich soviel Mühe gegeben haben, aber ich kann es nicht ändern.‹«

Der am Boden liegende Schemen sieht ein glückstrahlendes Gesicht vor sich, das sich plötzlich verdunkelt, und er ist nahe daran, zuzugeben, daß dieser Bubenstreich grausam und undankbar gewesen war, als der Gedanke an Georg ihn aufs neue überkommt.

›Es ist gut, daß Georg zu hören bekommt, wie ich bin, falls er es noch nicht wissen sollte,‹ denkt er. ›David Holm ist nicht der Mann, der auf den ersten Angriff nachgibt. Er ist hart und boshaft, und es macht ihm Spaß, solche gefühlsduselige Leute zu ärgern.‹

»Erst in diesem Augenblick wurde ich mir bewußt, wie der Mensch eigentlich aussah,« sagt Schwester Maria. »Als er da drüben stand und das, was Schwester Edith unter so schönen Gedanken geflickt hatte, zerriß, betrachtete ich ihn unwillkürlich. Und da sah ich, daß er ein sehr großer und sehr gut gewachsener Mann war, ein wahres Meisterwerk der Natur. Er hatte auch eine gute freie Haltung und einen großen wohlgebildeten Kopf, und sein Gesicht mochte früher einmal schön gewesen sein, obgleich es jetzt rot und aufgedunsen war, so daß die Züge verschwommen waren, und man nicht wissen konnte, wie es eigentlich hätte aussehen sollen.

Aber trotz dem, was er in diesem Augenblick tat und wozu er noch ein lautes häßliches Gelächter ausstieß, und obgleich seine Augen gelb und boshaft zwischen den verschwollenen Lidern hervorfunkelten, dachte Schwester Edith wohl nur allein daran, daß sie etwas Großangelegtes vor sich hätte, das auf dem Weg des Verderbens war. Zuerst wich sie zurück, wie wenn sie ins Gesicht geschlagen worden wäre, dann aber leuchtete ein helles Licht in ihren Augen auf, und sie trat einen Schritt näher auf ihn zu.

Sie sagte nichts weiter als: ehe er gehe, möchte sie ihn bitten, doch auch in der nächsten Silvesternacht wieder bei ihr einzukehren. Und als er sie darauf ganz verwundert anstarrte, fügte sie noch hinzu: ›Sehen Sie, ich habe Jesus heute nacht gebeten, dem ersten Gast in diesem Rettungsheim ein gutes neues Jahr zu schenken, und nun möchte ich Sie wiedersehen, damit ich erfahre, ob er mich erhört hat.‹

Als der Mann nun begriff, was Schwester Edith meinte, brach er in Verwünschungen aus und rief: ›Ja, das will ich Ihnen versprechen. Ich werde kommen und Ihnen zeigen, daß Jesus sich nicht das allergeringste um Sie und Ihre Gefühlsduselei gekümmert hat.‹«

Der am Boden Liegende, der auf diese Weise an das Versprechen erinnert worden ist, das er gegeben aber ganz vergessen hatte und nun doch erfüllt hat, fühlt sich einen Augenblick wie ein schwaches Rohr in einer stärkeren Hand und fragt sich, ob nicht am Ende sein Widerstand ganz bedeutungslos sei? Aber er unterdrückt den Gedanken rasch wieder; er will sich nicht unterwerfen. Sich sträuben und dagegen ankämpfen will er, wenn es sein muß, bis zum jüngsten Gericht.

Der Heilsarmeesoldat ist, während Schwester Maria von dieser Begegnung am Neujahrsmorgen berichtet, immer aufgeregter geworden. Jetzt kann er sich nicht länger zurückhalten, er springt auf und ruft:

»Sie haben mir den Namen dieses Menschen nicht gesagt, aber ich bin überzeugt, daß es David Holm war!«

Schwester Maria nickt.

»Aber lieber Gott im Himmel droben, Schwester Maria!« ruft er und streckt entsetzt beide Hände abwehrend aus. »Warum wollen Sie denn dann, daß ich ihn holen soll? Haben Sie etwa seit jenem Morgen irgendeine Besserung an ihm bemerkt? Es ist, als wollten sie ihn hier haben, damit Schwester Edith sehen soll, daß sie Gott vergebens angefleht hat. Warum wollen Sie ihr ein solches Leid zufügen?«

Schwester Maria betrachtet ihren Mitarbeiter mit einer Ungeduld, die an Zorn grenzt, und sagt:

»Ich bin noch nicht fertig – – –«

Aber er unterbricht sie sofort.

»Wir müssen uns vor den Schlingen der Rachsucht in acht nehmen, Schwester Maria!« mahnt er. »Auch in mir ist noch ein Rest von dem alten Adam lebendig, der David Holm gerade in dieser Nacht herbeiholen, ihn der Sterbenden da drinnen zeigen und ihr sagen möchte, daß gerade er schuld daran sei, daß sie von uns gehen muß. Schwester Maria, ich glaube, es ist Ihre Absicht, David Holm zu sagen, Schwester Edith sei beim Flicken seines Rockes, den er in seiner Undankbarkeit gleich wieder zerrissen hat, tödlich angesteckt worden. Ich habe Sie sagen hören, Schwester Edith habe seit der letzten Neujahrsnacht nicht einen gesunden Tag mehr gehabt. Aber wir müssen uns in acht nehmen, Schwester Maria. Wir, die mit Schwester Edith zusammengelebt haben und sie noch so deutlich vor uns sehen, müssen uns davor in acht nehmen, unserer Herzen Hartheit nachzugeben.«

Schwester Maria beugt sich über den Tisch vor und redet nun, ohne aufzusehen, wie wenn sie ihre Worte in Reih und Glied auf dem Tischtuch aufgestellt hätte.

»Rache?« sagt sie. »Ist es Rache, wenn man einem Menschen zu verstehen gibt, daß er das Herrlichste zu eigen hatte und es verloren hat? Oder ist es Rache, wenn ich das rostige Eisen ins Feuer lege, damit es aufs neue frisch und blank werde – ist das Rache?«

»Ja, ja, ich wußte es wohl, Schwester Maria,« fällt ihr der Rettungssoldat mit derselben Aufregung ins Wort. »Sie haben gehofft, David Holm bekehren zu können, indem sie ihm die Bürde der Gewissensqualen aufladen. Aber haben Sie auch recht bedacht, ob es nicht unsere eigene Rache ist, die wir pflegen und nähren wollen? Dies hier ist eine lauernde Schlinge, Schwester Maria, ach, man kann sich so leicht täuschen!«

Die kleine bleiche Rettungsschwester sieht den Gefährten mit einem Blick an, aus dem ihm die Begeisterung der Selbstverleugnung entgegenstrahlt.

»Heute nacht suche ich nicht das meinige,« sagt dieser Blick ganz deutlich. »Es gibt bei so etwas allerdings viele lauernde Schlingen,« wiederholt sie mit großem Nachdruck laut.

Der Rettungssoldat wird dunkelrot; er versucht zu antworten, aber die Worte versagen ihm. Im nächsten Augenblick wirft er sich über den Tisch vor, verbirgt das Gesicht in den Händen und fängt, von dem langen zurückgehaltenen Kummer überwältigt, zu weinen an.

Die Rettungsschwester stört ihn nicht, über ihre Lippen dringt ein Gebet.

»Ach lieber Gott, lieber treuer Heiland, hilf uns durch diese schwere Nacht! Gib mir Kraft, allen meinen Freunden zu helfen, mir, die ich die schwächste bin und am wenigsten verstehe!«

Der Gefesselte hat der Anklage, daß er die Heilsarmeeschwester angesteckt habe, fast gar keine Aufmerksamkeit geschenkt; aber als der junge Rettungssoldat in Tränen ausbricht, macht er eine heftige Bewegung. Er hat eine Entdeckung gemacht, die ihn mächtig ergreift, und gibt sich gar keine Mühe, seine Erregung vor dem Fuhrmann zu verbergen. Es gefällt ihm recht gut, daß sie, die dieser schöne junge Mensch liebt, ihn selbst vorgezogen hat.

Als das Schluchzen des Rettungssoldaten an Heftigkeit abnimmt, hört die Schwester zu beten auf und sagt mit weicher Stimme:

»Sie denken an das, was ich vorhin von Edith und David Holm gesagt habe, Gustavsson.«

Ein ersticktes ja dringt zwischen den Rockärmeln hervor, und der ganze Körper des Mannes wird von heftigem Schmerz erschüttert.

»Und es ist Ihnen ein tiefer Schmerz, das begreife ich wohl,« fährt Schwester Maria fort. »Ich kenne einen anderen, der Schwester Edith auch von ganzer Seele liebte, und als sie es merkte, sagte sie zu sich selbst, sie könne das nicht begreifen. Sie meinte, wenn sie jemand lieben würde, so müßte es einer sein, der hoch über ihr stünde, und das denken Sie auch, Gustavsson. Wir können wohl unser Leben drangeben, um den Elenden zu dienen, aber unsere natürliche und menschliche Liebe einem von ihnen schenken, das wäre uns unmöglich. Wenn ich Ihnen nun aber sage, daß Schwester Edith anders angelegt ist, so meinen Sie, das sei etwas Entwürdigendes, und es quält und schmerzt Sie, Gustavsson.«

Der Rettungssoldat rührt sich nicht; sein Kopf liegt noch auf der Tischplatte. Die unsichtbare Gestalt dagegen macht einen Versuch, sich den beiden am Tisch zu nähern, wie um besser hören zu können, erhält aber sofort von Georg den Befehl, sich ruhig zu verhalten.

»Wenn du dich bewegst, David, muß ich dir eine so schwere Strafe auferlegen, wie du dir noch nie eine hast träumen lassen,« sagt er. Und David Holm, der nun weiß, daß Georg Wort hält, bleibt unbeweglich liegen.

»Halleluja!« ruft Schwester Maria mit verzücktem Ausdruck im Gesicht. »Halleluja! Wer sind wir, daß wir sie verurteilen wollten? Haben Sie es nicht auch schon gesehen, Gustavsson; wenn ein Herz von Hochmut erfüllt ist, dann gibt es seine Liebe einem der Mächtigen und Großen in dieser Welt, wenn aber in einem Herzen nur Demut und Erbarmen wohnt, wem sollte es dann seine größte Liebe geben als dem, der am tiefsten in Herzenshärtigkeit, Verkommenheit und Verirrung versunken ist?«

Bei diesen Worten ist David Holm an der Reihe, einen Stich von Unbehagen zu fühlen.

›Aber du bist doch heute nacht recht sonderbar!‹ denkt er im stillen. ›Warum kümmerst du dich darum, was diese Menschen da über dich sagen? Hast du erwartet, sie würden dir ihre ganz besondere Hochachtung aussprechen?‹

Jetzt hebt der Rettungssoldat den Kopf vom Tisch auf, sieht die Schwester prüfend an und sagt:

»Es ist nicht allein das, Schwester Maria.«

»Ja, ja, ich verstehe wohl, was Sie meinen, Gustavsson. Aber Sie dürfen eins nicht vergessen; Schwester Edith wußte zuerst nicht, daß David Holm verheiratet war. Und jedenfalls,« fährt sie nach einem kurzen Zögern fort, »– es ist wenigstens sehr schwer, etwas anderes zu denken – ging meiner Ansicht nach ihre ganze Liebe darauf aus, ihn zu bekehren. Wenn er auf dem Podium gestanden und bekannt hätte, daß er gerettet sei, dann wäre sie befriedigt gewesen.«

Gustavsson hat Schwester Marias Hand ergriffen, und sein Blick hängt an ihrem Mund. Bei ihren letzten Worten dringt ein Seufzer der Erleichterung über seine Lippen.

»Aber dann war es doch nicht die Liebe, die ich meine,« sagt er.

Die Schwester zuckt die Achseln ein wenig und seufzt über diese Hartnäckigkeit, dann sagt sie:

»Schwester Edith hat mir in dieser Sache nie ihr Vertrauen geschenkt, und es wäre ja möglich, daß ich mich täuschte.«

»Wenn Sie aus Schwester Ediths eigenem Mund nichts gehört haben, dann glaube ich, daß Sie sich täuschen, Schwester Maria,« versetzt der junge Mann mit tiefem Ernst.

Der am Boden Liegende drüben an der Tür verdüstert sich; die Wendung, die das Gespräch jetzt genommen hat, gefällt ihm nicht.

Nun redet die junge Schwester wieder.

»Ich sage nicht, Schwester Edith habe beim erstenmal, wo sie David Holm sah, etwas anderes als Mitleid mit ihm gefühlt, und sie hat ihn wohl auch später noch nicht geliebt, denn er widerstand ihr andauernd, so oft er auch ihren Weg kreuzte. Frauen kamen zu uns, die sich an uns wendeten und jammerten, seit David Holm in die Stadt gekommen sei, hätten sich ihre Männer verführen lassen, von der Arbeit wegzulaufen. Und man spürte eine zunehmende Frechheit in Gewalttaten und im Laster. Wo immer wir unter den Elenden umhergingen, bekamen wir das zu spüren. Und es war uns, als könnten wir immer David Holms Spuren erkennen. Aber so wie Schwester Edith war, ist es nur natürlich, daß sie gerade das anspornte, ihn für die Sache Gottes gewinnen zu wollen. Er war wie ein Wild, das sie mit starken Waffen verfolgte, und je mehr es sich gegen sie wendete, desto heftiger fiel sie es an in ihrer Zuversicht, daß sie doch schließlich den Sieg gewinnen werde, weil sie die stärkere sei.

»Halleluja!« ruft der Rettungssoldat. »So war es, ja so war es, Schwester Maria! Erinnern Sie sich noch, wie Sie und Schwester Edith eines Abends in eine Wirtschaft kamen, da umhergingen und Flugblätter über die neue Rettungsstation austeilten? Da sah Schwester Edith an einem Tisch David Holm in Gesellschaft eines jungen Mannes, der eifrig zuhörte, wie sich der Landstreicher über die Rettungsstation lustig machte, und dann laut in dessen Gelächter einstimmte. Schwester Edith fiel der junge Mann auf, ihr Herz wurde gerührt, und sie sagte ein paar warnende Worte zu ihm, daß er sich nicht ins Verderben stürzen lassen solle. Der junge Mann erwiderte kein Wort und folgte ihr nicht gleich. Aber er brachte kein Lachen mehr über die Lippen, obgleich er noch in derselben Gesellschaft sitzen blieb und sich sein Glas füllte, das er aber nicht mehr an den Mund führen konnte. David Holm und die andern lachten ihn aus und sagten, er habe sich von der Rettungsschwester ins Bockshorn jagen lassen; aber das war nicht richtig, Schwester Maria, nein, so war es nicht, sondern was ihn gerührt und bezwungen hatte, daß er die andern verlassen und ihr folgen mußte, war einzig und allein ihr Erbarmen gewesen, das sie nicht ohne eine Warnung an ihm hatte vorübergehen lassen. Sie wissen, dies ist die Wirklichkeit, Schwester Maria, und Sie wissen auch, wer der Mann war.«

»Amen, Amen! Ja, ich weiß, wer der Mann war, der von diesem Tag an unser bester Freund geworden ist,« sagt die Rettungsschwester, indem sie dem Heilsarmeesoldaten freundlich zunickt. »Ich will auch nicht sagen, Schwester Edith habe nicht ein paarmal über David Holm den Sieg davongetragen; aber in den meisten Fällen zog sie doch den kürzeren. Sie hatte sich auch in der Neujahrsnacht erkältet und war beständig von einem Husten geplagt, der nicht weichen wollte und der auch bis zum heutigen Tag nicht wieder gut geworden ist. Die Mutlosigkeit des Krankseins drückte sie, und sie war vielleicht auch schuld daran, daß Schwester Edith nicht mit der alten Sieghaftigkeit kämpfte.«

»Schwester Maria,« unterbrach sie Gustavsson. »Von dem, was Sie mir sagen, deutet nichts darauf hin, daß sie ihn lieb gehabt hätte.«

»Nein, Gustavsson, da haben Sie recht; im Anfang deutete gar nichts darauf hin. Aber ich will Ihnen sagen, was mich auf den Gedanken brachte. Wir kannten eine arme Näherin, die die Schwindsucht hatte, aber tapfer gegen die Krankheit kämpfte und vor allem fast übermenschliche Anstrengungen machte, jede Art von Ansteckungsstoff zu vertilgen, weil sie ein Kind hatte, das sie vor der Krankheit bewahren wollte. Diese Frau erzählte uns, als sie eines Tages auf der Straße von dem Husten überfallen worden war, sei eben ein Landstreicher an ihr vorübergegangen und habe sie wegen ihrer übertriebenen Vorsicht ausgescholten. ›Ich bin auch lungenkrank,‹ hatte er gesagt, ›und der Doktor will, ich soll mich in acht nehmen; aber das geschieht nicht. Im Gegenteil, ich huste den Leuten gerade ins Gesicht, weil ich hoffe, sie werden dadurch angesteckt. Warum sollen sie es besser haben als wir? Das möchte ich wohl wissen?‹

Mehr hatte er nicht gesagt, aber die Näherin war so in Schrecken versetzt worden, daß sie sich den ganzen Tag sehr elend fühlte. Sie beschrieb den Landstreicher als einen großen Mann, der recht stattlich aussah, obgleich seine Kleider ärmlich und zerlumpt waren. An das Gesicht erinnerte sie sich nicht ganz deutlich, aber stundenlang hatte sie immerfort seine Augen auf sich gerichtet gesehen, die wie zwei gelbe feurige Streifen zwischen den verschwollenen Lidern brannten. Aber am meisten entsetzt hatte sie sich darüber, daß er weder betrunken noch ganz verkommen ausgesehen hatte, aber trotzdem so sprach, wie er es tat, und einen so furchtbaren Haß gegen seine Nebenmenschen hegte.

An dieser Beschreibung erkannte Schwester Edith David Holm sofort, und das war ja nicht merkwürdig. Sie suchte die Frau zu überzeugen, daß der Mann sich nur einen Scherz gemacht habe, um sie zu erschrecken, und sagte: ›Sie werden doch begreifen, daß ein Mann, der so kräftig aussieht, keine Tuberkulose haben kann? Ich glaube, er hat euch nur erschrecken wollen, und dazu ist er schlecht genug; aber so schlecht ist er doch nicht, daß er, wenn er wirklich krank wäre, mit Wissen und Willen hinginge und die Leute ansteckte. Er ist doch auch kein ganzer Unmensch.‹

Wir andern widersprachen und sagten, wir glaubten, er würde sich nicht schlechter machen, als er sei; aber sie verteidigte ihn immer eifriger und wurde fast böse auf uns, weil wir ihm etwas so Gemeines zutrauten.«

Zum zweitenmal macht der Fuhrmann ein Zeichen, daß er dem, was um ihn her vorgeht, folgt. Er bückt sich über seinen Gefährten und sieht ihm in die Augen.

›Ich glaube, die Rettungsschwester hat recht, David. Wer sich so dagegen sträubte, alles Böse von dir zu glauben, muß dich gewiß sehr lieb gehabt haben.‹

»Es ist ja möglich, Gustavsson, daß es nichts bedeutet,« fährt Schwester Maria fort; »und was mir ein paar Tage später auch aufgefallen ist, bedeutet vielleicht noch weniger. Aber sehen Sie, als Schwester Edith eines Abends nach Hause ging und über verschiedene Widerwärtigkeiten, die ihre Schützlinge betroffen hatten, niedergeschlagen und bedrückt war, kam David Holm auf sie zu und redete sie an. Er wolle ihr nur mitteilen, sagte er in seiner wegwerfenden Weise, daß sie es nun besser und ruhiger bekomme, da er die Stadt verlassen werde.

Ich hatte erwartet, Schwester Edith werde sich über die Nachricht freuen, merkte aber an ihrer Antwort, daß es ihr nicht recht war. Sie sagte ihm auch gerade heraus, es wäre ihr lieber, wenn er dabliebe, damit sie noch eine Weile mit ihm kämpfen könnte.

Er erwiderte, er beklage das sehr, könne aber trotzdem nicht länger in der Stadt bleiben, denn er sei genötigt, eine Reise durch Schweden zu machen, um eine Person zu suchen, über deren Ergehen er notwendig Bescheid haben müsse. Er finde weder Ruhe noch Rast, bis er diese Person gefunden habe.

Und wissen Sie, Gustavsson, Schwester Edith fragte mit so offenbarer Angst, wer denn diese Person sei, daß ich auf dem Punkt war, ihr zuzuflüstern, sie soll sich in acht nehmen und sich dem Gespött eines solchen Mannes nicht preisgeben. Aber er schien nichts zu merken, sondern antwortete nur, wenn er die fragliche Person gefunden habe, werde es ihr sicher nicht unbekannt bleiben, und er hoffe, sie werde sich dann mit ihm freuen, daß er nicht mehr als armer Landstreicher im Reiche umherziehen müsse.

Damit ging er, und er mußte Wort gehalten haben, denn wir sahen und hörten nichts mehr von ihm. Ich hoffte, wir würden nun nie mehr etwas mit ihm zu tun haben müssen, denn es war ja, als bringe er überall, wohin er auch kam, Unglück mit. Aber da geschah es eines Tages, daß eine Frau bei Schwester Edith auf der Rettungsstation erschien und sich nach David Holm erkundigte. Sie teilte Schwester Edith mit, sie sei David Holms Frau, die es wegen seiner Trunksucht und seines schlechten Lebenswandels nicht mehr bei ihm ausgehalten, sondern ihn verlassen hätte. Sie hatte sich ganz heimlich fortgestohlen, die Kinder auch mitgenommen und sich in unsere Stadt begeben, die von ihrem früheren Aufenthaltsort so weit entfernt war, daß es ihm nicht eingefallen sei, sie im Ernst hier zu suchen. Hier habe sie nun in einer Fabrik Arbeit gefunden, und überdies so gut bezahlte, daß sie sich und die Kinder versorgen könne. Sie war eine gut gekleidete Frau, die Achtung und Vertrauen einflößte; sie war überdies eine Art Vorsteherin für die jungen Fabrikarbeiterinnen geworden und verdiente nun so viel, daß sie sich eine behagliche Wohnung mit den nötigen Möbeln und Hausgeräten hatte verschaffen können. Früher, so lange sie noch bei ihrem Manne gewohnt hatte, waren sie bettelarm gewesen; sie hatte nicht das Nötigste für sich und die Kinder gehabt, und sie hatten oft hungern müssen.

Nun hatte sie indes gehört, daß ihr Mann sich in der Stadt aufhielt, und daß die Rettungsschwestern ihn kannten, und so war sie gekommen, um zu hören, wie es ihm ginge.

Wenn Sie damals gegenwärtig gewesen wären, Gustavsson, und Schwester Edith gehört und gesehen hätten, würde es sich Ihnen unauslöschlich ins Gedächtnis geprägt haben. Zuerst, als die Frau kam und uns sagte, wer sie war, erblaßte Schwester Edith und sah aus, als sei sie zu Tode getroffen; aber sie faßte sich bald wieder, und in ihre Augen trat ein geradezu überirdischer Ausdruck. Es war, als habe sie sich selbst überwunden und begehre nun für sich nichts mehr von allem, was dieser Welt angehörte. Und mit seiner Frau sprach sie mit einer, fast möchte ich sagen, Holdseligkeit, daß diese zu Tränen gerührt wurde. Sie sagte ihr nicht ein einziges Wort des Vorwurfs und brachte sie doch dahin, zu bereuen, daß sie ihren Mann verlassen hatte. Ich glaube, sie brachte die Frau so weit, daß sie sich für einen wahren Ausbund von Härte hielt. Ja, noch mehr, Gustavsson, Schwester Edith verstand es, die alte Liebe in ihr zu erwecken, die jugendliche, die sie in, der ersten Zeit ihrer Ehe für ihren Mann gefühlt hatte. Sie brachte die Frau dazu, ihr zu erzählen, wie es in der ersten Zeit ihres Ehestandes gewesen war, ja sogar, daß sie sich wieder nach ihrem Mann sehnte. Aber, Gustavsson, Sie dürfen nicht glauben, Schwester Edith habe der Frau verborgen, wie ihr Mann jetzt war; o nein, aber sie wußte in ihr den Wunsch zu erwecken, David Holm wieder zu einem rechten Menschen zu machen, wie Schwester Edith es selbst so sehr wünschte.«

Der Fuhrmann, an der Tür hat sich während dieser Rede aufs neue über den Gefesselten gebeugt und ihn betrachtet, diesmal aber richtet er sich wieder auf, ohne etwas zu sagen. Um seinen früheren Kameraden zieht sich etwas Düsteres, Unheimliches zusammen, das dem Fuhrmann unerträglich zu sein scheint. Er lehnt sich hochaufgerichtet an die Wand und zieht die Kapuze tief über die Augen herein, um ihn nicht mehr sehen zu müssen.

»Sicherlich hatte die Frau schon vorher Gewissensbisse darüber empfunden gehabt, weil sie ihren Mann seiner eigenen Torheit und Bosheit überlassen hatte,« fährt Schwester Maria fort. »Und während sie nun mit Schwester Edith redete, schlug all das Neue, das sie hörte, rasch Wurzel. Bei diesem ersten Mal sprachen sie indes noch nicht davon, daß sie ihrem Mann wissen lassen solle, wo sie sei, dieser Beschluß wurde erst nach anderen langen Unterredungen gefaßt. Und, Gustavsson, ich will nicht sagen, Schwester Edith habe sie dazu überredet, auch nicht, sie habe ihr große Hoffnungen gemacht, aber ich weiß, sie wünschte innig, die Frau solle ihn wieder zu sich rufen. Sie glaubte, das würde ihn retten, und so riet sie nicht ab. Ich muß zugeben, es war Schwester Ediths Werk, daß es schließlich so weit kam, ja, sie ist es gewesen, die den Mann wieder mit denen vereinigte, die zu verderben er die Macht hatte. Ich habe viel darüber nachgedacht und mich oft darüber gewundert, und ich konnte nicht verstehen, woher Schwester Edith den Mut genommen hätte, eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen, wenn sie ihn nicht geliebt hätte.«

Schwester Maria sprach diese Worte mit tiefster Überzeugung aus; aber die beiden, die sich vorher aufgeregt hatten, als sie von der Liebe der kranken Rettungsschwester gesprochen hatte, verhielten sich nun ganz ruhig. Der Heilsarmeesoldat saß mit der Hand über den Augen unbeweglich da, und der am Boden Liegende hatte den Ausdruck düsteren Hasses wieder angenommen, den er gezeigt hatte, als er zuerst ins Zimmer hereingeschleppt worden war.

»Keine von uns wußte, wohin David Holm gewandert war,« begann Schwester Maria aufs neue; »aber Schwester Edith schickte ihm durch andere fahrende Leute die Nachricht, wir könnten ihm Auskunft geben, wo seine Frau und Kinder seien, und da dauerte es nicht lange, bis er sich einfand. Und Schwester Edith führte ihn und seine Frau zusammen, nachdem sie ihm zuerst für eine ordentliche Kleidung gesorgt und einen Platz an einem städtischen Bau verschafft hatte. Sie verlangte keine Gelübde und Versprechungen von ihm, sie wußte, so einer wie David Holm konnte nicht mit Gelübden gebunden werden; aber sie wollte die Saat, die bisher zwischen den Dornen aufgegangen war, in gute Erde verpflanzen und war überzeugt, daß es ihr gelingen würde.

Und wer weiß, ob Schwester Edith nicht ihr Ziel erreicht hätte, wenn nicht das große Unglück über sie hereingebrochen wäre. Zuerst bekam sie Lungenentzündung, und als diese gehoben war und wir sie bald hergestellt zu sehen hofften, magerte sie im Gegenteil immer mehr ab, und wir mußten sie ins Sanatorium schicken.

Aber wie David Holm gegen seine Frau war, das brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen, Gustavsson. Sie wissen es ebensogut wie ich und alle andern. Die einzige, die wir in Unkenntnis darüber zu halten versuchten, ist Schwester Edith, weil wir barmherzig gegen sie sein wollten. Wir hofften, sie werde sterben dürfen, ohne es zu erfahren; aber jetzt bin ich nicht ganz sicher, wie es sich damit verhält. Ich glaube, sie weiß es.«

»Woher sollte sie es wissen?«

»Das Band, das sie mit David Holm verbindet, ist so stark, daß sie sich wohl auf anderen Wegen als den gewöhnlichen Nachricht von ihm zu verschaffen gewußt hat. Und weil sie alles weiß, deshalb hat sie ihn den ganzen Tag zu sprechen verlangt. Sie hat unsägliches Elend über seine Frau und Kinder gebracht, und sie hat nur noch diese wenigen Stunden zur Verfügung, um es wieder gut zu machen, wir aber sind so schwerfällig, daß wir ihr nicht einmal darin helfen können, indem wir ihn herbeischaffen.«

»Aber was hätte es für einen Wert?« fragt Gustavsson hartnäckig. »Sie kann ja gar nicht mit ihm reden, sie ist zu schwach dazu.«

»Ich kann in ihrem Namen mit ihm reden,« versetzt Schwester Maria zuversichtlich. »Und er würde auf die Worte hören, die an ihrem Sterbebette zu ihm gesagt würden.«

»Was wollten Sie zu ihm sagen, Schwester Maria? Wollten Sie ihm sagen, Schwester Edith habe ihn geliebt?«

Die Rettungsschwester steht rasch auf. Sie faltet die Hände über der Brust und betet mit aufgehobenem Gesicht und geschlossenen Augen also:

»Ach lieber Gott, laß es doch geschehen, daß David Holm herkommt, ehe Schwester Edith stirbt! Guter Gott, laß es geschehen, daß er deine Liebe erkennt, und daß das Feuer ihrer Liebe sein Herz erweicht! Guter Gott, ist nicht deine Liebe ihr geschickt worden, daß sie seine Seele läutere? Guter Gott, mache mich mutig, daß ich nicht daran denke, sie zu schonen, sondern es wage, seine Seele in die Glut ihrer Liebe hineinzulegen! Guter Gott, laß ihn diese Liebe empfinden wie ein sanftes Säuseln, das durch seine Seele zieht, wie die Berührung einer Engelsschwinge, wie das rote Licht, das am Morgen im Osten aufleuchtet und die Finsternis der Nacht vertreibt! Guter Gott, laß ihn nicht glauben, daß ich mich an ihm rächen wolle! Guter Gott, laß ihn erkennen, daß Schwester Edith nur den innersten Kern seines Wesens geliebt hat, das, was er selbst zu ersticken und zu ertöten gesucht hat! Guter Gott – –«

Schwester Maria fährt zusammen und schaut auf. Der Rettungssoldat zieht eben seinen Rock an.

»Ich hole ihn, Schwester Maria,« sagt er mit halberstickter Stimme. »Und ich kehre nicht ohne ihn zurück.«

Aber jetzt wendet sich die an der Tür auf dem Boden liegende Gestalt zu dem Fuhrmann und redet ihn an:

›Georg, ist es noch nicht genug? Als ich zuerst hier hereinkam, wurde ich von dem, was sie sprachen, ergriffen. Auf diese Weise hättest du mich vielleicht erweichen können; aber du hättest sie warnen müssen. Sie hätten nicht von meiner Frau sprechen sollen.‹

Der Fuhrmann gibt keine Antwort, sondern deutet nur mit einer leichten Bewegung nach dem inneren Zimmer. Eine alte Frau ist durch die Tapetentür, die sich ganz hinten in der Wohnzimmerabteilung des Gemachs befindet, eingetreten. Mit leisen Schritten tritt sie zu den beiden, die die lange Unterredung geführt haben, und sagt mit einer Stimme, die im Bewußtsein der Wichtigkeit dessen, was sie mitzuteilen hat, bebt:

»Sie will nicht mehr da drinnen bleiben, sondern hier heraus. Jetzt ist es bald zu Ende.«

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