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Der Fuhrmann des Todes

Selma Lagerlöf: Der Fuhrmann des Todes - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenovelette
authorSelma Lagerlöf
titleDer Fuhrmann des Todes
publisherAlbert Langen
year1911
translatorPauline Klaiber
correctorreuters@abc.de
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III

Gleich nachdem die Turmuhr zwölf weithin hallende Schläge dröhnend über die Landschaft hingeschickt hat, dringt ein kurzes scharfes Ächzen und Knirschen durch die Luft.

Nach wenigen Augenblicken ertönt es aufs neue, und dann wiederholt es sich unaufhörlich in ganz kurzen Zwischenräumen von nur wenigen Augenblicken, gerade wie wenn es von einem ungeschmierten Wagenrad herkäme; aber es ist ein noch viel schärferer, widerwärtigerer Laut, als ihn ein noch so elendes Fuhrwerk hervorzubringen imstande wäre. Und mit diesem Laut dringt Angst herbei; er erweckt Angst vor allem, was man sich von Schmerz und Qual nur ausdenken kann.

Es ist ein Glück, daß das Geräusch für die meisten von denen, die hergekommen sind, den Jahreswechsel an der Kirche zu erwarten, unhörbar ist. Wenn es vernehmlich wäre, würden alle frohen jungen Leute, die die ganze Nacht auf den Straßen um den Platz und die Kirchenanlagen herumgewandert sind und sich nun lustig Prosit Neujahr zurufen, ihre Glückwünsche in Jammern und Klagen verwandelt haben über all das Schlimme, das sie selbst und ihre Freunde erwarte. Wenn das Geräusch vernehmlich gewesen wäre, würde die kleine Gemeinde in dem Vereinshause, die eben jetzt das Neujahrslied anstimmte, um Gott im Himmel Lob und Dank darzubringen, gemeint haben, es mischten sich höhnisches Pfeifen und Zischen gefallener Geister in den heiligen Gesang. Wenn das Geräusch vernehmlich gewesen wäre, würde der Redner, der mit dem Champagnerglas in der Hand in einer frohen Gesellschaft eben seine Glückwünsche zum Neuen Jahr ausbrachte, verstummt sein, weil er ein widerwärtiges Rabengekrächze zu hören vermeinte, das ihm für alles, was er hoffte und wollte, Mißerfolg und Unglück anzukündigen schien. Ja, wenn das Geräusch vernehmlich gewesen wäre, würden die Herzen aller derer, die in dieser Nacht in ihren stillen Heimstätten wachten und sich Rechenschaft über ihr Tun und Lassen im vergangenen Jahre ablegten, im Bewußtsein ihres Unvermögens und ihrer Schwachheit von Verzweiflung zerrissen worden sein!

Es ist ein Glück, daß das Geräusch nur für einen einzigen Menschen vernehmlich ist, und daß dieser eine Mensch zu denen gehört, die es recht wohl nötig haben, in Angst, Gewissensqual und Selbstverachtung gestürzt zu werden, wenn es überhaupt noch möglich ist.

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