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Der Fröschlacher Kuckuck

Albin Zollinger: Der Fröschlacher Kuckuck - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Fröschlacher Kuckuck
authorAlbin Zollinger
year1941
firstpub1941
publisherAtlantis Verlag
addressZürich
titleDer Fröschlacher Kuckuck
pages130
created20110606
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Abenteuer

in welchem der Witz sein Meisterstück liefert.

Recht lumpig verkleidet, eine Truppe landfahrender Akrobaten, machten die Notabeln sich auf den Weg, das aerarium publicum in seiner letzten Rate zu bergen. An einer roten Garbenschnur führte der Letzte das Grautier, welches abgespannt und verdrossen schien. Seine Holzrädchen schielten durcheinander, kreischten so stimmenreich wie ein Wurf Spatzen am Pferdeapfel. Das klang bis hinüber nach Schattensee, dessen Volk, einen Fröschlacher Streich vermutend, durch die Schießscharten spähte; das konnte der Absicht nur dienen, die Fröschlacher blieben stehen, das 45 erschöpfte Tier aus einem Kübel zu tränken. Auch machten sie sich auffällig darum, daß es aussah als litte der Esel in den Därmen; nichtsdestoweniger dudelten sie im Weitergehen auf einer Klarinette, schlugen Rad und parlierten in einer unverständlichen Sprache, wahrscheinlich Afghanisch, weshalb denn die Schattenseer sie wirklich für etwas besseres, nämlich für Ausländer nahmen, herauseilten und sie höflich einluden, doch ihrer Stadt auch eine Vorstellung zu geben. Die Afghanen ließen sich etwas bitten. Es war auch ein dickes Weib unter ihnen, eine Zigeunermatrone von gefälligem Antlitz im Kopftuch, die hatte gedörrte Zwetschgen zu essen die richtige Männerstimme, ein vom Bartschaben ganz blaues Doppel-, genau gezählt Trippelkinn – das Weib, dem ein wahrer Karussellvorhang von Rock um den Bauch hing, stach dem Schulzen von Schattensee in die Augen, und das will tiefer verstanden sein: Es ist ein Gesetz, so alt wie die Menschheit, daß Gleiches zum Gleichen strebt, die Seele nicht Ruhe findet, bis sie ihr Haupt in den Schoß des Verstehens gelegt hat. Dem Schulzen war's von der Natur schwerer als einem gemacht, denn sie hatte ihn sonderlich mit Körperstärke ausgestattet, mit Schultern so breit wie eine Segelschiffsraa, einem 46 Jauchewagen von Rücken, Schinken, deren ein Pferd sich nicht hätte schämen müssen. Wie Saul überragte er alles Volk um Haupteslänge, als flüchtete er's aus den Gerüchen, wiewohl seine Nase nicht größer als die eines Pintscherhündchens schien. Diesem Haupt nun, einer wahren Turmkugel von Haupt, suchte er den Schoß der Geborgenheit über alle Lande hinweg noch auf der Höhe seiner Jahre, nachdem er in Zärtlichkeit vier Ehegattinnen, alles zierliche Schattenseerinnen, mit dem anschmiegsamen Haupte erdrückt und unter den Boden gebracht hatte. Die Madyarin, oder was sie war, sprach sein Herz mit jähem Erkennen an, ungeachtet es seiner Vorstellung schmeichelte, den Kanarienvogel in die Schattenseeische Amtswohnung zu setzen; auch veranschlagte er es geschäftlich vorteilhaft, das fremdländische Frauenbild in seinem Fleischerladen – er war Schlächter – radebrechend und wimperschlagend mitwirken zu lassen. Er scharwenzelte denn nach dem besten Vermögen vor der Angebeteten herum, sie zu überreden; denn der Umweg über Schattensee schien ihr so wenig wie die sichtbare Verliebtheit seines Schulzen ohne weiteres zu gefallen, woraus er hinwiederum nur auf Weibestugend seiner Erwählten schloß und der 47 schwermütigen Rührung vollends im Herzen erlag. Nur scheinbar durchbrechen wir den zwangshaften Fluß der Erzählung, wenn wir an dieser Stelle auf einen Zusammenhang für das erste Urteil entlegenen Orts zurückgreifen. Indem wir bei der Wahrheit bleiben und getreulich der Sache dienen wollen, dürfen wir nicht anders denn die Weltgeschichte selber vorgehen, nämlich das Geringfügige nicht übersehen, welches bekanntermaßen weitläufigste Auswirkungen, ja Entscheidungen, Ruhm und Untergang der Heroen in sich birgt, durch ein Beispiel anzudeuten: das Zahnweh, das eine Hinrichtung unterschreibt, oder das Gläschen zu viel, in dem eine Schlacht ersäuft. Der vollendetste Scharfsinn hat sich durch Tücke des Nichtigen verrechnet, das Genie ist über ein Sandkorn öfter als über Gebirge gestolpert, eine schlechthin wissenschaftliche Gerechtigkeit gebietet, es den Fröschlachern nachzusehen, daß auch sie den Schabernack der Lappalien und Schaden durch menschliche Blindheit an ihrem Leibe erfuhren.

Noch wenn sie es wußten, daß in der Hülle niemand anders als Ehrwürden ihr Pfarrherr, in der einer anderen Weibsperson der feingliedrige Hirngewitter steckte, noch wenn es durchaus 48 bekannt war, daß der Ratsschreiber Gänse sammelte: wie hätten sie überdies bedenken sollen, daß eine Sehnsucht in ihm lebte, einmal im Leben nach Schattensee vorzudringen – was kein Fröschlacher von Selbstgefühl auch nur im Traume erwog – dem Laien ist Japaner was Chinese; den Kenner Hirngewitter beschäftigte seit Jahren eine Spielart Gänse, die nur an Ort und Stelle, leider in Schattensee, zu studieren war.

Als er die Gelegenheit dazu sich ergeben sah, betrachtete er's bis zu dem Augenblick wo ihr aus der Sprödigkeit des Pfarrers Gefahr erwuchs, da legte er sich eifrig ins Mittel und bewirkte denn auch, daß die Fröschlacher, selber nicht wenig wundrig darauf, in Verkleidung die Höhle des Löwen zu betreten, Schattensee ihren Besuch auf den Abend zusagten. Dies vereinbart, zogen sie mit dem Esel weiter, ließen auch schon ihn ein Müsterchen seines Drecks auf die Straße niederlegen, indem sie ihm leicht auf den Rücken schlugen; der Mist war als das angesehen, was er war, eben Mist und blieb liegen. Also vollzogen sie das Kartoffellegen getrost und in frommer Verträumung auf der Straße von Schattensee weit hinaus, bis daß sie dem Blick des Schulzen entschwanden. Das war weit und schon fast im Bereich der 49 Gefahren; einen Bühel ersteigend, überschauten sie die Gebiete, von deren Seite der Feind zu erwarten war, merkten sich unter der Hand die Wege, die es ermöglichen sollten, ihm mit dem Tribute entgegenzufahren.

Gegen Abend kamen sie wieder herab von dem Feldherrenhügel, gedankenvoll schweigsam, ein jeder das Schicksal des Eigenen bedenkend, nun der Staatsschatz in Sicherheit war, so weit als von Sicherheit irdischen Gutes einmal die Rede sein kann. Auf der eigenen Goldspur wandelnd, erreichten sie Schattensee durch ein Stadttor, dessen Schildwache präsentierte, den Fröschlachern zur Verwunderung, indem fahrendem Volk die Honneurs zu erweisen Schildwachen für gewöhnlich nicht instruiert sind. Sie fragten den braven Landsknecht, ob der Feind schon bereits zu erwarten sei; er kam aber nicht zur Antwort, der Schulze, vor Liebe schwitzend, erschien unterm Tore, glücklich, der wiedergefundenen Schönen zu erzählen, daß der Posten ihr allein zu Ehren war abkommandiert worden, mit der Weisung nebenbei, Gaffern den Ausgang zu versperren. Den hat's tüchtig beim Wickel, dachte Hochwürden in seinem Weiberrock, immer der Täppigkeit wehrend, halbwegs erheitert, bei seinen Jahren noch zu dem 50 Maße von Liebeserfahrung zu kommen. Die Fröschlacher waren ins Städtchen getreten; die Neugier stach ein wenig verräterisch durch ihre Lumpen, wie der Wunderfitz von Kindern, die den Sankt Niklaus spielen. Sie kamen auf einen Grasplatz mit Linde, um welche der Pöbel zusammenlief. Im Prangerstock schnaufte ein Männlein, dem troff die Säufernase ellenlang vom Gesicht; Stoffel in seinem Durste hielt es für einen Brunnen und spitzte den Mund nach dem Strahle, der Brunnen war aber so höflich, ihn zu warnen, indem er »Kein Trinkwasser!« sagte. Aus dem Gelächter schloß Stoffel, daß die Schattenseer einen Dummen August der Truppe in ihm sahen; er zeigte den Mutterwitz, sich die Rolle zu merken und mit ähnlichen Spässen zu gefallen. Mitleid im Busen, hatte die Madyarin ihrem Befremden Ausdruck gegeben, Trunksucht mit Pranger bestraft zu sehen. Dem Schulzen stach die leiseste Aeußerung ihres Mißfallens spitzer als eine Stricknadel in die Seele; mit Tränen im Auge bat er, ihn anzuhören, daß er ein Schlächter wohl von Beruf, nicht aber von Artung, ein Riese nur dem Erscheinen, nicht seinem Wesen nach wäre, vielmehr sanft, liebebedürftig und von zarter Gerechtigkeit, daher auch er Lüge und Verleumdung vor 51 allen Lastern züchtige wie eben an diesem Narren, der eine Lästerzunge aus dem Dünkel zur Wahrheit bewege ohne Achtung selbst höchster Stellen. Dem Schulzen ging eine Freude seltsamlich durch Tränen, vom Pranger her hatte der Kuckuck gerufen. »Was ist das?« fragte die Zigeunerin mit ihrer fremden Betonung, die ihn so herzlich rührte. »O, nur ein hiesiger Vogel,« lachte er, ihre Hände ergreifend, »und einer, der nicht einmal da ist!« Sie schien ihm aber erbleicht, er faßte sie ängstlich ins Auge.

Die Fröschlacher waren zusammengelaufen wie Hühner im Schrei des Habichts, sahen einander an mit einem Auge. Die Schattenseer dachten sich davon nichts anderes als daß sie den Kuckuck zum erstenmal hörten; Leute von Lebensart, erwiesen sie den Gästen die Aufmerksamkeit, sie in dem Rufe zu unterrichten, um ihnen die Furcht zu nehmen, fingen also an, auf der hohlen Hand zu kuckucken, daß das Städtlein davon widerhallte. In der Falle gefangen, wie sie meinten, zogen die Fröschlacher böse Gesichter, zum Aeußersten grimmig entschlossen. Der Schattenseer Gewaltige, als er sah, daß Madyaren und Afghanen den Kuckuck so schlecht vertrugen, faßte beinah eine Liebe zu Fröschlach, wo sie desselben 52 Sinnes waren; er reckte denn seinen Arm aus und gebot, was noch kein Schattenseer Schulze in allen Jahrhunderten geboten hatte: er gebot dem Kuckuckshof Schweigen. Zur Bekräftigung seines Befehles tat er im Kreis ein paar Hahnentritte, daß ihm ordentlich Sporne am Stiefel klirrten. Die Dankesergebenheit in der Miene der Liebsten riß ihn dazu hin, ein zweites Mal seinen Kamm zu schütteln und das Verbot auch noch mit ewiger Gültigkeit auszustatten. Den Schattenseern schien das Gott versucht, sie duckten sich aber, der Meinung, er würde es schon beschlafen. Fürs erste sah es recht wenig darnach aus; die Madyarin hatte ihm eingehängt, es glich einer Fürstenhochzeit, als das gewaltige Paar an der Spitze des Volkes den Rundgang durchs Städtchen wieder aufnahm. Das Bollwerk aus Türmen und Mauern erwies sich in seinem Innern als ein morsches Gewirre von Lauben, Aborten und Fachwerk, wimmelnd von Katzen und Kindern, flatternd mit Wäsche und Knoblauchkränzen, reisigduftend, mit Gestank aus Kellern und Gruben. Der Ehrgeiz der Schattenseer erschöpfte sich sichtbar darin, den schönsten Miststock zu flechten. Gingen die Weiber lausig in Fransen und Strähnen, mit geschwänzten Schnecken am Haupte, so hatten sie 53 dafür alle Kunstfertigkeit und Liebe auf ihren Mist gewendet, der vor den Ställen säuberlich, wie mit dem Richtmaß gemessen, in blonder Zopfarbeit lagerte. Dem Fröschlacher Pfarrer machten sie ordentlich Hunger auf eine Art Butterwecken, welche man zu Sylvester im Lande zu backen pflegte. Er neigte sich daher zum Ohr seines magistralen Gönners hinüber. Der Schulze fuhr auf wie gestochen. In die Hände klatschend, befahl er den Schwanenwirt herbei, dem er auftrug, unverzüglich ein Mahl für die liebwerten Gäste zu richten. Von den Fröschlachern fiel nun der letzte Argwohn, daß sie erkannt und von der Verstellung ausersehen wären, irgend eine Unbill in Schattensee zu erfahren. Sie wurden munter, fast ausgelassen, und übernahmen es in ihrer Zuversicht unbedenklich, die Gastfreundschaft mit einer Zirkusschau vorzubelohnen.

Dem Leser, der unserem Vortrag mit jenem Verstände gefolgt ist, welchen das Ernsthafte billig voraussetzt, wird die Fröschlacher Wendigkeit, sich in jeder Lage zu helfen, je und je Freude bereitet haben und noch fernerhin bereiten, sofern er nur ausharrt und nicht etwa selber ein Schattenseer ist, der Purzelbäume schlägt in Erwartung ausländischen Nervenkitzels, den Höhentrieb aber, 54 der Dome baut, als einen heimischen Vogel verspottet. Möchte er diesfalls immerhin genau und bei der Wahrheit bleiben, daß der Kuckuck uns wohl mit der Stimme des Frühlings anspricht, in der Kräusligkeit unserer Träume nistet, von Hause aus aber ein Wanderer ist, überall und nirgends, den Japanesen so gut wie den Heiduken und Senegalesen vertraut. Von Schattensee aus gesehen, stellt er sich als das Sinnbild nur der Unzucht, des mailichen Triebes dar, sitzt er im Wappen der Lüderjane, auf den Hörnern des armen Hahnreis, macht gar dem Teufel den Herold; die Fröschlacher ließen sich foppen und nahmen schmerzhaft ernst, was bei Klarheit des Wissens sie hätte mit Stolz erheben und auszeichnen müssen, ziert der Kuckuck doch auch das Szepter des obersten Griechengottes, was ihr Magister Nasenspitz, um ein weniges gelehrter, den Fröschlachern hätte sagen müssen, um sie ein für allemal zu erleichtern, dem Hohn seinen Stachel zu nehmen. Die Fröschlacher machten Streiche, die in ihrer Gesamtheit anzuerkennen allein die Heuchelei sich vermessen wird; die Schattenseer machten keine und fühlten sich noch wunder wie groß darin, den Witz nur zum Tadel zu haben.

Vor die Notwendigkeit gestellt, als Akrobaten zu 55 bestehen, drückten sie sich nicht von dem Mannesmut, eine selbstverschuldete Schwierigkeit zu meistern; sich in der Seiltänzerkunst zu versuchen, beschwingte sie mit eigentlichem Feuer schon im Nachklang der Jahrmarktswonnen, die den Tag eingeleitet hatten. Auch fühlte man sich recht ordentlich gerüstet: Mäckerling, der Stadtbürgermeister, trat vor im Trikot eines Schlangenmenschen. Sich zu winden und durchzumogeln hatte er im Ratssaal zur Genüge erlernt; er verknotete sich im Grase bis dahin, daß ihm der Kopf zu den Knien, ein Fuß aus dem Schulterblatt und die Hand zum Nabel herauswuchs und er die Gliedmaßen nur am Ende langer Entfaltungen sich selbst zur Verwunderung wiederfand. Vertrauen und Begeisterung waren hergestellt und die Vorführung gerettet, was auch für Hokuspokus ihnen noch beifallen mochte. Der Stadtbaumeister, im Kleid eines persischen Zauberers, verstand sich auf einige Kniffe, durch die er sich die Nase knacksend vom Antlitz drehte, das Daumenglied ausriß, daß die Weiber Augen drauf warfen und vor Entsetzen kreischten. Es war wenig, ihm aber hinreichend, selber am herzlichsten zu lachen. Stoffel parodierte als Clown in seinem Rücken, riß sich den Schuh vom Fuße, zog eine Maskennase 56 armlang vor das Gesicht heraus, ließ sie am Gummi schnellen und plärrte, daß sich das Publikum im Gelächter wälzte. Hierauf erschien der Kanzler in Michelkappe als Handwerksbursche, das Eselein führend, und spielte das Märchen Tischlein deck dich. Die Schattenseer, die so viel Gold in ihrem Leben nicht fallen gesehen hatten, wünschten, es wäre lötig und ihr eigen. Dabei war es beides, wenn sie zugreifen, es als Schattenseer Anleihe aufnehmen wollten. Der Kanzler, indem er's vom Boden klaubte, überlegte die Wege, es anzubringen. Dem Esel war ein Tuch mit Augenlöchern wie zu einem Leichenbegängnis übergeworfen worden, Klaus Hähnchen sattelte ihn auf die Schabracke, bestieg ihn und ritt darauf zum Turnier vor, indem er sich in den Kreis stoßen ließ. Die Holzrädchen schrien; Schattensee wußte nicht, sollte es lachen oder sich vor dem Ritter mit seiner Lanze gruseln. Sei es nun, daß sie, ihrer Ausbildung nach ein Fußvolk, irgend eine Finte witternd den Kampf in der Tat nicht wagten, sei es daß sie ihn gar zu närrisch fanden, es stellte sich keiner der Schattenseer. Die Fröschlacher richteten Hähnchen auf seinem Reittier herum, der Esel begann über die Grasneige zu galoppieren, in die auseinanderstiebenden Schattenseer mitten hinein, 57 mitten durch eine Herde Gänse, was um seiner Geschwindigkeit willen aufregend aussah; die Fröschlacher wenigstens hatten so viel nicht davon erwartet, und es fror sie vor der eigenen Tapferkeit ordentlich an die Haut. Inzwischen sprengte Hähnchen bis an des Esels Bauch in den See hinaus, immer den Gänsen nach, die sich, in ihrem Elemente, derweil zum Angriff gegen ihn wendeten. Mit seiner Stange ungattlich bewaffnet, ließ er das Ruder fahren, erwehrte sich der Schnäbel mit Fäusten und Füßen, sprang ins Wasser und schleppte denn eine Koppel von Federvieh an Land, der er sich anders als durch Flucht auf den Lindenbaum nicht mehr entzogen hätte. Rittertugend hat gegen die Dummheit kein Mittel.

Bei den Gänsen hatte der Ratsschreiber in seinem Zigeunerinnenflaus gestanden und anscheinend eine Unterhaltung geführt. Herbeigerufen, erhielt er ein Fransentuch übergelegt und tanzte zu Klarinette und Geige. In die Klarinette blies Stoffel, nun ernsthaft und hingegeben; Läublein spielte die Geige. Das Mägdlein tanzte versonnen als tanzte es ein Rechenexempel. Die Schattenseer blickten auf seine Figuren wie auf geheime Zeichen. Aber die Gänse, mißtrauisch erregt, waren ins Publikum getreten, das Schauspiel zu 58 überwachen. Als das Feuer des Tanzes im Musikwind zu flackern begann, ergriff auch sie die Erregung, zückten sie ihre Hälse und stießen in rauhe Trompeten. Hirngewittern packte das erst bei seinem eigentlichen Temperamente, so daß er herumzuwirbeln und gewagte Schritte zu nehmen eine hitzige Lust empfand. Ob sie sich nun erzürnten, um die Gänseliesel besorgten, die Vögel verließen ihre Loge und mischten sich ins Theater. Mit waagrechten Schnäbeln haschten sie nach den Zipfeln, die überm Grase flogen, schwangen desgleichen ihre Flügel und hopsten und hinkten und fielen auf ihre Hintern. Der Schreiber bewegte sich in dem Tumulte mit großer Zierlichkeit und Flüchtigkeit, die Gänse blieben im Hintertreffen, aus welchem sie zorniger und zorniger ihre Anläufe nahmen, des weiblichen Derwischs habhaft zu werden. Die Schattenseer, stolz auf den Beitrag ihrer Gänse, unterhielten sich auf das Beste; die Erlustigung fand aber ihr plötzliches Ende wie ein Sonnwendfeuer im Regen. Lieber allem war der Abend vorgeschritten, das Zeitwerk im Stadtturm knarrte, und auf einmal krähten die Stuben hundertfältig mit Kuckucksuhren, daß die Fröschlacher wie gesteinigt den Arm über sich erhoben. So überraschend wie es gekommen, schloff es auch hinter 60 die Türchen; das Künstlervölklein erholte sich und räumte den Verdruß aus den Mienen, nachdem der letzte Nachzügler vor sein Nest gestolpert war, der Welt die Stunde zu verkünden. Zornglut im Antlitz, sprach der Schulze sein Verbot auch über die Kuckucksuhren aus, und die Madyarin setzte sich denn in den Menschenkreis, ihre Wahrsagung anzubieten. Zuerst trat der Schulze vor, wonnig erschauernd, da sie ihm seine Hand in den Fingern aufblätterte, mit dem Glase darin zu lesen. Sie hatte aber nicht so bald hineingeblickt, als sie sichtbar erschrak und, sich verfinsternd, die Hand zurückgab. Bitten und Flehen bewogen die Wahrsagerin nicht dazu, ihr Wissen vom Schicksal der Schattenseer mitzuteilen; sie brachten es in Zusammenhang mit dem Krieg und erstaunten über den Beweis ihrer Hellsicht für Dinge, die, ihnen unerkennbar, schon in der Luft beschlossen standen. Die Afghanen spannten ein Seil mitten durch, und der Geiger war es, der seine Kunst daran zeigen sollte. Läublein hatte sich zu dem Pranger entfernt, putzte dem Trunkenbold wie einem Brüderchen die Nase. Endlich verstand er, kam heran und prüfte die brummende Saite des Seils. Er war hübsch, sein Gesicht voll lieber Güte kindlich rein. Lieber den 61 Lindenast schritt er aufs Seil hinaus, lächelnd und leicht. Das Spiel mit dem Seil glich einer Schlangenbeschwörung. Rückwärts zog er sich an den Stamm zurück, ließ sich die Geige hinaufreichen und spielte im traumhaften Wandel. Er hielt sich an seiner Musik, die Musik war süß und traurig. Das Männlein im Pranger lehnte wie unterm Fenster und nickte nach seiner Möglichkeit; Läublein war es zufrieden. Nämlich der Schulze war aufgebrochen und mit den Gästen zum Schwanensaal unterwegs; Läublein verblieb ein Häufchen Kinder, Jungfrauen und Bettler, deren Andacht ihm die lustigsten Dinge eingab.

Mittlerweile schmauste die Tafelgesellschaft. Vom Steuerbatzen der Armen spendete der Schulze aus höheren Interessen was ein Diplomatenfrühstück genannt wird, auch wenn es wie hier Pasteten und Wein und Kuchen noch im Abendglöcklein aufträgt. Das Glöcklein stimmte den Schulzen zur Schwermut. Unter dem Tische angestoßen, erhob sich die Madyarin und kam, sich den Fleischerladen anzusehen. Das Bankgeschäft mit dem Schattenseer Säckelmeister ging wie geschmiert vonstatten. Im Fleischerladen fraß die Madyarin von allen Haken und Stangen, als wäre das Diplomatenbankett ihrem Magen als Vorspeise eben 62 recht gewesen. Einerseits aus Verliebtheit, ein wenig auch um den Raub zu behindern, tappte der Schlächter-Schulze nach ihren umfangreichen Reizen, erhielt aber, an dem Punkte, wo es der Schönen zu dick wurde, seinen eigenen Wurststecken über die Finger geschlagen, welche Liebespost seinem langsamen Verstande nachhalf. Am Ende aller Bemühungen, dem Schäferstündchen nicht näher, wechselte der Schulze von der Demut zum Groll hinüber, sah eine Weile noch seinen Fleischkäse schwinden ohne Aussicht, bezahlt zu werden – dann pfiff er jäh durch die Finger. In der menschlichen Erfahrung ist manches schneller erlebt als begriffen, die Fröschlacher werdend bezeugen, nachdem die Hand des Schicksals sie mit solcher Schroffheit von der Höhe zur Tiefe, aus dem Festsaal ins Kerkerloch, aus dem Glanz in die Nacht versetzt hatte. Denn auch Läublein kam nachgestolpert, und der Esel gar flog zu den übrigen. 63

 

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