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Der Fröschlacher Kuckuck

Albin Zollinger: Der Fröschlacher Kuckuck - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Fröschlacher Kuckuck
authorAlbin Zollinger
year1941
firstpub1941
publisherAtlantis Verlag
addressZürich
titleDer Fröschlacher Kuckuck
pages130
created20110606
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Abenteuer

worin das Werk vollendet, Goldmünze in Laub verwandelt, ein Schatz nicht gehoben, vielmehr auch einmal beigesetzt und ein Lindwurm zutage gefördert wird.

Mit dem Segen ihrer Weiber versehen, guten Mutes und rüstig zogen die Fröschlacher aus, der Mutter Natur ihren Staatsschatz in Gewahrsam zu geben. Zärtlich bückten sie sich auf den Moorgrund, die mulmige warme Erde, in deren Furchen sie die blinkenden Kartoffeln ihrer Krontaler niederlegten.

Hierauf gingen sie weiter zum Wald und säten das Gold auch im Walde. Das Herbstlaub lag hoch und locker, die Münzen tropften darauf mit dem Geräusch von Regen. Zu säen war ihre Uebung, sie säten nach den Regeln des Herkommens, zwischen den Fingern heraus mit verträumtem Schwung aus den vorgebundenen Säcken. Die Hände am Rücken, schlurften der Pfarrer und Hirngewitter die Kreuz und die Quer in der Goldsaat.

Die Buchenblätter klebten an ihren Strümpfen, noch unterwegs zur Ruine lasen sie Dukaten aus den Schuhen. Der Mond, von alters her eine 30 Wundernase und den Fröschlacher Streichen zugetan, lugte mit einem Auge durch Tannen. Seine Laterne kam recht willkommen, denn insgeheim grauste es ihnen; der Weg nach dem Drachenstein ging durch Schluchten in Tuffgefelse, Waldweihern entlang und verzettelte sich im Schierling. Der Sage nach gab es hier Schlangen, und mehr als einem hüpften auf einmal die Beine unter dem Leib hinweg; sie sprangen nicht anders als 31 Kastanien in der Pfanne, fauchten und pfiffen wehlich, Läublein mochte ihnen zureden wie er wollte. Läublein ging an der Spitze; Läublein allein von allen, erwies es sich, hatte in seiner Wunderlichkeit vormals den Drachenstein aufgesucht. Freundlich führte er sie in das Dräuen des Wurzelgetieres, ein Bruder Franziskus, vor dessen Hand es sich duckte. An seinem Rockzipfel hangend, stolperten sie durch die Finsternis. Die Fröschlacher tragen nicht Wasser ins Meer, geschweige denn Lampen ins Mondlicht: Einen See vor den Füßen spürend, scheute die Koppel und bäumte. Den Augen der Fröschlacher unsichtbar, verklärte sich Läublein zum Heiligen, der Wunder an ihnen verrichtete; wahrlich, das Wasser trug sie, trug auf federndem Wellenschlag, die Lippen des Priesters beteten. Einzig Hirngewitter verzagte im Glauben, wich in den Knien aus und sank. Sein unfrommes Beispiel hatte auf einen Schlag alle Zuversicht von den Aposteln genommen; wiederum schrien sie, kegelten durcheinander und rissen im Sturze auch ihren Franziskus zu Boden. Durch ein Mundvoll Waldmoos zeterte Hirngewitter wie begraben. Aus der Traumschwere um sich tastend, griffen die Schiffbrüchigen in Moos; so weit als sie krochen, fanden sie Pelz und Moder. 32 Um die Abenteurer in Sorge, reckte der Mond sich höher, ihre Augen begannen zu sehen, sie erblickten den falschen Propheten. Läublein für einen Heiland genommen zu haben, verletzte die Fröschlacher in der Ehre, und ohnehin bei Licht wieder munter, überfielen sie ihn mit Prügeln. Die Züchtigung in der Wildnis stob mit Flaum eines gemordeten Vogels, der Mond fuhr unmerklich zurück. Endlich stießen sie ihren Stefanus wiederum auf die Füße. Sie konnten seiner nicht wohl entraten; da er verwirrt und traurig scheinbar des Weges nicht achtete, hielt ihm der Bürgermeister noch einmal die Faust vor die Nase, schwörend, der Taugenichts ginge von nun an zum Drachenstein oder zum Galgen. Er geleitete sie denn zum Drachenstein. Vor Mühen und Aengsten schwitzend, krallten sie sich dem Graskamm in die Mähne. Rittlings rutschend, schlossen sie ihre Augen vor dem Abgrund. Er hauchte schattenhalb kiesig und mondwärts mit Schnee herauf. In der Gottesfurcht erzogen, unternahmen die Fröschlacher keine ihrer Taten ohne den Beistand der Kirche; so rutschte der Pfarrer zuvorderst. Hähnchen am Schwanze lief auf vier Stummeln ein bißchen kühner; der Raupe im Bürzel schwankte die Pfauenfeder, vorn erhob sich das 33 Kriechtier mit Fühlern der Priesterhände. Läublein war ohne Gedanken, als ging er auf einem Läufer, vorangeschritten, erschrak nun beinahe und sah vom Gemäuer erstaunend zurück auf den Tausendfüßler, gönnte es ihm, endlich Grund zu fassen, sich zu beeilen und aufzurichten.

Der Pfarrer beschrieb einen Kreis um den Turm, jugendlich wie ein Stierkämpfer; bösen Geistern ist anders als mit Bestimmtheit kein Eindruck zu machen. Die Fröschlacher gingen denn vor, dem verrufenen Ort ihren Topf auf den Schoß zu setzen. Er stank sie mit Pestilenz eines fauligen Schlundes an. Sie erblickten im Steingezacke mit eins einen scheußlichen Rachen, Mäckerling an der Spitze ließ den Goldhafen fallen, sprang dem Schatzkanzler vor den Bauch, der Schatzkanzler stieß nach hinten den Stadtbaumeister und dieser den Schreiber um; so klappte das Domino schreiend in sich zusammen. Die Fröschlacher brüllten entsetzlich im Brennesselfeuer, welches sie für den Atem des Drachen hielten; die Mondglut sah durch ein Loch in der Mauer, das Auge des Wurmes rauchte. Den Lehrling wischte der Dornenschweif als ein Fläumlein kopfüber ins Dunkel. Dem Heldenmut ist die Sterbestunde was dem Alltag das Schlafengehen; die Fröschlacher reute 34 das Leben, jetzt wo das Wunder seine Lieblinge auf- und verlorengab: Hatte doch jeder zu Hause schon seine Grabplatte in Sandstein, auf der er mit Schwert und Wappen fast heilig im Tode gestreckt lag – und als Drachendreck sollten sie dorren!

Sei es nun aber, daß der Engerling schlafbefangen seinen Leckerbissen verkannte, sei es, daß er, unwohl, Krankenbesuch entgegennahm, er bewegte sich nicht von der Stelle; Läublein war auch nicht verschlungen, lief dahin und daher wie ein Wärter am Schmerzenslager des Riesen. Unter dem dankbaren Auge, das ihm nachging, packte Läublein das Präsent von verschüttetem Gebäck in den Winkel, den Spendern nicht ganz nach dem Herzen. Indessen, sie hatten das Leben. Um den Fiebernden nicht zu erschöpfen, entfernten sie sich auf den Zehen – sie nahmen den Grat auf Zehen, die zierlichste Seiltänzergruppe, die je in den Mond gewandelt. . . Hinüber, setzten sie sich in Trab, begannen am Waldhang zu rennen und klatschten auf ihren Sohlen nicht leiser als ein Taubenflug durchs Gestämme. Läublein flog wie ein Hirsch und erreichte sie doch nicht früher als im Schatten der Grube, in welchem sie endlich wagten, ein Auge zurückzuwerfen. Mondfunkelnd, 35 ein Hermelin, hing die Steinwüste lang herab. Die Fröschlacher spähten: Der Busch überm Steilhang lebte von schnuppernder Schnauze.

Sage mir, Fama, schwere Sibylle, du vor dem Anfang steinern Uralte, sage dem Flüchtigen, winzig Blinden: welcher Herkunft ist die Fügung, welcher Wurzel das Schicksal, wo sitzt der Gottjüngling lässig und spielt sein Spiel mit den Dingen, zielt was am Ende der Zeiten beiläufig trifft, Zufall dem Aufblick des Nachgeborenen, Irrlicht im Weltraum und doch eines Tages jauchzend zu Hause! Alexander näßte sein Bettchen eben recht, um Chäroneia als Held zu erreichen. Petrus löste den Fischernachen, der Heiland hatte sich just erhoben, und der Schlag des Ruders und der Schritt der Sandalen, mochten sie träumerisch schweifen, sie brachten die beiden zueinander, ein Fallgesetz zwang sie zusammen. Hatte nicht Othello seine Kindheit im Mohrenland, Seefahrten und Schlachten, Wüsten und Völker hinter sich gebracht, und noch zögerte Desdemona dem Stichwort des Lebens entgegen, der Schurke Jago schnüffelte es aus der Luft, auch seine Richtung dahin zu nehmen? Sorgenlos strampelte der Säugling Ptolemäus, lutschte der rosige Archimedes, vergnügte sich Kepler an seinem Roller, sah Galilei die Lampe 36 wandern, kicherte Newton am Vaterfinger – ihre Stunde war angesetzt, sie hielt sich an ihrem Orte geruhig wie das Brot auf der Lade, das Geranium unterm Fenster, die Erde, Saturn, die Sonne in ihrem Zirkel zueinander. Und der Schierling reifte und tropfte genau in den Becher, und Sokrates hatte das Maß seiner lächelnden Sünden voll. Und Achilles hob die Ferse wie willentlich vor den Pfeil. . .

Man wird sagen, sie wären darüber gelaufen, und ordentlich wild dazu. Der Schotter beliebte nicht, mit ihnen zu Tal zu gehen, es war ihm geboten, zu warten bis daß die Fröschlacher unten die Augen zu ihm erhoben. Dann aber begann er zu weichen, die Last seiner Treue vernahm den Ruf der Erlösung, ein Heerlager sprang auf die Füße von mystischer Schlachtdrommete: Klirrend und rauchend fuhr die Lawine nieder. Hatten sie's doch gedacht, das Scheusal würde ihnen folgen; in seiner ganzen Länge, auf einmal blitzlebendig, stob es auf Eidechsenbeinen schnaubend die Rinne herunter.

Die Fröschlacher nahmen Sätze wie der Mühlstein am Berge. 37

 

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