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Der Fröschlacher Kuckuck

Albin Zollinger: Der Fröschlacher Kuckuck - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Fröschlacher Kuckuck
authorAlbin Zollinger
year1941
firstpub1941
publisherAtlantis Verlag
addressZürich
titleDer Fröschlacher Kuckuck
pages130
created20110606
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neunzehntes Abenteuer

Dem Hähnchen erfüllt sich sein Wunsch, an den Galgen zu kommen.

Wir haben selber, merken wir, ein wenig die Unart angenommen, indem wir von Fröschlach reden das obere Fröschlach zu meinen, so wie die Herrschenden selber; nun gab es ja doch aber auch das Fröschlach der unteren Stände, die Altstadt am Fieberwasser, und es war sogar der Fuß und Sockel, der Stock der Mehrheit, der Wald der Schweigenden und Tätigen. Der Chronist zieht ein kleinbißchen Rechtfertigung allenfalls aus seiner Gehaltenheit dazu, den Stoff nach seiner Erscheinung zu spiegeln unter Hintansetzung eigener Meinung, persönlichen Liebens und Hassens, das den Leser nur schlecht unterhalten, somit auch nicht Ehrgeiz und Tugend des echten Erzählers sein kann, und da ist es die bloße Wahrheit, daß bis anhin das bessere Fröschlach eben die Führung hatte, der Wald der Untertanen dagegen nur raunte und stillstand, und dies in der Tiefe, wo ihn das Tagesgestirn spät erreichte, dafür umso früher zurückließ.

Der Wald wird gewaltig erst wenn ihn ein Wind 124 aufrührt, gleich wie die See, die sonst das Unendliche spiegelt und selber zurücktritt, gleich wie der Erzähler, der im Sturm seines Temperamentes wohl dunkel hervortritt, doch den Weltraum dafür aus seinen Tiefen verliert. Ein Volk im Aufruhr, gewiß, hat den Kosmos verloren, handelt außerhalb seiner Ordnungen, außerhalb Gottes in luziferischem Anspruch – welcher Sterbliche aber durchschaute die Gottheit in ihrem Gesetze, und wenn Luzifer nicht minder als Christus ihr Sohn war, der Schmerzenssohn – und ist nicht gemeinhin der Schmerzenssohn auch der Liebling? – ist er alsdann nicht doch Gottes, also im Plan zu Hause gleich der Nacht, deren Räume die Mehrheit gegen die Lichtinseln bilden?

Volk, träge Schwere, du Urdumpfheit, letzter Saurier unserer sublimen Vereinzelung, Ozean aller Herkunft, Fruchtwasser, aus dem die Menschheit mit strahlenden Geistern steigt, Hüter der Horte, Urne des Erbes, du allein ohne Tod, lebend vom Tode: und plötzlich in Zornen, deine Kinder verschlingend, menschhaft unmenschlich, tierisch klug tötend was ein Instinkt dir gebietet – und dummschnäuzig schnaufend gehorsam irgend einem Schreckgespenst, irgend einem Mäuslein, irgend einem Flunkerer!

125 In Fröschlach war es der Kuckuck, vor welchem das Volk zurückfuhr wie von der Viper gestochen, einem Zauber besprochen. Hähnchen war daran, es zur schönsten Befreiung zu führen; da aber schrie dieser Teufelsvogel, es war Frühling, der Kuckuck blies in seine Okarina, die Bauern liefen an ihre Pflüge, plötzlich stur, als fürchteten sie um ihr Brot, ihre Liebe, als duckten sie sich einer Geißel, und es war nichts mehr von ihnen zu wollen, sie mucksten auch gegen Hähnchen, den Herrn ihrer Herzen, erkannten ihn nicht mehr in seiner anderen Art, sie zu jagen. Und sie krochen zurück in die Bälge der Vorurteile, neigten ihr Horn in die Schlinge, folgten der Salzhand, warteten an der Kripfe, treulich wie angebunden.

Wir denken nicht anders, die Hand, welche Palmzweige legte, und die sich zur Faust gegen Golgatha reckte, meinten beide das Beste. In Jahrtausenden holt die Menschheit eine Liebe nach, für die ihr der Kelch einer Stunde nicht reichte. Tafeln, in Weiheräumen, Behexung aus dunklem Sinn – zu ihnen kehrt die Dumpfheit zurück aus der Laune zum Licht, und die Angst läuft hinweg von der Liebe, dem Hunger, dem Glücke, der Macht. Vielleicht töteten sie eigene Schuld mit Klaus Hähnchen, begleiteten sie sich selber zum 126 Grabe, opferten sie in der Sünde ihr Liebstes. Wer den Wald mit Kuckuck anruft, das ist eine alte Erfahrung, den schimpft der Wald auch einen Kuckuck. Hähnchen hatte die Tafel beleidigt; eine Grabtafel schlug Hähnchen aufs Genick.

Und er baumelte, ohne herabzufallen, es sei denn mit seiner Liebe ins Gold junger Tränen. 127

 

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