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Der Fröschlacher Kuckuck

Albin Zollinger: Der Fröschlacher Kuckuck - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Fröschlacher Kuckuck
authorAlbin Zollinger
year1941
firstpub1941
publisherAtlantis Verlag
addressZürich
titleDer Fröschlacher Kuckuck
pages130
created20110606
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtzehntes Abenteuer

Fröschlach erhält endlich sein Pantheon.

Der Feind kam nicht vor dem Sommer. Der Kuckuck im Frühling hatte Fröschlach aus einem Alptraum geweckt, von dem es ihm schien, daß er Jahrzehnte gedauert hätte. Es waren alle noch da; nur die Marmortempel hatten sich unter der Sonne aufgelöst und waren durchs Kopfsteinpflaster, durch Gossen und Wurzeln in die Fröschentümpel hinabgeronnen. Der Mummenschanz hatte einen faden Geruch am Gaumen zurückgelassen. Eine Weile stand es nicht gut um die Stimmung. Hähnchen schürte die Mißvergnügtheit und fand einen Anhang von Jungen, die das Steuer in Fröschlach herumwerfen wollten. Mäckerling und die übrigen drückten sich wie verregnete Krähen durch die Straßen. Den Rat beschäftigten Pläne, wie sie in Jahrhunderten nicht erhört worden waren. Einmal sollte der Sumpf in eine Anlage von Wasserspielen umgebaut werden. Sodann wollten sie durch Stimmenmehr den Helden berufen, der den Drachen zu erschlagen hatte. Sie fingen an zu verarmen und konnten den Goldschatz nicht verschmerzen. Der Rat trug auch die 120 Absicht, eine Universität zu stiften. Es hatte nämlich der Stadtbaumeister einen Stein in den Trümmern gefunden, von römischer Abkunft vermutlich; der trug einen Spruch in Großbuchstaben:

Fiat justitia
Pereat mundus

– den wollten sie nützen und eine Fakultät daran hängen. Sie brachten den Stein zum Pfarrer, den Sinn des Lateins zu vernehmen. Ein Blick darauf zeigte das Bild einer gallischen Mundart, Hochwürden just nicht sehr geläufig. Zeige man doch einmal her! befahl der Magister Nasenspitz und 121 schweifte von Letter zu Letter mit der Käferlupe gewaltig wie ein Falkenauge über Berge und Täler. Sie blickten nach seinen Lippen als wär er der Medikus am Sterbebett. Er machte sich aber geheimnisvoll, ging auf und ab in Verschmitztheit; endlich blieb er bei den Demütigen stehen. Mit nichten, erklärte Nasenspitz, hätte man hier einen Sinnspruch vor sich, sondern schlecht und recht einen Grabstein, und zwar der Justitia Fiat zusammen mit einem gewissen Mundus Pereat, welches weder ein patrizisches Geschwisterpaar, noch Prinz und Prinzessin hätten gewesen sein müssen; Zeit und Abstand nähmen alles in Tiefsinn des Wohlklangs auf, auch seinen eigenen Namen Blasius Nasenspitz eines Tages, wie er versichern könne. Möchte der Tafel nun freilich nach seinem Befunde die Eignung abgehn, über der Tür einer Hochschule pro memoria zu reden, so wäre dessen ungeachtet doch das Verdienst des Herrn Stadtbaumeisters ein kaum hoch genug anzuschlagendes, hätte er doch in dem Vorliegenden nichts geringeres als sozusagen den römisch imperialen Grundstein Fröschlachs ausgegraben, ein Dokument somit, das verdiente, nicht als Teil unter Teilen in einem Giebel zu sitzen, vielmehr ein eigenes Andachtshaus zu erhalten, ein 122 Fröschlacher Pantheon, das zu entwerfen der Herr Stadtbaumeister wie kein anderer das Genie und zugleich als Entdecker auch die Ehrwürdigkeit besitze.

Darnach verneigte sich Nasenspitz, trat bescheiden zurück und hatte denn einem Dummkopf den Kiesel als Edelstein wiedergegeben nach der Bestimmung der Wissenschaft, Feldherrn die Sterne zu lesen, die ihre Siege machen. Insgeheim hoffte er zweierlei, das zu erwirken er sich entschlossen fühlte: Gehaltsaufbesserung und die reservatio mentalis, irgendwo in den Annalen schon den wahren Verdienten des Fröschlacher Nationalheiligtums auf eine Ecke zu setzen.

Von allen Plänen kam also das Pantheon zur beschleunigten Ausführung. Wohl murrte das Volk, dem ein Mausoleum seines Geburtsscheins nicht das für den Tag Dringlichste schien, und die Hähnchen-Partei, die auf Taten drang, fing an gefährlich zu wachsen. Aus den Resten des Domes errichtet, wölbte sich auf dem Berge das Pantheon, auch der Backofen genannt, und Hähnchen war Schalks genug, dem Volksmund sein Stichwort zu geben: »Steine statt Brot!« 123

 

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