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Der Fröschlacher Kuckuck

Albin Zollinger: Der Fröschlacher Kuckuck - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Fröschlacher Kuckuck
authorAlbin Zollinger
year1941
firstpub1941
publisherAtlantis Verlag
addressZürich
titleDer Fröschlacher Kuckuck
pages130
created20110606
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebzehntes Abenteuer

Auch Fröschlach baut Tempel, unsere sanften Rebellen kehren ins Perikleische Zeitalter zurück. Die Schlacht von Salamis oder Der Bürgerkrieg.

Plötzlicher und wilder Schneefall vertrieb die Fröschlacher keineswegs von ihrem heiligen Berge. Ihnen flockte der Marmor vom Himmel, sie formten gewaltige Quadern, Pilaster und Säulen und türmten sie zu Tempeln, die ihresgleichen wohl in der neuern Zeit suchten. Der Bürgermeister verleugnete seinen Namen Mäckerling, ließ sich mit Perikles rufen, Perikles oder kurz auch der Städtebauer; er war ein Mann von der höchsten Schöne und warf seine Locken zurück, wenn er, hochmütig fern, an Athenerinnen vorüberging. Der Stadtbaumeister, nun Pheidias, formte Schneemänner und -mädchen, alles unsterbliche Werke, denen er zwecks Erzielung ihrer Altertümlichkeit noch in der Werkstatt Köpfe und Arme abschlug. Hirngewitters Gänsekiel schrieb Tragödien, der Magister lehrte in der Toga des Sokrates, und nur der Schatzkanzler war ein Schatzkanzler auch in Säulentempeln geblieben, wohnhaft zu Delphi, nahe dem pythischen Orakel.

113 Dem Schönen erwuchs seine Feindschaft auch in Fröschlach; Pythia weissagte die Prüfung durch Kriegsnot. Männiglich versah sich daher in der Heimlichkeit mit Salamis, welches eine Wurst südländischer Einfuhr war, aus Eselfleisch gemacht, kreuzweise verschnürt und weiß wie Marquisen gepudert. Unbefohlen hub ein Wetteifer des vaterländischen Geistes an, Vorräte einzulegen, die Würste zu Klaftern in Kellern und Speichern zu türmen wie mit dem Richtmaß gefügt, peinlich gezählt und auf Schildern beziffert. Solche Geschoße bezogen sie unauffällig, füllten sie in die Lager bei Nacht und Nebel aus klugem Instinkte, sie dem Feind zu verbergen, trugen sie zu auf dem Arm in der Verkleidung von Puppen, gruben sie unerschöpflich aus Gott weiß welchem Torfmoor: Spaß beiseite, sie hatten sich ihrer Gevattern und Basen im Umkreis erinnert, hatten sich Zuträgerstellen geschaffen, einen Schleichhandel eingerichtet – Schattensee machte Geschäfte! – wie immer im gemeinsamen Schicksal erstarkte die Brüderlichkeit, fielen die Schranken, die Vorurteile, wurde der Hader begraben – Fröschlacher Adel folgte der schönen Regung, sich zur Schlichtheit der Blutsverwandten hinabzuneigen, Stammhäuser bis hinüber nach Thorlikon aufzusuchen, und die 114 Lumpenbrüder in ihrer Rührung verwursteten Esel um Esel. Die Esel freilich stiegen und stiegen im Preise.

Eine scheinbare Unwahrhaftigkeit stört den Chronisten im Schreiben. Er will sie nicht als ein Härchen in seiner Feder liederlich durch den Stil mitschleppen, vielmehr den Leser, dem er entgangen sein sollte, selber auf einen Widerspruch seiner Erzählung stoßen. Vom Fröschlacher Adel ist an anderer Stelle versichert, er hätte der Öffentlichkeit und ihrem Treiben abseits gelebt. Wer nun ein wenig die menschliche Art sich gemerkt hat, wird es glaubhaft nicht nur, sondern zwingend notwendig finden, daß eben der Adel doch dann mit der Menge ging, als das Stichwort auf Hunger gefallen war, und das war es: Eine Belagerung stand zu erwarten, mit Teuerung und Pest schoß der Feind, und diesem Sturm zu begegnen, häufte Fröschlach-Athen in der Stille seine Eselsgranaten, ein jeder nach seinen Kräften, der Reichtum billigerweise splendider, die Armut so gut sie's vermochte.

Die Armut von Thorlikon, hieß es, genügte der Ehrenpflicht damit, daß sie nächtens die Mondmilch in Flaschen von den Traufen zapfte und zu artigen Käslein verdickte. Der Adel übernahm 115 auch diese, gleich wie den Mond, den sie nach langer Bemühung glücklich aus einem Ziehbrunnen fischten. Wenn ihrer einige dabei ersoffen, so geschah auch das wie gemeinhin durch Eigensucht eines Einzelnen, den aus der Reihe zu tanzen der Ernst der Zeit nicht hinderte: Um den Mondlaib im Brunnen zu heben, hatten sie einen Balken darüber gelegt, einer am Leibe des andern kletterten sie in die Tiefe und hatten den Spiegel erreicht, als der oberste an dem Balken in die Hände zu spucken sich nicht mehr enthalten wollte. Also ersoff die Strange, und ein kostbarer Käse war in tausend Splitter zersprungen.

Fröschlach gab auch seinen trojanischen Esel zur Verwurstung. In dem Maße wie die Perser auf sich warten ließen, wuchs in Fröschlach der Argwohn, er hätte sich heimlich schon eingeschlichen. Wilde Gerüchte verhetzten das Volk bis dahin, daß es sich in Haufen zusammenschloß, aus dem Rechte der Notwehr zu handeln: Die Reichen, wie überall, wären es, die mit dem Feinde paktierten, in ihren Häusern die Perser verborgen hielten; der Pöbel brach ihre Türen auf, die Krieger herauszuholen – Marktweiber und alte Männer stürmten von Wohnung zu Wohnung, von Saal zu Saal gräßlich mit Borstenschöpfen, nach 116 den buntscheckigen Schelmen lechzend, rissen die Schränke und Truhen auf, schloffen gar unter die Teppiche, Kostbarkeiten von einer Farbenpracht, derengleichen sie nie gesehen.

Der Leser hat richtig vermutet: die Aermsten verwirrte der Hunger! Schlechten Gewissens, doch notgedrungen, hatten sie endlich ihr Waffenlager angezehrt und bald genug aufgegessen. Die Stadt zu verlassen, war ein Verbot des großen Perikles ergangen. Mehr als in Fröschlach jemals erhört worden war, hatten sterbende Hühner und Schweine die Luft mit Geschrei erfüllt. Bevor sie ein übriges taten, die Bauern, bevor sie zum letzten griffen: nichts mehr ihr Eigen zu nennen, bevor sie die heiligen Augen der Rinder brechen sahen, pochten sie auf das Eselsfleisch, das noch in Stapeln auf Vorrat lag. Die Reichen aber lehnten sich in ihre Fenster, über die Unvernunft traurig, das Volk zur Gemeinschaft ermahnend, zur Fassung, nicht schon zu hungern, wo noch kein Schwanz von Belagerer seinen Spieß vor die Stadt gesteckt hätte.

Den Reichen war es gelungen, ihre Türen zu verriegeln; aber die Meute wich nicht mehr vom Platze, fror da und magerte, nicht anders als ein schlotterndes Rudel Wölfe. Wozu hätten sie 118 weggehen sollen und wohin, da ihre Stuben im Froste klirrten und Kühe und Kälber und Hühner und Gänse und Katzen und Hunde und Mäuse und Fledermäuse und Läuse und Flöhe und Fliegen und Motten und im Holze der Totenwurm, sein Mehl und sein Loch endlich doch waren aufgezehrt worden!

In den Kemenaten aber fing die Pest an, ihre Opfer zu Boden zu strecken. Um den Vorrat nicht an die Wölfe zu verlieren, aßen sie drinnen mehr davon als eben Eselfleisch ohne Schaden vertragen wird – außerdem wuchs in dem Puder unsichtbar der Schimmel!

Und das Abscheulichste, das ein Menschenhirn nicht erfände, ein Vorgang, welchen die Weltgeschichte in Fröschlach hervorbringen mußte, um seine Möglichkeit zu erweisen, der grausigste Spuk blieb nicht aus, als seine Stunde gekommen war: Die Speise kroch zu den Darbenden heraus durch die Gitter und Löcher, kam zum Hunger auf Füßen der Maden, mit Armen der Würmer gerudert, eilfertig und jauchzend aus seinem besten Bestreben.

Die Armen aber, die brüllten und schmissen damit in die Fenster der faulig platzenden Wänste. 119

 

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